- 7 hours ago
Category
📺
TVTranscript
00:01Unser Schulsystem steht schon lange in der Kritik.
00:05Unsere Gesellschaft erlebt aktuell eine der schwersten Bildungskrisen seit Gründung der Bundesrepublik.
00:11Miese Ergebnisse bei PISA, zu wenig Lehrkräfte und zu viele Schulabbrecher.
00:17Viele Kinder und Jugendliche leiden unter Ängsten, wenn sie in die Schule gehen.
00:21Angst vor Leistungsversagen, Angst vor bestimmten Schulfächern.
00:25Das schockiert mich wirklich.
00:2735 Prozent aller Schülerinnen und Schüler haben Angst, in der Schule zu versagen.
00:32Das ist ja jedes dritte Kind.
00:35Er ist mit Angst in die Schule gegangen.
00:37Durch gewisse Eigenschaften, die er hat, wurde er zu einem Problem für das System.
00:43Und so macht man sich ein Kind zu einem Problemkind.
00:46Es läuft viel schief in unserem Bildungssystem, in unseren Schulen.
00:50Eltern sind besorgt, dass ihre Kinder zu viel Druck und Stress ausgesetzt sind.
00:54Das muss doch anders gehen.
00:58In Dresden soll es eine staatliche Schule geben, die Wissen ohne Druck vermitteln will.
01:03Dort bestimmen die Jugendlichen selbst, was sie wann lernen.
01:09Schule ohne Stress und Druck. Wie soll das funktionieren und was lernt man dann überhaupt noch?
01:25Die Universitätsschule Dresden ist ein einzigartiger wissenschaftlicher Langzeitversuch.
01:30Mein Team und ich dürfen hier über Monate Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler begleiten, wenn sie neueste Methoden zum besseren Lehren
01:37und Lernen testen.
01:38Stress und Notendruck fingen bei mir schon in der Unterstufe an.
01:43Dahin gehe ich jetzt zurück. Ich bin mit Levke verabredet.
01:50Levke? Hi. Guten Morgen.
01:54Hi, Levke. Alles gut? Ja, was geht?
02:00Levke ist 12 Jahre alt und in der 7. Klasse. Aber Klasse heißt das hier nicht.
02:06Zeigst du mir, wo es hingeht? Planet 208, oder? Heißen hier alle nach Planet oder wie?
02:12Nein, also so halt irgendwelche Namen, die mit dem Universum zu tun haben. Aha.
02:22Ich will herausfinden, ob die Jugendlichen hier in der Versuchsschule weniger Schulstress haben als ich früher.
02:31Aber sieht ja aus wie eine typische Schule erstmal.
02:34Ja, kann sein.
02:36Okay, jetzt müssen wir uns noch einloggen.
02:38Was musst du dich? Einloggen.
02:44Da sehen die dann, dass ich da bin.
02:46Ach, du musst, ah, du meldest dich damit so an? Ja.
02:50Bei mir hieß es zu Beginn der Schulstunde immer Kontrolle der Anwesenheit und der Hausaufgaben.
03:00Okay, da brauche ich noch Laptop.
03:03Hier ist dein Laptop? Ja, also wir haben jeder einen eigenen Laptop.
03:06Ah. Mhm. Genau, und das von unserer Gruppe dann der Laptop-Schrank.
03:10Und das lässt du alles hier? Das heißt, du nimmst gar nichts mit nach Hause?
03:13Nee, gar nichts. Ich habe mir keine Hausaufgaben.
03:15Ach, ihr habt gar keine Hausaufgaben? Ja.
03:20Hi. Hallo.
03:23Ich vergleiche automatisch mit typischen Klassenzimmern, wie ich sie kenne.
03:28Hier gibt's schon mal keine Tafel, dafür ein Regal mit Arbeitsmaterialien.
03:36Levke und ich starten in den Schultag mit Lernbegleiter Nino und Gesellschaftswissenschaften.
03:43Dann würde ich jetzt mal anfangen. Guten Morgen.
03:47Dann würde ich euch bitten, dass wir mit der Atelierarbeit loslegen, dass ihr euer Logbuch rauslegt.
03:53Und dann könnt ihr gerne die Bausteine hier vorne rausnehmen und loslegen.
03:57Okay.
03:59Ich habe jetzt noch nicht richtig gut verstanden, was jetzt passiert.
04:02Also, das ist das Logbuch.
04:04In dein Logbuch schreibst du jeden Tag rein, was du machst?
04:07Ja. Ja, okay.
04:10Und da schreibt man halt auch rein, wie viele Aufgaben man bearbeiten will.
04:14Und dann am Ende macht man hier ein Häkchen oder ein Kreuz, ob man es geschafft hat oder halt nicht
04:18geschafft hat.
04:18Okay, und was schreibst du jetzt da heute hin?
04:20Ja, das muss ich noch gucken, welchen Baustein ich halt mache.
04:23Woher weißt du, welchen Baustein du machst?
04:25Na, das gucke ich mir an und dann sage ich, den mache ich und dann mache ich den.
04:29Worauf du Lust hast?
04:30Ja.
04:33Also, hier ist Geschichte.
04:35Du suchst dir jetzt was aus Geschichte aus?
04:37Nein, ich mache doch keine Geschichte, weil ich mag keine Geschichte.
04:40Du magst keine Geschichte?
04:41Ja.
04:45Okay, Levke mag heute lieber Politik und holt sich ein Lernheft zum Thema Demokratie.
04:53Dann gucke ich jetzt an, wie viele Aufgaben ich machen will.
04:57Mhm.
04:59Wir haben eineinhalb Stunden, um den zu machen.
05:03Das heißt, ich kann so sagen, zum Beispiel, ich mache bis zur Aufgabe vier.
05:09Und dann gucke ich am Ende halt, ob ich das geschafft habe.
05:11Okay.
05:14Alle Schülerinnen und Schüler wählen also jeden Tag frei ihre Lernziele und schätzen selbst ein, wie lange sie dafür brauchen.
05:23Und habe ich es richtig verstanden, dass du am Ende sozusagen der siebten und achten Klasse musst du alle von
05:28diesen Aufgaben einmal bearbeitet haben?
05:30Also, am Ende sollte man alle Bausteine gemacht haben.
05:34Aber wann du das machst, ist egal.
05:36Ja, das ist egal.
05:39Klingt auf jeden Fall viel selbstbestimmter, als ich Schule kenne.
05:43Ist das hier eigentlich euer Klassenraum?
05:45Auch. Aber wir sind hier eigentlich nie, außer wenn wir uns hier eingeholt haben.
05:50Auch Levkes Stundenplan hat nichts mit dem zu tun, was ich darunter verstehe.
05:54Sie bucht sich mit anderen siebt, acht und neun Klässlern in sogenannte Ateliers ein.
06:00Sie wählt zwischen drei Fächern. Sprachen, Naturwissenschaften oder Gesellschaftswissenschaften.
06:05Das entscheidet sie meistens eine Woche vorher.
06:10Du kannst das selbst entscheiden, an welchem Tag du in welches Atelier gehst.
06:14Du hättest jetzt was anderes auch für Montag auswählen können, oder?
06:17Also du kannst jetzt für Dienstag theoretisch, kannst du deinen Stundenplan eigentlich selbst gestalten?
06:21Ja.
06:23Es gibt also keinen festen Stundenplan und keine festen Klassen.
06:29Das ist jetzt wirklich ganz anders als in meiner Schulzeit.
06:33Aber ich erkenne Ähnlichkeiten zu Montessori-Schulen.
06:36Auch da lernen oft mehrere Jahrgänge zusammen.
06:39Sehr selbstständig und individuell.
06:41Mit Lernbegleiterinnen und Lernbegleitern, statt Lehrerinnen und Lehrern.
06:48Und was ist jetzt so deine Aufgabe, wenn du hier unterwegs bist?
06:51Ich muss mich einfach darauf einlassen, was die Jugendlichen gerade so für Themen bearbeiten.
06:55Und dann kann ich den am besten unterstützen, indem sie mir erklären, was sie gerade machen, wo es ihre Probleme
06:59liegen.
07:00Und die siebte, achte Klasse, die können sich irgendwas da aussuchen?
07:04Genau, die können im Grunde was aus dem Atelier rausnehmen.
07:07Und du beeinflusst das gar nicht? Du sagst einfach, nehmt euch was und das funktioniert doch immer?
07:10Es gibt so ein bisschen eine Einflussnahme, wenn wir merken, jemand macht bestimmte Fächer gar nicht.
07:16Mathe vielleicht. Mathe ist immer so ein Fach, was die gerne meiden.
07:19Und dann vereinbaren wir für die nächsten so sechs, sieben Wochen im Grunde Ziele, die die machen sollen, wollen.
07:25Das formulieren die selber. Und da können wir eben nachjustieren.
07:30Weil die Versuchsschule öffentlich und staatlich gefördert ist, muss sie sich an die Inhalte des Lehrplans von Sachsen halten.
07:40Ganz interessant. Langsam verstehe ich, glaube ich, das System. Ich habe ein bisschen gebraucht, aber eigentlich ist es ganz smart,
07:49weil man lernt im Grunde dasselbe.
07:51Man sucht sich nur aus, wann man es macht. Ist nämlich gut.
07:55Was ich mich dennoch frage, bleiben bei dem freien, individuellen Lernen nicht der Austausch und die Diskussion auf der Strecke?
08:05Anscheinend nicht. Denn einmal täglich hat Levke Projektarbeit in der Gruppe.
08:10Ihr kennt das Ganze schon. Prio heute sind die Zwischenpräsis. Wir haben gestern gesagt, okay, wir brauchen noch mal ein
08:17bisschen.
08:17Ihr habt heute noch mal Zeit, wirklich an euren Zwischenpräsis zu arbeiten. Nutzt die Zeit gut. Gebt heute Gas, denn
08:25morgen wollen wir wirklich starten.
08:27Zwei Monate arbeitet Levke im Team an einer Präsentation zum Thema Ernährung und Klimaschutz.
08:32Hier müssen die Jugendlichen diskutieren, sich abstimmen und zusammenarbeiten.
08:45Ich fühle mich wohl in dieser Schule mit der Freiheit, wie und wann man was lernt.
08:50Aber ob ich als 13-Jähriger diese Freiheit so genutzt hätte, dass ich bis zum Abi gekommen wäre, da bin
08:56ich mir nicht so sicher.
08:58Dass diese Schule weniger Druck macht, kann ich mir jetzt schon vorstellen.
09:02Aber lernen die Kinder auch genug für die Zukunft? Was sagt die Wissenschaft dazu?
09:06Ich fahre nach Heidelberg.
09:08Dort bin ich mit Britta Klopsch verabredet. Sie hat fünf Jahre als Lehrerin in Grund- und Hauptschule gearbeitet und
09:14ist jetzt Professorin. Sie kennt Theorie und Praxis.
09:20Und wie war das für dich in Dresden, eine Unischule zu sehen?
09:23Ich stand mehrmals in dieser Klasse und dachte mir, was passiert jetzt hier eigentlich?
09:29Nach und nach habe ich es dann aber verstanden und war fasziniert, wie anders man Unterricht auch machen kann.
09:35Und was hat dich dann am meisten fasziniert?
09:38Dass die Schülerinnen und Schüler das hinbekommen haben, sich selbst so zu organisieren, dass sie irgendwie selbst sich aussuchen konnten,
09:47was sie lernen können und das auch gemacht haben.
09:49Das Schöne in solchen Settings in Schulen ist natürlich, dass die Lehrkräfte dann individueller betreuen können, weil sie Schülerinnen und
09:56Schüler haben, die sich sehr wohl fühlen, damit alleine voranzupreschen.
09:59Auch mal alleine an Grenzen zu stoßen, sich damit auseinanderzusetzen und dass dann eben viel mehr Zeit da ist, sich
10:05um diejenigen zu kümmern, die mehr Unterstützung brauchen.
10:07Was würdest du sagen, welche Kompetenzen muss die Schule vermitteln?
10:10Was wir aktuell sehen, ist, dass die Arbeitswelt von morgen sich drastisch von der unterscheidet, die wir heute haben.
10:16Manuelle und kognitive Routineaufgaben werden ganz stark zurückgehen.
10:21Was wir brauchen sind junge Erwachsene, die kritisch denken können, die kreativ sind, die Probleme lösen können und die kommunizieren
10:30und kooperieren können.
10:32Und das sind Aspekte, auf die wir auch in Schule schon vorbereiten sollten, um unsere Schülerinnen und Schüler optimal auf
10:38das Leben vorzubereiten.
10:40Was würdest du sagen, so auch aus der Wissenschaft heraus, was brauchen denn Kinder und Jugendliche, um weniger Druck zu
10:46verspüren beim Lernen?
10:47Ich glaube, das Wichtige dabei ist, dass wir nicht vergessen dürfen, dass Schule nicht nur Leistung ist, sondern dass es
10:53genauso wichtig ist, dass man angenommen wird, dass man wertgeschätzt wird.
10:58Und dann schaffen wir es auch, dass Schülerinnen und Schüler sich an Lernprozessen hingeben, ein sogenanntes Flow-Erlebnis spüren,
11:04in dem sie einfach Spaß daran haben, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen.
11:10Wertschätzung unabhängig von Leistung, damit Kinder sich wohlfühlen. Das klingt so einfach. Ich selbst habe das in meiner Schulzeit aber
11:17oft anders erlebt.
11:19Auch für Justus war Schule kein Wohlfühlort. Er passte nicht in die Norm.
11:26Mama, du hast gerade für andere laut gelacht.
11:30Was?
11:31Den Humi.
11:32Ach so, das darf man nicht sagen, den Wunsch?
11:34Ja.
11:35Den war das Sternschlumpel nicht.
11:37Einen einfachen Start ins Schulleben hatten sich Julia und Carsten für ihren Sohn gewünscht. So wie alle Eltern. Ihr Wunsch
11:44blieb unerfüllt.
11:46Ihr bisher unbeschwerter Großer veränderte sich in der ersten Klasse mit jeder Schulwoche.
11:53Er war wütend, er hatte wirklich richtig Wutausbrüche. Er hatte Angst. Er ist mit Angst in die Schule gegangen.
11:59Woran hast du das gemerkt?
12:00Wie er meine Hand früh gehalten hat, wenn wir in die Schule gegangen sind, so ganz tolle festgehalten. Das ist
12:06doch gar kein Start ins Schulleben.
12:13Durch gewisse Eigenschaften, die er hat, zum Beispiel, dass er verträumt ist, dass er beim Sport sich nicht schnell genug
12:19umgezogen hatte, wurde er zu einem Problem für das System.
12:23Schule und Hausaufgaben nahmen immer mehr Raum ein im Familienleben. Regelmäßig bekam der Erstklässler schlechte Beurteilungen ins Heft.
12:33Nur mit Defizitbeschreibungen. Also er ist halt zu langsam. Es stand da, er war der Einzige, der die Aufgabe nicht
12:39geschafft hat.
12:42Unter so kleinen Tests wurden dann Stempel entweder so ein lachendes Gesicht für eine gute Leistung, ein neutrales Gesicht für
12:49was dazwischen.
12:50Und er hatte dann halt so dieses traurige Gesicht. Und das hat auch was mit ihm gemacht.
12:56Gespräche mit der Lehrerin brachten keine Änderung. Für Justus und seine Familie wurde es unerträglich. Die Eltern nahmen ihn von
13:04der Schule.
13:07Mittlerweile ist er seit vier Jahren an der Universitätsschule. Auch seine kleine Schwester wurde dort gerade eingeschult.
13:14Na dann. Und viel Spaß beim Sputt.
13:20Justus' Familie hat schnell reagiert. Er geht jetzt ohne Angst zur Schule. Viele andere leider nicht.
13:30Die psychologische Diagnose Schulangst bekommen in Deutschland fast vier Prozent aller Schülerinnen und Schüler.
13:36Das heißt, für über 300.000 Kinder und Jugendliche ist die Schule ein Angstort.
13:42Sie haben Leistungsangst, Versagensdruck, Angst vor Mobbing.
13:50Schulangst ist Auslöser von Bauch- oder Kopfschmerzen, von Schlaflosigkeit und depressiven Verstimmungen.
13:57Das Kind bleibt deshalb zu Hause, verpasst so den Anschluss.
14:01Misserfolge häufen sich, das Selbstwertgefühl sinkt.
14:05Eine Abwärtsspirale, die zu kompletter Schulvermeidung führen kann.
14:09Die Rückkehr ins Bildungssystem gelingt oft nur mit therapeutischer Hilfe.
14:23Mit der Arbeit an diesem Film kommen bei mir alte Erinnerungen hoch.
14:27Auch ich habe als Schüler Leistungsdruck gespürt und hatte Schulstress.
14:32Ich habe mich mit einem Stressforscher für ein Lernexperiment verabredet.
14:36Da will ich herausfinden, was mit mir bei Prüfungsstress passiert.
14:41Zur Vorbereitung hat er mir 45 Französisch-Vokabeln geschickt, die ich in einer Viertelstunde auswendig lernen soll.
14:48Nicht leicht für mich, denn ich kann wirklich null Französisch.
14:59Ich lerne genauso wie damals als Schüler.
15:03Laut lesen, umhergehen, die schwierigen Wörter wiederholen.
15:16Das war jetzt ungewohnt, wieder Vokabeln zu lernen.
15:19Das habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gemacht.
15:21Ehrlich gesagt, fühlt es sich jetzt auch ein bisschen an wie früher, wie in der Schule.
15:25Ich verspüre da so einen kleinen Druck, weil ich will es gut machen, ich will abliefern.
15:40An der Ruhr-Universität Bochum erforscht ein Team die Auswirkungen von Angst und Stress auf das Lernen und wie man
15:47besser damit umgehen kann.
15:48Ich werde heute probant sein und ich muss zugeben, ich fühle mich bereits jetzt etwas gestresst.
15:59Herzlich Willkommen an der Ruhr-Universität Bochum.
16:01Dankeschön. Ich bin schon ein bisschen aufgeregt.
16:04Ich habe gelernt, so gut ich konnte.
16:06Ehrlich?
16:07Es war knifflig, würde ich sagen. Ich bin nicht so sicher, ob ich es gut hinkriegen werde.
16:12Werden wir sehen, oder?
16:13Komm, wir gehen mal rein. Herzlich Willkommen.
16:15Es ist jetzt 24 Stunden her, dass ich die Vokabeln gelernt habe.
16:20So, hi. Ich bin Lena.
16:21Ich bin Frank. Hi.
16:23Die Psychologin misst meinen Blutdruck.
16:25110 zu 70. Normalbereich.
16:27Ich soll erst mal im entspannten Zustand eine Prüfung ablegen.
16:33Ich würde sagen, du bist heiß auf die Vokabeln.
16:35Ja.
16:35Komm mal her.
16:37Okay.
16:39So, setz dich mal. Komm erst mal an.
16:43Super. Ich will direkt loslegen.
16:44Ja, los.
16:49Terror.
16:52Enquete.
16:54Umfrage.
16:58Reichtum war Rechesse.
17:03Besprechung. Diskussion.
17:07Ich glaube so.
17:10Okay, fertig.
17:11Ja.
17:12Okay.
17:13Die Forschenden hier wollen testen, wie meine Leistung sich bei einem zweiten Test verändert, wenn ich gestresst bin.
17:19Was ist das denn?
17:23Aha.
17:24Ich habe keine Ahnung, was mich jetzt erwartet.
17:32Jetzt machen wir es kalt.
17:34Okay.
17:35Noch eine Frage. Was ist das für ein Gerät?
17:37Das ist einfach nur zur Zirkulation, damit das Wasser ein bisschen zirkuliert, damit sich das Eis auflegt.
17:43Ich dachte, ich kriege noch zusätzlich Stromschläge.
17:45Genau, so ist das, wenn man Vorannahmen hat.
17:50Dann könntest du auch deine Hand einmal ins Wasser eintauchen.
17:55Später erfahre ich, dass die Psychologin hier eine typische Methode zum Stressauslösen anwendet.
18:01Drei Minuten lang soll ich meine Hand im Eiswasser lassen.
18:05Dass die Kälte so wehtut, hätte ich nicht gedacht.
18:11Ganze 30 Sekunden halte ich es aus. Es ist einfach zu schmerzhaft.
18:15Ich habe mal ein Papier, damit du abtupfen kannst.
18:23Das war sehr kalt.
18:25Wie unangenehm war Ihnen die Situation?
18:31Ich glaube, was mir unangenehm war in der Situation, ist, dass ich jetzt das Gefühl habe, ich habe versagt.
18:36Ich habe versagt, dass ich meine Hand nicht so lange da drin gehalten habe.
18:42Dieses Versagensgefühl kenne ich noch ziemlich gut aus der Schule.
18:46Und damit gehe ich jetzt in die nächste Prüfung.
18:49Wir haben hier nochmal 15 ausgewählte Wörter von denen, die du lernen solltest.
18:55Ja.
19:20Also Zuneigung fällt mir einfach partout nicht ein, glaube ich.
19:23Dann lassen wir es so.
19:28Das lief mies. Ein Gefühl wie nach einer schlechten Klassenarbeit.
19:34Ich bekomme die Auswertung.
19:35Mein Körper hat beim Kaltwassertest klar Stress gezeigt.
19:39Mein Blutdruck ging hoch.
19:40Aber wie war meine Leistung?
19:42Hier siehst du einmal unsere Kontrollbedingungen.
19:45So 13 von 15 richtig.
19:47So, hier sehen wir, was passiert unter kaltem Wasser.
19:51Insgesamt nur noch 11 richtig.
19:53Ich konnte dich also unter Stress nicht mehr gut erinnern.
19:56In der Schule hätte ich unter Stress also eine ganze Note schlechter gehabt als ohne.
20:01Meine Ergebnisse sind sehr typisch für diesen Test.
20:04Wenn man gestresst ist, schneidet man signifikant schlechter ab.
20:07Aber was genau ist da mit mir passiert?
20:13Bei Prüfungsangst reagiert der Körper mit einem Urinstinkt.
20:17Das Herz schlägt schneller, die Muskeln spannen sich an.
20:21Stresshormone werden ausgeschüttet und sie signalisieren dem Gehirn, Lebensgefahr, mach dich bereit zu überleben.
20:30Alle Energie steht in erster Linie für Kampf oder Flucht zur Verfügung.
20:36Wenn der Körper in diesen extremen Stresszustand kommt, ist die Erinnerung blockiert.
20:41Wir können nicht abrufen, was wir gerade gelernt haben.
20:48Im Gegensatz dazu kann aber leichter Stress beim Lernen helfen.
20:52Bewegung, leichte Aufregung und Spaß öffnen den Speicher des Gehirns.
20:59Emotional aufgeladene Erlebnisse landen so im Langzeitgedächtnis.
21:03Als lebenswichtige Erfahrungen, auf die man ohne langes Nachdenken zurückgreifen kann.
21:13Positive Aufregung hilft beim Lernen.
21:16Ich selbst habe in der Schule bei angeregten Diskussionen am meisten mitgenommen.
21:20Für so eine Atmosphäre sorgt ja vor allem die Lehrkraft.
21:23Die Haltung der Lehrkraft ist das Spezialthema der Lehrerin und Autorin Saskia Nichtzial.
21:29Ein Kind, das in Hefte kritzelt, ist unaufmerksam und schenkt dem Unterricht nicht die nötige Beachtung.
21:36Oder ein Kind, das in Hefte kritzelt, versucht den Fokus zu halten und seine innere Anspannung beim Konzentrieren möglichst unauffällig
21:46abzuleiten.
21:48Das kann ich gut nachfühlen. Als Grundschüler wurde ich als Zappel-Philipp abgestempelt.
21:53Was würde Saskia anders machen als meine Lehrkräfte?
22:02Dankeschön.
22:03Ich habe schon gesehen, du hast das mitgebracht.
22:05Saskia wirbt für eine neue Sichtweise, die von den Bedürfnissen des Schulkindes ausgeht.
22:12Meine Zeugnisse, 1. Klasse.
22:15Handgeschrieben.
22:16Handgeschrieben. Und der 1. Satz in der Gesamtbeurteilung ist, Frank fällt es zeitweise noch schwer, Verhaltensregeln zu beachten.
22:22Bisweilen arbeitet Frank unkonzentriert und stört das Unterrichtsgeschehen.
22:26Kannst du das jetzt so abrufen noch, dieses Gefühl, wenn du das liest? Also kommt das dann wieder?
22:30Ja, meine Lehrerinnen und Lehrer haben immer mir das Gefühl gegeben, ich bin ein Störenfried, ein Zappel-Philipp.
22:37Interessanterweise zieht sich das so ein bisschen durch bis zum Abschlusszeugnis.
22:40Und ich habe mich gefragt, wenn da jetzt drin steht, dass ich mich am Ende an Verhaltensregeln anpassen konnte, ist
22:46das eigentlich gut?
22:47Weil ich habe vielleicht auch ein Stück von meiner Individualität aufgegeben.
22:50Ja, das ist ja immer so die Frage. Also wenn es darum geht, Kinder in diesen Rahmen Schule hineinzubringen und
22:57man hört dann dieses, ja und damals haben sich Kinder noch benommen und damals hatten die noch Respekt.
23:01Und dann frage ich immer, ja, hatten die Respekt oder hatten die Angst?
23:05Und es gibt Kinder, die dann eben nie einen lenken und wo sich das dann immer weiter strudelt in so
23:12einer Abwehrhaltung gegenüber Schule.
23:14Und ja, das sind dann ganz oft sehr, sehr schwierige Schulbiografien.
23:18Ich war ein Kind, das viel gestört hat. Die Beobachtung stimmt ja auch in meiner Wahrnehmung, aber die Konsequenz sozusagen,
23:26mich irgendwie umzusetzen, die hat nicht das Ziel erreicht.
23:28Es gibt immer wieder so Momente, zum Beispiel im Sitzkreis, wenn ich sehe, dass ein Kind ganz doll damit hadert,
23:35da irgendwie ruhig sitzen zu bleiben, immer wieder von der Banken fällt, sich auf den Boden legt, davor hockt.
23:40Dann kann ich entweder mal wieder sagen, hinsetzen, jetzt setz dich doch mal hin, jetzt setz dich doch mal hin,
23:44kann dann vielleicht die nächste Stufe auffahren, kann Strafen auferlegen.
23:48Und bei dir, dann kommst du hier an meine Seite und da bleibst du sitzen. Ich könnte den Weg gehen.
23:54Oder ich kann hingucken und sagen, was ist denn so anstrengend für dich in diesem Kreis? Ist das unangenehm, dass
23:59das so eng ist und die anderen so nah dran sind?
24:01Und was können wir tun, damit du diese Kreissituation aushältst? Und da gehört auch ein Wissen bei Lehrkräften dazu, dass
24:07wenn Kinder so ganz unruhig sind, dass die eigentlich zuhören wollen und versuchen, diese zappelige Unruhe, die sie empfinden, irgendwo
24:15hin abzuleiten.
24:17Und ich kann denen was in die Hand geben, dass sie damit leise spielen können. Und dieses Kind merkt an
24:21der Stelle, okay, eine Lehrkraft hat wirklich hingeguckt, was hier mein Problem ist.
24:25Eine Lehrkraft, von der ich mich wohlwollend ernst genommen fühle. Natürlich nimmt das Druck.
24:31Aber wie genau läuft das in der Praxis? Schaffen es die Dresdner mit Wohlwollen auch die beste Leistung herauszukitzeln?
24:42Ich bin extra noch mal zu euch gekommen. Ich habe es euch versprochen.
24:45Ich weiß. Du kannst es mir gleich erzählen, okay? Aber wie schreiben wir noch mal den Anfang des Satzes?
24:49Ich habe es gerade vergessen. Sorry.
24:51Ah, Mist. Das würde ich noch machen. Und dann, Bio schreibt es groß. Aufgabe auch.
24:57Also, ich sage ehrlich, ich sehe da nur groß.
25:01Ja, jetzt wird es besser. Es wird besser. Ich auch. I feel you.
25:05Ich sehe da gar keinen Unterschied. Genau. Klasse. Punkt noch. Und dann? Yay.
25:10Hatte ich doch. Gut. Hast du gut gemacht.
25:14Weißt du, was Burn heißt?
25:15Nein.
25:18Du kannst natürlich auch sagen, dann brauche ich kein Wörterbuch.
25:21Nee, nee. Es geht schon auch darum, das mal jetzt nachzuschlagen.
25:29Ich muss noch irgendwelche Vokabeln übersetzen.
25:32Ist es auch möglich, dass du diesen Text liest und erst mal grundsätzlich verstehst, um was es geht? Kannst du
25:38das?
25:38Ja.
25:39Ich möchte gerne, dass du in der Lage bist, den Kontext zu verstehen.
25:42Und nicht nur jedes Wort für Wort übersetzt, weil dann...
25:44Also, das würde mir die Motivation nehmen. Tatsächlich.
25:47Da hätte ich jetzt nicht so richtig Bock drauf.
25:48Ja, ich habe auch schon Lust drauf.
25:50Na ja, dann lass uns doch die Aufgabe verändern.
25:52Pia lässt die Jugendlichen nicht ausweichen.
25:55Der Stoff aus dem Lehrplan ist Pflicht.
25:57Aber die Herangehensweise ans Lernen darf hier ganz unterschiedlich sein.
26:01Individuell passend zum Charakter und zum Können.
26:03Aber werden Levke und ihre Freunde so selbstbestimmt und ohne Druck wirklich bis zum Abitur kommen?
26:12Die Frage stellen sich natürlich auch die Eltern.
26:15Ich bin mit Levkes Mutter verabredet.
26:18Hallo.
26:18Hallo.
26:19Ich bin Frank. Hi.
26:20Hallo, ich bin Lisa.
26:22Lisa hat sich für die Universitätsschule entschieden, bei allen drei Kindern.
26:27In der Universitätsschule, da wird nicht so viel mit nach Hause genommen, an Hausaufgaben zum Beispiel.
26:31Und es gibt aber eigentlicher Eltern auch das Gefühl, ich weiß, was meine Kinder gerade machen in der Schule.
26:35Muss man da ein bisschen mehr Kontrolle abgeben als Eltern?
26:40Ja, definitiv.
26:40Und manche Eltern wollen ja auch die Hausaufgaben haben und sie wollen auch Noten haben, damit sie wissen,
26:44ach, müssen wir jetzt noch mehr lernen?
26:45Das machen wir überhaupt nicht.
26:47Also wir lernen natürlich nie für Klausuren oder sonst wie, also gar nichts.
26:51Das passiert alles in der Schule.
26:52Das passiert alles in der Schule und das geschehen sich manchmal ja Eltern nicht so richtig ein.
26:56Aber sie wollen diese Kontrolle haben, okay, mein Kind steht jetzt da und es ist auf dem besten Wege, jetzt
26:59das Abitur zu machen.
27:01Genau, und ich selber habe halt nicht diesen Anspruch.
27:05Also klar, es ist schön, wenn sie Abitur machen, aber man kann auch glücklich werden ohne Abitur und sein Geld
27:10verdienen.
27:10Also ich finde, das ist jetzt nicht so die zwingende Voraussetzung.
27:14Gesa selbst ist Akademikerin.
27:16Die Eltern der Unischule haben sehr unterschiedliche Bildungshintergründe.
27:21Da es ein wissenschaftlicher Schulversuch ist, werden die Schülerinnen und Schüler repräsentativ ausgewählt.
27:26Nach dem Bevölkerungsquerschnitt von Dresden.
27:29Sie werden hier von der ersten Klasse bis zum jeweiligen Schulabschluss gemeinsam unterrichtet.
27:34In Deutschland kein Standard.
27:37Fast überall in der Welt gehen alle Kinder mindestens sechs Jahre, meistens zehn Jahre, gemeinsam in die Schule.
27:44In Deutschland muss sich ein Kind im Alter von zehn Jahren entscheiden.
27:47Zwischen Haupt- oder Mittelschule, Realschule oder Gymnasium.
27:53Nicht alle Kinder.
27:54In allen Bundesländern gibt es auch Schulen, in denen die Kinder weiter zusammenbleiben können.
27:59Unabhängig von ihrem Abschlusszeugnis nach der vierten Klasse.
28:04In den letzten zehn Jahren sind die Schülerzahlen in diesen Gesamt- und Gemeinschaftsschulen um etwa 86 Prozent angestiegen.
28:12In der Top Ten der PISA-Studie sind nur Länder, in denen Kinder lange gemeinsam lernen.
28:24Bei mir wurde der Druck richtig groß mit dem Wechsel ins Gymnasium.
28:28Druck zu bestehen und Angst, Schule und Freunde verlassen zu müssen, wenn die Noten nicht passen.
28:34In einer Gemeinschaftsschule hätte ich diese Angst nicht haben müssen.
28:39Warum ist dieses System des gemeinsamen Unterrichts nicht stärker verbreitet?
28:43Ich frage nach beim eher konservativen Deutschen Philologenverband.
28:50Jetzt ist die Unischule eine Gemeinschaftsschule und mich würde interessieren, wie Sie zu dem Konzept Gemeinschaftsschule im Generellen stehen.
28:58Mein Konzept wäre, wir sind in einer pluralistischen Gesellschaft.
29:02Wir brauchen ein plurales Schulsystem mit unterschiedlichen Angeboten der weiterführenden Schularten.
29:08Von denen kann die Gemeinschaftsschule eine sein, aber der Anspruch eine Schule für alle, den teilen wir nicht,
29:14sondern im Bereich der weiterführenden Schulen, das Gymnasium, neben vielen anderen Schularten.
29:19Das wäre das, was wir unter einem pluralen Schulsystem verstehen.
29:23Also außerhalb von Deutschland ist es ja in den meisten Ländern eigentlich so,
29:27dass Schülerinnen und Schüler sehr lange auf eine gemeinsame Schule gehen.
29:30Warum ist das in Deutschland nicht so?
29:32Ich glaube, das ist eine traditionelle Geschichte, die in der Bevölkerung relativ stark verwurzelt ist.
29:39Und es gibt natürlich auch entsprechende Untersuchungen, die durchaus belegen, dass es gut ist,
29:44wenn insbesondere Schülerinnen und Schüler, die in besonderer Weise befähigt sind,
29:49auch nach der vierten Klasse auf ein Gymnasium beispielsweise wechseln
29:52und nicht noch längere Jahre an einer gemeinsamen Schulart bleiben.
29:59Die Leiterin des Schulversuchs ist da ganz anderer Meinung.
30:02Sie musste sich gegen die CDU im Landtag durchsetzen, die lange gegen eine Gemeinschaftsschule in Sachsen war.
30:12Hallo!
30:13Ich bin Frank, hi!
30:14Ich bin Anke.
30:14Und wie war's?
30:15Sehr interessant.
30:17Professorin Langner wollte in ihrer Versuchsschule keine Sortierung in Elite und Leistungsschwache.
30:23Die Kritik ist ja in der Regel, dass, wenn alle in einer Klasse sind,
30:27dann die starken Schüler nicht gefördert werden, die wahrscheinlich noch runtergezogen werden.
30:31Die Spitzen werden abgebrochen.
30:32Genau.
30:33Und sie wahrscheinlich sogar noch runtergezogen werden von denen, die nicht so leistungsstark sind.
30:36Was hältst du davon?
30:37Also wenn man zum Beispiel Mathematik nimmt, dann haben die Kollegen in der Mathematik nachgewiesen,
30:42dass Schülerinnen und Schüler, die gut in Mathematik sind und den Schlechten immer wieder erklären, wie das geht,
30:47dass deren Grundvorstellungen viel abstrakter werden.
30:50Sprich, die werden eigentlich viel besser in Mathematik durch das Erklären.
30:54Ich glaube, dass wir es schaffen, diese große Schere zu minimieren.
30:58Und zwar nicht, indem wir den Starken schwächer machen, sondern indem wir die Schwachen mitziehen über die Starken.
31:04Und die Stärken müssen natürlich weiterhin Angebote kriegen, die über ihres hinausgehen.
31:08Die Schülerinnen und Schüler der Unischule zeigen in Tests im Durchschnitt die gleichen Ergebnisse wie die von anderen sächsischen Schulen.
31:16Zum Thema Gemeinschafts- und Gesamtschule gibt es viel Forschung.
31:19Aber bundesweit vergleichbare Zahlen findet man dazu nicht.
31:22Die Schulformen in den einzelnen Bundesländern sind zu unterschiedlich und die Universitätsschule und ihr Konzept ist bisher einmalig.
31:29Ob jetzt das Gymnasium oder die Gemeinschaftsschule mehr aus den Jugendlichen herausholt, lässt sich statistisch nicht klar nachweisen.
31:38Es ist ganz schön kompliziert, bei den unterschiedlichen Schulregelungen und Formen der Bundesländer durchzublicken.
31:44Warum bewegt sich so wenig? Warum gibt es keine deutschlandweiten Regelungen?
31:48Das prangert auch der Lehrer und Influencer Bob Blume immer wieder an.
31:54Moin!
31:55Moin!
31:56Schön, euch zu sehen!
31:57Schön, euch zu sehen!
31:59Bob setzt sich laut und sichtbar für ein besseres Bildungssystem ein.
32:03Wir haben uns daran gewöhnt, dass dieses Bildungssystem so viele Verlierer erzeugt.
32:10So, ich bin heute mit Bob Blume verabredet und ich hole ihn von der Schule ab.
32:16Hallöchen!
32:17Servus!
32:18Ich bin Frank.
32:19Bob, hi!
32:20Schön, dich kennenzulernen.
32:21Bob ist Gymnasiallehrer für Deutsch, Englisch und Geschichte.
32:25Und beim Thema Schule online und offline eine kritische Stimme.
32:31Wenn jemand sozusagen aus einem Dornröschenschlaf erwachen würde, der in den 50ern eingeschlafen
32:35wäre, der würde sich ja überhaupt nicht mehr zurechtfinden am Flughafen, in der Fußgängerzule.
32:40Der würde denken, was ist denn hier alles los?
32:42Um den zu beruhigen, müsste man ihn eigentlich in die Schule schicken.
32:45Um zu sagen, guck mal, da sieht alles aus wie vorher.
32:47Warum sind deutsche Schulen oder das Schulsystem so schwerfällig?
32:51Weil es eine Art von Verantwortungsdiffusion gibt.
32:55Wir haben ein bisschen einen Teilbereich des Einflusses des Bundes.
32:59Dann haben wir die Kulturhoheit der Länder, die weder kooperieren noch in Wettbewerb gehen.
33:05Kann man wirklich beides nicht sagen.
33:06Denn Wettbewerb würde aus meiner Sicht bedeuten, dass man sich dann auch was abguckt, was gut funktioniert.
33:10Aber auch das funktioniert nicht.
33:12Mein großer Wunsch ist, dass wir so ein ganz kleines bisschen weggehen von dieser Mentalität der deutschen Gründlichkeit
33:19und ein bisschen mehr zum mutigen Handeln kommen, zum Experimentieren.
33:25Und ich würde mir Verantwortliche wünschen, die sagen, ah komm, wir probieren es jetzt einfach aus.
33:35Eine Verantwortungsdiffusion zwischen Bund und Ländern.
33:38Dass das Bildungssystem eine große Veränderung braucht, darüber sind sich Wissenschaft, Eltern, Lehrkräfte und die Jugendlichen einig.
33:46Doch wie Bildung aussieht, ist ein Politikum und hängt am Programm der jeweils regierenden Partei in einem Bundesland.
34:00Gerne hätte ich mit einer verantwortlichen Person aus der Politik über das Thema Druck und Stress in der Schule gesprochen.
34:05Mein Team und ich haben über Wochen und Monate versucht, einen Termin zu bekommen bei der Kultusministerkonferenz Vorsitzenden.
34:12Wir haben angeboten, dass wir Videocalls machen, wir können Telefoninterviews führen, wir sind zeitlich und örtlich total flexibel.
34:18Aber alles, was kam, waren Absagen. Schade.
34:22Steht wohl gerade nicht auf der Agenda, wie die 16 Bundesländer mit dem Stress und Druck ihrer Kinder umgehen wollen.
34:29Lösungsideen und Forschung gibt es dazu genügend.
34:31Und die Unischule Dresden zeigt ja, was möglich ist, basierend auf wissenschaftlichen Forschungsergebnissen.
34:43Eine Lösung gegen Stress, weniger theoretisches Wissen reinpumpen, wenn Körper und Geist gerade mit der Pubertät beschäftigt sind.
34:51In dieser Phase schickt die Universitätsschule die Teenager regelmäßig in den Wald.
34:56Ich treffe Levke wieder.
34:58Hi.
34:58Hi.
34:59Na?
35:00Hi, wie geht's?
35:01Wie geht's? Gut?
35:02Ja, gut. Und dir?
35:03Ja, ich bin super gespannt, was heute passiert.
35:06Ab der siebten Klasse gehen die Jugendlichen alle sechs Wochen zum Unterricht in die sogenannte Jugendschule.
35:12Hier geht es nicht um klassisches Abiturwissen, sondern ums Anpacken.
35:16Und um Fähigkeiten, die man zumindest im Gymnasium sonst nicht lernt.
35:21Die Jugendlichen müssen sich zum Beispiel selbst um Mahlzeiten kümmern und für die Pizza heute den Ofen anheizen.
35:30Außerdem ihre Aufgabe, der Erhalt von Grundstück und Garten dieser ehemaligen Ziegelei.
35:36Katja leitet die Jugendschule, die zur Universitätsschule Dresden gehört.
35:40Wenn ich an meine siebte, achte Klasse denke, da gab es, glaube ich, auch oft Zeiten, wo ich mich hier
35:45so ein bisschen rausgemogelt hätte und gedacht hätte, so ja, lass die anderen mal schnitzen, aber ich setze mich hier
35:50in die Ecke und mache vielleicht nichts.
35:53Wie entgegnet ihr dem?
35:55Wir sind in dem Spagat des Austobens und Chillens. Also ein oft verwandtes Wort ist chill den Ort oder eine
36:01Redewendung.
36:02Und wir haben ja auch schon Kinder gehabt, die geschlafen haben, die in der Sonne lagen.
36:08Und da sind die Kinder untereinander, das Regulativ.
36:11Und das ist natürlich auch unser Auftrag, zu gucken, was braucht der Mensch jetzt, was ist da los, warum ist
36:17das bei ihm so?
36:20Levke will nicht chillen. Sie hat schon Feuer gemacht, an der Mauer gebaut und will jetzt die Hecke schneiden.
36:36Wenn du möchtest, kannst du auch die Hecken-Schere, die elektrische, mit einem so langen Schwert einmal ausprobieren.
36:44Auch das ist möglich. Das ist deine Wahl. Gut.
36:50Und hier stehst du zu elektrischen. Ja. Hast du Bock, mal die ausprobieren? Ja, können wir machen.
36:59Ich nehme es hoch, stelle mich so ein bisschen sicher hin. Ein Bein vorne, ein Bein hinten.
37:03Jetzt stehst du erstmal sicher.
37:12Das macht noch Kraft. Gut, ich lege es wieder ab. Wenn du möchtest, dass ich mit festhalte, geht es auch?
37:20So, ne, klappt. Klappt. Gut, na dann.
37:27Ja.
37:37Was ist das für ein Gefühl? Was? Was ist das für ein Gefühl? Ja, ähm, krass.
37:43Traust du es dir zu? Ja.
37:50Das fällt jetzt wohl unter positiven Stress, wie der Stressforscher mir erklärt hat. Ein Zustand, in dem wir besonders gut
37:56lernen.
37:59Sie erleben natürlich eine Sinnhaftigkeit in einem ganz anderen Maß, ne, weil am Ende ist immer etwas geschafft und dass
38:06sie auch stolz sind, wenn sie etwas geleistet haben. Also, ohne dass wir das aber bewerten müssen.
38:12Keine Bewertungen für die selbstgebackene Pizza und die anderen arbeiten hier. Das nimmt auf jeden Fall Druck. Ein bisschen fühle
38:20ich mich wie auf Klassenfahrt. Meine liebste Erinnerung an Schule.
38:28Meine unangenehmsten Schulerinnerungen hängen alle mit Bewertungen zusammen. Deshalb finde ich vor allem eines spannend. Hier gibt es auch im
38:36Fachunterricht keine Noten.
38:38Aber wie stellt die Schule sicher, dass wirklich alle genug lernen?
38:42Hallo.
38:43Hallo.
38:46Ich begleite Levke zum Zielvereinbarungsgespräch bei Pia.
38:51So, Levke, was ist dir gelungen?
38:54Okay, also ich habe schon National Parks in the US gemacht. Und dann habe ich noch La Familia angefangen.
39:04Und macht es Spaß?
39:05Ja.
39:07Hast du bei Prozentrechnung den Gelingensnachweis schon mitgemacht?
39:10Ja, den habe ich schon gemacht.
39:11Der ist fertig.
39:12Ja.
39:14Der Gelingensnachweis ist wie eine Prüfung. Dafür verabredet sich Levke mit ihren Lernbegleiterinnen und Lernbegleitern, wenn sie ein Thema durchgearbeitet
39:22hat.
39:23Der Nachweis geht mündlich, schriftlich oder zum Beispiel mit einem Plakat.
39:28Klassische Noten gibt es dafür nicht, sondern Prozentzahlen auf erreichte Kompetenzen.
39:36In Umfragen zu Noten stimmt die Mehrheit in Deutschland weiterhin für das traditionelle Notensystem.
39:42Was Schülerinnen und Schüler zu einem bestimmten Zeitpunkt leisten können, sollten, das ist sozusagen die kriteriale Messlatte.
39:50Und das wäre zum Beispiel so, dass Leistung auch Arbeit pro Zeit ist.
39:54Und wenn die gezeigte Leistung zwischen den Schülerinnen und Schülern vergleichbar sein soll,
39:59dann müssten die eigentlich auch zum selben Zeitpunkt schreiben, weil ansonsten die Leistung nicht mehr vergleichbar wäre.
40:05Auch ohne Noten und feste Klassenarbeitstermine hat Levke schon viele Lernbausteine durchgearbeitet und ihr Wissen nachgewiesen.
40:12Für mich ist das ganz neu. Wissenserwerb muss nicht mit Druck verbunden sein.
40:17Levke lernt hier eher für sich, nicht um am Ende eine Bewertung dafür zu bekommen.
40:22Jeden Gelingensnachweis kann sie wiederholen.
40:25Kennst du denn Angst vor Prüfungen?
40:27Nein.
40:29Hattest du auch noch nie Angst vor irgendeiner Prüfung?
40:32Einmal ein bisschen, aber nicht in der Schule.
40:35Es war in der Musikschule.
40:38Welche Erfahrung hast du gemacht, wenn du mal so einen Gelingensnachweis machen musstest und du wusstest nicht genau, ob du
40:44es super gut kannst, wie du es schaffst?
40:48Na, dann, also wenn ich es dann gemacht habe, dann kriege ich ja danach gesagt, was ich habe und dann
40:53kann ich ja entscheiden, ob ich es nochmal mache oder halt nicht.
40:57Und das lässt sozusagen die Angst ganz verschwinden?
41:01Ja.
41:03Weil ich weiß noch, in deinem Alter war es auf jeden Fall so bei mir, dass ich vor so Klassenarbeiten
41:07immer ziemlich Angst hatte, weil ich dachte, ich darf da jetzt keine vier schreiben, ich darf da keine fünf schreiben.
41:13Und es gab eben keine zweite Chance.
41:15Und ich glaube, dass das schon mal die Freude an der Schule ja auch irgendwie verändert, wenn man keine Angst
41:20davor hat.
41:22Ja.
41:25Wir werden, wenn wir in die Zukunft schauen, nur dann besser sein als die Maschine, der Computer, wenn wir miteinander
41:32kooperativ, kreativ, problemlösend unterwegs sind.
41:35Und dazu brauche ich eine Wissensbasis, ohne Frage. Aber ich brauche nicht dieses Bulimielernen, wie viele es auch beschreiben, dass
41:42ich ganz viel Wissen in mich reinpresse, dass ich dann ganz kurz mal ausspucke, nämlich zur Prüfung und danach weiß
41:48ich es nicht mehr.
41:49Justus hatte als Erstklässler so massive Schulangst, dass seine Eltern ihn aus der Grundschule nehmen mussten.
41:56Jetzt ist er in der vierten Klasse der Unischule und anders als die meisten Viertklässler in Deutschland arbeitet er nicht
42:02auf ein Übertrittszeugnis hin.
42:04Noten bekommt er erst in seinem Abschlussjahr, also in der neunten, zehnten oder zwölften Klasse.
42:11Hi.
42:12Hi.
42:13Na, hattet ihr einen schönen Tag?
42:15Ja.
42:16War der auch so anstrengend wie mein Schultag?
42:17Äh, nö, nicht lang.
42:20Dann wünsche ich euch noch einen ganz schönen Tag.
42:22Danke.
42:24Tschüss.
42:24Mach's gut.
42:25Bei mir sind es aber noch viele.
42:27Viele teile Schule noch mehr und viele Jahre Schule noch mehr.
42:31Diese Schule macht echte Pionierarbeit in Deutschland.
42:34Um die Bildung ihrer Schülerinnen und Schüler mache ich mir wenig Sorgen.
42:38Sie lernen, dass ihre Interessen und Talente einen Wert haben, ohne dafür eine Note zu brauchen.
42:53Und sie wird hoffentlich junge Erwachsenen entlassen, die für die Zukunft gewappnet sind.
42:58Für ein lebenslanges Lernen und einen sich ändernden Berufsalltag.
43:02Ich habe Menschen kennengelernt, die hart dafür arbeiten, eine gute Schule für alle zu schaffen.
43:07Mit Unterricht auf Augenhöhe, mit mehr Selbstbestimmung für Schülerinnen und Schüler und mit mehr Freiwilligkeit.
43:13Gute Schule für alle heißt auch, dass alle eine gerechte Chance auf Bildung bekommen.
43:18Davon ist Deutschland aber noch weit entfernt.
43:21Ich treffe mich bei meiner nächsten Spurensuche mit der Bundesbildungsministerin.
43:25Was tut Deutschland für eine bessere Chancengerechtigkeit?
43:28Richtig gut schneidet Kanada ab.
43:30Sowohl bei der Leistung als auch bei Bildung Chancen.
43:33Was wir uns dort abschauen können, das werde ich vor Ort rausfinden.
43:38Was wir uns dort anschauen können, das werde ich vor Ort rausfinden.
Comments