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00:00Hidden behind, hidden behind, hidden behind a fairy tale, shh.
00:18I made my experience especially when I came to a new place and I had to find myself first.
00:25And I think that's just normal.
00:27Are you looking for a safe place to hide, hide here?
00:34Ich bin zum Beispiel alleine seinerzeit nach Berlin gekommen.
00:37Und dann war es am Anfang wirklich ein bisschen im ersten halben Jahr,
00:40als neue Studentin in dieser großen Stadt von diesem Alleinsein wieder rauszukommen und so.
00:45Das hat dann ganz gut geklappt, aber da hatte ich dann doch auch,
00:48das hat ein bisschen Strampeln sozusagen bedurft.
00:57Ich kenne Einsamkeitsepisoden und ich habe den Eindruck, dass immer wenn man sich für Forschungsthemen entscheidet,
01:04also ich promoviere ja auch zum Thema Einsamkeit, dann muss das in irgendeiner Form einen persönlichen Bezug haben.
01:11Aber ich kenne das auch und sehe mich natürlich auch in dieser Lebensphase.
01:14Your home is not your home, your home is in your mind. Close your eyes, so you can hide.
01:30Und davon darf man sich dann nicht entmutigen lassen, sondern muss das als Chance sehen, neu anzufangen
01:36und vielleicht sich selber auch neu zu erfinden und auf Menschen zuzugehen.
01:39Und ja, je leichter einem das fällt, desto vorteilhafter ist es natürlich.
01:44Sich einsam zu fühlen kennen wir alle. Meist ist das Gefühl von kurzer Dauer.
01:49Wenn es bleibt und sich festsetzt, auch unter Menschen und in Gesellschaft, dann wird es gefährlich.
02:08Christopher kennt das Gefühl. Es hat ihn jahrelang begleitet.
02:20In seiner Kindheit zieht seine Familie viel um. In Aschersleben bleiben sie.
02:25Hier geht er zur Realschule. Er hat viele Pläne und viele Freunde, darunter einen besten.
02:33Aschersleben ist eine Stadt, die hat verdammt viel Erinnerung für mich.
02:37Ich habe hier meine besten Erfahrungen gemacht und auch meine schlechtesten Erfahrungen gemacht.
02:45Ich treffe ihn hier. Christopher erzählt, dass Videospiele schon lange sein Hobby sind.
02:50Er wird im Bereich Mediengestaltung Assistent und findet in Nordengland in der Videospielbranche Arbeit.
02:56Da ist er 20.
03:05Wegen des Brexits muss er zurück nach Deutschland. Seine Schulfreunde sind schon längst weggezogen.
03:12Als ich zurückgekommen bin und hier in Aschersleben gelebt habe, das waren wirklich die ersten Jahre, die waren sehr schwierig.
03:21Man hatte das Gefühl gehabt, man ist nur noch mit sich alleine zu Hause.
03:26Als hätte ich einen gewissen sozialen Tod erlebt, weil ich halt einfach nicht mehr existiert habe gefühlt.
03:34Wie viele Menschen einsam sind insgesamt und wie viele Jugendliche einsam sind, ist gar nicht so einfach zu beantworten.
03:41Denn Einsamkeit ist nicht etwas, was man entweder gerade isst oder nicht isst, sondern Einsamkeit ist ein Kontinuum.
03:47Man fühlt sich manchmal gar nicht einsam oder ein bisschen oder sehr.
03:52Aber wenn wir uns Studien anschauen, die einigermaßen vergleichbar sind, dann kann man schon sagen, dass nicht die Mehrheit, aber
04:00eine große Minderheit auf jeden Fall sich manchmal einsam fühlen.
04:04Also da sind die Schätzungen so zwischen 20 und 50 Prozent.
04:08Und wenn man sich anschaut, wer sich eigentlich fast immer einsam fühlt und das sind die, auf die wir besonders
04:12schauen müssen, dann sind das immer noch Schätzungen, die auf jeden Fall über 10 Prozent liegen und manchmal deutlich höher.
04:21Nach seiner Rückkehr gehört Christopher zu diesen 10 Prozent. Erst recht, als dann noch seine Mutter und sein bester Freund
04:28wegziehen.
04:33Mein Alltag in Aschersleben war so. Irgendwann bin ich aufgewacht, weil irgendwann zu irgendwelcher Uhrzeit bin ich halt eingeschlafen.
04:44Meistens war das schon frühmorgens, manchmal war das ums Mittags gewesen, mal war das wirklich auch bei Zeiten.
04:50Also es ist wirklich egal, welche Uhrzeit. Und irgendwann bin ich halt aufgewacht.
04:56Und meistens ist es dann so gewesen, dass ich dann entweder erst mal im Bett liegen geblieben bin für die
05:00ersten paar Stunden, bis ich dann halt wirklich auf Klo musste beispielsweise.
05:04Oder dass ich dann sofort aufgestanden bin und mir erst mal Frühstück gemacht habe. Mit irgendwas, was halt da war.
05:09Also ich habe halt wirklich sehr spartanisch gelebt, sagen wir es mal eher so.
05:16Und den Rest des Tages habe ich dann damit verbracht, wirklich die ganze Zeit nur online zu verbringen.
05:23Weil da waren alle meine Kontakte gewesen. Ich hatte halt nun mal wirklich niemand anderes mehr gehabt.
05:29Und wenn ich halt das Gefühl hatte, dass selbst diese Leute nicht da waren für mich, war ich halt dann
05:34die meiste Zeit nur am Rechner unterwegs.
05:35Es war halt wirklich von morgens bis abends oder von aufstehen bis schlafen gehen hinweg durch.
05:47Es war wirklich, die Zeit stand still. Welche Uhrzeit war, war völlig egal. Welcher Tag war, war völlig egal. Welcher
05:56Monat, welche Jahreszeit.
05:58Es war halt wirklich alles stand still. Meine Rollos, meine Jalousien waren eh unten gewesen. Von draußen wollte ich nichts
06:06hören.
06:07Weil das ging mir so oder so, alles hinten vorbei dran. Weil ich ging ja der Welt scheinbar auch am
06:13Arsch vorbei.
06:17Warum Einsamkeit bei Jugendlichen ansteigt, ist noch nicht klar. Es gibt mehrere Faktoren wie soziale Medien, Corona, die Klimakrise.
06:26An der Ruhr-Universität treffe ich Maike Luhmann. Sie ist Einsamkeitsforscherin, international gut vernetzt.
06:32Bisher war ihre Forschung kaum beachtet. Das Interesse daran wächst erst jetzt.
06:39Einsamkeit war schon immer etwas, was auch Jugendliche, was Menschen jeden Alters betroffen hat.
06:45Ja, also diese Vorstellung, dass das nur etwas für Ältere ist, die war schon immer falsch.
06:49Eine Erklärung ist natürlich die Pandemie, die Covid-19-Pandemie.
06:53Jetzt sind wir aber ja schon einige Jahre nach der Pandemie und da muss man dann auch fragen,
06:58kann man das wirklich noch damit erklären oder gibt es nicht auch andere Erklärungen?
07:02Was auch oft diskutiert wird, ist die Rolle der digitalen Medien, Smartphones.
07:08Und da muss man sagen, ja, natürlich hat sich auf jeden Fall verändert, wie wir kommunizieren.
07:13Aber gerade soziale Medien können auch ein Fenster sein, ja, eine Möglichkeit sein, mit gleichgesinnten Kontakt aufzunehmen.
07:20Von daher ist das wirklich ein sehr schwieriges Thema und man kann nicht ganz klar sagen, ja, es sind jetzt
07:25die sozialen Medien, die sind schuld.
07:29In der Corona-Pandemie waren die sozialen Medien zur Kontaktaufnahme besonders wichtig.
07:35Denn es gab Lockdowns und lange Schulschließungen.
07:48In dieser Zeit gründete sich in Berlin ein Start-up, der Krisenchat.
08:06Der Krisenchat ist eine Beratungsplattform mit professionellen Hilfsangeboten.
08:11Kinder und Jugendliche können unkompliziert und gratis über WhatsApp 24-7 ihre Gedanken, Nöte und Befürchtungen mitteilen.
08:20Beim folgenden Chat haben wir die Namen geändert. Der Chat ist nachempfunden.
08:26Hallo, ich bin Esra. Kann ich mit jemandem schreiben? Mir geht's gerade nicht gut.
08:31Hallo, liebe Esra. Ich bin Sophie. Erzähl mir gerne, was dich momentan belastet.
08:36Ich weiß gar nicht, ob ich hier richtig bin, aber ich fühle mich in letzter Zeit einfach nicht gut.
08:41Magst du mir davon etwas mehr erzählen? Dann kann ich dich besser verstehen und dich auch so unterstützen.
08:47Es fällt mir echt gar nicht leicht, darüber zu sprechen, aber ich fühle mich irgendwie total einsam.
08:52Ich weiß gar nicht, mit wem ich darüber sprechen soll.
08:55Ich finde es sehr mutig von dir, dass du dir Hilfe suchst.
08:58Du erzählst, dass du dich in letzter Zeit einsam fühlst.
09:01Ich kann mir vorstellen, dass das sehr belastend für dich ist.
09:05Gibt es denn einen Auslöser für dieses Gefühl?
09:08Ich hatte eigentlich immer viele Freunde, aber dann hatte ich länger einen Freund und der wollte nie, dass ich was
09:13mit denen mache.
09:14Ich habe nur noch Zeit mit ihm verbracht, was ja auch schön war.
09:17Jetzt hat er aber vor ein paar Monaten Schluss mit mir gemacht und jetzt habe ich niemanden mehr.
09:21Ich sehe zwar meine alten Freunde noch in der Schule, aber ich gehöre gar nicht mehr dazu.
09:27Die Idee funktioniert.
09:33Kinder und Jugendliche rufen heute viel weniger an. Sie schreiben viel lieber per Chat.
09:37Die Anonymität kann einfach auch einen Schutz bieten.
09:40Man muss seine Stimme nicht zeigen, man muss das Gesicht nicht zeigen.
09:43Das heißt auch, man ist weniger angreifbar.
09:46Die meisten melden sich abends bis tief in die Nacht hinein.
09:50In dieser Zeit spüren viele, dass ihnen eigentlich etwas fehlt.
09:55Rund zehn Prozent all unserer Anfragen drehen sich auch um das Thema Einsamkeit.
10:00Einsamkeit kommt häufig nicht alleine, sondern in Kombination mit anderen Thematiken,
10:04wie zum Beispiel sozialer Isolation oder auch Ängsten, familiären Konflikten oder auch Mobbing.
10:09Und dann ist es ein Teil, den wir uns gemeinsam mit den Hilfesuchenden anschauen und gemeinsam überlegen auch,
10:15okay, wie kommen sie aus der Einsamkeit raus? Was können sie tun? Was brauchen sie an Unterstützung?
10:20Der nächste Chat ist auch wieder nachempfunden, um die Persönlichkeitsrechte der Kinder und Jugendlichen zu schützen.
10:31Hi, ich bin Laura. Ich kann nicht mehr. Ich habe die Packung Schmerztabletten schon in der Hand und wünsche mir
10:36einfach so sehr, sie jetzt einfach zu nehmen.
10:39Hallo Laura, mein Name ist Lisa und ich bin jetzt gerne für dich da. Ich würde dich bitten, die Tabletten
10:44in einem anderen Raum zu verstecken. Kannst du mir das zusichern?
10:47Ich glaube, ich kann sie in die Küchenschublade legen. Das ist sehr gut. Magst du mir erzählen, was heute passiert
10:56ist?
11:01Und hier ist es ganz wichtig, dass wir erstmal einfach da sind, dass wir zuhören, dass wir einen Raum anbieten,
11:06wo die Kinder und Jugendlichen sich öffnen können,
11:08wo sie wirklich mit all ihren Gedanken auch über schambesetzte Themen, dazu gehört auch Einsamkeit, sich an jemanden wenden können
11:15und die Erfahrung machen.
11:16Dieses Thema ist nicht egal.
11:20Krisenchat wird im Moment noch neben anderen Organisationen vom Bundesfamilienministerium unterstützt.
11:25Sie hoffen, dass auch die nächsten Regierungen an der seelischen Gesundheit von Jugendlichen interessiert sind.
11:39Für Christopher ist das alles weit weg.
11:44Das war halt ein bisschen schwierig. Ich wollte mich mit anderen Leuten verbinden, hauptsächlich dann online.
11:50Und was man online nicht mitbekommt, macht einem nicht heiß.
12:00Ich hatte Freunde gehabt, mit denen ich zusammen gespielt habe. Aber man spielt ja nicht jedes Mal dieselben Spiele mit
12:06denselben Leuten.
12:08Und auch nicht jeder hat immerzu immer Zeit. Ich meine, wenn man arbeitslos ist zuhause, hat man 24 Stunden Zeit
12:13sozusagen.
12:15Und in dem Fall war es halt tatsächlich so gewesen, dass ich dann nur die Leute dann kennengelernt habe und
12:21mich mit denen verfasst habe, die halt dann auch öfters online waren.
12:23Online habe ich tatsächlich, was jetzt im realen Leben angeht, das Kennenlernen, sehr selten mal wirklich Leute getroffen.
12:33Wenn dann dann über Webcam-Chat, dass man sich dann doch mal gesehen hat.
12:38Also generell jetzt über die letzten, also über die letzten Jahre und sich ein, zwei Leute definitiv mal schon mal
12:45so getroffen.
12:46Aber ansonsten nicht eine einzige Person.
12:54Vier Jahre lebt Christopher wie ein Einsiedler.
13:06Irgendwann war ich so frustriert drüber, also wirklich so unglaublich frustriert drüber, über meine Lebenssituation, dass ich gesagt habe, das
13:15kann doch nicht sein.
13:16Dass ich mit dem relativ jungen Alter, aber eigentlich, ich habe ja noch mein ganzes Leben vor mir, schon jetzt
13:23schon so einsehen muss, dass ich völlig hinterblieben bin.
13:28Dass ich hier keine Arbeit finde, dass ich hier arbeitslos bin und dass ich in so einem Loch wie Aschersleben
13:36jetzt verkomme.
13:36Das kann doch nicht sein. Und dann ist bei mir irgendwo im Kopf so der Schalter umgelegt worden und gesagt,
13:43das nehme ich jetzt nicht an.
13:46Christopher beginnt seinen Teufelskreis zu durchbrechen und nimmt mit anderen im realen Leben wieder Kontakt auf.
14:01Das Thema der wachsenden Einsamkeit bei Jugendlichen ist in der Politik angekommen.
14:06Im Auftrag des Sozialministeriums Sachsen-Anhalt untersuchte ein Forschungsteam der Uni Magdeburg, was hinter den Einsamkeitsgefühlen stecken könnte und sie
14:14noch pusht.
14:20Der Soziologe Daniel Ebert gehörte zum Forschungsteam. Sie befragten Ältere und Jüngere, welchen Einfluss hat der digitale Raum auf sie.
14:29Ältere schätzen die Informationsmöglichkeiten und die mentale Herausforderung. Manche kapitulieren aber auch.
14:36Jüngere wie Christopher nutzen ihn für Kontakte. Aber viele verlaufen sich darin.
14:49Der digitale Raum sorgt dafür, dass sich die Möglichkeiten des sozialen Vergleichs enorm steigern.
14:55Weil man weiß, man hat 400, 500 Leute, die man beobachten kann, was die denn für ein Leben führen.
15:03Und man könnte auch sagen, mehr Möglichkeiten bedeutet ja auch mehr Sachen, die man nicht geschafft hat in seinem Leben
15:11zu erreichen.
15:11Und was wir auch sehen in dieser Personengruppe, spielt die Aufforderung zur Selbstverwirklichung nochmal eine andere Rolle.
15:20Also so dieser gesellschaftliche Druck, sei kreativ, sei besonders, sei authentisch, spielt auch eine große Rolle.
15:28Und Einsamkeit wird in dieser Personengruppe viel damit in Verbindung gebracht, dass sie das Gefühl haben, dass so Identitätsentwürfe ins
15:35Leere laufen könnten.
15:37Viele meiner Kontakte bestätigen, dass sie das permanente Vergleichen von Lebenswegen kennen.
15:43Eine 32-jährige Frau schreibt in einer Nachricht, dass sie die Zeit während ihres Studiums in Berlin als merkwürdig in
15:51Erinnerung hat.
15:52Ständig fragte sie sich, ob man die richtige Wahl trifft mit dem Studium und anderen, dass sie einsam war und
15:58Zweifel hatte.
15:59Aber das so öffentlich erzählen wollte sie nicht. Eine von vielen Absagen.
16:11Einsamkeit ist noch immer ein Tabu.
16:17Irgendwann meldet sich Mandy. Sie ist zu ihrem Freund gezogen und hat in der neuen Stadt keine Kontakte.
16:28Mandys Angststörung verhindert vieles. Sie fragt sich permanent, wie sie auf andere wirkt.
16:35Einsamkeit begleitet sie mal stärker, mal schwächer.
16:39Auch wenn man Kontakt zu Menschen hat, kann man ja trotzdem einsam sein.
16:43Also für mich fühlt es sich trotzdem einsam an. Also ich würde sagen, ich bin nicht allein, das weiß ich.
16:50Aber trotzdem fühlt es sich irgendwie einsam an.
16:55Vielleicht auch manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mich auch zu sehr so mit anderen vergleiche und bei anderen
17:00mitbekomme.
17:01Dass die ständig irgendwas mit Freundinnen machen und ständig irgendwie unterwegs sind und in Gruppen was erleben.
17:08Und das ist halt was, was ich noch nie so richtig hatte, so einen richtigen Freundeskreis oder so eine Freundesgruppe.
17:17Vielleicht spielt das auch so eine Rolle, dass man sich dann so vergleicht.
17:21Aber ja, ich glaube, mir fehlt vor allem einfach auch so eine Handvoll Menschen hier in meiner Stadt, mit denen
17:28ich mich dann auch vielleicht auch mal eher spontan treffen könnte.
17:32Weil das ist mit meinen anderen Freundinnen dann ja nicht so möglich.
17:34Was würde dir helfen?
17:37Also generell ist es immer einfacher für mich, wenn mein Gegenüber offen auf mich zukommt.
17:44Und dann vielleicht auch fragt, ob man irgendwie mal was zusammen unternehmen möchte.
17:52Ja, aber ich weiß auch, dass es ja vor allem auch an mir liegt und ich ja weiterhin daran arbeiten
18:01muss, mit den Nächsten einen Umgang zu finden.
18:04Und Sachen trotzdem zu machen.
18:07Mandy erzählt im digitalen Raum von ihren sozialen Ängsten und hofft anderen, denen es ebenso geht wie ihr, so Mut
18:14zu machen.
18:17Unverhofft erreicht nicht eine weitere Zusage.
18:20Thomas Kundt, ein Tatortreiniger, möchte uns zeigen, wohin Einsamkeit führen kann.
18:39Unglaublich.
18:42Es riecht auch ganz, ganz schlimm.
18:50Thomas, was ist denn hier passiert? Wer hat hier gelebt?
18:54Hier hat ein junger Mann gelebt, vermutlich mehr überlebt als gelebt, weil wir sehen, die Lebenssituation ist nicht die beste.
19:03So sollte kein Mensch leben. Ja, der hat sich vermutlich selber aufgegeben, vielleicht krank.
19:09Wir sehen ganz viel Alkohol, also auf jeden Fall sehr viel Alkohol im Spiel und getrunken.
19:16Und irgendwann war jetzt der Punkt erreicht, dass er nicht mehr in der Wohnung bleiben durfte.
19:25Eine Sekunde im Leben kann alles verändern und wir sehen nur diesen Ist-Zustand, dass das so ist und verurteilen
19:32vielleicht denjenigen auch dafür.
19:34Tatsächlich gibt es vielleicht irgendeinen Schlüsselmoment, dass es dazu geführt hat.
19:38Und dann haben wir halt, wir haben eine riesengroße Isolation.
19:43Also unsere Welt ist ja schneller, höher, weiter und in Wahrheit sind sehr viele Menschen einsam und allein und schließen
19:53die Tür und dann lassen sie sich gehen,
19:56weil vielleicht das eine oder andere im Leben nicht hinhaut.
20:05Siehst du sowas häufiger? Ist das eine Wohnung, wo du sagst, ja, kenn ich sowas?
20:11Also das ist, ja, das ist Alltag. Also das ist für mich oder für unsere Mitarbeiter, also für meine Kollegen
20:18nichts mehr Besonderes,
20:19sondern das ist wirklich unser Tagesgeschäft. Das, ja, ich glaube, alleine hier in diesem Block wird es noch zehn Wohnungen
20:29locker geben, wo die Situation genau so ist.
20:36Häufig hast du hinter den Türen zum Beispiel Plastiksäcke, wo Sachen drin sind für draußen, damit die den Geruch nicht
20:43annehmen.
20:44Das Bad ist halbwegs, die Badewanne ist halbwegs in Ordnung. Ich denke, er hat bestimmt vorher kurz geduscht, bevor er
20:49raus ist.
20:50Und draußen hat er eine andere Rolle gespielt als hier drin. Das ist halt ein komplett anderes Leben dann gewesen.
21:00Ist halt auch beschreibend, dass man sich fast immer die gleiche Nahrung holt, weil man ja nur eine Herdplatte hat.
21:05Sehr häufig wiederholt sich alles. Wir sehen bei den Getränken ist der Griff immer ins gleiche Regal und bei den
21:10Lebensmitteln mitunter auch.
21:15Also, als ich mit dem Job angefangen habe, waren das eher Leute, ich sag mal, Ü55.
21:21Mittlerweile hat sich das extrem geändert. Es sind sehr viele junge Menschen, die sehr verwahrlost leben, sehr zurückgezogen leben.
21:28Der Computer ist der Rückzugsort. Ich bin ein Charakter in einem Computerspiel.
21:33Ich finde auf Instagram statt, zehn Minuten am Tag. Da ist es eine heile Welt.
21:39Also, man stellt diese heile Welt dar. Man hat einen großen Filter, nicht nur übers Gesicht, sondern über sein ganzes
21:44Leben.
21:45Und findet nur da statt. Ich bin ja selber affin da drin.
21:49Aber trotz alledem sehe ich ganz häufig, dass das nicht das reale Leben ist.
21:54Ich sehe, wie die Wohnung aussieht und dann gucke ich mir das Insta-Profil an oder das Facebook-Profil.
22:00Und da wird Show und Shine und tolles Leben gezeigt.
22:04Und diese restlichen 23,5 Stunden lebt man so und es ist eigentlich gar nicht so.
22:10Aber ich tue den anderen allen was vorschwinden und alle anderen wollen auch was vorschwinden und es ist nichts mehr
22:14real.
22:18Wenn sich ein Mensch lange einsam fühlt, kann es sein, dass sich seine Gedanken nachhaltig verändern.
22:26Es kann sein, dass er feindselig wird und sich radikalisiert.
22:31Man weiß nicht, was war zuerst da. Man weiß nicht, was ist die kausale Richtung, so nennen wir das dann
22:35in der Wissenschaft.
22:37Waren die Jugendlichen zuerst einsam und haben sich dann radikalisiert?
22:41Oder haben sie sich radikalisiert und sind im Zuge dessen vielleicht einsamer geworden?
22:44Das ist tatsächlich noch offen, aber wahrscheinlich ist es beides.
22:48Wir wissen, dass einsame Menschen tendenziell das Vertrauen verlieren in andere Menschen, aber auch in die Institutionen und generell misstrauischer
22:57werden anderen gegenüber.
22:58Sie selber finden keine Freunde oder vielleicht auch keine Partnerin und Partner und schauen dann nicht auf sich selber, ob
23:06sie vielleicht was ändern könnten,
23:07sondern schieben das einfach auf die Umwelt und auf die Gesellschaft insgesamt.
23:12Und das führt dann auch dazu, dass man zum Beispiel eher an Verschwörungserzählungen glaubt.
23:16Ja, weil die bieten einem immer eine ganz einfache Erklärung.
23:19Es gibt eine große Ursache, für die ich nichts kann und die uns alle kontrolliert.
23:23Das ist ja so der Kern von Verschwörungserzählungen.
23:26Und wenn man jetzt jemand ist, der mit sich selber hadert, weil man zum Beispiel einsam ist,
23:30dann ist das natürlich ein guter Ausweg, um nicht sich selbst hinterfragen zu müssen, sondern schön auch die Schuld für
23:36das eigene Leiden woanders zu finden.
23:39Auf diese Entwicklung reagiert die deutsche Politik vergleichsweise langsam.
23:44Im Vereinigten Königreich gibt es beispielsweise schon seit 2018 weltweit einzigartig ein Einsamkeitsministerium.
23:54In Deutschland fehlt es an Grundlagenforschung und gezielten Strategien in allen Bundesländern.
24:00Unter Bundesfamilienministerin Elisabeth Paus ist aber einiges in Bewegung gekommen.
24:06Vieles richtet sich noch an Ältere.
24:12Mit unserer Einsamkeitsstrategie haben wir erstmal angefangen mit über 100 Maßnahmen.
24:17Inzwischen sind weitere Maßnahmen dazugekommen für Jugendliche.
24:21Da gibt es noch Potenzial Luft nach oben.
24:23Was wir aber auf den Weg gebracht haben ist natürlich erstmal für die besonderen Bedürfnisse den Krisen-Chat.
24:29Aber vor allen Dingen habe ich das Programm Mental Health Coaches auf den Weg gebracht.
24:34Das ist glaube ich tatsächlich funktioniert sehr sehr gut bei Jugendlichen.
24:37Wir haben mehrere zehntausend Jugendliche damit erreichen können.
24:40Das läuft an Schulen, das ist ein Modellprogramm.
24:44Und beim Thema Einsamkeit, da muss man nicht nur auf Strategien der Bundesregierung warten,
24:49sondern da sind wir alle gefragt, alle in unserem Umfeld.
24:52Und seitdem ich das politisch stärker zum Thema gemacht habe, ist es natürlich auch so,
24:56dass in meinem Bekanntenkreis ich dann auch mit Menschen darüber spreche.
25:00Aber ja, es ist wichtig eben sensibel zu sein, ansprechbar zu sein und dann eben gegebenenfalls zu helfen.
25:10Einsamkeit ist etwas, was inzwischen auch von der Weltgesundheitsorganisation als großer Risikofaktor auch für die Lebensdauer angesehen wird.
25:20Es ist sozusagen noch krasser als Adipositas, tatsächlich lebensverkürzend.
25:24Das heißt, die wachsende Einsamkeit ist nicht nur ein gesundheitspolitisches Problem.
25:28Die wachsende Einsamkeit ist ein massives Problem für uns als Gesellschaft und als Demokratie.
25:35Einzelne Bundesländer und Städte sind schon aktiv, wie Dortmund und Stuttgart.
25:40Die Stadt Stuttgart baut zusammen mit zwei Wohnungsbaugenossenschaften gerade ein neues Quartier.
25:45Einzigartig für die Region und ein Projekt der internationalen Bauausstellung.
25:56Man kann ganz viel sehen, ganz viele unterschiedliche Arten von Begegnungen.
26:02Man kann der Begegnung unterteilen, dass man sich erstmal einfach nur aus der Ferne beobachtet.
26:07Eine weitere Stufe wäre, in den Austausch zu kommen, sich zu grüßen, sich mal dir anzugeben, in Berührung.
26:19Ganz, ganz bewusst gemacht, dass tatsächlich Beziehungen über zum Beispiel Teilreiß- und Laubengänge oder Ähnliches möglich sind.
26:26Dass Begegnung in der Quartiersmitte möglich ist.
26:29Eine ganz wesentliche Sache, keine Tiefgaragen bringen noch mehr Begegnung.
26:34Also die Möglichkeit tatsächlich, oder die Notwendigkeit durchs Quartier zu gehen, wird ergänzt durch diese Wegestrukturen.
26:42Und das setzt sich fort in den Häuserstrukturen.
26:45Wo und in welchem Raum wären denn hier junge Erwachsene?
26:47Also die Waschbar, die wir hier unten haben, die ist deshalb da, weil es viele kleinere Wohnungen gibt, beziehungsweise auch
26:54Clusterwohnungen oder WGs.
26:56Das ist eine Großwohnung, wo tatsächlich unterschiedliche kleinere Einheiten mit drin sind, aber viel gemeinsame Fläche, eine gemeinsame Küche, die
27:04Möglichkeit, miteinander zu essen, vielleicht auch miteinander was zu veranstalten.
27:08Ja, es ist ein großer Kommunikationsraum, der ganz unterschiedlich belebt werden kann.
27:14Das ist jetzt kein ganz neues Thema, das ist gemeinschaftliche Wohnen, aber hier wird es einfach nochmal neu in einen
27:21Stadtteil reingebracht und kann dann Vorbild sein.
27:25Nur offene Räume verhindern kein Einsamkeitsgefühl.
27:29Deswegen sollen die zukünftigen Bewohner und Bewohnerinnen gut gemischt sein mit verschiedenen Altersgruppen, Herkünften und sozialen Schichten.
27:45Und Christopher? Der ist nach Magdeburg gezogen. Sein altes Leben ließ er hinter sich.
27:51Ich weiß nicht genau, ob das mehr Glück als Verstand war, aber ich habe es dann tatsächlich geschafft, dann nachher
27:56einen Job zu finden, weil ich eine ganze Menge an Bewerbungen rausgeschickt habe.
28:01Und dann ging es langsam bergauf, weil wenn man dann wieder Geld hatte, um sein Leben aufzubauen, dann kann man
28:08sein Leben ein bisschen mehr aufbauen, kann man wieder Leute besuchen fahren.
28:11Und dann bin ich umgezogen, wo ich überall Freunde habe und seitdem geht es mir gut.
28:25Und meine Freunde sind immer da und ich bin wirklich nie wirklich mehr allein. Das ist halt so das Ding.
28:30Wenn ich nur eine Person habe, mit der ich alle meine Probleme teilen kann.
28:36Wenn ich mit dieser Person auch sagen kann, hey, lass doch mal wandern gehen, lass doch mal irgendwas machen. Das
28:42macht schon so viel eigentlich, das ist eigentlich schon so viel wert.
28:48Christopher hat es geschafft. Seine Vergangenheit verarbeitet er aktuell in Hip-Hop-Songs.
28:57Doch die Angst, dass sein Einsamkeitsgefühl wieder zurückkommt, die bleibt.
29:10Es ist schon so ein bisschen wie so ein Fluch, wenn man so möchte. Ja, ich bin jetzt mittlerweile größtenteils
29:15drüber.
29:16Aber ich weiß ganz genau, wenn ich so ein bisschen so in einer gewissen Perspektive in mein Leben schaue, ich
29:20weiß, da ist auf jeden Fall was.
29:22Ich weiß auf jeden Fall, dass da Einsamkeit mit drin ist.
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