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  • vor 2 Tagen
Macht, Kontrolle und Besitzdenken sind die Motive, die bei
Femiziden immer wieder eine zentrale Rolle spielen.

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Transkript
00:01Heute in XY-Spuren des Verbrechens.
00:06Wenn Frauen gewaltsam sterben,
00:12dann erschreckend oft durch die Hand ihres Partners.
00:21Da bin ich ausgerastet. Ich wollte einfach nur, dass ihr aufhört.
00:37Vier Verbrechen, in denen Frauen getötet wurden.
00:40Wir sprechen hier nicht von einem Zufall, sondern von gezielten Taten.
00:44Ich bin Helene Reiner und in dieser Folge von XY-Spuren des Verbrechens
00:49geht es um sogenannte Femizide.
00:51Fast jeden Tag wird in Deutschland eine Frau oder ein Mädchen getötet.
00:56Oft durch Menschen aus dem engsten Umfeld,
00:58also durch Partner oder Ex-Partner.
01:01Ich möchte herausfinden, was diese Fälle aus dem XY-Archiv miteinander verbindet
01:06und warum diese Taten oft nach einem ähnlichen Prinzip ablaufen.
01:10Es geht um Macht, Kontrolle und Dominanz.
01:13Fangen wir an in Offenburg im Jahr 1976.
01:23Gegen Viertel nach acht am Abend kommt Irma Sanders nach Hause.
01:28Sie war in der Stadt einkaufen und danach noch bei Bekannten.
01:32Die Frau lebt seit etwa einem Jahr mit ihren Kindern allein
01:35in einer Einfamilienhaussiedlung in Offenburg.
01:51Herrlich!
02:15Etwa zwei Stunden später kehrt allmählich Ruhe ein.
02:19Von Renates Freunden sind zwei bereits gegangen. Ihre Mutter hat sie vermutlich schlafen gelegt.
02:28Um kurz vor halb elf steht plötzlich ein unbekannter Mann von der Straße wortlos im Garten.
02:34Er starrt die drei kurz an und verschwindet genauso unvermittelt, wie er gekommen ist.
02:43Was ist denn das für ein Typ? Der hat wohl eine Macke.
02:46Du, vielleicht hat er sich bloß in der Tür geirrt.
02:53Als sich die Freunde von Renate am Gartentor verabschieden, taucht der ungebetene Besucher plötzlich wieder auf.
03:00Lass mich jetzt mal.
03:02Also ich würde sagen, morgen früh.
03:03Sag mal, ist der Wurz da? Ich such den schon den ganzen Tag.
03:07Ne, der ist nicht da.
03:09Aber ist doch richtig hier, der wohnt doch hier, ja?
03:11Ja, ja.
03:12Wo ist er denn?
03:14Der ist wahrscheinlich im Kastanienhof.
03:17Und wo ist das?
03:20Da vorne, rechts um die Ecke, dann links den Weg lang und dann immer geradeaus.
03:24Also hier rechts, ja?
03:25Ja.
03:26Na gut.
03:29Ob der Fremde, der nach Wurz gefragt hat, Renates Bruder wirklich gekannt hat, bleibt unklar.
03:40Vermutlich hielt sich der Mann weiterhin in der Nähe des Hauses auf.
03:44Denn nur eine Viertelstunde später beobachtet eine Nachbarin eine gewaltsame Szene zwischen Renate und einem jungen Mann,
03:50der sie in einen schmalen Fußweg hinter den Garten der Häuser zerrt.
04:00Es beginnt ein Wettlauf um Leben und Tod in der Siedlung.
04:06Während sich Renate durch die Terrassentür rettet, schlüpft der Täter durch die offene Eingangstür ins Haus.
04:31Renates Bruder will Mutter und Schwester nicht aufwecken.
04:34Er ist deshalb besonders leise und schaltet auch das Licht im Flur nicht an, als er nach Hause kommt.
04:42Er ist das Licht im Flur nicht an, als er nach Hause kommt.
05:11Er ist das Licht zubereitet, wird er stutzig. Auch über das offenstehende Tresorfach wundert er sich.
05:25Zeig, was war das?
05:26Einen Schlaf habt ihr heute?
05:34Es ist die wohl furchtbarste Entdeckung seines Lebens. Mutter und Schwester sind tot.
05:42Mutter und Tochter, zwei Leben in nur einer Nacht ausgelöscht.
05:46Dieser Doppelmord zählt zu den unheimlichsten Fällen aus dem XY-Sendungsarchiv.
05:52Der Täter ging damals so brutal vor, dass man die Tat bewusst nicht nachgestellt hat.
05:57Aber die verbogenen Gabeln und Messer, die man im Haus gefunden hat, geben Hinweise darauf, was sich da abgespielt haben
06:02könnte.
06:02Es waren Tatwerkzeuge für den Mörder.
06:05Bei diesem Fall gingen damals viele Hinweise aus der Bevölkerung ein, die bei der Suche nach dem Täter geholfen haben.
06:12Das war eine ziemlich ungewöhnliche Suche.
06:18Der Täter soll ca. 20 Jahre alt und 1,70 bis 1,75 m groß und schlank sein.
06:25Hell bis mittelblonde Haare, relativ lang. Und bis zum Kinnwinkel reichende Koteletten.
06:31Die Kleidung, eine helle Hose und ein grün kariertes Sporthemd.
06:38Die Offenburger Kriminalpolizei leitet ungewöhnliche Fahndungsmaßnahmen ein, nachdem über tausend Spuren ausgewertet wurden.
06:45Mit Erfolg. Der Täter wird beim Trampen erkannt und gesteht wenig später die Tat.
06:55Er gibt zu, die 17-jährige Renate vor einiger Zeit im Freibad belästigt zu haben.
07:01Sie hatte ihn zurückgewiesen. Eine Tatsache, die er nicht ertragen konnte.
07:07Wütend und gekränkt darüber war sein Motiv Rache.
07:13Der 21-jährige Täter wird verurteilt zu 15 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.
07:20Auslöser für diese brutale Tat war eine Zurückweisung, die er nicht ertragen konnte.
07:26Diese Art von gekränktem Stolz, dem Wunsch nach Kontrolle, aber auch Besitzdenken,
07:31Das sind Motive, die in vielen Femiziden ähnlich sind, also wenn Frauen getötet werden.
07:36Man findet auch im Archiv von Aktenzeichen XY ungelöst viele Fälle, die genau diesem Muster folgen.
07:42Einer ist der von Yvonne Rieken. Sie steht 2017 vor einem Wendepunkt in ihrem Leben.
07:48Ihr Sohn ist gerade ausgezogen. Sie zieht in eine neue Wohnung und hat einen neuen Partner.
07:53Aber dieses Glück ist schnell wieder vorbei.
08:15Yvonne Rieken zieht in ihre neue Wohnung in Schleswig-Holstein.
08:25Sie ist 39 und hat einen 18 Jahre alten Sohn. Er wohnt in Hamburg, wo er eine Ausbildung macht.
08:32Kannst du erstmal Ronja reinbringen? Du, nicht, dass sie uns dann noch auf die Straße rennt.
08:36Mach ich. Komm Ronja.
08:41Bringst du rein, oder?
08:42Ja.
08:43Beim Einzug hilft auch Yvonnes neuer Freund.
08:52Er stammt aus Berlin. Die Beziehung der beiden ist noch ganz frisch.
08:57Wegen der Entfernung von fast 300 Kilometern sehen sie sich nur an den Wochenenden.
09:05Die erste Nacht in meiner eigenen Wohnung. Zusammen mit dir. Das ist einfach nur schön.
09:12Nach all diesen verrückten Monaten.
09:15Hat dein Ex eigentlich noch was gesagt?
09:17Klaus?
09:19Nee. In den letzten Wochen ist er mir komplett aus dem Weg gegangen.
09:23Aber wir müssen doch immer miteinander reden.
09:27Das mit dem Geld ist ja noch nicht geklärt.
09:31Yvonne hat zwei Jobs.
09:33Sie arbeitet als Verkäuferin in einem Geschäft für Tiernahrung und in einer Autobahntankstelle an der Kasse.
09:40Wiedersehen.
09:41Ihr Ex-Freund, Klaus Weber, ist selbst Pächter einer Tankstelle.
09:45Vier Jahre lang hatten beide zusammengelebt, bevor ihre Beziehung vor ein paar Monaten zerbrach.
09:51Hallo Yvonne.
09:54Klaus.
09:55Was machst du hier?
09:56Wollte nur mal ran, wie es dir so geht. Mit der Wohnung und so.
09:59Gut.
10:01Bin ich sehr wohl?
10:02Okay.
10:03Hast du mit dem Anwalt geredet?
10:05Habe ich und er sagt, das ist alles überhaupt kein Problem.
10:08Kein Problem heißt?
10:09Dass du vom Kaufvertrag fürs Haus zurücktrittst und dein Geld wieder bekommst.
10:13Und wann?
10:14Das hat er nicht gesagt. Das dauert ja auch mit Papieraufsätzen und so.
10:16Klaus, ich brauche das Geld.
10:19Allein schon für den Umzug habe ich einen riesen Kredit aufgenommen.
10:22Ich kümmere mich drum.
10:25Versprochen.
10:31Dreieinhalb Wochen sind seit Yvonnes Umzug vergangen.
10:35Obwohl sie stark erkältet ist, fährt sie nach einem Anruf ihres Ex-Freundes zu dessen Haus in den Nachbarort.
10:42Klaus Weber bittet darum, die Unterlagen vom Anwalt zu unterschreiben.
10:46Yvonne möchte schnellstmöglich aus dem Vertrag aussteigen.
10:50Bin jetzt bei Klaus. Ich versuche es kurz zu machen.
10:56Das würde ich sehr begrüßen.
11:06Du bleibst jetzt hier drinnen. Und du bist schön brav. Ich komme gleich wieder.
11:11So.
11:23Hallo, Yvonne hier. Hinterlasst eure Nachricht nach dem Piep.
11:29Yvonne, was ist los bei dir? Warum gehst du nicht ans Handy?
11:33Ruf mich bitte zurück.
11:34Yvonnes Partner macht sich von Berlin auf den Weg nach Travenbrück.
11:38Als er Yvonne nicht in ihrer Wohnung antrifft, erstattet er umgehend Vermisstenanzeige bei der Polizei.
11:44Da die Gesamtumstände merkwürdig erscheinen, beginnt die Vermisstenstelle der Polizei sofort mit den Ermittlungen.
11:50Als Erster wird Klaus Weber befragt.
11:53Er ist mutmaßlich der Letzte, der Yvonne am Vorabend noch gesehen hat.
11:57Das ist Yvonnes Auto.
12:00Du schau mal, da liegt eine Handtasche auf dem Beifahrersitz.
12:03Die gehört Yvonne, hat sie vergessen.
12:05Was ist denn überhaupt genau passiert?
12:07Also Yvonne war gestern Abend bei mir, aber nicht lang.
12:10Mein Anwalt hat gesagt, du sollst dir alles nochmal ganz genau durchlesen.
12:14Aber ich dachte, ich unterschreibe jetzt und alles ist gut.
12:20Vielleicht ein Missverständnis?
12:25Ist alles okay?
12:28Nein, mir ist richtig, mir ist gar nicht gut.
12:34Richtig übel.
12:36Hast du was Frisches gegessen oder ist das die Erkältung?
12:39Ich weiß nicht.
12:40Und dann?
12:41Ich habe ihr dann angeboten, sie nach Hause zu fahren.
12:44In dem Zustand konnte ich sie auf keinen Fall selbst fahren lassen.
12:46Ich habe zu ihr gesagt, lass doch den Hund über Nacht bei mir, dann kannst du länger schlafen.
12:50Wir haben dann ihren Wagen genommen, es ging ihr wirklich nicht gut.
12:58Dann hat sie mich plötzlich gebeten, anzuhalten.
13:00Das war kurz vorm Ortseingang.
13:03Ich möchte noch ein paar Meter laufen.
13:05Frische Luft schmücken.
13:07Ernsthaft?
13:07Ja.
13:09Okay.
13:23Yvonne wollte sich von ihrem Ex-Partner lösen und war gerade dabei, ein neues Kapitel aufzuschlagen.
13:28Und dann kostet sie ausgerechnet das ihr Leben.
13:31Ich bin auf dem Weg zu Dr. Laurent Lafleur.
13:34Er ist Richter hier im Oberlandesgericht München und beschäftigt sich unter anderem mit der Rechtsprechung in Fällen von Femiziden.
13:40Ich möchte mit ihm auch über Yvonne Rieken sprechen, aber vorher schauen wir noch, wie es in diesem Fall weiterging.
13:52Bei der Vernehmung des Beschuldigten wird schnell klar, dass seine Version der Geschichte nicht stimmen kann.
13:58Außerdem geben mehrere Ex-Lebensgefährten an, dass er ihnen gegenüber gewalttätig geworden war.
14:04Das begründet zwar einen Anfangsverdacht, doch Yvonnes Handy bleibt unauffindbar.
14:09Und auch die intensive Suche in einem Waldgebiet klärt ihr Verschwinden nicht auf.
14:15Die Kripo Lübeck wendet sich mit dem Fall an das Publikum von Aktenzeichen XY ungelöst.
14:21Einer der Zuschauerhinweise wird die Polizei einen entscheidenden Schritt weiterbringen.
14:28An dem Abend, als die Frau verschwunden ist, 25. Oktober 2017,
14:33da bin ich mit meinem Auto von der Spätschicht gekommen.
14:35Muss so viertel nach elf gewesen sein. Ich habe das extra nochmal im Dienstplan überprüft.
14:41Und an der Bushaltestelle an dem Abend, da stand ein Auto und es hatte das Fernlicht an.
14:47Ja, das hat mich genervt. Und da habe ich dann auch aufgeblendet.
14:50Und haben Sie auch Personen gesehen?
14:52Nur den Mann am Steuer.
14:55Sonst niemand? Also vielleicht neben dem Auto oder zu Fuß auf dem Weg nach ***?
15:01Nein. Außer dem Mann, also dem Fahrer, habe ich keinen Menschen gesehen.
15:08Und konnten Sie das Gesicht des Mannes am Steuer erkennen?
15:12Ja. Ja, ziemlich gut sogar. Das war der Klaus Weber. Da bin ich sicher.
15:19Die Kripo geht davon aus, dass Klaus Weber nur zur Bushaltestelle gefahren ist, um eine falsche Fährte zu legen.
15:25Es wird Anklage erhoben, auch ohne Leiche.
15:29Exakt eineinhalb Jahre nach Yvonne Riekens Verschwinden dann die Wände.
15:33Ihre sterblichen Überreste tauchen in einem Plastiksack an einem Autobahnkreuz in der Nähe auf.
15:38Hallo. Wer hat die Leiche gefunden?
15:41Hallo.
15:42Zwei Landwirte. Die haben erzählt, dass hier die meiste Zeit alles unter Wasser steht. Insofern reiner Zufall.
15:49Könnt ihr schon was sagen?
15:50Noch nicht viel. Liegt aber auf jeden Fall schon länger.
15:54Bei der Leiche wurde eine blaue Daunenjacke gefunden. Daran die DNA des Tatverdächtigen. Der endgültige Beweis für die Schuld.
16:04Herr Angeklagter, was sagen Sie zu dem Vorwurf?
16:11Ich gebe es zu, ich habe Yvonne getötet.
16:16Aber ich wollte das nicht. Es ist einfach so passiert.
16:19Der wo? Bei Ihnen im Haus?
16:22Nein, ich habe Yvonne gefahren, wie ich es vorhin erzählt habe.
16:25Wir haben uns dann aber im Auto heftig gestritten.
16:27Sie hat mir die Schuld an allen gegeben. An der Trennung, an den Problemen mit dem Geld.
16:32Sie hat mich angeschrien.
16:34Yvonne!
16:34An der Bushaltestelle ist sie dann raus aus dem Auto und ich hinterher.
16:37Was soll das denn jetzt?
16:38Sie hat mich in Ruhe!
16:40Yvonne!
16:40Sie hat mich geschubst und geschlagen und angebrüllt, dass ihr Neuer viel besser im Bett ist und so.
16:45Gott, wieso an du Schlappschwanz?
16:47Erst durch Mario weiß, was ein echter Kerl ist!
16:50Lass mich endlich in Ruhe!
16:52Auf!
16:53Halt mich mal!
16:54Da bin ich ausgerastet.
16:56Ich wollte einfach nur, dass sie aufhört.
16:59Sie hat einen völligen Blackout.
17:01Sie ist zu Boden gesackt und
17:04lag da plötzlich auf der Straße vor mir.
17:07Tod.
17:09Das vermeintliche Einknicken des Angeklagten ist vermutlich der Versuch, die Flucht nach vorn anzutreten, um eine mildere Strafe zu erzielen.
17:17Dabei zeigen Ermittlungen, das Handy des Opfers war lediglich zwei Minuten lang an der Bushaltestelle eingelockt.
17:23Zu wenig Zeit für die Tatausführung.
17:27Hohes Gericht, ich bin der Überzeugung, als der Angeklagte zur Bushaltestelle fuhr, war das Opfer bereits tot.
17:35Und es war kein Totschlag im Affekt.
17:37Der Angeklagte hatte alles von Anfang an geplant.
17:40Er hatte sie an diesem Abend gezielt zu sich nach Hause gelockt.
17:45Herr Leflöhr, das Gericht ist in diesem Fall der Einschätzung der Staatsanwaltschaft gefolgt und hat Klaus Weber 2020 verurteilt zu
17:52lebenslanger Haft wegen Mordes.
17:54Haben wir es hier mit einem klassischen Femizid zu tun oder wie beurteilen Sie als Strafrechtler diesen Begriff?
17:59Der Begriff des Femizids ist zunächst einmal kein juristischer Fachbegriff.
18:04Sie finden im Strafgesetzbuch keine Vorschrift, die den Femizid definieren würde, die darstellen würde, der Femizid ist strafbar.
18:12Sondern der Femizid ist ein soziologischer Begriff, mit dem in den 70er Jahren versucht wurde zu umschreiben,
18:19Tötungsdelikte an Frauen und dann mit der Definition, weil sie Frauen sind.
18:24Das ist eigentlich im Alltag der Strafjustiz mit der Begründung jedenfalls kein besonders häufig anzutreffendes Motiv.
18:31Dass ein Angeklagter tatsächlich sagt, ich habe diesen Menschen getötet, weil sie eine Frau ist, passiert nach meiner Erfahrung nie.
18:39Was sehr viel häufiger der Fall ist, und so war es ja auch hier, der Mann tötet eine Frau, weil
18:44sie nicht mehr seine Frau sein möchte.
18:46Also eine sogenannte Trennungstötung.
18:48Also Femizid kommt als Wort gar nicht vor im deutschen Strafgesetzbuch.
18:53Wenn man sich mal die Zahlen anschaut, die sind, was Gewalt- und Tötungsdelikte an Frauen und Mädchen angeht, ja
18:58erschreckend hoch.
18:59Es gibt deswegen ja die Forderung, Femizid als Straftatbestand zu übernehmen.
19:05Was würde das aus Ihrer Sicht verändern?
19:07Wenn man das geltende Recht nur richtig anwendet, bin ich der festen Überzeugung, brauchen wir keinen neuen Straftatbestand des Femizids.
19:15Wir haben im deutschen Recht die grundlegende Unterscheidung zwischen Mord und Totschlag bei vorsätzlichen Tötungsdelikten.
19:21Während der Totschlag die vorsätzliche Tötung eines anderen Menschen umschreibt, umschreibt der Mord die vorsätzliche Tötung eines anderen Menschen unter
19:30besonders verwerflichen Bedingungen oder aus besonders verwerflichen Motiven.
19:35Und mit diesen beiden Vorschriften kann man, wenn man sie richtig anwendet, die allermeisten Fälle, die unter dem Schlagwort Femizid,
19:44insbesondere in den Medien behandelt werden, eigentlich gut erfassen.
19:47Und trotzdem kommen Täter immer wieder mit dem Straftatbestand Totschlag davon, bei dem die Strafen im Gegensatz zu Mord ja
19:55geringer sind.
19:56Wir sprechen gleich nochmal darüber, warum das so ist, müssen uns aber vorher mit einem Fall beschäftigen, der besonders erschüttert.
20:03Den Mord an einer Schülerin.
20:06Merle Stering wird mit nur 13 Jahren aus dem Leben gerissen, bei einem Spaziergang.
20:11Ein Fahrrad liefert damals die entscheidenden Hinweise an die Ermittler, die dazu führen, dass der Täter festgenommen werden kann.
20:18Und der ist damals selbst noch überraschend jung.
20:23Also Merle, nicht schummeln, du musst nur ein Stück zurück.
20:26Na gut, wenn du so genau bist. Wie weit geht es? Bis zu unserem Haus oder bis zu euren?
20:30Bis zu eurer Garage.
20:32Gut, also, auf die Plätze, fertig, los!
20:38Merle ist eines von vier Kindern der Familie Stering, die am Rande eines Erholungsgebietes in Schleswig-Holstein lebt.
20:47Merles Freundin Susanne wohnt ganz in der Nähe.
20:51Es vergeht kaum ein Tag, an dem die beiden Mädchen nicht ihre Freizeit miteinander verbringen.
21:03Unentschieden nochmal?
21:04Ich hab keine Lust, lass uns hier was anderes spielen.
21:07Ach Merle, da bist du ja. Guten Tag Susanne.
21:10Ach, du weißt, heute ist Klavierstunde. In zehn Minuten fahren wir los.
21:13Kommst du bitte rein, um uns deine Sachen zu sagen?
21:15Och, wir wollten gerade auf den Ballsplatz. Na ja, tschüss dann.
21:18Mensch, schade. Na ja, ich komm dann nach dem Essen nochmal vorbei.
21:21In Ordnung. Tschüss Susanne.
21:23Stellst du dein Fahrrad oben ab?
21:27Merle teilt sich ihr Zimmer mit der 15-jährigen Schwester.
21:31Die zwei Jahre jüngere Merle turnt im örtlichen Sportverein und verbringt viel Zeit mit den Jagdhunden Dimka und Dina.
21:39Ja, komm hier.
21:40Wie, muss denn das sein? Siehst du nicht, dass ich blüffeln muss?
21:43Oh.
21:48Merle, bist du fertig? Deine Strickjacke liegt in der Küche, wenn du sie suchst.
21:53Ja.
21:56An einem gewöhnlichen Sonntag wird in der Familie Stering der Tagesablauf besprochen.
22:02Das Ehepaar will mit dem achtjährigen Sohn einen Ausflug nach Dänemark zu einer Ruderregatta machen.
22:08Die drei Töchter haben andere Pläne.
22:14Merle, komm doch mit zur Regatta.
22:16Ich würde ja gar nicht.
22:18Komm, du, das geht nicht. Das musst du verstehen.
22:20Die Merle ist im Konfirmandenjahr.
22:22Dann muss sie jeden Sonntag in die Kirche, sonst wird sie nicht konfirmiert.
22:25Doof, dann bin ich ganz alleine.
22:28Und am Nachmittag muss die Merle die Oma besuchen, damit die nicht herange ist.
22:48Merle nutzt die Besuche bei der Oma meist dazu, um Klavier zu üben.
22:53Am Nachmittag hat sie längst vergessen, dass sie gerne mit den Eltern und ihrem Bruder nach Dänemark gefahren wäre.
23:04Merle, du musst doch auch allmählich los.
23:07Du warst doch, deine Mutter hat gesagt, du musst um sechs Uhr zu Hause sein.
23:11Ja, ich fang schon grad zusammen.
23:35Der Heimweg führt durch einen Park, der sich bis zum Haus der Eltern erstreckt.
23:40Etwa eine halbe Stunde braucht sie für den Weg.
23:45Auf der nahegelegenen Bundesstraße bilden sich wie sonntags um diese Zeit üblich erste Autoschlangen.
23:57Merle wird auf ihrem Weg von mehreren Bekannten gesehen und kommt sogar ins Gespräch.
24:04Wie lange hast du den denn schon?
24:06Erst ein paar Wochen.
24:07Aha.
24:08Wirst du denn fertig mit allen beiden?
24:10Ja, zum Fuß schon.
24:11Aber wenn ich mit dem Fahrrad fahre, da ist es schlimm.
24:14Christina versteht das noch nicht.
24:16Vertragen sich denn die beiden?
24:17Ja, doch.
24:18Ja, du süßer.
24:20Ja, dann.
24:21Also, tschüss Merle.
24:22Tschüss.
24:35Merles Freundin Susanne wartet um diese Zeit bereits vor dem Haus der Familie auf sie.
24:41Einer ihrer Brüder kommt gerade vom Fußballplatz nach Hause.
24:45Na, Schwesterchen, ist deine Brüsenfreundin nicht da?
24:48Das geht dich gar nichts an.
24:49Na, na, nimm mal nicht gleich so hochnäsig.
24:51Ach, halt mal.
25:07Ach, Marion.
25:08Hallo Susanne, was gibt's denn?
25:10Ist die Merle schon zurück?
25:11Nein, aber sie muss bald kommen.
25:12Wartest du hier vor dem Haus?
25:13Ja, ja, mache ich.
25:14Dann siehst du ja, wenn sie kommt.
25:15Ist gut, tschüss.
25:18Sie ist ja mit meinem Fahrrad abgehauen, sowas Gemeines.
25:21Herr LaFleur, wir sehen gleich noch, dass die 13-jährige Merle Opfer eines Verbrechens geworden ist.
25:26Und auch das lässt sich als Femizid einordnen.
25:29Warum beschäftigen Sie sich als Jurist eigentlich so intensiv mit diesem Thema?
25:33Ich habe jahrelang Tötungsdelikte als Staatsanwalt ermittelt und musste mich da regelmäßig mit der Frage der rechtlichen Einordnung von Tötungsdelikten
25:42befassen.
25:43Und leider waren vergleichsweise viele von den Tötungsdelikten, die ich bearbeiten musste, Tötungsdelikte von Männern an Frauen, die sie gerade
25:51verlassen hatten oder die sie gerade verlassen wollten.
25:53Was sind denn die häufigsten Motive für Femizide?
25:57Wir prüfen als Staatsanwälte, als Richter nicht, ist eine Tat ein Femizid, ja oder nein, sondern wir prüfen, ist eine
26:05Tat ein vorsätzliches Tötungsdelikt einmal vorausgesetzt, ein sogenannter Totschlag, geregelt in §212 des Strafgesetzbuchs oder ein Mord, geregelt in §211
26:15des Strafgesetzbuchs.
26:16Bei den Motiven, die einen Totschlag zu einem Mord machen können, gibt es die sogenannten niedrigen Beweggründe, die sonstigen niedrigen
26:26Beweggründe.
26:27Der Ansatzpunkt, warum nun die klassische Trennungstötung, also damit der wohl wichtigste Fall, der von dem Begriff des Femizids erfasst
26:35werden soll, einen niedrigen Beweggrund darstellt, ist zunächst einmal, der Mann macht gegenüber der Frau in vielen dieser Fälle Besitzansprüche
26:43geltend.
26:43Er will sie dafür bestrafen, dass sie ihn verlässt oder dass sie vorhat, ihn zu verlassen oder ihn bereits verlassen
26:50hat.
26:51Und diese Geldmachung eines Besitzanspruchs ist tatsächlich etwas, was unsere Rechtsordnung so nicht kennt.
26:58Es gibt keine Besitzansprüche gegenüber Menschen.
27:01Und daher ist daraus der Schluss grundsätzlich zu ziehen, dass eine solche Tötung besonders verachtenswert ist.
27:07Und ist das der Grund, weshalb dann Täter, wenn sie ein Femizid begehen, immer noch so häufig davon kommen mit
27:13den geringeren Strafen für den Straftatbestand Totschlag und nicht Mord?
27:19Wenn man dieses Mordmerkmal der niedrigen Beweggründe nicht bejaht, sondern es ablehnt, dann kann es durchaus sein, dass es an
27:26der Anordnung als Mord im Ergebnis fehlte.
27:29Herr Leflöhr, vielen Dank für die Einordnung.
27:31Sehr gerne.
27:33In unserem Fall von Merle geht es um ein 13-jähriges Mädchen. Das hatte damals noch gar keinen festen Freund.
27:39Und trotzdem wurde Merle Opfer eines Mannes, der eine Zurückweisung nicht ertragen und sie deshalb ermordet hat.
27:47Um kurz vor 18 Uhr sind noch etliche Ausflügler und Spaziergänger im Park unterwegs.
27:56Etwa 150 Meter vor ihrem Elternhaus zerrt der Täter die erst 13-Jährige ins Gebüsch und sticht 27 Mal auf
28:07sie ein.
28:21Auf der nahegelegenen Bundesstraße staut es sich. Der Täter muss an der Autoschlange entlang vorbeigefahren sein.
28:28Vorbei an vielen Zeugen, die nichts ahnen.
28:32Nach intensiver Fahndung gelingt eine Festnahme.
28:35Und tatsächlich legt er zum Tatzeitpunkt 20-jährige Täter im Jahr 1984 ein Geständnis ab.
28:41Sein Motiv? Rache wegen Zurückweisung.
28:45Er wird zu 10 Jahren Haft wegen Mordes aus niederen Beweggründen verurteilt. Die höchstmögliche Jugendstrafe.
28:53In der Begründung des Urteils heißt es, wegen seines geringen Selbstwertgefühls war der Täter besonders empfindlich für Kränkungen und reagierte
29:02unberechenbar.
29:03In unserem nächsten Fall aus 2015 tötet nicht nur ein einzelner gekränkter Mann.
29:10Es geht um den Mord an einer Frau, der mit der Verletzung der Ehre begründet und sogar angekündigt wurde.
29:23Fahna ist ethnisch gesehen, Kurdin.
29:25Aus der Türkei?
29:26Nein, auf dem Irak.
29:28Dann ist sie Muslima?
29:29Nein, Jesidin. Die haben ihre eigene Religion.
29:32Das ist echt kompliziert.
29:38Mit 15 wurde sie verheiratet.
29:40Und gegen ihren Willen wahrscheinlich.
29:42Genau.
29:43In Deutschland hat man sie komplett abgeschottet.
29:46Sie durfte die Wohnung nicht verlassen, bekam kein Geld.
29:49Ihr Mann hat sie auch geschlagen.
29:51Sag mal, Freiheitsberaubung und Körperverletzung?
29:54Ich würde ja zur Polizei gehen.
29:56Da war sie auch.
29:57Aber die konnten nicht fehlmachen.
29:59Hanna möchte nur noch weg von allem.
30:01Ja, dann soll sie es tun.
30:03Wo ist das Problem?
30:04Die Ehre, die zerstört sie.
30:06Sie geht von einem Frauen aus ins andere, damit ihr Mann sie nicht findet.
30:10Er oder seine Familie.
30:11Ja, und wenn doch?
30:13Darüber entscheidet das Oberhaupt.
30:14Ich denke, das ist ihr Mann.
30:16Nein, das Oberhaupt der Familie lebt im Irak.
30:20Ich würde deine Hanna gerne mal kennenlernen.
30:24Auf der Flucht vor der Familie ihres Mannes lebt Hanna S. mit ihrer Tochter in unterschiedlichen Frauenhäusern.
30:31Doch in Sicherheit ist sie nicht.
30:35Voll in power!
30:36Was ist denn das?
30:37Nein!
30:41Hey!
30:51Hallo Hanna, Schatz.
30:55Klingst du?
30:59Was?
31:00Wohin fahren wir?
31:01Ins nächste Frauenhaus?
31:03Zu dir!
31:04Ihr braucht eine richtige Wohnung.
31:06Ich helfe euch.
31:11Karim ist so ein Lieber.
31:13Er hat alles renoviert.
31:15Und hier schläft meine kleine Miriam.
31:17Oh, wie hübsch!
31:19Ohne Karim hätte ich diese Wohnung nicht so schnell gefunden.
31:23Nette Möbel.
31:24Hat er die bezahlt?
31:25Nein, ich hab einen Job.
31:28Endlich kann Miriam sich wohlfühlen.
31:30Na, das glaub ich.
31:31Und wie geht's deinen anderen Kindern?
31:34Das ist eine lange Geschichte.
31:37Komm, wir trinken Tee.
31:39Zu ihren zwei leiblichen Söhnen hat Hanna S. ein distanziertes Verhältnis.
31:43Die beiden halten zu ihrem Vater.
31:47Nach jesidischem Recht ist es so, dass die Frau dem Mann gehört.
31:50Er kann mit ihr praktisch tun, was er will.
31:52Erst nach einer Scheidung ist sie frei.
31:54Das ist doch Mittelalter.
31:57Ich zeig dir was.
31:58Zwischen Hanna und Sabine, der Kollegin von Karim, kommt es zu einer engen Freundschaft.
32:03Die Frauen haben keine Geheimnisse voreinander.
32:06Wow, darf ich?
32:08Klar.
32:09Was ist das?
32:11Mein Hochzeitsgeschenk für mich.
32:12Von seiner Familie und von meiner.
32:14Und das mit 14?
32:1515.
32:16Das ist schwer.
32:17Ist das echtes Gold?
32:19Natürlich.
32:19Es gibt nichts Wichtigeres als die Familie.
32:21Was hat das für einen Wert?
32:23Das ist ja massiv.
32:30Ich glaube, mein Mann will alles zurück.
32:32Und?
32:32Gibt es es ihm?
32:34Nein.
32:35Nein, es gehört mir.
32:38Irgendwann besorge ich meinen Schlüssel.
32:39Du hast doch Angst, dass er dich hier findet.
32:42Meine Post geht über die Adresse meiner Anwältin.
32:46Und deine Arbeitsstelle, die wissen doch...
32:47Meinem Chef kann ich vertrauen.
32:49Dann ist ja alles gut.
32:55Nicht nur, dass Hannah sich mit ihrer Tochter vor ihrem Mann verstecken muss.
32:59Ein laufendes Gerichtsverfahren könnte ihr auch noch das letzte Kind nehmen.
33:13Das ist ja alles gut.
33:33Das ist ja alles gut.
34:03Sie wollen mich umbringen.
34:05Was ist los?
34:06Wer will dich töten?
34:09Sie schreiben, sie schlachten mich wie ein Esel, wenn ich das goldenes Kind nicht rausrücke.
34:14Du musst zur Polizei gehen.
34:15Unbedingt.
34:17Ja, aber die sind schlau.
34:18Die hinterlassen keine Beweise.
34:20Sag denn Karim dazu.
34:22Ich habe mit ihm noch nicht gesprochen.
34:23Er ist bei seinen Eltern und ich wollte ihn nicht beunruhigen.
34:26Über das Kind entscheidet das Gericht.
34:29Niemand sonst.
34:31Wann ist denn der Termin?
34:32Im Dezember.
34:34Ja, und der Schmuck gehört dir.
34:37Ja.
34:39Sechs Monate lassen sie mir Zeit, haben sie geschrieben.
34:43Ich nähe dich.
34:46Sabina, ich glaube eines können sie mir nicht verzeihen.
34:49Ich habe Karim zum Freund.
34:52Und stattdessen sie mir Zeit.
35:20Der Richter hat gesagt,
35:35Das Urteil ist ein schwerer Schlag für Hannah S. In der Wohnung, die Karim ihr besorgt hat, will sie nun
35:41nicht mehr bleiben.
35:44Hallo? Hallo Julia! Ja, wissen Sie schon, ob das mit den Möbeln klappt? Ah, toll! Ja, die müssen so schnell
35:55wie möglich abgeholt werden. Morgen ab 10. Ja, ich bin in der Wohnung. Einfach klingeln. Einfach klingeln, okay. Ja, tschüss.
36:10In den Monaten nach der Mordandrohung und dem Verlust ihrer Tochter muss Hannah wieder neu anfangen.
36:17Ihr Partner Karim bleibt an ihrer Seite.
36:27Ja, tschüss.
36:31Ja, tschüss.
36:34Bitte.
37:07Ob die Polizei glaubt, dass sie noch lebt?
37:11Bei den Blutspuren in der Wohnung.
37:15Nein.
37:17Hanna ist tot.
37:19Sie ist mal heftig bedroht worden.
37:22Du meinst das Messer mit dem Blut.
37:25Die Nachricht hat sie mir auch gezeigt.
37:28Es ging um den Hochzeitsschmuck.
37:30Wenn sie den nicht hergeben würde, dann...
37:35Das war am 21. Oktober.
37:38Ja, und?
37:39Die Familie hat ihr damals sechs Monate Zeit gegeben.
37:44Gestern war der 21. April.
37:47Auf den Tag genau sechs Monate später.
37:50Und wir haben nichts mehr dran gedacht.
37:55Davor hat sie sich immer gefürchtet, dass ihre Leute sie finden und sie töten.
37:59Das ist doch alles Wahnsinn.
38:03Ja, aber die sehen das nicht so.
38:12Fünf Personen werden wegen gemeinschaftlichen Mordes aus niedrigen Beweggründen angeklagt.
38:16Also Gründe, die als besonders verwerflich gelten.
38:19Zum Beispiel Hass oder Rache.
38:21Unter den Angeklagten ist auch der Ehemann von Hanna S.
38:26Die mehrfache Mutter musste sterben, weil ihre Entscheidung zur Trennung und für eine neue Beziehung den Ehrbegriff der Angeklagten widersprochen
38:35haben soll.
38:36Erst mehr als zwei Jahre später wird ihre Leiche an der A5 bei Kronau gefunden.
38:41Das Urteil lautete lebenslange Haft für den Schwager, 10,5 Jahre Haft für den Ehemann wegen Beihilfe zum Mord und
38:499,5 Jahre Jugendstrafe für den Sohn.
38:51Ich kann über die Perspektive der Polizei jetzt mit Fabian Puchelt sprechen.
38:55Er ist vom LKA Bayern und in Aktenzeichen XY ungelöst informiert er die Zuschauer regelmäßig über die Hinweise, die eingegangen
39:02sind.
39:03Hallo Herr Puchelt.
39:03Hallo Frau Werner.
39:04Wir haben jetzt gerade einen Femizid gesehen, der wurde ja sogar angedroht und das gibt es auch in anderen Fällen.
39:10Da wird ganz offen damit gedroht, den Frauen etwas anzutun.
39:13Ich denke mir dabei, so etwas müsste sich doch eigentlich verhindern lassen, oder?
39:17Ja, also die ganz große Thematik und Problematik, die wir bei dem Thema Femizide haben, ist, dass ein Femizid in
39:22der Regel nicht auf offener Straße stattfindet, im öffentlichen Raum,
39:25sondern eben zu Hause in den eigenen vier Wänden, im geschützten Bereich und das Ganze innerhalb einer sehr intimen Partnerschaft.
39:32Und das macht es natürlich deutlich schwerer, weil wir hier keine Zeugen haben, keine große öffentliche Wahrnehmung.
39:38Das heißt, Sie müssen erst mal wissen, dass in diesen geschützten Räumen es eine Gefahr gibt.
39:44Also müssen die Betroffenen selbst aktiv werden, was umso wichtiger ist, dass sie ihre Rechte und Möglichkeiten da kennen.
39:50Was würden Sie den potenziellen Betroffenen raten? Ab welchem Moment sollten Sie zur Polizei gehen?
39:55Also ich glaube, den meisten Frauen ist gar nicht bewusst, ab wann beginnt denn überhaupt Gewalt innerhalb einer Partnerschaft.
40:00Und da sollten sich die Frauen wirklich bewusst machen, das sind schleichende Prozesse.
40:04Das fängt oftmals mit Kleinigkeiten an, sprich, es kommt vielleicht zum kleinen Geschubse zu Hause, es kommt zur physischer Gewalt,
40:10es kommt, man versucht unter Druck gesetzt zu werden.
40:13Und das sind schon bereits Grenzen, die überschritten werden, die muss man nicht akzeptieren, die muss man auch nicht hinnehmen.
40:19Und genau da beginnt eigentlich der Prozess, wo man sagt, bitte dokumentieren Sie das Ganze.
40:23Wenden Sie sich an Freunde, wenden Sie sich an Familienangehörige, teilen Sie mit, was hier eigentlich gerade passiert.
40:28Nur dann haben wir nachher als Sicherheitsbehörde, als Ermittlungsbehörde die Möglichkeit nachzuweisen, wann hat das Ganze begonnen, wie war der
40:35Verlauf und was ist vor allem schon alles vorgefallen.
40:38Und im nächsten Schritt, wenn Sie davon erfahren und eine Frau zu Ihnen kommt, sagt, ich erfahre da Gewalt zu
40:43Hause, was können Sie da machen?
40:45Da können wir relativ schnell tätig werden.
40:47Ich nehme jetzt mal den ganz klassischen Fall, wir bekommen über Notruf die Mitteilung zu Hause häusliche Gewalt.
40:52Die Frau wird angegriffen, die Frau wird im schlimmsten Fall geschlagen, dann fahren natürlich umgehend und sofort die ersten Streifenbesatzungen
40:58raus, klären vor Ort die Situation, greifen ein, unterbinden das Ganze natürlich sofort.
41:03Und dann wird geklärt, was ist jetzt Ihr Sachverhalt?
41:05Und wenn sich dann herausstellt, dass der Mann die Frau schlägt oder Gewalt gegen die Frau ausübt, dann wird erst
41:11mal umgehend abgeklärt mit der Frau und möchte sie in der Wohnung bleiben, braucht sie Zeit.
41:15Dann bekommt der Täter bzw. der Partner von uns ein sogenanntes Kontaktverbot ausgesprochen.
41:20Wir teilen ihn einen Platzverweis und verweisen ihm auch dann wirklich im Ernstfall aus seiner eigenen Wohnung und nehmen ihm
41:26auch für einen gewissen Zeitrahmen den Wohnungsschlüssel ab.
41:28Das klingt jetzt aber ja nach einer sehr unmittelbaren, kurzfristigen Handlung. Wie sieht es denn mit den längerfristigen Schutzmaßnahmen und
41:36Prävention aus?
41:38Genau, das ist wirklich von uns erstmal eine kurzfristige Sache. Wir wollen umgehend sofort die Tat unterbinden und wollen der
41:43Frau Zeit verschaffen.
41:44Dann gibt es verschiedene Hilfsangebote. Man kann sich an verschiedene NGOs wenden, die einen da wirklich beraten, die einem die
41:49Wege aufzeigen.
41:50Was habe ich denn für rechtliche Möglichkeiten? Wie schaut es aus? Welches Gericht ist zuständig? Welches Gericht kann jetzt auch
41:55verfügen, dass dieses Kontaktverbot verlängert wird?
41:57Und diese Hilfsangebote, die können wir seitens der Polizei der betroffenen Frau an die Hand geben.
42:03Wir können ja die verschiedenen Beratungsstellen empfehlen, wo sie sich hinwenden kann.
42:07Und dann hat sie wirklich die Möglichkeit, über einen längeren Zeitraum Schritt für Schritt aus dieser Situation natürlich rauszukommen.
42:13Vielen Dank, Fabian Puchelt.
42:15Sehr gerne.
42:16Wir haben also gesehen, dass Femizide nicht immer so leicht als solche einzuordnen sind.
42:21Was aber ganz klar ist, ist, dass Frauen und Mädchen immer wieder Opfer von sexueller und tödlicher Gewalt werden.
42:27Nämlich dort, wo Gleichberechtigung missachtet wird und dort, wo Machtkontrolle und Besitzdenken über das Leben von Frauen gestellt werden.
42:36Justiz, Polizei, Politik, aber auch wir als Gesellschaft sind gefragt.
42:40Und wir müssen Antworten darauf finden, wie man Frauen und Mädchen besser schützen kann.
42:45Das war XY Spuren des Verbrechens.
42:48Vielen Dank fürs Zuschauen.
42:52Das war XY Spuren des Verbrechens.

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