- vor 20 Stunden
In dieser Folge geht es um eine der quälendsten Fragen im
Kontext von Verbrechen: Was geschieht, wenn ein Mensch
verschwindet und Angehörige in ständiger Ungewissheit leben?
Kontext von Verbrechen: Was geschieht, wenn ein Mensch
verschwindet und Angehörige in ständiger Ungewissheit leben?
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00:01Menschen verschwinden, jeden Tag, manchmal spurlos.
00:05Was bleibt, sind Fragen. Was ist passiert? Lebt er oder sie noch?
00:10Für die Angehörigen bleibt vor allem eins, ein Leben zwischen Hoffnung und Angst.
00:15Diese Ungewissheit gerade macht einen wirklich seelisch krank.
00:20Wenn das Verbrechen eine Geschichte erzählt, mit vielen Facetten und Fragen, die offen bleiben.
00:25Eine dieser Fragen stellt sich manchmal noch, bevor überhaupt klar ist, ob ein Verbrechen vorliegt.
00:32Nämlich dann, wenn Menschen plötzlich verschwinden.
00:36Nicht zu wissen, was mit jemandem passiert ist, nicht zu wissen, ob er oder sie überhaupt noch am Leben ist,
00:41das ist für Angehörige eine extrem schwierige Situation.
00:45Im Archiv von Aktenzeichen XY Ungelöst gibt es viele Fälle von Kindern und Erwachsenen,
00:51die plötzlich nicht mehr aufgetaucht sind.
00:53Ich möchte wissen, was passiert, wenn Menschen verschwinden.
00:58Auch mit denen, die zurückbleiben.
01:01Das ist Hilal. Sie ist 1999 in der Nähe einer Hamburger Einkaufspassage verschwunden.
01:09Zehn Jahre alt war sie damals.
01:11Ich konnte mich vor einiger Zeit mit ihrem Bruder treffen und ich weiß,
01:14dass für ihre Familie seitdem nichts mehr so ist, wie es mal war.
01:19Hilal, ein aufgewecktes, fröhliches Mädchen.
01:22Sie ist die ältere von zwei Töchtern von Kamil und Ayla Ercan.
01:26Hilal ist zehn, als sie verschwindet.
01:28Mein Leben lang, ich könnte sie nicht vergessen.
01:31Ich vermisse sie.
01:32Ich will sie wieder, aber das geht nicht.
01:35Das weiß ich.
01:3928. Januar 1999.
01:42Hilals Mutter Ayla Ercan sucht ihre Tochter schon seit über 24 Stunden.
01:48Sie selbst findet die letzte Spur des Mädchens.
01:52Kann man nicht vergessen, diesen Tag.
01:55Kann man nicht vergessen.
01:58Alles, was der Familie von Hilal geblieben ist, passt in einen einzigen Koffer.
02:04Nur selten holen Mutter Ayla und Hilals jüngere Schwester Fatma die Sachen hervor.
02:10Zu sehr schmerzen die Erinnerungen an die geliebte Tochter und Schwester.
02:14Fatma war neun, als Hilal verschwand.
02:17Also meine Schwester, sie war die Gute.
02:22Und ich, ja, die Zicke.
02:25Wir haben sehr oft Barbies gespielt.
02:28Ab uns haben wir auch Mutter und Kind gespielt.
02:31Ich war die Mutter, sie war das Kind.
02:35Es ist der 27. Januar 1999.
02:39Vater Kamil holt Hilal von der Schule ab.
02:42Ein aufregender Tag für sie, denn es gab Halbjahreszeugnisse.
02:46Mein Lehrerin hat gerade gesagt, dass ich mich ganz verbessert habe im Zeugnis.
02:50Sie war sehr glücklich, sie hat mir ein Zeugnis vorgelesen.
02:54Und dann habe ich mein Zeugnis vorgelesen.
02:57Dann haben wir es verglichen und da habe ich schon gedacht, oh, sie ist die Bessere wieder.
03:03Die Viertklässlerin Hilal ist stolz auf ihre Schulnoten.
03:08Hier steht ja auch, du hast du dem Mädchen aus der Klasse freundschaftlich Kontakt.
03:12Du bist ja hilfsbereit.
03:14Und das stimmt ja auch, so war sie.
03:17Als Belohnung bekommt Hilal von ihrem Vater eine D-Mark geschenkt.
03:21Ich kaufe mir auch gleich was.
03:24Es ist ungefähr 13.15 Uhr, als beide Schwestern die Wohnung im achten Stock verlassen und mit dem Fahrstuhl ins
03:31Erdgeschoss fahren.
03:35Was willst du mit dem Brief?
03:36In den Briefkasten packen.
03:38Achso.
03:40Ist der Heldbuch?
03:41Ja.
03:44Dann hat sie mich gefragt, ja, willst du mitkommen zum Schwa?
03:46Dann meinte ich zu ihr, ich will nicht mit den Leitschut kommen.
03:49Willst du wirklich nicht mitkommen?
03:50Meine Liefer-Pangschuhe an.
03:52Dann hat sie so gemacht, tschüss, hat sie dann gesagt.
03:56Tschüss.
03:57Tschüss.
03:57Danach habe ich sie nicht mehr gesehen.
04:01Das ist das letzte sichere Lebenszeichen von Hilal Ercan.
04:07Ich gebe mir auch manchmal die Schuld, warum bin ich nicht mitgegangen?
04:10Warum habe ich gesagt, ja, geh alleine?
04:13Warum habe ich sie allein gelassen?
04:15Vielleicht wäre es gar nicht dazu gekommen.
04:19Wo Hilal einkaufen war, spielt für die Polizei eine wichtige Rolle.
04:24Doch auch 27 Jahre nach ihrem Verschwinden bleibt diese Frage offen.
04:29Als Hilals Mutter von der Arbeit kommt und ihre Tochter nicht antrifft, machen sich die Eltern große Sorgen.
04:42Sie telefonieren Freunde ab und melden ihre Tochter schließlich bei der Polizei als vermisst.
04:49Bereits kurz nach 18 Uhr sind neun Streifenwagen im Einsatz und suchen nach dem vermissten Mädchen.
04:56Hundert Schaften durchkämmen umliegende Kleingartenanlagen und Waldgebiete.
05:01Ohne Erfolg.
05:03Wir haben ganze Nacht gesucht, gewartet.
05:12Nach einigen Tagen meldet sich ein Fahrschulteam der Hamburger Verkehrsbetriebe.
05:17Am Tag von Hilals Verschwinden haben sie etwas Auffälliges beobachtet.
05:21Vor den Elbgau-Passagen hat ein Mann ein Mädchen am Arm über den Parkplatz gezerrt.
05:27Die Zeugen beschreiben ihn als kräftigen Typ mit rotblonden Haaren.
05:32War das Mädchen Hilal Ercan?
05:34Und wenn ja, wer war der fremde Mann?
05:39Und es gibt einen weiteren Hinweis per Telefon.
05:42Der Anrufer will sich an der Hamburger Christuskirche mit Familie Ercan treffen.
05:47Er hat gesagt, dass ich weiß von Hilal, nur das.
05:53Voller Hoffnung macht sich das Ehepaar auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt.
05:57Sollte hier sein? Das ist ja.
05:59Wir haben ganz große Hoffnung gewesen. Wir haben gedacht, dass vielleicht Erbring Hilal.
06:07Mehr Stunden da gewartet, aber keiner gekommen.
06:14Wie und wo Hilal verschwunden ist und wie die letzten Minuten vor ihrem Verschwinden abgelaufen sind, bleibt ungeklärt.
06:24Für die ganze Familie bis heute ein schrecklicher Zustand.
06:3127 Jahre ist das jetzt her. Und die Familie von Hilal lebt seitdem in einem Schwebezustand zwischen Hoffen und Bangen,
06:39weil immer noch nicht klar ist, was damals mit Hilal passiert ist.
06:42Das hier ist der Ort, an dem sie 1999 vermutlich zum letzten Mal gesehen wurde.
06:49Und hier treffe ich mich jetzt mit ihrem Bruder.
06:52Hallo, Herr Ercan.
06:53Helene Reiner, freut mich.
06:56Herr Ercan, Sie waren damals, als Ihre Schwester verschwunden ist, da waren Sie zwölf Jahre alt.
07:02Was hat das für Sie als Familie bedeutet?
07:06Hilal hat mir eine Riesensöcke hinterlassen natürlich. Und diese Ungewissheit gerade macht einen wirklich seelisch krank,
07:15weil man hat eine geliebte Person, man weiß nicht, was mit der Person passiert ist.
07:19Und das ist schlimmer, als wenn jemand zum Beispiel erkrankt ist, stirbt, weil da hat man Gewissheit.
07:26Und gerade diese Ungewissheit, deswegen stehe ich hier und für Gerechtigkeit, dass wir endlich Hilal finden.
07:32Was glauben Sie, ist mit Ihrer Schwester passiert?
07:38Also, höchstwahrscheinlich ganz was Schlimmes.
07:42Manchmal hat man so Kopfkino, sag ich mal, so was passiert sein könnte.
07:47Und ich kann sehr wenig darüber sagen, weil es kann einfach alles sein.
07:52Und wir wollen einfach endlich Gewissheit haben.
07:57Es gab nach dem Verschwinden von Hilal dann auch Hinweise.
08:00Haben wir in dem Aktenzeichen-Film gesehen.
08:03Busfahrer beschreiben einen rotblonden Mann, der hier in der Nähe ein Mädchen am Arm weggezogen hat.
08:09Hat sich aus dem Hinweis irgendwas ergeben?
08:11Der Hinweis spielt natürlich bis heute noch eine große Rolle bei der Polizei, ja.
08:16Es wurde ein Wikingertyp beschrieben mit rotblonden Haar, was ein Mädchen ins Auto zerrt.
08:23Aber was mit dem Hinweis passiert ist, weiß ich nicht.
08:26Also, kann ich dazu nichts sagen.
08:29Sie sind auch selbst aktiv geworden, haben versucht, Ihre Schwester zu finden.
08:33Von einer großen Suchaktion hat man 2021 vielleicht sogar was mitbekommen,
08:38wenn man sich in Hamburg mal die Busse ganz genau angeschaut hat.
08:42Da haben Sie ein Bild von Ihrer Schwester auf einen Bus kleben lassen.
08:46Dieser Gedanke kam mit einer Kollegin zusammen.
08:50Wir haben die Marketingabteilung bei uns in der Firma angeschrieben.
08:53Die waren sehr großzügig, haben das dann umgesetzt.
08:56Aber diesen entscheidenden Hinweis haben wir dadurch nicht bekommen.
08:58Aber es hat mich natürlich als Bruder stolz gemacht, Hilal auf dem Bus beklebt zu sehen.
09:02Weil es ist auch eine schöne Sache, dass man Hilal nicht vergisst.
09:08Und mein Ziel ist es auch hauptsächlich, Hilal zu finden, dass wir endlich sie bestatten können.
09:13Und das ist auch bei weitem nicht das Einzige, was Sie unternommen haben, um Ihre Schwester zu finden.
09:18Was Sie da noch gemacht haben und warum Sie auch bis heute nicht aufgeben, darüber sprechen wir gleich nochmal.
09:24Okay, genau.
09:26Hilal war 10, als sie verschwunden ist.
09:29Andreas Dünkler war 29, als er nach dem Besuch in einem Fußballstadion einfach nicht mehr aufgetaucht ist.
09:39Der Jurastudent Andreas Dünkler steht kurz vor seinem zweiten Staatsexamen.
09:45Der 29-Jährige arbeitet als Referendar in der Hamburger Kanzlei eines Notars.
09:50Er gilt als engagiert und zuverlässig und hat gute Chancen auf eine feste Stelle.
09:57Am frühen Nachmittag des 18. Februar 1997, dem Tag seines Verschwindens, kommt Andreas Dünkler nach Hause.
10:06Seit Beginn des Referendariats wohnt er wieder bei seiner Pflegemutter, zu der er ein enges Verhältnis hat.
10:36Gegen 18 Uhr macht sich Andreas Dünkler auf den Weg, um zum Millern-Tor-Stadion zu fahren.
10:42Dort will er das Fußballspiel St. Pauli gegen Bochum ansehen.
10:46Vor dem Stadion trifft er seine Freunde Thorsten und Thomas.
10:50Aber wegen des schlechten Wetters ist unklar, ob das Spiel überhaupt stattfindet.
10:56Was ist denn da los?
11:00Ich glaube, die drücken sich schon wieder.
11:02Das könnte ich nicht nochmal bringen.
11:06Gegen 19.30 Uhr, eine halbe Stunde vor Anpfiff, sagt der Verein das Spiel zum dritten Mal in Folge ab.
11:12Sehr zum Ärger der wartenden Fans.
11:24Was ist das für eine Kacke? Das könnt ihr doch nicht machen. Was soll das?
11:31Du hast die Tomaten auch verloren. Er hat doch gerade gesagt, das ist zu eurer eigenen Sicherheit. Also bitte.
11:35Kommt, Thomas. Lass gut sein. Der Mann kann auch nichts dafür.
11:38Komm, wir gehen ein Bier trinken.
11:41Die Freunde gehen in einen Irish Pub und verbringen dort einen entspannten Abend.
11:47Wolltest du direkt nach einer Prüfung, oder?
11:49Ja.
11:51Hey Chef, nochmal das gleiche für alles.
11:54Nee, lass mal. Ich glaube für mich nicht.
11:55Auf meinem Schreibtisch liegen noch ein paar Akten, da muss ich heute nochmal drüber.
11:58Andere Mal wieder.
11:59Ja, lass mal. Ich muss morgen auch früh raus. Weißt du was? Ich kann mit.
12:04Lass mal, wir zahlen dann.
12:08Kurz vor 22 Uhr bricht Andreas Dünkler mit seinem Freund Richtung Hauptbahnhof auf.
12:14Hier verabschieden sich die beiden.
12:17Der Freund ist der letzte Zeuge, der Andreas Dünkler auf dem U-Bahn-Steig der Linie 1 am Hauptbahnhof gesehen
12:22hat.
12:23Ob er später wirklich in die U-Bahn gestiegen ist, lässt sich nicht belegen.
12:29Als Andreas Pflegemutter am nächsten Morgen zur Arbeit geht, steht die Zimmertür ihres Sohnes offen und das Bett ist unbenutzt.
12:37Die Familie ist beunruhigt, beschließt jedoch erst nochmal abzuwarten.
12:46Als Andreas auch in der zweiten Nacht nicht auftaucht, geht seine Schwester zur Polizei.
12:52Am 20. Februar 1997 gibt sie die Vermisstenanzeige auf.
12:59Als Andreas Dünkler auch nach einigen Tagen nicht nach Hause zurückkehrt, weitet die Polizei die Ermittlungen aus und leitet umfangreiche
13:07Suchmaßnahmen ein.
13:08Doch ohne Erfolg. Andreas Dünkler bleibt verschwunden.
13:18Seine Familie sucht weiter nach Andreas. Sie hängt Plakate auf, kontaktiert Krankenhäuser.
13:24Mit Freunden und Bekannten setzt die Familie alles daran, Andreas zu finden. Aber vergeblich.
13:32Eineinhalb Jahre später, am 1. November 1998, gibt es erstmals einen Hinweis.
13:38Am Elbstrand bei Brockdorf, rund 70 Kilometer von Andreas Dünklers Wohnung entfernt, macht eine Spaziergängerin eine überraschende Entdeckung.
13:47Sie findet seinen Ausweis.
13:57Der Ausweis weist sichtbare Abnutzungen auf. Doch nichts deutet darauf hin, dass er längere Zeit im Wasser oder am Strand
14:04gelegen hat.
14:05Nachforschungen in dieser Region führen zu keinem Ergebnis.
14:13Weitere drei Jahre bleibt jede Spur aus.
14:17Erst als am 15. Juli 2002 eine Hamburger Zeitung ausführlich über den Fall berichtet, meldet sich ein Zeuge, der glaubt
14:24sich an Andreas Dünkler zu erinnern.
14:37Der Zeuge sagt aus, er habe in der U-Bahn schräg gegenüber drei Männer beobachtet.
14:43Plötzlich seien die beiden Äußeren aufgestanden, hätten den Mann in der Mitte unter den Armen gepackt und ihn zur Tür
14:49geführt.
14:53Auf der Sitzbank habe er einen dunklen Fleck bemerkt.
15:00Als er diesen berührt habe, sei ihm klar geworden, frisches Blut.
15:04Beim Aussteigen der Männer habe der Zeuge auf dem Rücken des mittleren Mannes ebenfalls einen dunklen Fleck bemerkt.
15:14Beunruhigt meldet er seine Beobachtung noch in derselben Nacht der Notrufzentrale.
15:19Doch die sofortigen Ermittlungen bleiben ohne Ergebnis.
15:23Als er sich 2002 erneut als Zeuge meldet, kann er nicht mehr sicher sagen, ob seine Beobachtung tatsächlich am Tag
15:29von Andreas verschwinden war.
15:31Auch die Aufzeichnungen des Notrufs sind nach fünf Jahren nicht mehr vorhanden.
15:36Was geschah in der Nacht des 18. Februar 1997?
15:41Bis heute ist das Schicksal von Andreas Dünkler ungeklärt.
15:46Ein Kind und ein junger Erwachsener sind verschwunden.
15:50Aber was passiert eigentlich aus polizeilicher Sicht, wenn Menschen plötzlich nicht mehr auftauchen?
15:55Das kann uns Fabian Puchelt erklären. Er ist vom Landeskriminalamt Bayern und ein fester Bestandteil von Aktenzeichen XY ungelöst.
16:02Hallo Herr Puchelt.
16:03Hallo Frau Renner.
16:04Ab wann fängt denn die Polizei an, nach vermissten Menschen zu suchen?
16:08Grundsätzlich kann man sagen, wir fangen eigentlich sofort und unmittelbar an.
16:11Es gibt so ein paar Grundkriterien, die natürlich erfüllt sein müssen, bevor wir von einer vermissten Person ausgehen.
16:16Und das ist immer dann der Fall, wenn sich ein Erwachsener von seinem gewohnten Lebensumfeld entfernt,
16:21der aktuelle Aufenthaltsort nicht bekannt ist und eine Gefahr für sein Leib oder Leben besteht.
16:26Bei Kindern schaut das noch ein bisschen anders aus.
16:28Bei Kindern gehen wir davon aus, wenn sie ihren Bekanntenbereich verlassen haben, dass automatisch eine Gefahr für Leib oder Leben
16:33besteht.
16:34Es werden in Deutschland etwa 100.000 Menschen jährlich als vermisst gemeldet.
16:39Wie viele Fälle lassen sich davon schnell aufklären und wie viele bleiben vermisst?
16:43Eigentlich die meisten. Also diese Zahl 100.000, die man pro Jahr so im Schnitt als vermisst bei uns registriert
16:49hat,
16:50kann man sagen, dass 50 Prozent schon in der ersten Woche sich wieder klären lassen.
16:54Weitere 80 Prozent innerhalb des ersten Monats.
16:57Und am Ende bleibt dann wirklich ein ganz, ganz kleiner Teil übrig, nämlich maximal drei Prozent,
17:01die länger als ein Jahr bei uns als vermisst geführt werden.
17:04Was können denn Angehörige tun, um die Polizei bei ihren Ermittlungen zu unterstützen?
17:10Die Angehörigen können wirklich einfach offen mit der Situation umgehen, zu uns kommen,
17:14möglichst einfach sagen, was vorgefallen ist. Und da interessiert uns wirklich alles.
17:18Wie ist das familiäre Umfeld? Was ist passiert? Vor allem, was könnte tatsächlich der Auslöser sein?
17:23Wir brauchen natürlich aktuelle Fotos, die wir für die Fahndung verwenden können.
17:26Und da ist uns ganz, ganz wichtig, dass eben die Angehörigen einfach offen damit umgehen
17:30und relativ schnell zu uns kommen und mit uns zusammenarbeiten.
17:34Es kann ja aber schon auch zu Spannungen kommen zwischen den Angehörigen und der Polizei.
17:39Woran liegt das?
17:40Das kann vielerlei Gründe haben. Also gerade, wenn man sich jetzt mal die Familiensituation anschaut,
17:44ein Familienmitglied ist nicht mehr da, ist natürlich zu Hause, kochen die Emotionen über.
17:49Und da kann natürlich durchaus mal der Eindruck entstehen, dass wir nicht schnell genug handeln,
17:53dass wir nicht genug dafür tun. Und man muss dazu sagen, man kriegt nicht als Familie immer alles mit, was
17:59wir machen.
17:59Es läuft im Hintergrund wahnsinnig viel. Das mag vielleicht nicht am ersten Eindruck entstehen,
18:04aber trotzdem können Sie sich darauf verlassen.
18:06Wenn wir jemanden suchen, dann machen wir das auch wirklich vernünftig und mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen.
18:11Was ich ganz häufig sehe, ist, dass so Vermisstenmeldungen über Social Media geteilt werden.
18:16Würden Sie sowas empfehlen?
18:18Also wenn wir es auf Social Media teilen, als Polizei, klar, definitiv, das ist eines unserer wichtigen Fahndungsmittel.
18:23Privat raten wir immer davon ab, das wirklich eigenständig zu tun.
18:27Sprechen Sie es bitte mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort einfach mal durch, was Sinn macht und was nicht.
18:31Weil Sie sich immer bewusst sein müssen, das, was Sie ins Netz rausstellen, führt zu irgendeiner Reaktion.
18:36Sprich, es werden sich Leute melden, werden sagen, Sie haben den Angehörigen, Sie haben das Kind irgendwo gesehen.
18:41Sie machen sich Hoffnungen.
18:42Letzten Endes war es einfach nur blinder Aktionismus, der vielleicht entstanden ist.
18:46Und das sind einfach so Probleme, die kann man im Vorfeld vermeiden, wenn man es mit uns vernünftig durch-
18:51und abspricht.
18:52Was kann ich oder was können wir alle tun, um Angehörigen zu helfen, die jemanden vermissen?
18:59Ich glaube, das Wichtigste in der Situation ist einfach mal Beistand zu leisten, zu unterstützen und die Arbeit wirklich uns
19:05als Polizei machen lassen.
19:06Vielen Dank für die Informationen.
19:08Sehr gerne.
19:10Vermisstenfälle haben kein Verfallsdatum.
19:12Sie verjähren nicht.
19:14Wenn es neue Hinweise gibt, können die Ermittlungen jederzeit wieder aufgenommen werden.
19:18Das heißt, die Akten bleiben offen, manchmal über Jahrzehnte.
19:22So wie in unserem nächsten Fall, der über 50 Jahre zurückliegt.
19:27Montag, der 6. März 1972.
19:31Für Irene Howorka ist es der erste Arbeitstag, nachdem sie einige Tage krankgeschrieben war.
19:38Um 7.45 Uhr verlässt sie pünktlich ihre Wohnung, in der sie zusammen mit ihrer Mutter lebt.
19:46Du hast dich ja so ausgeputzt, dass du noch was vorhörst.
19:49Ja, ich will mir heute Abend noch den neuen Job ansehen. Das wird vielleicht ein bisschen später werden.
19:54Na ja, ist gut.
19:58Also dann Papa.
20:00Irene arbeitet in einer Wiener Handelsfirma. Aber ihr großer Traum ist es, Model zu werden.
20:06Deshalb schaut sie in ihrer Mittagspause regelmäßig die Zeitungsanzeigen durch, auf der Suche nach einem Job als Fotomodell.
20:18Dem Bekannten am Telefon erzählt sie ebenfalls, dass sie sich am Abend mit jemandem treffen will,
20:23wegen eines Jobs, der vielleicht ihren Traum wahr werden lässt.
20:28Du, ich habe jetzt übrigens einen kennengelernt, der kann mich zum Film bringen.
20:35Nein, ehrlich, ich soll mich bei ihm vorstellen. In der Wohnung.
20:39Wann genau, wo und bei wem sich Irene Hovorka vorstellen will, verrät sie nicht.
20:46Du, eine schöne Grüße. Danke.
20:48Kurz vor 17 Uhr verlässt Irene Hovorka das Büro, um noch die Post wegzubringen.
20:53Danach verschwindet die junge Frau spurlos.
20:56Bis heute konnte nicht geklärt werden, wohin sie gegangen ist.
21:05Aber etwa zwei Stunden später erhält ihre Mutter einen mysteriösen Anruf.
21:17Frau Hovorka.
21:23Hovorka, hallo, wer ist denn da?
21:30Hallo, hier ist Frau Hovorka. Hallo, so melden Sie sich doch.
21:36Was ist denn los?
21:37War das am Telefon Irene? Hat sie Hilfe gebraucht? Wurde sie Opfer eines Verbrechens?
21:44Fragen, auf die es bis heute keine Antworten gibt.
21:51Warum ein Mensch verschwindet, das kann ganz unterschiedliche Gründe haben.
21:55Aber für die Angehörigen ist es immer eine absolute emotionale Ausnahmesituation.
22:01Was geht da in einem vor?
22:03Das kann uns die Psychologin und Psychotherapeutin Professor Birgit Wagner erklären.
22:08Sie ist spezialisiert auf Trauerforschung.
22:10Hallo Frau Wagner.
22:12Hallo Frau Reiner.
22:13Da ist im einen Moment die Hoffnung, dann wieder Verzweiflung.
22:16Wie beschreiben Sie aus psychologischer Sicht das, was Angehörige da durchmachen müssen?
22:21Die Angehörigen von Vermissten befinden sich oft über viele Jahre in einer Art Dauerschleife
22:27zwischen auf der einen Seite Verzweiflung, dass die Person nie wiedergefunden wird
22:33oder eventuell sogar auch tot gefunden wird
22:36oder die Hoffnung, dass der Mensch noch am Leben ist.
22:41Und diese fehlende Klarheit und auch das Warten friert einen Trauerprozess,
22:47wie wir es von anderen Trauerfällen kennen, quasi ein.
22:50Es fehlt den Angehörigen letztendlich alles, was man in einem normalen Verlust durch Todesumstände erlebt,
22:59wie beispielsweise eine Beerdigung, eine Verabschiedung oder ein Grab.
23:05Viele Angehörige erzählen, dass sie sich schuldig fühlen.
23:09Sie glauben dafür verantwortlich zu sein, dass da ein geliebter Mensch verschwunden ist.
23:13Warum ist das so?
23:14Gerade bei Vermisstenfällen versuchen die Angehörigen die offenen Fragen, die da sind,
23:22eine Erklärung zu finden, eine Antwort darauf, was an diesem Tag eventuell passiert sein könnte.
23:30Aber diese Antwort gibt es letztendlich nicht.
23:33Sie fragen sich, habe ich etwas übersehen an dem Tag?
23:37Hätte ich mich anders verhalten sollen?
23:39Und das alles führt dann häufig zu Schuldgefühlen.
23:44Gleichzeitig sind Schuldgefühle auch Bindungsgefühle.
23:47Das heißt, also solange ich mich ganz schuldig fühle, bin ich auch noch ganz nah bei der vermissten Person.
23:56Und viele Angehörige wollen die Vermissten auf keinen Fall im Stich lassen.
24:02Ist das auch ein Grund dafür, warum selbst Jahrzehnte später noch weitergesucht wird?
24:07Für die Angehörigen ist es sehr wichtig, auch noch weiter zu suchen, weil sie dadurch auch noch selbst das Gefühl
24:13haben, sie können etwas tun.
24:16Gleichzeitig erleben die Angehörigen ja auch einen Trennungsschmerz, also eine intensive Trauer begleitet von einer starken Sehnsucht nach der verschwundenen
24:28Person.
24:29Und für sie ist das auch eine Möglichkeit, mit dieser Trauer umzugehen, mit diesem Schmerz, dass die Person nicht mehr
24:38da ist.
24:40Vielen Dank, Professor Wagner.
24:42Und wir sprechen gleich noch über einen vermissten Fall, der eine Wendung nahm, mit der niemand gerechnet hätte.
24:49Wenn ein Mensch verschwindet, ermittelt die Polizei mit Hochdruck.
24:53Aber wenn die Ermittlungen zu nichts führen, dann gibt es für die Polizei ja noch diesen letzten Schritt, an die
24:58Öffentlichkeit zu gehen.
24:59Zum Beispiel in die Sendung Aktenzeichen XY ungelöst.
25:03Da schauen Millionen Menschen regelmäßig zu.
25:06Und tatsächlich haben Zuschauerinnen und Zuschauer schon entscheidende Hinweise und Spuren geliefert.
25:12Wie auch im Fall von Irene Hovorka, der jungen Österreicherin, die vor mehr als 50 Jahren verschwunden ist.
25:20Und hier noch eine Meldung des Wiener Sicherheitsbüros.
25:23Die Sekretärin Irene Hovorka, 24 Jahre alt, wird seit dem 6. März 1972 vermisst.
25:32Sie trug einen gelb-rot karierten Midi-Stoffmantel, eine braun-gelbe Nina-Rind-Wollmütze, weinrote, vorne knöpfbare Midi-Schoß, grünen
25:43Rollkragenpulli sowie weinrot-schwarz gefleckte Stiefel mit niederen Absätzen.
25:48Sie führte eine schwarze, rauhlederumhängetasche und ein weißes Tragsackerl mit Esszeug bei sich.
25:55Sie dürfte ohne Personaldokumente, aber im Besitz von ca. 4000 Schilling gewesen sein.
26:00Es wird ein Verbrechen befürchtet.
26:04Die Haushaltshilfe Hanne Schmidt sieht den Fernsehbeitrag und ahnt, dass sie vor einigen Tagen eine wichtige Entdeckung gemacht hat.
26:11Deshalb geht sie sofort zur Polizei.
26:18Und wo war das genau?
26:20Das war da beim Lusthaus, gar nicht weit weg.
26:28Die Zeugin erinnert sich an den Tag, als sie mit ihrer Enkelin spazieren geht und dabei zufällig etwas findet.
26:38Die Tasche, was die Leute für ein schönes Zeug wegwerfen. Eine schöne Wolldecke.
26:43Soll ich sie holen, Oma?
26:45Ja, freilich. Ist ja Schand, sowas liegen zu lassen. Ist ja noch fast neu.
26:51Du, Oma, das ist gar keine Deck. Das ist ja ein Mantel.
26:55Was? Ein Mantel? Sowas?
26:58Ja, wer wirft denn so einen schönen Mantel weg? Zeig einmal her.
27:03Sowas. So ein schöner Mantel.
27:06Also ich verstehe das nicht.
27:07Wie kann man so ein schönes Stück denn einfach wegwerfen?
27:13Hanna Schmidt nimmt den Mantel für ihre Tochter mit. Sie ist sich sicher, dass er ihr gefallen wird.
27:22Von weiteren Beobachtungen kann sie nichts berichten.
27:25Die Polizei stellt später fest, dass der Mantel tatsächlich der vermissten jungen Frau gehört.
27:30Eine groß angelegte Suchaktion verläuft ergebnislos und es verdichten sich die Hinweise,
27:36dass die Vermisste einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnte.
27:40Die Hinweise, die nach der Ausstrahlung des Falls bei Aktenzeichen XY eingingen, sind mit Animationen nachgestellt.
27:51Ein Mann berichtet, er habe erst kürzlich mit der jungen Frau in einer Bar in Abu Dhabi gesprochen.
27:57Angeblich habe sie sich als Irene vorgestellt und angegeben, sie sei nicht freiwillig dort.
28:03Der Zeuge glaubt, sie sei in Begleitung eines arabischen Rechtsanwalts gewesen.
28:11Zwei weitere Zeugen geben an, eine junge Frau, auf die die Beschreibung von Irene passt, in Zypern im Kabarett Venus
28:18gesehen zu haben.
28:20Sie habe zu ihnen gesagt, sie käme aus Wien.
28:24Haben die Zeugen wirklich Irene Hoborka oder doch eine andere Frau gesehen? Bis heute ist das ungewiss.
28:34Für die Familie war jeder Hinweis ein Funkehoffnung, aber keine der Spuren führte zum Ziel.
28:41Im Fall von Irene Hoborka sind auch ein Jahr später noch Hinweise aufgetaucht.
28:45Die haben allerdings auf ein Verbrechen hingedeutet.
28:50USA, Florida im Jahr 1973.
28:54Ein Mann, der ursprünglich aus Ungarn stammt, wird von amerikanischen Beamten festgenommen.
28:59Ihm wird unter anderem Mord und Bankraub vorgeworfen.
29:03Als der Mann vernommen wird, gesteht er, ähnliche Taten auch in Österreich begangen zu haben.
29:13Daraufhin durchsucht die österreichische Polizei die Wohnung seiner Frau in Wien.
29:19Dabei finden sie ein Foto, das den Ungarn in einem Wiener Lokal zeigt, zwischen zwei jungen Frauen.
29:27Eine der beiden sieht aus wie Irene Hoborka.
29:31Aber ist sie es auch wirklich?
29:34Darauf bekommen die Polizisten keine Antwort.
29:43Bis heute ist nicht klar, was mit Irene Hoborka passiert ist.
29:48Also bleibt für ihre Familie die Ungewissheit.
29:51Auch die Familie von Hilal kennt dieses Gefühl.
29:55Wir erinnern uns, Hilal, das zehnjährige Mädchen, das 1999 in Hamburg verschwunden ist.
30:00In diesem Fall kommt 2005 auf einmal wieder Bewegung.
30:04Es gibt nämlich ein überraschendes Geständnis.
30:08Ein wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilter Mann gesteht, die zehnjährige Hilal entführt und ermordet zu haben.
30:16Ihre Leiche habe er im Hamburger Volkspark vergraben.
30:20Zum Zeitpunkt seines Geständnisses befindet sich der 31-Jährige in der Psychiatrie.
30:26Einen Tag später führt er die Beamten an die Stelle, wo er Hilal angeblich vergraben habe.
30:31Auch Leichenspürhunde sind im Einsatz.
30:34Doch noch während die groß angelegte Suche nach Hilals Leiche läuft, zieht der Tatverdächtige sein Geständnis plötzlich wieder zurück.
30:46Und dann ist da schon wieder die Ungewissheit für Hilals Familie.
30:51Zu wissen, was passiert ist, das wünschen sich zunächst auch die Angehörigen von Jürgen.
30:57Jürgen ist 2005 plötzlich nicht mehr aufgetaucht.
31:00Aber dieser Fall ist anders als die Fälle, die wir bis hierhin gesehen haben.
31:07Jürgen Dietz ist Vermögensberater und wohnt mit seiner Lebensgefährtin in einem kleinen Ort in Bayern.
31:13Morgen.
31:15Na, hast du gut geschlafen?
31:17Nicht wirklich. Ich gehe auch gleich wieder ins Bett.
31:22Ja. Du hast es gut.
31:25Nee, ich habe mir das verdient.
31:27Das steht bei dir dazu an.
31:29Nichts Besonderes. Beratungsgespräche.
31:32Na, dann mach's gut.
31:35Und bis heute Abend.
31:39Ach so, du wolltest tanken.
31:42Mach ich.
31:42Es ist das letzte Mal, dass die Frau ihren Lebensgefährten sieht.
31:46Wenige Minuten später, gegen 6 Uhr, verlässt Jürgen Dietz die Wohnung.
31:50Mit seinem schwarzen Pkw fährt er zu seinem Arbeitsplatz.
31:54Einer Bank, etwa 15 Kilometer entfernt.
32:02Jürgen Dietz ist der Erste im Büro.
32:06Als kurz nach 7 seine Kollegen eintreffen, sitzt er bereits am Schreibtisch.
32:12Morgen.
32:13Morgen.
32:14Wegen dem Termin heute Nachmittag, da würde ich gern nochmal mit Ihnen sprechen.
32:17Gern.
32:18Aber ich habe jetzt gleich noch zwei Außentermine.
32:21So gegen 12.
32:2212? Ja, das passt.
32:23Wo geht's denn hin?
32:25Um 11 zu Frau Busch in Röthenbach wegen der Lebensversicherung.
32:28Und vorher fahre ich noch...
32:29Entschuldigung.
32:30Ja?
32:31Ja, ich komme.
32:33Ich muss.
32:34Bis 12 dann.
32:36Viel Erfolg.
32:36Danke.
32:37Eine halbe Stunde später sitzt Jürgen Dietz wieder in seinem Auto.
32:42Nun beginnen die rätselhaften Ereignisse, für die es zunächst keine Erklärung gibt.
32:49Jürgen Dietz' Chef erhält einen Anruf, da sein Mitarbeiter nicht zu dem vereinbarten Termin erschienen ist.
33:02Er hat mir heute Morgen noch gesagt, dass er um 11...
33:09Das werden wir gleich haben.
33:10Ich rufe ihm in einem Handy an und dann schaue ich, was los ist.
33:13Entschuldigung.
33:14Ja, wiederhören.
33:23Jürgen Dietz' Chef ruft die Freundin seines Mitarbeiters an.
33:26Es passt nicht zu ihm, dass er einen wichtigen Kundentermin sausen lässt.
33:31Aber auch sie hat keine Ahnung, wo er sein könnte.
33:36Beunruhigt über das Verschwinden ihres Freundes, ruft sie eine gemeinsame Bekannte an.
33:40Und tatsächlich, die Frau kann weiterhelfen.
33:43Sie hat das Auto von Jürgen Dietz gesehen.
33:47Weißt du vielleicht, wo der steckt?
33:48Sein Auto?
33:50Und wo?
33:52Am Bergfriedhof, bist du dir sicher?
33:54Jürgen Dietz' Freundin fährt sofort zum Bergfriedhof, um nach ihrem Lebensgefährten zu sehen.
33:59Findet dort aber nur sein Auto vor.
34:02Äußerst beunruhigt informiert sie die Polizei.
34:11Der Wagen wird sichergestellt und zur Spurensicherung zur Polizei gebracht.
34:15Eine Zeugin sagt später aus, dass sie Jürgen Dietz' Auto gesehen hat,
34:19zu der Zeit, als er eigentlich seinen zweiten Außentermin gehabt haben soll.
34:23Direkt neben dem Auto, ein Mann mit einem Fahrrad.
34:26Sie ist sich sicher, dieser Mann war nicht der Vermisste.
34:29Aber wer war es dann?
34:31Und welche Rolle spielte er?
34:34Die Kripo übernimmt die Ermittlungen.
34:37Mittlerweile schließt sie auch nicht mehr aus, dass Jürgen Dietz ermordet worden sein könnte.
34:41Und schließlich erhalten die damaligen Beamten einen neuen Hinweis.
34:44Moment, ich notiere mir mal Ihren Namen und Ihre Rufnummer.
34:49Ja?
34:51Darf ich lautstellen?
34:56So, mein Kollege, der hört jetzt mit.
34:58Also ich habe ihn gesehen an dem Vormittag, an dem er verschwunden ist.
35:02Wo?
35:02In seinem Auto.
35:04Und um wie viel Uhr war das?
35:06So, viertel nach elf.
35:08Moment, viertel nach elf?
35:11Dann müsste er doch schon längst tot gewesen sein.
35:14Die Uhrzeit, sind Sie sich da ganz sicher?
35:17Ganz sicher.
35:19Und der Mann am Steuer?
35:20Das war hundertprozentig.
35:22Ich kenne ihn.
35:24Okay, vielen Dank.
35:26Wir melden uns dann nochmal bei Ihnen wegen dem Protokoll.
35:29Auf Wiederhören.
35:30Auf Wiederhören.
35:31Also wenn das wirklich stimmt, dann hat er doch das Auto selbst zum Friedhof gefahren.
35:38Und der Mann mit dem Fahrrad muss er auch gewesen sein.
35:41Aber warum?
35:44Für mich macht das alles keinen Sinn.
35:46War der Mann mit dem Fahrrad Jürgen Dietz?
35:48Oder doch vielleicht sein Mörder?
35:50Die Polizei sucht fieberhaft nach dem Vermissen.
35:53Eineinhalb Jahre später nimmt der mysteriöse Fall eine überraschende Wendung.
35:59Andalusien in Spanien im Jahr 2007.
36:02Seit Wochen kommt es hier immer wieder zu Drogenfunden.
36:05Deshalb führt die spanische Polizei vermehrt Personenkontrollen durch.
36:10Am 24. Januar gerät ein Mann ins Visier der Beamten, der gerade ein Gespräch in einer Telefonzelle beendet.
36:18Als sie ihn überprüfen, gibt der Mann an, Deutscher zu sein.
36:21Aber einer der Beamten glaubt ihm nicht, da er aussieht wie ein Einheimischer.
36:26Deshalb nehmen sie ihn mit aufs Revier.
36:31Dort prüfen die spanischen Beamten nochmal genauer seine Papiere.
36:36Und tatsächlich, der Mann hat die Wahrheit gesagt.
36:38Aber er wird seit 2005 vermisst und deshalb gesucht.
36:43Es handelt sich um Jürgen Dietz.
36:47Es stellt sich heraus, Jürgen Dietz ist freiwillig untergetaucht.
36:52Den Grund dafür nennt er zunächst nicht.
36:57Aber später kommt heraus, Jürgen Dietz hat sein Verschwinden von langer Hand geplant.
37:02Er hat Geld gespart, seine Fitness trainiert und sich eine Ausrüstung für seine Reise besorgt.
37:09Seine Freundin hat von all dem nichts geahnt.
37:13Welche Folgen sein Verschwinden für die Menschen haben würde, die ihn liebten, war ihm vielleicht nicht bewusst.
37:23Jürgen Dietz ist also freiwillig verschwunden.
37:26Er wollte ein neues Leben anfangen, hat seiner Familie davon aber nichts erzählt.
37:31Was macht das mit denen, die zurückbleiben?
37:34Darüber spreche ich jetzt doch mal mit unserer Professorin und Psychologin Birgit Wagner.
37:39Frau Wagner, was unterscheidet so einen Fall von den anderen und was macht das mit den Angehörigen?
37:45Zunächst haben sie ja über einen langen Zeitraum nach der vermissten Person gesucht.
37:51Und dann passiert plötzlich das Unglaubliche.
37:54Die Person wird gefunden und sie lebt.
37:59Gleichzeitig stellen sie aber auch fest, der Mensch wollte nicht mehr Teil unseres Lebens sein.
38:06Und das ist etwas, was für viele Angehörige mit Gefühlen von Fassungslosigkeit, Wut oder auch Scham begleitet ist.
38:15Sie fragen sich, haben sie den Menschen überhaupt richtig gekannt?
38:19Andererseits gibt es in diesen Fällen auch jetzt Klarheit.
38:24Und die Angehörigen können dann auch mit ihrem eigenen Leben weitergehen.
38:29Jetzt hat die Familie von Jürgen zumindest diese Klarheit, auch wenn die Wahrheit nur sehr schwer zu ertragen ist.
38:35Bei den anderen Fällen, Irene, Andreas, Hilal, ist immer noch nicht klar, was mit den Menschen passiert ist.
38:40Wo können Angehörige von Langzeitvermissten Hilfe finden?
38:45Zum einen gibt es Organisationen wie beispielsweise der Weiße Ring, die die Angehörigen auf emotionaler und auch organisatorischer Ebene begleiten
38:54können.
38:55Auch im Hinblick auf die große psychische Belastung, die die Angehörigen ja erleben, ist auch in vielen Fällen vielleicht auch
39:03eine Psychotherapie mit einem Traumaschwerpunkt empfehlenswert.
39:08Wichtig ist, dass die Angehörigen diesen doch sehr schmerzhaften Weg und auch diese schmerzhafte Erfahrung nicht alleine gehen müssen, sondern
39:18dass es professionelle Hilfe auch für diese Erfahrung gibt.
39:24Vielen Dank, Frau Wagner.
39:26Kommen wir nochmal zu Hilal, dem Mädchen, das 1999 verschwunden ist.
39:38Die Polizei hat auch damit versucht, nochmal Aufmerksamkeit auf den Fall ihrer Schwester zu lenken.
39:50Daraufhin hat sich auch tatsächlich jemand gemeldet, der damals etwas gesehen haben will.
39:55Daraufhin hat die Polizei nochmal im Hamburger Volkspark gesucht, aber auch das führte zu nichts.
40:01Sie haben aber trotzdem nicht aufgegeben, sind nochmal selber auf die Suche gegangen.
40:05Was haben Sie da unternommen?
40:07Genau, wir haben selber die Suche aufgenommen, die Grußaktion selber in die Hand genommen, die Spürhunde organisiert und die Spürhunde
40:19dort auch eingesetzt.
40:21Und wie gesagt, aber leider sind wir nicht am Ziel angekommen, wir konnten Hilal nicht finden.
40:27Auch wenn wir momentan dort nichts gefunden haben, das heißt immer noch nicht, dass sie da nicht liegen kann.
40:33Und auch das ist nicht das Einzige, was Sie unternommen haben.
40:36Wenn man jetzt in einen Supermarkt geht, wird man vermutlich auch das Bild ihrer Schwester sehen,
40:40weil sie auf Flaschen das Foto von Hilal aufgedruckt haben, zusammen mit einer Belohnung von 100.000 Euro bei Hinweisen.
40:48Ich hoffe natürlich, dass es was hilft, weil vielleicht den Menschen das erreicht, die damals nichts gesagt haben.
40:54Und diese Flaschen nochmal auf dem Fall aufmerksam machen und das Bild nochmal viele vor Augen haben.
41:02Und Hilal darf ja nicht vergessen werden. Und das ist mein Ziel.
41:06Es kamen auch immer wieder Hinweise, aber wir brauchen halt diesen, einen kleinen Puzzleteil,
41:11dass vielleicht ein Mensch das gesehen hat, das zur Aufklärung führt.
41:15Und das ist gerade wichtig an dem ganzen Fall.
41:18Was ist Ihre Hoffnung? Was möchten Sie vielleicht auch den Menschen, die zuschauen und zuhören, mitgeben?
41:24Also meine Hoffnung ist natürlich, dass wir Hilal lebendig finden, aber das ist nach 27 Jahren nicht mehr realistisch.
41:34Und ich weiß auch nicht, was mir die Kraft so gibt, aber ich möchte unbedingt Antworten haben auf die Fragen,
41:42die wir haben seit Jahren.
41:4227 Jahren haben wir keine Antwort.
41:44Deswegen will ich auch nicht aufgehen, ehrlich gesagt. Ich kann nicht aufgehen, weil es war meine Schwester.
41:49Und sie hat es verdient, mit Würde bestattet zu werden.
41:56Und sie liegt ja irgendwo alleine. Das gefällt mir nicht.
41:58Wir als Familie möchten unbedingt ein Grab haben für sie, weil wir mit dem Schlimmsten natürlich ausgehen.
42:03Wir wünschen uns natürlich, dass sie lebt, aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering.
42:07Deswegen wünschen wir uns gerne ein Grab, wo wir wirklich hingehen können und, wie gesagt, in Ruhe beten können für
42:13sie.
42:14Es ist unvorstellbar, was man da durchmacht. Sie und auch als Familie. Danke, dass Sie das mit uns geteilt haben.
42:21Ich bedanke mich auch bei Ihnen allen. Dankeschön.
42:33Und auch wenn Sie Hinweise zu anderen vermissten Personen haben, dann wenden Sie sich bitte an die nächste Polizeidienststelle.
42:42Hilal, Andreas, Irene und auch so viele andere Personen sind immer noch vermisst.
42:47Aber sie sind nicht vergessen.
42:50Wir haben heute erlebt, was passiert, wenn Menschen verschwinden und was das mit denen macht, die zurückbleiben.
42:56Ich möchte mich an der Stelle bei allen bedanken, mit denen ich über dieses emotionale und wichtige Thema sprechen konnte.
43:02Vielen Dank und bis zum nächsten Mal bei XY Spuren des Verbrechens.