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Köln 2007: Eine 24-Jährige führt mit ihrem Bruder ein Bistro.
Spätabends erledigt sie noch Abrechnungen. Am nächsten Morgen
entdeckt ihr Bruder sie tot im Kühlraum.

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Transkript
00:00Ich bin in der Innenstadt von Köln. Nur wenige Schritte von hier entfernt, in einer ruhigen kleinen Seitenstraße, geschieht ein
00:07grausames Verbrechen.
00:09Das Opfer? Eine junge Frau, die zusammen mit ihrem Bruder den Traum vom eigenen Bistro verwirklicht hat.
00:16Eine Kämpferin, die schon in jungen Jahren schwere Zeiten überstanden hat und jetzt am Ziel zu sein scheint.
00:23Doch dann wird sie brutal aus dem Leben gerissen.
00:26Das Motiv so unerwartet wie erschütternd.
00:35Ja, vielleicht so ein bisschen schräg. Das wirkt erfrischbar.
00:38So, bist du sicher?
00:39Ja, ja, ja. Bisschen nach links.
00:42Jetzt?
00:43Nee, wieder ein bisschen nach rechts.
00:45Ja, nach rechts.
00:47Nee, das war zu weit. Bisschen nach links wieder.
00:49Sehr witzig. Quatsch, ich glaube, wir haben keine Zeit für sowas. In drei Stunden geht's los. Komm, mach du.
00:52Ja, du hast recht. Warte, ich halte es jetzt mal. Und du, ach, du schaust jetzt.
00:58Britta Lichte ist 24 Jahre alt. Sie ist kaufmännische Angestellte und hat bereits in verschiedenen Branchen gearbeitet.
01:05Im Frühjahr 2007 eröffnet sie zusammen mit ihrem Bruder Holger in der Kölner Altstadt ein Bistro, das Salate, Obst und
01:12Gemüse anbietet.
01:13Ein Herzensprojekt, in das sie all ihre Energie investieren.
01:21So, wo willst du die Schalen hinhaben?
01:24Ähm, gerne direkt zur Salatbar und die anderen zu den Tellern. Danke.
01:33Britta!
01:34Christian, wie cool, dass du da bist. Das ist doch geschafft.
01:36Klar, was denkst du denn?
01:39Hier, ich hab was Kleines für dich.
01:41Oh, Christian ist ja wirklich nettig gewesen. Danke dir.
01:44Okay, komm, lass uns reingehen.
01:45Sehr gerne.
01:47Holger, ich hab ihn mitgebracht.
01:49Hallo.
01:50Grüß dich.
01:50Grüß dich.
01:52Gleich geht's los.
01:53Und ich glaube, ihr kennt euch noch nicht. Das ist Christian Pohl, ein Freund, und das ist mein Vater.
01:57Tja.
01:58Meine Eltern haben uns kräftig geholfen, auch finanziell. Sonst hätten der Holger und ich das nie im Nimmer gepackt.
02:03Ja, ist ja schön.
02:04Und das ist meine Mutter. Hallo.
02:08Freut mich jedenfalls.
02:09Sabrina.
02:10Christian.
02:12So.
02:13Mama, warte kurz, ich helf dir.
02:15Was denn? Da die Kichererbsen, da die Bohnen. Und den Salat noch da.
02:19Okay, da den Salat. Ähm, apropos Salat, würdest du mir kurz in der Küche schnibbeln helfen?
02:23Mach ich. Äh, wir reden nachher noch. Übrigens, der Christian ist so lieb und dreht ein kleines Erinnerungsvideo für uns.
02:29Wenn ihr alle nichts dagegen habt.
02:30Das ist eine total schöne Idee.
02:31Super, danke.
02:52Das neue Bistro in der Innenstadt von Köln ist vom ersten Tag an ein großer Erfolg.
02:59Sechs Tage die Woche hat das Bistro geöffnet. Nur sonntags ist es geschlossen.
03:05Haben wir noch Gemüse-Spezial?
03:08Im Kühlraum müsste noch eine halbe Wanne sein. Schau mal nach. Musst du nicht langsam zum Zug?
03:12Ja, das hier mach ich noch.
03:14Britta hat mehrere Wochen nach der Eröffnung ihr erstes freies Wochenende. Für eine Familienfeier fährt sie in ihre Heimatstadt, rund
03:22200 Kilometer entfernt von Köln.
03:26Okay, das wäre echt knapp. Äh, Daniel? Kannst du das bitte kurz rausbringen?
03:30Ja.
03:30Okay, danke schön.
03:33Ich habe echt ein schlechtes Gewissen, dich jetzt hier allein zu lassen.
03:36Ach, Quatsch.
03:38Ja, aber immerhin wärst du ja auch gern gefahren.
03:41Darüber haben wir doch schon gesprochen. Sag aber allen bitte einen ganz lieben Gruß von mir. Auch dem Stefan.
03:46Danke.
03:47Komm her.
03:49Okay.
03:50Nichts vergessen, hast du alles?
03:52Ja.
03:53Ja, hab alles.
03:54Sehr gut.
03:55Okay, danke.
03:56Jetzt aber schnell.
03:57Ja, ich beeile mich.
03:59Tschüss.
04:00Tschüss.
04:00Tschüss, Daniel.
04:03Schatz, ich mache mich jetzt auf den Weg.
04:05Ja, warte mal kurz. Galina, denkst du noch an die Bestellung?
04:08Ja, mache ich.
04:09Okay, danke schön.
04:10Ja, ich freue mich auch.
04:12Okay.
04:14Tschüss.
04:27Den Samstag und Sonntag verbringt sie mit ihrem neuen Freund Stefan in ihrem Elternhaus.
04:32Die beiden sind erst seit kurzem zusammen.
04:35Also ich fand, es war echt eine schöne Feier. Das Essen und alles.
04:39Das war super.
04:42Mama, und das hat dich endlich mal wieder aus Köln hierher gelockt.
04:45Obwohl, jetzt wirst du ja bestimmt öfter kommen, wenn auch nicht wegen uns.
04:48Mama, wer warst denn? Ich meine ja bloß.
04:52Ja, ich denke, wir müssen dann los.
04:55Ihr habt noch was vor?
04:56Ja, wir treffen uns noch mit Freunden.
04:58Jetzt noch?
05:00Wann brecht ihr morgen eigentlich auf?
05:03Um sieben.
05:04Um sieben?
05:05Ja, geht nicht anders.
05:06Dann sehen wir uns wohl morgen nicht mehr.
05:08Ihr zwei wollt bestimmt ausschlafen.
05:10Ja, aber dann wünsche ich euch schon mal eine tolle Zeit.
05:12Auch wollt euch gut.
05:14Aber wir müssen jetzt echt los.
05:16Britta Lichtes Eltern fahren am Sonntag nach der Familienfeier in den Urlaub.
05:20Sie wissen nicht, dass sie ihre Tochter zum letzten Mal sehen.
05:25Tschüss.
05:28Hast du alles?
05:29Hast du meine Tasche?
05:30Britta selbst verbringt den Sonntag noch mit ihrem Freund Stefan, der sie anschließend zum Bahnhof bringt.
05:36Noch elf Minuten.
05:37Schaffen wir.
05:39Ich vermisse dich jetzt schon.
05:41Ich dich auch.
05:48Um 19.44 Uhr steigt Britta Lichte in den Zug nach Köln.
05:52Von unterwegs ruft sie ihren Bruder an und erzählt ihm, dass sie nach ihrer Ankunft noch kurz in den Laden
05:57will,
05:58um die Abrechnungen für den Samstag fertig zu machen und die Bestellungen für den nächsten Tag vorzubreiten.
06:04Während des Telefonats läuft Britta Lichtes Akku leer.
06:08Ihr Bruder versucht sie noch mehrfach zu erreichen, vergeblich.
06:12Um 22.14 Uhr kommt sie am Hauptbahnhof in Köln an und holt sich bei einem Asiaten noch eine Kleinigkeit
06:18zu essen.
06:19Dann steigt sie in die U-Bahn und fährt hierher und nimmt diesen Weg durch das Zwischengeschoss.
06:28Sie fährt mit der Rolltreppe an die Oberfläche und landet in der Kölner Innenstadt.
06:33Von hier aus sind es nur noch wenige hundert Meter bis zum Bistro.
06:39Wie die Polizei später ermittelt, ist Britas Mörder zu diesem Zeitpunkt schon ganz in der Nähe.
06:52Britta Lichtes fühlte sich natürlich in diesem Bistro zu Hause.
06:57Sie hat sich da wahrscheinlich auch sicher gefühlt in der Straße.
07:21Auffällig war, dass der Schlüssel vom Schlüsselbund getrennt war.
07:23Auch das konnten wir nicht nachvollziehen, warum sie das gemacht hat, warum sie auch die Türe offen gelassen hat und
07:29der Schlüssel von außen steckte, können wir nicht mehr sagen.
07:41Gegen 23 Uhr ist eine Zeugin an dem Bistro vorbeigegangen und diese Zeugin hat ins Bistro geschaut und hat Britta
07:49Lichtes mit einem Aktenordner im Bistro gesehen.
08:22Untertitelung des ZDF, 2020
08:37Hallo?
08:40Ist da jemand?
08:42Nein!
08:43Nein!
08:44Nein!
09:14Untertitelung des ZDF, 2020
09:17Britta, du hast den Schlüssel stecken lassen.
09:22Was machst du eigentlich schon wieder hier? Schlaf ist nicht so dein Ding, oder?
09:29Welcher Vollidiot raucht hier drin eine Kippe?
09:38Britta, wo bist du eigentlich?
09:44Britta?
09:47Britta?
09:56Britta?
09:57Britta?
09:59Britta?
10:00Britta?
10:08Britta, sag doch was.
10:12Warte, warte, warte mal.
10:16Warte, warte, warte.
10:19Warte, warte.
10:20Ich hole Hilfe.
10:22Ich hole Hilfe.
10:38Hallo?
10:39Hallo?
10:41Ich brauche einen Notarzt.
10:46Meine Schwester.
10:50Sie ist überall blut.
10:56Britta Lichte ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot.
11:00Ihr Bruder ruft sofort die Eltern an.
11:02Man mag es sich kaum vorstellen, was für ein unglaublicher Schock.
11:05Die Eltern brechen den Urlaub ab, während die Polizei in Köln ihre Arbeit aufnimmt.
11:11Die Liste und der Stift deuten darauf hin, dass sie gerade im Kühlhaus die Waren gecheckt hat.
11:17Dann hat sie vermutlich was gehört, ist rausgekommen und wurde dann in diesem Bereich hier niedergestochen.
11:24Von wem und warum auch immer.
11:26Und dann wurde sie wieder in den Kühlraum belegt.
11:32Können Sie schon was sagen?
11:33Eigentlich nur, was Sie selber sehen.
11:36Wir haben eine Vielzahl von Messerstichen.
11:40Neres weiß ich erst nach der Obduktion.
11:45Sie dürfte nach den Stichen innerhalb kürzester Zeit verblutet sein.
11:50Vermutlich dann im Kühlraum.
11:51War sie da drin eingesperrt?
11:53Nein.
11:54Die Tür kann von innen geöffnet werden.
11:57Aber sie war sicher zu schwach, um sich selbst zu befreien.
12:01Hat es einen Kampf gegeben?
12:02Gibt es Abwehrverletzungen?
12:04Todeszeitpunkt?
12:04Alles nach der Obduktion.
12:06Natürlich.
12:09Dann wäre es gut, wenn wir jetzt mit dem Bruder sprechen können.
12:11Denkst du, das geht?
12:12Ich denke schon.
12:14Ich habe vorher schon kurz mit mir geredet.
12:19Können wir ihm schon ein paar Fragen stellen?
12:23Holger, haben Sie Geld im Laden?
12:28Unter der Kasse.
12:29Also, ähm, eigentlich immer nur Wechselgeld für den nächsten Tag.
12:34Sie sagen unter der Kasse?
12:46Moment, bitte.
12:49Ähm.
12:52Irgendwo Unterschrank, unter der Kasse, da, da liegt eine Geldbörse.
12:58Also, wenn sie noch da ist.
13:03Sie bleiben bitte hier, ja?
13:14Die hier?
13:15Ja, genau.
13:16Da müssten so ungefähr 800 Euro drin sein.
13:22Das Geld ist drin.
13:24Fehlt sonst noch irgendwas?
13:25Ähm.
13:26Ähm, nein, äh, keine Ahnung, ähm, meine Schwester ist aus dem Wochenende gekommen.
13:33Sie hatte ihre Reisetasche dabei, aber die, die habe ich nicht gesehen.
13:37Und ihre Handtasche auch nicht.
13:40Reisetasche, Handtasche, habt ihr da was?
13:41Nein, haben wir nichts gefunden.
13:43Davon bräuchten wir dann bitte noch genaue Beschreibungen.
13:45Aber das reicht später.
13:48Frank?
13:50Wir haben den Zigarettenstummel.
13:56Sie geht gleich in die KTU.
13:59Das sichert den Adran.
14:00Ich kümmere mich drum.
14:02Für uns war diese Spur eigentlich eine der wichtigsten Spuren.
14:06Die Zigarette war im Stummel abgebrannt und hatte, ähm, ich sag mal Verbrennungsspuren,
14:14auf denen wir Theke hinterlassen.
14:16Wir sind davon ausgegangen, dass der Täter diese Zigarette mit in den Tatort gebracht hat
14:21und diese Zigarette halt auf der Ablage des Bistros zu Ende gebrannt hat.
14:36Sie hätte ihm das Geld gegeben, wenn sie nicht umgegeben ist.
14:43Wenn sie nicht umgegeben ist.
14:51Hier im Polizeipräsidium in Köln wurde dann umgehend eine Mordkommission eingerichtet.
14:55Herr Dick, Sie waren aber nicht von Anfang an dabei.
14:58Nein, das ist richtig.
14:59Mein Kollege Frank Kolwitz hat damals die Mordkommission geleitet.
15:02Ich war Teil des KK11, habe als Mordkommissionsleiter damals eine andere Mordkommission geleitet.
15:07Aber durch die Besprechung bekamen wir natürlich auch alles mit, was in der Mordkommission von
15:12Herrn Kolwitz lief.
15:13Und es ging vielversprechend los, denn die KTU, die kriminaltechnische Untersuchung,
15:18hat Ihnen eine DNA-Spur geliefert.
15:20Ja, wir hatten eigentlich gedacht, wir haben den Jackpot.
15:22Wir hatten eine tatrelevante Spur in der Form einer Zigarettenkippe, die vermutlich
15:28vom Täter am Tatort hinterlassen worden ist.
15:30Eine gleiche männliche DNA haben wir noch an der Außenseite der Kühlkammer gefunden.
15:35Von daher haben wir gedacht, wir haben den.
15:37Also männliche DNA, das schränkt den Täterkreis schon mal ein.
15:40Das war aber dann auch schon gut mit den guten Nachrichten, denn Sie hatten keine Referenz
15:45zu dieser Spur.
15:46Richtig.
15:47Die DNA-Datenbank hat uns leider nicht zu der Spur dem passenden Täter geliefert, sodass
15:53wir uns auf die Suche nach dem Väter begeben mussten.
15:56Also ganz so leicht war es nicht, auch weil am Tatort keine weiteren Fingerspuren entdeckt
16:01wurden.
16:02Wichtige Erkenntnisse lieferte dann aber die Obduktion.
16:06Es hat in der Tat einen Kampf gegeben.
16:08Sie hat Abwehrverletzungen am rechten Arm und an der linken Hand.
16:16Insgesamt haben wir sieben Stich und vier Schnittverletzungen.
16:21In jedem Falle tödlich war ein Stich in die Brust, der durch das Herz und den aufsteigenden
16:25Ast der Körper Hauptstockader gegangen ist.
16:27Dazu haben wir einen Stich in den Kopf, einen in den Hals, drei in den rechten Oberarm und
16:40einen ins rechte Knie.
16:43Sie ist etwa 15 Minuten danach gestorben, hatte keine Chance.
16:48Der Blutverlust war einfach zu groß.
16:50Können Sie den Todeszeitpunkt jetzt näher bestimmen?
16:53Das muss gestern Abend zwischen 11 und 12 Uhr gewesen sein.
16:55Und die Tatwaffe?
16:57Gefunden haben wir sie nicht?
16:58Ein größeres Messer, Klingenlänge circa 16 bis 20 Zentimeter.
17:04Vielleicht aus der Küche des Bistros.
17:07Sieben Stiche, sieht in der Emotionen aus.
17:11Beziehungstat?
17:13Denkbar.
17:18Die Mordkommission unter Frank Kollwitz zieht die ersten Schlüsse.
17:24Gut, Kollegen.
17:25Die Ergebnisse der Obduktion sprechen dafür, dass Emotionen im Spiel waren.
17:30Außerdem haben wir in dieser Zigarettenkippe hier männliche DNA gefunden.
17:35Das heißt, wir gehen jetzt erstmal von einer Beziehungstat und einem männlichen Einzeltäter aus.
17:41Nach Geld wurde ihr anscheinend gar nicht gesucht.
17:43Sonst hätte unser Mann die Geldbörse unter der Kasse bestimmt gefunden.
17:46Aber die Taschen hat er mitgenommen.
17:47Vielleicht als persönliche Trophäe.
17:51Trotzdem kann es natürlich auch ein Raub gewesen sein, der aus dem Ruder gelaufen ist.
17:55Und am Ende hat es nur für die Taschen gereicht.
17:57Das würde heißen, Britta Lichte ist ein Zufallsopfer.
18:02Auch möglich.
18:04Aber dann müssen wir von halb Köln dir einen Abproben nehmen.
18:06Deswegen schlage ich vor, wir bleiben jetzt erstmal bei der Beziehungstat
18:10und checken die Familie und das sonstige persönliche Umfeld von Britta ab.
18:15Einschließlich der männlichen Mitarbeiter im Bistro.
18:21Haben Sie eine Idee, wer das getan haben könnte?
18:25Nein.
18:27Beim besten Willen nicht.
18:29Britta...
18:32Sie hat mit keinem Menschen Probleme gehabt.
18:34Sie ist auf jeden freundlich und ehrlich zugegangen.
18:39Sie hatte eine so humorvolle, offene, herzliche Art, mit der sie alle mitreißen konnte.
18:45Sie war wirklich bei allen beliebt.
18:47Auch bei unseren Mitarbeitern und Kunden.
18:51Wenn ich daran denke, dass wir uns Sonntagabend am Bahnhof das letzte Mal gesehen haben
18:58und ein paar Stunden später war sie tot.
19:03Ich tue das wirklich nur ungern, aber ich muss Sie fragen,
19:06ob Sie drei bereit wären, eine Speichelprobe abzugeben.
19:09Denn wir müssen leider in alle Richtungen ermitteln.
19:11Und da wir männliche DNA gefunden haben...
19:14Selbstverständlich.
19:15Ja.
19:19Die Örtlichkeit ist übrigens ab sofort wieder freigegeben.
19:22Sie können wieder rein in den Laden.
19:28Vielen Dank.
19:30Aber wir...
19:32Wir lassen das Bistro erst mal zu.
19:37Ich kann gerade eh nicht arbeiten und, ähm...
19:42Wir müssen erst mal überlegen, ob wir...
19:47Wie wir weitermachen.
19:49Verstehe.
19:50Gut.
19:51Ich wäre soweit.
19:53Bei wem darf ich anfangen?
19:54Gerne bei mir.
19:56Kommst du bitte zu mir.
20:01Und bitte ganz weit aufmachen.
20:05Die andere Seite.
20:07Einen Treffer gab es nicht.
20:09Und es gab auch kein Motiv für eine Beziehungstat.
20:12Insofern, Herr Dick, haben Ihre Kolleginnen und Kollegen ihre Ermittlungen verändert, verlagert.
20:18Ja, wir haben den Bereich ausgeweitet, Spuren zu erlangen.
20:22Wir haben letztendlich ca. 700 Personen noch im Umfeld des Tatortes befragt und gespeichelt, so wie wir das nennen, damit
20:31wir Speichelproben von den Leuten bekommen, die sich da im Bereich aufhalten.
20:35Wir hatten ja die Visitenkarte des Täters als Spur und der mussten wir halt einer Person zuordnen.
20:43Und zwei Monate nach der Tat wurde das Bistro ja auch wieder eröffnet und da waren Ihre Kollegen dann auch
20:48da?
20:48Da waren wir auch vor Ort.
20:49Wir haben natürlich gehofft, dass der Täter zum Tatort zurückkehrt, haben uns unter die Kundschaft gemischt.
20:57Letztendlich alle unbekannten Personen, die wir bislang noch nicht angetroffen hatten, haben wir dann auch befragt.
21:03Leider war der Täter nicht dabei.
21:05Ja, Dick, Sie haben wirklich alles versucht, 3.500 Spuren gesammelt, über 6.000 Personen überprüft, 1.800 Speichelproben genommen.
21:13Und trotzdem kommt der Punkt, an dem dieser Fall zum Cold Case wird.
21:17Bis zum 14. Oktober 2015. Was ist da passiert?
21:22Da haben wir einen überraschenden Anruf vom LKA Nordrhein-Westfalen bekommen.
21:25Und dieser Anruf, acht Jahre später, wird den Fall auch nochmal in eine ganz andere Richtung führen.
21:33Bei der Wiederaufnahme der Ermittlungen im Jahr 2015 übernimmt Andreas Dick die Leitung.
21:41Morgen.
21:42Andreas!
21:44Was kann ich für dich tun?
21:46Anruf vom LKA.
21:47Es gibt einen Treffer im Fall Britta Lichte.
21:50Was?
21:51Ein DNA-Treffer.
21:53Ein Kleinkrimineller, der in Hamburg gerade sechs Monate wegen Diebstahls und wiederholten Schwarzfahrens absitzt.
21:58Seine DNA stimmt mit der DNA an der Zigarette und an der Kühlraumtür am Tatort überein.
22:05Das, Frank, ist der Mann, nach dem ihr gesucht habt.
22:09Ich bin jetzt für den Fall eingeteilt, aber ich hoffe, du hilfst mir.
22:12Es gibt noch viel zu tun.
22:14Ja, klar helfe ich dir.
22:15Das machen wir zusammen.
22:16Ja.
22:17Von daher hatten wir jetzt endlich zu diesen Spuren eine Person.
22:22Das war natürlich wie ein Sechser im Lotto in dem Moment.
22:25Aber damit begann jetzt natürlich für uns die Arbeit.
22:28Und wir haben dann die Mordkommission nochmal aufleben lassen.
22:31Jetzt natürlich acht Jahre später in einer ganz anderen Konstellation.
22:36Fest steht damit nur, dass dieser Mann, dessen DNA wir am Tatort gefunden haben, auch in dem Bistro war.
22:42Was genau er mit der Tat zu tun hat, ist noch lange nicht klar.
22:46Hat er Britta getötet? Oder hat ein Komplize Britta getötet?
22:51Und der hat in Anführungszeichen nur geholfen, die Leiche in den Kühlraum zu legen.
22:57Da es sonst keine anderen Spuren oder Indizien gibt, haben wir jetzt eigentlich nur eine Möglichkeit, die Wahrheit herauszufinden.
23:04Wir brauchen ein Geständnis.
23:08Erster Schritt für heute.
23:10Arbeitet euch in den Fall ein.
23:12Beziehungsweise frischt eure Erinnerungen wieder auf.
23:14Frank hat dazu ein Dossier zusammengestellt.
23:17Darin findet ihr die wichtigsten Fakten.
23:20Und wenn ihr Fragen dazu habt, dann kommt bitte jederzeit zu mir, ja?
23:24Die Familie von Britta Lichte wird nicht gleich über die neuesten Entwicklungen informiert.
23:29Man will ja auch keine falschen Hoffnungen wecken.
23:31Dafür haben die Beamtinnen und Beamten der Mordkommission, nachdem sie sich in den Fall eingearbeitet haben,
23:37alles zum Tatverdächtigen zusammengetragen, was sie in Erfahrung bringen konnten.
23:41Und das war ziemlich spannend.
23:43Unser Mann heißt Farid Bouhan.
23:46Er ist 36 Jahre alt.
23:48Zur Tatzeit 2007 war er 28.
23:51Hier ein aktuelles Passfoto.
23:54Ende der 90er kommt er nach Deutschland, heiratet, wird Vater,
23:58lebt in Köln und arbeitet bei Zeitarbeitsfirmen in verschiedenen Jobs.
24:02Also erstmal alles gut.
24:04Ja, bis dahin ja.
24:06Aber dann beginnt er zu spielen, Sportwetten, Glücksspielautomaten und verliert dabei viel Geld.
24:13Seiner Frau gegenüber wird er sogar handgreiflich.
24:15Nur wenige Monate vor dem Mord an Britta Lichte kommt es dann zur Trennung.
24:20Danach hat er seiner Frau auf ihrer Mailbox mit dem Tod gedroht.
24:24Hatte das Konsequenzen für ihn?
24:25Ja, wegen der Vorfälle in seiner Ehe wird er kurz nach dem Mord an Britta Lichte verurteilt.
24:32Außerdem hat der Mann eine ganze Reihe an Vorstrafen.
24:35Wegen Beleidigungen, Betrug, Diebstahl.
24:37Und er ist ein notorischer Schwarzfahrer.
24:40Nach etlichen Geldstrafen haben sie ihn jetzt in Hamburg inhaftiert.
24:44Bei der Gelegenheit haben sie ihm dann auch die DNA abgenommen.
24:48Also aktueller Wohnsitz ist Hamburg, wo er gerade in der JVA sitzt.
24:52Schwarzfahren.
24:53Und jetzt kommt vielleicht ein Mord auf seine Liste.
24:56Dank dir, Jutta. Das war's erstmal.
24:58Danke, Kollegen.
25:11Gute Arbeit, ihr da.
25:12Danke.
25:16Und was denkst du? Wie kommen wir jetzt an unser Geständnis?
25:19Ich stelle mir das so vor. Wir fahren nach Hamburg, lassen ihn aus dem Gefängnis ins LKA bringen und vernehmen
25:25ihn dort.
25:26Wichtig ist nur, er darf vorher auf keinen Fall wissen, worum es geht.
25:29Wir können ihm ja sagen, dass er nochmal erkennungsdienstlich behandelt werden muss.
25:33Die Staatsanwaltschaft wird sowieso eine zweite DNA-Probe verlangen zur Sicherheit.
25:37Genau. Und dann will ich seine Reaktion sehen, wenn wir ihm sagen, dass wir aus Köln sind und dass es
25:42in Wirklichkeit um den Mord an Britta Lichte geht.
25:44Vielleicht bekommen wir schon durch diesen Überraschungseffekt unser Geständnis.
25:47Genau. Das ist so ein bisschen meine Hoffnung.
25:49Und für den Fall, dass das nicht klappt, hätte ich noch eine weitere Idee.
25:52Während wir ihn vernehmen, durchsuchen die Kollegen seine Zelle, seine Wohnung in Hamburg und seine Wohnung, die aus 2007 hier
25:57in Köln.
25:58Da wohnt heute noch ein Verwandter von ihm drin.
26:01Die sollen nach den Sachen suchen, die damals aus dem Bistro verschwunden sind.
26:04Du denkst an die Reisetasche und an die Handtasche.
26:06Exakt. Und nach der Tatwaffe sollen sie auch suchen.
26:09Die fehlt ja auch bis heute.
26:10Wir wussten jetzt, wer der Spurenleger war, aber wir wussten ja natürlich nicht, ob er auch Britta Lichte umgebracht hat.
26:18Und von daher war es uns wesentlich, ein Geständnis von dem Herrn zu bekommen.
26:24Und es kommt auf diesen einen Moment an, dass wir, ich sag mal, eine Tat aufklären oder nicht.
26:35Herr Dillman, Ihnen ist klar, worum es geht.
26:37Es entspricht der Vorschrift, dass wir einen Dolmetscher im Rahmen eines Vernehmungsgesprächs hinzuziehen.
26:41Sie haben sich bereits kennengelernt?
26:42Nein, noch nicht.
26:43Dann stelle ich Sie kurz vor.
26:45Wenn Sie da bitte Platz nehmen, ja?
26:47Das ist Herr Dillman, Ihr Dolmetscher.
26:49Wozu brauche ich Dolmetscher?
26:51Das ist Vorschrift für ein Gespräch, wie wir es gleich führen werden.
26:54Was für Gespräch?
26:55Erkläre ich Ihnen gleich.
26:57Ich bin übrigens Kriminalhauptkommissar Dick.
27:03Was soll das, Alter?
27:05Wir kommen aus Köln.
27:06Es geht um das Tötungsdelikt an einer jungen Frau.
27:10Britta Lichte.
27:11In dem Bistro Food & Vegetables am 22. Juni 2007.
27:19Haben Sie mich verstanden?
27:20Ja, Alter.
27:23Ich erkläre Sie hiermit offiziell zum Beschuldigten in dieser Sache.
27:28Sie stehen unter dem dringenden Tatverdacht, Britta Lichte getötet zu haben.
27:32Übersetzen, bitte.
27:37Ich weise Sie außerdem darauf hin, dass es Ihnen freisteht, sich zu der Beschuldigung zu äußern oder zu schweigen.
27:42Darüber hinaus haben Sie ab sofort die Möglichkeit, einen Anwalt hinzuzuziehen.
27:47Falls Sie keinen Anwalt haben oder sich keinen leisten können, können Sie jetzt einen Antrag auf einen Pflichtverteidiger stellen.
27:53Ich frage Sie, Herr Meckner.
27:54Nein, danke.
27:57Ich habe alles verstanden.
28:00Und ich brauche keinen Anwalt.
28:03Und ich will alles sagen.
28:08Darauf habe ich gewartet.
28:11Dass die Polizei zu mir kommt und mich danach fragt.
28:16Ich habe immer mit drei Kollegen, waren wir unterwegs.
28:21Wir waren immer in der Spielhalle.
28:23Wir haben immer Geld gebraucht.
28:25Und dann sind wir nachts durch die Straßen gelaufen.
28:29Haben rumgeguckt, wo wir was auftreiben können.
28:33Danach haben wir diesen Laden gesehen.
28:36Drinnen war Licht.
28:37Türe war auf.
28:39Zwei Kollegen sind dann rein.
28:41Der andere und ich, wir sind draußen geblieben.
28:43Aufpassen, ob jemand kommt.
28:48Plötzlich hat drinnen eine Frau geschrien.
28:51Dann sind beide Kollegen rausgekommen.
28:54Der eine hat geflucht und gesagt, dass alles schief gelaufen ist.
28:57Und der andere hat Blut an den Händen und an Kleidung gehabt.
29:02Und dann sind wir abgehauen.
29:04Am nächsten Tag in der Zeitung habe ich gesehen, dass Frau tot ist.
29:12Wir haben danach nie wieder geredet.
29:16Nie über das.
29:19Und das sollen wir ihm glauben.
29:22Jetzt muss man sich natürlich vorstellen, was dem Täter jetzt vorgeht.
29:26Er wird sich wahrscheinlich auch eine Geschichte ausgedacht haben,
29:29genau für diesen Zeitpunkt, wenn die Polizei auf ihn trifft.
29:32Wir wissen ganz genau, dass Sie auch in dem Bistro waren.
29:35Sie haben Ihre Zigarette dort vergessen.
29:38Auf der Theke.
29:39Und wir haben Ihre DNA daran gefunden.
29:42Genauso wie an der Tür vom Kühlraum, in den Sie das Opfer gelegt haben.
29:46Sie wollten uns doch alles sagen.
29:49Also sagen Sie uns doch alles.
29:51Sagen Sie jetzt die Wahrheit.
29:54Özür dilerim.
29:55Ben...
29:56Ben mir hata yaptım.
29:57Ben...
29:58Ben yalan söyledim, abi.
30:01Es tut ihm leid.
30:03Er hat gelogen.
30:04Kann er bitte ein Glas Wasser haben?
30:07Natürlich.
30:10Es tut mir wirklich leid.
30:13Ich war damals sehr glücklich.
30:14Frau, Kind, es hat alles gepasst.
30:19Ich bin früher oft in türkische Kneipen gegangen und Fußball geschaut.
30:24Bis dahin war alles okay.
30:28Bis ich dann mit Spielen angefangen habe.
30:31Von da ist alles schief gelaufen.
30:33Aber das wissen Sie ja von der Vorstrafe.
30:39Hadi morut, ber.
30:40Hadi rütfeln.
30:41Wer mir, wer mir.
30:43Hadi ya.
30:44Hadi morut.
30:45Junge, beruhig dich.
30:46Das nächste Spiel gewinnt bestimmt.
30:48Der gibt nicht, Alter.
30:50An der Sinneser-Team.
30:52Gerçekten, wie şey sürecekte Mama.
30:54An dem Abend habe ich sehr viel Geld versucht.
30:57Sehr viel Geld.
30:59200 oder 300 Euro.
31:18Waren Sie da allein?
31:26Ja, ja.
31:28Alleine.
31:30Die, die Kollegin von vorhin war erfunden.
31:34Nachdem ich in Spielehalle war,
31:36habe ich,
31:37habe ich wieder Geld gebraucht
31:38und bin so auf Straße gegangen.
31:42Und dann habe ich Laden gesehen.
31:46Ich weiß nicht, wie viel Uhr.
31:47Ich war verwirrt.
31:48Ich war durcheinander.
31:50Alli.
31:51Ich war das.
31:52Ich war das.
31:57Ich war das.
32:04Ich war das.
32:10Ich war das.
32:13Ich wurde ab.
32:17Es war das.
32:47Hallo?
32:50Ist da jemand?
32:59Was? Was wollen Sie?
33:01Ich will Geld!
33:06Geld her!
33:10Ja, ich gebe Ihnen das Geld. Bitte, bitte tun Sie mir nichts, bitte tun Sie mir nichts.
33:16Keine Angst, ich tue dir nichts. Gib mir Geld.
33:21Okay, okay.
33:29Nein!
33:30Hast du verstanden?
33:31Nein!
33:36Plötzlich hat sie dann geschrien ganz laut. Ich habe gesagt, sei still Mann, sei still!
33:42Aber ich habe Panik bekommen. Ich habe Panik bekommen, dass jemand auf Straße uns hört und reinkommt.
33:48Und dann haben Sie zugestochen.
33:52Zugestochen? Ich weiß nicht. Vielleicht ein bisschen rumgefuchtelt. Ich habe nicht genau hingeschaut. Aber ich weiß, ich habe sie am
34:04Hals verletzt. Und vielleicht im Gesicht und dann Hände.
34:11Reden Sie keinen Unsinn. Sie haben zugestochen. Wie oft?
34:16Zweimal, vielleicht auch dreimal. Ich kann mich nicht erinnern.
34:19Oder vielleicht öfter?
34:22Kann sein. Ich kann mich nicht erinnern.
34:25Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe.
34:29Als ich sie auf dem Boden gesehen habe, war ich komplett geschockt.
34:35Ich habe das viele Blut gesehen und ich habe mich gefragt dann, was soll ich machen? Was habe ich gemacht?
34:41Ich wusste nicht, was ich machen soll. Ehrlich, Mann.
34:45Und dann haben Sie sie in den Kühlraum gelegt.
34:49Kann sein. Ich kann mich nicht erinnern. Da war ja sonst keiner außer mir.
34:55Soll ich mich nicht erinnern.
35:07Ich kann mich nicht erinnern.
35:11Oh.
35:13Oh.
35:19Hinterher habe ich mich gefragt, warum ich diese Tasche überhaupt mitgenommen habe.
35:27Es tut mir alles leid. Es tut mir alles wirklich, wirklich leid.
35:33Und ich bin so, so froh, dass jetzt alles draußen ist.
35:44Darf ich in der Vollständigkeit halber noch zwei neue Speichelproben abnehmen?
35:51Wir konnten im Nachhinein leider nichts finden. Er hat uns auch in der Vernehmung gesagt, wo er die Sachen entsorgt
35:58hat.
35:59Das Handy hat er auf einer Reise entsorgt, an einem Bahnhof hat er direkt in den Müll geschmissen.
36:06Das Messer soll in einem Container gelandet sein für Schrott.
36:10Und die anderen persönlichen Sachen, also die Bekleidungsstücke, hat er in einen Altkleidercontainer geschmissen.
36:17Schlussendlich hat er wirklich 20 Euro nur in Bargeld gestohlen. Das war eine Rolle, die Britta mitgeführt hat.
36:25Viel Geld hatte sie überhaupt nicht dabei.
36:29Im Geständnis beruft sich der Täter auf seine Spielsucht. Eine klare Strategie.
36:35Vor Gericht hofft er auf eine möglichst milde Strafe. Doch wird er damit vor Gericht durchkommen?
36:42Der Fall Britta Lichte zeigt auf dramatische Weise, wohin Spielsucht führen kann.
36:51Mein Gesprächspartner ist Dr. Klaus Wölfling, Leiter und Gründer der AG Spielsucht an der Uniklinik in Mainz.
36:58Herr Dr. Wölfling, von Drogensucht wissen wir, wohin das führen kann im dramatischen Fall. Ist das bei Spielsucht auch so?
37:06Ja, tatsächlich ja. Auch in der Wissenschaft vergleichen wir Spielsucht eben mit klassischen Süchten wie Kokain, Alkohol oder Cannabisabhängigkeit
37:15und sehen ganz ähnliche neurobiologische Muster. Aber auch im Verhalten und in dem Druck, das Konsumverhalten auszuüben, ähneln sich diese
37:24Süchte sehr stark.
37:25In diesem Fall ging es ja um 20 Euro, weshalb Farid B. einen Menschen umgebracht hat. Wie groß muss der
37:35Druck sein, dass man zu allem fähig ist?
37:37Ja, das ist eine längere Entwicklung. Also man kann sagen, dass wir eben verschiedene Phasen der Spielsucht haben und dieser
37:44Person war eben schon am Ende, also in der Verzweiflungsphase.
37:47Und da kommt es auch zu Persönlichkeitsveränderungen, wo die moralischen Werte nicht mehr so viel zählen, wo Dinge verdrängt werden,
37:55die wichtig sind im Leben und der Spieldruck im Vordergrund steht.
37:59So was Drastisches ist wirklich sehr, sehr selten, oder?
38:03Ja, wir haben es in der Breite damit zu tun, dass eben Finanzen beschafft werden und das auch auf illegale
38:10Weise.
38:11In dem Fall, es ist wirklich mir auch noch nicht vorgekommen, dass jemand für das Spielerlebnis oder für diesen Spieldruck
38:20eben mordet.
38:21Vielen Dank, Herr Dr. Wölfling, für die interessanten Einblicke.
38:24Und nach dem Geständnis von Farid B. können die Beamten auch endlich die Angehörigen informieren.
38:30Hast du es drauf? Mit der Gurke?
38:36Okay.
38:37Oh, meine Liebe.
38:43So, ich habe ein bisschen Backe machen.
38:46So, tschüss, tschüss.
38:50Was machst du denn da?
38:51Schnell den Salat.
38:54Der Salat klingt ja nicht von allein.
38:56Natürlich, ja.
38:57Gehst du?
38:58Das sind sie, ja.
38:59Was sagst du?
39:01Ich mache auf.
39:06Wegen 20 Euro.
39:10Ich kann es einfach nicht glauben.
39:20Sie fehlt uns immer noch jeden Tag.
39:24Ich kann nur hoffen, dass der Typ seine gerechte Strafe bekommt.
39:27Mehr als neun Jahre nach dem schrecklichen Verbrechen an der 24-jährigen Britta Lichte beginnt am 12. September 2016 vor
39:37dem Kölner Landgericht der Prozess gegen Farid B.
39:40Britas Familie tritt dabei als Nebenklägerin auf.
39:44Gleich am ersten Tag der Hauptverhandlung verließ der Verteidiger von Farid B. eine Erklärung seines Mandanten.
39:51Ich räume die Tat ein und entschuldige mich in aller Form.
39:55Auch wenn ich weiß, dass meine Entschuldigung nicht angenommen werden kann.
39:59Was ich getan habe, ist unverzeihlich.
40:02Meine Tat ist erschreckend und kaum erklärbar.
40:06Ich kann das Geschehene nicht rückgängig machen.
40:08Aber ich wünsche keine Verteidigung, die das Leid der Familie von Britta Lichte weiter verstärkt.
40:17Weitere Einlassungen folgen in den nächsten Tagen.
40:20Vielen Dank.
40:27Farid B. hat sich natürlich bei der Hauptverhandlung versucht, besser darzustellen, als er ist.
40:32Er war der Täter, hat die Britta Lichte umgebracht und stellte sich jetzt so dar, dass seine Spielsucht ihn dazu
40:39getrieben hat.
40:40Und ich weiß nicht, wie das jetzt genau bei den Eltern angekommen ist, aber für sie klang das so wie
40:48so eine läppsche Entschuldigung.
40:56Unsere Britta war ein so positiver und lebensfroher Mensch.
41:02Es gibt keine Worte, die annähernd beschreiben können, wie groß unser Schmerz ist, sie verloren zu haben.
41:08Im Alter von drei Jahren und das, ja das möchte ich hier noch sagen, das, da wurde bei Britta eine
41:15schwere Krankheit diagnostiziert.
41:17Sie hat mit aller Kraft dagegen angekämpft und schließlich hat sie es geschafft.
41:22Sie ist gesund geworden.
41:24Für uns alle war das wie ein Wunder.
41:28Ich kann bis heute nicht glauben, dass sie uns dann doch noch auf so brutale Weise entrrissen wurde.
41:37Dass sie tot ist.
41:41Ermordet wurde.
41:53Es ist natürlich uns sehr wichtig, überhaupt den angehörigen Antworten liefern zu können.
41:58Zu wissen, was ist da passiert, warum wurde mein Kind ermordet.
42:02Sechseinhalb Wochen nach Prozessbeginn wird am 28. Oktober 2016 das Urteil gesprochen.
42:09Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil.
42:12Der Angeklagte wird wegen versuchter, besonders schwerer räuberischer Erpressung,
42:17wegen Mordes in Verdeckungsabsicht und wegen Diebstahls zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe als Gesamtstrafe verurteilt.
42:25Die Kosten des Verfahrens werden dem Angeklagten auferlegt.
42:33Mildernde Umstände wegen seiner Glücksspielsucht gibt es für Farid B. nicht.
42:38Eine Spielsucht mindert nur dann die Schuldfähigkeit, wenn sie zu extremen Persönlichkeitsveränderungen oder starken Entzugserscheinungen führt.
42:46Beides trifft auf Farid B. nicht zu, so das Gericht.
42:50Für die Familie von Britta Lichte bleibt der Schmerz über den Verlust.
42:55Das war XY gelöst. Mein Name ist Sven Voss.

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