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  • vor 18 Stunden
In dieser Folge geht es um Verbrechen, bei denen Menschen
ihrer Freiheit beraubt wurden und über Stunden oder sogar Tage
hinweg Todesangst erlebten.

Kategorie

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Transkript
00:00Wir sehen hier Entführungen. Dramatische Fälle aus dem Archiv der Sendung Aktenzeichen XY ungelöst,
00:07das jetzt schon seit fast 60 Jahren akribisch geführt wird. Jedes Verbrechen erzählt eine
00:13Geschichte mit vielen Facetten und Fragen, die offen bleiben. Diesen Fragen möchte ich nachgehen,
00:19um Verbrechen besser verstehen und einordnen zu können. Heute will ich herausfinden,
00:24wie schafft es jemand nach einer Entführung zurück in den Alltag? Was unternimmt die
00:30Polizei, um Opfer zu befreien? Und wer kommt eigentlich für das Lösegeld auf? Und damit
00:37herzlich willkommen zu XY Spuren des Verbrechens. Ich bin Helene Reiner und ich spreche heute mit
00:44Expertinnen und Experten und mit einem Mann, der selbst entführt wurde. Seine Entführer
00:51sperrten ihn tagelang ein, in so eine Holzkiste. Gut ein Meter hoch, ein Meter breit, drin mit
00:59einer Matratze. Seine unglaubliche Geschichte beginnt 1993 an seinem Hochzeitstag.
01:12Dietzenbach bei Frankfurt, 1. September 1993. Um 10 habe ich das Essen fertig.
01:21Prima, also bis dann. Achim Heftrich ist Juniorchef einer Lebensmittelgroßhandlung. Wie üblich verlässt er
01:33bereits um 5.30 Uhr das Haus, um in sein Büro nach Offenbach zu fahren. Seine Frau und die
01:39gemeinsamen Kinder sind trotz der frühen Uhrzeit mit ihm aufgestanden.
01:53Was soll denn das? Was ist denn da los? Was ist doch der Papa? Was soll denn das? Lass mich
02:04in Ruhe!
02:18Achim Heftrich weiß nicht, was die Männer von ihm wollen. Gefesselt und mit einer Tasche über dem Kopf ist er
02:24seinen Entführern ausgeliefert.
02:47Die Entführer sind mit ihrem Opfer etwa eine halbe Stunde unterwegs. Zeitweise auf der Autobahn oder einer Schnellstraße.
02:57Gehören die Sachen da ihrem Mann? Ja, das ist sein Aktenkoffer und die Tasche für den Sport.
03:01Bleibt da drüben. Gehört ja auch ihrem Mann. Oh mein Gott, das ist seine Brille.
03:06Ich informiere jetzt die Leitstelle. Die schicken dann ein paar Kollegen von der Kripo. Bis die da sind, bleiben wir
03:11erstmal bei ihnen.
03:12Ich mach ihn auf.
03:15Also das sieht hier eindeutig nach einer Entführung aus. Die Kollegen von der Kripo können gleich einen Techniker fürs Telefon
03:21mitbringen.
03:24Achim Heftrich wird in einer Wohnung von den Entführern in einer Holzkiste gefangen gehalten.
03:30Im Radio läuft ein Frankfurter Lokalsender.
03:39Eineinhalb Tage lassen die Täter die Familie des Opfers im Ungewissen.
03:43Erst am Abend des 2. September 1993 melden sich die Entführer das erste Mal.
03:49Eine Kripo-Beamtin nimmt den Anruf entgegen.
03:53Das könnten sie sein. Geh ran, Birgit.
03:58Ja, bitte.
04:00Es geht mir gut. Fahrt bitte sofort an die Bushaltestelle am Gut Neuhof.
04:05Dort findet ihr eine Kassette mit Nachricht. Bitte macht schnell. Tschüss.
04:11Aufgelegt. Dürfte vom Band gekommen sein.
04:13Mein Gott, tut doch was.
04:15Ruhig. Das läuft jetzt ganz gut. Die wollen ja was. Wir kümmern uns jetzt um die Nachricht.
04:19Ich halte das nicht aus. Ich werde was.
04:21Mit dem ersten Anruf beginnen die Täter ein zynisches und grausames Spiel.
04:42Vielleicht kommt der Heinz.
04:44Heute nicht.
04:46Ja, du musst halt draußen warten.
04:52Entschuldigen Sie. Warten Sie schon lange?
04:55Nö, vielleicht fünf Minuten.
04:58Aber der muss ja bald kommen.
05:00Haben Sie hier noch jemand gesehen?
05:02Nee. Warum?
05:04Ach, nur so. Vielen Dank.
05:18Ich sitze hier.
05:19Mir geht es ganz gut.
05:22Die Leute wollen zwei Millionen haben.
05:24Bis Montag.
05:25Ihr sollt eine Anzeige in der Frankfurter Rundschau aufgeben.
05:30Ausspeiner gesucht.
05:33Dann setzen Sie sich mit euch in Verbindung.
05:37Papa, Mama.
05:39Macht alles, was ihr könnt.
05:42Ich habe furchtbare Angst.
05:45Sobald ihr das Geld habt und die Leute lesen die Anzeige, setzen Sie sich sofort mit euch in Verbindung, damit
05:52ich freikomme.
05:56Diese Schweine.
05:58Gott sei Dank, er lebt.
06:00Ja, er lebt. Aber zwei Millionen, das ist doch Wahnsinn.
06:04Sie müssen mit der Bank reden. Das wird schon gehen.
06:06Bei der hatte ich drei Millionen Mark Schulden, wegen einem neuen Firmengebäude.
06:10Wie Sie bloß drauf gekommen sind, dass bei uns was zu holen ist.
06:14Ich nehme die Kassette gleich mit ins Präsidium.
06:16Mal sehen, was unsere Spezialisten damit anfangen können.
06:19Sie bleiben besser hier, Birgit, falls noch was ist.
06:21Gut, mache ich. Ich bringe Sie noch zur Tür.
06:24Danke.
06:27Die Täter haben zwar die Fesseln gelöst, aber sie achten genau darauf, dass Achim Heftrich weder sie noch den Raum
06:33zu Gesicht bekommt, in dem er gefangen gehalten wird.
06:37Am Montag, dem 6. September, zeichnet sich für Achim Heftrich ein Ende seines Martyriums ab.
06:46Alles klar, hat geklappt.
06:52Setz den Beutel auf und komm raus.
06:58Ich bin fertig.
07:01Die Leute haben die Kohle besorgt. Du hast Glück gehabt.
07:03Gott sei Dank.
07:05Könnt ihr mich ja laufen lassen.
07:06Nee, so schnell geht's auch wieder nicht.
07:07Jetzt müsste ich erst mal umziehen.
07:09Umziehen? Warum?
07:10Kriegst von uns was zum Anziehen.
07:12Jetzt kommt schon.
07:14Hier, zieh das an und beeil dich.
07:25Nachdem sie von der Bank die Zusage für das Lösegeld erhalten haben, hat Familie Heftrich das geforderte Inserat aufgegeben.
07:32Die Täter leiten daraufhin die Geldübergabe ein.
07:36Was ist los?
07:37Bist du eingeschlafen oder was?
07:38Nein, bin gleich fertig.
07:40Den Beutel nicht vergessen.
07:42Willst du es dir zum Schluss doch nicht noch verderben, oder?
07:57Als Ort der Geldübergabe haben die Täter die Schiersteiner Brücke zwischen Wiesbaden und Mainz gewählt.
08:03Ein Bekannter der Familie Heftrich soll die geforderten zwei Millionen D-Mark übergeben.
08:09Die Täter lotsen ihn am 7. September kurz vor Mitternacht auf die vielbefahrene Brücke.
08:15Bei einem roten Tuch am Geländer soll er das Geld hinunterwerfen.
08:19Das Opfer haben die Täter zur Brücke mitgenommen.
08:22Du bleibst hier stehen. Wenn du jetzt keine Zicken machst, ist ein paar Minuten alles vorbei.
08:29Ich habe langsam Zeit.
08:35Jetzt wachs von!
08:47Hey, ich hab's gelaufen. Du darfst genau 20 Minuten hier stehen, ohne zu mutzen. Danach kannst du machen, was du
08:52willst. Verstanden?
08:58Achim Heftrich hat die knapp einwöchige Entführung überlebt. Mit Helene Rainer spricht er über die wohl schwerste Zeit in seinem
09:05Leben.
09:06Herr Heftrich, wir treffen uns hier in Hamburg an einem neutralen Ort, auch damit niemand erfährt, wo Sie genau leben.
09:13Ihre Geiselnahme ist jetzt über 30 Jahre her. Wir haben in dem Film gesehen, wie der Moment der Geldübergabe ablief
09:20und die Entführer Sie zurückgelassen haben.
09:22Wie haben Sie den Moment erlebt?
09:25Ja, der Moment war nicht das Entscheidende oder für mich das Schlimmste. Das Schlimmste war die Zeit, bis wir zu
09:32diesem Punkt zur Geldübergabe kamen.
09:34Und die ganze Vorbereitung mit Augen verkleben, Mütze aufsetzen im Auto, Transport dahin.
09:40Man hat die ganze Zeit die Angst gehabt, wird man jetzt getötet, bleibt man am Leben, kommt es zu der
09:44Geldübergabe.
09:46Das war für mich die schlimmste Zeit gewesen.
09:48Als Sie vor Ihrem Haus entführt wurden, was ging Ihnen da durch den Kopf?
09:56Erstmal wusste ich gar nicht, dass es eine Entführung sein sollte.
09:59Ich habe zwei Leute am Straßenrand stehen sehen und ich bin zum Auto und dann haben die direkt auf mich
10:05eingeschlagen.
10:06Und ich wusste gar nicht, was sie wollten. Und die haben mich dann weggezerrt.
10:11Ich wusste gar nicht, was da passiert.
10:14Sie waren dann eine Woche lang in einer Holzkiste eingesperrt.
10:19Ein Meter hoch, ein Meter breit und drei Meter lang. Wie haben Sie das durchhalten können?
10:24Ich glaube, jeder Mensch ist so, dass er sich dann auf so einen Überlebensmodus einstellt.
10:30Ich habe eigentlich nur in dieser Kiste gelegen, habe auch in dieser Woche zehn Kilo abgenommen.
10:35Sie haben ja nichts in der Kiste drin. Ich hatte eine Leuchtstoffröhre und einen Eimer, damit ich auf die Toilette
10:41gehen konnte.
10:42Und ein Lüfter drin. Das war alles.
10:45Wenn Sie da heute zurückschauen, woran können Sie sich noch erinnern in dieser Zeit?
10:50Also ich habe ja nur vier, fünf Mal Kontakt im Prinzip mit den Entführern gehabt.
10:55Einmal, wo ich diese Lösegeld-Aufforderung auf Band aufsprechen sollte.
11:01Und dann immer einmal am Tag, wo ich auf die Toilette geführt wurde.
11:05Ich musste mir dann so eine Stoffmütze aufsetzen und bin dann in die Toilette geführt worden und wieder zurück.
11:11Und sonst hatte ich keinen Kontakt mit den Entführern gehabt.
11:14Sie haben die Geiselnahme überstanden, zumindest körperlich unversehrt.
11:18Aber die Entführer sind mit den zwei Millionen Mark Lösegeld zunächst entkommen,
11:23was gravierende Folgen hatte für sie und ihre Familie.
11:26Darüber sprechen wir gleich nochmal.
11:28Wenn es um die Erpressung von Geld geht, dann scheinen manche Entführer vor nichts zurückzuschrecken.
11:34Das zeigt ein Fall von 1980, bei dem zwei Mädchen entführt wurden.
11:38Gerade mal zwölf und 13 Jahre alt.
11:44Berlin, Samstag, 15. November 1980.
11:48Die 13-jährige Sabine Winter frühstückt wie jeden Morgen mit ihrer Familie.
11:53Es ist kurz nach 7 Uhr, als sie zur Schule aufbricht.
12:02Tschüss, Fabi.
12:03Tschüss, Mannschaft.
12:04Du, wie ist das? Holst du mich heute Mittag ab?
12:07Mal sehen. Ich weiß noch nicht genau, wie ich es schaffe.
12:09Wenn ich nicht da bin, muss die eben mit der U-Bahn fahren.
12:12Also komm.
12:14Tschüss.
12:15Tschüss.
12:17Sabine ist Schülerin am Gymnasium.
12:20Den ersten Teil des Schulwegs geht sie meist zusammen mit ihrer zwölfjährigen Freundin Lisa,
12:25die direkt gegenüber wohnt.
12:35Hallo.
12:37Na, du bist ja wieder toll pünktlich.
12:39Und ich etwa nicht?
12:40Doch, du natürlich auch.
12:42Aber jetzt mach dich hin, sonst kommst du noch zu spät.
12:45Ja.
12:45Tschüss.
12:46Tschüss.
12:47Tschüss, Mami.
12:48Tschüss.
12:50Tschüss.
12:52Tschüss.
12:53Aber an diesem Morgen machen sich die beiden Mädchen pünktlich um 7.15 Uhr auf den Weg
12:57zur Schule.
12:59Sabine und Lisa gehen gerade über einen nahegelegenen Parkplatz, als sich ihnen plötzlich ein unbekannter
13:05Mann in den Weg stellt.
13:08Hey, stehen bleiben.
13:09Zurück mit euch.
13:11Da rein.
13:11Da rein ins Auto.
13:13Los, einsteigen und kein Mucks.
13:15Los, legt euch da drin auf den Bauch.
13:22Noch auf dem Parkplatz fesselt der fremde Mann die Schülerinnen an Händen und Füßen.
13:30Bewegungsunfähig liegen sie auf dem harten Metallboden des Transporters.
13:34Dann fährt der Täter mit ihnen los.
13:39Wohin, das können die Kinder nicht erkennen.
13:42Sie haben Angst und sie frieren.
13:52Irgendwo in Berlin hält der Täter den Wagen an.
13:56Während es draußen allmählich hell wird, kehrt der Entführer zu den Mädchen in den
14:00Laderaum zurück.
14:02Dort zwingt er sie, mit einem Kassettenrekorder eine Nachricht aufzunehmen.
14:06Ein Lebenszeichen für die spätere Erpressung der Familien.
14:14Pass auf.
14:15Du sprichst jetzt hier auf die Kassette, was ich dir vorsage.
14:18Also pass gut auf.
14:20Mama, Papa, mir geht es gut.
14:23Ich hab euch lieb.
14:25Wenn ihr nicht tut, was sie verlangen, bringen sie uns um.
14:28Los jetzt.
14:31Mama, Papa, uns geht's gut.
14:34Ich hab euch ja so lieb.
14:36Wenn ihr nicht tut, was sie verlangen, bringen sie uns um.
14:42Die Drohung mit dem Tod.
14:44Das ist eine unvorstellbar brutale Form von psychischer Gewalt.
14:49Wie kann man sowas verarbeiten?
14:51Jemand, der sich damit auskennt, ist Andrea Eckert.
14:54Sie ist Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin.
14:57Hallo, Frau Eckert.
14:59Grüße Sie, Frau Rainer.
15:00Hallo.
15:01Gehen Kinder mit so einer Drohung eigentlich anders um als Erwachsene?
15:06Ja, das tun sie.
15:07Man kann sagen, dass Kinder im Grunde diese Situation kennen.
15:12Also Kinder wissen, dass man gehorchen muss.
15:17Das heißt, dass sie unter Umständen mit dem, was dann gefordert,
15:21mit den Forderungen und mit der neuen Situation
15:25jetzt ein bisschen besser zurechtkommen.
15:28Sowohl für Kinder als auch für Erwachsene eine Entführung.
15:31Das ist ja eine absolute Ausnahmesituation.
15:34Gibt es für sowas eine Art Überlebensstrategie?
15:37Eine Überlebensstrategie?
15:38Ja, das ist die Anpassung.
15:40Das ist im Grunde die Dissoziation von den eigenen Wünschen,
15:43dem, wie man selber ist, eigentlich von dem eigenen Ich
15:46und sich möglichst vollkommen anzupassen dem, was gefordert ist.
15:52Das ist übrigens diese Dissoziation, dieses Abspalten von den eigenen Gefühlen.
15:57Man kann ja auch nicht permanent in Angst und Panik sein.
16:00Das würde man nicht überstehen.
16:01Das heißt, man muss Gefühle abspalten, um irgendwie einigermaßen ruhig zu bleiben
16:08und einigermaßen sich halten zu können.
16:11Opfer von Entführungen erinnern sich ja oft nur an so bestimmte Details,
16:14können aber das große Ganze nicht mehr wiedergeben.
16:17Woran liegt das?
16:17Weil der ganze Organismus, Gehirn, Physiologie, Muskeln,
16:24alles ist darauf ausgerichtet, zu überleben.
16:26Diese Situation zu überstehen, für die es gleichzeitig überhaupt keine Vorlage gibt.
16:32Man weiß es nicht, wie man es macht.
16:33Wenn eben da eine Pistole auf mich gerichtet ist,
16:36dann weiß ich, was das bedeutet.
16:40Das ist Lebensbedrohung.
16:41Und es werden die Dinge aufgenommen und wahrgenommen und behalten,
16:45die entweder für den Moment als die Wichtigeren erscheinen oder die vordringlich waren.
16:50Manchmal erinnern sich Leute zum Beispiel bei einem kleineren Traum,
16:53aber bei einem Autounfall, sie wissen noch, was in dem Moment im Radio gekommen ist,
16:57aber nicht mehr, können sich an das andere nicht mehr erinnern.
16:59Vielen Dank erstmal.
17:01Gerne.
17:03Wer tatsächlich auf einmal gar keine Chance mehr hat, sich zu erinnern,
17:07das sind Sabine und Lisa, die beiden Mädchen, die entführt wurden.
17:10Ihr Entführer greift nämlich zu einer besonders drastischen Maßnahme.
17:17Der Entführer sorgt dafür, dass ihm die Kinder nicht in die Quere kommen.
17:21Hier, nimm die. Das sind Schlaftabletten.
17:25Es passiert dir nichts. Du schläfst nur ein bisschen.
17:29So, trink.
17:35So, jetzt, du.
17:41Dann ruft er die Eltern von Sabine an und verlangt Sabines Vater zu sprechen.
17:47Worum geht's denn?
17:48Schnell, schnell, geben Sie mir schon Ihren Mann.
17:50Ihre Tochter ist entführt.
17:51Was sagen Sie da?
17:52Wir haben Ihre Tochter und das Mädchen von gegenüber auch.
17:56Bewahren Sie absolute Ruhe. Keine Polizei.
17:58Glauben Sie nicht, dass wir es nicht merken würden.
18:00Wenn Sie die Polizei ins Spiel bringen, sehen Sie die Kinder nicht lebend wieder.
18:04Hören Sie mal, was soll denn dieser Quatsch?
18:05Damit scherzt man nicht.
18:06Es ist kein Scherz.
18:08Wir wollen 800.000 Mark.
18:09Sonst sehen Sie Ihre Tochter nicht wieder.
18:11Ja, die spinnen doch. Die ist doch vorhin in die Schule gegangen.
18:15Dann hören Sie mal gut zu.
18:18Mama, Papa, uns geht's gut.
18:21Ich hab euch ja so lieb. Wenn ihr nicht tut, was die verlangen, bringen Sie uns um.
18:28Die sind wahnsinnig. Ich hab doch keine 800.000 Mark.
18:30Wo soll ich denn die jetzt herkriegen? Am Sonnabend?
18:33Jürgen Winter behält die Nerven.
18:35In mehreren Telefongesprächen versteht es Sabines Vater, den Täter hinzuhalten.
18:40Und selbstverständlich schaltet er auch die Polizei ein.
18:43Die Gespräche, die der Täter von verschiedenen Telefonzellen ausführt, erstrecken sich über den ganzen Tag.
18:50Bis zum Abend gelingt es ihm schließlich, den Erpresser auf 200.000 Mark herunterzuhandeln
18:55und das Geld für seine Tochter und deren Freundin mithilfe einer Bank auch zu beschaffen.
19:00Kurz nach 19 Uhr beginnt dann die Geldübergabe.
19:04Ja, ich hab verstanden. Ich komme.
19:07Nein, nein, ich komme allein. Ich fahre sofort los.
19:11Er hat genau gewusst, dass gerade das Geld angekommen ist.
19:15Wir werden offenbar beobachtet.
19:16Das kann natürlich auch ein Bluff sein.
19:19Vielleicht schon, aber mir wäre es lieber, wenn ich jetzt allein weitermachen könnte.
19:23Er hat mir eine Telefonzelle am Mariendorfer Damm gesagt, zu der ich kommen soll, mit dem Geld.
19:28Es besteht natürlich die Gefahr, dass uns dann durch die Lappen geht.
19:30Ich will da kein Risiko eingehen. Sie müssen das verstehen.
19:32Nein, schließlich geht es um das Leben meiner Tochter.
19:35Na gut, dann werden wir uns zunächst etwas zurückhalten.
19:37Vielen Dank.
19:46In der Telefonzelle findet Jürgen Winter wie angekündigt eine weitere Nachricht des Erpressers.
19:52Er wird mit genauer Anweisung über die Wegstrecke zu einem Park im Stadtteil Mariendorf dirigiert.
19:59Dort befindet sich hinter einer Mauer eine Kirche mit einem kleinen Friedhof.
20:03Hier soll er den Sack mit dem Geld über die Friedhofsmauer werfen.
20:07Da er davon ausgehen muss, dass er beobachtet wird und um das Leben seiner Tochter und das der Freundin fürchtet,
20:13hält er sich exakt an die Anweisung des Entführers.
20:26Ohne dass die Polizei eine Chance zum Eingreifen hat, holt der Erpresser auf der anderen Seite der Friedhofsmauer die Beute
20:32ab
20:33und lässt die Mädchen noch am selben Abend vor einem Berliner Krankenhaus frei.
20:41Die Kripo, die sich bisher auf Wunsch des Vaters zurückgehalten hat, startet jetzt mit einer Großfahndung.
20:47In Aktenzeichen XY ungelöst präsentiert die Polizei im Februar 1981 eine Original-Tonbandaufnahme von einzelnen Sätzen des Entführers.
21:01Und tatsächlich, kurz nach der Sendung meldet sich ein Anrufer, der die Stimme des Entführers erkannt haben will.
21:09Doch die damaligen Ermittler können den Tatverdächtigen nicht ausfindig machen.
21:14Aber dann, sechs Wochen nach Ausstrahlung der XY-Sendung, meldet sich der Entführer per Brief bei seiner Mutter und legt
21:21ein komplettes Geständnis ab.
21:23Er schreibt, er werde sich stellen, unter einer Bedingung. Sein Name darf nicht genannt werden.
21:30Die Polizei geht auf die Bedingung ein. Bei der Vernehmung gesteht er, von den 200.000 Mark seien nur noch
21:3656.000 übrig.
21:38Sein Motiv für die Tat? Hohe Schulden.
21:43Die Polizei konnte den Täter also fassen. Im Fall von Sabine und Lisa, der beiden entschürten Mädchen.
21:49Aber wie geht die Polizei eigentlich vor, wenn jemand entschürt wird?
21:53Ich freue mich sehr, dass uns das Fabian Puchelt erklären kann.
21:56Er ist vom Landeskriminalamt Bayern und ein fester Bestandteil von Aktenzeichen XY ungelöst.
22:02Hallo Herr Puchelt.
22:03Hallo Frau Rainer, grüß Sie.
22:04In den Fällen, die wir bis hierhin gesehen haben, ging es den Tätern ja um Geld.
22:08Gibt es noch andere Motive, warum Menschen entführt werden?
22:12Ja, die gibt es leider. Also Geld ist natürlich so eines der Hauptmotive.
22:15Genauso kann es aber auch sein, dass sie politische bis hin zu terroristische Motive verfolgt werden.
22:20Es gibt so Sonderfälle, bei denen geht es um Kindesentziehung, bis hin zu irgendwelchen sexuellen Motiven, die da im Hintergrund
22:26stehen.
22:27Gibt es eigentlich einen Unterschied, wann spricht man von Entführung und wann von einer Geiselnahme?
22:32Ja, das sind tatsächlich zwei ganz wesentliche Sachen.
22:35Einmal bei der klassischen Geiselnahme habe ich den Aufenthaltsort von Täter und seinen Geiseln, der ist uns bekannt.
22:42Und bei einer Entführung wissen wir das nicht.
22:43Das heißt, wir wissen nicht, wo der Täter ist und wir wissen auch nicht, wo sich die entführte Person auffällt.
22:47Und das macht natürlich im weiteren polizeilichen Vorgehen einen sehr, sehr großen Unterschied.
22:51Und da müssen wir natürlich genau schauen, was liegt vor und welche unserer Einsatzkonzeptionen können wir dann letzten Endes dafür
22:59anwenden.
22:59Was ist da der größte Unterschied beim Vorgehen der Polizei?
23:03Ich nehme jetzt mal das Beispiel einer Geisellage heraus.
23:05Also sprich, wir wissen, wo sich der Täter aufhält.
23:08Das beste Beispiel zum Beispiel der klassische Banküberfall.
23:11Der Täter befindet sich in der Bank mit seinen Geiseln.
23:14Da können wir uns natürlich jetzt darauf einstellen.
23:16Wir wissen, wo sie sind.
23:17Wir können notfalls, wenn da drin irgendwas eskalieren sollte, wenn sich die gesamte Situation irgendwie verschärft,
23:23können wir mit unseren Spezialeinheiten natürlich einwirken, so wie es im Amtsdeutsch heißt.
23:27Sprich, wir können einen sogenannten Notzugriff machen und können in die Bank reingehen und versuchen, die Geiseln aus dieser Situation
23:34zu befreien.
23:35Und genau diesen Vorteil, den wir jetzt in dieser Situation bei einer Geiselnahme haben,
23:39den kann ich natürlich nicht im Falle einer Entführung ausspielen,
23:42weil wir immer noch nicht wissen, wo sich diejenigen aufhalten.
23:46Sie haben jetzt schon von Spezialeinheiten gesprochen.
23:48Ich kann mir vorstellen, dass da ganz viele unterschiedliche Personen zu Rate gezogen werden.
23:52Wer kommt da so zum Einsatz?
23:54Wir brauchen Spezialkräfte.
23:56Wir brauchen vor allem jetzt mal einen polizeilichen Führungsstab,
23:59der dieses ganze Szenario koordiniert und der auch ganz, ganz klar sagt,
24:03was wird getan und was wird nicht getan.
24:05Sprich, wir holen jemanden, der den Einsatz leitet.
24:08Wir holen unsere Spezialeinsatzkräfte, die sogenannten SEK-Einheiten und ein ganz, ganz wesentlicher Teil,
24:15und das trifft jetzt auf mich wieder beim Bayerischen Landeskriminalamt, die sogenannten Beratergruppen.
24:20Und das ist zum Beispiel etwas, was wir bundesweit einheitlich geregelt haben,
24:24dass in der Regel bei allen Landeskriminalämtern diese Beratergruppen mit einer gewissen Expertise zur Verfügung stehen
24:31und dann eben den Einsatzleiter vor Ort zu beraten und ihm genau sagen,
24:35pass auf, wir würden folgende Empfehlung aussprechen.
24:37Wir kennen dieses Verhalten vielleicht auch aus anderen Einsätzen.
24:41Und in Summe mit Spezialeinheiten, mit unseren Beratergruppen bei den Landeskriminalämtern
24:47berät man den Führungsstab, berät den polizeilichen Einsatzleiter
24:51und versucht dann natürlich am Ende die Geiseln zu befreien.
24:55Und das ist für uns natürlich das Allerwichtigste und hat oberste Priorität.
24:59Vielen Dank für die Erklärung, Herr Puchelt.
25:01Sehr gerne.
25:02Unser nächster Fall handelt von einer Entführung, bei der ein 67-jähriger Juwelier
25:07mit einer besonders perfiden Maßnahme gefügig gemacht werden sollte.
25:11Mit einer Bombe am Körper.
25:19Johannes Kehl gehört zu den bekanntesten Goldschmieden Europas.
25:24Seit Jahrzehnten finden seine Arbeiten weltweit Anerkennung.
25:28Auf der Kundenliste des Mainzer Juweliers steht sogar der Papst.
25:34Also ich gehe dann jetzt. Schönen Abend noch. Bis dann.
25:40Auf Wiedersehen.
25:43Schönen Abend noch, meine Liebe.
25:47Es ist der 17. Dezember 2002, kurz nach 18 Uhr.
25:52Gut eine Stunde später kommt Johannes Kehl nach Hause.
25:56Der Juwelier ist alleinstehend und lebt zurückgezogen.
26:00Bevor er die Garage öffnet, schaltet er die Alarmanlage aus.
26:09Für Johannes Kehl beginnen nun die schrecklichsten Stunden seines Lebens.
26:33Für Johannes Kehl
26:47Die Täter fahren ein paar hundert Meter weiter in eine abgelegene Straße.
26:52Dort wechseln sie das Fahrzeug. Johannes Kehl ist verletzt. Er hat keine Ahnung, was ihm noch bevorsteht.
27:07Nein, da! Aber ein noch!
27:17Na bitte nein! Bitte nein!
27:20Ist nur zu weh, können sie die Tesseln lockern.
27:28Danke.
27:40Haus-Schlüssel?
27:45Alles der Garage-Schlüssel.
27:47Wo sind die Schlüssel zum Haus?
27:50Weiß nicht.
27:59Ja, das ist er.
28:01Hast du Tresor?
28:03Ich habe keinen Tresor. Aber bitte, wenn sie das rausgehen, machen sie nichts kaputt.
28:08Die Entführer haben den Wagen inzwischen in einer kleinen Lagerhalle in der Nähe geparkt.
28:14Eine der beiden bleibt beim entführten Juwelier im Auto zurück.
28:17Der andere dringt ins Haus von Johannes Kehl ein und raubt dort unter anderem wertvollen Schmuck.
28:23Etwa zwei Stunden später kehrt er zurück.
28:29Die ganze Nacht lang wird Johannes Kehl in dem Transporter gefangen gehalten.
28:35Er leidet Höllenqualen, weiß nicht, was die Männer mit ihm vorhaben und rechnet mit dem Schlimmsten.
28:43Johannes Kehl und seine Geschäftsführerin haben sich für diesen Morgen sehr früh im Laden verabredet.
28:47Doch der sonst so zuverlässige Juwelier kommt nicht.
29:06Hallo Ingo, Anja hier. Bist du gerade auf dem Weg ins Geschäft?
29:10Du, ich erreiche Herrn nicht. Würdest du dir was ausmachen, bei ihm vorbeizufahren und zu schauen, ob alles in Ordnung
29:16ist?
29:17Danke.
29:20Etwa zeitgleich fahren die Täter mit dem Fahrzeug, in dem Johannes Kehl gefangen gehalten wird, wieder weiter.
29:39Anja, ich bin's. Du, ich klinge nicht jetzt seit 10 Minuten stören. Der macht einfach nicht auf.
29:44Ist der überhaupt da?
29:46Ja, es brennt ja Licht.
29:51Ne, das Gartentor ist auf.
29:53Ingo, tu mir einen Gefallen, geh rein ins Haus. Du hast doch einen Schlüssel. Oder hast du den nicht mit?
29:58Doch, doch. Aber ich kann ja nicht so einfach.
30:01Für solche Fälle hat er dir doch den Schlüssel gegeben.
30:04Na gut.
30:17Wie sieht's denn hier aus?
30:19Was ist los?
30:28Wie ist irgendwas passiert?
30:30Ich rufe die Polizei.
30:35Über das Verhalten der Täter in dieser Nacht rätselt die Polizei noch heute.
30:40Nach Stunden des Wartens kehren sie wieder dorthin zurück, wo sie Johannes Kehls Auto abgestellt hatten.
30:46Hier beginnt etwas, was in der deutschen Kriminalgeschichte einmalig ist.
30:51Oh, was machen Sie?
30:58Was soll das? Was soll das denn?
31:05Sagen Sie noch was, was machen Sie jetzt?
31:09Was ist das? Was ist das? Was ist das?
31:13Das ist eine Bombe.
31:15Was?
31:16Sprengstoff.
31:18Was?
31:20Sind Sie wahnsinnig?
31:28Nur diesen Knopf drücken. Erknotierst du.
31:33Auch das ist wieder eine unvorstellbare und extreme Situation, die wir nochmal einordnen können mit der Psychoanalytikerin Andrea Eckert.
31:42Frau Eckert, Menschen, die so einer Bedrohung ausgesetzt sind, welche Folgen kann das für Sie haben?
31:48Folgen davon sind Schlafstörungen, sind aber auch erhöhte Reizbarkeit.
31:53Es sind aber auch solche Erscheinungen wie Hyperakusis, also dass man plötzlich Dinge überscharf hört.
32:00Bestimmte Situationen, die der Entführungssituation gleichen, werden aktiv vermieden.
32:07Ich steige nicht mehr zu irgendjemandem ins Auto.
32:12Ungewollte Erinnerungsfetzen, die können auf allen sensorischen Kanälen passieren.
32:16Also man kann was sehen, was hören, was riechen, was schmecken, was fühlen, was daran erinnert.
32:21Und wenn ich dann in der Situation drinnen bin, nennt man das ein Flashback, der getriggert ist durch diese sensorische
32:28Erinnerung an die damalige Situation.
32:31Wie finden denn Menschen nach so einer Erfahrung zurück ins Leben?
32:36Ich glaube, dass sie wirklich dringend Begleitung brauchen, therapeutische Begleitung, Begleitung durch Personen, die das verstehen.
32:45Und auf der anderen Seite ist es vielleicht schon wichtig zu sagen, dass so eine Erfahrung Folgen hat.
32:51Also man hat erlebt, wozu Menschen in der Lage sind und hinter das, was das bedeutet für das eigene Verhältnis
33:00zur Welt und zu den Menschen.
33:01Da kann man nicht mehr dahinter zurück.
33:04Vielen Dank, Frau Eckert.
33:05Gerne.
33:07Auch der entführte Juwelier muss erleben, wozu Menschen fähig sind.
33:11Er trägt immer noch eine Bombe am Körper, aber dieser Fall nimmt eine unerwartete Wendung.
33:19Verfleisch zu deinem Geschäft. Du holst uns alles. Uhren, Gold, Diamant. Hast du kapiert?
33:25Ja.
33:27Damit fährst du zur Tankstelle. Die Stadt auswärts. Rechnung Fitten. Weißt du, wo das ist?
33:32Ja, ja.
33:34Weißt du, was das ist? Das ist eine Kamera. Damit sehen wir, was du machst. Eine falsche Bewegung und Boom.
33:42Wenn wir die Polizei sehen, rück dich aufs Knöpfchen. Nimm das Funkgerät.
33:48Wenn du da bist, rufst du uns an. Alles klar.
33:57Währenddessen sieht sich der Angestellte des Juweliers in der Garage um.
34:05Du hast Blut. Sag mal, wo bleibt denn die Polizei?
34:20Der Juwelier ist auf dem Weg zu seinem Laden. Gleichzeitig mit ihm trifft dort die Polizei ein, die seine Angestellte
34:28gerufen hat.
34:29Verdammt.
34:35Hallo.
34:38Hallo. Hallo, hören Sie mich.
34:41Hier ist Polizei vom Laden. Was soll ich tun?
34:47Bitte antworten Sie.
34:50Ich habe damit nichts zu tun. Hören Sie, ich habe damit nichts zu tun.
34:55Sagen Sie doch was.
35:03Wieso?
35:07Wieso ich?
35:10Johannes Kehl hat Todesangst.
35:12Der Kontakt zu den Tätern kommt nicht zustande.
35:16In seiner Not fährt er ohne Schmuck zum vereinbarten Treffpunkt.
35:20Und seit gestern Abend haben Sie ihn nicht mehr gesehen?
35:23Nein.
35:24Nichts.
35:26Wissen Sie schon, ob das sein Blut ist, das in der Garage?
35:30So schnell können selbst wir nicht arbeiten.
35:32Was ist bloß passiert?
35:38Wenige Minuten später kehrt Johannes Kehl zurück. Die Täter waren am Treffpunkt nicht aufgetaucht.
35:55Da sind Sie ja.
35:57Bleiben Sie stehen.
35:58Was ist denn los? Alle suchen Sie.
36:01Ich habe eine Bombe auf dem Rücken. Sie haben mir Sprengstoff umgebunden.
36:08Was?
36:09Sie wollen mich hochgehen lassen. Sie haben gesagt, keine Polizei, sonst drücken Sie den Knopf.
36:16Warten Sie. Und nicht bewegen.
36:24Die Straße wird abgesperrt. Eine Spezialeinheit rollt an und bringt Johannes Kehl
36:30an einen sicheren Ort.
36:36Auf einem abgelegenen Gelände untersuchen Sprengstoffentschärfer des Landeskriminalamts die Bombe am Körper des Juweliers.
36:44Ganz ruhig.
36:54Glück gehabt.
36:56Es ist nur eine Attrappe.
37:06Dieser Mann litt unter ständiger Todesangst, auch wenn der Bombengürtel nur eine Attrappe war, aber das wusste er nicht.
37:14Deswegen litt er auch unter den Folgen seiner Entführung bis zu seinem natürlichen Tod 2014.
37:19Die Täter konnten nie gefasst werden.
37:22Herr Heftrich, als Sie nach Ihrer Geiselnahme irgendwann wieder zurück im normalen Leben waren, womit hatten Sie da zu kämpfen?
37:30Ja gut, mein normales Leben hat sich ja komplett verändert.
37:34Des Weiteren wollte ich nicht mehr in die Wohnung zurück, wo ich entführt wurde.
37:39Wir haben dann bei meinen Eltern im Keller gewohnt, bis wir dann eine Wohnung hatten, die wir dann freigemacht hatten,
37:44wo wir dann einziehen konnten.
37:46Wann ist irgendwann wieder so eine Art Normalität eingekehrt?
37:51Ja, so ganz normal ist es auch bis zum heutigen Tag im Prinzip nicht, weil man halt viele Einschränkungen hat.
37:57Also ich habe Angst im Dunkeln zum Beispiel alleine wegzugehen.
38:01Oder wenn irgendwo ein lauter Knall oder irgendwie was ist, zucke ich automatisch zusammen.
38:08Also ich kann zum Beispiel nicht mehr in engen Räumen sein.
38:12Oder wenn ein MRT ist, brauche ich eine Narkose, weil ich da nicht liegen kann.
38:16Also in dem Moment, wo irgendwo ein Raum oder wo ich eingegrenzt werde, kriege ich wie Blatzeangst.
38:22Gibt es irgendwas, das Ihnen geholfen hat oder auch hilft, damit klarzukommen?
38:27Am besten hat mir geholfen, dass ich jedem erzählt habe, was mir passiert ist und wie es passiert ist.
38:33Und ich mich mehr, nicht als Opfer, sondern mehr als Hilfsmittel gesehen habe.
38:38Also es hat nicht mich betroffen, sondern ich war eigentlich nur das Druckmittel für Geld.
38:42Was Sie damals noch nicht wussten, ist, dass dieselben Täter drei Jahre nach Ihrer Geiselnahme nochmal zugeschlagen haben.
38:48Sie entführen einen der reichsten Männer Frankfurts, Jakob Fischmann.
38:54Nach einer ersten gescheiterten Geldübergabe verlangen sie vier Millionen Mark.
38:59Jakob Fischmann ist zu dem Zeitpunkt bereits tot.
39:02Davon ahnt aber seine Familie ja noch nichts und organisiert das Lösegeld und es kommt nochmal zu einer Übergabe.
39:10Jakob Fischmanns Entführer schnappen sich diesmal das Geld und entkommen mit vier Millionen Mark.
39:15Doch den Beamten fällt ein Wagen auf. Er fährt mit polnischem Kennzeichen auf den Parkplatz und verlässt ihn wieder mit
39:22Offenbacher Kennzeichen.
39:24Durch die Überprüfung des Offenbacher Kennzeichens stoßen die Beamten auf einen Mann, der ein langes Vorstrafenregister hat.
39:31Totschlag, Raub, Körperverletzung.
39:34Die Ermittler finden heraus, dass die Frau des verdächtigten Mannes im Unternehmen des Entführten Jakob Fischmann arbeitet und dass das
39:42Lösegeld im Garten ihrer Eltern vergraben ist.
39:46Schnell stellt sich auch heraus, wer der Komplize des verdächtigen Mannes ist. Sein eigener Sohn. Beide werden verhaftet.
39:52Der Vater streitet ab, etwas mit der Ermordung von Jakob Fischmann zu tun zu haben. Belastet sogar seinen Sohn. Der
40:00jedoch gesteht die gemeinschaftliche Ermordung Fischmanns.
40:04Dieser Fall hat damals ja das ganze Land erschüttert, war überall in der Presse und einer ihrer ehemaligen Mitarbeiter hat
40:12einen der Täter erkannt.
40:14Ja, ich habe einen Lebensmittelgroßhandel früher gehabt und einer meiner Fahrer sagte, dass er einen der Geiselnehmer erkannt hat, der
40:24bei einem Untermieter von meiner Firma gearbeitet hat.
40:27Und die Nachricht habe ich an die Polizei weitergegeben, die dann versucht haben, eine Verknüpfung zu beiden Fällen herzustellen.
40:36Und tatsächlich können die Ermittler den Tätern damit auch ihre Geiselnahme nachweisen.
40:42Der Vater wird zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Der Sohn zu insgesamt zwölf Jahren Haft.
40:51Im Fall von Achim Heftrich zeigt der Sohn Reue und schreibt ihm aus seiner Gefängniszelle einen Brief, in dem er
40:58ihn um Entschuldigung bittet.
41:00Herr Heftrich, dass der Täter die Tat bereut hat, hat Ihnen das geholfen, Ihre Geiselnahme zu verarbeiten?
41:08Nein, das hat mir eigentlich gar nicht geholfen. Die haben mein Leben zerstört. Also bringt es mir im Prinzip nichts,
41:14ob sich jetzt einer bereut, entschuldigt oder sonst was.
41:17Also ich habe eigentlich damit abgeschlossen, weil ich ja nur Mittel zum Zweck war, das Lösegeld zu fordern.
41:26Und habe mich dann informiert, was sind das denn für Menschen, die mich da entführt haben.
41:31Und da war ich eigentlich hinterher froh, dass ich lebend davon gekommen bin, nachdem ich gesehen habe, dass der Vater
41:38schon mehrere Menschen vorher ermordet hat.
41:40Und der Sohn halt eben nur Mitläufer war.
41:44Das Ganze hatte ja auch finanzielle Folgen. Sie hatten zwar einen Lebensmittelgroßhandel, aber zwei Millionen Mark, was die Entführer gefordert
41:52haben, das ist ein Batzen Geld.
41:53Und dann ist das Land Hessen eingesprungen?
41:59Nein, das Land Hessen ist nicht eingesprungen.
42:01Das Land oder die Polizei wollte zur Lösegeldübernahme Papierschnipsel übergeben.
42:08Und das wollten meine Eltern nicht.
42:10Daraufhin hat meine Oma und mein Patenonkel ihre Häuser bei der Bank verbirgt,
42:15sodass das Land eine Bürgschaft von uns oder von meinen Eltern über zwei Millionen bekommen hatte, damit sie Lösegeld übergeben
42:23können.
42:24Nachdem die Täter gefasst wurden, kann ein Teil des Lösegelds wiedererlangt werden.
42:29Rund eine Million Mark, also die Hälfte der Beute.
42:32Die zweite Million muss Familie Heftrich aus eigener Tasche zurückzahlen.
42:36Dafür nehmen sie einen Bankkredit auf, den sie weit über 20 Jahre abzahlen.
42:42Achim Heftrich wurde entführt und er konnte sich auch dank seiner Familie zurück ins Leben kämpfen.
42:49Aber ganz normal und so wie vorher wird es trotzdem nie wieder sein.
42:54Das war XY Spuren des Verbrechens.
42:57Vielen Dank fürs Zuschauen und bis zum nächsten Mal.
43:01Bis zum nächsten Mal.

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