Skip to playerSkip to main content
  • 7 hours ago

Category

📺
TV
Transcript
00:03In Deutschland gibt es immer mehr frauenfeindliche Straftaten. Jedes Jahr werden es mehr.
00:12Oft wurde mir die Frage gestellt, warum hast du dich nicht gewehrt oder warum bist du nicht
00:16einfach gegangen? Da habe ich immer gesagt, ja, ich konnte mich nicht wehren. Das war,
00:21weil ich immer Angst hatte, es wird schlimmer.
00:27Da ist mir wirklich was passiert, wo ich mich dafür schäme, dass ich überhaupt so
00:32handeln konnte, weil ich wahrscheinlich fünf Minuten davor gesagt hätte, ich würde meine
00:36Frau nie angreifen. Jede dritte Frau wird mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von physischer oder
00:43sexualisierter Gewalt. Femizide. Man ersticht Ex-Frau nach. Immer mehr Hassdelikte. WKA legt neue Schockzahlen.
00:51Der alltägliche Mordversuch. Mich lässt das nicht los. Immer wenn ich solche Meldungen höre,
00:56frage ich mich, was bringt Männer dazu, gewalttätig zu werden. Denn die meisten Täter sind Männer. Dazu
01:04kommt noch, traditionelle Männlichkeitsbilder und Hass auf Frauen erleben einen regelrechten Hype,
01:10vor allem bei jungen Männern.
01:12Das Mann, kannst du es nicht richtig machen.
01:19Das bin ich, zusammen mit meinem Vater. Seine Erziehung hat mich lange geprägt. Männer müssen
01:25stark und dominant sein. So tickt unsere Gesellschaft bis heute, obwohl viel in Bewegung ist. Was für
01:33ein Mann will ich sein? Nach dieser Antwort habe ich lange gesucht und dabei auch gelernt, welche negativen
01:39Auswirkungen Männlichkeit haben kann. Ich bin Fikrana Zuntas, 33 und Kind türkischer Einwanderer. Seit
01:47mehreren Jahren engagiere ich mich für Geschlechtergerechtigkeit und gegen Gewalt an Frauen.
01:53Woher, frage ich mich immer wieder, kommen diese Wut und Aggression?
02:10Meine Spurensuche beginnt in Rheinland-Pfalz. Hier treffe ich gleich zwei Frauen, die Gewalt in ihrer
02:16Partnerschaft erleben mussten. Ich bin auf dem Weg zu Daniela und Annett. Sie haben mich zu sich
02:24eingeladen. Und ich muss sagen, ich bin sehr aufgeregt. Ich bin ein bisschen angespannt und
02:28ich habe großen Respekt vor der Situation und dem Gespräch, weil es ist eine in Zeitung über diese
02:34Fälle zu lesen und das andere mit Opfern ins Gespräch zu kommen. Hallo. Hi. Freut mich. Daniela. Danke,
02:52dass ich hier sein darf. Hallo Annett. Die beiden stecken mitten in einem besonderen Fotoprojekt. Daniela
02:59porträtiert Betroffene häusslicher Gewalt. Annett wird heute vor ihrer Kamera stehen. Bist du
03:05aufgeregt vor dem Shooting heute? Ja, vor jedem Shooting ist man immer ein bisschen nervös, weil man
03:10noch nicht so weiß, okay, wie wird das alles? Wie sieht es nachher am Ende aus? Kommt genau die Message
03:15rüber, die man rüberbringen will. Also von daher, ja, schon. Annett ist 39 Jahre alt. Als Kind wird sie von
03:26ihrem
03:26Großvater sexuell missbraucht. Als Teenagerin von ihrem ersten Freund geschlagen. Bei seinem ersten
03:32Angriff ist die 17 Jahre alt. Wir haben uns gestritten und er ist dann irgendwann auf mich
03:41zugekommen und ich habe im Prinzip im Schlafzimmer gestanden am Kleiderschrank und er hat halt einfach
03:47rausgeholt und dann habe ich in der Ecke gelegen und habe erst mal geweint, weil ich überhaupt nicht
03:52wusste, okay, was ist jetzt gerade passiert? Weil ich das nicht greifen konnte, weil für mich war
03:58diese Person in dem Moment ja meine Bezugsperson, der Mensch, den ich liebe, der für mich da sein soll,
04:04er hat dann einfach rausgeholt. Wie hast du in dem Moment gefühlt? War das eine Enttäuschung?
04:09Die erste Frage, die ich mir immer gestellt habe, ist, was habe ich falsch gemacht? Man ist wie gelähmt. Man
04:15kann
04:15sich selber auch nicht wehren. Oft wurde mir immer die Frage gestellt, warum hast du dich nicht gewehrt oder
04:19warum bist du nicht einfach gegangen? Da habe ich immer gesagt, ja, ich konnte mich nicht wehren. Das war,
04:25weil ich immer Angst hatte, es wird schlimmer. Über Jahre schlägt ihr Freund immer wieder zu,
04:30misshandelt Annette auch psychisch und isoliert sie. Im Prinzip war ich eigentlich immer nur zu Hause.
04:37Also auswärts irgendwo hingehen, sich mit Freunden treffen oder sowas immer nur in Absprache und dann
04:44wurde natürlich auch geschaut, okay, was ziehe ich an? Wie sehe ich aus? Ja, so kurze Rücke oder ein T
04:50-Shirt
04:51mit so ein bisschen weiterem Ausschnitt oder sowas, das durfte ich nie anziehen, weil es hätte mich ja
04:55jemand angucken können. Erst nach fünf Jahren, mit 21, lernt sie bei der Arbeit einen anderen Mann kennen,
05:02dem sie sich und ihre Geschichte anvertraut. Er war derjenige, der mir quasi aus der Phase
05:13wirklich rausgeholfen hat und einfach gesagt hat, pass auf, du packst jetzt deine Koffer und ich hol dich
05:18ab und dann guck mal, ziehst erst mal zu mir, egal, aber da bleibst du nicht. Und das habe ich
05:24dann auch
05:24dem zufolge gemacht und habe ihm dann einfach gesagt, okay, ich gehe jetzt, ich ziehe aus. Und er hat auf
05:31der Couch gesessen und hat mich angeguckt und hat gesagt, machst du eh nicht. Und dann ist er wieder wie
05:36immer laut geworden, ein bisschen aggressiver geworden und in dem Moment ist mir schlecht geworden, weil ich
05:41gedacht habe, okay, der geht jetzt in die Küche, holt ein Messer und sticht zu. Durch Annette begreife ich,
05:48Gewalt hat viele Gesichter. Sie beginnt oft lange, bevor jemand zuschlägt, unsichtbar und doch
05:54zerstörerisch. Vieles davon kriegt niemand mit. Aber schon die offiziellen Zahlen sind kaum zu
06:00ertragen. Straftaten gegen Frauen und Mädchen steigen in allen Bereichen. Von dem Sexualwissenschaftler
06:07Heinz-Jürgen Voss will ich wissen, was dahinter steckt. Welche Muster erkennen Sie denn in Beziehungen,
06:13gerade wenn Gewalt passiert? Also es gibt nicht einfach die gewaltförmige Beziehung und am Ende wird
06:19gestritten und dann schlagen sich Menschen und dann findet sexualisierte Gewalt statt und eine
06:24Person soll immer unterliegen oder Macht gegenüber einer Person ausgeübt werden, sondern dieses
06:30Alltägliche der Gewalt ist eigentlich, dass Überforderungssituationen aus verschiedener Perspektive
06:37erst mal vorhanden sind, dann Gewalt stattfindet und das Paar miteinander keinen Ausweg aus dieser
06:44Gewalt findet und dann zum Beispiel aufgrund von körperlicher Stärke eher die Frau von körperlicher
06:51Gewalt betroffen ist oder von schwererer körperlicher Gewalt betroffen ist, als es der
06:55Mann beispielsweise ist.
07:00Vereinfacht dargestellt folgt partnerschaftliche Gewalt einem wiederkehrenden Schema. Zunächst
07:06baut sich Spannung auf, begleitet von psychischer Gewalt, verbalen oder leichten körperlichen
07:11Angriffen.
07:13In Phase 2 eskalierte Gewalt. Es kommt zu körperlichen oder sexuellen Übergriffen. Anschließend folgt
07:21eine Phase der Reue. Der Täter entschuldigt sich, sucht Ausreden und verspricht Besserung.
07:29Die Dauer der Phasen kann unterschiedlich sein. Manche Paare durchlaufen den Kreislauf der Gewalt
07:35innerhalb weniger Stunden. Bei anderen können es Jahre sein. Professor Voss erforscht sexualisierte
07:42und häusliche Gewalt und analysiert in sogenannten Dunkelfeldstudien die Hintergründe.
07:49Wenn wir einen Blick auf die Täter wagen, wer sind denn die eigentlich die Täter?
07:54Täter sind eigentlich in allen Schichten der Gesellschaft zu finden. Man kann also nicht sagen,
08:00es hat unbedingt etwas mit einem geringeren Bildungsabschluss oder einer schlechteren
08:06ökonomischen Situation zu tun. Und es ist kein Problem von Personen mit Migrationshintergrund,
08:13sondern es ist ein Problem insgesamt einer deutschen Gesellschaft.
08:18Jeder kann Täter werden. Aber mit einem Täter darüber zu sprechen, das kostet mich Überwindung.
08:25In Bayern treffe ich einen Mann, der seine Frau tätlich angegriffen hat. Ich will verstehen,
08:30was bringt einen Menschen dazu? Alex ist Anfang 50, verheiratet, verdient gut,
08:37hat einen sicheren Job. Bodenständiger geht es kaum. Jetzt gab es diesen Vorfall, wo du deiner
08:44Frau gegenüber angreiflich geworden bist, wo dir ja dann Gewalt ausgeübt worden ist. Vielleicht
08:50kannst du kurz erzählen, wie es dazu gekommen ist. Wir haben uns gestritten über, das war
08:56direkt an Weihnachten. Und sie ist dann weg, nach oben. Und da wollte ich ihr hinterher. Zum
09:03Deeskalieren eigentlich. Und dann trifft mich ein Buch am Kopf. Meine Frau sagt, das ist
09:09unabsichtlich runter, aber für mich war das ein tätlicher Angriff auf mich. Und dann bin ich
09:13ihr halt hinterher und habe sie gestellt und habe sie gepackt. So in der Halsgegend und habe sie an die
09:18Wand gedrückt und gesagt, das lasse ich mir nicht gefallen. Und ich habe auch gesagt, sie soll mir aus
09:23meinem Leben gehen. Und ich war da richtig sauer. Ja, sie ist dann auch gegangen. Direkt danach? Direkt
09:32danach, ja. Ich habe sie ja richtig bedroht. Ich habe jetzt keinen großen körperlichen Schaden, also
09:38eigentlich gar keinen sichtbaren hinterlassen. Aber die Angst, die ist halt da. Der Mann kann aggressiv
09:46werden. Das ist sie nicht gewöhnt gewesen, weil ich war ja immer ruhig. Aber da…
09:52Nach 18 Jahren Ehe zieht Alex' Frau mit der gemeinsamen Tochter aus und erstattet Anzeige.
10:04Aber würdest du schon sagen, dass in dem Moment du schon direkt oder relativ schnell danach gesagt hast,
10:11okay, ich bereue das, ich habe einen Fehler gemacht?
10:14Ja, das auf alle Fälle. Aber dass sie da so eine Angst vor mir hat, das habe ich einfach gar
10:19nicht
10:19kapiert. Ich habe mir gedacht, die schwimmt ein bisschen. Und erst in der Erfahrung habe ich dann
10:24gemerkt, ja, okay, da mache ich echt gerade was. Total falsch. Also… Und ich habe sie ja total
10:29angeschwärzt. Ich habe sie ja da als krank hingestellt, als psychisch krank, während der
10:32Gerichtsverhandlung noch. Und ja, ich war wirklich… Ich habe mich im Recht gefühlt total krass im
10:41Nachhinein für mich, wie da damals drauf war.
10:46Meine erste Spur. Gewalt in Partnerschaften hat viele Ursachen. Verletzter Stolz, Eifersucht,
10:53Verlustangst. Ich lasse mich auf Alex ein, aber ich bin auch fassungslos, was Frauen wie Annette
10:59angetan wird. Die wenigsten Betroffenen gehen zur Polizei. Aus Angst, aus Scham oder weil sie
11:05keine Hilfe erwarten. Auf jeden Fall haben wir eine gesellschaftliche Situation, wo Gewalt
11:11gegen Frauen gerade bagatellisiert wird. Und eben gerade, wenn sie von Männern ausgeht. Und
11:16wir haben in der Sozialisation für Jungen und Männer, haben wir gerade die Situation, dass eben
11:21aggressives Verhalten eher als normal abgetan wird. Männer sind halt so. Das höre ich oft
11:29wenn es um aggressives Verhalten geht. Liegt es tatsächlich in unserer Natur, dass wir Männer
11:33öfter gewalttätig werden als Frauen? Dieses Vorurteil führt mich an die Universität Erlangen.
11:43Hallo. Hallo. Schönen guten Morgen. Einen schönen guten Morgen. Grüß dich. Freut mich sehr.
11:49Psychologe Oliver Schultheis forscht zum Einfluss von Testosteron auf unser Verhalten. Das Sexualhormon gilt
11:56häufig als natürlicher Treibstoff für männliche Aggressionen. Sehr sauber. Ja. Muss auch sein,
12:06sonst machen wir was Falsches. Ja. Liebt es in der Biologie des Mannes, dass er aggressiv ist? Könnte
12:16man annehmen, wenn man sich anschaut, die Veränderung von Aggression im Laufe des Männerlebens und die
12:21Kurve zum Testosteron scheint es genau zu reflektieren. Ja, geht in der Pubertät steil rauf. Männer haben dann,
12:28je nachdem, ob man frei ist oder Gesamttestosteron misst, zwischen 6 und 16 oder 20 mal mehr Testosteron im
12:34Körper als eine Frau. Ja, und sind auch entsprechend häufiger in Gewalttaten involviert. Und aufgrund dieser
12:41Korrelation, ja, dass das beides so zusammenfällt, könnte man annehmen, ja, Testosteron macht uns zu solchen
12:47Aggressionsbolzen. Aber das ist ein schwieriges Argument. Offiziell entdeckt wird das Hormon
12:52Testosteron 1935 vom niederländischen Mediziner und Pharmakologen Ernst Lacoeur. Es beeinflusst
13:01unter anderem die Fortpflanzung, die Entwicklung der Sexualfunktion und das Muskelwachstum.
13:08Der Ruf als Aggressionshormon hat seinen Ursprung in der Tierwelt. Man beobachtet,
13:13dass bei kastrierten Tiermännchen die Aggressionen sinken und überträgt diese Beobachtung auf den
13:19Menschen. In den 1970er Jahren stellen amerikanische Forscher bei Gefängnisinsassen fest, höhere Testosteronspiegel
13:28korrelieren mit dominantem Verhalten und Aggressivität. Die Studie sorgt für Schlagzeilen. Scheint es doch,
13:34als habe man endlich einen Schuldigen für Gewaltverbrechen gefunden. Das Testosteron.
13:41Einen begründeten Zusammenhang zwischen Testosteron und aggressiven Verhalten kann
13:45die Untersuchung aber nicht nachweisen. In einer Studie mit über 300 Personen hat
13:53Professor Schulteis erforscht, wer in Wettkampfsituationen eher zu Aggressionen neigt. Männer oder Frauen.
13:59Und was unsere Hormone damit zu tun haben. Ich darf heute denselben Test machen.
14:05Bitte kommen Sie hier rein und Sie können sich hier schon mal hinsetzen, bitte.
14:08Okay. Jetzt bin ich sehr gespannt. Was passiert denn jetzt?
14:13Jetzt, bevor irgendwas passiert, müssen Sie jetzt erstmal eine Speichelprobe abgeben.
14:17In dieses Röhrchen, bitte.
14:18Also einfach rein spucken?
14:20Genau.
14:22Zwei Speichelproben vor und nach dem Test verraten den Forschenden die Hormonkonzentration in meinem Körper.
14:28Das Prinzip des Tests ist einfach. Ich trete in einem Geschicklichkeitsspiel gegen einen anderen Probanden an, Tobi.
14:34Wer schneller ist, gewinnt das Spiel.
14:41Es ist eine große Stresssituation. Man will ja auch gegen Tobi nicht einfach verlieren.
14:48Die erste Runde geht an mich.
14:54Können Sie wieder einstellen für die nächste Runde, wie viel der aufs Ohr kriegen soll?
15:00Als Sieger darf ich meine Aggressionen ausleben und Tobi mit einem unangenehmen Geräusch bestrafen.
15:06Obwohl es nur ein Test ist, merke ich, mich backt der Ehrgeiz.
15:12Sehr gut.
15:14Wir sind der Gesamtsieger. Acht von zehn Durchgängen.
15:17Für Sie hat es sich wahrscheinlich so angefühlt, als ob Sie durch Ihr eigenes Vermögen dann manche Runden gewonnen haben,
15:22andere verloren haben.
15:23Tatsächlich aber ist all das Feedback, das Sie bekommen haben, von uns schon vorab festgelegt gewesen.
15:29Ich wurde also genutzt für die Wissenschaft.
15:32Ja, Sie haben sich freiwillig zur Verfügung gestellt, um unseren wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn voranzubringen.
15:37Dafür danke ich Ihnen sehr, sehr herzlich.
15:40Auch mein Gegenspieler Tobi agiert nicht live, sondern ist ein Video.
15:44So bleibt das Experiment für alle gleich, unabhängig vom generellen Hormonspiegel oder der Geschicklichkeit der Teilnehmer.
15:52Die Daten von Professor Schultheis zeigen, im Test wird eine Gruppe am aggressivsten.
15:57Männer, die durchs Verlieren frustriert waren.
16:00Sie bestraften ihre Gegner am härtesten.
16:08Welchen Einfluss hat Testosteron jetzt konkret in diesen Ergebnissen?
16:12Gibt es eine klare Antwort? Überhaupt keinen.
16:14Was es gab allerdings, war ein Zusammenhang mit Cortisol.
16:17Das Stresshormon Cortisol.
16:19Das Stresshormon, genau. Das Hormon, das wir normalerweise ausschütten, wenn wir in eine herausfordernde Situation kommen.
16:24Und dass normalerweise unser Verhalten auch bremsen würde, wo ich also dann nicht impulsiv rausgehe und irgendwas mache.
16:30Das war bei den Leuten, die aggressiv waren, insbesondere auch bei den Männern, von vornherein niedriger.
16:36Und die hatten auch einen weniger starken Anstieg in Cortisol.
16:39Also wenn mit meiner Stressreaktion was im Argen liegt, dann bin ich eher gewaltbereit.
16:46Wenn ich ehrlich bin, habe ich nichts anderes erwartet.
16:49Männer sind im Schnitt aggressiver als Frauen.
16:51Aber nicht durch das Hormon Testosteron, sondern weil sie schlechter mit Stress umgehen können.
16:57Aber nicht jeder wird automatisch auch zum Täter.
17:00Ich frage mich, was macht den Unterschied?
17:03Hormone sind keine sozialen Kategorien, sind physiologische Akteure.
17:07Und die machen bestimmte Dinge und die scheren sich nicht darum, welche Schublade wir sie reinpacken wollen.
17:11Aber wodurch werden die wiederum verändert und beeinflusst?
17:16Das ist unsere soziale Umwelt.
17:17Das ist sozusagen nur der Mittler, der Botschafter.
17:19Und das, was die Botschaft auslöst, das ist das, was in meiner Umwelt um mich herum passiert.
17:24In welcher Familie ich aufwachse, welche Erfahrungen ich mache, welche Rückkopplung ich von meinem sozialen Umfeld bekomme.
17:32Bei Professor Schultheis lerne ich, Aggressionen hängen nicht nur von unserer Biologie ab,
17:37sondern viel mehr davon, wie wir geprägt wurden.
17:41Ich bin zurück bei Alex.
17:43Er hat sich Hilfe gesucht, auf Wunsch seiner Frau eine Gruppe für Täter besucht.
17:50Wie war das für dich, dieses Programm zu absolvieren?
17:54Hast du was lernen können für dich?
17:56Ich habe relativ schnell gemerkt, dass mir das emotional sehr viel bringt.
18:00Auch von dem Ganzen, wie man über Konflikte redet.
18:03Ich habe einfach ein Handwerkszeug gekriegt, das mir als Kind nicht mitgegeben wurde.
18:07Worum ging es da jetzt ganz konkret?
18:09Habt ihr da auch in der Runde geteilt, was passiert ist?
18:14Es ist eigentlich das Wertvollste für mich gewesen.
18:18Da hat ein anderer seinen Fall geschildert und dann sieht man sich da wieder.
18:22Und dann erzählt das aber der andere.
18:25Und dann siehst du, wie sich der wehrt, dagegen sich selbst einzugestehen, dass er da ein Problem hat.
18:31Und dann merkst du bei dir selber, oh ja, ich habe ja auch das Problem und ich wehre mich genauso
18:35dagegen, das zu sehen.
18:37Beim anderen kannst du das gut erkennen, bei dir selber ist es mir schwer gefallen.
18:43Alex erzählt mir von seiner Prägung.
18:45Er wächst mit einem strengen Vater auf, der auch mal zuschlägt.
18:48Über Gefühle wird nicht gesprochen.
18:52Alex überfordert das noch Jahrzehnte später in seiner Ehe.
18:56Wenn mir das zu belastend wurde, was sie mir vorgeworfen hat, oder ich mich zu hilflos gefühlt habe,
19:01weil ich gesagt habe, das Problem kann ich nicht lösen mit ihr alleine,
19:04dann habe ich mich immer eingeigelt. Das war so mein Reaktionsmuster.
19:08Ja, das habe ich auch in der Zeit der Arbeit gelernt, das hätte ich kommunizieren müssen,
19:11was in mir gerade vorgeht, aber ich habe halt einfach gar nichts mehr gesagt.
19:14Ich konnte nicht mehr, ich habe das nicht gelernt, wie ich meine Gefühle ausdrücke.
19:24Wie blickst du heute auf diese Situation, auf diese Tat, auf diesen Moment?
19:30Und ich schäme mich da richtig, dass mir das passiert ist.
19:33Ich bin da sehr enttäuscht von mir selber, dass ich mich in der Situation dann nicht anders zu helfen wusste,
19:41als handgreiflich zu werden.
19:45Vieles, was Alex erzählt, kenne ich auch aus meiner Kindheit.
19:48Männer lernen früh, Angst, Frust und Verletzungen zurückzuhalten.
19:52Denn Jungs sollen immer noch stark und tapfer sein.
19:56Das Gefährliche daran, irgendwann können unterdrückte Emotionen unkontrolliert herausbrechen.
20:01Ich bin in Rosenheim und besuche die Fachstelle für Täterarbeit der Diakonie.
20:06Hallo.
20:07Hi.
20:08Du bist Simon.
20:10Und du bist der Annel, oder?
20:11Jawohl.
20:11Freut mich, dich kennenzulernen.
20:13Freut mich auch.
20:15Simon Tietzer ist 40, Sozialpädagoge und leitet die Tätergruppe.
20:20Hier reflektieren Männer ihre Taten und stellen sich der Frage, warum schlage ich zu?
20:30Wie kommen Männer hierher und nehmen teil?
20:33Kommen die freiwillig?
20:35Die meisten nicht.
20:38Die meisten werden geschickt von der Justiz, zum Beispiel von der Staatsanwaltschaft, vom Gericht, von kooperierenden Einrichtungen oder auch vom
20:49Jugendamt.
20:51Und auch die, die sich selber melden, die haben ja in irgendeiner Form einen Leidensdruck.
20:56Also melden sich zwar selber, aber da ist dann noch was im Hintergrund.
21:00Also Beziehung, wenn du was nicht änderst, dann gehe ich und so weiter.
21:06Seit über fünf Jahren arbeitet Simon hier.
21:10Hunderte Geschichten hat er gehört.
21:11Von ihm erhoffe ich mir Einblicke in die Motive.
21:17Was sind so Begründungen, die du hörst?
21:20Du hast ja jetzt schon mit einigen Männern auch zugehört.
21:23Gibt es da Überschneidungen?
21:24Dieses Drumherum, das spielt immer so eine große Rolle.
21:27Also da wird immer aufgebaut und gesagt, ja, und sie streitet ja auch so heftig und lässt mich ja auch
21:34nicht in Ruhe und ich muss mich ja in dem Moment und so weiter.
21:38Wo wir dann sagen, okay, vielleicht ist es ja so gewesen, aber war das verhältnismäßig, wie sie sich da verhalten
21:45haben?
21:46Hat das auch vielleicht viel mit veralteten Männlichkeitsbildern zu tun, dass dann Männer sagen, ich bin halt Mann, sie hat
21:53mich provoziert, sie ist ja vielleicht eigentlich schuld?
21:55Also ich denke, veraltete Rollenbilder oder so wie jetzt gerade unsere Rollenbilder in der Gesellschaft verankert sind, spielen schon eine
22:03Rolle.
22:03Und da kommen schon so ein paar stereotype Dinge halt eben raus. Der Mann muss stark sein, der Mann ist
22:09das stärkere Geschlecht.
22:10Und was oft auch ein Ding ist, ist, Frauen haben ja so viel Macht in der Gesellschaft, haben ja so
22:17viel Macht auch bei Trennungen.
22:19Meine bisherige Reise macht mir eins klar. Erziehung und alte Rollenbilder prägen uns Männer nachhaltig.
22:25Wir lernen hart und dominant sein zu müssen. Verhaltensmuster, die in der Kritik stehen.
22:31Weil sie auch Männern schaden und Gewalt und Sexismus gegen Frauen möglich machen.
22:41Die Konsequenzen treffen Frauen wie Daniela und Annette. Zusammen mit den beiden bin ich auf dem Weg zu ihrer heutigen
22:47Fotolocation.
22:51Also ich finde jetzt hier vorne zum Beispiel auch ganz schön. So ein bisschen.
22:55Ja, oder guck mal da in dem Loch. Kommt auch gerade Sonne rein.
22:58Ja. Sollen wir hier? Hier zwischen denen? Ja. Hier? Ja. Okay.
23:02Sag mal, wie ist eigentlich die Idee zu dem Projekt entstanden?
23:04Ich bin selbst Opfer von häuslicher Gewalt geworden. In so ziemlich jeder Form, die es gibt.
23:11Es gab ein Gewaltschutzverfahren und einen Schmerzensgeldprozess. Und aus diesem Prozess gab es 1000 Euro.
23:20Und von den 1000 Euro habe ich mir eine Kamera gekauft. Und habe mir gedacht, ich möchte gerne, dass das
23:26irgendwie an die Öffentlichkeit kommt.
23:27Aber nicht so, dass Frauen als Opfer dargestellt werden, sondern tatsächlich als starke Menschen.
23:33Als Menschen, die ihren Weg gehen können ohne einen gewalttätigen Partner an ihrer Seite.
23:39Und das Fotografieren gibt dir dann dementsprechend auch viel Kraft zu verstehen?
23:42Natürlich. Man ist voller Zweifel, mit Trauma belastet und hat sich selbst irgendwie dann nicht mehr im Blick.
23:51Und wenn man den Schritt da raus schafft aus so einer Beziehung, dann muss man das alles nochmal neu lernen.
23:57Damit man wieder ein gesundes Verhältnis zu sich selbst haben kann. Und das ist der Grund, warum ich die Bilder
24:02mache.
24:05Danielas Bilder helfen den Frauen dabei, ein neues, selbstbestimmtes Bild von sich zu entwerfen.
24:10Eines, das Stärke und Neuanfang symbolisiert.
24:14Gleichzeitig bleiben die Narben der Vergangenheit sichtbar.
24:18Ihre Arbeit berührt mich sehr. Ich habe großen Respekt vor ihrem Mut, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen, ihre Schicksale sichtbar.
24:33Ich hatte ganz lange Panikattacken. Auch als das wirklich schon vorbei war, dass ich irgendwo einkaufen war und sehe im
24:42Augenwinkel einen Mann, der ähnlich aussieht wie der Mann, mit dem ich diese Dinge erlebt habe.
24:49Und ich hatte so einen richtigen Freeze. Ich stand da und konnte mich nicht mehr bewegen. Das vergisst man nicht.
24:55Und das ist sehr lange in einem drin.
24:57Die Gewalt ist nicht nur die körperliche, sondern auch die psychische Gewalt. Und gerade wenn du psychische Gewalt erfahren hast,
25:02nicht nur die körperliche Gewalt, dann hast du jahrelang damit zu tun.
25:11Trotzdem sehen sich vor allem immer mehr Männer in Bedrängnis. Für sie stellt der Abschied von alten Geschlechterrollen und Privilegien
25:18keine Chance, sondern eine Bedrohung dar.
25:21Ihre persönliche Verunsicherung wird zu einer generellen Krise der Männlichkeit umgedeutet.
25:26Welche Folgen das haben kann, damit beschäftigt sich Dr. Ann-Kathrin Rotermell.
25:31Sie forscht an der Uni Bern zu Geschlechterrollen und Radikalisierung.
25:37Die Krise der Männlichkeit ist, was häufig in den Medien herangezogen wird, ist eigentlich ein Narrativ, der immer mal wieder
25:44aufkommt, um gesellschaftliche Veränderungen zu erklären.
25:48Und in dem Narrativ wird es so dargestellt, als ob gesellschaftliche Veränderungen hauptsächlich Männer betreffen.
25:56Das Problem dabei ist, dass die Männlichkeit, um die es da geht, als was Stabiles und was Natürliches geframed wird,
26:04was eigentlich nicht der Fall ist.
26:06Also Männlichkeit hat sich ja über die Zeit immer gewandelt und ist auch nicht jetzt in irgendeiner Form biologisch oder
26:13sonst natürlich.
26:15Die Vorstellung, der Mann sei der Frau übergeordnet, beschleunigt sich vor etwa 12.000 Jahren, als die Menschen sesshaft werden.
26:22Ackerbau und Viehzucht verändern nicht nur, was Menschen essen, sondern auch die Gesellschaft.
26:29Kürzere Geburtenabstände plus harte Feldarbeit, das schwächt die Frauen gesundheitlich und senkt ihre Lebenserwartung.
26:38Gleichzeitig gibt es vermehrt Konflikte um Ressourcen, Land und Besitz.
26:42In diesen Kämpfen zählt plötzlich Muskelkraft. Und Männer gewinnen dann Ansehen.
26:48Über Jahrtausende breitet sich so die männliche Dominanz aus.
26:52Frauen werden systematisch aus Machtpositionen gedrängt, als weniger Wert angesehen.
26:59Erst seit dem frühen 19. Jahrhundert kämpfen Frauen immer wieder um Gleichstellung.
27:04Und jedes Mal sehen Männer dadurch ihre Vormacht bedroht und reagieren mit unterschiedlichen Formen von Gewalt.
27:14Dabei zeigt Rothömmels Forschung, die aktuellen Krisen betreffen Männer sogar weniger als andere Gruppen.
27:21Trotzdem teilt noch immer ein Viertel der Menschen in Deutschland antifeministische und sexistische Ansichten.
27:27Ein Nährboden für Radikalisierung und Gewalt.
27:30Dieses Bild einer Gefahr der natürlichen Ordnung führt dann dazu, dass die Idee entsteht,
27:38dass ich Menschen, die aus dieser natürlichen Ordnung ausbrechen wollen, abstrafen kann oder sogar muss,
27:46indem ich sie mit Gewalt, mit Worten, mit diskriminierenden Strukturen,
27:54sie an ihren Platz zurückverweise, um die natürliche Ordnung aufrecht zu erhalten.
28:00Gleichgesinnte finden Anhänger dieser Weltsicht in der sogenannten Manosphere.
28:04Eine Bubble, die toxische Männlichkeitsbilder, Antifeminismus und Verschwörungserzählungen verbreitet.
28:10Ich bin in Berlin und mit einer langjährigen Bekannten verabredet.
28:14Hallo, schön dich zu sehen.
28:17Hallo, jetzt komm rein.
28:19Dankeschön.
28:23Tara-Luise Witwer ist Autorin und Creatorin.
28:27Hey, ich wollte mit euch über dieses Video reden.
28:30Sie gibt sehr, sehr viel ja schon von sich preisend von ihrem Körper und macht die anderen Männer irgendwo geil.
28:38Auf TikTok und Instagram kommentiert sie regelmäßig Videos mit frauenverachtenden Inhalten,
28:43süffisant und mit Augenzwinkern.
28:48Schon sehr professional, wenn ich eigentlich bin.
28:51So, und dann bin ich tatsächlich gesettet, um ein paar Egos zu verletzen.
29:02Tara zeigt mir, wie die Manosphere den Hass auf Frauen schürt.
29:05Im Netz sammeln sich Männer, die glauben, den wahren Blick auf Geschlechterrollen zu haben.
29:24König der Manosphere, Andrew Tate.
29:27Ex-Kickboxer und selbsternannter Frauenverachter.
29:30Über 10 Millionen folgen ihm auf X.
29:34Zahllose Nachahmer tragen seine Botschaften weiter.
29:37Oft unterschwellig in Content über Lifestyle oder Dating.
29:41Doch dahinter steckt immer dieselbe Botschaft.
29:44Männer müssen ihre Dominanz behaupten.
29:46Ihr wollt die schlimmste Form von Doppelmoral von Frauen sehen, dann schaut dieses Video.
29:52Der ideale Mann für eine Frau, der fragt noch Erlaubnis, und das bei allen.
29:58Das hört sich jetzt irgendwie witzig oder ein bisschen komisch an, das ist aber nicht witzig.
30:01Die organisieren sich wirklich in völligen Hass auf Frauen, die rotten sich zusammen, die attackieren Frauen online.
30:10Und das ist das, was wir unter Radikalisierung verstehen.
30:13Ich bin zum Glück nicht in so einer Generation aufgewachsen, wo ich ständig damit zugespült wurde.
30:18Aber ich war auch mit 15, hatte voll viele Fragen, ich war orientierungslos.
30:22Also kannst du manchmal sogar verstehen, dass halt Jungs im Internet dann irgendwie nach Antworten suchen?
30:26Also kannst du diesen Drang verstehen, eine Orientierung zu finden?
30:29Komplett.
30:32Natürlich zielen die darauf ab, orientierungslose Männer einzufangen.
30:36Das ist auch das, was übrigens rechte Leute machen.
30:38Wenn man sich gerade orientierungslos und zurückgelassen fühlt von der Politik, warum auch immer.
30:43Darauf schlagen ja dann diese super rechten Narrative ein und holen dann immer die, die gerade irgendwie so ein bisschen
30:50nicht wissen, was los ist, wo sie hin sollen und so.
30:53Und das sind ja immer diese super hetzerischen Claims, wo Leute dann drauf reinfallen.
30:58Und diese Leute werden dann in ihren schwächsten Momenten quasi gebrochen von diesen Narrativen.
31:04Und denen wird gesagt, das ist dein einziger Weg.
31:06Und nur dann respektiert sich deine Alte.
31:10In ihren Videos entlarvt und kommentiert Tara, was solche Männer von sich geben.
31:14Und ich bin heute live dabei.
31:20Das ist doch nicht euer Ernst.
31:23Habt ihr keine kleinen Geschwister oder Eltern oder Oma, Opa, irgendwas?
31:28Tatsächlich habe ich keine kleinen Geschwister.
31:30Ich habe Oma, Opa, irgendwas und Eltern habe ich auch.
31:32Aber die finden mich gar nicht so peinlich, wenn ich mal Spaß habe.
31:37Du findest das peinlich.
31:38Du findest aber auch nur peinlich, dass Frauen generell Spaß haben, oder?
31:41Wenn Frauen im Club sind, das kann ja gar nicht.
31:42Das sind ja Schlampen, sind das ja.
31:44Dann, das geht nicht.
31:46Die sollten bei dir zu Hause sein, wenn du im Club bist, weil du da bist, weil männliche Energie und
31:50so.
31:50Und klar.
31:52Tara will mit ihren Videos dagegenhalten und zeigen, die vermeintlichen Antworten der Manosphere sind keine Lösung, sondern frauenfeindliche Ideologien.
32:02Tschüss.
32:04Das finde ich schon wundernswert und gleichzeitig ist es total spannend, weil du auf so präzise Art und Weise dieses
32:12Machertum einfach zerbrechen lässt.
32:16Es sind immer dieselben Männer mit denselben Aussagen nur anders verpackt und deswegen kann ich da relativ schnell darauf reagieren.
32:22Weil ich habe auch dieselbe Message, lass doch Frauen einfach leben.
32:28Incels, Pick-up-Artists, Redpiller.
32:31Die Szene frauenfeindlicher Influencer wächst auch in Deutschland und wird für Millionen junger Männer immer mehr zum Vorbild.
32:42Der Algorithmus füttert dich und füttert dich und füttert dich und bist du nur eine Sekunde zu lang auf dem
32:47End-O-Tate-Video hängen geblieben.
32:48Dann kriegst du davon noch 30 weitere und dann ganz schnell bist du der Meinung, ah okay.
32:53Und dann gibt es diese ganzen Peer-Groups, die dir auch sagen, hey hast du das Video gesehen, ja Frauen
32:57sind echt voll scheiße, bla bla bla.
32:58Und dann muss man einfach aktiv gegensteuern.
33:01Ich meine, du beobachtest diese ganzen Sachen.
33:03Hast du das Gefühl, dass diese Gewalt und auch diese Radikalisierung sich auch auf unsere reale Welt auch übersetzt?
33:10Ja, also definitiv.
33:12Ich finde auch immer schwierig, wenn man sagt, das ist ja nur im Internet, macht doch das Handy aus.
33:17Weil es ist ja einfach die reale Welt.
33:19Man sieht es ja an Wahlergebnissen, man sieht es an steigender Gewalt gegen Frauen.
33:26Diese, nicht nur Unzufriedenheit, aber auch die Gewaltbereitschaft überträgt sich natürlich auch ins echte Leben.
33:31Und das Internet ist auch das echte Leben.
33:33Das ist einfach so.
33:35Bei meiner Spurensuche habe ich bis jetzt verstanden, was die zerstörerische Gewalt von Männern verursacht.
33:41Traditionelle Rollenbilder.
33:43Gefühle, die Männer tief in sich vergraben.
33:46Unsicherheit über die eigene Männlichkeit, aber auch die Angst, gesellschaftliche Privilegien zu verlieren.
33:52All das fördert Aggressionen.
33:54Oft angeheizt durch Männer, die den Hass auf Frauen schüren.
33:57Männer in der Krise.
33:59Incels und Alpha-Mails.
34:01Frauenhass als Social Media.
34:02Die Macht der Frauenhasser im Netz.
34:04Toxische Männlichkeit auf Vormarsch.
34:07Aber mir fällt es noch immer schwer zu verstehen, welcher Weg von Macho-Gehabe, TikToks und Verlustängsten zu Gewalt und
34:15Hass führt.
34:19Was passiert denn in diesem Zwischenraum, dass dann Männer dann wirklich Gewalt ausüben?
34:24So ein klassisches Macho-Verhalten ist aus meiner Sicht damit nicht von einer Gewalt abzugrenzen.
34:30Da fängt ja dann schon durchaus verbale Gewalt, psychische Gewalt an.
34:34Nämlich die Selbsterhöhung und die Herabwürdigung der anderen.
34:38Deshalb würde ich da gar nicht den Bruch sehen, sondern das klassische Macho-Verhalten bereitet letztendlich auch direkte Gewalt, auch
34:46körperliche Gewalt, auch sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen vor.
34:51Und davon ausgehend ist es dann immer nur noch ein kleiner Schritt.
34:58Betroffen von diesem Weltbild, das Männern Kontrolle und Macht als natürliches Recht zusprechen will, sind Frauen wie Annette und Daniela.
35:08Für die Opfer sind die Folgen gravierend. Das belegen zahlreiche Studien.
35:13Bis zu 80 Prozent kämpfen mit schweren psychischen Folgen. Von Schlafstörungen und Depressionen bis hin zu Suizidgedanken.
35:21Magst du Bilder sehen?
35:23Mhm.
35:26Oh, wow.
35:27Krass.
35:29Und dieser zersplitterte Baum, der hat so viel Kraft.
35:33Das ist richtig mega.
35:36Ja, es ist genau so, wie ich es in meinem Kopf hatte.
35:40Immer wieder diese, ja, die kleinen Menschen, die in deinem Kopf drin sind, die dir immer irgendwelche Sachen sagen und
35:48einreden.
35:49Und du willst eigentlich Ruhe.
35:52Du bist happy.
35:53Ja.
35:54Mega.
36:01Gibt es eine Sache, die ihr euch von der Gesellschaft wünschen würdet, wenn es um das Thema Gewalt gegen Frauen
36:08geht?
36:10Dass es mehr gesehen wird von der Gesellschaft und einfach auch akzeptiert wird als das, was es ist.
36:16Es ist eine Gewalttat, es ist eine Straftat.
36:19Wir sind irgendwie schon, meiner Meinung nach, darauf gepolt, dass wir alles immer super toll haben wollen.
36:24Und dazu gehört auch ein gutes Partnerbild und die heile Familie.
36:28Aber die existiert so in ganz vielen Fällen einfach nicht.
36:34Die Geschichten von Annette und Daniela berühren mich zutiefst und machen mich nachdenklich.
36:39Wie hätte den beiden früher geholfen werden können?
36:47Tun wir zu wenig, um Frauen vor Gewalt zu schützen in Deutschland?
36:52Also im Moment sind die gesellschaftlichen Strukturen in Deutschland so angelegt, dass die Gewalt befördert wird und dass Menschen in
37:00Situationen gehalten werden, dass sie Gewalt weiterhin ertragen müssen.
37:04Wir sehen, dass es viel zu wenig Frauenhäuser gibt. Wir müssen an die strukturellen Bedingungen ran. Wir müssen an eine
37:11ökonomische Situation in der Partnerschaft ran.
37:14Es brauchen beide Seiten Unterstützung. Der Mann braucht Unterstützung, um nicht mehr übergriffig zu sein.
37:21Die Frau braucht Unterstützung, um gut umgehen zu können. Und Kinder sollten wir auch in einer Beziehung, wenn welche vorhanden
37:27sind, dann dabei auch nicht vergessen.
37:31Wer verhindern will, dass Männer erst dann Hilfe bekommen, wenn es zu spät ist, der muss viel früher Alternativen anbieten.
37:42Hallo.
37:43Hallo zusammen.
37:44Lauf mich den Abend.
37:46Darf ich mich da hinsetzen zwischen euch? Sehr gut.
37:49In der Schweiz möchte ich selbst erleben, wie das aussehen kann.
37:53Und gehe dafür wieder in die 9. Klasse. Zu Eva Tichy Ruch und Marc Reichen.
37:59Wie hilft man denn einer Freundin, einem Freund, der in einer ungesunden, missbräuchlichen Beziehung ist?
38:06Weil ihr seid die ersten Ansprechpersonen von Jugendlichen.
38:13Die beiden sind ein Moderationsteam des landesweiten Herzsprungprojekts.
38:17Ihre Zielgruppe? Jugendliche zwischen 14 und 18.
38:22Was ist die Idee hinter dem Herzsprungprojekt?
38:24Man lernt eigentlich alles in der Schule, aber man lernt nicht, wie man Liebesbeziehungen erfolgreich gestaltet.
38:31Das ist die Idee.
38:33Was ist vielleicht nicht so gut?
38:35Was ist gut, das bringe ich als Erfahrung mit von zu Hause, von Filmen und so.
38:42Was ihr Konzept so besonders macht, es ist kein Interventionsprogramm, sondern ein Projekt, das Gewalt verhindern will.
38:49Eine Reaktion auf Schweizer Studien, die gezeigt haben, Gewalt passiert schon in vielen jugendlichen Beziehungen.
38:55Genau da wollen Eva und Marc ansetzen.
39:01Heute schauen wir uns in der Klasse an, was braucht es eigentlich für eine gute Beziehung.
39:06Die Lösungsfindung des Moduls.
39:10Sicherheit ist für uns positiv eher, weil wenn man zu jemandem gehen kann, wo man sich sicher fühlt, wo man
39:20sich wohl fühlt und einfach schwarzen kann.
39:24Es fühlt sich gut an.
39:25Ja, dann haben wir Vertrauen, weil das eine sehr wichtige Rolle in der Beziehung, wenn man einem kann vertrauen, das
39:33ist in dem Zusammenhang gemeint.
39:37Es geht aber auch darum, Warnsignale früher zu erkennen.
39:43Beleidigen, ein Bein mit Schlechtreden, wenn man sich jemand anderem unterwirft.
39:51Also, dass schlussendlich eine Person aus der Beziehung das Ganze Macht über die Beziehung hat.
39:59In diesem Alter geht es oft auch darum, aufzufallen, anders zu sein.
40:03Und dann mal im Kontext der Klasse über ein so intimes Thema zu sprechen und zu hören,
40:08okay, die Jungs, mit denen ich sonst heimlich auf dem Pausenhof rauche,
40:12haben eigentlich die gleichen Themen mit dieser Verletztheit, diesen Gefühlen und wie die damit umgehen.
40:17Und ich glaube, so diese Befähigung, das ist total wichtig.
40:21Du siehst so sexy.
40:22Und du zeigst dir Fatelli auch niemandem?
40:24Nein.
40:25Okay, aber nur für dich.
40:27Die stereotype Darstellung der beiden wird zwar kritisch diskutiert, aber die Botschaft bleibt.
40:33Aber du hast mir versprochen, dass du das Fatelli niemandem zeigst.
40:36Was denkt er?
40:38Der Junge hat ja eigentlich ihr Vertrauen missbraucht, weil er hat es ihr versprochen,
40:45dass er es nicht postet oder niemandem zeigt.
40:48Ja, Jaris.
40:48Also wenn er ein Foto macht, ist das ja okay, aber das Veröffentlichen ist vielleicht nicht so die sloweste Idee.
40:56Und haben es alle halt schon gesehen und vielleicht einen Screenshot gemacht oder was auch immer.
41:02Einmal im Internet, dann bleibt es eigentlich im Internet.
41:05Ich finde es total wichtig, dass diese Arbeit in der Schule passiert.
41:08Dass die Jugendlichen lernen, eigene Vorstellungen zu entwickeln.
41:12Eva und Marc ist es wichtig, dass sie auch begreifen, Rollenmodelle nicht einfach anzunehmen,
41:16sondern zu hinterfragen.
41:19Kann das Herzsprung-Projekt auch dabei helfen, dass zum Beispiel Jungs keine Täter werden?
41:24Das Programm beinhaltet auch Tipps, Hilfestellungen für Täter und Opfer.
41:29Es gibt immer die beiden Perspektiven.
41:32Und ich denke auch hier, ein junger Mann in seiner Entwicklung braucht die Rollenbilder,
41:39damit er sich entscheiden kann, welches wählt er für sich.
41:45Ich war total beeindruckt davon, wie offen und reflektiert die SchülerInnen waren,
41:49wie sehr sie sich auf dieses Projekt eingelassen haben.
41:52Und das hat mir gezeigt, wie wichtig es eigentlich ist, dass es diese Angebote gibt.
41:56Und ich würde mir wünschen, dass es Projekte wie Herzsprung auch flächendeckend in Deutschland gibt.
42:03Auf meiner Spurensuche habe ich viel gelernt.
42:06Über Männer, die sich als Opfer sehen und aus Angst vor Statusverlust Hass und Gewalt gegen Frauen schönen.
42:12Über Partner, die zu Tätern geworden sind.
42:16Aber ich habe auch Menschen getroffen, die sich mutig gegen Gewalt engagieren,
42:21weil sie selbst betroffen sind oder für die Zukunft etwas verändern wollen.
42:25Hast du in meinem Alter, als du 33 Jahre alt warst, hast du da genauso über diese Themen nachgedacht wie
42:32heute oder ist es heute anders?
42:35Seit den letzten Jahren, seit du angefangen hast, dich mit diesem Thema zu beschäftigen,
42:42habe auch ich begonnen, über Frauen-Männer-Beziehungen, über Respekt gegenüber Frauen nachzudenken, respektvoller zu handeln.
42:50Jeder Mann sollte ein bisschen Feminist sein.
42:54Feminist sein bedeutet ja meiner Meinung nach auch, dass du deine Frau, dein Kind, deine Tochter, deine Mutter liebst.
43:03In dieser Hinsicht ist das eine sehr gute Arbeit, die du da machst.
43:07Ich bin froh, dass du dich so engagierst.
43:13Aber bis wir Frauen und Mädchen in Deutschland tatsächlich vor Übergriffen und Gewalt schützen können, ist es noch ein langer
43:19Weg.
43:19Auch das muss ich in den letzten Wochen lernen.
43:23Der erste Schritt ist, dass wir Männer uns hinterfragen und über das sprechen, was uns wirklich beschäftigt,
43:28wie wir fühlen und dass wir vielleicht einfach auch manchmal überfordert sind.
43:32Denn nur dann kann es uns gelingen, uns neu zu erfinden.
43:35Als Männer ohne Gewalt.
43:36Ich bin froh, dass wir heute auch ein Buch sehen können.
43:39Ich bin froh!
43:49Nicole, beide Kinder, dieiénstaat findest du tierisch!
43:57Bis zum nächsten Mal!
43:58You
Comments

Recommended