00:00Auch wenn der heutige Tag meist der Erinnerung an das berühmte Stauffenberg-Attentag gehört, möchte ich heute über ein anderes
00:06wichtiges Datum reden.
00:08Nicht den 20. Juli 1944 mit dem letzten von ca. 40 dokumentierten Attentaten auf Adolf Hitler, sondern den 20. Juli
00:171933.
00:19Damals schloss das Dritte Reich um die Kurie in Rom ein Konkordat, einen Vertrag, der der katholischen Kirche im Hitlerreich
00:26gewisse Rechte sicherte.
00:28Im Gegenzug erkaufte sich Hitler scheinbar die Gunst oder zumindest das Stillschweigen der Kurie.
00:34So scheint es zumindest auf den ersten Blick.
00:36Stell dir vor, du bist das geistliche Oberhaupt von Millionen von Menschen in einer Zeit, in der unvorstellbares Leid über
00:43die Welt hereinbricht.
00:44Du hast die Macht, deine Stimme zu erheben, die in der Welt gehört wird.
00:48Aber was, wenn jede einzelne Äußerung das Leben derer, die du schützen willst, noch mehr in Gefahr bringt?
00:54Und was, wenn deine eigenen Leute Vorurteile hegen, die deine Entscheidungen beeinflussen?
01:00Genau diese fast unmöglichen Fragen stellte sich Papst Pius XII. während des Zweiten Weltkriegs.
01:06Seine Rolle im Angesicht des Holocaust ist bis heute eines der umstrittensten Themen der Kirchgeschichte,
01:13neben der Fluchthilfe für hochrangige Nazis.
01:15Aber das ist ein Thema für ein anderes Video.
01:18Viele Christinnen und Christen fragen sich bis heute, warum hat der Papst nicht laut und deutlich gegen die Gräueltaten der
01:25Nationalsozialisten protestiert?
01:27War es Gleichgültigkeit oder sympathisierte der Papst bzw. Teile seiner Kurie mit der antisemitischen Ideologie der Nationalsozialisten?
01:36Heute wissen wir, Papst Pius XII. hatte zwar nicht alle Informationen zum Holocaust, aber viele wichtige Puzzleteile.
01:43Tausende von verzweifelten Mitschreiben jüdischer Menschen erreichten den Vatikan auf die letzte Hoffnung in einer Welt des Terrors.
01:51Die vatikanischen Archive, die 2020 geöffnet wurden, belegen schwarz auf weiß, dass der Papst und seine Kurie kontinuierlich über die
02:00Verfolgung und die Schuhe informiert waren.
02:02Ein erschütterndes Beispiel ist das Regner Memorandum von 1942, das detaillierte Informationen über die systematische Ermordung von Juden in Polen
02:13enthielt.
02:13Denn der systematische Mord an den Juden hatte damals schon längst begonnen.
02:17Zu diesem Zeitpunkt werden schon mehrere Monate Jüdinnen und Juden in den von Deutschland besetzten Gebieten in Osteuropa tagtäglich zu
02:26Tausenden ermordet.
02:29Die USA fragten in diesem Schreiben den Vatikan direkt an, ob er diese Gräueltaten der Nazis bestätigen könnte.
02:37Die Antwort des Vatikans war zurückhaltend.
02:40Sie gaben an, die Informationen nicht überprüfen zu können.
02:43Ein internes Memo, das erst jetzt in den Archiven aufgetaucht ist, zeigt warum.
02:48Ein hochrangiger Mitarbeiter der Kurie äußerte Skepsis gegenüber jüdischen Quellen und vermutete, die Amerikaner würden den Papst politisch instrumentalisieren wollen.
02:58Die Angst vor deutschen Repressalien und der Wunsch, die Neutralität des heiligen Stuhls zu wahren, spielten hier eine große Rolle.
03:05Man wollte verhindern, dass die Kurie in einen Krieg hineingezogen wurde, der nicht ihr Kampf war.
03:10Aber wie wir an dem Zitat seiner Mitarbeiter sehen, ließen sich einige Mitglieder der Kurie auch von antisemitischen Vorurteilen leiten.
03:17Die öffentliche Zurückhaltung der römisch-katholischen Kirche war also eine bewusste strategische Entscheidung.
03:24Pius XII. fürchtete, dass ein offener Protest die Situation für die Verfolgten nur noch verschlimmern würde.
03:30Das Beispiel der niederländischen Bischöfe zeigt warum.
03:34Ihr mutiger, aber unverblückter Protest vom 26. Juli 1942 gegen die Judendeportation führte sofort zur Ermordung von 700 katholischen Konvertierten
03:45jüdischer Herkunft.
03:47Das war eine grausame Lektion.
03:49Dennoch nutzte der Papst seine Weihnachtsansprache 1942, um zumindest verklausuliert die Verbrechen der Nazis anzupragern.
04:12Er sprach von Hunderttausenden von Menschen, die schuldlos, nur weil sie einer bestimmten Nation oder Rasse angehören, dem Tod geweiht
04:20sind.
04:21Aber er nannte die Täter nicht und blieb vage.
04:23Hier zeigt sich seine Strategie.
04:25Er wollte als Patrik Kommune, Vater aller Gläubigen, über den Parteien stehen.
04:31Nachdem er zum Genozid an den katholischen Polen zuvor geschwiegen hatte, konnte er nicht plötzlich explizit für die Juden eintreten,
04:39ohne Widerspruch zu ernten.
04:41Doch das Schweigen zu den Verbrechen der Nazis war nur eine Seite der Medaille.
04:45Gleichzeitig liefen im Hintergrund Rettungsbemühungen, zumindest für diejenigen Jüdinnen und Juden, die sich im Zuständigkeitsbereich der Kurie, also in Rom,
04:54befanden.
04:54Pius wies die Kirche an, Juden und anderen Verfolgten diskret zu helfen.
05:00Tausende, wenn nicht Hunderttausende von Leben wurden so gerettet.
05:03Der Vatikan konnte auf ein weltweites Netzwerk von Priestern, Diplomaten und Gläubigen zurückgreifen.
05:10Innerhalb Italiens versteckten Klöster und Konvente Juden auf päpstliche Anweisung.
05:15Erzbischöfe in ganz Europa erhielten spezielle Befugnisse und richteten Büros ein, die ausschließlich der Unterstützung von Juden dienen.
05:23Italien hatte 1943 aber ein großes Problem, dass es mit fast allen Ländern Europas teilte.
05:29Denn bis auf wenige Ausnahmen in Skandinavien, Portugal und Spanien hatte das Dritte Reich fast alle Länder Europas besetzt und
05:37deportierte Jüdinnen und Juden von Nord-, West- und Südeuropa in die Vernichtungslager im Osten.
05:42Nach dem Sturz von Mussolini besetzten deutsche Truppen auch den Norden Italiens und begannen italienische Juden sowie Emigranten, den Osten
05:51zu deportieren.
05:51So war es äußerst schwierig geworden, die Order des Papstes in die Realität umzusetzen.
05:57Unter schwierigsten Umständen konnten aber allein in Assisi ca. 3000 Juden gerettet werden.
06:03Dabei halfen die strengen Klausurvorschriften in kleinen Orden und Klöstern.
06:07Sie verhinderten Razzien der Nazis, weil Fremden der Zutritt in die Klosterzellen verwehrt blieb.
06:13Und anders als beim Klostersturm der Nazis in Deutschland, bei dem unzählige Klöster und Kirchen für die Zwecke der Gestapo
06:20und der SS beschlagnahmt wurden,
06:21blieb Italien von einer solchen Aktion verschont.
06:24Es wurden auch gefälschte Dokumente hergestellt, die die Identität der Juden verschleierte
06:30und bei Polizeikontrollen Lebensretten sein konnten.
06:33Die Namen vieler Katholiken und Katholikinnen, die an diesen Rettungsaktionen beteiligt waren,
06:39stehen heute auf der Liste der Gerechten unter den Völkern in Yad Vashem.
06:43Die neuen Forschungsergebnisse aus Münster, insbesondere das Projekt Hilfe vom Papst erbeten,
06:48zeigen das Ausmaß dieser Anstrengung.
06:50Es geht um rund 15.000 Fälle von Bittgesuchen jüdischer Menschen an den Heiligen Stuhl.
06:56Einige Beispiele, die auf der Seite der Uni Münster veröffentlicht wurden, werde ich in einem zweiten Video vorstellen.
07:03Die Hilfe reichte von direkter finanzieller Unterstützung bis zur Erleichterung der Auswanderung nach Südamerika oder in die USA.
07:10Der Vatikan half bei der Beschaffung von Visa, Pässen und Reisefinanzierung.
07:14Und ja, manchmal baten jüdische Menschen auch um eine schnelle Taufe, weil getaufte Juden in einigen Ländern mehr Schutz genossen.
07:22Das war keine Glaubensfrage, sondern eine verzweifelte Überlebensstrategie.
07:26All diese Bemühungen hatten ihre Grenzen.
07:29Denn gegen den Wahn der Nazis, ihren Völkermord bis zum bitteren Ende durchzusetzen,
07:34hatte der Vatikan wenig entgegenzusetzen.
07:36Der Fall der Familie Brinitzer macht das auf schmerzhafte Weise deutlich.
07:41Franz und Meta Brinitzer schrieben im Juli 1942 einen Brief an den Papst, baten um Hilfe bei der Auswanderung.
07:48So wurde mit der sogenannten Brasilien-Aktion Anfang 1939 versucht, getauften Jüdinnen und Juden eine Ausreise nach Brasilien zu ermöglichen.
07:58Obwohl im Deutschen Reich und in den von Deutschen besetzten Gebieten bereits ein Ausreiseverbot für Juden bestand.
08:04Zurück zum Fall der Brinitzers.
08:07Trotz direkter Beteiligung des päpstlichen Privatsekretärs und finanzieller Unterstützung,
08:12500 Lire genug für zwei Personen, um einen Monat in Rom zu überleben,
08:17wurde die Familie Brinitzer im Juni 1944 nach Auschwitz deportiert.
08:21Das Ehepaar wurde aufgrund ihres hohen Alters vermutlich direkt vergaßt.
08:26Die Öffnung der Vatikanischen Archive mit der Korrespondenz des Papstes und den Memoranden seiner Mitarbeiter ist ein großer Schritt für
08:33die Forschung.
08:34Sie ermöglicht uns nicht nur die Stimmen derer hörbar zu machen, die den Papst um Hilfe baten und die die
08:39Nazis für immer verstummen lassen wollten.
08:42Sie hilft auch zu verstehen, warum der Papst im Zweiten Weltkrieg so handelte und keinen stärkeren Konfrontationskurs zu den Nazis
08:49suchte.
08:50Forschende, Medien oder schlicht historisch Interessierte können ihren Teil dazu beitragen,
08:55dass die Stimmen derer, die für immer zum Schweigen gebracht werden sollten, nicht in Vergessenheit geraten.
09:00Und für alle, die sich gegen eine Erinnerungskultur aussprechen und für einen sogenannten Schlussstrich einsetzen,
09:06hier die bislang beste Erklärung, warum wir manche historische Ereignisse nicht vergessen sollten.
09:11Einfaches Vergessen historischer Ereignisse widerspricht den zentralen Werten von Wahrheit und Wahrhaftigkeit.
09:19Das zeigt schon ein genauer Blick auf die Begriffe Wahrheit und Wahrhaftigkeit.
09:22In Griechischen steht für beide der Terminus a-leteia.
09:26In diesem Begriff steckt, was meistens übersehen wird, leite, der Strom des Vergessens drin.
09:34Allerdings steht davor ein Negationspräfix.
09:38A-leteia, nicht vergessen, dürfen.
09:42Also Wahrheit heißt nicht vergessen.
09:46Ewig im Gedächtnis behalten.
09:48Unbedingte Erinnerung.
09:50Niemand, der auf der Seite der Wahrheit steht, auch der Historischen und Religiösen,
09:55der sich der a-leteia als Grundwehr der abendländischen Geschichte verpflichtet weiß,
09:59kann und darf die Shoah vergessen, jemals zur Wahrheit gehört, sich an sie zu erinnern.
10:05Sie auf gar keinen Fall aus dem Gedächtnis zu tilgen.
10:07Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf, verantwortlicher für das Projekt zur Edition der Bitschreiben an den Papst,
10:14sprach diese wahren Worte am Ende seiner Vorlesung im Frühjahr 2023, in der er sein Projekt vorstellte.
10:21Was denkst du über das Projekt der Bitschreiben und über die Rolle von Papst Pius XII während der Shoah?
10:28Teile deine Gedanken in den Kommentaren.
10:30Wenn du mehr über die Zeit des Dritten Reichs erfahren möchtest, dann abonniere diesen Kanal.
10:35So verpasst du kein neues Video und es gibt auch immer wieder Content zu aktuellen politischen Themen.
10:40Bis zum nächsten Mal.
10:41Bis zum nächsten Mal.
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