00:00Heute gibt es das erste Video von zwei neuen Reihen hier auf YouTube und TikTok.
00:05Da beides visuelle Medien sind, möchte ich euch bekannte Fotos und Reden aus der NS-Zeit vorstellen
00:11und für alle, die sich schon immer gefragt haben, warum gerade dieses Bild oder diese Rede
00:16so oft in Dokus und Beiträgen über die NS-Zeit verwendet wird, etwas Kontext liefern.
00:22Auch wenn die Nazis schon Film und Fernsehen nutzten,
00:25ist es leider sehr schwer, wegen der Lizenzen Videomaterial zu benutzen.
00:30Und da ich kein eigenes Studio oder Geld für Lizenzen habe,
00:34werde ich mich auf Fotos von Wikimedia-Comments stützen.
00:36Ich bin alle Einträge zwischen 1933 und 1945 durchgegangen
00:41und habe, hoffe ich, mithilfe von Gemini einen schönen Querschnitt erstellt.
00:47Ich werde euch sowohl Propagandabilder und Reden,
00:50als auch mehr oder minder heimlich aufgenommene Bilder der Opfer des NS-Terrors vorstellen.
00:55Und natürlich sind auch einige Dokumente der Alliierten dabei,
00:58die die NS-Verbrechen für spätere Prozesse dokumentiert haben.
01:03Und da Bilder mehr als tausend Worte sagen, fangen wir jetzt mit dem ersten Bild an.
01:08Für die, die es nicht wissen, was meint ihr, haben diese verschiedenfarbige Dreiecke zu bedeuten?
01:14Diese Winkel kennzeichneten die verschiedenen Gruppen von Menschen,
01:18die in die Konzentrations- und Vernichtungslager der Nazis deportiert wurden.
01:22Sie dienten drei Zwecken.
01:23Zum einen schlicht der Kennzeichnung, denn so war auf einen Blick klar,
01:28mit welcher Art von Gefangenen man es zu tun hatte.
01:31Ein politischer Gegner trug einen roten Winkel.
01:34Ein mehrfach vorbestrafter Krimineller einen grünen Winkel.
01:39Homosexuelle einen russer Winkel.
01:41Asoziale bzw. Sinti und Grumme einen schwarzen Winkel.
01:45Später bekamen die Zigeuner einen eigenen braunen Winkel.
01:49Bibelforscher bzw. Zeugen Jehovas einen lila Winkel.
01:53Und schließlich die Juden einen gelben Winkel, der wie ein Davidstern aussah.
01:58Zweitens entzog man den Häftlingen so ihre persönliche Identität,
02:02genauso wie mit der Praxis sie mit ihrer Häftlingsnummer und nicht mit ihrem Namen anzusprechen.
02:06Drittens, schließlich konnte so auch eine Hierarchie unter den Häftlingen aufgebaut werden,
02:12bei der Jüdinnen und Juden auf der untersten Stufe und politische Häftlinge auf der höchsten Stufe standen.
02:19Das erstickte Solidarität über die einzelnen Häftlingsgruppen hinweg
02:23und verringerte das Potenzial für Widerstandsaktionen,
02:27denn es fragmentierte die große Masse der Häftlinge in kleine Gruppen,
02:31die gegeneinander um Essen, bessere Arbeitsbedingungen etc. konkurrierten.
02:36Die Kennzeichnung der verschiedenen Häftlingsgruppen wurde 1937-38 eingeführt
02:41und markierte eine Professionalisierung der Konzentrationslager.
02:46Nach dem Kriegsausbruch 1939 wurde das Kennzeichnungssystem komplexer,
02:51in dem ausländische Häftlinge zusätzlich mit einem Buchstaben wie P für Pole oder F für Franzosen kennzeichnet wurden.
02:59Die einzelnen Winkel konnten auch kombiniert werden.
03:02Ein jüdischer politischer Häftling und Pole trug zum Beispiel einen gelb-roten Winkel mit dem Buchstaben P.
03:09Ein Berufsverbrecher und Homosexueller erhielt einen grün-rosa-Winkel und so weiter.
03:15Zwei Häftlingsgruppen waren besonderen Repressalien ausgesetzt,
03:18die Juden natürlich und die Homosexuellen.
03:22Die Juden wurden von den SS-Wachmannschaften der brutalsten Behandlung unterzogen,
03:27hatten die wenigsten Rechte und geringsten Überlebenschancen.
03:30Denn das ganze Lagersystem war darauf ausgerichtet, ihren Tod zu beschleunigen,
03:35wenn sie nicht schon bei der Ankunft ermordet wurden.
03:38Homosexuelle wurden gezielt oberhalb der Juden, also ganz unten in der Häftlingshierarchie, platziert.
03:44Sie wurden häufig den gefährlichsten Strafkompanien zugeteilt und mussten die härtesten Arbeiten verrichten.
03:51Sie waren auch den schwersten Misshandlungen durch die SS ausgesetzt.
03:54Ähnliche Feuter und Schikanen mussten die Asozialen erdulden.
03:58Denn auch unter ihnen waren Frauen und Männer, die nach Ansicht der NS-Ideologie einen unmoralischen Lebenswandel pflegten.
04:05Ob als Prostituierte oder Verheiratete mit einem angeblich ungezügelten Sexualleben.
04:11Die Strafkompanien zeichneten sich durch besonders harte Bedingungen aus.
04:15Die Häftlinge erhielten hier weniger zu essen, hatten längere Arbeitszeiten und kürzere Pausen.
04:21Auch wurden sie häufig von den anderen Häftlingen isoliert, in speziellen Baracken, was zu ihrer Ausgrenzung beitrug.
04:29Die Winkel trugen zur Herausbildung von unterschiedlichen Schichten im Lager bei.
04:33Ähnlich wie in der normalen Gesellschaft außerhalb des Lagers gab es drei Schichten.
04:38Eine Oberschicht, die sich aus deutschen politischen Häftlingen,
04:41meist Kommunisten und Sozialdemokraten, sowie Berufsverbrechern mit dem grünen Winkel rekrutierte.
04:48Absurderweise genossen diese Häftlinge durch ihre arische Abstammung höheres Ansehen bei der SS
04:54und wurden für privierte Positionen wie Kapus bevorzugt herangezogen.
05:00Sie konnten wiederum andere Häftlinge überwachen und bestrafen.
05:04Die unter ihnen standen und hatten die größten Überlebtschancen.
05:08Die Mittelschicht bestand typischerweise aus Deutschen.
05:11Die als asozial eingestuft wurden.
05:13Und Zeugen Jehovas.
05:15Je nach Nationalität gehörte man zur oberen oder unteren Mittelschicht.
05:19Tschechen und Nord- und Westeuropäer standen über den Osteuropäern wie Polen,
05:25die als minderwertige Rassen angesehen wurden.
05:28Die Unterschicht innerhalb der Häftlingshierarchie bildeten Russen,
05:32Sinti und Roma, Homosexuelle und Juden.
05:35Sie hatten die geringsten Überlebenschancen und waren der brutalsten Behandlung
05:39durch SS und jenen Häftlingen, die über ihnen standen, ausgesetzt.
05:43Untersuchungen zeigen, dass nur knapp jeder zweite der etwa 700 homosexuellen Männer,
05:48die in Luchenwald und Mittelbau Dora inhaftiert waren, das Lager überlebte.
05:53Sie wurden häufig den brutalsten Strafkompanien zugewiesen
05:57und zu tödlicher Arbeit in Steinbrüchen gezwungen.
06:01Andererseits konnten wirtschaftliche Interessen der SS,
06:04wenn ein Jude zum Beispiel über spezielle Fachkenntnisse verfügte,
06:08die Überlebenschancen deutlich verbessern.
06:10So wurden viele der überlebenden Jüdinnen und Juden in Lagerberufen eingesetzt,
06:15die keine anstrengende körperliche Arbeit erforderte, wie Schreibtätigkeiten.
06:20Und sie arbeiteten meist in Innenräumen,
06:23waren also anders als die Außenkommandos nicht den Elementen ausgesetzt.
06:27Die SS förderte gezielt Rivalitäten und Feindseligkeiten
06:32unter den verschiedenen Häftlingsgruppen,
06:34indem sie manche für besondere administrative Funktionen heranzog,
06:39sei es als Blockältester, Kapo oder Lagerschreiber.
06:42Diese Funktionen gaben den Häftlingen nicht nur Ansehen und Macht über ihre Mitgefangenen.
06:47Sie waren meist auch mit Privilegien verbunden.
06:50So arbeiteten Schreiber nicht im Freien und waren weniger Gefahren ausgesetzt,
06:55was ihre Überlebenschancen signifikant erhöhte.
06:58Blockälteste und Kapos konnten andere Häftlinge bestrafen
07:02und setzten die Ordnung und Vorschriften der Lagerleitung durch.
07:05Sie hatten die Macht, Häftlingen, die sie mochten, zu helfen,
07:09waren aber meist für ihre Brutalität und sexuelle Übergriffe berüchtigt.
07:13Auch nach dem Krieg hielten die verschiedenen Opfergruppen an den Kategorisierungen fest.
07:18So organisierten sich die politischen Häftlinge, Jüdinnen und Juden in speziellen Komitees
07:24und vielen Opfergruppen der untersten Stufen wie Asoziale, Kriminelle, Homosexuelle und Sinti und Roma
07:32wurde lange Zeit eine Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus verwehrt.
07:37Sie wurden in der Erinnerungskultur vernachlässigt.
07:41Galten ihre Vergehen häufig noch als legitime Haftgründe.
07:44So wurde der Paragraf 175, nachdem Homosexuelle hinhaftiert wurden,
07:50in der DDR erst 1968 gestrichen und in der Bundesrepublik sogar erst 1994.
07:57Noch erschreckender ist, wie lange manche Opfergruppen darauf warten mussten,
08:02auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden.
08:04Erst 2008 wurde in Berlin ein Denkmal für die verfolgten Homosexuellen eingeweiht
08:10und der Verfolgung sexueller Minderheiten wurde erstmals 2023 am Holocaust-Gedenktag gedacht.
08:18Am bekanntesten dürfte vielen jedoch der Kampf der Sinti und Roma sein,
08:22denn auch sie wurden im Nachkriegsdeutschland oft als zu Recht verfolgte Gruppe von Asozialen angesehen,
08:29deren Verfolgung sich zum Teil bis in die Nachkriegszeit zog.
08:32Seit 1994 ist der 16. Dezember ein nationaler Gedenktag in Deutschland für die verfolgten Sinti und Roma.
08:41Und nach vielen Diskussionen wurde 2012 endlich ein Denkmal, das an ihr Leid erinnert, eingeweiht.
08:471997 wurde ein eigenes Dokumentations- und Kulturzentrum in Heidelberg geschaffen.
08:53Am längsten mussten aber die sogenannten Asozialen und Berufsverbrecher auf eine Anerkennung warten,
09:00die ihnen zum Teil heute noch verwehrt bleibt.
09:02Es besteht immer noch häufig die Meinung, dass jene Opfergruppe,
09:06die auch nach heutigem Maßstab in Gefängnissen inhaftiert würde, zu Recht im KZ gesetzen hätte.
09:12In meinem Video über die Verhaftungsaktion vom Juni 1938
09:17hatte ich ja mehrfach die Expertenkommission des Deutschen Bundestages zitiert,
09:21die sich dafür einsetzte, auch jene Opfergruppe offiziell als Opfer des Nationalsozialismus anzuerkennen.
09:28Das ist übrigens mehr als reine Kosmetik,
09:30denn eine offizielle Anerkennung geht meist auch mit dem Anspruch auf Entschädigungszahlungen einher,
09:36die jenen Opfern jahrelang verwehrt wurde.
09:39Nach der Befürwortung der Kommission wurde diese offizielle Anerkennung im Dezember 2020 ausgesprochen.
09:46Diese Beispiele zeigen, wie lange die Klassifizierung der Nazis noch nachlebten,
09:52sogar unter den Opfern selbst.
09:54Die interne Spaltung innerhalb der überlebenden Gemeinschaft
09:57weist auf den heimtückischen Erfolg der nationalsozialistischen Strategie hin,
10:02selbst unter den Verfolgten Uneinigkeit zu stiften.
10:05Hier noch ein ganz persönlicher Hinweis von mir.
10:07Ich finde es unerträglich, dass von Opfergruppen, die andere explizit ausgeschlossen haben,
10:13wie den politisch Verfolgten und den Juden, immer wieder von einem nie wieder gesprochen wird,
10:18während andere Opfergruppen wie Homosexuelle, Asoziale und Zigeuner
10:23selbst in der Bundesrepublik fortwährender oder erneuter Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt waren
10:29und zum Teil noch sind.
10:31Es kann kein nie wieder geben, wenn nicht das Leid jedes einzelnen Opfers kompromisslos anerkannt wird
10:37und die Mechanismen hinter der menschenverachtenden Ideologie der Nazis ohne Wenn und Aber aufgearbeitet werden.
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