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00:03Sie lieben das Licht. Wie es die Dinge vor ihren Augen verändert? Schnell muss man sein, um solche Stimmungen auf
00:13der Leinwand festzuhalten. Am liebsten draußen in der Natur, bei jedem Wetter.
00:21Man spürt sich selbst. Und dafür ist Kunst da, dieses Leben uns zu zeigen, die Wunder des Lebens.
00:28So hat vorher kein Künstler Landschaften gemalt. Die Impressionisten erfinden Mitte des 19. Jahrhunderts die moderne Kunst. Sie werden verspottet
00:42von ihren Zeitgenossen.
00:46Heute sind sie die Publikumslieblinge und ihre Werke kosten ein Vermögen.
00:53Und wir dürfen sie heute anschauen und ihr Licht in diese dunkle Jahreszeit bringen.
00:58Herzlich willkommen in Potsdam, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer.
01:01Haben Sie gewusst, dass Sie gar nicht nach Paris fahren müssen, um die Impressionisten in dieser Fülle genießen zu können?
01:07Mehr als 100 Meisterwerke von Monet, Pissarro, Sisley, Renoir und vielen anderen können Sie hier anschauen im Museum Barberini.
01:21Alle gekauft von einem Sammler und Mäzen, der ihre Schönheit mit möglichst vielen Menschen teilen will.
01:28In diesem Stadtpalais, das nur auf den ersten Blick alt aussieht, aber eine komplette Rekonstruktion ist.
01:36Und dann gibt es noch eine neue spannende Kunstadresse, die hier in Potsdam wirklich aus dem Rahmen fällt.
01:42Das Minsk. Zu DDR-Zeiten eine Institution als Restaurant.
01:47Heute ein Ort vor allem für die Kunst der DDR, wie hier von Wolfgang Mattheuer.
01:52Also auf zum Museumscheck.
02:01In nur fünf Jahren hat sich das Barberini zu einem der meistbesuchten Museen Deutschlands entwickelt.
02:07Denn hier locken nicht nur die Impressionisten, sondern auch vielgelobte Sonderausstellungen.
02:12Zurzeit dreht sich hier alles um die Magie des Surrealismus.
02:16Mit auffällig vielen Künstlerinnen übrigens.
02:19Unser Gast heute ist eine Künstlerin der Verwandlung.
02:23Seit über 20 Jahren begeistert sie uns in den unterschiedlichsten Rollen.
02:29Nadja Uhl spielt Frauen, die in Abgründe schauen.
02:33Die Kommissarin im Sumpf von Kindesmissbrauch.
02:37Die knallharte RAF-Terroristin.
02:40Die verfolgte Jüdin zur Nazizeit.
02:44Rollen, die unter die Haut gingen.
02:48Wie schön, dass du dir die Zeit nimmst.
02:50Du bist ja eigentlich mitten im Dreh, ne?
02:51Ja.
02:52Hast extra einen Tag freigenommen.
02:53Es ist wirklich so, dass das Team heute einen Tag auf mich wartet hierfür, ja.
02:57Wahnsinn.
02:57Was dreht ihr gerade?
02:59Die Jägerin, ZDF 20.15 Uhr, einen Abendfilm.
03:01Wir haben schon zwei Teile gedreht und liefen sehr erfolgreich, ja.
03:05Ja, umso toller, dass du hierher gekommen bist.
03:07Aber du kennst das Museum auch, oder?
03:09Genau hier stand die alte Blechbüchse.
03:12Wurde das Theater genannt.
03:14Und die habe ich als Gretchen angefangen, Viola Cesario.
03:17Und dann wurde ja die Blechbüchse irgendwann abgerissen.
03:19Und dieses Projekt kam in Potsdam auf den Plan.
03:22Und dann war es ja sehr umstritten, ob Potsdam dieses Museum möchte, was natürlich für
03:27einen Künstler wie mich Blasphemie ist.
03:29Und habe mich dafür sehr stark gemacht.
03:31Und deshalb liegt da auch eine emotionale Verbindung zu diesem Haus hier und zu dem, was Potsdam
03:36hier geschenkt wurde.
03:40Magst du die Impressionisten?
03:42Ja, wir brauchen Kunst.
03:44Ich brauche Kunst auch.
03:45Die Impressionisten sind mit ihren Fragmenten, mit ihren Sichtweisen, mit ihren Stimmungen
03:49sind wie Filmszenen.
03:50Das ist ganz existenziell.
03:52Deshalb geht es nicht darum, mag ich Kunst, sondern ich brauche Kunst.
03:58Kommst du auch am Wasser zur Ruhe?
04:00Also mir geht es so.
04:01Wenn ich am Wasser bin, geht es mir gut.
04:02Ich bin nicht der Bergtyp hier, als Mecklenburgerin.
04:06Ja, klar.
04:07Ich bin ein Wassermensch.
04:08Ich liebe die Stimmung auf dem Wasser.
04:12Nebel auf dem Wasser.
04:16Dieses Bild ist ein Publikumsliebling hier im Museum.
04:20Ein Paar beim Spaziergang von Gustav Caibod.
04:23Das ist Sommer in der Normandie.
04:26Und ich finde, das ist fast wie eine Filmszene, oder?
04:29Ja, es ist ja eine Filmszene.
04:30Für mich ist es eine Filmszene.
04:32Ich frage mich, was reden Sie?
04:35Aber erst mal bin ich in der Umgebung.
04:37Ich weiß nicht, ob es dir auch so geht.
04:38Spürst du die Hitze, die Wärme?
04:41War es am Morgen auch schon so sonnig?
04:43Oder war der Tag erst trüb und wurde sonnig?
04:45Hörst du die Insekten?
04:47Was reden Sie?
04:49Wie nah stehen Sie sich?
04:51Gab es schon Mittag?
04:54Die stehen erstaunlich weit auseinander.
04:57Dafür, dass es eine Ferienstimmung ist, wo man ja doch eher in nichts...
05:00Vielleicht aus Anstandsgründen, oder sie nähern sich noch an, oder es sind Vater und Tochter.
05:05Wer sind die beiden?
05:06Ja, ja.
05:20Diese ganzen Landschaftsbilder sehen so aus wie bei einem gemütlichen Sonntagsspaziergang.
05:24So was aber nicht.
05:26Ja.
05:26Wir haben gerungen.
05:28Monet hat gekämpft um jedes Bild, was man aus seinen Briefen weiß.
05:32Der hatte Depressionen, der war nie zufrieden, ist umgeworfen worden von den Wellen, als er am Atlantik gemalt hat, hat
05:39gefroren bei seinen Winterbildern.
05:41Was für ein Film.
05:44Das wird, glaube ich, unterschätzt, dass wir hier etwas für damalige Verhältnisse hochmodernes und provokantes eigentlich auch sehen.
05:53Was die Künstler mit großen Zweifeln bezahlt haben.
05:59Man spürt sich selbst.
06:01Und dafür ist Kunst da, dich zu spüren, das Göttliche zu spüren oder in die Abgründe zu gucken.
06:07Dieses Leben uns zu zeigen, die Wunder des Lebens.
06:11Und das kostet aber oft Kraft.
06:13Und am Ende entsteht ein Bild, wo man sagt, ja, ich sehe einen sonnigen Weg.
06:16Nein, du siehst keinen sonnigen Weg, sondern du siehst ein Bild von jemandem, der dich verführen möchte, wieder sonnige Wege
06:23zu sehen.
06:25Schau auf diese Wiese und ich weiß nicht, wie es dir geht.
06:28Ich erinnere mich an die Wiesen meiner Kindheit in Mecklenburg.
06:31Ja, du spürst diesen doch milden Tag.
06:34Ich glaube, es war windig.
06:36Und du bist sofort in dieser Stimmung oder zumindest auch in den Stimmungen deiner Kindheit.
06:41Dieses Geschenk macht er uns, dass er, obwohl er eine Menge existenzieller Sorgen hatte, hat,
06:46er die Kraft aufgebracht, uns den Zauber dieses Momentes in Giverny festzuhalten mit seinen Kindern.
07:02Von diesen Getreideschobern hat Monet über 20 verschiedene Bilder gemalt in den unterschiedlichsten Lichtstimmungen.
07:09Und ich finde, wenn man da so gerade auf Details schaut, dann versteht man, dass das der Beginn der Abstraktion
07:15war.
07:16Er zeigt uns hier Heuschober im Sonnenuntergang.
07:20Aber es zeigt er uns nicht nur.
07:21Er muss doch was dabei gefühlt haben mit 50.
07:24Und das empfinden wir auch, wenn wir raufgucken.
07:27Du empfindest diese Wärme der untergehenden Sonne.
07:30Und da oben spürt man schon die Kälte der Nacht, das kalte blaue Licht der Nacht.
07:35Vielleicht war das die Gedankenbrücke zu anderen Gedankengängen.
07:39Über Vergänglichkeit, über Werden und Vergehen, Tag und Nacht.
07:43Und das sind ja manchmal auch vielleicht nur Impulse, künstlerische Impulse, die dich ganz woanders hinbringen.
07:50Wenn du möchtest, lass dich auf die Story ein. Es wird so groß und so schön.
07:55Zu diesem Bild gibt es natürlich nochmal eine ganz besondere Geschichte.
07:59Nämlich das ist das Bild mit dem Kartoffelbrei, das die Attacke erleben musste.
08:05Was ist dir durch den Kopf gegangen, als du das gehört hast?
08:08Wenn du Leute mitnehmen willst, ich bin Künstlerin, ich versuche auch Menschen wach zu rütteln.
08:13Aber ich kann Menschen nicht so wach rütteln, indem ich Sachen zerstöre, wo mir jemand etwas über das Leben erzählen
08:20wollte.
08:23Zerstörung schöner Dinge dieser Welt.
08:26Es ist ein Paradoxon.
08:27Wie soll denn das uns dazu überreden, die Welt zu retten?
08:35Klimawandel ist damals kein Thema.
08:38Im Gegenteil, die Impressionisten sind begeistert vom modernen Leben.
08:45Die pulsierende Großstadt ist beliebtes Motiv.
08:50Und es qualmen auch schon mal die Fabrikschornsteine am Horizont.
09:0138 Gemälde von Claude Monet, über 100 Werke insgesamt.
09:06Diese Fülle von Impressionisten ist einzigartig in Deutschland.
09:10Europaweit gibt es nur in Paris mehr davon zu sehen.
09:16Das Ganze in einem Museum, das es vorher nicht gab.
09:19Denn an dieser Stelle stand ein Stadtpalais im italienischen Stil.
09:23Erbaut im 18. Jahrhundert von Friedrich II.
09:26Der wollte, dass seine Residenzstadt Potsdam strahlt wie ein Juwel.
09:31Doch dann kamen der Zweite Weltkrieg und die DDR mit Trümmerwüsten und Bausünden.
09:42Seit der Wiedervereinigung wird kräftig saniert und rekonstruiert in Potsdam.
09:47Wie hier am Alten Markt, wo fast nichts wirklich alt ist.
09:52Die Nikolai-Kirche.
09:56Das alte Schloss, Sitz des Landtags von Brandenburg.
10:00Und das private Museum Barberini mit der Sammlung von Hasso Plattner.
10:13Das ist der erste Monet, den Hasso Plattner gekauft hat.
10:16Der SAP-Mitbegründer, Multimilliardär und inzwischen vor allem leidenschaftlicher Kunstsammler,
10:22Museumsgründer und Mäzen.
10:24Damit fing die ganze Impressionismus-Sammlung von ihm an.
10:28Ja, das war im Jahr 2000.
10:31Da ist der Blick auf diesen Getreiderschober von Monet gefallen.
10:35Dann begann eben die Phase, wo er sich in die impressionistischen Landschaften vertieft hat.
10:42Er sammelt ja ganz ohne Beratung und auch sehr entschieden.
10:46Was hat Hasso Plattner dann als Sammler so fasziniert bei den Impressionisten bei Monet,
10:51dass er gesagt hat, davon brauche ich mehr?
10:53Er hat sich natürlich ganz besonders für Wasserflächen interessiert.
10:57Wir haben ganz viele Bilder in der Sammlung, die eben die Seine zum Beispiel zeigen.
11:03Hier auch im winterlichen Debakel, wie die Franzosen das nennen.
11:09Da, wo das Eis aufbricht, das ist ja ein Spektakel, dann ergibt es eben Geräusche in der Natur, das Krachen
11:16des Eises.
11:20Diese ganzen Themen, die alle Sinne ansprechen, das ist für Herrn Plattner ganz wichtig.
11:25Also, dass unmittelbar eine Interaktion mit den Bildern stattfinden kann.
11:28Jetzt, auch heute noch, nach so vielen Jahren, ist man irgendwie mittendrin.
11:32Ich habe noch nie so viele Schneebilder von Impressionisten gesehen wie hier.
11:36Ja, also das waren sehr schneereiche Winter, die 1870er und 1880er Jahre.
11:42Man spricht da ja von der kleinen Eiszeit.
11:44Eine klirrende Kälte, ein ganz besonderes Licht.
11:46Und das hat solche Künstler wie Alfred Sisley dazu bewegt, immer wieder draußen zu malen.
11:57Aber so spannend die Motive vor der Haustür auch waren,
12:00ein Maler wie Monet ist gerne in andere Länder gereist.
12:04Vor allem das Licht in Italien hat ihn zu vielen Bildern inspiriert.
12:14Diese Sammlung ist ja voll mit potenziellen Lieblingsbildern.
12:18Aber Sie sagen, dieses Bild von Monet ist mein Lieblingsbild. Warum?
12:23Ja, es kennt jeder das Gebäude.
12:25Wenn man auf die Akademia in Venedig zugeht, links, guckt man von der Brücke runter,
12:29ist heute noch der gotische Palast, Palazzo Contarini.
12:32Monet hat in der Zeit ja in Giverny vor allen Dingen seine Seerosenbilder gemalt.
12:38Das heißt, er hatte immer diesen Blick auf die spiegelnde Wasseroberfläche.
12:42Und das kommt diesem Bild natürlich sehr zugute.
12:44Und es ist ein ganz ungewöhnliches Architekturbild.
12:47Man sieht keine Krone der Architektur, keinen Himmel.
12:51Und es ist radikal beschnitten, fast wie in einer Fotografie.
12:54Und die Farbigkeit ist natürlich unheimlich suggestiv und schön.
13:01Geld spielt ja anscheinend keine Rolle.
13:05Deshalb kann die Sammlung stetig wachsen.
13:08Vier weitere Monets sind in Potsdam angekommen.
13:12Auch dieses Meisterwerk aus der Londoner Serie.
13:16Man muss ja sagen, kein öffentliches Museum könnte es sich jemals leisten,
13:21diese Bilder zu kaufen, um sie der Öffentlichkeit zu zeigen.
13:24Wäre unmöglich.
13:25Genau.
13:25Und das ist das Schicksal vieler dieser impressionistischen Bilder,
13:29dass sie dann in Privatsammlungen oder schlimmer noch auf einer Kunstspedition
13:34oder in einem Safe landen und eben gar nichts zu sehen sind
13:37oder vielleicht für Ausstellungen ausgeliehen werden.
13:39Aber dass man hier wiederkehren kann,
13:41auch wenn wir mit Schülern hier aus Potsdam arbeiten.
13:45Die haben ja die Möglichkeit, immer wieder zu kommen
13:48und mit ihren Lieblingsbildern auch groß zu werden.
13:58Das Museum Barberini ist bekannt für seine ambitionierten Sonderausstellungen,
14:02die sich mit allen Kunstrichtungen befassen.
14:04Aktuell ist es die große Surrealismus-Schau,
14:07die zusammen mit der berühmten Peggy Guggenheim-Collection
14:10in Venedig entstanden ist
14:12und auch schon während der Biennale dort zu sehen war.
14:23Ich habe in der Schule noch gelernt,
14:25Surrealismus, das sind Träume, das ist freudsche Traumdeutung.
14:30Bei Ihnen heißt die Ausstellung Surrealismus und Magie.
14:33Das heißt, Sie zeigen da ganz neue Facetten des Surrealismus?
14:37Ja, Magie ist eigentlich ein ganz zentrales Thema für die Surrealisten,
14:40was, glaube ich, dem großen Publikum so gar kein Begriff ist.
14:43Das waren fantastische Themen,
14:45die die Surrealisten interessiert haben
14:47von den 1920ern bis in die Nachkriegszeit.
14:49Und dieses Bild hier heißt, er ist Surrealist.
14:52Kann man das an dem zeigen, was damit gemeint ist?
14:56In dem Bild zeigt sich Viktor Brauner selbst als Surrealist,
14:59aber auch als Magier.
15:00Man sieht es hier wunderbar mit diesem Zauberstab in der Hand.
15:03Und auch Alchemie ist in dem Bild hier drin.
15:04Nämlich in der Alchemie geht es um die Verschmelzung
15:06von verschiedenen Elementen, vor allem von Feuer und Wasser.
15:09Diese Flammen unten, die auf das Wasser trifft,
15:11das symbolisiert das Verschmelzen von Gegenständen
15:13und symbolisiert, dass der Magier auch zugleich ein Alchemist ist.
15:21In so einer Schau darf auch Max Ernst nicht fehlen.
15:25Der gebürtige Rheinländer hat den Surrealismus geprägt wie kein Zweiter.
15:35Chemische Hochzeit heißt dieses Bild.
15:36Da nimmt Max Ernst auch wieder Bezug auf die Alchemie, oder?
15:39Also Alchemie spielt eine ganz große Rolle in Max Ernst's gesamten Werk,
15:42eigentlich von den 1920er-Jahren bis in die Nachkriegsjahrzehnte.
15:45Und ganz viele Surrealisten waren ja fasziniert
15:47von diesen sexuellen Metaphern der Alchemie.
15:49Das ist eine Alchemie, die Königin den König heiratet,
15:52als königliche Hochzeit.
15:53Das war für die Surrealisten eigentlich eine Metapher
15:55für die Allmacht der Begierde und auch für die perfekte Beziehung.
15:58Und das ist eben eines der vielen Bilder,
16:00in dem Ernst auf die Alchemie zurückgreift,
16:02um sein Privatleben zu erforschen.
16:03Es ist ein Doppelporträt von ihm und seiner letzten Frau,
16:06Drophia Tenning, als der König und die Königin der Alchemie.
16:09Also hier links sieht man Max Ernst als den alchemistischen König.
16:12Rechts ist Drophia Tenning als die alchemistische Königin.
16:15Und ganz unten sieht man dieses kleine Drachenwesen.
16:17Das ist sozusagen das magische Schutztier,
16:19das das glückliche Königspaar begleitet.
16:21Und was ich so toll in dem Bild finde,
16:23es war ein Geschenk von Max Ernst an Drophia Tenning.
16:25Zwei Jahre nach ihrer Hochzeit
16:27als Andenken an diesen glücklichen Hochzeitstag.
16:30Max Ernst war übrigens viermal verheiratet.
16:34Die Künstlerin Leonora Carrington war seine Geliebte.
16:40Auch dieses Bild von Max Ernst, die Einkleidung der Braut,
16:43hat so was sehr Magisches, aber für mich auch fast was Märchenhaftes.
16:48Was erzählt er uns da?
16:49Max Ernst hat ja Leonora Carrington
16:51in den späten 1930er Jahren in London kennengelernt.
16:53Die beiden haben sich sofort ineinander verliebt,
16:55sind gemeinsam nach Südfrankreich geflohen
16:57und haben dann dort ganz viel Zeit mit Alchemie,
17:00Okkultismus verbracht, mit ihrer Privatmythologie.
17:03Und in dieser total fantastischen Privatmythologie
17:06ist eben Max Ernst, der König der Vögel, Loblob.
17:09Und das hier soll auch Ernst selbst sein,
17:10der sich hier als Vogelkönig ins Bild setzt.
17:12Und Leonora Carrington ist die Braut des Windes,
17:14also ein mittelalterliches Hexenwesen.
17:16Und sie wird ja in diesen Eulenmantel gehüllt,
17:19als wahrscheinlich Attribut ihrer kreativen Kraft,
17:22als großartige Künstlerin und Schriftstellerin.
17:24Dann rot ist die Kernfarbe der Alchemie,
17:26die letzte Stufe der alchemistischen Umwandlung.
17:28Also hier sind es Leonora Carrington und Max Ernst
17:30als Königin und König der Alchemie,
17:32die das glückliche Königspaar symbolisieren.
17:38Leonora Carrington ist in der Ausstellung
17:41ein ganzer Raum gewidmet.
17:42Die britisch-mexikanische Surrealistin
17:45wird gerade wiederentdeckt.
18:03Ich finde ihre Malerei total faszinierend,
18:07weil sie ja fast altmeisterlich malt.
18:10Es ist ganz fein und filigran und exakt.
18:15Und was da zu sehen ist, finde ich total spooky.
18:17Das sind ja Albträume.
18:19Naja, die Albträume gehören auch zu unserem Leben.
18:22Ich finde, die Symbolik wäre sehr interessant,
18:25mit der sie arbeitet.
18:26Ihre Weltsicht scheint sehr dem Okkulten zugewandt zu sein.
18:30Ja, kärtische Mythen.
18:32Da denke ich auch gleich so an.
18:34Es gab Zeiten, da wurden Hexen verbrannt.
18:37Also hier begeben wir uns ja noch mal
18:39in eine ganz andere Seinsebene,
18:40die ich sehr spannend finde,
18:42aber auch gefährlich.
18:44Denn wenn man daran glaubt,
18:47dann glaubt man,
18:48mit überirdischen Mitteln die Realität verändern zu können,
18:51mit schwarzer oder weißer Magie.
18:53Und dann muss man sich auch ernsthaft damit beschäftigen.
18:55Du weißt da viel mehr drüber als ich.
18:57Weil mir ist das alles fremd.
18:59Also Dinge, die ich nicht sehen kann,
19:01interessieren mich eigentlich nicht.
19:03Aber ich bin dann trotzdem fasziniert davon.
19:06Ja, das glaube ich dir nicht.
19:08Es ist ja, da beginnt ja das Spannende,
19:09das Unterbewusste.
19:10Was treibt uns unbewusst?
19:13Also es ist auf jeden Fall irgendwas Kultisches,
19:16was da passiert.
19:16Es wirkt wie ein alchemistisches Studio.
19:19So eine Hexenküche.
19:21Also das heißt,
19:22vielleicht hat die Malerin daran geglaubt,
19:25dass man mit bestimmten Mitteln,
19:28die vielleicht gar nicht sichtbar sind,
19:30wie du es nennst,
19:32die Welt beeinflussen kann.
19:33Oder es hat sie zumindest interessiert.
19:46Dieses Bild ist von Dorothea Tanning,
19:48der letzten großen Liebe von Max Ernst.
19:50Ich finde dieses Bild total verstörend.
19:54Dieses Bild ruft zum ersten Mal,
19:55seit wir uns heute hier aufhalten,
19:57einen richtig großen inneren Widerstand in mir auf.
20:00Seit meinem Film Operation Zucker,
20:02wo es um Kinderhandel und Kinderprostitution ging,
20:06habe ich dieses Thema nie wirklich für mich klären können,
20:09wie weit der Umgang unserer Gesellschaft mit Themen ist,
20:12die eigentlich nicht aussprechbar sind.
20:14Und dieses Bild erinnert mich an dieses Filmprojekt
20:17und weckt Erinnerungen wach und löst diese Assoziation bei mir aus.
20:22Ich sage ja nicht, dass sie das so erlebt hat.
20:24Aber was stellt ihr Unterbewusstsein in diesem Bild dar?
20:29Warum diese Symboliken?
20:31Also ich meine, nach Ihrer Interpretation oder nach der offiziellen
20:35sind das zwei Geister, diese Verhüllten.
20:39Und es ist so ein Traumbild, ein Albtraum.
20:41Für mich sind es nicht nur Geister, für mich sind es Vollstrecker.
20:45Warum fehlt der Puppe in den Arm?
20:46Und warum wirkt dieses Bild auf uns beide so beklemmend?
20:49Was immer sie uns sagen will,
20:51ich finde, es ist weit von der Blumenwiese von Monet entfernt.
20:55Sehr weit.
20:55Welcher Schrei wird nicht gehört
20:57oder welcher Albtraum wird einfach nur nicht verarbeitet.
21:01Also ein Bild, was Energie kostet.
21:04Und ja, finde ich,
21:06es ist zum ersten Mal, dass ich wirklich K.O. bin jetzt.
21:15Also nach diesem beklemmenden Bild
21:17haben wir beide das Bedürfnis gehabt,
21:20nochmal bei den Impressionisten zu tanken.
21:22Und du wolltest gerne in diesen Raum hier.
21:24Warum hierher?
21:25Ich hatte vorhin von Sisley diese Dächer gesehen
21:28und wollte dir eigentlich erzählen,
21:31dass ich oft nach dem Dreh
21:32den Blick über die Dächer liebe
21:33und den Gedanken, es ist alles irgendwie größer.
21:37Komm wieder in die Größe,
21:38komm aus der Dunkelkammer des menschlichen Seins raus.
21:41Guck auf die Dächer,
21:42auf die Zeitlosigkeit der Dächer,
21:44weiß, dass es mich irgendwann dort nicht mehr geben wird.
21:46Und komm wieder in eine Art Frieden.
21:49Ich erwarte,
21:51dass Kunst meine Lebensgeister weckt.
21:54Und dafür danke ich dir.
21:55Ich danke dir,
21:56dass du mit uns hier durchgegangen bist.
22:01Und jetzt gibt es einen richtigen Stilbruch.
22:05Wir verlassen das Museum Barberini
22:06und stehen vor dem Minsk.
22:09Wir warten auf uns Kaffee, Kuchen und Kunst.
22:14Viele Potsdamer können es kaum glauben,
22:17dass ihr Minsk wieder da ist.
22:19Zu DDR-Zeiten war es ein beliebter Treffpunkt.
22:22Nach der Wende verfiel das Restaurant immer mehr.
22:26Jetzt ist es auch ein Ort für die Kunst der DDR.
22:30Wie das Museum Barberini,
22:32ermöglicht von der Hasso-Plattner-Stiftung.
22:36Oben ist wieder ein Café wie früher.
22:38Aber was ist denn insgesamt
22:39von dem alten Restaurant und Café Minsk erhalten hier?
22:42Es ist natürlich die Silhouette draußen,
22:45also die Form des Hauses,
22:46diese Grundform der Architektur,
22:48die ist erhalten.
22:49Die Wendeltreppe wurde hergestellt
22:51an der Stelle, in der sie immer war.
22:53Die Bar ist an derselben Stelle
22:55und mit einer ähnlichen Form.
22:56Aber alles auch ins Zeitgenössische gebracht.
22:59Und die Funktion musste natürlich beachtet werden.
23:01Wir sind ein Ausstellungshaus.
23:02Und da gibt es Anforderungen,
23:03die die Kunst stellt.
23:06Es gibt ja eine Trennung von innen und außen,
23:08sondern es ist so,
23:09alles geht ineinander über.
23:11Und es ist ein sehr offenes Haus.
23:13Der Name Minsk ist für die Potsdamerinnen und Potsdamer
23:17sicherlich eine schöne Erinnerung.
23:18Aber es ist die Hauptstadt von Belarus.
23:20Das ist nicht unbedingt positiv konnotiert.
23:24Warum Minsk?
23:25Und das Ganze riecht ja dann doch ein bisschen nach Ostalgie,
23:28was Sie hier machen.
23:29Mit dem Namen ist es so,
23:30das war eine bewusste Entscheidung,
23:32diesen Namen,
23:32den historischen Namen auch zu erhalten.
23:36Wir können nicht nur Städte beurteilen,
23:39nach dem, was hier und jetzt passiert.
23:41Eine Stadt hat eine Vergangenheit und auch eine Zukunft.
23:44Und es leben viele, viele Menschen dort.
23:47Und es lebt auch ein Widerstand dort.
23:49Und es gibt viele kritische KünstlerInnen,
23:50auch in Minsk.
23:51Ich glaube, was man ernst nehmen muss bei der Ostalgie,
23:55ist letztendlich das Bedürfnis, was dahinter steckt.
23:59Wo bleiben die eigenen Erinnerungen,
24:01die eigene Kunst,
24:03die eigene Literatur,
24:04die eigene Musik?
24:05Das macht Identität aus am Ende des Tages.
24:08Wichtig ist, nicht zu verharmlosen,
24:10nicht zu verklären.
24:11Aber durch eine ernste Auseinandersetzung
24:14ist das eigentlich ausgeschlossen.
24:18Hasso Plattner sammelt neben den Impressionisten
24:21auch Kunst der DDR.
24:23Einer der bekanntesten Maler und Bildhauer
24:26ist Wolfgang Matheuer.
24:30Was auffällt,
24:31dass Sie mit Wolfgang Matheuer
24:33ja hier auch lauter Landschaftsbilder zeigen
24:35und auch Gartenbilder.
24:36Aber die erzählen uns ganz was anderes
24:38als die Impressionisten, oder?
24:40Ja, so ist es.
24:41Also Wolfgang Matheuer hat sehr oft
24:43seinen Garten gemalt,
24:45genauso wie Monet.
24:47Das, was er malt,
24:48ist das, was er sieht.
24:49Wirklich die Realität.
24:50Das ist das, was ihn so modern macht.
24:52Weil er hat wirklich Leipzig
24:53und Umgebung festgehalten.
24:55Und zwar sein Garten,
24:57aber auch die weite Landschaft, die Natur.
25:00Tief in der Romantik drin
25:01mit solchen Bildern hier.
25:03Ja, ja, ja.
25:04Also er nimmt ja auch Bezug
25:05auf Kaspar David Friedrich.
25:07Und in diesem Gemälde
25:09ist besonders auffällig,
25:10dass er aber damit auch bricht.
25:13Weil, wenn wir genau zuschauen,
25:15leuchten diese Autoscheinwerfer
25:18eigentlich heller als der Mond.
25:21Und hier immer wieder zu sehen
25:22ist die Nähe von Natur und Industrie
25:24und die Zerstörung der Natur
25:25durch die Industrie.
25:28Wenn man genau hinguckt,
25:29sieht man,
25:29da ist ein kleiner Mensch
25:30in diesem Bild.
25:32Das heißt, man sieht,
25:34wie verheerend
25:35der Braunkohletagebau war.
25:37Aber das war ja eigentlich
25:39kein Thema in der DDR.
25:40Das heißt, er hat sich damit
25:42ja ziemlich aus dem Fenster gelehnt.
25:44Ja, richtig.
25:45Aber immer subtil.
25:46Also man sieht es ja auch
25:48in dem Titel
25:48Oh, Kaspar David.
25:50Also Oh.
25:51Also es ist eigentlich auch
25:52ein Staunen
25:55über das,
25:56was gerade mit der Natur passiert.
25:59Ich glaube,
26:00dieses Subtile
26:01und dieses Poetische
26:03in seinem Werk,
26:04das hat ihn auch ermöglicht,
26:06all diese Ambivalenzen
26:08und Subtile Kritik
26:10reinzubringen
26:11in den offiziellen Ausstellungen.
26:14Matthäuer gehörte ja
26:15zu den großen Vier,
26:17zu den vier DDR-Staatskünstlern
26:19neben Sitte, Heisig und Tübke.
26:21Wie angepasst war er dann letztlich?
26:24Also er war sicher
26:24ein Staatskünstler.
26:26Er hatte Privilegien.
26:27Er konnte reisen.
26:29Er durfte ausstellen.
26:31Er konnte unterrichten.
26:32Wie er sich unterscheidet,
26:34er malt sehr modern.
26:36Es ist immer die Gegenwart,
26:38seine Gegenwart.
26:39Und wie er malt,
26:41es ist in der Tradition
26:41von Max Beckmann.
26:42Aber wie viel Staatskritik
26:44ist jetzt zum Beispiel
26:45in diesem Bild?
26:46Der Icarus ist natürlich
26:48also eine Verkörperung
26:49von Sehnsucht nach Freiheit
26:51in jedem Fall
26:52und nach Fortschritt auch.
26:55Der Icarus will fliegen
26:56und will sehr hoch fliegen.
26:58Aber zugleich ist es auch
27:00eine Verkörperung von Hybris
27:01und Scheitern und Zerstörung.
27:04Und die Figur ist ambivalent
27:06durch und durch.
27:08Die Figur kann nicht nur
27:09die Sehnsucht verkörpern.
27:11Sie ist viel, viel mehr.
27:14Die DDR-Kunst hat es ja bis heute schwer.
27:17Steckt meistens in den Depots.
27:18Im Westen sagt man,
27:19das war alles angepasst.
27:21Und was Neues haben die
27:23eigentlich auch nicht geschaffen.
27:25Wollen Sie jetzt die DDR-Kunst
27:27hier rehabilitieren?
27:29Ich finde, sie braucht nicht in dem Sinne
27:31eine Rehabilitierung.
27:33Das Wichtige ist eine Auseinandersetzung damit.
27:35Und die Auseinandersetzung soll
27:36immer darauf bauen,
27:38auf Lebenserfahrungen,
27:40auf die ambivalenten Lebenserfahrungen,
27:42auf die vielen Entscheidungen
27:44und Verständnis mitzubringen
27:45und nicht nur zu verurteilen.
27:48Wenn wir nur verurteilen,
27:49dann beschäftigen wir uns gar nicht damit.
27:51Und deswegen ist es so wichtig,
27:53eigentlich sie zu zeigen,
27:54um diese Zeit besser zu verstehen,
27:56aber auch unseren jetzigen Moment
27:57besser zu verstehen.
27:59Denn wir können eigentlich
28:00deutsch-deutsche Geschichte nicht verstehen,
28:02wenn wir uns nicht damit beschäftigen.
28:03Und die Kunst ist ein wunderbarer Anlass.
28:11Im Minsk begegnen wir unserer eigenen Geschichte.
28:14Mit Bildern, die wir im Kopf haben
28:16und denen, die Künstler gemacht haben.
28:18Und wir sollen genau darüber miteinander reden.
28:21Gut so.
28:23Und die Architektur kann sich wirklich sehen lassen.
28:26Ein schöner Kontrast in einer Stadt,
28:28die an allen Ecken Preußens Glanz
28:30und Gloria wieder auferstehen lässt.
28:33Im Museum Barberini
28:34verhindert die penible Rekonstruktion
28:36allerdings großzügige Saalfolgen,
28:39was einen immer wieder aus dem Kunstgenuss reißt
28:41und zur Verwirrung in den Treppenhäusern führt.
28:45Ansonsten ist das Museum Barberini
28:47natürlich völlig zu Recht so enorm beliebt.
28:49Dank der über 100 Impressionisten,
28:51die wir ohne den großzügigen Stifter
28:54niemals zu sehen bekommen würden.
28:56Wegen der herausragenden Sonderausstellungen
28:58und der zeitgemäßen Kunstvermittlungen
29:00auf Augenhöhe.
29:04Diese beiden Museen sind ein sehr guter Grund,
29:07Potsdam sogar im tristen deutschen Winter zu besuchen.
29:10Bis zum nächsten Mal.
29:11Tschüss.
29:26Untertitelung im Auftrag des ZDF, 2020
29:28Untertitelung im Auftrag des ZDF, 2020
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