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00:02It is one of the five great religions and still is the Judaism of the most quite fremd.
00:12Our history is always with the success of many millions of Jews and Jews.
00:22When you see pictures of how modern and how modern they were, then you feel how crazy this Unrecht was
00:32that happened.
00:38How good that there are places that invite us to build bridges and each other better to learn.
00:46Schön, dass du da bist.
00:54Herzlich willkommen in Frankfurt, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer.
00:57Heute wollen wir Sie mitnehmen ins rund erneuerte Jüdische Museum.
01:021988 war es das erste seiner Art in Deutschland, hier in diesem wunderschönen Stadtpalais am Main.
01:082020 ist dann der hochgelobte Erweiterungsbau dazugekommen, der leider nur elf Tage geöffnet war.
01:15Dann kam der Lockdown.
01:18Vielleicht sind Sie ja genauso gespannt wie ich auf dieses neue Jüdische Museum.
01:22In einer Zeit, die nicht nur von der Pandemie geprägt ist, sondern auch von Antisemitismus und Rassismus.
01:41Das Jüdische Museum hier ist wirklich was Besonderes, weil es ganz nah dran ist an der 800 Jahre alten Geschichte
01:47des Judentums in Frankfurt.
01:49An Originalschauplätzen wie diesem Stadtpalais, das im 19. Jahrhundert der Bagiersfamilie Rothschild gehört hat.
01:55Und an einer Gedenkstätte, die an eines der ersten jüdischen Ghettos in Europa erinnert, der Frankfurter Judengasse.
02:02All das wollen wir uns heute anschauen.
02:05Zusammen mit einer Frau, die dafür streitet, dass nicht nur die jüdische Geschichte erinnert wird, sondern auch das jüdische Leben
02:11hier und heute sichtbar wird.
02:15Bekannt wurde Marina Weisband als schillernde Gallionsfigur der Piratenpartei.
02:22Heute setzt sich die Publizistin für die Chancengleichheit von Kindern ein.
02:27Sie selbst kam als Sechsjährige mit ihren Eltern aus Kiew in der Ukraine nach Deutschland.
02:34Ihre tiefe Verbundenheit mit dem Judentum fand sie erst später.
02:45Es fängt ja schon sehr interessant an, finde ich, mit diesen zwei Bäumen vom Künstler Ariel Schlesinger.
02:52Mit den Wurzeln da in der Luft. Was assoziieren Sie dabei?
02:57Das spricht zu mir sehr stark. Es ist tatsächlich dieses Gefühl von Entwurzelung, aber auch von aufgefangen werden mit den
03:05Ästen.
03:07Wie Wurzeln in den Himmel. Und das ist ein bisschen meine Lebensgeschichte.
03:15Meinen Sie, das trifft das Gefühl von ganz, ganz vielen Jüdinnen und Juden, die gerade vielleicht hier in Deutschland leben?
03:21Ich glaube ja. Weil dieses Erleben von Entwurzelung, von Wiederverwurzelung, von sich gegenseitig auffangen, obwohl man selbst über dem Boden
03:32schwebt,
03:33das ist eine Erfahrung, die wir aus unserer Biografie fast alle teilen.
03:50Wir gehören zu den Ersten, die nach dem Lockdown wieder ins Museum dürfen. Kurz darauf ist es schon wieder geschlossen.
03:57Hallo. Da merkt man, dass es nicht irgendein Museum ist, denn die Sicherheitskontrollen sind leider wie am Flughafen.
04:13Das ist eine schöne Idee, dass diese Fächer hier nach Frankfurter Jüdinnen und Juden benannt sind.
04:18Ich finde es sehr cool. Und man hat hier sofort die Biografie.
04:25Denn in diesem Museum geht es vor allem um Menschen und ihre Geschichten.
04:31Jüdinnen und Juden, die Frankfurt mitgeprägt haben, vom 19. Jahrhundert bis heute.
04:41Das sind einige von über 7000 Jüdinnen und Juden, die in Frankfurt leben.
04:47Das ist ja eine der größten jüdischen Gemeinden in Deutschland und die begrüßen einen hier. Das finde ich sehr nett.
04:52Ich finde es super, dass man Menschen mit normalen Gesichtern sieht.
04:57Weil immer wenn über jüdisches Leben in Zeitungen illustriert wird, dann ist es immer ein Hinterkopf mit einer Kippa.
05:03Was einfach nicht das ist, wie jüdisches Leben aussieht, sondern es sieht eher so aus.
05:09Schön.
05:10Aber Sie sprechen ja auch von der Unsichtbarkeit des jüdischen Lebens in Deutschland, obwohl wir jetzt 1700 Jahre jüdische Geschichte
05:19hier feiern.
05:20Warum ist das so? Muss man sich verstecken oder sind es einfach zu wenige? Es gibt ja nur noch 95
05:25.000 in Deutschland, Tendenzfallen.
05:27Wir sind wenige und die, die da sind, können nicht so gut öffentliche Veranstaltungen machen ohne ein entsprechendes Sicherheitskonzept.
05:35Und das macht Zufallsbegegnungen unmöglich. Wir sehen zwar die Synagogen in den Städten, wo welche sind, aber schon reinzukommen, mal
05:45eben reinzugucken, geht halt nicht.
05:47Wie ist es bei Ihnen, wenn Sie nicht als Marina Weisband erkannt werden als die öffentliche Figur und wenn Sie
05:52dann sagen, dass Sie Jüdin sind? Wie reagieren die Menschen?
05:55Wenn ich privat sage, dass ich Jüdin bin, manchmal mit einer Mischung aus Betroffenheit und Mitleid, so, oh, wow, du
06:04bist die erste Jüdin, die ich treffe.
06:07Unterton, stark von dir, dass du hier bist. Und in der Öffentlichkeit ist es natürlich so, dass wenn ich öffentlich
06:15als Politikerin sage, ich bin Jüdin, dass ich dann den Antisemitismus bekomme.
06:31Hier in diesem Raum sind wir Anfang des 20. Jahrhunderts. Da ist ja unheimlich viel passiert und Jüdinnen und Juden
06:37haben auch hier in Frankfurt viel zu diesem gesellschaftlichen Wandel beigetragen.
06:42Aber natürlich wurden sie nach wie vor auch angefeindet und ausgegrenzt. Aber ich frage mich immer, warum eigentlich?
06:48Antisemitismus ist nicht rational. Ja, Menschen benutzen ihn, um politische Ziele zu erreichen. Es ist eine Frage von Macht.
06:57Und Juden sind einfach ein willkommenes Opfer, weil sie eine Minderheit sind und weil sie nicht in der Position sind,
07:04sich dagegen zu wehren.
07:07Und diejenigen, die an Verschwörungserzählungen glauben über Juden, haben ein Problem, nämlich sie fühlen, dass sie keine Kontrolle über ihr
07:15Leben haben.
07:16Und das ist ein Gefühl, das ich gut nachvollziehen kann in einer globalisierten Welt, wo ich irgendwie gezwungen bin, zu
07:23einer Arbeit zu gehen, die ich vielleicht gar nicht machen möchte.
07:25Ich fühle mich ohnmächtig. Und diese Menschen können diese Komplexität nicht aushalten und denken, wenn ich keine Kontrolle über mein
07:34Leben habe, irgendjemand muss sie ja haben.
07:37Und sagen dann, die Juden sind's.
07:51Ich mag dieses Bild hier. Das ist ein völlig modernes Bild, oder?
07:56Sie könnten das auf Ihrem Instagram gepostet haben.
08:00Das ist Cecilie Breckheimer, geborene Sigalowitsch. Ist in Auschwitz ermordet worden, war Sozialistin, hat bei ihrer politischen Arbeit ihren nichtjüdischen
08:12Ehemann kennengelernt.
08:13Wie finden Sie das, dass hier so viele Gesichter, viele Biografien, Geschichten von Menschen sind, dass es über die erzählt
08:22wird, was passiert ist?
08:23Ich habe sie in der Schule als Zahlen gelernt. Und ich finde es immer schön, das hat angefangen bei den
08:28Schließfächern,
08:29dass es da keine Zahlen gab, sondern Menschen. Und ich glaube, die Gesichter sind das Wichtigste.
08:34Was ich hier ganz toll finde in diesem Raum, ist, dass das immer mit ganz bestimmten Daten verbunden ist.
08:40Und das sind alles Verordnungen, die im Nationalsozialismus getroffen wurden von an Beginn an, von 1933 an.
08:48Und es wird dann immer Menschen zugeordnet, die von dieser Verordnung ganz massiv betroffen waren.
08:54Juden, die in der Öffentlichkeit den Judenstern tragen müssen, dürfen von nichtjüdischen Friseuren nicht bedient werden.
09:01Wann war das?
09:02Das war 42, im Mai 42.
09:06Wir erleben während Corona gerade sehr viele Einschränkungen.
09:09Und wir nehmen das als Kränkung fast schon.
09:13Ja.
09:14Aber diese Einschränkungen dienen unserer Gesundheit und betreffen uns alle.
09:18Wie wäre es, wenn sie vollkommen willkürlich wären und nur mich betreffen aufgrund dessen, wie ich geboren bin?
09:36Und auch hier werden Lebensgeschichten erzählt mit ganz vielen Erinnerungsstücken in jeder Vitrine von einem Leben.
09:44Und dann dazu haben wir diese wunderbaren Bücher, in denen aber digital erzählt wird, mit schönen Filmen.
09:51Das ist auch sehr eindrücklich.
09:52Die sind wunderschön animiert, gerade wenn man wenig Zeit hat, sind das wirklich wunderschön gemachte Biografien.
09:59Aber natürlich spielt überall die Shoah, der Holocaust in all diesen Geschichten eine ganz große Rolle.
10:06Nur will das Museum ja eigentlich ausdrücklich kein Holocaust-Museum sein.
10:10Wir können nicht über das 20. Jahrhundert berichten, ohne dass dieses Kapitel in jeder einzelnen dieser Biografien die entscheidende Rolle
10:20gespielt hat.
10:22Manchmal hat man Angst, sich mit dem Judentum auseinanderzusetzen, weil man sich gleichzeitig mit der Shoah auseinandersetzen muss.
10:29Und das meidet man, weil das ein schwieriges Thema ist und weil viele Deutsche sich unterschwellig schuldig fühlen.
10:37Aber es geht nicht um Schuld, es geht um Verantwortung.
10:41Es gab davor all diese wunderbaren Dinge, die geschaffen wurden.
10:44Dieses sehr persönliche Abschiedsalbum, das Jakob Nussbaum ihr geschenkt bekommen hat.
10:51Und die Musik, die Bilder, die gefertigt wurden.
10:55Und dann kam der harte Bruch.
10:58Und danach spross wieder junges Leben.
11:01Und diese Geschichte, sich zu erzählen, sollte nicht mit Schuld beladen sein.
11:05Und man sollte sie sich aber erzählen.
11:23Sie sind ja das erste richtige Museum in Deutschland gewesen, als jüdisches Museum hier.
11:301988. Warum hat das so lange gedauert in Deutschland, dass man ein jüdisches Museum wieder errichtet hat?
11:37Ich denke, es ist eine der großen Illusionen der Geschichtsschreibung, dass man denkt, es gab die Stunde Null.
11:43Es gab die Stunde Null nicht.
11:45Die Nationalsozialisten haben nicht von einem Moment auf den anderen, sind sie nicht verschwunden.
11:52Und dementsprechend das Bewusstsein über die Bedeutung von jüdischer Geschichte und Kultur, also die Bedeutung der Kultur derer, die man
11:58ermordet hatte.
11:59Es hat enorm lange gedauert, bis dieses Bewusstsein da war.
12:03Es wurde eine Zeit lang bewusst verdrängt und verschwiegen.
12:06Und deswegen brauchte es diese lange Zeit, eine andere Generation, einen Blick von Immigranten, einen politischen Druck,
12:14bis hier wieder ein jüdisches Museum errichtet werden konnte.
12:19Sie haben aber auch überall immer wieder Kunstwerke, wie hier diese Fotoarbeit zum Beispiel.
12:24Also es soll miteinander korrespondieren, oder?
12:27Ja.
12:27Es ist uns ganz wichtig, verschiedene Formen der Erzählungen zu finden.
12:31Ästhetische Formen hier, Interviews, Objekte zum Sprechen zu bringen.
12:36Und mit Kunst kommt natürlich immer noch mal eine andere Ebene der Reflexion rein, auch eine sehr persönliche.
12:43In dem Fall handelt es sich um die Arbeit von Peter Löwy, Jüdisches.
12:47Er ist in jüdische Haushalte in Frankfurt gegangen und hat quasi die Ecken fotografiert, wo sich sowas wie jüdisches Selbstverständnis
12:55zum Ausdruck kommt.
13:091985 gab es diesen Theaterskandal um das Stück von Rainer Werner Fassbinder, Der Müll, die Stadt und der Tod.
13:16Warum hat das Stück überhaupt so provoziert? Was wurde da erzählt?
13:19Das war ein Stück, was sich bezog auf den sogenannten Häuserkampf in den 70er Jahren im Westend.
13:26Viele der Häuser waren im Besitz von Jüdinnen und Juden, von Überlebenden.
13:32Und das Stück thematisiert diesen Konflikt mit einer Figur, die als jüdischer Spekulant vorgeführt wird
13:41und die antisemitische Vorstellungen bedient von dem reichen, raffgierigen Juden.
13:49Waren die Frankfurter Juden widerständiger? Waren die aktiver als andere vielleicht?
13:57Haben die sich eher getraut? Und das war ja so der erste große Widerstand gegen was Antisemitisches.
14:02Ich würde sagen, das war das erste Mal, dass Jüdinnen und Juden in der Bundesrepublik Deutschland öffentlich geworden sind,
14:09als Jüdinnen und Juden und ein Stoppschild aufgestellt haben.
14:13Und das ist ein sehr bemerkenswerter Akt zivilen Ungehorsams von Holocaust-Überlebenden,
14:18die zum Teil sich mit gefälschten Eintrittskarten Zugang verschafft haben zu Uraufführungen eben dieses Stücks
14:26und dann auf die Bühne gegangen sind, um diese Aufführung zu verhindern, um dieses Statement öffentlich zu machen.
14:32Wir sind hier, wir fordern Respekt ein und wollen nicht mehr konfrontiert werden mit diesen antisemitischen Zerrbildern.
14:43Zwei Jahre nach dem Theaterskandal muss wieder hart gekämpft werden gegen Ignoranz und Geschichtsvergessenheit.
14:531987 kommen bei Bauarbeiten neben dem alten jüdischen Friedhof die Grundmauern der ehemaligen Judengasse ans Tageslicht.
15:02Hier war früher der Stadtrand von Frankfurt und genau hier war ab 1462 eines der ersten jüdischen Ghettos Europas.
15:10Und an der Mauer des alten jüdischen Friedhofs wird an die 12.000 Frankfurter Jüdinnen und Juden erinnert,
15:16die in den Konzentrationslagern der Deutschen ermordet wurden.
15:20Und jeder Stein auf einem Namen bedeutet, dass dieser Mensch niemals vergessen wird.
15:27Das Museum Judengasse entsteht nach heftigen Protesten unter einem Gebäude der Stadtwerke.
15:34Die Stadt hätte die Ausgrabungen am liebsten sofort wieder zugeschüttet und vergessen.
15:42Wir sind jetzt hier unter dem Bürogebäude der Stadtwerke und über einer Tiefgarage.
15:47Und das sind trotzdem hier die Original-Gemäuer der Judengasse?
15:51Richtig. Also es sind die Kellerfundamente. Das muss man sich immer im Hinterkopf behalten.
15:57Deswegen ist es auch so, dass die Besucherinnen und Besucher, wenn man in diese Ausgrabung geht, Treppen runter geht, weil
16:03das tatsächlich auch so gewesen ist.
16:05Wie wichtig ist das für die Erinnerungsarbeit, für das Bewusstsein, was hier alles mal an jüdischem Leben war, dass das
16:13erhalten geblieben ist?
16:15Also gerade für die Zeitgenossen damals in den 80er Jahren wurde dadurch nochmal wichtig, dass Frankfurt eine stolze jüdische Geschichte
16:25hat,
16:26die bis weit ins Mittelalter zurückreicht. Und das war einfach über lange Zeit vergessen.
16:31Wir sagen in unserem Einführungsfilm, es war eine Stadt in der Stadt. Das heißt, man hatte eine eigene Form, sich
16:36zu koordinieren und auch zu strukturieren.
16:38Wir wissen zum Teil, wer hier gewohnt hat, was sie an Berufen ausgelebt haben.
16:43Jüdisches Leben ist nicht einfach in sich irgendwo ein geschlossenes Leben, sondern es ist natürlich ein Gemeindeleben wie jedes andere
16:48auch.
16:58Wir stehen hier in zwei Nachbarhäusern. Das heißt, es war ganz schön eng in diesen Häusern, oder?
17:05Ja, diese Häuser sind tatsächlich der Stand nach 1711. Da gab es einen sehr großen Brand in der Judengasse.
17:12Das heißt, eigentlich ist die ganze Häuserzeile abgebrannt und man musste also danach wieder neu aufbauen.
17:17Und das hat man dazu genutzt, die Häuser auch ein bisschen neu zu strukturieren.
17:22Die Bevölkerungszahl war explodiert. Von den ursprünglich 22 Familien, so mit 150 Personen, war man auf einmal bis zu 3000
17:31Personen angewachsen.
17:32In dieser kleinen Gasse. Warum wurden die Juden überhaupt ghettoisiert 1462? Was war das Motiv dahinter?
17:42Argumentiert wurde das auch mit religiösen Gründen. Die Juden seien Christusmörder gewesen.
17:46Und das könnte man keinem Christenmenschen zumuten, permanent mit einem Juden zusammenzuleben.
17:52Viele Städte haben also dann ihre Gemeinden vertrieben.
17:56Die Frankfurter haben sich das etwas anders überlegt und gesagt, naja, wir möchten sie auch nicht mehr in unserer Mitte
18:01wohnen haben.
18:02Sie wohnten direkt um den Dom herum. Man wollte aber auch nicht auf die Abgaben verzichten, die die jüdische Gemeinde
18:07leisten musste.
18:08Also hieß es gut, ein paar von euch können bleiben. Sie müssen halt dann an die Stadtmauer ziehen, in eine
18:13Gasse, die vorbereitet wurde.
18:15Und das haben dann Teile der Gemeinde eben auch gemacht.
18:30Wir sind zurück im Jüdischen Museum, denn hier geht die Geschichte nach dem Ende des Ghettos weiter.
18:37Ab dem 19. Jahrhundert erlebt das Judentum in Deutschland eine Blütezeit.
18:42Die Bankiersfamilie Rothschild schafft den Aufstieg aus der Judengasse in das mondäne Stadtpalais am Main.
18:55Der Künstler Daniel Moritz Oppenheim malt das neue, selbstbewusste jüdische Bürgertum,
19:02das so sein will wie die anderen und seiner Tradition trotzdem treu bleiben möchte.
19:16Wie wichtig ist denn der Glaube? Wie wichtig sind solche Ritualgegenstände für das Judentum?
19:23Zentral, weil Judentum ist in erster Linie die Religion.
19:28Und die Aufgabe von Juden ist in erster Linie die Tradierung dieser Rituale und der Gesetze von einer Generation in
19:34die nächste.
19:35Es ist seit 5000 Jahren festgeschrieben und jüdische Regeln sind so, dass sie den Alltag durchdringen.
19:43Das heißt, bei jeder Handlung, die Reihenfolge, in der man sich die Schuhe zubindet, ist religiös vorgeschrieben.
19:48Warum? Damit wir immer an Gott denken, damit wir immer diesen Halt fühlen.
19:55Sie haben gerade gesagt, wie wichtig diese Rituale auch sind. Wie sehr praktizieren Sie die?
20:00Ich komme aus einer atheistischen Familie, wie die meisten Sowjetjuden.
20:06Man hat uns Religion ja sehr stark ausgetrieben und meine Eltern waren laut Pass Juden, aber haben es nicht praktiziert.
20:17Und ich bin ohne Traditionen aufgewachsen. Also wir haben das neue Jahr gefeiert und sonst wenig.
20:22Zum jüdischen Glauben bin ich wieder selbst gekommen. Da war ich schon praktisch erwachsen.
20:28Aber ich vermisse dieses Aufwachsen mit Ritualen. Ich hätte es gerne gehabt.
20:32Und ich beneide Menschen, die das alles seit ihrer Kindheit mit der Muttermilch aufgenommen haben.
20:42Familiengeschichten erzählen viel über das gelebte Judentum und über ganz persönliche Schicksale.
20:52Wie berührt Sie das, dass hier das Kinderstühlchen steht, in dem Anne Frank gesessen ist und die Oma hat ihr
20:58vorgelesen?
20:59Man kann sich so einfühlen. Ich bin selber mit Büchern aufgewachsen und alles, was diese menschlichen, sehr, sehr menschlichen Verbindungen
21:07macht,
21:07dieses Nicht-Schwarz-Weiß-Fotos, sondern hier ist ein echter realer Gegenstand, auf den mein echtes, reales Kind sich über
21:14Bücher gefreut hat.
21:15Und diese Dinge sind wichtig fürs Erinnern.
21:18Haben Sie gewusst, dass die Familie von Anne Frank aus Frankfurt stammt?
21:22Dass hier 200 Jahre Frankfurter Familiengeschichte der Franks gezeigt wird?
21:26Dass es 200 Jahre waren, wusste ich nicht.
21:29Und es ist aber faszinierend zu sehen, diese Opern, Handschuhe, die getragen sind offensichtlich, diese Bibliothek.
21:37Auch die Fotos von Anne Franks Familie selbst mit so viel Liebe, mit so viel Alltag durchtränkt sind.
21:45Aber ich finde das viel, viel Wichtigere, was auch das Tagebuch von Anne ist, ist es dieser Kulturschatz, den sie
21:53mitträgt und wo sie sagt, das ist, woran ich mich festhalte.
21:57Ist das vielleicht auch der Grund, warum sie so eine Ikone geworden ist?
22:01Ich glaube ja, ich glaube, sie erzählt die Geschichte dessen, was hoffen lässt, was menschlich macht, was glücklich macht, trotz
22:12Unglück.
22:21Da gibt es ganz viele Bilder aus der Familie und Geschichten werden da erzählt.
22:29Karneval.
22:30Also eben auch die schönen Seiten des Lebens.
22:34Wie finden Sie denn die Mischung hier in diesem Museum, überhaupt, wie das ganze Haus hier gemacht ist?
22:39Ich finde das fantastisch.
22:40Ich liebe Gegenständliches und Stoffliches und die Dinge, die man anfassen kann.
22:45Und gleichzeitig liebe ich neue Erzählformen zu suchen, zu gucken, was können wir jetzt machen, was früher nicht möglich war.
22:51Hier geht es um echte Menschen, echte Schicksale und auf welche Weise sie diese Stadt gemacht, gebaut, geprägt haben.
22:59Und ab hier können wir weitergehen und gucken, wie prägen wir diese Stadt, wie prägen wir unsere Gesellschaft.
23:07Wie würde dann für Sie eine Gesellschaft aussehen, wo Sie sagen, da bin ich wirklich zu Hause?
23:13Eines Tages wird es egal sein, ob ich Jüdin bin oder nicht.
23:17Heute ist nicht dieser Tag.
23:19Eines Tages können wir homosexuell sein und nicht binär und schwarz und chronisch krank.
23:28Und wir werden selbstverständliche Teile dieser Gesellschaft sein.
23:34So wünsche ich mir Gesellschaft.
23:38Und vielleicht wird es in so einer Gesellschaft auch wieder Göttinnen geben.
23:45Eine sehenswerte Sonderausstellung ist auf der Suche nach der weiblichen Seite Gottes.
23:52Sie zeigen ja hier sehr anschaulich, dass in der Antike und erst recht davor Göttinnen absolut gleichberechtigt waren oder vielleicht
23:59sogar wichtiger waren als Götter.
24:01Ja, genau. Wir gehen in der Ausstellung aus von den frühen, antiken Göttinnen, Figurinen, die alle gefunden wurden im geografischen
24:12Bereich des heutigen Israels,
24:14um zu zeigen, dass es Göttinnen gab, Fruchtbarkeitsgöttinnen zum Beispiel.
24:19Und diese Göttinnen verschwinden plötzlich im fünften Jahrhundert und weichen dem einzigen Gott, dem gehuldigt wird.
24:29Aber trotzdem gibt es eine weibliche Seite des Gottes.
24:46Sie zeigen dann ja aber auch sehr viel Kunst der letzten Jahrzehnte, viel moderne Kunst.
24:52Ich muss da immer an den schönen Satz denken, als Gott den Mann schuf, übte sie bloß.
24:57Es wird ja wiederentdeckt, das göttliche, weibliche.
25:01Ja, das hat ja schon gerade in den 60er, 70er Jahren begonnen, dass feministische Künstlerinnen sich mit dem Thema dieser
25:10Schöpfungsgeschichte auseinandergesetzt haben.
25:12Und das sind dann so Künstlerinnen wie Kiki Smith, die amerikanische Künstlerin Kiki Smith, von der wir hier auch ein
25:16Werk zeigen,
25:18die diese Schlangenfrau aus einem mittelalterlichen Werk an der Sündenfalldarstellung aufgreift,
25:23und diese Schlangenfrau ja überdimensional nochmal doppelt und diese schlangenartige Frau als ein Wesen, ein starkes Wesen eigentlich darstellt.
25:39Was soll ich denn von dieser Ausstellung mitnehmen, gerade als Mann?
25:43Ja, als Mann können Sie auf jeden Fall mitnehmen, dass Sie Ihre Ideen oder Ihre Vorstellungen ändern können.
25:49Dass Sie vielleicht auch da revidieren, dass Frauen erst in den 60er oder 70er Jahren sich selbst ermächtigt haben, in
25:57der Religion eine Rolle zu spielen.
25:59Wir zeigen ein Manuskript, eine Megillat Esther, eine Rolle, die gelesen wird, in der Gebete aufgeschrieben werden und die auch
26:07illustriert ist.
26:07Die eine der ältesten Megillat Esther, die von einer Frau geschrieben worden ist und illustriert worden ist,
26:13wo man ja eigentlich die Vorstellung hat, dass das nur Männer getan haben.
26:18Die Sonderausstellungen haben jetzt viel Platz im Neubau vom Berliner Architekturbüro Stab.
26:24Hell, schnörkellos modern, aber nicht auftrumpfend.
26:37Ein Haus voller neuer Möglichkeiten. Sogar mit einem koscheren Restaurant.
26:45Wie gefällt Ihnen denn dieser Neubau von Volker Stab? Sind Sie zufrieden damit?
26:49Ich bin mehr als zufrieden. Ich bin wirklich glücklich. Ich finde, er ist sehr schön geworden. Er ist überraschend.
26:57Ich mag diese Öffnung hier in den Himmel, dort hinaus zum Stadtraum.
27:01Ich finde diese Gegensätze zwischen dem kühlen Beton und dem warmen Eschenholz ganz interessant.
27:08Ich finde, er kombiniert wunderbar auf der einen Seite eine zeitgenössische Setzung und auf der anderen Seite eben unser klassizistisches
27:17Palais,
27:17setzt das in ein Spannungsverhältnis. Also ich finde, das ist wunderbar gelungen hier.
27:29Haben Sie denn die Hoffnung, dass Sie dazu beitragen können mit diesem Haus, dass der Antisemitismus in Deutschland geringer wird?
27:35Was sollen die Menschen von hier mitnehmen?
27:38Also als Museumsdirektorin bin ich Zwangsoptimistin und ich wünsche mir, dass unsere Besucherinnen und Besucher hier Impulse mitnehmen.
27:47Impulse, die sie über sich selbst nachdenken lassen. Impulse, die sie nochmal vertiefen wollen, dass sie Empathie lernen
27:55und dass sie sich die Frage stellen, wie wollen wir miteinander leben und sich engagieren für einen diversitätssensiblen, respektvollen Umgang
28:06miteinander in der Zukunft unserer Gesellschaft.
28:18Also ich habe viel gelernt heute und das ganz anschaulich und eindrücklich,
28:23weil hier das jüdische Leben in all seinen Facetten an Menschen und Geschichten erzählt wird.
28:38Vorurteile, Ausgrenzung, Hass und Massenmord werfen natürlich immer ihre Schatten.
28:43Vor allem aber ist das neu aufgestellte Haus eine Einladung, die Vielfalt des Judentums kennenzulernen.
28:49Für dieses Museum ohne Mauern steht der offene, strahlende Neubau, der zu Recht auch Lichtbau genannt wird.
28:57Licht steht für Hoffnung und meine Hoffnung ist, dass wir nicht mehr hassen können, was wir kennen und verstehen.
29:03Also auf ins Jüdische Museum Frankfurt. Aber bringen Sie Zeit mit, denn es gibt hier viel zu entdecken.
29:09Bis zum nächsten Mal. Tschüss.
29:12Tschüss.
29:14Tschüss.
29:25Tschüss.
29:26Tschüss.
29:26Tschüss.
29:27Tschüss.
29:27Tschüss.
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