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00:12Caravaggio or Botticelli, Rembrandt or doch Vermeer.
00:28Alte Meister, wohin man schaut. Stillleben, Landschaften und große Geschichten. Gar nicht leicht, sich hier zu entscheiden für persönliche Lieblingsbilder.
00:47Herzlich willkommen in Berlin, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer. Paris hat den Louvre, Madrid den Prado, London die National Gallery.
00:55Bei uns in Deutschland sind die alten Meister gut auf viele Museen verteilt. Aber die größte und wichtigste Sammlung ist
01:01hier in Berlin.
01:03Tauchen Sie mit uns ab in die Gemäldegalerie. Lassen Sie sich verzaubern von der Wucht der Malerei und schauen wir,
01:10wie die alten Meister hier gewürdigt werden.
01:13Und wir gehen ganz nah ran an den Malerstar Jan van Eyck, der um 1400 die Malerei revolutioniert hat.
01:39Gar nicht so einfach, den deutschen Prado zu finden. Denn zwischen neuer Nationalgalerie und Philharmonie ist gerade eine Riesenbaustelle für
01:46das Museum der Moderne.
01:49Und mal ehrlich, würden Sie in diesem Zweckbau eine der wichtigsten Altmeistersammlungen Deutschlands vermuten?
01:55Zum Kulturforum gehören Museen, Bibliotheken und Konzertsäle. Die Gemäldegalerie bekam 1998 72 Ausstellungsräume in diesem Neubau.
02:12Wenn man hier ins Foyer kommt, dann ist es ja nicht so einladend wie im Louvre oder im Prado oder
02:17in der National Gallery.
02:19Warum ist die Gemäldegalerie trotzdem Ihr Lieblingsmuseum in Berlin?
02:22Also hier hängen einige meiner großen Lieblingsbilder. Und zwar aus den verschiedensten europäischen Schulen.
02:28Italiener, Spanier, vor allem noch Niederländer.
02:31Und die Sammlung ist wirklich kontinuierlich sehr klug gewachsen. Und ich treffe ganz viele gute Bekannte sozusagen.
02:39Da kann nichts mehr rein.
02:41Kunst inspiriert Hans-Josef Orthal schon sein Leben lang.
02:45Über 70 Bücher hat er bisher veröffentlicht. Romane und Reflexionen über Kunst und Musik.
02:53Heute zeigt er uns seine Lieblingsbilder.
02:57Sie sind ja leidenschaftlicher Museumsgänger. Was bedeutet Ihnen die Kunst? Warum ist die so wichtig für Sie?
03:05Also es ist eigentlich, glaube ich, eine Seherziehung. Also die Genauigkeit des Sehens und des Blicks.
03:10An Bildern kann ich das am besten üben. Also Details erkennen, mir überlegen, wo kommen sie her.
03:16Was erzählen die Bilder für Geschichten? Das sind ja meistens Erzählungen.
03:20Und das dann auch im Kopf zu übersetzen in eine eigene Geschichte. Also die Geschichte des Bildes, die sich dann
03:26in eine Geschichte im Kopf verwandelt, in einen Text verwandelt.
03:29Ich habe gelesen, Sie gehen am liebsten alleine ins Museum.
03:32Ja, unbedingt, ja. Ich mag keine Führungen und ich mag auch eigentlich keine Erklärungen zu den Bildern.
03:37Also wenn lange Texte an den Bildern, auf die Bilder hinweisen oder jetzt ganz genau erläutern, welcher Stil oder welches,
03:44das mag ich überhaupt nicht.
03:46Und ich finde es eigentlich schöner, ganz unvoreingenommen vor einem Bild zu stehen und mich auch zu fragen, gefällt mir
03:51das und was gefällt mir daran? Was ist daran so großartig?
03:54Also einfach schauen.
03:55Schauen, ganz einfach schauen, ja.
04:04Wir beginnen bei Vermeer, von dem es ja nur 35 Gemälde noch gibt. Und hier gibt es gleich zwei davon.
04:11Ja, und zwar zwei der absoluten Meisterwerke. Wie hier die junge Dame mit dem Perlenhalsband. Sie hat sich, wie man
04:19sagen würde, herausgeputzt.
04:21Eine ganz einfache Frau, die sich hergerichtet hat und jetzt einen ganz besonderen Moment der kleinen Ekstase erlebt.
04:28Hier hebt sie dieses Halsband hoch und man sieht ihr an, wie glücklich sie ist. Verhalten glücklich.
04:34Das hat so ein wenig diese gehobene Stimmung des Besonderen, bleibt aber im Alltäglichen verankert. Und das ist das Schöne,
04:41finde ich.
04:42Meinen Sie, Vermeer wollte mit diesem Bild irgendwas sagen? Also geht es vielleicht um Eitelkeit oder so oder geht es
04:47um die schlichte Freude eben?
04:49Ich glaube, es geht einfach um die Konzentration auf einen Gefühlsmoment. Intimität. Es ist wunderschöne Intimität.
04:57Und ich finde, ich komme vor so einem Bild dann auch nicht nur zur Ruhe, sondern ich erlebe das mit,
05:02diesen Glücksmoment hier.
05:04Bei dem anderen Bild von Vermeer, das hier hängt, passiert sehr viel mehr. Das Glas Wein heißt das.
05:11Das ist eigentlich eine Verführung. Also der stehende Fremde schenkt gleich diesen Krug Wein aus und sie trinkt schon.
05:20Also sie hat schon den ersten Schluck genommen.
05:22Und er will schon den nächsten nachschenken, offensichtlich.
05:24Er hat schon dieses leichte Lächeln, was wird mit ihr passieren, wenn sie jetzt den zweiten trägt.
05:28Also meinen Sie, er will sie betrunken machen?
05:30Ich glaube schon, ja. Und bei ihr sieht man schon die Gegenwehr, weil sie dieses Glas so dicht vor das
05:38Gesicht hält,
05:38dass sich dadurch wie eine Tauchermaske eine Geschlossenheit ergibt.
05:42Und sie verschließt sich auch, indem sie diese Hand vor den Nabel fast hält.
05:48Und ansonsten ist sie selbst schön genug, um gegen diesen Angeber ankommen zu können, glaube ich.
05:53Was bei Vermeer finde ich immer irre ist, es für das Licht reinfällt.
05:57Ja, das ist wie bei dem vorigen Bild auch. Von links kommt das Licht durch so einen schmalen Spalt.
06:02Und das ist der Ereignisspalt der Geschichte, also der zentrale Spalt, der die Personen zum Leben erweckt.
06:08Aus ihrer Stummheit in diesen dunklen Räumen nicht.
06:12Meister des Lichts und der Augentäuscherei sind die rund 700 Künstler,
06:18die ab 1650, im goldenen Zeitalter der Niederlande, geschätzte 70.000 Bilder malen. Pro Jahr.
06:31Das Bild ist aus derselben Zeit von Vermeers Kollegen Peter der Hoch.
06:37Die Mutter heißt es. Und es ist ganz ähnlich eigentlich so von dieser intimen, privaten Stille.
06:44Das ist eines wirklich meiner absoluten Lieblingsbilder. Fast noch stärker als die beiden Vermeers.
06:50Die Mutter sitzt hier und sie hat gerade ein Kind geboren.
06:54Das Kind ist noch unten in der Wiege und sie hat aber ein zweites Kind.
06:59Und dieses Kleine steht schon in der Tür und ist schon abschiedbereit.
07:03Und dann hat er das ganz wunderbar gemacht, dass das Licht von außen durch diese Tür fällt,
07:08sodass man jetzt denkt, das Nächste, was passieren wird, ist, das Kind hat schon einen Fuß gehoben.
07:14Das wird jetzt ins Licht gehen und nach draußen gehen.
07:17Es ist schön, dass er diesen Hund erfunden hat, weil der Hund weiß nicht, wohin er schauen soll.
07:22Also er schaut zwar zu dieser Mutter, hat sich aber an das Zweitgeborene noch nicht gewöhnt.
07:27Es könnte jetzt auch sein, so würde ich es dann in eine Erzählung übersetzen,
07:31dass der Hund sich herumdreht und dann das herrliche Licht sieht und rausspaziert.
07:36Also von daher ist es eines der ganz seltenen Bilder, die eine Geschichte von mehreren Personen als Szene erzählen.
07:43Gegenwart, Zukunft, ja, alles in einem Bild.
07:46Diese kleine Szene, Delfter Alltag, ein Kind macht sich frei. Wundervoll.
07:53Die Geschichte der Sammlung reicht bis ins 17. Jahrhundert.
07:58Preußische Könige schmücken erst ihre Schlösser mit Kunst und zeigen sie ab dem 19. Jahrhundert in einem öffentlichen Museum.
08:08Im Zweiten Weltkrieg wird ein Großteil der Sammlung außerhalb Berlins in Sicherheit gebracht.
08:14Aber viele wichtige Werke werden auch bei einem Bombenangriff in einem Bunker zerstört.
08:19Nach dem Krieg zeigt der Osten seinen Teil der Sammlung auf der Museumsinsel im Westen, in Berlin-Dahlen.
08:26Und mit der Wiedervereinigung wird auch die Sammlung wieder vereint und findet ein neues Zuhause hier im Kulturforum.
08:44Sie zeigen hier europäische Malerei vom 12. bis zum 18. Jahrhundert.
08:48Ganz viele Hauptwerke von unglaublich bedeutenden Künstlern.
08:53Was macht das Besondere dieser Altmeistersammlung aus?
08:58Ja, es ist tatsächlich eine ganz fantastische Sammlung mit Werken von Meistern wie Botticelli, Raphael, Tizian, Van Eyck, Dürer, Kranach.
09:06Das Besondere an dieser Sammlung ist, dass sie eigentlich nach kunsthistorischen Kriterien aufgebaut wurde.
09:14Also das heißt nicht so sehr die Vorlieben eines bestimmten Sammlers oder einer Sammlerin widerspiegelt, sodass hier die gesamte europäische
09:23Kunstgeschichte abgebildet ist.
09:25Und das macht sie sehr besonders.
09:27Und sie haben ja wirklich viel von allem.
09:30Also allein 20 Rembrandts, das hat kaum ein anderes Museum, oder?
09:35Ja, in der Tat.
09:36Wir sind jetzt hier in unserem großen Rembrandt-Raum und unsere Rembrandt-Sammlung gehört zu den weltweit größten Rembrandt-Sammlungen.
09:43Das ist wirklich was ganz Besonderes.
09:45Zum Beispiel der Mennoniten-Prediger Anslow hier mit seiner Frau, wo man schon sehr schön sieht, was Rembrandt so besonders
09:52macht.
09:52Diese Lichtführung, dieses Hell-Dunkel, die Fokussierung auch auf die Emotionen der Figuren.
09:59Ja, eines der Hauptwerke, das hier auch so zentral gehängt ist.
10:15Rembrandt hat ja viele biblische Motive gemalt und das im kalvinistischen Nordholland, wo ja religiöse Bilder eigentlich verboten waren.
10:23Warum hat er das gemacht? Was hat denn daran fasziniert?
10:26Na, in den Kirchen waren solche Werke verboten, das stimmt, aber durchaus nicht in den holländischen Haushalten.
10:34Und die biblischen Geschichten galten natürlich als Vorbilder für richtiges Verhalten.
10:39Also das Alte Testament ist bei Rembrandt ein ganz wichtiges Bildthema, weil es eben auch den Spiegel vorhält für das
10:48Richtige und das Falsche Verhalten.
10:50Und dieses Bild hat eine ganz besondere Geschichte.
10:53Susanna im Bade, oder hier heißt Susanna und die beiden Alten, ist eigentlich eine MeToo-Geschichte.
10:59Und er hat an diesem Bild zwölf Jahre lang gemalt. Was hat er um Gottes Willen zwölf Jahre mit diesem
11:04Bild gemacht?
11:05Ja, er hat das immer wieder verändert. Also es ist tatsächlich eine ganz dramatische Geschichte im Alten Testament.
11:10Die Susanna wird bedrängt von den beiden alten Richtern, die sie hier vergewaltigen wollen und ihr auch drohen, dass sie
11:20sie verleumden, sodass ihr dann die Todesstrafe droht.
11:24Und das heißt, Rembrandt zeigt hier den dramatischen Höhepunkt dieser Geschichte.
11:29Rembrandt spitzt das so zu, indem die Susanna sich eigentlich an die BetrachterInnen wendet, uns anschaut.
11:36Und das ist ein Thema, diese Susanna, das häufig im 17. Jahrhundert als ein Motiv dient, bei dem der nackte
11:46weibliche Körper inszeniert werden kann.
11:48Also eigentlich ein voyeuristisches Motiv, das sich auch an männliche Betrachter wendet.
11:54Das macht er ja nicht.
11:55Und genau, Rembrandt macht das ganz anders. Er macht das sehr empathisch.
12:00Also er fühlt sozusagen mit, mit der Susanna, die in Not ist, die bedrängt ist, indem er eben gerade nicht
12:06ihre nackten Brüste zeigt.
12:07Sie ist hier noch so bedeckt, sie versucht sich so zu schützen.
12:12Und das weckt das Mitgefühl der BetrachterInnen und Betrachter und dadurch eben die Botschaft eines solchen Bildes auch zu verinnerlichen.
12:25Reichlich nackte Tatsachen, auch hier in der Gemäldegalerie.
12:30Wussten Sie, dass 85 Prozent aller Akte in Museen weiblich sind, aber nur 5 Prozent der Werke von Frauen?
12:39Bei den alten Meistern muss man noch länger suchen.
12:48Eine der wenigen Ausnahmen ist Anna Dorothea Terbusch.
12:53Sie porträtierte im 18. Jahrhundert die Berliner Prominenz.
12:58Was war so besonders an ihr? Was war sie für eine Frau?
13:02Also Anna Dorothea Terbusch ist eigentlich eine der berühmtesten Malerinnen des 18. Jahrhunderts, auf jeden Fall deutschen Malerinnen.
13:10Sie hat insofern einen spannenden Lebensweg, weil sie sich quasi trotz aller gesellschaftlichen Widerstände, die es für Frauen und Malerinnen
13:20in der Zeit gab, durchgesetzt hat und mit großem Willen ihren Karriereweg verfolgt hat.
13:26Sie ist ja sogar auf die Kunstakademie gekommen, was damals kaum möglich war für Frauen.
13:30Wie hat sie das gemacht?
13:32Also sie ist erst mal für 20 Jahre in ihrem häuslichen Umfeld bei Mann und Kindern verschwunden, kann man sagen.
13:40Sie hat sich dort sicher autodidaktisch weitergebildet und ist dann aber mit 40 Jahren nochmal los.
13:46Sie ist nach Paris gegangen und wollte dort unbedingt in die Akademie aufgenommen werden.
13:51Sie erforschen ja hier Ihr Werk, das heißt, Sie durchleuchten auch die Bilder und bei diesem Selbstporträt haben Sie etwas
13:59ganz Verrücktes festgestellt.
14:01Ja, genau.
14:01In diesem Fall sehen Sie hier das Röntgenbild dieses Gemäldes.
14:05Das ermöglicht uns, nicht nur auf der Oberfläche zu schauen, sondern eben durch alle Schichten hindurch.
14:11Und was wir entdeckt haben, ist, es gibt hier so auffällige Strukturen, die von unserer Darstellung abweichen.
14:18Hier gibt es so eine Vase, hier unten ist so schemenhaft kleine Kinder zu erkennen.
14:24Und es gibt einen weiteren Arm, der sich hier so zum Kinn erhebt.
14:30Und Vergleiche mit anderen Werken, der Künstlerin hat uns darauf gebracht,
14:35dass dieses Gemälde, was heute in den Kunstsammlungen in Weimar aufbewahrt wird,
14:41in einer zweiten Version wirklich eins zu eins und ganz exakt unter unserem Bild liegt.
14:47Und was ich auch besonders interessant und spannend finde, ist, dass sie eben sich entschließt,
14:53dieses Augenglas, was hier noch auf der Mappe so abgelegt ist, sich jetzt wirklich tatsächlich aufzusetzen
14:58und da nochmal irgendwie eine ganz andere Intensität auch zu schaffen und Unmittelbarkeit.
15:04Sie war ja eine gefragte Porträtmalerin.
15:06Hier sehen wir Auftragsarbeiten von ihr.
15:09Sie hat sich ja auch was getraut.
15:10Also solche Bilder, solche Boudoir-Szenen, die waren ja für Frauen eigentlich tabu, oder?
15:16Ja, da orientiert sie sich, glaube ich, an ihren französischen Malerkollegen.
15:21Und das zeichnet sie, glaube ich, auch aus, dass sie relativ furchtlos war und solche Szenen gemalt hat.
15:29Sie stellt sich eben in den Rang ihrer männlichen Kollegen.
15:39Menschen schauen uns an, aus längst vergangenen Zeiten.
15:44Wer waren sie?
15:46Was haben sie erlebt?
15:51Warum haben Sie sich bei den vielen, vielen Porträts, die hier hängen, ausgerechnet dieses ausgesucht?
15:56Ich bleibe hier hängen, also erstmal an dem Blick bleibe ich hängen, weil der mich auffordert, stehen zu bleiben.
16:02Und es ist eine interessante Erscheinung, nicht?
16:05Der ist jetzt auch nicht so, wie viele Porträtierte, großartig rausgepretzelt mit hervorragender Kleidung.
16:11Wo der doch Bürgermeister von Nürnberg ist, hat er einen einfachen Pelzumhang, ein schöner Alterskopf.
16:17Das ist ein Spätwerk von Albrecht Dürer.
16:19Spätwerk.
16:20Hieronymus Holzschuhe heißt er.
16:22Endlich auch mal schöne alte weiße Männer.
16:26Die Oberfläche sozusagen ist ja meisterhaft gemalt.
16:29Man sieht jedes einzelne Haar, die Barthaare, bei dem Pelz alles ganz genau.
16:34Aber man hat auch das Gefühl, man kann dem so ein bisschen in die Seele gucken.
16:37Man kriegt ein Gefühl, was das für ein Mensch ist.
16:39Ja, große Gelassenheit und Sicherheit.
16:41Also keine Gier mehr oder kein Eifern.
16:44Das hat sich alles gesetzt und spiegelt sich jetzt in der Ruhe dieses Gesichtes.
16:48Würde ihm zudem auch eine Geschichte einfallen, so wie er da porträtiert ist?
16:52Ja, also das Moment des Modellierens selbst.
16:56Dürer malt und er redet ein bisschen, wird ab und zu angehalten.
17:00Jetzt mal Ruhe, drei Minuten gar nichts und dann redet er wieder weiter.
17:04Und er erzählt, was heute in Nürnberg passiert ist, was ihm begegnet ist.
17:09In ihm geht viel vor, das sieht man.
17:20Hier im Saal mit lauter venezianischen Meistern würden die meisten wahrscheinlich sofort zu diesem Tizian stürmen.
17:27Venus mit dem Orgelspieler.
17:29Aber die interessiert Sie überhaupt nicht.
17:32Überhaupt nicht.
17:32Ich würde lieber hier auf das schöne, große Selbstbildnis des alten Tizian zusteuern.
17:39Porträts, in denen Maler sich selbst porträtieren, sind oft Porträts, wo man sie beim Zeichnen oder Malen sieht.
17:46Aber das ist jetzt etwas ganz Eigentümliches.
17:48Hier ist der alte, reich gewordene Tizian, der ganz ungeheuer stolz darauf, auf das große Gesamtwerk ist.
17:55Er ist sehr alt geworden.
17:56Und er sitzt hier in der Pose des reichen Mannes.
18:00Also er demonstriert den großen Reichtum, den die Malerei eingebracht hat.
18:04Aber wirklich glücklich schaut er nicht, finde ich.
18:08Nein, nein.
18:09Nach so einem langen Leben schaut man einfach gefestigt.
18:13Das ist ja wieder auch ein gefestiger Blick des alten Mannes, der auch so ein bisschen, das ist das typische
18:17Bild alter Leute, jetzt so etwas in die Ferne schaut, unsicher.
18:22Die Augen werden schon etwas unscharf.
18:24Man sieht, der Blick ist glasig.
18:26Also das ist auch ein bisschen die Todesvorahnung, die hier in das Bild reingemalt ist.
18:31Also jedenfalls eine Vorahnung.
18:33Es kommt bald ein Ende.
18:37Vom alten, reichen, erfolgreichen Tizian zu einem ganz hoffnungsvollen jungen Künstler.
18:44Chardon hat diesen Zeichner gemalt.
18:48Warum ist das eines Ihrer Lieblingsbilder?
18:50Also ich habe sehr gerne Bilder, wo man jetzt die Maler bei der Arbeit sieht.
18:55Das ist ein junger Zeichner, der spitzt jetzt hier gerade seinen Stift.
18:59Und er hat hier seine erste Skizze schon auf dem Blatt Papier angefertigt.
19:03Und dann ist es doch diese wunderbare Jugendlichkeit.
19:06Also er glüht schon in den Wangen.
19:08Die Arbeit interessiert ihn.
19:10Aber es ist eine große Leichtigkeit in dem Bild.
19:12Und es ist so frühes 18. Jahrhundert.
19:14Das ist ja schon so die Zeit, in der Mozart so langsam zu leben beginnt.
19:18Und das sind die Mozart-Charaktere, finde ich.
19:21Nicht diese leichten Charaktere, wie sie in den Mozart-Opern auftreten.
19:25Nicht die schweren italienischen Charaktere wie Tizian, die so fest und feierlich auf den Stühlen sitzen.
19:30Sondern die das Leben jetzt so ganz leicht und trotzdem hochkonzentriert leben.
19:35Und das ist für mich so ein wunderschönes Bild einer passionierten, leidenschaftlichen Arbeit.
19:42Ohne dass es irgendwie nach Arbeit aussieht.
19:54So richtig abtauchen in die alten Meister können sie zurzeit in der Sonderschau zoomen auf Van Eyck.
20:01So nah sind sie dem flämischen Meister und revolutionär der Malerei garantiert noch nie gekommen.
20:12Um so nah heranzukommen wie hier, braucht man natürlich extrem hochauflösende Fotos.
20:18Also das ist wirklich was ganz Besonderes.
20:20Ja, das ist eine große Kampagne.
20:21Die hat das Konig-Licke-Institut for Kunstpatrimonium in Brüssel zwischen 2014 und 2020, hat diese Kampagne durchgeführt.
20:30Die sind zu allen Sammlungen der Welt, die Van Eycks haben, gefahren.
20:34Und haben dort sowohl Normallicht- als auch Infrarotaufnahmen gemacht in extrem hoher Auflösung.
20:40Und eines der größeren Bilder von Van Eyck, die sogenannte Pale-Madonna, die ist ungefähr so 1,40 Meter breit
20:46im Original, die ist, wenn man die jetzt quasi ausdrucken oder darstellen würde mit der höchsten Auflösung der Details, würde
20:53dieses Bild anderthalb Fußballfelder groß sein.
20:56Das würde also um die 160 Meter lang werden.
20:59Van Eyck hat ja in Brügge gelebt, hat den berühmten Genta-Altar mitgeschaffen.
21:05Ist das Besondere, vor allem, dass er so ein unglaubliches Auge hatte und diese handwerkliche Fähigkeit, dass er so ins
21:12Detail gehen konnte?
21:13Ja, Handwerk spielt eine Rolle, klar. Man muss natürlich die sichere und ruhige Hand haben. Man muss wissen, wie es
21:19geht. Man muss damals natürlich auch wissen, wie man die Farben anrührt.
21:22Die kauft man ja nicht fertig aus der Tube, das gibt es nicht. Aber es ist doch noch mehr als
21:28ein scharfes Auge und mehr als Handwerk.
21:30Denn meines Erachtens ist das, was Jan van Eyck macht, es ist eine intellektuelle Leistung.
21:36Jan van Eyck macht nämlich eines, so mehr oder weniger als erster Maler seit der Antike.
21:42Nämlich, dass er sich einen Gegenstand anschaut und versucht, ihn zu sehen.
21:48Das heißt, das zu sehen, was zu sehen ist, zum Beispiel die Reflexe, den Schimmer und so weiter von Gegenständen.
21:55Das heißt, alle die Eigenschaften, die in unterschiedlichen Beleuchtungen sich auch wandeln. Und das hält Jan van Eyck fest.
22:04Ganz nah kommt man jetzt auch den drei van Eyck's der Gemäldegalerie. Kleine Formate, große Kunst. Nach der Restaurierung leuchten
22:15sie wie vor 600 Jahren.
22:18Er hat die Ölmalerei nicht erfunden, wie manche gesagt haben, aber er hat sie um 14.30 Uhr absolut revolutioniert.
22:25Was ist die Revolution?
22:26Er schöpft die Möglichkeiten aus. In der Tat, die Ölmalerei, die gibt es zu dem Zeitpunkt schon 500 Jahre und
22:32länger.
22:33Die Farbe, die man vorher verwendet hat, war wahrscheinlich nicht wesentlich anders.
22:37Aber Jan van Eyck entdeckt das Potenzial dieser Malerei. Aber die Grundlage ist die Beobachtung.
22:43Auch hier, diese beiden Flecken, das ist eindeutig beobachtet. Und das ist eine Beobachtung, die wir heute verstehen.
22:50Wenn wir da drauf gucken, sehen wir sofort, aha, das sind Sonnenflecken. Aber das ist so ungewöhnlich damals gewesen,
22:57dass offenbar selbst andere Künstler, die dieses Bild gesehen haben, und ein paar haben es gesehen und haben darüber Varianten
23:04gemacht,
23:05dass denen das entweder zu kühn war oder die nicht wirklich verstanden haben, was es ist.
23:09Das ist so ungewöhnlich. Dinge, optische Erscheinungen, die nicht an etwas Materielles gebunden sind.
23:17Das ist ja das Neue. Diese Sonnenflecken haben keine materielle Entsprechung. Das sind einfach nur wandernde Lichtflecken.
23:26Es gibt auch im 16. Jahrhundert, es gibt niemanden, der sowas nochmal macht.
23:37Die Kunst ganz genau anschauen, das ist hier die helle Freude.
23:41Beim Museum selbst müssen Sie ab und zu ein Auge zudrücken, denn nach 25 Jahren ist doch so manches sanierungsbedürftig.
23:49Immerhin gibt es jetzt an manchen Bildern Texttafeln, die die Werke gut und knapp erklären, auf Deutsch und auf Englisch.
23:56Und es gibt ein neues Beleuchtungssystem, das die Werke so richtig strahlen lässt.
24:03Bezahlt wurde diese teure Investition von der WIRT AG und nicht vom Bund.
24:09Das Tageslichtmuseum musste dringend auf Kunstlicht umgestellt werden, weil die Gemälde unter dem UV-Licht gelitten haben.
24:19Was man jetzt natürlich sehr deutlich sehen kann, ist, dass die Samtbespannungen, die sie an den Wänden haben,
24:25eigentlich auch in die Jahre gekommen sind. Ist das der nächste große Batzen, den Sie vor sich haben?
24:33Ja, auf jeden Fall. Da sprechen Sie was Wahres an.
24:35Das ist im Grunde nochmal eine zweite große Maßnahme, die ansteht, die wir umsetzen wollen.
24:42Und wenn wir jetzt das ganze Museum nochmal ausräumen in den kommenden Jahren, um neu zu bespannen,
24:49dann hieße das für mich, dass wir auch auf jeden Fall eine Neukonzeption der Hängung entwickeln
24:54und einfach nochmal neu denken und vielleicht auch über Themenräume nachdenken,
25:00wie man stärker die Epochen verknüpfen und verbinden kann.
25:04Dass wir einfach nochmal die aktuelle Hängung modernisieren und aktualisieren.
25:11Genau wie ich auch möglichst zeitnah ganz viel auch an der Vermittlung ändern möchte
25:17und einfach die Werke besser erklären.
25:21Das geht um Hoffnung, Ängste, Liebe, Krieg, Hass.
25:26Also die großen menschlichen Themen werden in diesen Gemälden thematisiert,
25:31aber man muss sie natürlich auch verstehen können und die Hintergründe dazu kennen.
25:43Lauter tolle Bilder von Venedig, eine Stadt, in der Sie genauso wie in Rom einige Jahre gelebt haben.
25:49Und Sie haben sich ein Bild als Lieblingsbild ausgesucht.
25:53Es ist das Einzige ohne Wasser von Canaletto.
25:57Aber es ist ein ganz zentraler Ort, Venedig.
26:00Es ist der Ort des Ursprungs der Stadt.
26:02Es ist nahe vom Rialto.
26:04Das heißt, hier ist die Stadt entstanden.
26:07Das ist der Geburtsort der Stadt.
26:09Hier sind die Händler gewesen, immer nahe am Rialto, hier an der Rialtobrücke.
26:14Und hier ist die Szenerie, eine ganz einfache Schlichte,
26:17weg vom Glanz der Stadt, hin zu diesen Menschen, die hier arbeiten, jetzt im späten 18. Jahrhundert.
26:23Und jetzt kommt man auf das Geheimnis des Bildes, denn das Bild ist eine Auftragsarbeit.
26:28Also einer der deutschen Händler hat ihn beauftragt, weil er hier sehr oft war und hier seine Waren angeboten hat,
26:34genau das zu malen und nicht den Prunk der Stadt, sondern diesen Ort, wo er sich täglich aufgehalten hat.
26:41Und das nahm er dann mit nach Hause, als Bild seines Lebens in der Stadt.
26:45Hier war er in Venedig und nicht in der Gondel.
26:54Wie war es denn jetzt für Sie, das Wiedersehen mit Ihren Lieblingsbildern?
26:58Das ist herrlich.
26:59Wenn ich so viele, so schöne Bilder sehe, das ist so eine gewisse Grenze, dass ich so ein wenig abdrifte.
27:06Also es ist mich sehr aufregt, innerlich sehr aufregt.
27:10Es ist schon vorgekommen, dass ich wirklich nach Museumsbesuch richtig zurück musste, in ein ruhiges Zimmer, abgeschaltet habe.
27:17Das ist die erste Methode, die hilft.
27:19Die zweite Methode ist ein sehr gutes Glas Wein trinken, weil es mal die Bilder erstmal wegwischt.
27:26Und dann können Sie ja langsam wieder hochkommen in einem.
27:29Dann machen Sie von selber.
27:31Das heißt, Sie brauchen jetzt ein gutes Glas Wein.
27:34Gutes Glas Wein, eine nette Gesellschaft.
27:36Dann ist alles okay.
27:47Was für Bilder, was für eine Sammlung.
27:50Dass die Gemäldegalerie trotzdem noch nicht der deutsche Prado ist, kann eigentlich nur einen Grund haben.
27:55Die Verantwortlichen beim Bund kapieren überhaupt nicht, was für einen Schatz da schlummert.
27:59Denn sonst würden sie alles tun, um die alten Meister ins Rampenlicht zu stellen.
28:05Aber selbst die dringend nötige und hervorragend gemachte neue Beleuchtung musste ja der Sponsor Wirt finanzieren.
28:12Mit Geld ist also nicht zu rechnen.
28:14In diesen Zeiten und, weil Bund und Land lieber auf viele hunderte Millionen teure Prestigeprojekte wie das Museum der Moderne
28:23und das Humboldt-Forum setzen.
28:27Hoffentlich schafft es die neue Chefin, weiter Sponsoren zu begeistern, den Sanierungsstau zu beenden und frischen Wind in diese schönen
28:34Räume zu bringen.
28:36Spannend präsentieren und uns besser mitnehmen. Die Ideen sind ja da. Aber mit so wenig Geld und Personal dauert das
28:43halt.
28:46Um das ganze abweisende Areal ums Kulturforum wach zu küssen, braucht es allerdings viele Ideen.
28:53Das fängt schon bei der außen komplett fehlenden und innen trostlosen Gastronomie an.
28:58So viele andere Städte zeigen doch, wie es geht. Und das hätte auch die Gemäldegalerie verdient. Bis zum nächsten Mal.
29:04Tschüss.
29:25Musik
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