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00:09Es gibt Städte, in denen lebt man und es gibt Städte, die liebt man.
00:23Eine wurde dreimal hintereinander zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt.
00:32Ich finde, Wien ist eine Stadt für Leute, die Stadtleben lieben.
00:37Gut essen, gut trinken, viel ausgehen und viel Kultur und das auf engem Raum mit vielen anderen zusammen.
00:47Herzlich willkommen in Wien, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer.
00:50Nur einen Katzensprung von Staatsoper Hofburg und Naschmarkt entfernt steht ein Museum,
00:55in dem sich alles um die Geschichte dieser einzigartigen Stadt dreht.
01:00Nach der großen Runderneuerung ist das Wien-Museum 2023 regelrecht wieder auferstanden
01:05und zum hochgelobten Publikumsmagneten geworden.
01:09Das hat uns natürlich neugierig gemacht. Was ist so toll an diesem Stadtmuseum?
01:13Kommen Sie mit?
01:26Wir werden uns das neue Wien-Museum mit seinem spektakulären Erweiterungsbau anschauen.
01:38Außerdem erleben wir im Prater-Museum die Geschichte des weltberühmten Wiener Vergnügungsviertels.
01:47Und wir haben wieder einen tollen Gast.
01:49Sie ist Deutsche, lebt aber schon lange in Wien und sie ist eine der besten und beliebtesten Schauspielerinnen, die wir
01:55haben.
01:55Ich sage nur Burgtheater und Wort mit der Aussicht.
02:00Als Kommissarin Sophie Haas hat Caroline Peters viele Folgen lang Kriminelle in der Eifel verhaftet und ein Millionenpublikum begeistert.
02:12Die preisgekrönte Schauspielerin glänzt in Fernseh- und Kinofilm, aber ihre große Leidenschaft gehört dem Theater.
02:21Viel Applaus bekam sie auch für ihren ersten Roman. Ein anderes Leben.
02:28Wie toll, dass du die Zeit gefunden hast, hierher zu kommen.
02:30Du bist ja am Burgtheater, wirst gefeiert, ein Stück nach dem anderen hochgelobt.
02:35Aber das Wien-Museum begeistert dich, ne?
02:38Ja, mich begeistert das Wien-Museum. Ich finde diesen ganzen Umbau fantastisch. Die Ausstellungen sind großartig.
02:45Du lebst seit fast zehn Jahren in Wien. Bist wegen dem Theater hergekommen.
02:48Hat dich dann gleich interessiert, was ist das für eine Stadt? Was hat die für eine Geschichte? Und wolltest du
02:52das alles kennenlernen?
02:53Ja, absolut. Ich hatte wirklich das Gefühl, wenn man hierher zieht, dann muss man sich auch ein bisschen mehr damit
02:57beschäftigen,
02:58als nur hierher zu ziehen und die Gegenwart kennenzulernen.
03:00Und dann, ja, es ist ja eine sehr, sehr interessante und sehr, sehr alte Stadt mit sehr vielen Schichten.
03:05Und da wusste ich einfach nicht genug drüber.
03:08Hier ist tatsächlich ja noch was übrig vom alten Museum, ne? Der Eingang, den haben wir hier noch und auch
03:13das Foyer.
03:14Aber es ist kein Vergleich. Wir haben uns das mal angeguckt, als es noch der Altbau nur war und haben
03:19gesagt, da kann man nicht drehen.
03:21Aber jetzt ist es herrlich, ne?
03:23Also ich finde es wirklich fantastisch, auch architektonisch. Also wenn einen Architektur interessiert, macht auch das total Spaß, hier durchzulaufen.
03:29Das ist grandios inszeniert. Deswegen gehen wir jetzt gleich mal in meinen Lieblingsraum, okay?
03:33Ja, sehr gut. Sehr gerne.
03:40Wo heute Wien ist, war vor Urzeiten mal ein Meer.
03:47Vor 8000 Jahren lassen sich erste Menschen an der Donau nieder.
03:53Vor 2000 Jahren die Römer.
03:57Aus Windobona wird später Wien. Mittelpunkt und Wahrzeichen der Stephansdom, von den Wienern Steffel genannt.
04:08Das ist mal ein Modell vom Stephansdom, oder? Ich finde das gigantisch. Das stand lange auf dem Dachboden des Steffels
04:14und dann hat man es hier perfekt inszeniert.
04:17Es macht natürlich wahnsinnig Spaß, einmal wie so ein Gulliver, so ein Riese zu sein und den Dom, den man
04:23sonst nur von unten vom Platz kennt, aus der Nähe zu betrachten und alle diese Details zu entdecken, die man
04:29natürlich von unten mit bloßem Auge so nicht sieht.
04:32Und der ist wahnsinnig schön wieder hergerichtet. Wir haben ja im Zweiten Weltkrieg zur Verdunkelung hier sehr viele öffentliche Gebäude
04:39schwarz gestrichen und das ist erst in den letzten 20 Jahren ja wieder alles so hell und so weiß geworden,
04:47sodass der Dom ja jetzt anders als hier im Modell wirklich strahlt wie in Mailand oder so.
05:00Ich finde es unglaublich, wie in diesem riesigen Raum alles inszeniert ist, diese Kutsche da, die Galakutsche vom Wiener Oberbürgermeister
05:07von 1853, aber besonders der Poldi da oben, der Walfisch, der tatsächlich im Restaurant zum Walfisch am Eingang oben drüber
05:17hing und da ist man durchgegangen in das Restaurant rein.
05:20Ja vor allen Dingen, wo bitte ist hier das Meer? Also welcher Walfisch kann denn auch nur in die Nähe
05:25von Wien jemals gekommen sein? Das ist auch so ein Ausdruck von so einer Sehnsucht oder so einer, was ja
05:30viele hier vermissen eben, das Meer und das finde ich lustig.
05:33Der Poldi ist ja inzwischen das Maskottchen vom Museum. Den kann man in vielerlei Formen im Museumsshop kaufen, aber was
05:39man da auch kaufen kann, sind ganz tolle Postkarten.
05:42Du hast mit deinem Partner zusammen einen Postkartenverlag und einen Laden hier in Wien. Wie seid ihr auf die Idee
05:48gekommen, die Postkarte in unsere Zeit zu führen?
05:52Ja wir fanden irgendwie, das ist eine kulturelle Tätigkeit wie Lesen oder Plattenhören und die darf nicht ganz verschwinden. Die
06:00hat natürlich keinen Zweck mehr in dem Sinne. Es gibt andere Kommunikationsmittel, aber es ist eine schöne Tätigkeit.
06:07Und Wien ist der perfekte Ort dafür, denn hier ist sie erfunden worden, die Postkarte.
06:10Ja, es war ja immer schon die Stadt der Moderne oder lange Zeit, sind ja hier unglaubliche Erfindungen gemacht worden,
06:18die die ganze Welt ausgestrahlt haben.
06:20Und so eben auch die Postkarte, so altmodisch sie einem jetzt auch vorkommen.
06:31Weißt du, wohin diese prächtigen Barockfiguren eigentlich gehören?
06:35Ja, das ist der Donnerbrunnen und das sind die Originale, damit sie bewahrt bleiben und die Kopien stehen jetzt irgendwo,
06:43aber ich habe vergessen wo.
06:44Im ersten Bezirk, benannt nach dem Bildhauer Georg Raphael Donner.
06:48Und der Brunnen ist dem Wiener Magistrat gewidmet, der damals dafür gesorgt hat, dass die Menschen sauberes Trinkwasser haben.
06:56Mit der Vorsehung als zentrale Figur und die stehen für Flüsse und fürs Wasser.
07:03Ja, und es ist unglaublich, wie die inszeniert sind.
07:06Ja, das ist einfach toll gemacht, das Gebäude, das Museumsgebäude zusammen mit den Ausstellungsstücken, dass das so einen Sinn ergibt
07:13und den Brunnen wirklich so nachvollziehbar macht.
07:15Das ist fantastisch ausgedacht.
07:25Kann die Stadt dich noch überraschen?
07:28Ja, das schon. Ich finde, hier ist unheimlich viel Veränderung in der Stadt die ganze Zeit.
07:32Der morbide Charme der Stadt Wien und sowas alles oder dass das alles ein bisschen abgegrammelt und abgelegt ist, finde
07:39ich alles gar nicht mehr.
07:40Ich finde, es ist alles neu, modern und auf die Zukunft ausgerichtet.
07:44Und die unfreundlichen Kellner in den Kaffeehäusern, die gibt es auch wirklich.
07:48Die gibt es auch wirklich, ja. Das gehört zur Jobbeschreibung.
07:51Und der Kellner, der Richtige mit dem schwarzen Anzug und der Flieger, der hat eben auch Autorität und ihm gehört
07:57der Laden. Du bist nur sein Gast.
08:021.700 Objekte erzählen uns die Geschichte Wiens. Sie sind nur ein Bruchteil der gigantischen Sammlung.
08:11Das alte Historische Museum der Stadt Wien war deutlich in die Jahre gekommen und viel zu klein.
08:19Fast wäre das Museum ganz zugemacht worden. Und die Pläne für einen Neubau haben sich über viele Jahre hingezogen.
08:26Am Ende aber kam ein wirklich genialer, mutiger Entwurf.
08:32Der denkmalgeschützte Altbau von 1959 wurde weitgehend erhalten und durch einen Erweiterungsbau modernisiert und vergrößert.
08:41Bauzeit? Drei Jahre. Wie geplant. Kosten? 108 Millionen Euro. Auch wie geplant.
08:50Sie leiten das Wien-Museum seit 2015, waren also ganz entscheidend an der Verwandlung und Neuerfindung des Hauses beteiligt.
08:58Wie zufrieden sind Sie denn?
08:59Ich glaube, was uns gelungen ist, ist wirklich einen neuen Ort in der Stadt zu etablieren.
09:04Es gab das Museum schon vorher natürlich, aber es war ein bisschen verhärmt am Rand des Platzes.
09:08Und jetzt haben wir doch die Möglichkeit bekommen, durch dieses wunderbare Projekt der Stadt, ein Stadtmuseum für das 21. Jahrhundert
09:16zu schaffen.
09:17Und ja, also ich bin glücklich.
09:19Und die Lösung war ja dann genial, was am Ende gekommen ist.
09:22Ich finde die Lösung genial.
09:23Wie ist die? Was haben Sie da gemacht, bautechnisch?
09:25Die wirkliche Herausforderung ist, also wir stehen hier auf einem Dach eines Gebäudes, das kein Gewicht tragen kann.
09:33Weil der Bestandsbau, das ursprüngliche Wien-Museum, eröffnete 1959, wurde auf Stelzen gebaut.
09:40Es wurde deshalb auf Stelzen gebaut, weil wir unmittelbar neben dem Wien-Fluss sind.
09:43Also ein bisschen wie in Venedig, da muss man auch auf Stelzen bauen.
09:45Das hieß aber, dass eine etwaige Erweiterung kein Gewicht auf das bestehende Gebäude legen kann.
09:53Was unsere Architekten vorgeschlagen haben, ist, dass wenn wir nicht auf das bestehende Gebäude aufbauen können,
10:00dann bauen wir ein vollkommen neues, zweites Gebäude und setzen es in den ehemaligen Innenhof.
10:07Und dieser separate Baukörper fußt wieder auf Stelzen.
10:11Und man kann sich vorstellen, das riesige Tisch mit Tischbeinen, die an Innenhof aufgezogen sind.
10:17Und drüber schwebt, also Ausstellungsgeschoss.
10:20Und dieses schwebende Geschoss macht quasi als negativen Raum dieses Geschoss frei.
10:25Und so haben wir zwei neue Geschosse.
10:27Das ist ja ein riesiges statisches Konzept.
10:30Und ja, das ist uns zum Glück gelungen.
10:32Was Sie ja auch eingeplant haben von Anfang an, ist, dass dieses Haus wirklich ein neuer Ort für die Wienerinnen
10:39und Wiener ist.
10:40Und für alle Besucher.
10:42Mit Kaffee unten, Kaffee oben.
10:45Das heißt, man kommt einfach auch so gerne hierher.
10:48Gehört das in Wien einfach dazu?
10:51Die Bedeutung von Museen hat sich fundamental gewandelt.
10:53Mittlerweile im 21. Jahrhundert wollen wir das Museen auch mehr können.
10:57Und das Museen nicht nur Orte sind, wo man heere Kunst sehen kann, sondern wo es Beteiligung gibt, wo es
11:04Diskurs gibt, wo man einfach abhängen kann.
11:06Was wir vom Museumscheck auch großartig finden, ist, dass Sie keinen Eintritt für die Dauerausstellung verlangen.
11:11Was ja auch das Publikum total verändert, oder?
11:13Vollkommen. Also das verdanken wir wirklich der Stadt Wien.
11:16Wir verlangen Eintritt nur für Sonderausstellungen, die also speziell gemacht werden mit Leihgaben von anderen Museen.
11:21Die Dauerausstellung ist kostenfrei.
11:22Natürlich das Café, alle unsere Veranstaltungsräume, alle unsere Ateliers, alles ist kostenfrei.
11:28Und da geht es um Kultur für alle.
11:32Wie erzählt man die Geschichte einer Stadt spannend und lebendig?
11:37Das Wien-Museum hatte die einmalige Chance, alles neu zu denken.
11:43Wir sind jetzt in Wien ab 1700 gelandet, in der Blütezeit der Habsburger mit Maria Theresia.
11:50Aber Sie erzählen eben nicht nur die Geschichte des Hochadels und der Herrschaften, sondern auch die von den Einfachen.
11:57Absolut.
11:57Was ist Ihr Ansatz?
11:58Wir wollen die Geschichte Wiens, der Wiener und der Wienerinnen erzählen.
12:02Und das ist nur in einem ganz kleinen Teil die Herrschaftsgeschichte.
12:06Das heißt nicht, dass die nicht wichtig ist, weil die Herrschaft, erst einmal hatte sie selber eine Realität, das waren
12:10Menschen.
12:11Und sie hat noch sehr viel Macht und sehr viel Einfluss.
12:13Aber was uns eigentlich mehr interessiert, ist, was hat es geheißen, im 18. Jahrhundert in Wien zu leben.
12:27Diese Porzellanfiguren sind da ein wunderbares Beispiel.
12:30Auf der einen Seite haben wir hier Objekte der Macht.
12:35Und die wurden gekauft von der Aristokratie, von den Herrschaftshäusern.
12:39Und gleichzeitig, und da wird es wirklich spannend, diese Dinge stellen ja auch etwas dar.
12:43Und in diesem Fall stellen sie dar, wie sich die Aristokratie einfache Menschen vorgestellt hat.
12:50Also wenn wir zum Beispiel hier hinunterschauen, sehen wir eine Maroni-Braterin.
12:54Also wienerischer geht es nicht.
12:56Das ist natürlich nicht eine Frau aus der Aristokratie.
13:00Und wir wissen, dass eine Maroni-Braterin nicht so ein edles Kleid hätte.
13:04Das heißt, wir haben ein Spannungsverhältnis zwischen der Projektion, die die Eliten hatten.
13:11Die wollten sich die armen Leute natürlich nicht wirklich arm vorstellen, weil dann hätten sie ja vielleicht Schuldgefühle.
13:15Und so viel museale Arbeit liegt darin, die Quellen, die Objekte, die wir eben haben aus dem 18. Jahrhundert, so
13:24zu hinterfragen,
13:25dass wir daraus eine so möglichst vollständige Geschichte machen.
13:29Gleich auf der anderen Seite haben wir zwei Gemälde von Dienstboten.
13:33Porträts zu haben von Dienstboten ist außergewöhnlich.
13:36Gleichzeitig muss man sich auch wieder fragen, warum wurden diese Dienstboten gemalt?
13:40Und das ist dann im Endeffekt doch wieder eine Reflexion,
13:43weil das ein Herrschaftshaus war, das sich so bedeutend gedüngt hat,
13:48dass sie selbst ihre Dienstboten formal porträtieren haben lassen.
13:51Also es ist immer dieses Spiel zwischen Macht und Ohnmacht und der Frage,
13:56wie wir das möglichst vollständig in all seinen Spannungen darstellen, was wir hier versuchen.
14:02Und das ist unser Zugang für die ganze Geschichte Wieners.
14:15Jetzt sind wir in Biedermeier gelandet, Mitte 19. Jahrhundert, so ein Rückzug ins Privatleben.
14:21Ich finde es interessant, wie ihr die Kinder zum Beispiel ganz klar schon die Rollen zugewiesen bekommen,
14:25die sie später mal haben sollen.
14:27Also sowohl die hierarchischen als auch die geschlechtlichen Rollen.
14:30Ein Sohn muss Soldat werden, ein Sohn wird, ich würde mal sagen, Bauer oder sowas.
14:34Und das Mädchen wird natürlich Mutter.
14:36Und das ist die einzige Aufgabe, die für sie auch vorgesehen ist.
14:39Aber was toll ist, hier wird ja wirklich thematisiert, auch was so hinter der schönen Fassade stattgefunden hat.
14:45Ja, das ist ein toller Hinweis hier.
14:47Uneheliche Kinderanteil an den Gesamtgeburten 1850, 50 Prozent.
14:52Wahnsinn.
14:53Also so viel Rückzug ins Private scheint es ja noch nicht gegeben zu haben,
14:56wenn es gar keine Familien in dem Sinne dann gab.
15:00Aber ansonsten ist das alles Idylle.
15:02Glaubst du, die gab es tatsächlich oder wurde das nur für die Bilder dargestellt?
15:06Im Bürgertum wahrscheinlich schon, oder?
15:07Ich würde auch sagen, im Bürgertum hat es das schon gegeben.
15:10Hier ist ja ein starkes Bewusstsein in der Stadt Wien für Bürgertum.
15:13Und da stellen die sich natürlich bestimmt besser dar, als es in echt ist.
15:17Also ich würde sagen, so ein Instagram-Foto spiegelt ja auch nicht die Realität wieder.
15:21Nee, ganz und gar nicht.
15:25So hat man in Biedermeier gewohnt.
15:27Das ist das Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer von Franz Grillparzer, dem berühmten Dichter,
15:33der im Zivilberuf Beamter war.
15:34Aber mehr konnte der sich nicht leisten, als in Untermiete in so einem Zimmer zu wohnen, 23 Jahre lang.
15:39Ja, es kommt einem unvorstellbar bescheiden jetzt vor.
15:42Obwohl es durch Magoni-Holz, dann gibt es diese Klingeln, es gibt Dienstboten, das haben wir wieder alles nicht.
15:48Aber trotzdem, die Wohnverhältnisse sind das völlig anders für alle, die nicht Kaiser sind.
15:54Aber immerhin hatte er eine Wohnung und er hatte ein bisschen Platz.
15:58Denn das, worauf wir stehen, das ist die Kammer des Dienstmädchens.
16:03Das sind 1,4 Quadratmeter und da hat das Dienstmädchen in dem Haushalt geschlafen.
16:09Ja, es ist im Prinzip ein Kleiderschrank, oder?
16:12Den Rest der Zeit war sie wahrscheinlich sowieso mit Arbeiten beschäftigt.
16:14Ich wollte auch sagen, das ist eh das Einzige, genau.
16:27Natürlich haben Sissi und Franzi ja auch ihren Platz, das ist ja klar.
16:31Aber von ihr hat man ja in den letzten Jahren, gerade in Filmen, völlig Neues gehört.
16:36Die war ganz anders, als man dachte.
16:39Es gab ja eine Fülle von Serien, Romanen und eben immer mehr so eine Erzählung hin,
16:45nicht von so einer tragischen Prinzessin, sondern eben so einer sehr emanzipierten, selbstbewussten Frau,
16:52die dann da aber natürlich mit dem Ende dieses Jahrhunderts und den Konventionen,
16:56die das so mit sich gebracht hat, angeeckt ist.
16:59Und ich meine, direkt nach ihr und dem Franz Josef kam ja dann auch die Moderne.
17:03Also wenn sie ein modern empfindender Mensch war, muss sich das furchtbar angefühlt haben,
17:08in so ein rückwärtsgewandtes System wie das Kaiserreich so eingepackt zu werden.
17:14Kaiser Franz Josef lässt die berühmte Ringstraße bauen.
17:22Arbeiter aus Süd- und Osteuropa schuften 50 Jahre lang auf der Prachtpromenade für die neue Wiener Oberschicht.
17:35Kultur spielt ja auch eine große Rolle und Unterhaltung.
17:38Kommt daher auch noch die Liebe der Wiener zum Theater?
17:42Ist das auch heute noch so, wenn eine Premiere ist, dass das dann Glamour hat?
17:46Ja, hat es schon noch, finde ich.
17:48Das hat schon noch ein Glamour, aber auch schon allein durch die Größe.
17:50Das Burgtheater zum Beispiel ist ja wirklich sehr groß.
17:53Und es gehen eben auch alle noch.
17:56Also es wird eben einfach noch viel hingegangen und viel angeschaut.
18:06Die Bälle sind halt noch da.
18:08Ich war dieses Jahr beim Opernball bei der Generalprobe, also noch ohne Publikum.
18:13Und das war schon toll.
18:15Man kann sich plötzlich wie so eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert.
18:18Ich denke, so formell war das alles.
18:22Was für eine verrückte Zeit.
18:29Bevor wir Ihnen noch das bewegte 20. Jahrhundert hier im Wien-Museum zeigen, gehen wir erstmal in den berühmten Prater.
18:46Das Riesenrad ist das Wahrzeichen dieses gigantischen Vergnügungsparks, der das ganze Jahr geöffnet hat und die Wiener genauso wie Touristen
18:54aus aller Welt anlockt.
18:59Der Prater ist nicht nur Kirmes das ganze Jahr.
19:02Er hat auch eine erstaunliche Geschichte und die wird in diesem Museum erzählt.
19:12Das Prater-Museum ist übrigens eine von 17 Außenstellen des Wien-Museums.
19:23100 Quadratmeter ist dieses Wimmelbild groß, auf dem wir praktisch den ganzen Prater sehen.
19:27Was sehen wir denn da drauf alles?
19:29Es zeigt den Prater, den ganzen Prater, also wirklich diese 6 Quadratkilometer, aber natürlich mit dem Fokus auf den Wurstelprater,
19:35der der bekannteste Teil ist.
19:37Ja, und es zeigt nämlich 260 Jahre Geschichte.
19:39Also man sieht hier die Entwicklung des Kinos, Haneke, Stroheim, ein wichtiger österreichischer Regisseur, der Arnold Schwarzenegger.
19:47Wir sehen da den Josef Hader im Dagger da sitzen, also ganz eine wichtige Attraktion.
19:51Da vorne sitzt der Sigmund Freud, also der beobachtet das Geschehen.
19:55Wir wissen auch, er war gern im Prater.
19:57Was Sie hier zeigen ist im Grunde, dass der Prater immer für alle da war und dass man auch alles
20:01hier machen konnte.
20:02Denn man kann ja genauso gut joggen gehen oder sich einfach auf die Wiese legen.
20:06Es ist alles möglich.
20:07Ja, das war der Leitgedanke eigentlich, den Prater wirklich als Ort für alle zu zeigen.
20:12Und dieser Gedanke, dass er für alle offen ist, also frei zugänglich ist, der lebt bis heute, würden wir sagen.
20:23Mit diesem kaiserlichen Dekret fing 1766 alles an. Warum war das eine Revolution damals?
20:29Naja, 1766 befinden wir uns in einer ständischen Gesellschaft, also einer sehr hierarchisch geordneten Gesellschaft, also Adel, Bürgertum und so
20:36weiter.
20:37Die Kirche bestimmt, wie soll man sagen, den Rhythmus von Freizeit und Festen und so weiter.
20:41Und dann aber eröffnet der Kaiser dieses Areal, das vorher dem Adel und dem Königshaus oder Kaiserhaus vorbehalten war, für
20:49alle.
20:49Und das ist natürlich ein revolutionärer Schritt, also mit dem Hintergedanken, was passiert, wenn die Menschen Freiheit haben.
20:56Sie können jederzeit hierher kommen, jeder kann sich hier vergnügen.
20:59Und begrenzt ist es nur von der gegenseitigen Rücksichtnahme.
21:01Dem Kaiser geht es um eine neue Gesellschaft, um eine auch produktivere Gesellschaft, auch um, würden wir heute sagen, glücklichere
21:08Gesellschaft,
21:08um eine gleichwertigere Gesellschaft.
21:10Also der Staat der Demokratie, sagen wir jetzt, ist der Prater.
21:19Und sofort kam der Vergnügungsteil, der Wurstelprater dazu. Warum heißt der eigentlich Wurstelprater?
21:24Naja, man könnte ja gern glauben, es kommt von der Wurst.
21:28Passt auch eigentlich, weil der Prater ja immer ein Ort war, wo man gut gegessen hat und viele essen konnte.
21:32Aber er kommt eigentlich vom Hanswurst, der Figur der Komedien der Arte.
21:36Und diese Figur ist dann in Wien zum Kaspril geworden.
21:39Und deswegen heißt er eigentlich der Wurstelprater, Wurstelprater könnte eigentlich auch Kasprilprater heißen.
21:43Also quasi im Prater wird alles so spielerisch vermittelt.
21:45Also man kann sagen, die ganze Welt und gerade was aktuell ist, kommt in den Prater
21:49und wird dann so einfach, manchmal ein bisschen spöttischerweise, irgendwie an eine breite Bevölkerung vermittelt.
21:55Musik
22:07Und es war tatsächlich ein Ort, an dem alles Neue auch ausprobiert wurde.
22:12Es gab ja auch mal eine Weltausstellung.
22:14Ja, also es ist wirklich, der Prater ist so ein Experimentierfeld, so ein Labor, wie wir es nennen würden.
22:19Also auch gerade für moderne Technik.
22:21Man kann es ganz schön nachvollziehen mit den ganzen Flugexperimenten.
22:24Also das erste Motorflugzeug Österreichs wurde in Prater gebaut.
22:28Die Heißluftballone sind hier aufgestiegen.
22:30Dann kommen die ganzen Fahrgeschäfte immer mit den neuesten technischen Errungenschaften.
22:35Ob das die Eisenbahn ist, das Auto ist, das Flugzeug ist, die Rakete.
22:38Also auch immer diese Technikfantasien spielen in Prater eine zentrale Rolle.
22:43Musik
22:48Das kleine, aber feine Pratermuseum ist wirklich ein absoluter Tipp, wenn Sie mehr wollen.
22:52Als Zuckerwatte, Wurstel und Karussell fahren.
23:00Zurück im Wien-Museum gehen wir, wie versprochen, jetzt ins 20. Jahrhundert.
23:06Um 1900 ist Wien wichtiges Zentrum der Moderne.
23:11Auch in der Kunst.
23:15So ein kostbares Bild würde man im Stadtmuseum nicht unbedingt erwarten.
23:20Dieser Klimt hier.
23:21Emilie Flöge, das war seine Partnerin.
23:24Und eine tolle Frau muss das gewesen sein.
23:26Ja, die hat diese ganze Gewandrevolution in Wien vorangebracht.
23:32Eben raus aus dem Korsett rein in diese Art Umhänge und dann diese wahnsinnigen Muster, die er dann wiederum gemalt
23:39hat.
23:39Ja, auch eine sehr starke eigene Künstlerin.
23:43Ich finde, die sieht unheimlich modern aus.
23:45Also mindestens 70er Jahre wäre das auch so gut.
23:48Aber auch heute würde man sich auf dem roten Teppich sehr gut damit machen, oder?
23:52In so einem Look und auch mit hinten mit so einem hohen Kragen und die Haare so toll.
23:56Das ist wirklich fantastisch.
24:04Nur neun Jahre später, aber völlig anders.
24:06Egon Schiele, ein Selbstporträt, so ganz expressiv und das Innerste nach außen gekehrt.
24:14Was hättest du lieber zu Hause hängen?
24:16Oh, die hätte ich beide sehr gerne zu Hause hängen, schon wegen ihrem ungeheuren Wert.
24:21Aber auch wegen dem Interesse, das sie natürlich erwecken.
24:24Das eine so dieses Raus aus dem naturalistischen Malen in dieses industrielle Malen, wie Fabrikation funktioniert und das Übertragen auf
24:33Kunst.
24:34Und dann hier, das ist ja auch ein großer Teil der Entwicklung der Stadt Wien durch Freud und die Psychoanalyse
24:40so dieses Entdecken des Seelischen.
24:43Und dass man dafür einen Ausdruck finden kann und dass man das allen anderen mitteilen kann.
24:47Und dafür ist das natürlich ein ganz tolles Beispiel, das ist ein super Bild, finde ich.
24:54Diese Skulptur hat eine Frau geschaffen, Teresa Feodorowna Ries.
25:00Das ist eine Hexe bei der Toilette für die Alpurgisnacht.
25:05Das ist 1896 ein Skandal gewesen.
25:10Ja.
25:10Kannst du verstehen, warum?
25:11Ja, naja, also überhaupt, dass meine Frau dargestellt wird, nicht als liebliches, schönes Objekt der Begierde, das von irgendeinem Mann
25:20wie ein Bouquet herumgetragen werden kann,
25:22sondern in fälliger Wildheit und mit etwas beschäftigt, nämlich Fußnägel schneiden, was alles andere als schön gilt.
25:33Und das dann als Kunstwerk darzustellen, diese Situation überhaupt, kann ich schon verstehen, dass das in so einem klassischen Kunstbegriff,
25:42wo es immer darum geht, Schönheit nach vorne zu bringen, dass das ein Skandal ist.
25:46Aber es sieht natürlich super aus, finde ich, also auch mit dem Wind in den Haaren und es ist einfach
25:50wild und beschäftigt mit sich und ihrer Vorbereitung.
25:55Bewegte Zeiten in Österreich.
25:58Das rote Wien der 20er Jahre erfindet den modernen Sozialstaat.
26:04Beendet durch Nationalsozialismus und Krieg.
26:09Nach 1945 dann der Neustart. Viel Geschichte, anschaulich erklärt.
26:16Die vielen Mitmachstationen hier überall sind auch toll. Und das sind nicht nur so ganz spielerische Sachen.
26:22Hier geht es um Eskalation zum Beispiel, wie man sie vermeiden kann, mit ganz aktuellen Themen.
26:28Was hast du?
26:28Hier ist jemand verspottet, ein Geigenspieler auf der Straße. Und dann gibt es hier verschiedene Möglichkeiten zu antworten.
26:37Du bist unsicher, du stellst dich auf die Seite der spottenen Personen. Es macht dir Angst, du gehst weiter oder
26:43du findest, das ist keine große Sache.
26:45Im Grunde geht es da um Zivilcourage, ne?
26:46Ja, genau. Zivilcourage, die man einüben kann, finde ich auch mit sowas natürlich.
26:51In dem man sagt, stimmt, eigentlich würde ich so reagieren, aber besser wäre, ich hätte diese Reaktion.
26:56Man muss ja so Sachen auch gedanklich üben. Man rechnet ja auch nicht damit, dass einem sowas passiert oder dass
27:03man das beobachtet.
27:06Jetzt sind wir in Wien unserer Zeit gelandet mit allen Problemen, die eine 2-Millionen-Stadt mit Menschen aus aller
27:12Welt mit sich bringt.
27:14Wie fandst du denn das Museum jetzt? Wie hast du es erlebt?
27:17Ich finde es super. Ich komme sowieso oft und gerne hierher, aber ich finde es wirklich toll, weil ich eben
27:22auch das genau richtig super finde,
27:23dass es auch in der Gegenwart stattfindet. Und das wird einem hier sehr, sehr schön dargestellt.
27:29Sollte man, wenn man als Besucher nach Wien kommt, als Tourist, unbedingt in dieses Museum gehen? Und warum?
27:37Unbedingt hier rein, weil es so wahnsinnig schön ist und weil man so gut Kaffee trinken kann auch.
27:42Und auch, weil es natürlich toll ist, wenn man in einer fremden Stadt ist, dann nicht nur das zu nehmen,
27:46was die Touri-Oberfläche ist,
27:48sondern sich damit zu beschäftigen, was ist das für eine Stadt, was hat hier das Leben ausgemacht, was macht es
27:53jetzt aus?
27:54Und da hat man irgendwie dann mehr davon, finde ich, als wenn man jetzt nur zum Riesenradfahren herkommt und zum
28:00Zachertorten essen.
28:06Das neue Wien-Museum setzt Maßstäbe. Wie genial Alt- und Neubau zusammenfinden, wie freundlich und einladend alles ist
28:14und wie diese große Halle zur Bühne für die Geschichte wird.
28:18Einfach toll, mit wie viel Liebe und Sorgfalt hier Alltagsgegenstände, Dokumente und Kunstwerke zu einem großen Bild zusammengefügt werden.
28:26Mit knappen, verständlichen Texten und ganz viel zum Mitdenken und Mitmachen.
28:35Bei dieser Reise durch die Jahrhunderte wird auch das Schicksal der kleinen Leute erzählt, Menschen, die sonst meist vergessen werden.
28:42So wird Geschichte lebendig.
28:45Eintritt zahlen Sie hier nur für die spannenden Sonderschauen unterm Dach, die einzelne Themen vertiefen.
28:51Wann machen andere Museen endlich auch den Eintritt frei für ihre Dauerausstellung?
28:56Der Erfolg spricht doch für sich.
29:00Also, wenn Sie das nächste Mal in Wien sind, unbedingt ins Wien-Museum gehen.
29:04Und wenn die Zeit reicht, natürlich auch ins Prater-Museum.
29:07Bis zum nächsten Mal. Servus. Baba.
29:28Untertitelung des ZDF für funk, 2017
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