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00:00In the Osteria Grande, you don't know exactly who the secret traveler is.
00:11Signor Giovanni will be called.
00:14If he is on the trip to Rome, he says he is.
00:17For a Jewish or Lutheran from Germany, he is the Italian.
00:21He seems to be.
00:23Checo, as he calls him, is his neighbor.
00:26In Triest gelten die beiden als allerengste Freunde.
00:30Ihre Tage verbringen sie zusammen in der Stadt, werden Zeugen später aussagen.
00:35Die Abende gemeinsam auf dem Zimmer.
00:45Den arbeitslosen Koch beschäftigt er als seinen Diener.
00:49Aber warum nur erzählt er ihm, Kaiserin Maria Theresia habe ihm wertvolle Münzen geschenkt, als er in Wien in geheimer Mission war?
01:08Wer ist dieser Mann wirklich?
01:12Was ist seine Mission?
01:19Und was geschah in Triest am 8. Juni 1768?
01:26Winkelmann? Wer bitte?
01:46Johann Joachim Winkelmann.
01:49Er lebt im Zeitalter des Barock.
01:52Und der Kastratensänger.
01:54Für ihre Musik begeistert er sich.
01:57Aber der Barocktant ist ihm zuwider, das gefräßige, unmäßige.
02:05Das schlanke, ranke, athletische findet er schön.
02:08Bei antiken Statuen wie bei jungen Männern.
02:15Die Griechen nachahmen.
02:17Mit 20 Zeichen verändert er die Welt in Architektur und Kunst.
02:22Lehrmeister der Welt wurde er genannt.
02:26Einer der einflussreichsten Schriftsteller seiner Zeit ist er gewesen.
02:32Nachhaltig bis heute.
02:35An diesem 8. Juni 1768 um 10 Uhr morgens poltert es laut in der Herberge Winkelmanns.
02:42Achsozino! Achsozino! Achsozino!
02:43Associno! Associno!
02:53See! See, was er mit mir gemacht hat!
02:57See, was er mit mir gemacht hat!
03:047-mal hat Checo zugestochen. In Brust und Bauch.
03:08Niedergestochen von seinem Zimmernachbarn Arcangeli.
03:12So werden es Zeugen später vor Gericht aussagen.
03:19Ein Streit unter Freunden? Ein Auftragsmord? Oder nur ein Raubmord?
03:26Erst 50 Jahre ist Winkelmann auf dem Höhepunkt seines Ruhms.
03:31Aber wer hätte gedacht, dass es der Sohn eines armen Schusters einmal so weit bringen würde?
03:36Geboren wurde Johann Joachim Winkelmann 1717 im altmärkischen Stendal, heute Sachsen-Anhalt, gut 100 Kilometer vor Berlin.
03:49Schuster, bleib bei deinem Leisten, heißt es da.
03:52Schule? In der Schusterwerkstatt seines Vaters wird Winkelmann gebraucht.
03:58Aber Schule ist für ein paar Jahre preußische Pflicht.
04:01Was es da zu lernen gibt, langweilt ihn. Aber Lehrer erkennen seine Intelligenz.
04:14Er lernt als Kind schon Griechisch und Latein.
04:18Ein Lufthauch der Güte, also reiche Wohltäter, ermöglichen ihm ein Studium.
04:27Obwohl es einem Handwerkersohn nicht zustände.
04:30Aber was will er eigentlich studieren?
04:36Protestantische Theologie, das wollen die Eltern.
04:38Denn als Pfarrer, als sozialer Aufsteiger, käme er einigermaßen durchs Leben.
04:45Zwar studiert er Theologie, aber sie interessiert ihn nicht.
04:49Die Theologen wissen, was andere gewusst haben, sagt er.
04:52Winkelmann aber will wissen, was andere nicht gewusst haben.
04:56So beginnt er ein Medizinstudium, lernt Anatomie.
05:00Dieses Wissen wird er noch einmal gebrauchen können.
05:04Aber nicht das kranke, totgeweihte, die Schönheit ist sein Ideal.
05:11Und das ist auch eine Frage der Anatomie.
05:14Denn wo schaffen welche Muskeln Körperspannung für eine schöne athletische Kontur, wie er es nennt?
05:23Meisterhaft wird er antike Statuen beschreiben.
05:26Messerscharf wird er sezieren, was ein schöner Mensch sei.
05:31Winkelmann ist ein mehrfacher Studienabbrecher.
05:36Er sei ein rastloser und unsteter Mensch, heißt es.
05:40Und er sei arm wie eine Kirchenmaus.
05:43Er findet reiche Gönner von hohem Stand.
05:46Doch nie wird er ihresgleichen.
05:48Zeit seines Lebens sehen sie auf den Schusterjungen aus Stendal herab.
05:53Durch Mangel und Armut, durch Mühe und Not habe er sich Müssenbahn machen.
06:04Das ist oft mehr als bitter.
06:09Aber dann hat er auch Glück.
06:10Das Rittergut Nötnitz bei Dresden.
06:22Jahrelang hatte sich Winkelmann als Lehrer unbegabter Schüler durchschlagen müssen.
06:27War als Hauslehrer von seinem Liebling Lamprecht verschmäht worden.
06:32Eine Frohn- und Leidenszeit sei das gewesen.
06:35Doch jetzt hat sie ein Ende.
06:38Der Reichsgraf von Bühnau macht ihn auf Schloss Nötnitz zu seinem Bibliothekar.
06:4242.139 Bücher. Was für ein Paradies für den Bücherwurm Winkelmann.
06:58Okay, er muss sie alle katalogisieren. Aber er bekommt Kost und Logis und ein wenig Lohn.
07:07Und er braucht wenig Schlaf. Kann nachts und frühmorgens lesen, tausende Notizen machen.
07:15Die wird er einmal verwenden für eigene Bücher.
07:20Hier kann er die Abbildungen antiker Statuen studieren.
07:24Und entflammt für die Kunst der Alten. Beginnt zu schwärmen.
07:29Der gute Geschmack hat sich zuerst unter griechischem Himmel ausgebildet.
07:34Und welch ein Glück. Alle acht Tage hat er frei. Darf ins nahe Dresden.
07:43Dresden, das Elb-Athen genannt.
07:52Der so kunstsinnige wie sammelwütige August der Starke macht seine Residenzstadt zur goldenen Metropole des Barock.
08:06In Dresden trifft Winkelmann Freunde. Er kann Zeichenkurse belegen und die berühmten Kunstsammlungen besuchen.
08:17Sehet die Madonna, schreibt er, mit einem Gesichte voller Unschuld und zugleich mit einer weiblichen Größe.
08:26Und ein Kind über gemeine Kinder erhaben, durch ein Gesicht, aus welchem ein Strahl der Gottheit hervorzuleuchten scheint.
08:33So geht Winkelmannsche Kunstschriftstellerei. Ein anderer Autor schrieb,
08:40nichts Erhabenes, ein missmutiges Kind nach der Natur gemalt, sei Raphaels fixtinische Madonna.
08:46Aber da sind ja noch die Engelchen unten am Bildrand. Sie sollten Karriere machen. Auf dem Tant unserer Zeit.
08:52Aber dann sieht Winkelmann erstmals die antiken Statuen, die er nur aus Abbildungen in Büchern kannte.
09:03Original in der kurfürstlichen Sammlung im Albertinum. Eine Begegnung, die folgenzeitigen wird.
09:11Zu Winkelmanns Zeiten waren die heutigen staatlichen Kunstsammlungen Dresden die bedeutendste antiken Sammlung nördlich der Alpen.
09:19Damals allerdings nicht so locker aufgestellt wie heute.
09:24Die Antiken waren leider damals schlecht gestellt und später, als er dann in Rom ist, erinnert er sich daran,
09:32an seinen Dresdenbesuch, an seinen Besuch der Dresdner Antiken.
09:36Und das berühmte Wort wird dann sozusagen formuliert von ihm, dass die Antiken wie die Heringe gepacket standen und zu sehen,
09:44aber nicht zu betrachten waren. Aber einige waren besser gestellt.
09:48Und das waren eben diese drei Statuen, Frauenstatuen aus Herkulanium.
09:53Unter den Heringen sprechen ihn die sogenannten Herkulanerinnen besonders an, die am Vesuv ausgegraben wurden.
10:01Mal nichts Barockes, nichts Üppiges. Anmutige, schöne Körper in fließenden Gewändern, die alles erahnen lassen. Fast.
10:11Was ihn faszinierte, war zum einen ihre Großartigkeit. Das Schickliche und die Dignität. Die Würde, die diese Frau ausstrahlt.
10:28Das liegt erst einmal an ihrer Statur und ihrer distanzierten Haltung.
10:32Andererseits verbindet Winkelmann mit dieser Frauenstatur auch die Idee von Freiheit.
10:39Die griechischen Kleider sind nach dünnen und nassen Gewändern gearbeitet, die sich folglich dicht an die Haut und den Körper schließen und das Nackende desselben sehen lassen.
10:52Sehr dünnes Zeug, schreibt er.
11:00Das sehr dünne Zeug und Nackende hat es nicht nur Winkelmann angetan. Er macht es zur Mode in Europa.
11:06Es wird die Mode der französischen Revolutionärinnen 1789 und modereicher Bürgerfrauen.
11:18Madame Recamier, Bankiersgattin und Intellektuelle posierte darin.
11:25Nicht nur Arme und Schulter bleiben frei, der ganze Körper erscheint klatschnackt.
11:32Und wenn die Freiheit mit der Tricolore auf die Barrikaden geht, dann barbusig.
11:38Winkelmann wäre begeistert gewesen von der Mode à la grecque, der Nudistenmode, wie sie auch genannt wurde.
11:44Winkelmann ist alles barocke zuwider. Er prangert die maßlose Vergöldung von allem und jedem an.
11:57Beklagt das Verderben des guten Geschmacks.
12:01Zeitgeist war das Unmäßige, das Füllige, das Fettige und Unförmige.
12:07Erstrebenswert war Gewichtszunahme. Kilogramm um Kilogramm fraß Mann wie Frau sich an.
12:15Winkelmanns Landesherr August der Starke ließ sein Fett wiegen und feiern.
12:25Das sei mehr zur Satire als zur Ehre gereichend, befindet Winkelmann.
12:29In Dresden findet der Bibliothekar Winkelmann reiche Gönner. Auch wenn er deren barocken Geschmack, nun ja, erst einmal schwamm drüber.
12:43Aber man hört ihm aufmerksam zu. Der gute Geschmack habe sich zuerst unter griechischem Himmel ausgebildet.
12:52Winkelmann rühmt die Werke antiker Bildhauer.
12:56Die athletischen, sinnlichen Körper.
13:03Sie seien nach der Natur gebildet, aber ideal überhöht.
13:07Sein Credo? Es sei Aufgabe der Kunst, die Schönheit darzustellen.
13:13Was Winkelmann so dachte und erkannte, musste raus.
13:211755 wird sein erstes Buch in Dresden gedruckt.
13:26In einer Auflage von 50 Exemplaren. Das ist nix.
13:31Aber er ist ein Kommunikationsstratege. Er schränkt bewusst die Auflage ein, um das Interesse des Publikums zu reizen.
13:38Sein Kalkül wird aufgehen.
13:41Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst.
13:49Sein Buch wird schnell nachgedruckt und übersetzt ins Französische und Englische.
13:55Ein Klassiker der Kunstgeschichte bis heute.
13:59Das war eigentlich seine Erstlingsschrift und damit hat er Furore gemacht.
14:04Die hat er in acht Wochen geschrieben zwischen Ostern und Pfingsten.
14:06Und er hat in dieser Schrift eben gesagt, dass die zeitgenössischen Künstler
14:12möglichst sich an dem Vorbild der Antike orientieren sollen.
14:16Und das war ganz neu.
14:18Weil die Griechen, in Griechenland sei der gute Geschmack gebildet worden.
14:24Und an diesem guten Geschmack sollen sich doch alle zeitgenössischen Künstler orientieren.
14:28Und er hat ja auch dieser Schrift ein Motto von Horatz vorangesetzt.
14:31Die griechischen Vorbilder legt nicht aus den Händen bei Tag nicht und bei Nacht nicht.
14:37Also das ist sozusagen schon die Grundessenz dieser Schrift.
14:41Er hat den Nerv der Zeit getroffen, er hat damit natürlich die klare Form propagiert,
14:46die Schönheit propagiert, die aus dem Kontur wächst.
14:49Und das war sozusagen eine Gegenschrift gegen den Barock, gegen den Herrschenden, gegen das Barockzeitalter.
14:59Aber was ist nur mit Winkelmann in der Grande Locanda in Triest passiert?
15:03Da ist ein Strangulationsmal am Hals. Dort liegt ein Strick.
15:16Hotelgäste haben ein großes Poltern gehört. Und woher kommt das viele Blut?
15:334, 5, 6, 7 Stiche zählt der Arzt und gibt es dem Gericht zu Protokoll.
15:45Er sieht eine Schnittwunde an der Hand.
15:50Ein Eifersuchtsdrama? Ein Raubmord? Mittag ist vorbei, Winkelmann lebt noch.
15:56Nur wie lange würde er noch leben?
15:59Als Winkelmann die Bildhauerei der Antike entdeckt, erkundet, erforscht und beschreibt
16:18und damit die Kunst und Architektur beflügelt, bereitet er dem barocken Schönheitsideal ein Ende.
16:24Dem Überladenen, dem Protz, dem Lauten, dem kitschig-bunten Schwulzt.
16:39Der einzige Weg für uns groß, ja, wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, denkt und schreibt er,
16:45ist die Nachahmung der Alten.
16:51Sein berühmtester Tweet?
16:54Edle Einfalt, stille Größe.
16:58Zu seinem Schlachtruf wird, die Griechen nachahmen.
17:03Mit nur 20 Zeichen begründet er eine neue Stilepoche, den Klassizismus.
17:07Winkelmann spricht von der edlen Einfalt, von der stillen Größe.
17:17Diese offenbart sich im Ruhenden, im Beseelten.
17:21Er drückt es so aus, sowohl in der Stellung als auch im Ausdruck der griechischen Skulpturen
17:26offenbart sich eine große, eine gesetzte Seele.
17:28Er propagierte eine klare, schnorkellose Kunst gegen das Schwülstige in Barock und Rokoko.
17:35Hier führt er als Vergleich das Bild des Meeres ein, selbst wenn auf der Oberfläche ein Sturm tobt.
17:41In der Tiefe des Meeres bleibt das Meer beständig und horch.
17:46Das war sein Idealbild und in dieser Idee gründete der Klassizismus.
17:51Griechische Tempel nachzuahmen, wie es Winkelmann propagierte, wurde zur Ästhetik des beginnenden bürgerlichen Zeitalters.
18:06Alles Klassizismus aus dem Geiste Winkelmanns.
18:10Es wurde Weltstil, bis hin zum Kapitol in Washington.
18:14Niemand weiß, ja ahnt in Triest, wer da schwer verletzt und schwächer werdend im Hotelzimmer liegt.
18:24Signore Giovanni, wie ist Ihr richtiger Name?
18:28Winkelmann. Winkelmann.
18:33War es Aufschneiderei oder stimmte es wirklich, dass er in geheimer Mission bei Maria Theresia war?
18:44Unter den vielen Briefen und Notizen findet sich ein Wiener Reisepass.
18:49Ausgestellt am 28. Mai 1768.
18:55Für Johann Winkelmann.
18:59Präfekt der Altertümer von Rom, der in die heilige Stadt zurückkehrt.
19:04Es scheint also zu stimmen, dass er ein wichtiger Mann in Rom ist.
19:12Nur, wie kommt er dorthin?
19:15Winkelmann genießt in Dresden allerhöchste Protektion.
19:19Aber was soll so ein Mann dort? Er muss nach Rom.
19:24Es gibt allerdings ein Hindernis. Winkelmann war in der Lutheranischen Ketzerei geboren und erzogen.
19:30Mach ich ihn halt zum Katholiken. Die Religion zu wechseln, heißt nur, den Tisch zu wechseln, nicht den Herrgott, sagte der Erzbischof Graf Arkinto.
19:43Winkelmann wechselt leichten Herzens zum Katholizismus.
19:47Er sei eh eher heidnischen Sinnes gewesen, meint Goethe.
19:51Alles ist nichts gegen Rom.
19:57Dem Abbe Winkelmann, das ist er jetzt, liegt Rom zu Füßen.
20:03Dort ist die Tafel reich gedeckt.
20:07Das antike Rom, Hauptstadt der Kunst, wird zu seiner Heimat.
20:12Aber ausgerechnet die heilige Stadt ist damals auch die Hauptstadt der Laster und der Ausschweifungen.
20:17Goethe hat es erlebt und begeistert den römischen Karneval beschrieben.
20:23Junge Männer gingen als Weiber. Man treibe, was einem Laune, Witz oder Unart eingebe.
20:32Weiber und Männer täten gemein und vertraut mit ihresgleichen.
20:37Nun, Rom war auch Hauptstadt für alle, die griechisch gesinnt waren wie Winkelmann, die nicht nur von Freundschaft zwischen Männern schwärmten, sondern auch von warmer Liebe.
20:51Warm war das Codewort. Er habe schöne Sachen gebeichtet, schrieb er einem Freund. Auf Latein gehe das besser und aufrichtiger als auf Deutsch.
21:03Aber auch in Statuen ist er regelrecht verliebt.
21:09Eine Stirn mit der Göttin der Weisheit schwanger. Ein Mund, der wolleste einflößt. Mein Bild scheint Leben und Bewegung zu bekommen.
21:20Winkelmann fand den Apollo von Belvedere seines Erachtens das höchste Ideal der antiken Kunst überhaupt, des bedeutendsten und des kleinsten Teils der Natur beraubt vor.
21:36Aber Fantasie hatte er ja. Und Erfahrung, wie wir aus Briefen an seine toleranten Freunde wissen.
21:47Was das zierlichste und bedeutendste Teil des Mannes betraf, berichtete Winkelmann, diese Woche werde den Statuen im Vatikan ein Blech vor den Schwanz gehängt.
21:57Eine eselsmäßigere Regierung sei kaum in Rom gewesen, wie die jetzige ist.
22:02Winkelmann meinte Papst Clemens XIII.
22:09Der Kleine im Ruhezustand war das Idealmaß für Götter, Helden und Athleten.
22:14Der kleine Penis bedeutete Mäßigung, zeichnete zumindest an einer Statue kultivierte intelligente Männer aus, die ihre Triebe kontrollierten.
22:23Ein Wandbild in Pompeji ist weltberühmt geworden.
22:26Über solche Gemächte, wie Winkelmann sie nannte, machte man sich in der Antike lustig.
22:30Der sexuell erregte, also der ityphalische, wie wir in der Kunstwissenschaft sagen, der Stand für Lüsternheit, für Dummheit.
22:39Bei Priapus sogar für sexuelle Gewalt. Also das Gegenteil von Heldentugenden.
22:44Und auch ohne schöne Muskulatur. Also kein schöner Mann.
22:49Winkelmann bringt es in Rom nicht nur zum Bibliothekar und Kunstkurator eines Kardinals.
23:01Der Papst ernennt ihn sogar zum Prefetto, zum Chef der Altertümer in Rom.
23:10Da wird er viel bewirken.
23:14Von Rom aus macht sich Winkelmann auf, Griechenland zu erkunden.
23:22Mit der Kutsche kann man es bequem in nur zwei Tagen erreichen.
23:27Denn südlich von Rom, bei Neapel, liegt die Magna Greca, Großgriechenland, mit dutzenden antiken Kolonien.
23:37Da steht heute, wie damals, noch viel.
23:39In Pestum sieht er erstmals mit eigenen Augen griechische Tempel in stiller Größe.
23:56Und Neapel am rauchenden Vesuv reizt ihn besonders.
23:59In Herkulaneum, das im Jahr 79 nach Christus vom Vesu verschüttet wurde, werden aus der Lava Schätze geholt.
24:12Kostbarkeiten kommen ans Tageslicht und verschwinden.
24:16Man sucht und findet, was Adel, Könige, Kardinäle, Päpste teuer bezahlen.
24:24Was wertlos erscheint, wird zerdeppert.
24:30Was da passiert, ist für Winkelmann keine Archäologie.
24:35Es ist zerstörerische, üble Raubgräberei.
24:40Einmalige Bronzestatuen verschwinden im Geheimkabinett des Königs von Neapel.
24:46Mit den Augen eines schleichenden Diebes habe er sie gesehen.
24:51Winkelmann hatte einen Wärter bestochen.
24:54Winkelmann ist entsetzt über das, was er erlebt hat.
25:01Er beschreibt nicht nur die Funde, die verschwunden sind.
25:04Er macht die Raubgräberei am Vesuv öffentlich.
25:071762 verfasst er das Senschreiben von den herkulanischen Entdeckungen.
25:15Es gilt als erste archäologische Schrift der Moderne.
25:18Gut, da waren ein paar Fehler drin.
25:21Aber damit begründet er die moderne Archäologie als Wissenschaft.
25:25Er gilt als Vater der modernen Archäologie. Und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen europäischen Ländern, besonders in Italien.
25:40Warum nennt man ihn den Vater der Archäologie?
25:45Er hat mit seiner Geschichte der Kunst des Altertums verschiedene Werkzeuge entwickelt, darunter den Begriff Stil.
25:54Diese Werkzeuge ermöglichen es, eine Kunstgeschichte der Antike zu schreiben.
25:58Winkelmann fordert, Schluss zu machen mit der Schatz- und Raubgräberei.
26:12Nicht nur auf Funde, auch auf Befunde komme es an.
26:15Zu einer Archäologie als Wissenschaft gehöre auch das exakte Vermessen und Datieren nach den Stilen.
26:23Ohne die Arbeit der Archäologen, nach Maßgabe von Winkelmann, könnten wir uns die Städte der Antike, die Tempel, die Villen, nicht vorstellen und sie nicht rekonstruieren.
26:35Wie Athen, das Winkelmann wegen der Freiheit der Bürger bewundert und beneidet.
26:40Dort habe sich der gute Geschmack ausgebildet.
26:45Die Künstlerin Angelika Kaufmann malt ihn 1764 in Rom.
26:58Winkelmann ist jetzt berühmt. Er hat viele Freunde, viele Bewunderer in aller Welt.
27:05Sie malt ihn mit der Feder in der Hand als Kunstschriftsteller.
27:09Seine Bücher werden in ganz Europa gelesen. Sie erleben Auflage um Auflage.
27:16Er wird ein Bestseller-Autor, der seine Zeitgenossen für die Antike begeistert.
27:20Aber nicht nur das. Winkelmann rettet mit seiner Begeisterung auch antike Denkmäler vor der Zerstörung.
27:32Das Pantheon, der heidnische Tempel aller Götter, blieb nur erhalten, weil man ihn zu einer Kirche gemacht hatte.
27:40Aber vieles wurde für immer zerstört.
27:42Das Forum war damals eine Kuhweide, aller Marmor, in Öfen zu Gips für barocken Stuck verarbeitet.
27:51Aber wenn schon Gips, dann nicht für barocken Muschel- und Girlanden-Kitsch.
27:57Konnte man mit Gips nicht auch originalgetreue Abgüsse von antiken Statuen und Büsten anfertigen?
28:02Der Restaurator Andreas Bethke macht es für die Akademische Kunstsammlung in Bonn.
28:11Es müssen ja nicht immer Originale sein, wenn man sie originalgetreu bis ins Detail aus Gips reproduzieren kann.
28:21Winkelmann selber schätzte Repliken. In Museen dienen sie zum Studieren, Schauen und Bestaunen.
28:32Alles, was Rang und Namen hat, ist in der Akademischen Kunstsammlung in Bonn zu sehen.
28:38Die Originale, die in aller Welt verstreut sind, sind hier als täuschend echte Kopien versammelt und halten stille Zwiesprache.
28:51Die Originale sind ja zumeist fragmentarisch überliefert.
28:54Aber der Vorteil einer Abgusssammlung ist, dass sie sozusagen die Werke der Kunst aller Epochen wie auf Perlen aufreiht.
29:03Dass man sozusagen alle Epochen, alle kunstgeschichtlichen Werke studieren kann, die sonst in der Welt verteilt sind.
29:10Man kann experimentieren mit einer Abgusssammlung, man kann sie zu Forschungszwecken benutzen, zu Rekonstruktionszwecken benutzen.
29:17Und auch Winkelmann, es gibt ja eine Stelle in einem Brief, Winkelmann hat ja auch die Beschreibung der Herkulanerin an Abgüssen gemacht, die im Besitze des Königs waren, wie er schreibt.
29:30Und noch eine andere großartige Idee hat Winkelmann.
29:35Man müsse auch den Ort ausgraben, wo die antiken Bildhauer diese wunderbaren, schönen, sportlichen Körper in Aktion studierten und idealisiert gestalteten.
29:46Den Ort des Griechentums, des Friedens und der Nacktheit schlechthin.
29:51Olympia. Auch das wurde Realität.
29:55Der Austragungsort der Olympischen Spiele der Antike auf der Peloponnese wurde 1875 ausgegraben.
30:03Am griechischen Sport fasziniert Winkelmann, dass die jungen Leute ganz nackend ihre Leibesübungen trieben.
30:11Das schönste Nackende der Körper zeige sich dort in so mannigfaltigen, wahrhaften und edlen Ständen und Stellungen.
30:22Winkelmann rühmt und preist die olympische Jugend als Vorbild.
30:26Denn wer sie erschlaffe oder hatte Dunst angesetzt, sprich wurde fetter, dann hieß es verschärfte Körperertüchtigung und Diät.
30:34Aber wie nur, fragt sich Winkelmann, bekommen die griechischen Bildhauer das hin, schnellste Bewegungsmomente im entscheidenden Moment zu erfassen, sie gleichsam einzufrieren?
30:51Er gibt auch gleich die Antwort. Sie beobachteten die Athleten bei den Wettkämpfen.
30:58Man lerne dort die Bewegungen der Muskeln kennen, die Wendungen des Körpers, ihre Umrisse studieren.
31:07Und Winkelmann verlangt auch vom modernen Künstler, die Natur als Vorlage für die idealen Kopfbilder des Schönen zu nehmen.
31:20Sportwettkämpfe als Friedensspiele. Auch diese Idee wurde Wirklichkeit.
31:321896 fanden die ersten Spiele der Neuzeit in Athen statt. Die Olympiade wurde zu einem Weltereignis.
31:41Winkelmann plant, Olympia selber auszugraben. Dazu kommt er nicht mehr.
31:56Stundenlang liegt er schon mit Blutverlust, wird immer schwächer.
32:00Viele gewichtige Briefe hat er im Reisegepäck. Und Bücher, die ihn, Johann Winkelmann, als Autor ausweisen.
32:14Stiche berühmter Statuen griechischer Bildhauer hat er mit.
32:27Besonders angetan ist Winkelmann von einem kraftvollen, muskelbepackten Torso des Bildhauers Apollonius.
32:35Große Bildhauerkunst. Winkelmann beschreibt den Torso vom Belvedere so.
32:40Ich wurde entzückt, da ich diesen Körper von hinten ansah. So wie ein Mensch, welcher nach Bewunderung des prächtigen Portals an einen Tempel geführt würde,
32:49wo ihn das Gewölbe desselben von Neuem in Erstaunen setzt. Und unser Blick wird gleichsam mitverschlungen.
32:57Sicher fühlte er sich auch erotisch von den Skulpturen angesprochen.
33:01Die männliche Nacktheit der Griechen begegnet uns eigentlich schon im 8. Jahrhundert vor Christus.
33:05Sie überrascht von daher nicht, denn selbst die Athleten trainierten in den Gymnasien täglich nackt.
33:11Und so wurden einige Muskelpartien, wie zum Beispiel der Gluteus Maximus, also der große Gesäßmuskel, plastisch herausgearbeitet.
33:19Auch die Bauchmuskulatur scheint zu meandrieren, wie Winkelmann es beschreibt.
33:24Also sie schlängelt sich wie ein Fluss im Tal. Heute würden wir Sixpack dazu sagen, dieses ästhetische Maß ist bis heute beibehalten worden.
33:33Es wird noch wichtig werden, was der Arzt in Winkelmanns Hotelzimmer vorfindet.
33:52Bring das zur Polizei.
33:53Es ist aber nicht alle Tage Olympia, schon gar nicht zu Winkelmanns Zeiten.
34:08Auch da hat er eine Idee. Die Griechen nachahmen, ihre Werke studieren.
34:14Auch wenn er treffend bemerkte, das könne Sportstudien nicht ersetzen.
34:27Nach Winkelmanns Lehrgedanken und Idealen führten die Kunstakademien das Aktzeichnen ein.
34:32Aber auch heute noch hat es einen Reiz, nach den Antiken zu zeichnen, zu modellieren, sich von ihnen inspirieren zu lassen.
34:42Und so mancher ist mit Winkelmanns homoerotischem Blick auf lebende Körper zum Weltstar geworden.
34:59Wie der Fotograf Robert Mapplethorpe. Oder hat sich daran orientiert?
35:08Gäste seiner Gönner durch Rom zu führen. Auch das gehört zu Winkelmanns Aufgaben.
35:28Sie tagelang zu begleiten, zu erzählen, zu deuten, den Animateur zu machen.
35:35Und was es da nicht alles zu sehen, zu erzählen und zu deuten gab.
35:41Von Künstlern und Gebildeten abgesehen befand er, alle Kavaliere kämen als Narren her und gingen als Esel wieder weg.
35:50Sie verdienten es nicht, dass man sie unterrichte und lehre.
35:53Ja, auch das ist Winkelmann, Initiator des antiken Tourismus.
36:08Da könnte man ja auch wieder mal seine Geschichte der Kunst des Altertums zur Hand nehmen.
36:13Auch sie vielfach übersetzt. Der erste Reiseführer seiner Art.
36:18Er hat natürlich für die Gelehrten geschrieben. Er hat aber auch vor allen Dingen für die Künstler geschrieben.
36:23Und er hat natürlich auch für eine breite Bevölkerung geschrieben.
36:28Und damit hatte er ja auch Erfolg. Und er hat eben durch seine schöne Sprache auch Geschichte geschrieben.
36:34Die ist eine poetische Sprache, an der man sich auch Goethe zum Beispiel begeistert hat.
36:41Winkelmann liebt die Musik von Händel, von Porpora und anderen Komponisten für Kastraten.
37:02Kastraten waren die Superstars ihrer Zeit.
37:17Nicht nur die Damenwelt war von den Männern in Frauenkleidern mit den betörend hohen Stimmen hingerissen.
37:22Winkelmann sucht ihre Gesellschaft. Er habe so jemanden gefunden, mit dem er von warmer Liebe rede.
37:37Goethe outet später Winkelmann. Er sei ein Liebhaber von Jünglingen gewesen.
37:50Warum nur in der Kunst, warum nicht auch in der Liebe die Griechen nachahmen, fragt sich Winkelmann.
37:55So malt ihn sein Freund Anton von Maron mit Pelz und Turban.
38:02Auch wenn es in Rom im Winter bitterkalt war, Winkelmann wollte nur noch im Süden leben, unter griechischem Himmel.
38:12Et in Arcadia Ego. Auch ich im Paradies.
38:16Liebe zwischen Männern lehrt die christliche Moral nicht, befindet er.
38:22Aber die Heiden beteten sie an. Die größten Taten des Altertums sind durch sie vollbracht.
38:32Seine Homosexualität, seine Liebe zu Männern, war das nur seine Privatsache?
38:37Die Homosexualität spielt in Winkelmanns Werk eine sehr wichtige Rolle.
38:48Zunächst, er hat niemals aus seiner Homosexualität ein Geheimnis gemacht.
38:53Er spricht sehr offen darüber, insbesondere in seinen Briefen, aber auch in bestimmten Schriften.
38:59Diese Homosexualität spielt auch eine sehr wichtige Rolle, wie er die Statuen betrachtet.
39:07Sein Blick ist besonders feinfühlig, was die Form des Körpers betrifft, insbesondere des männlichen Körpers.
39:14Nichtsdestotrotz, in seinem theoretischen und historischen Werk macht er einerseits eine sehr klare Unterscheidung zwischen
39:21Reiz, also der sexuellen Anziehung, und andererseits, was er das Gefühl für das Schöne nennt.
39:29Winkelmanns Freunde, seine Gönner wie der Kardinal Albani, seine Umgebung in Rom wie in Dresden.
39:44Alle wussten von seinen Armuren, auf die die Todesstrafe stand. Und schwiegen diskret.
39:51In seinen Briefen macht er kein Hehl daraus.
39:54Der Adel ist hier ohne Stolz und die großen Herren ohne Pedanterie.
40:00Man kennt hier mehr als bei uns, worin der Wert des Lebens besteht.
40:05Man suchet es zu genießen und andere genießen zu lassen.
40:08Von seiner homoerotischen Neigung weiß auch der Maler Anton Raphael Mengs.
40:20Er macht sich einen bösen Spaß. Er habe eine Malerei aus Pompeji.
40:24Winkelmann schrieb über sie so.
40:27Es ist der sitzende Gott Jupiter. Im Begriff Ganymed, den schönsten aller Sterblichen zu küssen.
40:35Es ist ohne Zweifel eine der allerschönsten Figuren des Altertums.
40:40Pech nur. Es ist eine Fälschung von Mengs, auf die Winkelmann reinfällt.
40:44Den pummeligen Lustknaben, heute Kategorie Missbrauch, sieht Winkelmann so.
40:50Es blüht so viel Wollust auf des Knabenlippen, dass dessen ganzes Leben nichts als Kuss zu sein scheint.
40:59Mengs Version von Zeus und Ganymed traf sowohl thematisch wie auch geschmacklich in das Begierdenzentrum Winkelmanns.
41:10Denn den Göttern der Griechen war nichts Menschliches fremd.
41:13Damit wurde praktizierte Homosexualität und Knabenliebe göttlich.
41:17Welch Gegensatz zu der Realität des 18. Jahrhunderts.
41:21Auf Homosexualität, Sodomie genannt, stand die Todesstrafe.
41:25Selbst Goethe war für den Kitsch anfällig und hätte die Malerei gerne gekauft,
41:30um sie später für den dreifachen Preis wieder zu verkaufen.
41:33Aber leider konnte er sie nicht nach Weimar transportieren.
41:37Denn sie war leider nicht auf Leinwand, sondern auf Kalk, wie er schrieb.
41:46Tief gekränkt beendet Winkelmann die Freundschaft mit Mengs.
41:50Das Bunte ist ihm ja auch eigentlich zuwider.
41:56Er sieht die antiken Statuen in aristokratischer Blässe, marmorweiß.
42:02Da nun die weiße Farbe diejenige ist, welche die meisten Lichtstrahlen zurückwirft,
42:13so wird auch ein schöner Körper desto schöner sein, je weißer er ist.
42:18Ja, er wird nackend größer, als er in der Tat ist.
42:21Mit seinen Augen sehen wir sie auch heute noch, Winkelmann marmorweiß.
42:33Aber waren die Marmorstatuen in der Antike überhaupt weiß?
42:38Es kamen immer wieder Statuen mit Resten von Bemalungen ans Licht, wie diese.
42:43Winkelmann, der genau hinguckt, ist das nicht verborgen geblieben.
42:48Winkelmann war sich der antiken Polychromie sehr wohlbewusst.
42:53Er sah, dass die Skulpturen farbig bemalt waren, sehr farbig bemalt waren.
42:58Winkelmann hielt sogar fest, den Haaren habe man eine Hierzintenfarbe gegeben.
43:03An vielen Statuen seien dieselben rot gefärbt gewesen.
43:06Hier an dieser Korre können wir die Farbreste gut ablesen.
43:10Das Gewand war in grün gehalten und der Schrägmantel in Ocker.
43:15Die Farben haben die Statuen, die mehr als ein Jahrtausend der Erde oder dem Wetter ausgesetzt waren, natürlich verloren.
43:22Winkelmann vermittelte aber die Idealvorstellung von der weißen Kunst.
43:28So sind wir es gewohnt, sie in Winkelmann marmorweiß zu sehen.
43:32Historisch falsch, aber modern war, wie es Nietzsche so schön formuliert hat.
43:36Hätte Winkelmann sehen können, wie Archäologen heute antike Statuen knallbunt rekonstruieren, er hätte es nicht fassen können.
43:46Athen bleibt immer der Sehnsuchtsort Winkelmanns.
43:57Beim Griechenkult geht es ihm immer auch um die griechische Freiheit.
44:02Nicht nur um die sexuelle, sondern auch um die politische Freiheit.
44:05Herrschaft des Demos, Demokratie statt Despotie, wie sie zu seiner Zeit aller Orten herrschte.
44:15Freiheit sei auch die Voraussetzung für Schönheit in der Kunst und der Architektur.
44:24Winkelmanns Griechenland war ein verlorenes Paradies.
44:27Aber seine Message kommt schnell an. Die Griechen nachahmen. Nicht nur in der Kunst, auch in der Politik.
44:39Absicht der Verfassung und der Regierung von Griechenland ist die Freiheit.
44:44Die Freiheit hat in Griechenland allzeit den Sitz gehabt.
44:47Das proklamiert er schon lange vor der französischen Revolution.
44:52Griechenland sei unser Vorbild, wurde mit zu ihrer Marschrichtung.
45:00Diese Periode der Revolution ist besonders interessant, weil das Werk von Winkelmann in Frankreich unter einem politischen Blickwinkel gelesen wurde.
45:08Zur gleichen Zeit liest man ihn in Deutschland als Archäologen und Kunsthistoriker.
45:11Aber in Frankreich gilt Winkelmann als politischer Autor.
45:16Grund dafür ist, dass er in seiner Kunstgeschichte des Altertums eine ganz starke Verbindung herstellte.
45:22Zwischen der Blütezeit der Kunst und der Perikles mit der griechischen Freiheit, also mit der griechischen Demokratie.
45:33Und dann, 1789, zwei Jahrzehnte nach seinem Tod, herrscht in Frankreich Revolution.
45:41Er schallt der Ruf nach Freiheit. Mit dem Sturm auf die Bastille wird das alte Regime weggefegt.
45:48Das wäre so sicher nicht Winkelmanns Sache gewesen. Nichts von edler Einfalt stiller Größe.
45:55Und dann kommt er, Napoleon. Der Beender der revolutionären Exzesse. Und Eroberer.
46:09Auf seinen Feldzügen wird er der große Kunsträuber. Er holt aus aller Welt, was es an Antikem zu holen gab.
46:16Das Erbe der Freiheit habe im Land der Freiheit eine Heimat gefunden, hieß es.
46:28Was Napoleon in den Louvre schaffen lässt, würde man heute Raubkunst nennen.
46:33Winkelmann kann dazu nichts mehr sagen. Die Revolution missbraucht ihn.
46:40Diese Verbindung, die Winkelmann begründete, dient den Akteuren der französischen Revolution für ihre eigene Kunstpolitik.
46:54So wie Athen die Hauptstadt der Kunst war, weil sie die Hauptstadt der Freiheit war, so sollte jetzt Paris Hauptstadt der Kunst werden, weil sie die Hauptstadt der Freiheit geworden war.
47:10Winkelmann wäre ohne Zweifel ein Feind einer solchen Politik der Plünderung gewesen.
47:21Einen wichtigen Grund dafür nannte er in seiner Kunst des Altertums.
47:27Es bestehe eine fast natürliche Verbindung zwischen dem Kunstwerk und dem Ort, für den es entstanden ist.
47:34Sechs Stunden dauert sein Todeskampf. Um drei Uhr nachmittags am 8. Juni 1768 stirbt Winkelmann. Gerade einmal 50 Jahre alt.
47:59Aber, wie Goethe später schreibt, auf dem Höhepunkt seines Ruhms.
48:06Winkelmanns Devise, ich will als ein freier Mensch leben und sterben.
48:12In fast allem sei er sein eigener Führer gewesen.
48:15Dutzende Zeugenaussagen und Beweisstücke werden später Francesco Arcangeli, genannt Cecho, als Mörder Winkelmanns überführen.
48:32Es ist sein Messer, das man blutbefleckt gefunden hat.
48:37Er hat die Schnur in Triest gekauft und zum Strick gedreht.
48:41Winkelmanns Münzen werden bei ihm gefunden.
48:47Von Annäherungen Winkelmanns an ihn steht allerdings nichts in den Gerichtsakten.
48:55Am Morgen des 21. Juli 1768 wird Cecho in Triest als überführter und geständiger Raubmörder gerädert.
49:05Von oben nach unten.
49:06Anschließend wird er auf dem Rad ausgestellt und den Raben überlassen.
49:14Winkelmann? Wer bitte?
49:18Johann Joachim Winkelmann, der mit seinem erotischen Blick auf die Antike, mit seiner wissenschaftlichen Akribie, mit seinen Aufforderungen die Welt veränderte.
49:31Was er inspirierte, können wir noch heute bewundern.
49:36Er hat uns die Augen geöffnet für die Antike, vor allen Dingen für die griechische Antike.
49:42Und er hat dazu beigetragen, dass die antiken Werke auch verbreitet werden, eben auch in den deutschen Haushalten zum Beispiel verbreitet werden.
49:54Winkelmann polarisierte. Er war ja auch ein Kunstkritiker, dem nichts heilig war.
49:59Das ist ja auch sehr erfrischend an ihm. Winkelmanns Beschreibungen sind sowohl gelehrt als auch sinnlich.
50:05Er proklamiert eine reine, klare, schnörkellose Kunst.
50:09Und er schuf Kategorien, um die Kunst rückblickend in einer historischen Entwicklung begreifbar zu machen.
50:15Und dafür dürfen wir ihn heute noch feiern.
50:17Winkelmann, der Schustersohn aus Stendal.
50:23Er war ein Streiter für das Gute, Wahre und Schöne.
50:28Er war ein Streiter für das Gute.
50:33Der Schustersohn aus Stendal.
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