Heute vor 87 Jahren fand die berüchtigte „Juni-Aktion“ statt – eine der zentralen Massenverhaftungsaktionen der Nazis! Erfahre in diesem Video, wie tausende Menschen als „asozial“ oder „arbeitsscheu“ deklariert und ohne Gerichtsurteil in Konzentrationslager verschleppt wurden. Entdecke die oft vergessenen Opfergruppen – von Obdachlosen, "Berufsverbrechern" und Sinti und Roma bis zu jüdischen Männern – und warum ihre Verfolgung und Stigmatisierung auch nach dem Krieg noch lange andauerte, bis sie erst 2020 offiziell als NS-Opfer anerkannt wurden. Ein erschütternder Blick auf ein dunkles Kapitel, das uns bis heute mahnen sollte, diese Verbrechen nie zu vergessen. #history #wirsindmehr #geschichte #gegendasvergessen #gedenken #mutzurwahrheit
Beitrag des Lebendigen Museums Online:
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/ausgrenzung-und-verfolgung/aktion-arbeitsscheu-reich-1938
Gedenkstätte Topographie des Terrors in Berlin:
https://www.topographie.de/veranstaltungen/detail/mit-schwarzem-winkel-im-kz-die-massenverhaftungen-der-aktion-arbeitsscheu-reich-1938
Spiegel-Artikel (hinter Paywall)
https://www.spiegel.de/geschichte/asoziale-und-arbeitsscheue-im-nationalsozialismus-krieg-gegen-die-armen-a-3906aa4f-a9fb-4314-b1b8-16f606133393
Das sind meine Themen:
00:00 Intro
01:34 Definitionen "Berufsverbrecher" & "Asoziale"
03:55 Wer wurde bei der "Aktion Arbeitsscheu" verfolgt
05:41 Grundlagen für die "vorbeugende Verbrechensbekämpfung"
06:16 Zwei Verhaftungswellen
09:07 Verhaftung jüdischer Krimineller & Arbeitssklaven für die SS
10:50 Erfahrungen in den KZ-Lagern & Lagerhierarchie (Kapos)
13:06 Bericht über die Ankunft neuer Häftlinge aus der "Juni-Aktion"
13:40 Stigmatisierung auch nach dem Krieg
16:28 Anerkennung als Opfer des NS-Regimes
16:49 Illegitimer Freiheitsentzug im Dritten Reich
18:07 Fazit
Beitrag des Lebendigen Museums Online:
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/ausgrenzung-und-verfolgung/aktion-arbeitsscheu-reich-1938
Gedenkstätte Topographie des Terrors in Berlin:
https://www.topographie.de/veranstaltungen/detail/mit-schwarzem-winkel-im-kz-die-massenverhaftungen-der-aktion-arbeitsscheu-reich-1938
Spiegel-Artikel (hinter Paywall)
https://www.spiegel.de/geschichte/asoziale-und-arbeitsscheue-im-nationalsozialismus-krieg-gegen-die-armen-a-3906aa4f-a9fb-4314-b1b8-16f606133393
Das sind meine Themen:
00:00 Intro
01:34 Definitionen "Berufsverbrecher" & "Asoziale"
03:55 Wer wurde bei der "Aktion Arbeitsscheu" verfolgt
05:41 Grundlagen für die "vorbeugende Verbrechensbekämpfung"
06:16 Zwei Verhaftungswellen
09:07 Verhaftung jüdischer Krimineller & Arbeitssklaven für die SS
10:50 Erfahrungen in den KZ-Lagern & Lagerhierarchie (Kapos)
13:06 Bericht über die Ankunft neuer Häftlinge aus der "Juni-Aktion"
13:40 Stigmatisierung auch nach dem Krieg
16:28 Anerkennung als Opfer des NS-Regimes
16:49 Illegitimer Freiheitsentzug im Dritten Reich
18:07 Fazit
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00:00Wusstet ihr, dass heute vor 87 Jahren die Aktion Arbeitsscheu stattfand?
00:05Es war eine der zentralen Aktionen der Gestapo, bei denen Massenverhaftungen stattfanden.
00:10Diese Aktionen richteten sich gegen bestimmte Gruppen, die von den Nazis zu unerwünschten Personen erklärt wurden.
00:16In diesem Fall all jene, die die Nazis als asozial oder arbeitsscheu ansahen.
00:22Sie war sozusagen die Probe für die nächste Stufe auf dem Weg zur Vernichtung des jüdischen Volkes in Europa.
00:28Denn zum ersten Mal wurden massenhaft Menschen verhaftet und in Konzentrationslager gesteckt.
00:34Später in diesem Jahr, bei den berüchtigten Novemberpogromen,
00:37geschah dasselbe mit den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in Deutschland und Österreich.
00:42Wie Opfer der Juni-Aktion waren einer doppelten Verfolgung ausgesetzt.
00:46Erst wurden sie durch die Nazis als Ballast für die Gesellschaft verfolgt und später in der Nachkriegszeit stigmatisiert.
00:53Die KZ-Einweisung von Berufsverbrechern galt innerhalb der Polizei und Justiz noch bis weit in die 1960er Jahre
00:59nicht als NS-spezifisches Unrecht, sondern vielmehr als eine Fortsetzung regulärer Kriminalpolitik mit lediglich anderen Mitteln.
01:07Ähnlich wie bei der Verfolgung von Sinti und Roma wurden Vorurteile fortgeschrieben,
01:12nationalsozialistische Kategorisierung von Menschen unkritisch weiterverwendet
01:15und die Aussetzung der Vorbeugehaft durch die Alliierten noch weit über das Ende der NS-Herrschaft hinaus von hohen Beamten
01:21sogar bedauert.
01:23Zu diskutierten beispielsweise Kriminalisten des Bundeskriminalamtes auf einer Tagung noch im Jahre 1964
01:29unbefangen über die angeblich positiven Aspekte der vorbeugenden Verbrechensbekämpfung im Nationalsozialismus.
01:34Bei den Berufsverbrechern handelte es sich um mehrfach Straftäter,
01:38die wegen Eigentumsdelikten wie Diebstahl, Hehlerei oder Betrug verurteilt worden waren.
01:43Auch Sittlichkeitsdelikte kamen vor.
01:46In der Regel Verstöße gegen § 175 RStGB, also Homosexualität oder Sodomie.
01:54Verurteilungen wegen Gewaltverbrechen wie Körperverletzung oder Totschlag
01:58sind in der Gruppe der Berufsverbrecher ausgesprochen selten.
02:02Das liegt zum einen schlicht daran, dass dieses Delikt nicht der zeitgenössischen Definition des Berufsverbrechers entsprach.
02:10Die dort formulierte Definition des Berufsverbrechers und die Anordnungsvoraussetzungen der Haft
02:16blieben während der gesamten NS-Zeit nahezu unverändert.
02:20Demnach galt als Berufsverbrecher, wer in der Vergangenheit aufgrund gewinnsüchtiger Delikte
02:25zumindest drei Haftstrafen von mindestens sechs Monaten Dauer verurteilt worden war.
02:31Doch wie definierten die Nazis asozial und arbeitsscheu?
02:35Fundament für die Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen bildete die Idee der Volksgemeinschaft.
02:41Das Ideal einer rassisch-reinen, also nur aus Arian bestehenden Gemeinschaft,
02:46die allen anderen Völkern überlegen war.
02:48Zentrale Klammer der Volksgemeinschaft war der Ausschluss unerwünschter und unproduktiver Teile der Bevölkerung.
02:54Das Individuum an sich war nichts wert.
02:57Erst der Beitrag zur Volksgemeinschaft als Mutter oder produktives Mitglied der Gemeinschaft machte den Menschen wertvoll.
03:05Menschen ohne feste Arbeit, sozial Benachteiligte oder schlimmer noch Behinderte galten als Unwert
03:11und Ballast, den die nationalsozialistische Gesellschaft loswerden musste,
03:15um im Wettbewerb der Völker auf dem ersten Platz zu bleiben.
03:19Die Argumentation kommt euch sicher in Teilen bekannt vor.
03:22Die Nazis definierten jeden Teil der Bevölkerung bewusst vage,
03:26um einen möglichst großen Teil der Armen, Wohnungslosen etc. erfassen zu können.
03:31Die offizielle Definition konnte theoretisch auf jeden Bürger, jede Bürgerin angewandt werden.
03:37Asozial sind all jene, die durch gemeinschaftswidriges, wenn auch nicht verbrecherisches Verhalten zeigen,
03:44dass sie sich nicht in die Gemeinschaft einfügen wollen.
03:47Diese sehr nebulöse Formulierung ermöglichte es den Nazis bei der polizeilichen Aktion,
03:52und einen möglichst großen Personenteils zu verfolgen.
03:55Hier eine kleine Übersicht darüber, wer an diesem Tag ins Visier der Nazis geriet.
04:00Vermutlich würde euch auf Anhieb jemand einfallen, den ihr auch persönlich kennt.
04:04Wohnungslose, Bettler, sogenannte Landstreicher, Fürsorgeempfänger, also jene, die heute Arbeitslosengeld oder Bürgergeld erhalten,
04:12Alkoholiker, Suchtkranke und Prostituierte,
04:16sowie all jene Personen, die einen unsittlichen Lebenswandel pflegten.
04:20Also Homosexuelle, Lesben und unangepasste junge Frauen, die nicht verheiratet waren,
04:26aber sexuelle Beziehungen pflegten.
04:28Besonders anpassungsfähig war der Begriff Arbeitsscheu.
04:32Hierunter fielen nicht nur die Arbeitslosen, sondern auch Gelegenheitsarbeiter,
04:36die keine feste Stelle hatten und später sogar jene, denen vorgeworfen wurde,
04:41in der Dienstwirtschaft nicht genügend Leistung zu erbringen.
04:44Frauen hatten dreifach die Möglichkeit, in dieser Aktion erfasst zu werden.
04:48Zum einen durch ihren sexuell freizügigen Lebensstil, wenn sie in prekären Verhältnissen lebten,
04:54möglicherweise mit vielen Kindern und ganz schlimm mit vielen unähnlichen Kindern.
04:59Jugendliche, die unangepasst waren, wie die Swing-Jugend, eine Gruppe von jungen Erwachsenen,
05:05die gerne Swing-Musik hörte und sich nach amerikanischen Vorbildern kleidete.
05:09Ethnische Minderheiten wurden hier auch erstmals vor den Jüdinnen und Juden verfolgt.
05:14Sinti und Roma und die Gruppe der Jüdischen.
05:16Eine Minderheit, die als fahrendes Volk umherzog.
05:20Sie gehören auch heute noch zu einer sozial stigmatisierten Minderheit in Europa.
05:24Übrigens eine Gemeinsamkeit, die alle diese Opfergruppen tragen.
05:28Sie werden erst spät als Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung anerkannt.
05:32Wie bei den Zigeunerinnen und Zigeunern setzte sich die Stigmatisierung und Verfolgung dieser Opfergruppe
05:38meist nachtlos in der Bundesrepublik fort.
05:41Wie lief die polizeiliche Aktion ab?
05:43Grundlage für die Massenverhaftung sucht der Erlass vom 14. Dezember 1937
05:48über die vorbeugende Verbrechensbekämpfung durch die Polizei.
05:52Er ermächtigte die Kriminalpolizei, Menschen ohne Gerichtsurteil oder eine richterliche Prüfung
05:58einfach vom Fleck weg zu verhaften und in ein Konzentrationslager zu überstellen.
06:03Denn seit dem Reichstagsbrang im Februar 1933 war es möglich, Menschen in Schutzhaft zu nehmen.
06:09Sie konnten sich nicht dagegen wehren und auch keinen Anwalt anrufen.
06:13Die Menschen wurden einfach weggesperrt.
06:15Es gab zwei Verhaftungswellen.
06:18Eine erste kleinere begann schon im April 1938.
06:22Hier wurden schon bis zu 2000 Männer verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt.
06:27Die Hauptaktion fand aber im Juni statt, weshalb viele die Aktion später Juni-Aktion nannten,
06:34um nicht den Nazi-Jargon übernehmen zu müssen.
06:36Zwischen dem 13. und 18. Juni, also in knapp einer Woche,
06:41wurden im ganzen Reich über 10.000 Menschen verhaftet und in schon bestehende Konzentrationslager deportiert.
06:47Dafür müsst ihr wissen, dass das komplexe System der verschiedenen Konzentrationslager
06:52schon sehr früh eingerichtet wurde.
06:54Das erste Lager, damals noch hauptsächlich für politische Gegnerinnen und Gegner,
06:59wie Kommunisten und Sozialdemokraten, wurde bereits im März 1933 in Dachau,
07:04in der Nähe von München, errichtet.
07:06Die Vernichtungslager im Osten, vor allem in Polen,
07:09in denen systematisch Menschen ermordet wurden,
07:12folgten erst im Zweiten Weltkrieg.
07:14Kleine Side-Note.
07:15Die Verhaftungen fanden nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich statt.
07:19Die Verhaftungsaktion war ursprünglich für März geplant,
07:22deswegen vermutlich auch die erste kleinere Welle im April.
07:27Wurde aber dann verschoben, weil Hitler am 12. März 1938 Österreich annektierte.
07:32So konnte ein größerer Personenkreis auch in Österreich erfasst werden.
07:37Wie gut die Behörden hier zusammenarbeiteten
07:39und wie gut die Verhaftungswelle vorbereitet war, zeigt sich an zwei Fakten.
07:44Zwei Jahre zuvor war Heinrich Himmler zum Chef der deutschen Polizei
07:47und des Innenministeriums ernannt worden.
07:50Damit wurden Polizei und SS, also jene Terrororganisation,
07:54die später für die Ermordung der Jüdinnen und Juden
07:57hauptverantwortlich war, zusammengelegt.
07:59Und zweitens, die Verhaftungen vor Ort wurden mit Unterstützung
08:02der Arbeits- und Wohlfahrtsämter durchgeführt.
08:05Kriminalpolizei, SS und Ämter arbeiteten Hand in Hand,
08:09denn die lokalen Behörden lieferten Listen und Informationen,
08:12sodass eine koordinierte Verhaftung vieler Opfer überhaupt erst möglich war.
08:17Wer da so alles mitgewirkt hat.
08:20Richtig ist natürlich, dass es bei weitem nicht nur die Kriminalpolizei war.
08:25Aber erst mal muss man feststellen, natürlich war es die Polizei.
08:28Die ganz normale Polizei hat intensiv mitgewirkt.
08:31Intensiv mitgewirkt haben die Fürsorgeämter.
08:34Intensiv mitgewirkt haben die Krankenhäuser.
08:37Die Ärzte natürlich nicht.
08:39Einige.
08:40Intensiv mitgewirkt die kommunalen Verwaltungen,
08:42die Bürgermeister.
08:45Nachbarn haben intensiv mitgewirkt.
08:48Also ich habe in der Familie jemanden,
08:52der mit Trisonomie 21,
08:55die haben am Bauernhof gelebt.
08:57Die Nachbarn haben denunziert, haben gesagt,
08:59die haben doch einen Mongo da zu Hause,
09:00der muss abgeholt werden.
09:02Die Nachbarn.
09:03Also es war nicht nur ein paar böse Institutionen.
09:07Ein weiteres Detail, das den Fokus Hitlers offenbart,
09:10ergab den persönlichen Befehl,
09:12dass insbesondere kriminell vorbelastete Juden festgenommen werden sollen.
09:16So waren unter den rund 9000 Verhafteten
09:19ca. 2500 jüdische Männer mit Vorstrafen.
09:23Besonders problematisch,
09:25die meisten Vergehen waren hier konstruiert,
09:27wie die Wiesen vergehen.
09:29Ein Straftatbestand, der extra für Jüdinnen und Juden geschaffen wurde.
09:33Die versuchten ins Ausland zu fliehen
09:35und dies natürlich nicht ohne Geld.
09:37Also Devisen konnten.
09:38Aber Geld ins Ausland zu schaffen,
09:40galt als sogenanntes Devisenvergehen.
09:43Auch banale Vergehen konnte einen auf die Liste
09:45und somit in ein Konzentrationslager bringen.
09:48Ohne Gerichtsbeschluss,
09:49ohne die Möglichkeit,
09:50die Entscheidung mit einem Anwalt anzufechten.
09:53Besonders pikant,
09:54die Verhaftungswellen dienten auch schlicht dazu,
09:56Arbeitssklaven für die SS
09:58und deren Bauvorhaben zu rekrutieren.
10:00Denn die KZ-Insassen mussten Zwangsarbeit leisten.
10:03Vermutlich mit ein Grund dafür,
10:06warum gezielt jüdische Männer verhaftet wurden.
10:08Mit der Einlieferung in eines der vier bereits auf deutschem Boden
10:11existierenden KZs,
10:13Sachsenhausen seit 1936 in Oranienburg,
10:17etwa 40 Kilometer von Berlin entfernt,
10:20Buchenwald seit 1937 in der Nähe von Weimar
10:23und Dachau in der Nähe von München seit 1933,
10:26begann für die meisten Opfer ein Materium,
10:29das erst mit ihrem Tod endete.
10:30Not so fun fact am Rande,
10:33mit dem KZ Neuengamme in der Nähe von Hamburg,
10:36das im Herbst 1998 eröffnet wurde,
10:39deckte das Lagersystem schon ziemlich gut
10:41Deutschland vom Norden bis zum Süden ab.
10:44Denn kurze Lieferwege
10:45waren den Nazis auch später
10:47bei den Deportationen im Osten wichtig.
10:49Aber zurück zur Erfahrung der KZ-Häftlinge
10:52aus der Juni-Aktion.
10:54In den Lagern der Nazis gab es eine strenge Hierarchie.
10:57Die Jüdinnen und Juden standen natürlich auf der untersten Stufe,
11:00aber direkt danach kamen schon die als asozial eingestuften Häftlinge.
11:05Sie mussten einen schwarzen Winkel tragen.
11:07Über diesen beiden Gruppen standen die sogenannten Berufsverbrecher,
11:11also all jene, die häufiger straffällig geworden waren,
11:14und politisch verfolgte.
11:16Sie wurden als sogenannte Funktionshäftlinge oder Kapu
11:19eingesetzt und nutzten ihre besondere Stellung als Aufseher
11:23für gezielte Schikanen.
11:25Als Kapu hat man sich nicht beworben.
11:28Zum Kapu wurde man von der SS bestimmt
11:30und deren Weisungen hatte man zu befolgen.
11:32Und zwar unter dem ständigen Risiko,
11:34bei mangelnder Pflichterfüllung selbst gequält
11:37oder vernichtet zu werden.
11:38Die SS setzte Häftlinge aller Winkelfarben
11:42als Vorarbeiter, Blockälteste oder Kapus ein.
11:45Kommunistische, sozialdemokratische,
11:48bürgerliche, asoziale, jüdische, kriminelle,
11:51deutsche und nichtdeutsche Männer und Frauen.
11:54Die SS hat hier ein perfides System erfunden,
11:57in dem sie bestimmte Häftlinge in das Dilemma zwang,
12:00gegen kleine Vergünstigungen, die jederzeit widerrufen werden konnten,
12:04Mithäftlinge zu demütigen und zu quälen.
12:07Dafür gestraft waren die Asozialen, die gleichzeitig Juden waren.
12:11Sie wurden mit einem schwarz-gelben Winkel gekennzeichnet
12:14und waren besonderer Quälerei von Kapus und SS ausgesetzt.
12:19Außerdem führte die Ankunft tausender neuer Häftlinge
12:22in den damals noch kleinen Konzentrationslagern
12:24zu einer humanitären Katastrophe.
12:27Die Baracken in Burenwald und Sachsenhausen waren bereichlich überbelegt.
12:31Denn anders als später im Krieg konnte eine Überbelegung
12:34nicht mit der Deportation in die Vernichtungslager
12:37in den Osten geregelt werden.
12:39Bettgestelle mussten entfernt werden
12:41und die Häftlinge mussten dicht gedrängt
12:43auf dem nur mit Stroh bedeckten Boden schlafen.
12:46Ein Überlebender verglich dies mit Fischen in einer Dose.
12:49Die sanitären Einrichtungen brachen zusammen,
12:52was die Ausbreitung von Seuchen, die Typhus und Ruhe begünstigte.
12:56In Kombination mit Hunger, Erschöpfung durch die Zwangsarbeit
12:59und der ständigen Gewalt der SS
13:01führte dies zu einem Massensterben,
13:03nicht nur unter den Neuankömmlingen.
13:05Hier ein Bericht des politischen Häftlings Moritz Zahnwetzer
13:09über die Ankunft der neuen Häftlinge aus der Juni-Aktion.
13:13Meistens sind es Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung,
13:17denen man hier im Lager das Arbeiten lernen will.
13:20Junge Menschen mit spindeldürren Beinen
13:22sollen hier unter Aufsicht der sattgefütterten SS das Arbeiten lernen.
13:26Die Unterbringung der Arbeitsscheuen ist die Schädlichkeit selbst.
13:30In aller Eile ist eine große Baracke aufgeschlagen,
13:33in der fast alle Inneneinrichtungen fehlt.
13:36So hausen sie und sterben massenweise.
13:39Anders als politische und religiöse Häftlingsdrücken
13:42wie die Zeugen Jehovas,
13:44die sich auf ihre Gemeinschaft verlassen konnten,
13:46hatten die bundt zusammengewürfelten Opfergruppen der Juni-Aktion
13:50keine Möglichkeit, sich auf eine Gemeinschaft
13:52innerhalb des Lagers zu stützen.
13:54Sie mussten sich als Einzelkämpfer durchschlagen.
13:58Diskriminierung und Vorurteile gegenüber den Asozialen
14:01wurden auch unter der Lagergemeinschaft übernommen.
14:03So fehlte den neuen Häftlingen eine gegenseitige Unterstützung
14:06im Überlebenskampf,
14:08die ebenfalls zum Massensterben dieser Häftlingsgruppe beitrug.
14:12Auch in der Nahkriegszeit wurden die Opfer der Juni-Aktionen
14:15lange diskriminiert
14:16und ihnen wurde die Anerkennung als Opfer des Naziterrors verwehrt.
14:21Die Stigmatisierung der Nazis wirkte fort.
14:24Öffentlichkeit und Behörden waren der Meinung,
14:26dass jenische Sinti und Roma
14:28und Menschen ohne festen Wohnsitz oder Arbeitslose
14:31wohl aus den richtigen Gründen im KZ gelandet waren.
14:34Selbst die Ausschüsse für die Opfer des Faschismus
14:37verweigerten ihnen die Solidarität.
14:39Denn sie wurden von Jüdinnen und Juden
14:41und den politisch Verfolgten dominiert.
14:43Die fürchteten um ihr Ansehen.
14:45O-Ton, asoziale und kriminelle Elemente
14:49schädigen unser Ansehen.
14:51Wir haben es nicht verdient,
14:52dass man uns in einem Atemzug
14:54mit diesen Elementen nennt.
14:55Die KZ-Häftlinge, die wegen kriminellen Delikten vorbestraft waren,
15:00eben lange nicht als Opfer des nationalsozialistischen Terrors.
15:04Dabei hatte der Generalstaatsanwalt Karl S. Bader
15:07bereits 1946 in der Zeitschrift
15:09Die Gegenwart zu Recht betont.
15:11Ich zitiere,
15:11Viele kriminell vorbestrafte KZ-Insassen,
15:14auch viele Sicherungsverwahrte,
15:16haben unter den Verhältnissen im KZ ebenso gelitten wie die politischen Häftlinge.
15:20Krankheit, Hunger und Tod ging bei allen um.
15:23Sie unterlagen denselben Lagergesetzen,
15:25derselben Preisgabe der Menschenwürde und Menschenachtung,
15:28denselben Schikanen, Strafen und häufig genug denselben Todesformen.
15:31Weil sie wussten, dass der gesellschaftliche Zustand
15:35so tragisch ist, dass man ja selbst als politischer Häftling,
15:41als Kommunist, als Sozialdemokrat, als Gewerkschaftler
15:43kämpfen musste um seine Anerkennung.
15:45Und sie haben die gesellschaftlichen Verhältnisse zu Recht
15:48so eingeschätzt, dass es zu ihrer eigenen Nicht-Anerkennung,
15:53zu ihrer eigenen Sanktionierung vorwirft,
15:55wenn sie sich mit Kriminellen und Asozialen sozusagen auch noch
16:00solidarisch machen würde.
16:01Das haben ehrliche Kommunisten schon sehr, sehr früh gesagt,
16:04dass sie das leider nicht können.
16:07Zum Beispiel ist mein Onkel deswegen auch nicht anerkannt worden,
16:10weil Kommunisten gesagt haben, tut uns leid, wir wissen,
16:13du warst eigentlich ein Genosse.
16:15Aber es geht nicht, du hattest den grünen Winkel.
16:17Wir können nicht für dich sprechen.
16:19Jahrzehntelang kämpften die Nachkommen der Opfer mit dem Verband
16:22für die verleugneten NS-Opfer um eine offizielle Anerkennung.
16:26Dieser lange Kampf wurde am 13. Februar 2020 endlich gelohnt.
16:31Der Deutsche Bundestag erkannte an diesem Tag,
16:34die Assoziale und Berufsverbrecher verfolgten,
16:37offiziell als Opfer des Nationalsozialismus an.
16:41Die Resolution stellte unmissverständlich fest,
16:44niemand wurde zu Recht in einem Konzentrationslager inhaftiert.
16:48Wie unterscheidet man ein rechtsstaatlich Legitim
16:51von einem illegitimen Freiheitsentzug.
16:54Unter dem Rückgriff auf die Habeas-Korpus-Akte aus dem Jahre 1679
16:58lassen sich dafür vier Kriterien angeben,
17:01die seither international anerkannt sind.
17:05Ein Freiheitsentzug muss erstens richterlich angeordnet,
17:09zweitens zeitlich befristet, drittens durch Rechtsmittel anfechtbar
17:13und viertens an das Begehen einer konkreten Straftat gewunden sein.
17:18Die Vorbeugungshaft verstieß gegen alle vier Kriterien.
17:23Ihre Anordnung erfolgte durch die Polizei,
17:26nicht durch einen Richter.
17:27Sie war prinzipiell zeitlich unbefristet und nicht anfechtbar.
17:32Weder eine Straftat noch ein Tatverdacht mussten vorliegen.
17:36Im Gegenteil.
17:37Die Vorbeugungshaft zielte ganz bewusst auf diejenigen,
17:41die man eben nicht gerichtsfest überführen konnte.
17:44Allein die Vorstrafen waren ausschlaggebend.
17:48Zum Zeitpunkt der KZ-Einweisung hatten die Berufsverbrecher
17:51ihre Strafen verbüßt.
17:53Gemessen an rechtsstaatlichen Maßstäben waren sie rehabilitiert.
17:59Ich zitiere Nikolaus Wachsmann.
18:01Verbrechen, auch begangen an Verbrechern, bleiben Verbrechen.
18:05Seitdem werden Ausstellungen und Denkmäler für diese Opfergruppen
18:09vermehrt in Gesenksstätten integriert.
18:11Der lange Kampf um Anerkennung unterstreicht,
18:14wie langanhaltend und wirkmächtig die Vorurteile
18:17in der nationalsozialistischen Gesellschaft
18:19an die nächsten Generationen weitergetragen wurden
18:22und welche Gleichgültigkeit den Opfern gegenüber
18:24auch in den Nachwuchsgenerationen vorherrschte.
18:27Sie ermöglichte erst die Verfolgung der eigenen Nachbarn
18:31und das Vergessen scheinbar zu Recht verfolgter Opfergruppen.
18:34Stichwort Kontinuität der Diskriminierung,
18:37die eben in den Behörden bestand.
18:39Das führte dazu, dass mitunter die als Asoziale
18:43und Berufsverbrecher stigmatisierten und verfolgten,
18:46wenn sie denn die Verfolgung überlebten,
18:49nach 1945 den gleichen Wohlfahrtsbeamten,
18:53den gleichen Polizeibeamten gegenüberstanden,
18:56wie vor 1945, die gegebenenfalls für ihre KZ-Einweisung zuständig waren.
19:02Es geht nicht darum, die Verfolgung von Asozialen
19:06und Berufsverbrechern anzuerkennen,
19:07denn es gibt keine Asozialen und es gibt keine Berufsverbrecher,
19:10denn es ist ein Erb-Narrativ, ein Nazi-Narrativ.
19:14Das sollte uns heute eine Mahnung sein,
19:16dass jede Bevölkerungsgruppe verfolgt werden kann
19:19und wie austauschbar die Sundenböcke sind.
19:22Damals Juden und Arbeitsscheue,
19:24heute Migranten und Langzeitarbeitslose.
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