00:001938 gab es dann eine große Fülle an Maßnahmen und Gesetzen, die als anti-jüdisch zu bezeichnen sind.
00:08Den Auftakt machte der 26. April mit der Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden.
00:14Damit wurde geregelt, dass alle Jüdinnen und Juden im Dritten Reich ihr Vermögen angeben mussten
00:19und auch die Deutschen, die mit Juden verheiratet waren, mussten ihr Vermögen offenlegen.
00:25Am 23. Juli gab es dann die erste Maßnahme, um Juden zu kennzeichnen, mit der Bekanntmachung über den Kennkartenzwang.
00:34Alle Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich mussten jetzt eine Kennkarte sozusagen als Ausweis im Inland tragen,
00:42der mit einem großen J versehen war.
00:45Zwei Tage später, am 25. Juli, mit der vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz,
00:50wurden jüdischen Ärztinnen und Ärzten die Approbation entzogen.
00:54Jüdische Ärzte durften jetzt nur noch als sogenannte Krankenbehandler jüdische Patientinnen und Patienten behandeln.
01:01Zwei Tage später, am 27. Juli, wurden dann Straßennamen, die nach jüdischen Personen benannt wurden, umbenannt.
01:10Am 17. August, mit der zweiten Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen,
01:16mussten Juden dann schließlich ab dem 1. Januar 1939 die Zwangsnamen Sarah und Israel annehmen,
01:24die dann auch im Pass ihren Geburtsnamen hinzugefügt wurden.
01:28Die wichtigsten Maßnahmen in diesem Jahr geschahen jedoch im Herbst.
01:31Am 5. Oktober wurde dann die Verordnung über Reisepässe von Juden ergänzt.
01:37Damit wurden auch Reispässe mit einem J gekennzeichnet.
01:41Am 31. Oktober, mit der sechsten Verordnung zum Reichsbürger gesetzt,
01:46wurden Jüdinnen und Juden auch verboten, als Patentanwalt tätig zu sein.
01:51Also es war noch die letzte Möglichkeit, um als Anwalt arbeiten zu können.
01:55Die wurde jetzt auch verboten.
01:57Das schlimmste Ereignis in diesem Jahr für viele Jüdinnen und Juden
02:00war sicherlich der 9. und 10. November mit der sogenannten Reichskristallnacht,
02:05also den Programmen gegen Juden in Deutschland und Österreich.
02:08Die meisten wissen gar nicht, dass die Übergriffe in kleineren Städten,
02:12also außerhalb Berlins oder anderer Großstädte, am 10. November stattfanden.
02:17Denn die Zerstörung jüdischer Geschäfte und das Anzünden der Synagogen
02:21war natürlich von den Nazis organisiert.
02:23Und die Befehle mussten erst einmal an die kleineren Dienststellen übermittelt werden.
02:28So fanden die Pogrome in Kleinstädten, wie zum Beispiel meiner Heimatstadt Bonn,
02:32am helllichten Tag und nicht in der Nacht statt.
02:35Das durfte alles gemacht werden.
02:36Wir waren freiwillig geworden und man durfte mit uns anfangen, was man wollte.
02:41Am 7. November 1938 erschießt ein polnischer Jude einen deutschen Diplomaten in Paris,
02:48weil seiner Familie die Deportation droht.
02:51Ein willkommener Vorwand für die Nazis.
02:54Die NS-Führung gibt das Signal zum Losschlagen,
02:57mit Befehlen an die Gefolgschaft der Partei.
03:00Synagogen und jüdische Geschäfte sollen brennen.
03:02Die Nacht des 9. November wird zur Pogromnacht.
03:08Die Nazis setzen in Hunderten von Orten Synagogen in Brand.
03:12Und auf einmal klirrte das und die Schaufensterscheiben gingen zu Bruch.
03:17Kommandos von SA und SS machen Jagd auf Juden.
03:22Und dann hörte ich auch schreien und dann sah ich nach oben und da wurden Menschen aus dem Fenster gestoßen.
03:29Die Polizei hat den Befehl, nicht einzuschreiten.
03:33Viele Deutsche werden zu Schaulustigen der Gewalttaten.
03:37Da müssen 500, 600 Leute, Deutsche, die geschrien haben, gesungen und haben,
03:44da war eine Dame, ich konnte kein Gesicht sehen, die haben sie mit am Haar die Straße runtergezogen.
03:52Die meisten schauen lieber weg.
03:54Diese Angst war so groß, dass man oft keinen Mut gehabt hat, den jüdischen Mitbürgern zu helfen.
04:03Es wurde viel geholfen, viel mehr als man denken kann, aber alles insgeheim.
04:08Und wir hatten eine Angestellte, die meinen Vater furchtbar geliebt hat, die hat 32 Jahre für uns gearbeitet, die war
04:15nicht jüdisch.
04:16Und die hat gesagt, ich lasse die nicht ins Haus.
04:20Die sind vom Haus zu Haus gegangen und haben die jüdischen Männer genommen.
04:24Und mein Vater war sehr krank.
04:25Und sie hat sich vor das Haus gestellt und hat gesagt, sie können nicht drauf gehen.
04:32Mein Chef ist sehr krank.
04:34Und da haben sie gefragt, ob sie jüdisch ist.
04:37Und da hat sie gezeigt, dass sie nicht jüdisch ist.
04:39Und da haben sie furchtbar geschlagen, haben die Frauen auf den Boden geschmissen.
04:45Aber sie sind weitergegangen.
04:47Und dadurch ist mein Vater nicht abgeholt worden an dem Tag.
04:53Und eine halbe Stunde später haben wir angerufen bekommen, dass mein Bruder von der Gestapo abgeholt war.
05:00Und dass sie, wir wussten nicht bis zwei Tage vor Weihnachten, ob er liebt ist oder nicht, wo er war.
05:07Und das war das Schlimmste.
05:10Jüdische Mitbürger im ersten Stock und das ganze Inventar wurde quasi auf die Straße geworfen.
05:23Das heißt, die Wohnung wurde gestürmt?
05:25Die ältere HJ-Jungs und SA und SS, die haben die Wohnung quasi gestürmt und haben da alles zerstört.
05:40Und das spielte sich in der Wohnung über eurer Wohnung ab?
05:43Ja. Und meine Mutter und meine Schwester, die waren zwei Jahre älter als ich, also zehn.
05:51Wir hatten natürlich große Angst.
05:55Und dann kamen, ich erinnere mich, ich könnte Namen nennen, was ich aber nicht tun will.
06:02Die kamen zu meiner Mutter und haben gesagt, Frau Frey, Sie müssen keine Angst haben.
06:10Ihnen passiert nichts.
06:12Und es war nicht in der Nacht, es war der Tag.
06:15Ich habe immer gewundert, warum sie sagen Nacht.
06:17Er hat nämlich morgens um fünf Uhr angefangen und es hat nicht aufgehört bis zehn Uhr nachts mindestens.
06:24Also es ist nicht heimlich, weil nachts passiert, sondern im hellensten.
06:27Es war nichts heimlich. Abends haben wir schon gehört, dass es geplant war, aber morgens, wie ich in der Schule
06:34war, es war vielleicht sieben, halb acht, ich weiß nicht genau, am Heimweg.
06:39Dann war alles schon im... Ich nehme an, sie haben so um sieben Uhr morgens angefangen, alles kaputt zu machen
06:45und anzustecken.
06:47Und das ging into die Nacht. Nein, es hat nicht aufgehört, aber wir sind nicht mehr aus dem Haus gegangen
06:52dann.
06:53Wir waren glücklich, dass mein Vater... Den Tag haben sie nur die Männer alle abgeholt.
07:02Über 1400 Synagogen werden in jener Nacht zerstört.
07:07Das war der Wendepunkt. Da kapierten die deutschen Juden, in Deutschland kann man nicht mehr in Frieden leben als Jude.
07:15Das wurde durch diesen Pogromnacht klar.
07:18Dann am 12. November gab es die Verordnung über eine Südeleistung der Juden deutscher Staatsangehörigkeit, die sogenannte Judenvermögensabgabe.
07:27Wegen ihrer feindlichen Haltung gegenüber dem deutschen Volk wurde den Juden eine Südeleistung von einer Milliarden Reichsmark auferlegt.
07:36Heute wären das ungefähr fünf bis sechs Milliarden Euro.
07:40Und nach der Form zur Wiederherstellung des Straßenbildes bei jüdischen Gewerbebetrieben mussten die Jüdinnen und Juden selbst für die Beseitigung
07:48der Schäden des Novemberpogroms,
07:50wofür sie ja eigentlich nichts konnten, bezahlen.
07:52Auch viele jüdische Gemeinden muss die abgebrannten Synagogen auf eigene Kosten abreißen.
07:59Und mit der Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben wurde darauf abgezielt, die Juden jetzt auch wirklich
08:06aus dem Wirtschaftsbild zu entfernen.
08:09Jüdinnen und Juden durften kein Handwerk mehr ausüben.
08:12Sie durften keinerlei Waren mehr verkaufen.
08:15Sie durften nicht an Märkten oder Messen teilnehmen.
08:17Jüdische Gewerbebetriebe wurden geschlossen und sie durften keine leitenden Angestellten mehr sein oder Mitglied in einer Genossenschaft.
08:27Drei Tage später, am 15. November, wurden dann schließlich auch jüdische Schülerinnen und Schüler vom Schulunterricht ausgeschlossen.
08:34Sie durften zwar weiterhin an jüdischen Schulen lernen, aber auch das wurde später eingeschränkt.
08:40Ab dem 28. November durften Jüdinnen und Juden sich an bestimmten Tagen nicht im öffentlichen Raum aufhalten.
08:48Meistens waren das hohe Nazi-Feiertage, aber im Prinzip konnte die Polizei oder die Gemeinde das frei bestimmen.
08:55Einen Tag später, am 29. November, gab es dann ein Verbot, Brieftauchen zu halten für Jüdinnen und Juden.
09:01Das ist eins der Verbote, mehrere werden noch folgen, die halt einfach den Alltag der Juden einschränken sollen und es
09:07ihnen so unangenehm wie möglich in Deutschland machen sollten.
09:10Am 3. Dezember gab es dann schließlich die Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens.
09:16Das führte zu einem Zwangsverkauf jüdischer Gewerbebetriebe.
09:20Wertpapiere mussten veräußert werden und Immobilien.
09:23Natürlich floss das auch wieder in diese Sünderabgabe ein und floss an den deutschen Staat.
09:28Jüdinnen und Juden wurde der Führerschein und die Kfz-Papiere entzogen.
09:33Diejenigen, die Jüdinnen und Juden, die Autos besaßen, konnten dem Auto nicht mehr fahren.
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