Zum Player springenZum Hauptinhalt springen
  • vor 4 Monaten

Kategorie

🥇
Sport
Transkript
00:0030 Stunden. Ein Symbol wird erobert. Spontan stürmen es einige, dann hunderte Berliner die Mauer am Brandenburger Thun.
00:09Richtig in der Rückerinnerung sind mir ganz viele Ereignisse, Demonstrationen, Botschaftsbesetzungen.
00:15Da war, glaube ich, der Mauerfall einfach nur der Höhepunkt.
00:20Die Grenze ist offen und sie bleibt offen und sie wird von Minute zu Minute von mehr Menschen überschritten.
00:28Eigentlich wäre ich ja in Norwegen gewesen, im Trainingslager, hieß es zu DDR-Zeiten.
00:34Da war nämlich die Nationalmannschaft.
00:38Aber ich hatte in der Zeit Knieprobleme und bin einfach zu Hause geblieben, habe mich noch auskurieren müssen.
00:47Und deswegen habe ich dann diese Zeit, wo es ja auch um den Mauerfall ging, zu Hause verlebt.
00:53So. Er ist ja so lange schon dabei. Hatte mal ein bisschen ein Tal. Jetzt kommt er schon.
01:01Anfang des Wendejahres 1989 wird er nochmal Weltmeister für die DDR.
01:07Geht gut hinaus. Jawohl.
01:09Mit Sicherheit der weiteste Sprung und ich würde auch sagen, der schönste.
01:13Er muss jetzt klar die Führung übernehmen vor Nikola.
01:1789 Meter.
01:19Weil das Wetter keinen zweiten Durchgang zulässt, reicht ein Sprung zum WM-Titel in Finnland.
01:25Bald danach kommt die doppelte Wende.
01:27Die politische und die V-Stil-Wende nicht mehr eng beieinander.
01:32Weit auseinander müssen die Skispitzen jetzt für mehr Weite in der Luft sein.
01:36Der einzige, der mit beiden Sprungstilen Olympiasieger wird, ist Jens Weißflug.
01:43Im Abstand von zehn Jahren.
01:45Als Sportler in zwei deutschen Ländern.
01:47Den Vaterländischen Verdienstorden bekommt er und das Bundesverdienstkreuz.
01:58Eine Laufbahn.
02:00Zwei Welten.
02:06In Pöhla entdeckt er das Skispringen.
02:14Dem Erzgebirge wird er lebenslang verbunden bleiben.
02:18Die Kinder- und Jugendsportschule in Oberwiesenthal formt das Talent.
02:22Mit 14 geht das Gewinnen los.
02:23Es gab viele kleine Sportrikaden, die Kreissportrikade, Bezirksportrikade und dann eben die ganz Große.
02:29Aber bei dieser ganz Großen, die ja auch nur alle zwei Jahre stattfand, erfolgreich zu sein, das war einfach das Größte.
02:36Es war mehr als DDR-Meister zu sein und da ganz oben zu stehen.
02:42Da stand zwar im Rücken auch ein Banner mit Sieg des Sozialismus und so weiter.
02:46Aber es war eher die Feierlichkeit dieser Veranstaltung, die so ein bisschen olympischen Spielen für Jugendliche nachempfunden wurde.
02:55Die olympischen Spiele für Erwachsene erlebt er mit 19.
03:01Bei der Eröffnungsfeier in Sarajevo 1984 marschiert er nicht mit, ist im DDR-Team aber längst eine feste Größe und mit den speziellen Anforderungen vertraut.
03:10Da gab es natürlich vor der Saison oder auch vor größeren Höhepunkten nochmal eine Einweisung.
03:16In den Verhaltensrichtlinien wurden nochmal festgeklopft. Das hieß natürlich in erster Linie nicht allein gehen, immer zu zweit.
03:24Den einflussreichsten Sportfunktionär im Land, Manfred Ewald, dessen Mitwirkung am DDR-Doping-System nach der Wende juristisch ermittelt wird, lernt er auch kennen.
03:36Ich kann mich an meine erste Vierschanzentournee erinnern, die nicht so erfolgreich war, nicht nur bei mir, sondern fürs gesamte Team.
03:44Da wurden erstmal die Trainer den Kopf kürzer gemacht, danach waren wir Sportler dran.
03:51Also das ging auch nicht in einem normalen Tun ab.
03:56Das sind so Ereignisse, die man als Sportler einfach behält, weil man das auch nicht als normal empfand.
04:051983, mit 18, ist es soweit. Der erste Weltcup-Sieg.
04:14Oh, der ist gut weg. Der ist gut weg. Hoho! Wie ein alter Fuchs. Wie ein großer Meister. Das ist nicht zu glauben.
04:28Da schauen Sie. Er spielt mit der Luft, wie andere mit der Eisbahn oder mit Bausteinen.
04:35Die noch junge Weltcup-Serie zählt daheim nicht so viel. Das Prestige der großen Titel ist wichtiger.
04:43Kurz vor Olympia erreicht er das zum ersten Mal. Er gewinnt die Vierschanzentournee.
04:47Die Umstände der Reise zu den Spielen in Jugoslawien kurz darauf sind dann nicht gerade leistungsfördernd.
04:59Ja, zumindest aus Sportlersicht waren wir ja mit dem Zug unterwegs, 36 Stunden.
05:04Zu dem Zeitpunkt haben wir uns sicherlich auch gefragt, warum fliegen wir da nicht einfach die zwei Stunden hin und sind da.
05:11Warum setzen wir uns jetzt 36 Stunden in den Zug?
05:15Der Teenager muss beim größten Ereignis seines Lebens ohne zwei Vertrauenspersonen auskommen.
05:20Der Trainer und sein Vater fehlen.
05:22Verwandte ersten Grades durften nicht gleichzeitig an der Wettkampfstätte sein.
05:29Zumindest nicht im kapitalistischen Ausland, wozu ja Jugoslawien so zum Teil mit dazugehörte.
05:38Und diese Gefahr, dass sich dann die beiden dort vielleicht absetzen, die war dem Staat zu groß.
05:45Jens Weißflug, junge, junge, junge, junge, junge, geboren in Erderbronn, arbeitet in den ostärzgebirgischen Posamentierwerken in den Adderberg Buchholz.
05:55Es ist windig am Berg Igmann. Weißflug muss warten auf der kleinen Schanz.
06:01Nach dem ersten Sprung hat der Tourneesieger einen Rückstand von dreieinhalb Punkten auf Martin Nükenen und ist im zweiten Durchgang vor dem gleichaltrigen Finnen dran.
06:08Tja, Millionen zu Hause stehen hinter dir und pusten und pusten und pusten.
06:18Jens, je aufs Janze möchte ich berlinerisch sagen zu dir als Erstgebirgler.
06:24Und flieg und flieg und treibe den Sprung und lande sicher.
06:28Er bleibt vorher sicherlich an der Spitze.
06:30Da Nükenen nach mir kam, war auch die Anzahl der Interviews relativ bescheiden und schnell durch, weil alle damit rechneten, Nükenen würde gewinnen.
06:42Und nun Nükenen die Entscheidung. Weißflug führt.
06:47Ich war schon wieder auf dem halben Weg nach oben, als dann Nükenen endlich dran war und habe das so halb am Aufsprungmügel dann miterlebt.
06:59Nein, er war nicht weit genug, aber ist es der Olympiasieg? Ist es der Olympiasieg? 84 Meter? Nein, Weißflug ist der Olympiasieg.
07:13Das erste Olympiagold vor den Finnen, Matti Nükenen und Jari Puikonen.
07:19Und die Realisierung, die kam bei mir erst in dem Moment, wo ich das erste Mal für mich allein war, dann viel später im Olympischen Dorf,
07:31wo ich für mich dann abends im Bad vorm Spiegel stehe und denke, das Spiegelbild, was ich da sehe, das ist doch der, der heute Olympiasieger geworden ist.
07:42Für den Olympiasieger gab es 25.000 DDR-Mark und dafür habe ich mir ein Trabi gekauft.
07:54Also mein erstes Fahrzeug war ein Trabi Deluxe mit ausstellbaren Seitenscheiben hinten, mit Rollgurten, mit so einem Dreispeichenlenkrad,
08:05dann Scheibenwischer, Intervallschalter. Also da lacht man heute drüber, aber das waren die Besonderheiten.
08:14Das zeichnete den Trabi Deluxe aus. Das volle Geld war nie zur Verfügung, man musste das immer abrufen.
08:22Und das war in gewissem Maße vielleicht auch ein Trugmittel, dass wenn man vielleicht verfrüht aufhören wollte
08:32und die DDR hat einen noch gebraucht als Spitzenkandidat in dieser Sportart, das vielleicht dann zurückzuhalten und zu sagen, wir haben ja noch das Geld von dir.
08:44Auf der Großschanze wird er hinter Nykennens weiter. Die DDR stellt das erfolgreichste Team der Spiele ein staatstragender Erfolg.
08:52Er freut sich. Die Silbermedaille dürfte ihm sicher sein. Gold und Silber für diesen jungen Mann.
08:59Zurück ging es auch mit dem Zug. Auch wieder die 36 Stunden. Die Feier fand ja dann auch zuerst in Berlin statt.
09:07Also sind dann bis Berlin durchgefahren, Empfang der Staatsregierung.
09:12Die Belohnung war eine Reise mit dem Schiff, 14 Tage übers Meer, auf der Völkerfreundschaft.
09:18Also die AIDA, der DDR, 14 Tage nochmal Urlaub auf Kuba.
09:24Vier Wochen Urlaub als Sportler kannst du dir eigentlich überhaupt nicht leisten, weil es wurde auch auf dem Schiff trainiert.
09:31Aber trotzdem war es die Reise unseres Lebens.
09:35In Oberwiesenthal ist die Beziehung zu einer Langläuferin aus Thüringen Teil des Privatlebens.
09:40Tochter Sandra kommt zur Welt, zu der es jedoch erst Jahre später wieder regelmäßigen Kontakt geben wird.
09:46Das war dann aber von der Mutter so gewünscht, dass da erstmal kein Kontakt mehr stattfinden soll.
09:54Damit einfach das Kind auch die Chance hat oder die andere Familie die Chance hat, da was Neues zu gründen.
10:02Ohne den Einfluss des Vaters, der vielleicht auch bekannt ist.
10:07Matti Nykennen ist bei Olympia in Calgary 1988 der Star der Schanzen.
10:12Weißflug dagegen ist schlecht vorbereitet und spielt keine Rolle.
10:17Ja, und der Matti zeigt es ihnen erneut.
10:20Es ist unglaublich, was der leisten kann, wenn er herausgefordert wird.
10:25Über Jahre haben sich die beiden beim Siegen abgewechselt.
10:28In Kanada gewinnt Nykennen weit vor Weißflug dreimal Gold.
10:31Wir waren so nicht nur Konkurrenten, sondern auch irgendwie Freunde im Geiste.
10:38Also weil jeder zehn Jahre lang den Weg des Anderen begleitet hat.
10:44Nykennen hat Alkoholprobleme. Später kommt er mit dem Gesetz in Konflikt.
10:50Der Lebenswandel überschattet die Erinnerung an die Erfolge.
10:54Der viermalige Olympiasieger stirbt im Februar 2019.
10:59Weißflug reist zur Beisetzung nach Finnland.
11:06Dann dort zu sein, ist einfach auch der Respekt gegenüber der Person.
11:11Egal, was sie danach dem Sport für einen Lebensweg hatte, den man aber auch anerkennen muss,
11:19weil jeder da für sich das entscheidet.
11:22Und nicht jeder das Glück hat, immer den gleichen Weg wie sportlich oben entlang zu gehen.
11:32Siegerehrungen erlebt er oft mit Nykennen und Dopingkontrollen, unter besonderen Umständen nach dem Goldgewinn in Sarajevo 84.
11:39Weil es zu dem Zeitpunkt noch Bier bei der Dopingkontrolle gab und eben zumindest nicht nur Alkoholfreies.
11:49Und man könnte jetzt sagen, naja, es gab Bier, weil der Nykennen dabei war.
11:54Es ist auf alle Fälle die erste Siegesfeier gewesen.
11:56Wo zwei 19-, 20-Jährige die Saison bis dahin überwiegend entschieden haben, wer auf dem Podest steht und dann Erster und Zweiter in der ersten olympischen Entscheidung sind.
12:09Und das ist natürlich in erster Linie mal ein Bier wert.
12:13Es gibt auch weniger beschwingte Dopingkontrollen.
12:16Ein Vereinskamerad aus Oberwiesenthal ist nach einem internen Test positiv.
12:20In seiner Biografie beschreibt Weißlob die Aufregung im Team.
12:24In diesem Zusammenhang kommt da der Satz vor, ich lese das mal vor.
12:27Ulf Fint Eisen lehnte es aber ab, oral Turinabol zu nehmen.
12:31Ich schließe mich ihm an.
12:33Daraus könnte man schließen, dass es die Aufforderung dazu gegeben hat, das zu tun.
12:36Wer den DDR-Sport kennt, der weiß, wie das ablief.
12:43Und das war dann vor der Saison, wo quasi nochmal das meiste Training stattfand, die meiste Belastung stattfand, war natürlich dieses Angebot da.
12:58Und dort war die Frage, bringt es dir was oder nicht?
13:02Mit allen Dingen, die ich schon als 16-Jähriger quasi bekommen habe, weil ich da muskulär zu schwach war, habe ich Eiweißpralinen bekommen.
13:17Weiß ich, was in den Eiweißpralinen drin war, zum Muskelaufbau.
13:22Also das, da könnte man sagen, man hat was nicht wissentlich verabreicht bekommen, aber ohne Gewissheit.
13:34Herzlichen Glückwunsch Jens Weißblock und auch dem Mannschaftsführer der DDR.
13:37Bei der WM in Seefeld 1985. Erster Gastauftritt im Westfernsehen, das aktuelle Sportstudio.
13:43Und wie das Uses war, durfte man ja in solche Geschichten nie allein gehen.
13:52Selbst der Fernsehauftritt wurde begleitet von Eckhard Becher, also dem Präsidenten des Skiläuferverbandes der DDR.
14:00Der erste Sprung kam super, möchte ich sagen.
14:04Ich hatte 8 Punkte Vorsprung vor dem 2. und so könnte ich eigentlich sehr beruhigt in den 2. gehen.
14:13Als erneuter Tourneesieger ist er angereist. Aber das DDR-Team ist noch ohne Medaille. Weißflug muss die Bilanz retten.
14:21Was mag nur in dem Kopf vor sich gehen? Denk dran, was du kannst.
14:29Autosuggestion.
14:29Die Entscheidung muss jetzt fallen.
14:38Das ist es. Das ist der Sieg.
14:42Weltmeister Jens Weißblock. Ich warte nicht auf die Weite. Ich warte nicht auf die Not.
14:46Das ist der Sieg für Jens Weißblock.
14:48Preise und Prämien gibt es auch wieder. Nur das Auftrittshonorar im West-TV, das kriegt er nicht.
14:53Was ich bis dahin auch nicht wusste, dass es für diesen Auftritt Geld geben würde.
15:00Das waren, glaube ich, 200 D-Mark. Und 200 D-Mark waren für mich damals Riesengeld.
15:06Das wäre eine Bohrmaschine, ein Stereo-Radio-Kassettenrekorder oder irgendwas gewesen, was man sich hätte dafür kaufen können.
15:14Aber die wurde großzügig vom Eckart Becher abgelehnt, weil wir nehmen kein Geld.
15:22Jens Weißblock, es war die Rede vom Beruf. Was machen Sie beruflich und was haben Sie für Ziele?
15:27Ich bin Lehrling als Elektroinstallateur. Hoffe, dieses Jahr meinen Beruf abzuschließen.
15:34Als Installateur wird er zwar bezahlt, muss aber nie da sein. Er ist Sportler.
15:42Fünf Jahre nach Seefeld, 1990, die Wende ist im Gange, sind die Fragen beim nächsten Studioauftritt schon etwas unbefangener.
15:50Sie werden oft auch als der fliegende Volkskammerabgeordnete bezeichnet.
15:55Noch folgekandidat.
15:56Sie sind also Mitglied der Volkskammer. Was haben Sie da gemacht die letzten Jahre?
16:01Immer wenn Erich kam, diesen rhythmischen Beifall in der vorletzten Reihe oder was macht man da?
16:09Prominente Sportler sind in der DDR auch als politische Akteure willkommen.
16:14Als Weltmeister von Lachti tritt Weißblock beim Pfingsttreffen der DDR-Jugend 1989 auf.
16:21Nur Vereinnahmung ist das nicht.
16:23FD Fischur, Christine Otto, Katharina Witt, Olaf Ludwig und viele andere.
16:28Ich denke auch, dass man als Jugendlicher, als jemand, der permanent in diesem System aufgewachsen ist
16:37und permanent auch mit diesen Dingen bescheuert wird, in einem gewissen Maß auch daran geglaubt hat.
16:44An die gute Sache des Sozialismus.
16:47Im November 1989 verfolgt er als Abgeordneten Nachrücker die Sitzung der Volkskammer an Ort und Stelle.
16:53Auch die bizarre Rede des langjährigen Stasi-Chefs Erich Mielke.
16:58Ich liebe doch alle, alle Menschen. Ich liebe doch. Ich setze mich doch dafür ein.
17:06Später wird er erfahren, dass auch Sportler von Mielkes Apparat belauscht wurden.
17:11Skispringer nicht ausgenommen. Es gab Spitze.
17:14Ich bin mir durchaus bewusst, dass es im nahen Umfeld welche sein könnten.
17:24Ob das der Trainingskamerad war, Trainer vielleicht, die dich über Jahre begleitet haben.
17:31Aber ich will die Bilder, die ich von den Leuten habe, die es vielleicht hätten sein können, behalten, wie sie waren.
17:38Ich habe meine Stasi-Akte bewusst nicht angefordert.
17:44Nicht das, ja, vielleicht so ein bisschen des lieben Friedenswillen.
17:48Im Rückblick habe ich zumindest für mich keine Nachteile empfunden, wo ich sage, das könnte etwas gewesen sein, wo mich jemand verpfiffen hat.
17:57An der Torwand trifft er im Januar 1990 zweimal.
18:02Der Schwarzwälder Dieter Thoma ist auch da.
18:05Er hat an diesem Tag als erster Westdeutscher seit 30 Jahren die Vierschanzentournee gewonnen.
18:11Vor dem Schusstag sieht Weißflug wie der sichere Sieger aus.
18:14Noch im DDR-Dress wird er dann nur Dritter.
18:17Widerwillig kommt er zur Siegerehrung.
18:19Es wäre sein dritter Tourneesieg gewesen.
18:21Der gelingt ihm erst nach der Wiedervereinigung, die die Skispringer 1990 im Handumdrehen erledigen.
18:32Wir sind eigentlich von einem Wettkampf abgereist, wo wir noch gegeneinander gesprungen sind, zum ersten gemeinsamen Trainingskurs.
18:42Und dort gab es am Abend eine Ansprache vom damaligen Bundestrainer Rudi Tusch.
18:48Wir freuen uns, dass wir jetzt alle zusammen sind.
18:52Und ja, am Ende war es so.
18:55Also ich weiß nicht, ob wir mit einem Glassekt oder was angestoßen haben zur Wiedervereinigung.
19:01Jens Weißflug, jetzt geht es um den Gesamtsieg.
19:04Gelingt ihm ein Sprung, ich will mal sagen, so um 100, 300, 400 Meter oder 100 Meter kann ihm, glaube ich, nichts mehr passieren.
19:12Noch hat er 37 Punkte oder 35 Punkte in der Gesamtwertung Vorsprung.
19:18Ich bin ziemlich sicher, der Gesamtsieg der 39. internationalen Vierschanzentournee ist vergeben.
19:35Im Jahr 1 nach der DDR ist dann der dritte Tourneesieg da.
19:38Nur zwei haben das vor ihm geschafft.
19:42Dieter Thoma wird Dritter im jetzt vereinten deutschen Team.
19:45Doch eine andere Wende steht ihnen noch bevor.
19:49Die Wende zum V-Stil.
19:53Bis 1991 gehen die Titel immer noch an die, die die Ski in der Luft zusammenhalten.
19:59Es scheint kein Handlungsbedarf zu bestehen.
20:01Weil wir daran geglaubt haben, dass wir in dem Parallelstil im nächsten Jahr noch mit vorn sind.
20:09Zudem hat er mit Knieverletzungen zu tun.
20:11Die Umstellung klappt nicht.
20:13Es kommt, was kommen muss.
20:15Die Olympischen Spiele 1992 in Albertville sind eine Enttäuschung.
20:20Weit weg von den Medaillen.
20:22Keiner hatte Erfahrung, wie geht V-Stil.
20:27Die Trainer wussten nur, mach die Füße auseinander.
20:31Soweit konnte ich mir das schon vorstellen.
20:34Den ganzen Winter wird geübt.
20:36Doch das V will nicht gelingen.
20:38Erst Monate später bringt ein sonniger Tag in Oberwiesenthal die entscheidende Wende.
20:42Und dann sehe ich während des Fluges mein Schattenbild vor mich herfliegen.
20:53Und sehe beim Schattenbild, dass der linke Schien nicht so weit draußen ist.
20:57Das war wie Springen vor dem Spiegel.
20:59Also Selbstkorrektur in der Luft.
21:02Da hat man dann wirklich das erlebt, was der Trainer immer gesagt hat.
21:05Aber man selbst nicht merkte.
21:06Und diese Korrekturmöglichkeit, das war ein Riesenerlebnis, sich selbst fliegen zu sehen.
21:15Sich selbst korrigieren zu können in der Luft.
21:19Trotzdem springt er weiter hinterher.
21:21Die WM in Schweden wird 1993 zum Desaster.
21:26Er landet weit abgeschlagen.
21:29Erst im Dezember dieses Jahres gelingt dem neu gestylten Weißflug in Planitza zum ersten Mal ein V-Stil-Sieg.
21:36Kurz darauf beeinflusst der Norweger Lasse Ottesen mit einem Verzögerungsmanöver zum Nachteil von Weißflug den möglichen vierten Tourneesieg.
21:46Espen Bredesen aus Oslo gewinnt, dank des besseren Windes in Bischofshofen.
21:56Bredesen gegen Weißflug, das ist der Zweikampf der Saison.
22:00Dann auch bei Olympia auf der Großschanze ein paar Wochen später.
22:03Aber jetzt die besten zwei.
22:06Nun, man sprach ja zu Recht hier.
22:07Vom Duell um die Lufthoheit von Lillehammer.
22:11Weißflug gegen Bredesen.
22:12Das hat auch dann den Zweikampf vor Ort ausgemacht.
22:20Und der fand aber eigentlich gleich vom Szenario statt wie in, wie zehn Jahre vorher in Sarajevo, dass ich eben nicht führte, sondern Zweiter war und sich das Blatt im zweiten, im Finaldurchgang gewendet habe.
22:35Routine und die Schnellkraft beim Absprung sind seine Trümpfe, die von Bredesen das Balancegefühl, die Risikobereitschaft.
22:44Jens fliegt und er tut es ganz weit hinunter.
22:48Ein Riesensprung von Jens Weißflug und zu Recht jubelt er.
22:53Zehn Jahre nach seinem Olympiasieg in Sarajevo ist er wieder top.
22:58Aber in dieser Konstellation zehn Jahre später, auch im, ich sag mal, im Mutterland des Skispringens, gegen den Norweger dann zu gewinnen, das ist eigentlich für einen Skispringer, kann es eigentlich nichts Größeres geben.
23:16Und jetzt Espen Bredesen, der Glückspilz des ersten Durchgangs.
23:21Was hat er für einen idealen Wind? Jetzt ist er in der Spur.
23:25Schanzenrekord, 135,5 ist er gesprungen. Wie steht jetzt der Wind? Schlecht für ihn.
23:30Schlecht, aber er macht es trotzdem.
23:32Das wird eng, das wird eng.
23:35Und das ist der zweite Platz für Bredesen, trotz der Riesennoten und der Sieg für Jens Weißflug.
23:42Bravo Jens!
23:43Der ganze Ablauf war doch etwas anders als in Sarajevo zehn Jahre vorher.
23:50In Lillehammer stehe ich immer noch unten, warte auf den Konkurrenten, der unmittelbar nach mir springt und konnte auch sofort jubeln.
24:09Jens Weißflug, alle Mann!
24:13Es hat für mich eine emotionale Bedeutung gehabt, weil es natürlich mit vielen Dingen zusammenhängt.
24:20Ich sage mal, nicht mit der Wende.
24:22Aber Umstellung auf den V-Stil, dann klappt das nicht gleich mit dem V-Stil.
24:29Dann wirst du 30. bei der WM.
24:33Dann wirst du als Brathuhn bezeichnet.
24:36Es ist ja in erster Linie auch nicht nur eine Genugtuung für einen selbst, dass sich das Training gelohnt hat und so weiter, die ganzen Dinge, die man dafür tut.
24:44Sondern es ist auch dann eine Genugtuung gegenüber den Kritikern.
24:48Ehefrau Nicola hat den Erfolg mit den beiden Söhnen daheim erlebt.
24:55Beim nächsten Goldgewinn im Team ist sie dabei.
24:58Doch es gibt ein Nachspiel.
25:00Weißflug gratuliert dem Schlussmann der überlegenen Japaner schon vor dem letzten Sprung.
25:05Masahiko Harada macht dann mit einer indiskutablen Leistung das deutsche Quartett zum Olympiasieger.
25:10Weißflug wird unfaires Verhalten vorgeworfen.
25:14Die Sache steht in der Zeitung.
25:15Beim letzten Wettkampf auf der kleinen Schanze kurz danach wird er ausgepfiffen und reagiert unbedacht.
25:24Vierter wird er in seinem letzten olympischen Wettbewerb und verlässt Lillehammer mit gemischten Gefühlen.
25:32Am Alleinstellungsmerkmal der einzige Olympiasieger im Parallel- und V-Stil zu sein,
25:36noch dazu für zwei deutsche Staaten, ändert das nichts.
25:41Später kehrt er als TV-Experte immer mal wieder zurück an die Städte des größten Triumphs.
25:49Auf den noch einer folgen wird.
25:52Denn den nach Olympia geplanten Rücktritt nimmt er zurück.
25:55Das Gold von Lillehammer lässt sich versilbern.
25:58Vor der Vierschanzentournee 1996 ist er nicht in Form,
26:02startet aber als Zweiter in Oberstdorf.
26:04Dann stürzt der Favorit aus Finnland, Mika Leitinen, beim Training zum Neujahrsspringen und scheidet aus.
26:11Der Weg zum Tourneesieg ist frei.
26:20Vor 13 Jahren hatte er auf dieser Schanze seine erste Vierschanzentournee gewonnen.
26:26Und heute am Dreikönigstag setzte er sich selbst die Krone auf.
26:30Jens Weiß flog auf den Sprung in Bischofshofen.
26:33Und mit ihm gewann der 31-Jährige als Oberwiesenthal zum vierten Mal die Vierschanzentournee als erster Springer überhaupt.
26:40Krönender Abschluss einer beispiellosen Springer-Karriere.
26:43Und damit guten Abend und willkommen zum Heute-Journal und direkt zur Politik.
26:51Daheim im Erzgebirge verfolgt man den historischen Erfolg beim Public Viewing.
26:55Und das war sicherlich auch der Sieg des Tages.
27:00Es hat zu diesem Zeitpunkt dann auch medial die Bedeutung eingenommen.
27:04Was für mich nochmal auch eine Erfahrung war.
27:09Wo ich gedacht habe, du bist schon bekannt, aber plötzlich war ich noch bekannter.
27:14In Österreich erfüllt er sich noch einen letzten Springer-Traum und überfliegt die 200-Meter-Marke.
27:23Im Sommer darauf ist Schluss.
27:26Abschiedsspringen in Oberwiesenthal.
27:28Schanzenrekord 102 Meter.
27:33Der Wechsel ins Berufsleben ist nahezu übergangslos.
27:40Er eröffnet ein Hotel in seiner Heimatstadt.
27:47Und wer sein Zimmer sucht, tut gut daran, die Erfolgsstationen in der Karriere von Jens Weißflug zu kennen.
27:543-mal Olympiagold, 4 Tourneesiege.
27:59Das reicht für die Unsterblichkeit.
28:01Das sind alles Dinge, die dazu beigetragen haben, dass der Name Jens Weißflug heute immer noch eine Rolle spielt.
28:1423 Jahre, nachdem ich aufgehört habe, kommen die Leute immer noch.
28:18Und wissen, wer das ist.
28:21Wo Leute heute nach 3 Jahren teilweise schon vergessen sind.
28:25Mit seiner 2. Frau Doreen hat Weißflug Tochter Greta, die als 9-Jährige die sportliche Familientradition fortzusetzen beginnt.
28:34Wir haben da nicht den Anspruch, dass sie jetzt Olympiasiegerin werden soll.
28:41Aber wie bei mir sehe ich die Dinge auch nicht immer nur zum Spaß.
28:46Sondern auch mit einer gewissen Konsequenz, dass man, auch wenn man mal keine Lust zum Training hat, dann eben trotzdem hingeht.
28:56Wichtig für uns ist nur, dass sie nicht YouTube-Star oder Influencerin werden will, sondern sie soll was Richtiges machen.
29:06Der Hotel- und Restaurantbetrieb kommt im Jahr der Corona-Pandemie wiederholt zum Erliegen.
29:14Die Lockdown-Erfahrung hinterlässt Spuren, auch beim Olympiasieger im Erzgebirge.
29:21Als Sportler konnte ich größtenteils dazu selbst beitragen.
29:25Das hat manchmal geklappt, manchmal auch nicht.
29:27Ob ich erfolgreich bin oder nicht.
29:29Aber in dieser Situation bist du von vielen Entscheidungen abhängig, die andere treffen.
29:34Die andere für dich treffen, wo ich keinen Einfluss mehr habe.
29:38Und das lässt mich, obwohl ich sonst gut schlafe, durchaus unruhig schlafen.

Empfohlen