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  • vor 9 Stunden
Die Staatsanwaltschaft klagt Sebastian T. an, die 23-Jährige
Hanna W. heimtückisch getötet zu haben. Der sogenannte
Eiskeller-Fall spaltet die Gemeinde und sorgt für bundesweites
Aufsehen. In der Boulevardpresse ist Sebastian T. bereits der
„Killer von Aschau“. Während die einen an seine Schuld
glauben, sind andere von seiner Unschuld überzeugt: Seine
Familie lässt keinen Verhandlungstag aus. Als
.....

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Transkript
00:03Nach elf Wochen ist immer noch unklar, wie Hanna zu Tode gekommen ist.
00:10Ich hatte mich mit den drei besten Freundinnen von der Hanna getroffen und das waren für mich ganz, ja, ehrlichweise
00:15bewegende Gespräche,
00:17weil er so eine Kraft einer Freundschaft, einer freundschaftlichen Liebe spürbar war, weit über den Tod hinaus.
00:22Dass ich gemerkt habe, diese drei jungen Frauen, die tragen die Hanna wirklich in ihrem Herzen
00:27und die haben auch immer wieder sich selbst aufgefordert, so zu leben, wie die Hanna es ihnen vorgelebt hat,
00:32dass man jeden Tag nutzt, dass sie, auch wenn sie immer irgendwie müde sind, sich aufraffen, sich mit Freundinnen treffen,
00:38an Chiemsee fahren, abends rausgehen, dass sie einfach diese Lust am Leben, die die Hanna offensichtlich hatte, dass sie die
00:45jetzt weiter fortleben.
00:49Was ist in der Nacht zum 3. Oktober 2022 geschehen?
01:23Der Fall um die getötete 23-Jährige Hanna W.
01:27Die Hanna W. aus Aschau im Chiemgau ist weiterhin ungeklärt.
01:30Jetzt gibt es einen möglichen Tatverdächtigen.
01:34Sebastian T.
01:36Wenige Stunden nach seiner Festnahme stehen die Beamten mit einem Durchsuchungsbeschluss vor dem Haus seiner Familie.
01:44Also ich habe mir gedacht, was ist da passiert?
01:47Ein Riesenbus und alles da draus beleuchtet.
01:50Und dann kam wieder ein Bus und nochmal ein Bus und nochmal ein Polizeiauto und wieder ein Polizeiauto.
01:55Und da laufen dann die Polizisten auf und ab da.
01:58Ganz, also so richtig schwarz anzogen und mit Pistolen und alles.
02:03Also da war alles ausgeleuchtet.
02:06Also es war wirklich für jeden, der irgendwie so im Umkreis von 50 Kilometer lebt, übertrieben, war zu sehen, hier
02:13ist was los.
02:16Die Ermittler suchen nach Spuren und nach Gegenständen, die Hanna gehört haben könnten.
02:22Der Fall sorgt für bundesweites Aufsehen.
02:25In der Boulevardpresse ist er bereits der Killer von Aschau.
02:33Auch seriöse Medien beschäftigen sich mit dem Fall.
02:40Mein Name ist Sabine Rückert, ich bin Kriminalreporterin der Zeit und habe über den Eiskellerfall geschrieben.
02:48Ich weiß, dass es Leid gibt.
02:51Jemand hat einen Menschen verloren, darüber wird er niemals hinwegkommen.
02:55Aber das alles interessiert mich letztlich erst in der zweiten Linie.
02:59Die erste Linie ist die juristische oder sagen wir die ermittlungstechnische.
03:06Die interessiert mich und da gehen eigentlich meine ganzen Emotionen rein.
03:11Ich fokussiere mich drauf und ich gehe in den Fall rein und zwar bis ins Detail.
03:17Bis in ein Nebensätze und bis in SMS, die irgendwann mal irgendeiner nachts um vier geschrieben hat.
03:25All das habe ich im Kopf.
03:28Chatverläufe und Sprachnachrichten werden in diesem Fall noch eine besondere, eine sehr wichtige Rolle spielen.
03:36Anderthalb Monate nach Hannah W.s Tod sitzt Sebastian in Untersuchungshaft.
03:43Filmaufnahmen sind dort nicht erlaubt.
03:47Also ich bin da und befinde mich in der JVA Trangstein.
03:54Mir wurde halt gesagt, dass ich als Beschuldigter im Strafverfahren von der Hannah bin und bin dann von der Polizei
04:05dann im Wagen halt mit Handfüsseln nach Rosenheim.
04:09Und dann war ich halt im Verhörraum und dann bin ich halt dann auch gleich in der JVA.
04:18Es ist halt diese Warterei, diese Ungewissheit, wie es weitergeht.
04:24Also so.
04:26Ja.
04:26Es ist ja schön.
04:29Ja.
04:40Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen Mordes.
04:43Es dauert ein Jahr, bis der Prozess gegen Sebastian eröffnet wird.
04:47Seine Familie hat sehr schnell das Gefühl, dass vor allem gegen Sebastian ermittelt wird.
04:55Man hat dann versucht, dass man nochmal nachzubohren, was dem Sebastian eigentlich vorgeworfen wird.
05:05Und dann ging es immer um diesen 3. Oktober.
05:09Und dann eben auch um die Verena, dass Sebastian der Verena eben Täterwissen gesagt haben soll.
05:19Und wir haben dann versucht, zu überlegen, was am 3. Oktober eigentlich gewesen ist.
05:25Und du hast ja dann wegen der Videokamera oben am Schluss...
05:29Ich bin relativ schnell hergegangen und dachte mir, der ist durch Asschau gejoggt.
05:33Und wir haben ja einige Webcams, wo man bestimmte Plätze im Ort sieht.
05:36Und bin dann eben hergegangen und habe gesagt, um die Uhrzeit, vielleicht genau in diesem 10-Minuten-Schritt sieht man
05:45den Sebastian irgendwo
05:46und kann dann sagen, da ist er um diese Zeit da gelaufen, es kann gar nicht sein.
05:52Ich meine, wir waren von Anfang an davon überzeugt, dass es nicht war.
05:55Aber dass man was findet...
05:56Was denn entlastet?
05:57Dass man sagt, ich habe da ein Bild in diesem 10-Minuten-Abschnitt, da läuft er gerade vorbei.
06:02Also kann er um die Zeit gar nicht da gewesen sein.
06:06Die Webcam auf der Burg Hohen Aschau zeichnet nur alle 10 Minuten auf.
06:11Doch die relevanten Bilder aus dieser Nacht gibt es nicht.
06:14Warum ist bis heute ungeklärt?
06:18Lediglich die Kamera einer Gaststätte erfasst Sebastian T.
06:27Die Polizei geht davon aus, dass er Hannah W. bereits am Eiskeller gesehen hat
06:32und kurz vor seinem Elternhaus eine Extrarunde gelaufen ist, um dann auf sie zu treffen.
06:57Wenn man jetzt hier nach hinten zur Mauer schaut, dann ist da ein kleiner Durchbruch.
07:03Durch den ist der Sebastian gelaufen.
07:05Er hätte hier bei dem Durchbruch, wo man den Eiskeller jetzt sieht, angeblich die Hannah sehen sollen.
07:14Und dann ist er eben weitergelaufen bis durch die beiden Torpfosten und die Schlossbergstraße entlang und dann zu uns nach
07:24Hause.
07:24Also normalerweise, auch wenn die Polizei sagt, er wäre noch mal eine Extrarunde gelaufen.
07:31Man hat auch das Video gesehen, das da gemacht wurde und man sieht, wie viele Leute da davor stehen.
07:37Also von hier aus war es definitiv nicht möglich, da außer schemenhaft irgendjemanden zu erkennen.
07:43Ja, es war ja dunkel, natürlich war das vorne auch beleuchtet, aber erstens ist es zu weit weg.
07:49Und gerade vor der Hannah standen ja auch noch sehr viele Leute da auf der Straße.
07:53Also es war nicht möglich, dass er sie gesehen hat.
07:56Und er ist ja auch im Jogging-Tempo hier entlang und ist da weitergejobbt.
08:01Und stehen geblieben, laut den Zeugen.
08:06Sebastian bleibt bei seinen Angaben zur Laufstrecke.
08:11Eine Extrarunde sei er nicht gelaufen.
08:14Und Hannah habe er nicht gesehen.
08:16Er habe sie nicht einmal gekannt.
08:33So, und hier ist der Sebastian Lang gelaufen.
08:36Hier geht es nach Hause.
08:38Da ist er auch hingelaufen, so wie er es auch in seiner Aussage gesagt hat.
08:42Aber Polizei und Staatsanwaltschaft gehen davon aus, dass er hier nochmal bis zum Burkhotel vorgelaufen ist.
08:50Sich dann der Hannah genähert hat und ihren Stein genommen hat und sie dann überwältigt hat.
08:59Das ist die Geschichte von der Staatsanwaltschaft.
09:02Aber Sebastian ist nach Hause gelaufen.
09:05Und wir können uns nur vorstellen, dass er nach Hause gelaufen ist.
09:10Weil das andere hört sich an wie so eine kleine Räubergeschichte, die nicht gescheit ausgegoren ist.
09:19Na, das ist so.
09:22Die Ermittler haben ja auch die Handydaten sich angeschaut vom Sebastian und haben gesehen,
09:26dass er, ich glaube es war 2.42 Uhr in dieser Nacht, Clash of Clans auf seinem Handy gespielt hat.
09:31Und sie haben das dann so konstruiert, dass er genug Zeit hatte, um in der Zeit bis zur Kampenbahnstraße zu
09:37joggen.
09:37Die Hannah von hinten so attackieren, in den Baerbach zu werfen und wieder zurückzulaufen, um dann Clash of Clans eben
09:44zu spielen.
09:46Ein sehr abenteuerliches Modell, das sie dann entworfen haben.
09:50Es gibt ja auch nur 10 Minuten Handlungsspielraum, die er gehabt haben kann.
09:56Sebastian T. sitzt bereits seit 5 Monaten in Untersuchungshaft.
10:00Da findet eine Spaziergängerin am Flusslauf der Prien das Handy von Hannah W.
10:08Das Gerät wird an das Bayerische Landeskriminalamt übergeben.
10:19Es ist ja festgestellt, dass die Hannah, bevor sie ins Wasser gelangt ist, auch noch einen Notruf abgesetzt hat.
10:26Das muss im Zusammenhang mit einem Angriff auf sie gewesen sein.
10:32Stellen Sie sich selber vor, Sie fallen ins Wasser, suchen Sie da ein Handy und wählen Sie ein Notruf, wo
10:37Sie drei Aktionen auf dem Handy ausführen müssen, dass der Notruf überhaupt abgesetzt wird.
10:41Der ist abgesetzt worden.
10:43Das macht kein Mensch.
10:44Das ist schlichtweg nicht machbar.
10:47Wenn ich im Wasser bin, dann schlage ich um mich, versuche mich irgendwo festzuhalten, schaue ich, dass ich hier ans
10:52Ufer komme.
10:53Ich weiß in dem Moment gar nicht, wo mein Handy ist, weil ich mich mit komplett was anderem beschäftige.
11:01Für Hannas Eltern arbeitet sich der Anwalt der Nebenklage in den Fall ein.
11:08Sie haben festgestellt, dass sie eigentlich so gut wie keine Informationen hatten.
11:14Parallel dazu zeichnete sich ab, dass eben ein Verfahren jetzt geführt wird, weil es einen Angeklagten gibt.
11:20Und da wollten sie im Endeffekt halt dann wissen, was ist Stand der Dinge, wie geht es weiter.
11:25Und zumindest die Chance haben, einfach zu erfahren, wie war es, dass Hanna ums Leben gekommen ist.
11:37Über ein Jahr nach dem Auffinden der Leiche haben die Ermittler keine Beweise und auch kein Geständnis.
11:47Am Landgericht Traunstein hat der sogenannte Hanna-Prozess um den Tod einer jungen Frau aus Aschau begonnen.
11:55Wegen Mordes angeklagt ist ein 21-jähriger gebürtiger Rosenheimer, der in Aschau lebt.
12:02Seit elf Monaten sitzt er in Untersuchungshaft, verweigert allerdings die Aussage.
12:14In diesem Prozess wird Sebastian T. zunächst von zwei Pflichtverteidigern vertreten.
12:23Naja, es ist deswegen besonders, weil es natürlich in einem kleinen Ort passiert ist.
12:28Das ist das eine. Das zweite, weil wir es eben mit einem reinen Indizienprozess zu tun haben,
12:34wo man im Endeffekt jetzt 27 Hauptverhandlungstage brauchen wird,
12:39um möglicherweise zu klären, was tatsächlich in der Nacht passiert ist.
12:44Die Staatsanwaltschaft klagt Sebastian T. an, Hanna W. heimtückisch getötet zu haben.
12:51Der sogenannte Eiskellermord erregt bundesweit mediale Aufmerksamkeit.
13:01Die Stimmung war am Anfang sehr einträchtig und ich hatte auch in den ersten Wochen das Gefühl,
13:08dass die Vorsitzende Richterin das eigentlich gut macht in der Beweisführung.
13:12Sie hat sehr viel Rücksicht auf die Eltern von der Hanna genommen, hat ihnen immer wieder gesagt,
13:17wirklich mutig, ihnen ist etwas zu, indem ich diese Zeugenaussage zitiere oder es gibt jetzt Bilder,
13:22die sie vielleicht besser nicht sehen wollen.
13:25Sie hat gleichzeitig sehr darauf gedrängt, dass der Angeklagte seinen Freundinnen und den anderen Zeugen
13:33so ein bisschen die Last der Aussage nimmt, dass sie jetzt vor Gericht darüber reden müssen,
13:40was er getan hat. Er könne doch mit einem Geständnis dem Ganzen einfach sehr, sehr viel wegnehmen.
13:45Und sie war also sehr einfühlsam mit Ausnahme von einem dem Angeklagten.
13:49Da war sie ganz erkennbar, sich sicher, da sitzt der richtige Mann.
13:55In den ersten Prozesttagen geht es für das Gericht um die Zeugenaussage der Freundin des Angeklagten.
14:01Mit einer Zeitangabe hatte sie Sebastian T. schwer belastet.
14:07Im Ermittlungsverfahren hat diese Zeugin relativ klare Angaben gemacht,
14:12die letztlich dazu geführt haben, dass unser Mandant in Untersuchungshaft gekommen ist.
14:17Wir haben am heutigen Hauptverhandlungstag aber mitbekommen,
14:20dass sie also keinerlei Erinnerungen mehr oder sehr wenig Erinnerung
14:25sowohl an die Vorfälle des 3.10. oder 4.10. hat
14:29und auch nicht an die Vernehmungen bei der Polizei.
14:33Verena R. gab bei der Polizei an, dass Sebastian T. ihr am Abend des 3. Oktober
14:38von einem ermordeten Mädchen in Aschau erzählt habe, was auf Täterwissen deuten könnte.
14:42Ein Irrtum, von dem sie nach ihrer Vernehmung Sebastian T. berichtet.
14:46Hallo Sebastian, ich war jetzt gerade bei der Polizei.
14:49Die Polizei hat das alles geregelt und ich habe mich verplappert.
14:53Ich habe nämlich gesagt, das war am 3. Oktober, obwohl es am 5. Oktober war.
14:57Vielleicht kannst du denen sagen, dass ich mich vertan habe,
14:59dass es eigentlich der 5. Oktober war, wo wir uns getroffen haben.
15:03Auf diesen Fakt haben die sachbearbeitenden Kollegen
15:06die leitenden Ermittler der Polizei hingewiesen.
15:09Er wurde offensichtlich nicht berücksichtigt.
15:11Die Polizei überprüft auch Verena R.'s Smartphone.
15:14Es stellt sich heraus, sie hatte sich am 4. Oktober mit Sebastian T. getroffen.
15:19Die Frage, ob, wann und von wem die Staatsanwaltschaft über den Irrtum von Verena R. informiert wurde,
15:25hat das Polizeipräsidium Oberbayern-Süd in seiner Stellungnahme nicht beantwortet.
15:34Der Moment, in dem ich angefangen habe, richtig stark daran zu zweifeln,
15:39dass es genauso war, wie es die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten vorgeworfen hat,
15:42war der Tag, an dem die Geodaten des Handys, des Angeklagten
15:48und auch seiner besten Freundin vor Gericht eingeführt wurden,
15:50weil da sofort klar war, es kann nicht sein, dass er am 3. Oktober ihr erzählt hat von dem Mord,
15:57sondern es muss am 4. Oktober gewesen sein.
15:59Es ist auch zu erkennen, dass die beiden sich da rund um den Parkplatz vor dem Eiskeller treffen,
16:04dass sie dann einen Spaziergang machen.
16:06Und damit ist ja der Grund weggefallen, warum er verhaftet wurde.
16:10Und dadurch hat für mich die Beweislast schon nicht mehr ausgereicht, um ihn zu verurteilen.
16:15Man hat dann die Schwester dieser Freundin befragt, die wieder eine andere Geschichte erzählt hat,
16:21nämlich, dass er am 3.10. anlässlich eines Tischtennisspiels diese Äußerung getan hätte.
16:28Wir wissen mittlerweile, dass dieses Tischtennisspiel nicht am 3.10. stattgefunden hat.
16:42Mein Name ist Regina Rigg, ich bin Strafverteidigerin in München seit 25 Jahren.
16:48Und dieser Fall ist schon etwas sehr Besonderes.
16:52Man muss gleich ganz ehrlich sagen, eigentlich grätscht man nicht in so ein laufendes Verfahren.
16:57Ich wollte das auch nicht tun.
16:58Aber die Familie hat oft bei mir angerufen und wollte unbedingt einen Besprechungstermin.
17:06Und da sie mir erzählt haben von den Ermittlungsergebnissen, von dem Hochwasser in dieser Nacht,
17:13von der Alkoholisierung, von der Ertrunkenen und davon, dass dieselbe Polizistin,
17:19die auch schon den Herrn Genticki 13,5 Jahre in Haft gebracht hat, ermittelt hat,
17:24da hat es mich dann doch interessiert und ich sagte, ich schaue mir das mal an.
17:32Man hat schon gemerkt, dass die Verteidigerin Frau Rigg und die Vorsitzende der Richterin Frau Aspechler,
17:37dass die nicht miteinander konnten.
17:39Und es war eben so, dass Frau Rigg damals bundesweit bekannt war, weil sie den Fall Genticki ja geklärt hat.
17:46Und da Manfred Genticki nach 13,5 Jahren als unschuldig aus dem Gefängnis rausgeholt hatte für einen Mord,
17:51der kein Mord war, sondern ein Unfall. Und genau diese Theorie hat Frau Rigg dann auch vor Gericht sehr vehement
17:57von Beginn an dargestellt.
17:59Und die Vorsitzende der Richterin hat aber von Beginn an nicht geglaubt, dass es eine Unfalltheorie sein könnte.
18:06Und hat, so war der Eindruck da, dann so ein bisschen verbissen darin, dass man jetzt zeigt,
18:12hier wird alles geprüft in Traunstein, aber es war ein Mord.
18:16Es gibt auch eine Videoaufnahme von ihr, die habe ich mir angesehen.
18:20Da wirkt sie sehr aufgeschlossen, sehr munter und eigentlich ein guter bayerischer Typ.
18:27Sie führt aber in der Aufnahme eine junge Journalistin durch ihren Gerichtssaal und erklärt so.
18:35Interessant fand ich dabei, dass sie noch gesagt hat, ja, und vor dem Fenster sitzt immer der Staatsanwalt,
18:41denn der Staatsanwalt ist die Lichtgestalt. Und das scheint mir in diesem Fall nun gerade nicht der Fall gewesen zu
18:48sein.
18:48Der hätte eher in der Ecke stehen müssen, wo es ein bisschen dunkler ist.
18:52Was sind denn für Sie ganz wichtige Eigenschaften, die Richterin mitbringen sollte?
18:58Also welche, da geht es ja schon allein, Charaktereigenschaften oder Fähigkeiten einfach so halt mal besitzen,
19:04dass man diesen Job bestenfalls ausübt oder so?
19:07Ja, in erster Linie natürlich das Fachwissen muss man haben, das ist klar.
19:11Das haben aber eigentlich alle Richter, weil sonst hätten sie, wären sie nicht eingestellt worden.
19:15Bayern stellt nur gute Examensabgänger ein.
19:19Da muss man eigentlich schon auch haben, ein gewisses Durchhaltevermögen.
19:22Gerade bei so Großverfahren, die ziehen sich über Monate oft eine Durchsetzungskraft.
19:27Wir haben leider Gottes auch einige Anwälte, die halt auf Konflikt aus sind.
19:32Die nennt man auch Konfliktverteidiger.
19:34Die versuchen halt, den Prozess schwierig zu machen, sage ich mal.
19:38Und manchmal schießen sie auch ein bisschen über das Ziel hinaus.
19:42Und da muss man sich schon durchsetzen können.
19:46Regina Rigg stellt nach Eintritt in den Prozess 21 Beweisanträge.
19:5015 werden von der Kammer abgelehnt.
19:57Einer davon befasst sich mit Hannah W.'s Handy.
20:00Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Hannah W. vor dem Wasserkontakt einen Notruf zur Festnetznummer ihres Vaters gestartet habe,
20:08weil sie sich bedroht gefühlt habe.
20:11Regina Rigg sieht das anders.
20:15Der Anruf sei erst beim Wasserkontakt ausgelöst worden.
20:32Was mich zunächst an der Unfalltheorie hat zweifeln lassen, war, dass die Hannah kurz nach halb drei einen Notruf abgesetzt
20:38hat,
20:39dass sie zu Hause angerufen hat.
20:40Und das hat für mich nicht gepasst, dass sie da möglicherweise im Wasser stehen würde und zu Hause anruft.
20:48Deswegen war ich lange, genauso wie ich auch nicht mich habe überzeugen lassen, dass es war,
20:54zunächst nicht überzeugt, dass es ein Unfall war, weil ich mir erst die Fakten anschauen wollte.
20:58Und es fühlte sich im Gerichtssaal an wie eine überwältigende Last an Indizien.
21:06Viele Medien folgen zu diesem Zeitpunkt überwiegend der Staatsanwaltschaft.
21:20Ich habe Regina Rigg kennengelernt und sie hat mir von diesem Fall erzählt.
21:25Und ich hatte schon am Rande, raschelte der so in meinem Leben mit, aber ich habe mich dafür nicht weiter
21:31interessiert.
21:32Und deswegen habe ich mich jetzt erst mal bedeckt gehalten und dann habe ich mir das angesehen, was da so
21:37geschrieben und gedacht wurde.
21:40Und dann habe ich mir gedacht, das sieht nicht gut aus hier.
21:44Also ich möchte nicht in einem solchen Gericht als Angeklagter sitzen.
21:51Dieser Eindruck wird von vielen Prozessbeobachtern geteilt.
21:58Sebastians Familie leidet unter der Situation.
22:02Also man hat halt versucht, dem Ort aus dem Weg zu gehen, irgendwo anders zu einzukaufen und sie erst mal
22:08abgeschottet.
22:10In Aschau werden wir nicht direkt darauf angesprochen, weil persönlich glaube ich, erstens ist es ein schwieriges Thema und nicht
22:21einfach für die Leute.
22:23Also entweder drehen sich halt viele weg oder wechseln halt die Straßenseite.
22:30Aber andere, die grüßen einen trotzdem oder wünschen einem alles Gute.
22:43Regina Rick will beweisen, dass es sich bei den zahlreichen Verletzungen an Hannah W.'s Körper um Treib- und Anprallverletzungen
22:49handelt.
22:50Die Rechtsmediziner aus München stellen in ihrem Gutachten eine andere Hypothese auf.
22:57Die Einblutungen lassen an eine flächenhafte Gewalteinwirkung von hinten denken, wie sie möglicherweise durch Draufliegen oder Draufknien links betont hervorgerufen
23:07werden könnten.
23:09Die junge Frau hatte auch zwei Schulterdachfrakturen, also Acromion heißt es.
23:14Und eine beidseitige Acromion-Fraktur haben die Rechtsmediziner auch, das haben sie eingeräumt, noch nie gesehen.
23:20Und sie hatten, was sie auch immer wieder betont, diese Idee, dass der Täter die Frau W. zu Boden gebracht
23:27hätte und sich dann auf ihre Schulterdächer gekniet hätte und dass diese Schulterdachfrakturen daher rührten.
23:33Die hat die Frau Professor von der Rechtsmedizin München nur als Gedankenexperiment bezeichnet.
23:41Sie hat das mehrfach betont, dass es nur ein Gedankenexperiment war.
23:44Aber dieses Gedankenexperiment, das hat eben gut in das Narrativ der Strafjustiz gepasst und deswegen hat man das so übernommen.
23:54Die Anwältin beauftragt den Rechtsmediziner Klaus Püschel mit einem Gutachten.
24:00Können die Verletzungen vom Treiben im Fluss stammen?
24:05Meine Antwort dazu ganz klar, jawohl, das geht.
24:10Die Erklärung dieser Verletzung durch das Treiben in diesem hochwasserführenden Bach mit einem Körper, der relativ schnell an Hindernisse anprallt.
24:24Klaus Püschels Gutachten wird vom Gericht abgelehnt.
24:29Die Unfalltheorie von Regina Rigg wird angegriffen.
24:34Da hat man mich angeschrien im Gerichtssaal, ich soll endlich aufhören mit meinem Unfall.
24:41Und es sei ein Peinlichkeit nicht zu überbieten und es sei ein Schlag ins Gesicht der Eltern.
24:46Da wird wirklich mit harten Bandagen gekämpft, um das nicht hochkochen zu lassen, was da passiert ist.
24:52Ein harter Vorwurf.
25:08Nicht nur die Verletzungen, auch die Bekleidung der Leiche wirft Fragen auf.
25:14Weil es ungewöhnlich war, dass die Leiche im unteren Bereich entkleidet war, bis auf den Slip.
25:22Die Besonderheit war, dass sie die Turnschuhe noch anhatte und es sich bei der Hose, die auch im Fluss gefunden
25:30worden ist,
25:31um eine relativ eng anliegende Hose mit einem Lederimitat gehandelt hat.
25:38Und der hydromechanische Sachverständige festgestellt hat, dass ein Ausziehen durch das Wasser, dass das im Endeffekt nicht möglich war.
25:48Die Hose war locker, die Hose war weit geschnitten, die Hose hatte einen kaputten Reißverschluss.
25:54Und ich habe mich gefragt, wie kommt man darauf, dass die nicht dem Wasser anheim gefallen sein sollen.
26:00Dem Bach ist es ja sogar gelungen, ihr die Ringe abzuziehen.
26:04Sogar die Ringe sind von den Fingern gerutscht.
26:08Und bei der Hose hält man das dann auf einmal für unmöglich, dass das jetzt die Natur gewesen sein soll.
26:15Jetzt soll es ein Sexualstraftäter gewesen sein.
26:18Den Ermittlern liegt die GPS-Auswertung von Hannah W.'s Handy vor.
26:23Sie könnten jetzt ihren Weg in der Nacht des 3. Oktober wesentlich präziser beschreiben.
26:29Doch die Polizei geht von einer theoretischen Ungenauigkeit der Standorte aus.
26:34Zudem passen die GPS-Daten weder zum angenommenen Tatort, noch zum vermuteten Tathergang.
26:45Für die Polizei bleibt es dabei.
26:47Hannah W. ist gegenüber einem Hotel überwältigt worden.
26:55Man sieht sie dann auf diesem Überwachungsvideo noch die Straße entlang gehen und dann biegt sie nach rechts ab.
27:01Sie hatte nur 10 Minuten nach Hause und dann fehlt jede Spur.
27:04Und soweit ich mich informiert habe, kann man dann ihrer Handyspur noch ein Stück weit folgen und dann bricht auch
27:11die ab.
27:12Und daraus wurde dann die Idee, dass dort auch der Tatort gewesen sein könnte.
27:17Wobei, ich war dort, ich habe es mir angesehen.
27:21Wenn man sich den Tatort anschaut, das ist ein Stückchen neben der Straße.
27:25Also um diese Zeit, halb drei, kommen da ununterbrochen Autos vorbei.
27:30Man sieht auch auf der Überwachungskamera, dass hinten Verkehr ist auf der Hauptstraße.
27:35Also es ist, die Leute gehen aus der Disco, der Abend lässt langsam nach, man hat keine Lust mehr, man
27:41hat vielleicht auch zu viel erwischt und geht nach Hause.
27:44Also es gibt auch sehr viele Leute, die sich an diesem Abend übergeben haben vor der Diskothek.
27:49Also da sieht man mal, da war ordentlich was los und da haben sich viele übernommen an diesem Abend.
27:56Niemand hat Hannah W. am von der Polizei festgelegten Tatort gesehen.
28:01DNA oder Blutspuren sind nirgends gefunden worden.
28:06Als der Prozess losgegangen ist, muss also schon eine gewaltige, sagen wir mal, Unsicherheit geherrscht haben in dieser ganzen, ob
28:15man das wirklich so durchkriegt.
28:17Umso erfreulicher kann ich mir vorstellen, ist es gewesen, dass sich plötzlich einer aus dem Knast meldete.
28:24Ein junger Mann, der behauptete, er habe Monate zuvor, Monate, ich glaube, vielleicht ein Dreivierteljahr zuvor, ein Geständnis gehört von
28:35diesem nichtgeständigen Angeklagten.
28:41Das ist interessant, wenn man sich die Vorstrafen dieses Menschen ansieht, warum er eigentlich im Knast sitzt.
28:47Er saß dort, weil er Kinder gezwungen hat, sich vor der Kamera auszuziehen und sich dort zu befriedigen.
28:55Und weil er sie zu allen möglichen, wirklich gewissenlosen Dingen gedrängt hat und sie dann mit den Bildern, die dadurch
29:02entstanden sind, weiterhin erpresst hat.
29:04Und dann habe ich ihn gefragt, ob er wirklich die Dame ermordet hat, ob er damit was zu tun hat,
29:11hat er erst mal das verneint gehabt.
29:12Und dann hat er irgendwann ausgepackt, hat gesagt, ja, er hätte mit dem Fall zu tun, er hätte sie missbrauchen
29:21wollen, also vergewaltigen wollen und hat sie dann im Fluss entsorgt.
29:25Er hat auch zugegeben, dass es ihm auch darum ging, dass er selber bei derselben Richterin, vor der auch Sebastian
29:32T. stand, selber demnächst einen Prozess hat.
29:34Und wegen dieser Dinge, die ich gerade erwähnt habe, wegen seines Missbrauchs dieser ganzen Kinder.
29:45Die Ermittlerinnen wollen von diesem Zeugen genau wissen, was Sebastian T. ihm gesagt habe.
29:50Ja, ich meine, ich bin mir gerade nicht sicher. Ich meine, ich hätte gesagt, dass er sie bewusstlos geschlagen hätte
29:58mit dem sexuellen Hintergrund.
30:02Sie haben da jetzt gerade zu Kollegen gesagt, sie glauben, sie haben gemeint, dass sie sich nicht wehren konnte.
30:09Ja.
30:09Hat er das auch so gesagt oder ist das jetzt eben an der Prätschung?
30:12Hat er auch gesagt, ja, damit sie sich nicht wehren konnte.
30:15Okay.
30:17Damit sie sich nicht wehren konnte, bewerten die Ermittler als Täterwissen.
30:22Und es erklärt für sie, warum die Leiche keine Abwehrverletzungen hat.
30:25Ich habe auch beantragt, Akten beizuziehen, die Akten, wegen derer er schon verurteilt war oder Strafverfahren gerade liefen.
30:36Wir haben beantragt zu ermitteln, in welchem Verfahren er schon Zeuge war.
30:41Wir wollten vor allem natürlich das psychiatrische Gutachten sehen.
30:45Das ist uns verweigert worden, alles.
30:47Und jetzt im Nachhinein, nachdem wir einen Großteil dieser Akten bekommen haben, hat sich noch mehr gezeigt, dass es ein
30:55Zeuge ist,
30:56dem man unter gar keinen Umständen hätte Glauben schenken dürfen.
31:00Vier Monate nach Prozessbeginn stößt Regina Rigg im Februar 2024 auf ein Schriftstück.
31:08Jedenfalls habe ich dann die Akten nochmal angeschaut und es handelt sich auch ein E-Mail-Verkehr zwischen der Vorsitzenden,
31:13Richterin und dem Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft,
31:18das wir nicht kannten natürlich und das in vertraulichem Ton gehalten war.
31:22Da duzen die beiden sich auch.
31:37Und dann verständigt man sich eben oder macht sich eben Vorschlag, weswegen der Sebastian zu verurteilen sei und das alles
31:46lange vor Schluss der Beweisaufnahme.
31:51Wegen dieser Absprache mit der Staatsanwaltschaft stellt Regina Rigg im Februar 2024 einen Befangenheitsantrag gegen die drei Berufsrichter.
32:04Er wird abgelehnt.
32:13Am 19. März 2024 verkündet die Vorsitzende Richterin das Urteil der Jugendkammer am Landgericht Traunstein.
32:23Das Gericht hat ihn verurteilt zu neun Jahren Haft wegen gefährlicher Körperverletzung und Tatmehrheit mit Mord.
32:30Welche Beweise gab es? Es gab überhaupt keine Beweise. Es gab null Beweise.
32:36Es sind überhaupt keine DNA-Spuren gefunden worden. Diese Kopfverletzungen, die müssen wahnsinnig geblutet haben.
32:44Es gibt keine Spur, weder beim Täter noch am Opfer noch am Geschehensort.
32:52Und da bin ich als Beobachter schon ein bisschen sprachlos im Gerichtssaal gesessen,
32:57dass da so wenig diesem berühmten Grundsatz in dubio pro reo im Zweifel für den Angeklagten gefolgt wurde.
33:05Für Regina Rigg steht seit dem abgelehnten Befangenheitsantrag fest, sie wird Revision einlegen.
33:13Sie findet einen Spezialisten auf diesem Gebiet.
33:18Just in dem Moment, als wir die Urteilsbegründung in den Händen hielt, haben wir telefoniert und gesagt,
33:22so jetzt gibt es nichts mehr anderes, jetzt gibt es nur noch einen Monat lang eine einzige Sache, dieses Urteil
33:29zu Fall bringen.
33:31Bis zum nächsten Mal.
33:46Untertitelung des ZDF, 2020

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