- vor 7 Monaten
Barcelona 1992 – von dem Moment an war nichts mehr, wie es vorher war: Aus der 14-jährigen Franziska van Almsick wird „Franzi Superstar“. Wir blicken zurück auf ihre Anfänge: DDR, Treptow, Spartakiade, Mauerfall, Start für die BRD, Wunderkind, Bambi, Wetten dass …?, erste Werbeverträge, erste Titelbilder. Franzi macht Millionen. Mit jeder neuen Medaille, mit jedem neuen Erfolg scheint es, als würde der Druck größer. Sie schwankt. Die Nation will mehr von Franzi, kann sich nicht sattsehen. Dabei ignoriert man einfach, dass die Wundervolle menschlich ist. Und Fehler hat. (Text: ARD)
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SportTranskript
00:00Wir sind die Eltern. Ich bin Jutta. Und ich bin der Bernd.
00:08Und das ist der Kater. Und das ist der Kater.
00:12Kataschen, komm, du bist heute nicht gefragt.
00:16Ich bin Lachen. Danke.
00:19In einer ruhigen Minute erwischen wir den Bonsai-Star bei einer Tätigkeit, die uns anfangs spanisch vorkommt.
00:25Ich habe keinen Badeanzug mehr, der noch trocken ist. Ich habe jetzt zwei verloren.
00:30Bei dem Nasskampf. Und meine anderen sind alle nass.
00:33Ich bin verloren.
00:34Ja, ich habe ehrlich gesagt, meinen Schrankschlüssel finde ich nicht mehr.
00:38Und in dem Schrank sind sich zwei Badeanzüge von mir.
00:42Sie hat ständig was vergessen. Verloren. Das ist aber, glaube ich, so ein bisschen eine Erbe.
00:48Da kann sie nicht allzu viel dafür.
00:51Ein Regenschirm, frisch vom Urlaub mitgebracht.
00:55Ja, der fuhr am ersten Tag, fuhr der in der S-Bahn. War nie wieder aufgetaucht.
00:59Schmuck in die Tasche geschmissen. Der war weg.
01:03Du hast für das nächste Jahr ein ganz großes Ziel dir gesteckt.
01:06Ja. Mein Ziel ist, dass ich gerne bei den Olympischen Spielen dabei sein würde.
01:12In Barcelona?
01:13Ja. Bloß die Voraussetzung ist dann halt, dass ich die Qualifikation schaffe.
01:19Die größten und teuersten Spiele aller Zeiten wurden in Barcelona mit einem weiteren Superlativ eröffnet.
01:32Hier die wiedervereinte deutsche Mannschaft.
01:35Bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona war ich 14.
01:39Wenn ich mit 14 damals gewusst hätte, was das eigentlich für ein Riesending ist.
01:43Da ist Franziska. Ihr erster ganz großer Auftritt. Ob sie jetzt nervös ist? Ich glaube schon.
02:04Also ich wollte eigentlich nur mal Hallo sagen, dass ich dann irgendwie in jedem Lauf im Finale war.
02:11Das war so gar nicht geplant.
02:1314 Jahre alt und schon unter den acht Besten der Welt.
02:17Take your mark.
02:18Was wird Franziska drauf haben?
02:28Franziska von Allmsig, der weißen Badekappe. Fünfte von unten.
02:32Und jetzt liegt sie aussichtsreich in diesem Rennen.
02:36Jenny Thompson hat es schwer auf den letzten Metern. Franziska kommt.
02:41Das könnte Platz 3 werden.
02:43Wer gewinnt? Bronze für Franziska von Allmsig.
02:46Jan, ist denn das die Möglichkeit?
02:49Die Medaille der Bronx der Franziska von Allmsig.
02:52Das ist keine Überraschung. Das ist eine Sensation.
02:55Ich glaube, der erste Gedanke war, ich habe mich erschrocken.
02:57Also ich habe selber nicht gedacht, dass ich dazu in der Lage bin und dass ich da eine erste Medaille irgendwie hole.
03:04Ja, Franziska ist wirklich ein Wahnsinnsrennen. Sensation aus meiner Sicht.
03:07Morgen stehen die 200 Meter Freistell an. Unter zwei Minuten müsste er wohl drin sein morgen, oder?
03:11Ohne irgendwelche Vorentscheidungen zu treffen, möchte ich doch sagen, dass ich das schaffen werde.
03:19Und wenn ich es nicht schaffe, dann wäre ich ziemlich sauer.
03:22Es war diese Mischung aus Selbstbewusstsein und Unbefangenheit.
03:25Ich habe nichts zu verlieren. Jetzt schauen wir mal, wo es hingeht.
03:28Und dann mit ihrer Berliner Anführungszeichen Schnauze eben gepaart, war das eben dann auch sehr locker und kam echt gut rüber.
03:35Dieses unglaubliche Talent war ja wirklich, wenn es den vielstrapazierten Begriff Wunderkind gibt, dann war das ja sicherlich irgendwie ein Wunderkind.
03:43Und mit dieser Mischung mit Ikedette Kike mal, irgendwie dieser Berliner Sound, das war natürlich so frisch.
03:49Und dann hat sie alles in Grund und Boden geschwommen.
03:53Und nach den 100 Freistell habe ich mir, glaube ich, ein bisschen ins Hemd gemacht.
03:59Alle um mich herum sind natürlich wahnsinnig geworden und haben gesehen, irgendwie was jetzt möglich ist.
04:04Mir ging es nicht gut immer, weil ich irgendwie immer das Gefühl hatte, ich schwimme mit.
04:13Und meistens hat mir zum Schluss die Luft gefehlt. Und heulen musste ich eh immer.
04:19Es ist Viertel nach sechs. Franziska nimmt noch einen Schluck, prüft das Wasser.
04:24Wachsende Spannung. Die 200 Meter Freistell sind ihre Spezialdisziplin.
04:30Die Eltern saßen vor dem Fernseher und fieberten mit.
04:33Die 100 Meter Freistell-Final, repräsentiert Deutschland.
04:37Franziska van Alpenstein.
04:38Was mag in dieser jungen Dame jetzt vorgehen?
04:41100 Meter Freistell war mein Leben. Das war das, was ich konnte, das, was ich geliebt habe.
04:46Danke, Max.
04:51Franziska, hoffentlich werden dir jetzt nicht die Arme schweren. Hoffentlich verkrampft sie nicht.
04:55Das ist ihr ganz großes Problem, wenn plötzlich die Gegnerin da ist, dass sie Angst vor der eigenen Courage kriegt.
05:01Das kann ich ja gar nicht schaffen. Aber sie verteidigt ihren Vorsprung.
05:04Klasse, wie sie das macht. Immer noch vorn.
05:07Franziska van Alpenstein. Knapp noch vorn vor Nicole Hazlet.
05:10Die beiden fasst gleich auf. Die kommt vorbei, die Amerikaner.
05:13Franzi hält dagegen. Welch ein Endspurt. Welch ein Endspurt.
05:17Bärsport. Eine Zehntelsekunde. Silber für Franziska van Alpenstein.
05:22Jetzt hat es ja geklappt. Nicht ganz so, wie sie gedacht haben, aber fast.
05:26Ihr Gefühl, ganz spontan.
05:29Also ich habe mit Gold nicht gerechnet, muss ich Ihnen ehrlich sagen.
05:31Ich habe es ihr gewünscht, aber ich habe nicht damit gerechnet. Ich bin überglücklich.
05:35Irre.
05:35Es ist verrückt. Das nochmal zu sehen, ist schon echt. Es ist echt verrückt.
05:46Es war mega knapp. Es war so knapp. Und je älter ich werde und je öfter ich mir dieses Rennen angucke, desto mehr ärgere ich mich.
05:55Dass es eigentlich eine Fingerkuppe war oder ein Fingernagel oder es war ein Wimpernschlag oder wie auch immer man das nennt.
06:01Die zweite Medaille de plata, repräsentando Alemania, Franziska van Almsieck.
06:091992 in Barcelona, da habe ich vier Medaillen geholt. Zwei Silber, zwei Bronze.
06:15Das war nie das, was ich wollte. Ich wollte immer nur Olympiaseherin werden.
06:19Als ich von Barcelona nach Hause geflogen bin, da habe ich gedacht, holt mich schon irgendjemand ab und dann fahren wir nach Hause und dann ist alles gut.
06:34Pünktlich, heute Mittag um 12.05 Uhr schwebte sie in Berlin ein.
06:37Und dann geht diese Schiebetür auf.
06:39Einen großen Bahnhof nennt man den Pulk der Medienvertreter wohl.
06:43Jeder wollte einen Blick oder ein Tünchen erheischen von dem 14-jährigen Olympiaküken.
06:48Zu so viel Öffentlichkeit das Urteil der von allen bedrängten Franziska.
06:52Schrecklich.
06:54Ich war noch so beseelt mit so einer Unbekümmertheit.
06:58Okay, ciao.
06:59Immerhin ist sie eine schon ziemlich prominente Berlinerin.
07:02Alle haben sich wahnsinnig gefreut.
07:08Ich glaube, selbst da habe ich noch nicht so richtig begriffen, was da eigentlich losgeht.
07:12Dort wohnt Franzi.
07:13Und als wir dieses Interview verabredeten, sage ich mal ganz ehrlich, es war nicht leicht mit dir.
07:18Du sagtest, du hast keinen Bock.
07:20Ich meine, es ist nicht leicht, da alle Fragen zu beantworten und andauernd zu lächeln und erst mal durch die Menge durchzukommen.
07:27Und da ging mir das wirklich alles schon auf den Senkel und ich war eigentlich froh, als ich hier zu Hause war.
07:33Hat ja auch nicht gepasst.
07:34Nee, hat mir auch nicht gepasst.
07:35Jetzt wollen wir doch mal Mutter von allen selben Fragen.
07:39Wir haben ja schon mal gemeinsam gezittert, als sie schwamm.
07:42Wenn es Gold gewesen wäre, habe ich hier gehört, in der Familie wäre man eigentlich beinahe schon sauer.
07:47Es wäre zu viel gewesen am Anfang, oder?
07:49Ja, ich glaube schon, dass es zu viel gewesen wäre.
07:51Sie ist einfach für Gold, finde ich, ist man mit 14 Jahren noch nicht reif genug.
07:55Der Ruhm, aber auch der Rummel überträgt sich ja auf die Familie.
07:58Wenn Vater Anselm, Pfand Anselm, jetzt arbeiten geht, er ist Ingenieur, darf ich sagen.
08:03Almsieg, entschuldigung.
08:05Ich finde das irgendwie witzig, so zu sehen, dass das so der Anfang war.
08:09Mit dem Wissen, dass die kleine Maus irgendwie noch gar nicht wusste, was da alles noch auf sie zukommt.
08:15Wir hatten damals im Rahmen der Dreharbeiten 1992 nach Dingen gesucht, die mit dem Star-Rummel zusammenhängen könnten.
08:25Und da war natürlich es naheliegend zu fragen, Franzi, hast du eine Autogrammkarte?
08:29Nee, habe ich nicht.
08:30Hast du schon mal Autogramm gegeben?
08:32Nein.
08:33Ich sage, das wird auf dich zukommen, ganz sicher.
08:35Und dann hat sie aus diesem Geometrie-Höfter eine Seite rausgenommen und hat ihre ersten Autogramme geschrieben.
08:42Weil sie war ja auf einmal berühmt und sie stand in der Zeitung und jeder sprach von ihr.
08:56Ich habe mit 14 die Welt gesehen, Kontinente bereist und ich hatte irrsinnig Spaß.
09:03Da ist mir das erst mal bewusst geworden, was für ein Riesenknall da stattgefunden hat.
09:19Auf der Zeitung eine große Überschrift, Franziska von Almsig, Silbermedaille bei den Olympischen Spielen.
09:26Da dachte ich, ach, das ist doch unser Franzi.
09:27Erst mal hier, das ist schon erstaunlich, was es an Zeitungsartikeln gehabt hat.
09:35Wir haben uns verabschiedet.
09:37Sie ging also als völlig unbekannte Person in die Sommerferien und kam als Superstar wieder zurück.
09:43Mein Name ist Henrik Grossmann.
09:46Ich war der Klassenlehrer von Franziska von Almsig.
09:49Gerd Neumes, Leiter der Schule.
09:50Dass man bei wöchentlich rund 50 Trainingskilometern im Bassin im Klassenraum manchmal etwas Enthusiasmus vermissen lässt, scheint naheliegend.
10:01Ich baue oft Scheiße.
10:03Ich habe also, wenn ich das mal sage, jetzt von der ersten bis der dritten Klasse in Betragung, bei uns gab es das ja,
10:09hatte ich also immer eine Drei oder eine Vier gehabt.
10:12Ich würde mal sagen, das sagen mir auch viele, dass ich ziemlich offgeweckt bin und frech und so.
10:17Das ist so, ich weiß nicht, ich finde das eigentlich ganz gut.
10:21Sie interessierte sich in erster Linie für gesellschaftswissenschaftliche Fächer, aber auch für Deutsch.
10:27Aber sie war insbesondere immer eine gute Schülerin, also sowohl was die Zensuren betrifft, als auch im Unterricht.
10:33Da gab es dann sogar mal eine Zeit, da hatte sie einen Bodyguard in der Schule.
10:37Das sind alles Dinge, für die eine normale Schule natürlich nicht ausgestattet ist.
10:41Wenn plötzlich sozusagen die Bundesöffentlichkeit mit hineinschaut.
10:47Nie habe ich davon geträumt, berühmt zu werden.
10:52Alles, was dann kam, ist eben einfach passiert.
10:55Trotzdem stand immer wieder das Thema Gold im Raum, ob sie wollte oder nicht.
11:01Gold ist Pflicht. Unser Goldfisch. Und hol dir Gold.
11:05Wenn du diesem einen Gold hinterherjagst, ist das wie so ein Fluch.
11:11Ich bin ein Ostberliner Mädchen und das wird sich nie ändern.
11:35Ich habe gerne in Treptow gelebt.
11:41Aber nicht schlecht, ne?
11:44Da oben, wo das Fenster offen ist.
11:47Ja, genau. Da ist meine Katze mal vom Balkon geflogen.
11:52Und sie hat es überlebt. Das muss sie erst mal schaffen.
11:54Ja, die Dame kenne ich schon.
12:06Na, wer sind Sie? Einzell?
12:09Ja.
12:10Ja.
12:11Was macht Mutti und Papa?
12:13Ja, denen geht es gut.
12:14Und warum sind Sie jetzt hier?
12:16Ja, ich wollte mal so auf alten Spuren wieder wandeln.
12:20Also, eine Jansliebe, die ist schön schwimmen, Jan.
12:27Ja.
12:28Mit den Eltern hatte ich auch guten Kontakt, immer mit Mutti und Papa.
12:32Ja, also ich kann nichts Nachteiliges sagen.
12:36Na, voll.
12:37Schönen Tag.
12:40Alles Gute, ja.
12:41Tschüss.
12:41Tschüss.
12:42Tschüss.
12:45Also, ich komme aus dem Osten und habe die Uhren einfach noch ein bisschen anders gekriegt.
12:50Und ich kann mich daran erinnern, dass wir hier in dem Haus noch Kohleöfen hatten und Kohle schleppen mussten.
12:56Und irgendwann meine Mutter aber ausgerufen hat, dass die Frauen in dem Haushalt, in unserem Haushalt, nicht die Kohlen tragen müssen.
13:03Also, ich war dann irgendwann raus aus der Nummer.
13:04So, diese Mauer und West-Ost, das war schon ganz klar in unserer Familie.
13:16Weil wir an der Mauer, mehr oder weniger an der Mauer gelebt haben, gewohnt haben.
13:23Das, was man in der Schule gelernt hat, ist, dass im Westen alles schlecht ist und dass unsere Freunde die Russen sind und dass uns die andere Seite eigentlich gar nicht interessiert.
13:35In der DDR war so ein bisschen der Sport auch ein Sprungbrett.
13:42Und du hast dich halt eben aus der Masse abgehoben. Du warst nicht Durchschnitt.
13:46Wir haben die ja zum Schwimmen geschickt.
13:49Heute würde die ADHS haben und hätte Pillen bekommen vielleicht.
13:54Aber nicht, also wir hätten ihr sicher keine gegeben.
13:56Aber wir mussten das ja irgendwie in Zaun bekommen, ihre Hubserei.
14:00Und ich konnte noch gar nicht lesen, aber musste ja mit der S-Bahn irgendwie zum Training fahren.
14:05Und da bin ich mit ihr damals zur S-Bahn gegangen und habe gesagt, gucke, was da oben dran steht.
14:13Ich bin eigentlich immer gerannt von zu Hause in die S-Bahn-Station.
14:17Und wenn Schienersatzverkehr war, dann war ich irgendwie lost.
14:27Aber ich bin halt sitzen geblieben und habe gewartet, bis ich wieder aussteigen kann.
14:33Diese Selbstständigkeit in frühen Jahren hat mir viel Angst genommen.
14:37Ich gehe also um halb sieben zum Haus und bin ungefähr halb acht oder acht.
14:48Das bin ich.
14:49Das ist, was alles klingt, aber es macht alles Spaß.
14:52Ich bin Kathleen Rund, bin Wegbegleiterin.
14:54Wir sind zusammen in die Schule gegangen und später waren wir dann auch entsprechende Teamkolleginnen in der Nationalmannschaft.
15:01Sie kann das einfach. Also, ist das Herr Linn.
15:05Franziska springt beim Wettkampf rein.
15:07Oh mein Gott.
15:12Spatagerde war mal gedacht sozusagen als Gegengewicht auch so ein bisschen zu Olympia.
15:17Das war sicherlich mit einer der Gründe für den Erfolg des DDR-Sports, das muss man so sagen.
15:24Da sind viele junge Kinder aus dem Osten.
15:27Insbesondere, also Spatagerde war ja nicht nur in der DDR, sondern es ging ja auch weiter in den Ostblock.
15:33Polen, Russland, Tschechien und so weiter.
15:34Spatagerde 89 war total überraschend.
15:40Schon zu DDR-Zeiten räumte Franzi einfach alles ab.
15:44Eine programmierte Olympiasiegerin, so hieß es bereits damals.
15:47Ich habe gedacht, da gehe ich so mal hin und dann war ich, glaube ich, ich weiß gar nicht genau, sieben- oder acht- oder neunfache Spatagerde-Siegerin und dann hat es wieder so Bäm gemacht.
15:58Das war natürlich schon so, wow, da haben schon alle gedacht und gewusst, da kommt was auf uns zu.
16:03Guten Abend, meine Damen und Herren.
16:11Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab.
16:15Aber heute Abend darf man einen riskieren.
16:17Dieser 9. November ist ein historischer Tag.
16:20Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind.
16:25Die Tore in der Mauer stehen weit offen.
16:26Die Mauer ist weg, die Mauer ist weg!
16:33Wahnsinn! Wahnsinn!
16:38Wir wollten auch losfahren und rüberfahren.
16:44Unser Auto ist nicht angesprochen.
16:46Tolles Auto.
16:47Der ist nicht angesprochen.
16:48Für Franziska war das nicht so was Besonderes wie für uns.
16:59Nee.
17:06Ich bin jetzt im Besten.
17:11Juhu!
17:12Als ich elf war, fiel die Mauer und dann waren die ersten Olympischen Spiele, die in Sichtweite waren, irgendwie die Spiele in Barcelona.
17:32Und dann war ich so unsere Franzi.
17:35Und wenn die Mauer nicht gefallen wäre, dann die Möglichkeiten und all das, was dann passiert ist, wäre ja nie passiert.
17:53Jetzt habe ich nur noch vier Badeanziebe und die anderen drei sind nass.
17:58Naja, und jetzt...
17:59Das ist doch auch der.
18:01Ja.
18:01Ich trage den sehr gerne.
18:08Wieso?
18:09Ja, er ist erstens mal bequem und zweitens mal tief ein bisschen stolz darauf.
18:14Franzi war schon immer aufgeweckt.
18:16Sie hat, denke ich, auch rebelliert, je älter sie wurde.
18:19Sie war halt jung.
18:24Hallo, mein Name ist Hase.
18:26Sag mal, Hase.
18:28Nein, das machen wir nochmal neu.
18:31Dagmar Hase.
18:33Bei der Siegerehrung waren es Tränen der Freude.
18:38Momentaufnahmen des Glücks über den Gewinn der Goldmedaille.
18:44Ja, olympisches Gold zu gewinnen ist das Allergrößte, was man als Sportler erreichen kann.
18:50Und das kann ja keiner nehmen.
18:52Und das ist einfach phänomenal.
18:55Gold für Dagmar Hase.
18:57Ja, gibt es das denn?
18:58Ich war viele Jahre mit Franzi unterwegs, auf vielen Wettkämpfen.
19:01Wir hatten viel Spaß und wir waren natürlich Konkurrent von Anfang an.
19:06Das erste Mal, wo ich sie bewusst wahrgenommen habe, war 1991 in Hamburg.
19:11Dann zum Meisterschaften.
19:13Gastin Kielgas gehen auf der vierten Bahn von unten auf Titelkurs.
19:21Über ihr, mit der schwarzen Kopfbedeckung, hält Franziska van Almsig überraschend mit.
19:26Und das, obwohl die Berlinerin erst ganze 13 Jahre zählt.
19:33Jetzt attackierte sie die Europameisterin.
19:35Und holt die Silbermedaille.
19:38Keine Schwimmerin der Welt war mit 13 schneller als sie.
19:41Und jeder war sich sicher.
19:43Wir Algen waren sicherlich schon ein bisschen geschockt, wie man mit 13 so richtig schnell schwimmen könnte.
19:50Und irgendwo war man, glaube ich, auch noch ein bisschen froh, dass er noch nicht da war.
19:53Meine Zeit kommt noch und es reicht mir eigentlich, dass ich jetzt hier Zweite geworden bin.
20:01So einen großen Kopf darüber mache ich mir nicht.
20:03Die meiste Aufmerksamkeit wurde dem Teenager im ehemaligen DDR-Look zuteil.
20:08Ein Interview hier, ein Foto da.
20:11Die Kesse Göre war umlagert wie keine andere.
20:15Das war schon immer ein Thema.
20:19Die Journalisten haben auch immer wieder versucht, da drauf zu springen.
20:21Es gab schon auch Leute, die versucht haben, mir ein Leben lang nachzuweisen, dass ich irgendwas nehmen würde.
20:29Einfach, weil ich aus einem Land kam, in dem ja dann nachgewiesenermaßen ja auch sehr professionell das ein oder mit dem ein oder anderen Mittel nachgeholfen wurde.
20:43Das ist Franziska van Almseeg, Schwimmerin aus unserem Sendegebiet.
20:47Franziska, in puncto Doping, da hat es ja nun sehr, ich frage das einfach mal direkt, da hat es ja nun sehr wilde Geschichten gegeben.
20:57Spätestens jetzt möchten die Doping-geschulten Zeitgenossen aber wissen, und wie viel Prozent sind Pillen?
21:03Oh, den auf dem Senkel. Also ich meine, ich bin 14, dann soll ich über Doping sagen.
21:08Das nervt mich, dass wir immer auf Doping, Doping, Doping reduziert werden.
21:14Im Rückblick betrachtet auch 30 Jahre später kann ich bis zum heutigen Tag nicht sagen,
21:19ob Franziska van Almseeg möglicherweise ohne ihr Wissen von ihrem Trainer Präparate verabreicht bekommen hat.
21:26Also ich halte sie nicht für schuldig, aber ich kann es auch nicht ausschließen, dass es sowas gegeben hat,
21:35denn ein paar Jahre vorher war es in der DDR genau so.
21:37Aber Franziska van Almseeg hatte vielleicht die Gnade der späten Geburt.
21:41Ich würde mich heute auch nicht davon freisprechen zu sagen, das hätte ich niemals gemacht,
21:47weil ich nicht, weil ich nicht beurteilen kann, in welcher Situation damals die Sportler und Athleten waren
21:55und wie die Umstände waren und demnach kann ich dazu nichts sagen, außer dass ich von mir aus sagen kann,
22:01dass tatsächlich in dem Alter mir niemand irgendwas gegeben hat.
22:11Ich war zehn, elf Jahre, da war ich noch, da war ich außen vor.
22:27Ich glaube schon, dass ich an normalen Tagen fünf bis sieben Stunden Sport gemacht habe.
22:33Wir sind Kilometer runtergeschwommen und ich denke, es waren bis zu 80 Kilometer in der Woche.
22:44Das läuft, glaube ich, heute kaum jemand.
22:53Ich bin eigentlich ziemlich froh, weil ich den ganzen Tag was zu tun habe.
22:57Ich gehe also um halb sieben aus dem Haus und bin ungefähr halb acht, um acht zu Hause.
23:02Das ist zwar auch anstrengend, aber das macht halt Spaß.
23:05Wenn es mir keinen Spaß macht, würde ich aufhören.
23:09Also es war natürlich nicht nur das Schwimmen, es war auch das Gesamtpaket, um es mal so zu sagen.
23:18Mein Name ist Michael Groß.
23:21Seit Jahren zählt Michael Groß zu den Besten der Welt.
23:24Ich bin Freifache Olympiasieger im Schwimmen.
23:26Michael Groß.
23:28Der Franziska war ja von Anfang an das Thema erste deutsche Sportstar im Gesamtdeutschland.
23:41Unbefangen, unbefleckt auch von dem DDR-Sportvergangenheit.
23:44Da konnte man halt viele Geschichten erzählen.
23:46Deutschland hat mal wieder jemanden, auf den man stolz sein darf.
23:56Es verging ja kaum ein paar Tage.
23:59Da stand der Tiriak bei uns in der Bermannstraße, letztes Hinterhaus in der vierten Etage.
24:04Und das war natürlich dann wie ein Schock.
24:10Erntiriak war der Trainer und Manager von Boris Becker.
24:15Ich muss aber da ganz gut reagiert haben, weil wir uns auch wohl schon in Richtung Köster orientiert haben.
24:22Seit dem Sommer schirmt ein Managementunternehmen Franziska von allzu großem Trubel ab.
24:26Immer öfter an ihrer Seite die Frau aus dem Management als neue Wegbegleiterin.
24:29Mein Name ist Regine Eichhorn. Ich habe Franziska zwölf Jahre lang begleitet.
24:39Erst bei Werner Köster in der Agentur und später selbstständig als Managerin.
24:45Glitter und Klamour rundum und illustert die Schar der Stars.
24:49Von Nina Hagen bis Franzi Franziska von Almsig.
24:52Im Grunde gab es ja beinahe jeden Tag irgendeinen Termin.
24:58Ich erinnere mich an eine Situation, da wurde der rote Teppich ausgerollt.
25:02Und dass sie ihr nicht die Füße geküsst haben, war auch noch, also war auch schon alles.
25:05Hier ist die Flamme aller Sportfans. Franziska von Almsig.
25:10Hallöchen.
25:11Wenn du neben dem Wirtschaftsminister sitzt, nimm doch mal die Chance wahr, wenn du dem Wirtschaftsminister mal eine Frage stellen dürftest.
25:21Was würdest du den Wirtschaftsminister fragen wollen?
25:24Das hört mir auch jetzt nicht ein.
25:26Ja, war ja nur ein Spaß.
25:29Auf die Fesse, fertig, los!
25:31Auf die Fesse, mein Gerhard, die Fasse, ich fasse es nicht.
25:37Man konnte aus diesem Mädchen eine ganze Menge rausholen.
25:44Das heißt, man konnte quasi Profit daraus ziehen.
25:47Solange wie es mir gut geht, können andere gerne irgendwie an meinem Erfolg partizipieren.
25:52Aber es gibt Grenzen und die darf man nicht überschreiten.
26:07Es ist nicht ganz leicht, Franziska in dem Gewür sofort zu entdecken.
26:10Kurz vor dem Eingang haben wir Glück. Franziska kommt allein.
26:14Was macht Günther?
26:16Was Günther macht? Der sitzt in meiner Tasche und drückt mir die Daumen, hoffe ich.
26:19Und dann zeigt sie ihren Liebling.
26:21Das ist der Günther, Herr Schütt.
26:23Ja.
26:23Wie sie behandelt haben, dass dieser Journalist dieses Mädchen aufforderte, ihre Tasche dort auszuräumen,
26:29damit er sehen kann, mit welchem Talisman sie unterwegs ist, das fand ich jetzt wirklich übergriffig.
26:35Und darf ich mal die anderen sehen, die Freunde von Günther?
26:40Diese Gefahr bestand hier nicht. In der Schule wurde sie davon geschützt.
26:47Sie wollte auch diese Normalität. Sie ist auch mit zur Klassenfahrt gefahren, was natürlich auch schon ein bisschen riskant war,
26:52weil man nicht wusste, als Lehrer, wie geht das aus? Wer ist da vor Ort in diesem Hotel?
26:58Im Hintergrund habe ich schon aufpassen müssen, dass nicht fotografiert wird.
27:01Übrigens auch mit Unterstützung der Schüler, die unter Umständen sich auch mal vor eine Kamera gestellt haben.
27:13Franziska hatte ein bodenständiges Umfeld, muss man sagen. Ich glaube, dass das auch geholfen hat, so zu bleiben.
27:22Es war gar nicht mehr so einfach, weil es dann schon so war, dass das Management sehr wohl unterschieden hatte,
27:28wer sie denn interviewt. Wer darf denn Franziska von Almsick Fragen stellen?
27:32Und so werden Bilder wie diese in der Schule und zu Hause künftig rar sein.
27:36Klare Entscheidungen sind getroffen worden.
27:38Wenn es an private Sachen rangeht, da bin ich eigentlich ein bisschen abweisend dann doch.
27:43Ich brauche keiner mehr meine Wohnung sehen. Ich kenne die Wohnung von den anderen auch nicht.
27:46Franziska von Almsick sucht ihre Ruhe und findet sie mitunter sogar.
27:58Im Wasser ist der Kontakt mit der Außenwelt ohnehin auf ein Minimum reduziert.
28:02Die Ohren tauchen ab. Akustisch abgenabelt. Ganz mit sich allein.
28:08Ich habe ein Ding nach dem anderen gewonnen.
28:20Es gab so keinen Break.
28:24Es hat mich niemand aufgehalten auf meinem Weg.
28:28Und dann kommt eine EM, wo sie sechsmal gewinnt.
28:31Wo man denkt, dem Mädchen fällt alles zu, was sie anfasst, wozu wurde.
28:34Es ging nie nur darum, einen Termin zu organisieren, sondern es musste immer ein Schwimmbad in der Nähe sein.
28:44Und das war nicht nur in Deutschland so, sondern es war international so.
28:47Es gab ja viele Fotoshootings in Miami oder in Los Angeles oder wo auch immer.
28:55Als sie dann einfach wirklich schon sehr viel Geld verdiente.
28:59Ich glaube, sie hat das am Anfang auch gar nicht gewusst.
29:04Sie hatte keine Ahnung von den Summen dieser Verträge.
29:07Das hat sie auch überhaupt nicht interessiert.
29:09Das waren gigantische Verträge.
29:11Die Dreharbeiten für diesen Werbespot beanspruchten Franzi eineinhalb Tage.
29:15Dutzende Male musste sie zubeißen.
29:18Und fürs Lachen haben andere Witze erzählt.
29:20Wenn man so erfolgreich ist und so ins Rampenlicht rutscht, das ist unweigerlich, dass dann auch eben die Leute kommen, neider.
29:34Klar ist man neidisch, wenn auf einmal so was Junges von unten kommt und die holt auf einmal die Medaillen.
29:40Sie ist everybody darling.
29:41Warum, weshalb, warum sie und nicht wir.
29:45Franzi hat sich längst daran gewöhnt, dass sie den Verpflichtungen des Rooms gehorchen muss.
29:53So wie hier bei der Schwimmgala in Hamburg.
29:55Eine Benefizveranstaltung zugunsten der UNICEF.
29:58Tausende machten mit, schon allein deswegen, weil auch Franzi da war.
30:01Wenn ich mir heute die Terminpläne angucke, dann muss ich sagen, ist mir unerklärlich, wie das überhaupt jemand schaffen konnte.
30:15Das sind Tage, dagegen sind ja Arbeitstage von erwachsenen Menschen, die keinen Leistungssport nebenbei betragen müssen.
30:22Die sind ja ein Sonntagsspaziergang.
30:23Mir wurde oft immer die Frage gestellt, hast du eigentlich viel entbehren müssen oder du hast deine Kindheit verloren.
30:31So dramatisch war es gar nicht, weil ich ja gar nicht wusste, was ich überhaupt entbehre.
30:37Also, wie kann ich entbehren, mit Freunden ins Kino zu gehen, wenn ich nie ins Kino gegangen bin?
30:42Ich denke, dass sie auch schon sehr, sehr ehrgeizig ist, was zum Talent dazu gehört.
30:46Plus der Druck von außen, plus das, was man überhaupt immer von ihr erwartet.
30:51Und dann kam die Weltmeisterschaft 1994 in Rom.
31:02Eine Siegesgewohnte hatte heute einen schwachen Moment.
31:05Franzi von Almsee qualifizierte sich nicht.
31:07Gluck, gluck, weg war sie.
31:08Jetzt zeige ich euch mal allen, wie geil ich bin und gewinne jetzt hier ein paar Medaillen.
31:12Franzi verschläft das Rennen. Eine Katastrophe, unfassbar. Ihre erste große Niederlage.
31:17Es war grauenvoll.
31:19Ich habe durch die Toilettentür geschrien.
31:24Ich dachte nicht, dass ich an diesem Tag noch Geschichte schreibe.