00:00Tonnenweise Sprengstoff, gigantische Bohrmaschinen, ein Mammutprojekt.
00:05Unter den französisch-italienischen Alpen ist einer der längsten Eisenwandlungen der Welt im Bau.
00:11Ich arbeite am schönsten Projekt der Welt.
00:14Die Anwohner im französischen Moriental sind weniger begeistert.
00:18Dieses Projekt verschärft eine Situation, die bereits heute ernst ist, nur noch weiter.
00:24Dieses Projekt muss gestoppt werden.
00:28600 Meter unter Tage, unter den Alpen, eine 11 Milliarden Euro Baustelle.
00:33Emmanuel Lambert ist hier der Chef.
00:36Auf dieser Seite liegt Frankreich, dort Italien.
00:40Der Tunnel Richtung Italien ist bereits 9 Kilometer lang.
00:47Insgesamt wird der Tunnel knapp 60 Kilometer lang werden.
00:50Emmanuel Lambert arbeitet seit 20 Jahren im Tiefbau.
00:53Dieser Tunnel ist seine größte berufliche Herausforderung.
00:58Es ist ein europäisches Projekt, das zum Ziel hat, die Völker einander näher zu bringen,
01:03den Verkehr zu dekarbonisieren, eine Infrastruktur aufzubauen, die nachhaltig, effizient und nützlich ist
01:09und europaweit eingesetzt werden soll.
01:13Die Bohrmaschine schafft maximal 15 Meter pro Tag.
01:17In schwierigen Terrain muss die Steinsschicht gesprengt werden.
01:21Die Arbeiten sind anspruchsvoll, das Bergmassiv teilweise instabil.
01:26Viele Mitarbeiter hier sind stolz, Teil des Projekts zu sein.
01:31Wir befinden uns hier auf einem besonderen Terrain.
01:33Es ist in Bewegung, verändert sich ständig.
01:35Ich bin seit 2002 dabei, habe schon einiges miterlebt,
01:38aber ja, so ein Projekt macht man nur einmal im Leben.
01:42Das Morienne-Tal im Südosten Frankreichs.
01:45Rund 44.000 Menschen leben hier.
01:48Das Tal verbindet Frankreich mit Italien.
01:51Zwei Röhren sollen hier später einmal verlaufen, jeweils 57,5 Kilometer lang.
01:55Sie sollen die Fahrzeit zwischen Lyon und Turin um eine Dreiviertelstunde verkürzen
01:59und den Güterverkehr von der Straße wieder auf die Schiene bringen.
02:04Hier, in der Nähe der Kleinstadt Saint-Jean-de-Maurienne, beginnt der Tunnel.
02:09Philipp de Lomme lebt hier seit 20 Jahren schon.
02:12Er hält den Tunnelbau für ein wirtschaftliches und ökologisches Desaster
02:16und stemmt sich mit all seinen Kräften gegen das Infrastrukturprojekt.
02:22Es sind die Bauunternehmen, die sich die Taschen vollstopfen
02:26und am Ende müssen wir Steuerzahler dafür aufkommen.
02:30Die 11 Milliarden Euro Baukosten werden gemeinsam von der Europäischen Union,
02:34Frankreich und Italien getragen.
02:39Außerdem sind unsere Bergstraßen überall voller Schlaglöcher,
02:43wegen des Winters, des Frosts und die Straßen werden einfach nicht repariert.
02:49Das Geräusch muss weg, auf Lastwagen und Förderbändern.
02:53Ein Teil wird recycelt, der Rest im Tal entgelagert, wie hier.
02:58Statt Bergedüll, Maschinenlärm und Staub.
03:00So sieht Patrick Joudins Alltag neben der Schutthalde aus.
03:05Ich bin jetzt 70 und das geht hier noch 10 Jahre so weiter.
03:09Mit 80 ist das Leben vorbei.
03:11Meinen Ruhestand werde ich auf dieser Baustelle verbringen,
03:13ohne Entschädigung, ohne irgendetwas.
03:16Ich darf Amen sagen, ohne mich allzu sehr zu beschweren.
03:27Geschlossene Läden, Bevölkerungsschwund.
03:30Das Morienntal leidet wie andere ländliche Regionen Frankreichs
03:33unter der Desindustrialisierung.
03:36Philipp Rollet, Bürgermeister der Gemeinde Saint-Jean-de-Morien,
03:39sieht die positiven Effekte des Tunnelneubaus für seine Gemeinde.
03:44Kommunale Projekte werden in Höhe von 10 bis manchmal 40 Prozent
03:48vom Tunnelbetreiber kofinanziert, wie zum Beispiel der Vorplatz der Kathedrale.
03:52Wir haben auch eine Schule renoviert,
03:54wobei die Investitionskosten etwas über 2 Millionen lagen.
03:59Wenn man so viele Milliarden Euro ausgibt, dann schafft das Arbeitsplätze.
04:04Aber es sind befristete Stellen, von denen nur sehr wenige Bewohner des Tals profitieren.
04:09Das wird den Bevölkerungsrückgang beschleunigen.
04:12Denn es ist ein bisschen wie bei einer Autobahn.
04:15Sie verbindet vor allem große Zentren oder Metropolen miteinander,
04:18niemals jedoch die Gebiete, durch die sie verläuft.
04:23Das ist unvorstellbar. Es ist hässlich. Sie haben alles zerstört. Ich bin dagegen.
04:29Ich glaube, dass uns das in Zukunft etwas mehr Luft verschaffen kann.
04:32Man muss eben während der Bauarbeiten geduldig sein.
04:36Bei Tunnelbohrungen kommt es gelegentlich zu Grundwasserabsenkungen.
04:40Mehrere Quellen im Tal fielen dem Untertagebau bereits zum Opfer.
04:45Erika Sanford ist Hydrogeologin und befürchtet,
04:47dass dieses Wasserreservoir bald austrocknen könnte.
04:54Wenn man einen Tunnel in den Berg bohrt,
04:56hat das in etwa den gleichen Effekt,
04:58als würde man den Abflusstropfen aus der Badewanne ziehen.
05:01Man entleert also gewissermaßen den Berg.
05:04Unter Tage geht es derweil Meter um Meter voran.
05:10In dieser Umgebung, in diesen Bergen sind wir Menschen letztlich sehr klein.
05:15Es ist ganz klar, dass man gegen die Kraft der Berge nichts ausrichten kann.
05:19Und wenn wir es anpacken, wenn wir erfinderisch werden,
05:22solche Maschinen bauen, dann sind wir in der Lage, Berge zu versetzen.
05:29Bis Ende 2033 soll der Tunnel fertig werden
05:32und die ersten Züge hierhin durchrauschen,
05:35tief unter den Gipfeln der Alpen.
05:40Untertitelung des ZDF für funk, 2017
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