00:00Ibrahim Mahama gehört zu den einflussreichsten Künstlern unserer Zeit und er verändert, wie wir über Kunst nachdenken.
00:07Geboren in Ghana arbeitet er weltweit. Während der Kunstpiennale in Venedig zeigt er neue Arbeiten in einer Galerie.
00:13Seine Werke zeigen Missstände und globale Ungerechtigkeit auf. Dafür wird er international gefeiert.
00:21Für mich ist das eine Gelegenheit zu erkennen, dass unsere Arbeit für die Welt und die Gemeinschaften, aus denen wir
00:26stammen, wirklich etwas bedeutet.
00:30Für uns geht es beim Kunstmachen immer um die Frage, was können wir damit beitragen? Was bedeutet Kunst und welche
00:36Verantwortung bringt sie mit sich?
00:38Als Künstler geht es nicht darum, schöne Objekte zu schaffen, sondern um den kritischen Blick, den man auf die Welt
00:43wirft.
00:45Weit weg vom Rummel des internationalen Kunstbetriebs im Norden Ghanas ist Ibrahim Mahama aufgewachsen.
00:51Er studierte in Kumasi Kunst und hat heute in Tamale sein Studio, das aus mehreren riesigen Hallen besteht.
00:58Es sind Werkstätten und Ausstellungsräume gleichzeitig.
01:09Als ich während meiner Schulzeit anfing, Kunst zu machen, konnten viele Leute damit nichts anfangen.
01:15Bei uns ist man ziemlich skeptisch, wenn ein Familienangehöriger Kunst macht. Man weiß ja nicht, ob man damit Geld verdienen
01:20kann.
01:23Mir ging es aber nie darum, damit Geld zu verdienen. Mir ging es darum, Kunst zu machen, es richtig zu
01:28machen.
01:28Also wirklich bedeutsame Fragen zu stellen, die in eigenen Arbeiten stecken.
01:33Glamourös sind Ibrahim Mahamas Werke nicht. Seinen Durchbruch in der internationalen Kunstwelt hat er mit Arbeiten, die aus alten Jutesäcken
01:40bestehen und ganze Gebäude verhüllen.
01:58Der Jutesack ist aber nicht einfach ein zufälliges Material. In ihm steckt die Geschichte des ghanaischen Kakaohandels.
02:05Die Kakaobohnen verlassen das Land. Der Sack bleibt.
02:11Mich interessiert, was mit dem Sack passiert, wenn er nicht mehr für Kakaobohnen benutzt wird.
02:15Die Marktfrauen nehmen ihn für Reis, Mais und Hirse. Der Sack wird fast zu einer Erweiterung ihrer Körper und somit
02:21lebendig.
02:22An diesem Punkt hat er tatsächlich die gesamte Politik der Weltgeschichte in sich aufgesogen.
02:26In Bezug auf den globalen Handel und den damit verbundenen Ungleichheiten. Die Ausbeutung von Arbeitskräften zum Beispiel.
02:32Die gebrauchten Objekte haben alle eine Vergangenheit. Sie erzählen von Handel, Arbeit und Macht.
02:37Geschichte, die bis heute nachwirkt. Sogar aus ausrangierten Zügen macht er Kunstwerke, wie hier bei einer Ausstellung in Wien 2025.
02:47All die Materialien, die ich sammle, sind eigentlich Dinge, die man nicht mehr beachten würde.
02:52Man denkt, die sind alt, die kann man nicht mehr brauchen, die sind tot.
02:55Aber es ist die Aufgabe des Künstlers, für sie eine Vision zu haben und den Mut, sie auszugraben und ihre
03:00Eigenarten wieder zum Leben zu erwecken.
03:05Diese Terrakotta-Gefäße, in denen Wasser oder Nahrung aufbewahrt wurde, sind momentan für Ibrahim Machama von besonderem Interesse.
03:12Er zeigte sie bei der Biennale im brasilianischen São Paulo und auch bei seiner aktuellen Ausstellung in Venedig spielen sie
03:20eine Rolle.
03:21Dort haben Glasbläser aus Murano sie nach Ibrahims Vorstellungen nachgeformt.
03:32Viele dieser Terrakotta-Gefäße werden nicht mehr in dem Umfang hergestellt wie früher,
03:36da die Kinder von den Frauen, die diese Figuren hergestellt haben, meist kein Interesse mehr daran haben, diese Fertigkeit zu
03:42erlernen.
03:45Es gibt also auf verschiedenen Ebenen eine Krise, wenn es um die Geschichte des Handwerks geht, an vielen Orten in
03:50der Welt.
03:53Wenn man sich das hier ansieht, erkennt man die verschiedenen Schichten.
03:57Da steckt eine ganze Geschichte von Reparaturen drin. Das interessiert mich als Künstler.
04:02Beim Handwerk geht es nicht nur um das Herstellen von Objekten, sondern auch um das Bewahren.
04:09In der internationalen Kunstwelt ist Ibrahim Machama so geschätzt, dass er auf der Top-100-Liste der einflussreichsten Künstler auf
04:17Platz 1 landete.
04:19Sie wird einmal im Jahr vom britischen Kunstmagazin Art Review veröffentlicht.
04:28Das liegt nicht nur daran, dass seine Kunst so großartig ist.
04:31Es liegt auch daran, dass er quasi symbolisch dafür steht, wie Kunst heutzutage neu definiert wird.
04:36Seine Kunst vermittelt eine Botschaft, die mit Wiedergutmachung und Gerechtigkeit zu tun hat,
04:41wofür er sich auch außerhalb des Kunstbetriebs tatkräftig einsetzt.
04:48Kultur treibt die Welt an und ist die Seele der Welt.
04:51Wir sollten also in jedem Fall mehr in sie investieren,
04:54damit es zumindest eine junge Generation geben wird, die in der Lage ist,
04:57in verschiedenen Richtungen zu denken, um die politischen Probleme der Welt zu lösen.
05:05Kann Kunst die Welt verändern?
05:08Das zumindest ist der Anspruch von Ibrahim Machama.
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