#Hörbuch #deutsch
Die Geschichte von "Die hässlichen Schwäne" beginnt mit einem lästigen Augenleiden und folgt mit Hautausschlägen, die ständig mit nassen Umschlägen behandelt werden müssen. Die Bevölkerung wird in Leprosorien gesperrt, und die Regierung hält die Quarantäne aufrecht, um die Bevölkerung nicht zu informieren. Die "Naßmänner" sind die Erkrankten, die die Menschenfamilie bedrohen und die Kinder der Stadt faszinieren. Viktor Banev, ein geschiedener Schriftsteller und Vater einer Tochter, die sich ebenfalls den "Naßmännern" angenähert hat, forscht nach den Ursachen und den Reaktionen der Umgebung auf diese. Die Geschichte thematisiert die Transformation der Menschheit und die Herausforderungen, die mit dieser Entwicklung verbunden sind.
Die Geschichte von "Die hässlichen Schwäne" beginnt mit einem lästigen Augenleiden und folgt mit Hautausschlägen, die ständig mit nassen Umschlägen behandelt werden müssen. Die Bevölkerung wird in Leprosorien gesperrt, und die Regierung hält die Quarantäne aufrecht, um die Bevölkerung nicht zu informieren. Die "Naßmänner" sind die Erkrankten, die die Menschenfamilie bedrohen und die Kinder der Stadt faszinieren. Viktor Banev, ein geschiedener Schriftsteller und Vater einer Tochter, die sich ebenfalls den "Naßmännern" angenähert hat, forscht nach den Ursachen und den Reaktionen der Umgebung auf diese. Die Geschichte thematisiert die Transformation der Menschheit und die Herausforderungen, die mit dieser Entwicklung verbunden sind.
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MusikTranskript
00:00:07Musik
00:00:41Es ist aus
00:00:45Es ist vorbei
00:00:49Ich sitze im Gras
00:00:53In der Sonne
00:00:56Und einem wolkenlosen blauen Himmel
00:01:00Das Gras ist trocken
00:01:02Die Erde unter dem Gras warm
00:01:07Ich lege mich ins Gras und schließe die Augen
00:01:10Es ist aus
00:01:12Es ist vorbei
00:01:15Das, was jetzt kommt
00:01:18Hat noch keinen Namen
00:01:22Ich höre nur Rassen und Panser, die bisher noch keinen Schuss abgefahren haben
00:01:27Ich weiß nicht, dass durchdringend die Stille zerreißt
00:01:31Das Ketten schlug um der Panzer oder der gesamten Kinder
00:01:35Die mich nicht zu beschreiben vermag
00:01:39Obwohl ich mir einmal eingebildet habe
00:01:41Mit Worten alles sagen zu können
00:01:46Es ist aus
00:01:48Es ist vorbei
00:01:51Ich warte auf das, was kommen wird
00:01:55Um es als Erster zu beschreiben
00:02:00Die Bürger haben ihre Stadt verlassen
00:02:02Die Eltern ihre Kinder
00:02:04Die Funktionäre ihrer Ente
00:02:08Sie sind vor denen geflüchtet, was noch keinen Namen nennt
00:02:14Ich lege im Gras und denke darüber nach, wie alles anfühlt
00:02:19Ich war aus der Flucht
00:02:21Von Himmel ausgedrückt
00:02:23Ich war freiwillig ins Exil gegangen
00:02:48Ihren Ausweis bitte und ihre Fahrkarte
00:02:54Personalausweis
00:02:56Mit Lichtbild
00:02:58Daumenabdruck
00:02:59Zahnfeinbau
00:03:00Schädelumfang
00:03:02Intelligenzquotien
00:03:03Sie haben die Hauptstadt unseres Landes verlassen, um sich ins Grenzgebiet zu begeben
00:03:07Wer hat Ihnen die Erlaubnis dazu erteilt?
00:03:10Der Herr Präsident
00:03:11Wir haben ja seine Vollzugsbeamten
00:03:13Wie Sie sehen, ist die Genehmigung zum Verlassen der Hauptstadt achtfach bestempelt
00:03:18Darf ich einen Blick auf Ihre Lektüre werfen?
00:03:21Ich lese in meinen eigenen Werken
00:03:22Ich bin Victor Laureatus
00:03:24Und stehe als preisgekrönter Poet im Dienst des Herrn Präsidenten
00:03:28Hier im Knopfloch der Laureaten-Orden
00:03:30Er wird alle drei Jahre verliehen
00:03:32Ich habe ihn schon zweimal erhalten
00:03:33Warum haben Sie die Hauptstadt verlassen?
00:03:37Ich will meine 14-jährige Tochter besuchen
00:03:39Sie lebt mit meiner geschiedenen Frau in der Grenzstadt
00:03:42In der ich vor 37 Jahren das Licht der Welt erblickte
00:03:45Würden Sie Ihren Koffer erschneiden?
00:03:50Ich hatte meine Lage rosiger geschüttert, als Sie waren
00:03:52Der Mensch, der nicht im Dienst für unseres Präsidenten steht
00:03:55Der ist noch nicht geboren worden
00:03:57So lautet das erste Gebot in unserem Lande
00:04:01Auch ich, Victor Laureatus, stehe im Dienst des Präsidenten
00:04:07Ich habe Gedichte auf ihn verfasst, habe Tragödien und Oden über ihn geschrieben
00:04:10Und bin nicht schlecht dabei gefahren
00:04:13Ich habe wie ein Fürst in der Hauptstadt unseres Landes gelebt
00:04:15Ein Palast mit Dinoschaft, Dienstwagen, heizbarem Zwingenpol und künstlichem Sonnenlicht, um dem prostlosen Regenhimmel zu entkommen
00:04:25Ich habe gelobhudelt
00:04:27Ohne deshalb auf die Schlupflöcher zu verzichten, die man zum Atmen braucht
00:04:32Ich habe anonym natürlich
00:04:36Satiren und bissige Gedichte über unseren Präsidenten geschrieben
00:04:39Und das Gedulde, dass man sie unter der Hand verbreitete
00:04:42Jeder wusste natürlich, dass ich sie geschrieben hatte
00:04:45Nur nachweisen konnte man es mir nicht
00:04:47Ich weiß, es gibt noblere Arten des Widerstandes
00:04:50Aber das ist nichts für mich, ich bin kein Held
00:04:52Ich will gut leben und trotzdem meinen Spaß haben
00:04:56Meine heimliche Befriedigung über die Dummheit der Welt im Allgemeinen
00:04:59Und die Dummheit unseres Präsidenten im Besonderen
00:05:02Und diese Befriedigung habe ich gehabt
00:05:05Ich habe gewusst, dass unser Präsident mich im Verdacht hat, ihn an der Nase herumzuführen
00:05:09Aber da meine Gedichte und Tragödien bis heute das Beste von dem sind
00:05:13Was schwachsinnige Schriftsteller hervorzubringen vermögen
00:05:15Hat er mich zähneknirschend gewähren lassen
00:05:19Und deshalb musste ich es mir selber zuschreiben, dass ich jetzt in der Klemme steckte
00:05:23Wie heißt das schöne Sprichwort?
00:05:25Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht
00:05:27Mit einem Wort
00:05:30Ich habe eine Dummheit gemacht
00:05:33Ich habe mir das Taschentuch vors Gesicht gehalten
00:05:36Als unser Präsident uns wieder einmal speichelspritzend die Leviten las
00:05:41Das war beim alljährlichen Präsidialversöhnungsfest im Club der Dichter und Denker
00:05:46Er schnaubte und rührte und spieh und spuckte wie ein leckes Wasserrohr
00:05:49Und ich entfaltete mein seidenes Taschentuch
00:05:54Und hielt es mir vors Gesicht
00:05:57Und er spritzte weiter, als hätte er nichts gemerkt
00:06:00Am nächsten Tag packte ich meinen Koffer und nahm den Zug
00:06:04Dürften wir die Uhren vergleichen?
00:06:06Weshalb?
00:06:08Es ist jetzt genau 10 Uhr und 26 Minuten
00:06:11Ich möchte Sie bitten, um Punkt 12 Uhr den Fensterschutz herunterzurollen
00:06:16Ja, aber ich will zum Fenster hinaussehen
00:06:19Immerhin ist diese Gegend meine Heimat
00:06:20Ich möchte poetisch beflügt werden, es könnte ja ein Gedicht entstehen
00:06:24Um 12 Uhr nähern wir uns der Zone des Denklabors
00:06:28Ein Gong wird sie davon in Kenntnis setzen
00:06:30Die Vorschrift verlangt, dass sofort die Fenster verhängt werden
00:06:34Bitte, richten Sie sich danach
00:06:43Damals, nach meiner Scheidung von Rita, als ich die Grenzstadt verließ
00:06:47Hatte es das Denklabor noch nicht gegeben
00:06:50Ein paar Leutchen liefen zwar auch bei uns mit so komischen brillenähnlichen Verfärbungen um die Augen herum
00:06:55Aber man hatte sie noch nicht kaserniert
00:06:57Erst als einige Zeitungen geschrieben, dass es sich möglicherweise um eine ansteckende Krankheit handelt
00:07:02Hatte man alle Brillenleute aus dem ganzen Lande hierher gebracht
00:07:04Natürlich standen auch sie im Dienst des Präsidenten
00:07:07Für den sie in irgendwelchen klimatischen Experimenten arbeiteten
00:07:12Seit Jahren regnete es ununterbrochen
00:07:14Und wenn es so weiterging
00:07:16Würden Städte und Dörfer eines Tages wie brüchige Kulissen weggespült werden
00:07:20Über dem stinkenden Schlamm aber
00:07:22Würden die Brillenmenschen herrschen
00:07:24Damals meinten wir noch sie zu beherrschen
00:07:26Weil wir sie für uns arbeiten ließen
00:07:28Nur
00:07:30Die klimatischen Verbesserungen, die uns die Brillenleute angeblich im Auftrag des Präsidenten bescheren sollten
00:07:35Waren in Wirklichkeit, wie die Behörden herausgefunden hatten
00:07:38Für unsere Existenz noch vernichtender als der Regen, an den wir uns mittlerweile gewöhnt hatten
00:07:44Obwohl auch er seit Errichtung des Denklabors eher zugenommen als abgenommen hatte
00:07:49Das wenigstens war Ritas Meinung
00:07:51Die sie als gehorsames Echo der Behörden von sich gab
00:07:55Jeden Abend musste ich mir das anhören
00:07:56Wenn sie es nicht vorzugen, in meiner Versäumnisse als Vater vorzuhalten
00:07:59Das verstehe ich wieder alles, was du dazu sagen kannst
00:08:00Und warum bist du nicht eher gekommen?
00:08:02Was hätte ich denn tun sollen?
00:08:03Was, wenn du mir das vielleicht erklären könntest, ja?
00:08:05Oh, er wagt noch zu fragen, was er hätte tun können
00:08:08Was tut der Vater einer halbwüchsigen Tochter, den andere einen Dichterfürsten nennen?
00:08:11Sag es ja selber, andere, nicht andere?
00:08:13Was also tut der Vater einer halbwüchsigen Tochter, wenn er schon kein Beispiel sein kann?
00:08:18Er schickt Geld, ja? Und das habe ich getan?
00:08:20Ja, das hast du getan, du hast Geld geschickt
00:08:22Als ob sich damit alles in Ordnung bringen lässt
00:08:25Immerhin haben wir uns einmal getrennt, weil ich unter anderem nicht genug Geld verdient habe
00:08:28Und jetzt verdienst du genug Geld
00:08:30Und hältst es mir geschmacklos, wie du bist vor die Nase
00:08:33Was also kann nicht anderes für dich und Irma tun?
00:08:36Es geht nicht um mich
00:08:38Es geht auch nicht um dich
00:08:39Du und ich, wir beide haben uns eingerichtet
00:08:41Jeder von uns führt sein eigenes Leben
00:08:43Irma übrigens auch
00:08:45Und genau hier fängt der Mist an
00:08:46Ich weiß nicht, was sie tut
00:08:48Ich weiß nicht, was sie denkt
00:08:49Ich weiß nicht einmal, ob sie mich gern hat
00:08:50Das Wort Liebe klammere ich gleich aus
00:08:53Das Einzige, was ich weiß, ist, dass sie mich verachtet
00:08:54Dass sie mich zum Narren hält
00:08:56Dass sie meine Verbote missachtet
00:08:57Meine Worte nicht zur Kenntnis nennt
00:08:58Mir auf dem Kopf herum
00:08:59Ja, ja, ja, das ist völlig normal
00:09:00Dass ich alle diese Eigenschaften nicht einmal dir ankreiden kann
00:09:03Denn dann wüsste ich, woran ich bin
00:09:05Also wem kreidest du Irmas Unarten an?
00:09:07Ihr selbst? Ihre Pubertät?
00:09:09Dass ja nur pubertäre Unarten wären
00:09:11Aber auch ihre Tugenden sind schrecklich
00:09:13Sie lügt nicht
00:09:14Sie verstellt sich nicht
00:09:15Sie flirtet nicht
00:09:16Sie weint nicht
00:09:16Sie schmolgt nicht
00:09:17Sie ist nicht sentimental
00:09:18Sie verlangt kein Taschengeld
00:09:20Sie geht nicht ins Kino
00:09:21Sie interessiert sich nicht für Mode
00:09:22Sie ist immer guter Laune
00:09:23Oder das, was sie dafür hält
00:09:25Kurzum, sie geht dir auf den Ja
00:09:26Ja, und wie
00:09:27Sie stört dein Wohlbefinden
00:09:28Ja
00:09:29Du willst sie los sein
00:09:30Ja
00:09:31Es gibt doch Internate
00:09:32Je berühmter sie sind, desto länger sind allerdings die Wartelisten
00:09:35Aber
00:09:36Dichter Fürsten, wie du einer bist
00:09:38Dem müsste es ohne weiteres möglich sein
00:09:39Sein einziges Kind dort unterzubringen
00:09:41Na ja, na ja, na ja
00:09:42Und zwar so weit weg wie möglich
00:09:44Von diesem gottverdammten Nest
00:09:45Diesem gottverdammten Denklabor
00:09:49Was hat Irmas denn mit dem Denklabor zu tun?
00:09:52Eines Tages wird auch deine Tochter
00:09:53Eine Brille aus blassbraun pigmentierter Haut um die Augen haben
00:09:57Die Kinder dieser Stadt laufen scharenweise zu den Brillendeuten über
00:10:01Und sei es nur um den blauen Himmel zu sehen
00:10:05Welchen blauen Himmel?
00:10:08Über dem Denklabor ist der Himmel strahlend blau
00:10:12Und über dem Denklabor scheint die Sonne
00:10:15Ich wusste es
00:10:17Ich hatte den Himmel gesehen
00:10:18Und die Sonne
00:10:23Es ist jetzt 12 Uhr Mittag
00:10:25Bitte verhängen Sie die Fenster
00:10:28Es ist jetzt 12 Uhr Mittag
00:10:30Bitte verhängen Sie die Fenster
00:10:33Ich rührte mich nicht von der Stelle
00:10:35Ich saß in meinem Abteil
00:10:37Rauchte
00:10:38Und sah zum Fenster hinaus
00:10:41Als ich plötzlich
00:10:42Ein flammendes Licht am Horizont aufzogen sah
00:10:46Die Wolkenwand war zurückgewichen
00:10:48Und mit ihr der Regenschwall
00:10:50Als der kraterartigen Himmelsöffnung
00:10:53Ergoss ich mit peitschenden Schlägen
00:10:55Das gleißende Licht
00:10:58Ich war so entzückt
00:10:59Dass mir die Tränen in die Augen trafen
00:11:01Ich sprang auf
00:11:02Aber genau in dem Augenblick
00:11:04Haben das Schaffner uns abteil gestürzt
00:11:06Und ließ den Vorhanger runtersaugen
00:11:08Als elektrische Licht ging
00:11:09Ja, Himmelsöhn, was machen Sie denn da?
00:11:11Haben Sie denn das Licht am Himmel nicht gesehen?
00:11:13Ich habe nichts gesehen, mein Herr
00:11:15Seit wann ist es dem Tagesten verboten
00:11:17Aus dem Fenster zu sehen?
00:11:19Seit es dieses Licht ging
00:11:20Also haben Sie das Licht doch gesehen?
00:11:22Ich will es gar nicht sehen
00:11:23Auch wenn ich es sehen dürfte
00:11:25Aber es ist uns verboten
00:11:27Hinzuschauen, weil es blind macht
00:11:28Außerdem macht es Herzklopfen
00:11:30Kopfschmerzen
00:11:30Ohrensausen und Schwindel
00:11:32Und dann wird man schwermütig
00:11:34Und reizbar
00:11:35Und man hat böse Träume
00:11:38Seit wann gibt es dieses Licht?
00:11:40Ich darf darüber keine Auskunft geben
00:11:44Ich muss leider ein Protokoll aufnehmen
00:11:46Und es an den Herrn Polizeidirektor weiterleihen
00:11:49Hast du das Licht mit eigenen Armen gesehen?
00:11:53Ich könnte es nicht ertragen
00:11:56Aber Irma hat mir davon erzählt
00:12:01Irma hat dir ein Bären aufgebunden
00:12:03Irma lügt nicht
00:12:04Sie ist das Kind dieses blauen Himmels
00:12:08Ich ertrage es nicht
00:12:09Ich habe Angst vor ihr
00:12:10Sie macht mir das Leben zur Hölle
00:12:11Sie zeigt mir die Sinnlosigkeit des Lebens
00:12:14Und das Tag für Tag
00:12:18In der Stadt gibt es Leute
00:12:19Die den Brillenleuten das Handwerk legen wollen
00:12:22Du solltest ihnen dabei behilflich sein
00:12:24Immerhin hast du das Vertrauen des Präsidenten
00:12:26Wenn du bist
00:12:27Ja, ich weiß
00:12:28Man sagt, dass du Sudelgedichte auf den Präsidenten schreibst
00:12:30Aber solange deine Gedichte in allen Lesebüchern stehen
00:12:32Ja, es fragt sich wie lange noch
00:12:33Bring Irma ins Internat
00:12:35Nimm sie fort von hier
00:12:38Ich werde es mir überlegen
00:12:42Damals maß ich dieser Unterhaltung noch keine Bedeutung bei
00:12:44Ich kannte Rita, sie war ja meine Frau
00:12:46Und ich glaubte auch Irma zu kennen
00:12:48Schließlich war sie meine Tochter
00:12:51Ehrlich gesagt, ich war stolz auf sie
00:12:54Irgendwann, will ich mir ein
00:12:55Bin ich einmal gewesen, wie Irma heute ist
00:12:57Mutig, ehrlich, wahrhaftig und fröhlich
00:13:01Aber das ist schon lange her
00:13:03Denn irgendwann, und zwar sehr rasch
00:13:06Begann ich mich zu verändern
00:13:08Zum Schlechten natürlich, wie könnte das anders sein
00:13:12Vielleicht ist unser gesellschaftliches System daran schuld
00:13:14Unser Präsident
00:13:16Der ewige Regen
00:13:18Die fehlende Sonne
00:13:20Der fehlende blaue Himmel
00:13:23Obwohl ich mich zu erinnern glaube
00:13:25Ich hätte in meiner Kindheit inmitten der aschgrauen Regenwolken
00:13:28Etwas Seiliges, Blaues, Sinnbetüren, das erspäht
00:13:32Aber vielleicht habe ich das nur geträumt
00:13:36Vielleicht ist das auch nur eine im Erbgut verankerte Erinnerung
00:13:39Wenn man einmal gewesen ist
00:13:41Denn noch Rita erzählte manchmal von diesem blauen Himmel
00:13:44Damals sprachen wir noch über solche Dinge
00:13:48Warum begann denn eines Tages alles schief zu gehen?
00:13:51Zwischen uns beiden und natürlich auch in mir
00:13:54Ich weiß heute selber nicht, wo die Trennungslinie zu ziehen ist
00:13:58Lieber Gott
00:14:01Warum auch nach Erklärungen suchen, welchen Sinn hat es?
00:14:03Es ist nun mal so
00:14:05Alles spitzt sich zu und platzt in den Nähten
00:14:07Weil es vorn und hinten nicht mehr reicht
00:14:10Eine moderne Ehe ist etwas überaus Problematisches
00:14:13Der Gedanke an Trennung ist sozusagen einprogrammiert
00:14:17Ähnlichstens gab es nach drei, vier Ehejahren mit Rita wohl keine einzige Woche
00:14:20In der ich nicht an eine Trennung gedacht hätte
00:14:23Obwohl sie dann diejenige war, die das Ultimatum stellte
00:14:27Entweder oder
00:14:28Entweder oder, das hieß damals
00:14:30Entweder du gibst die kleinen Mädchen auf, verdienst Geld, passt dich an, machst mit
00:14:34Was man bei uns so mitmachen nennt oder
00:14:36Ich gehe
00:14:38Und sie ging
00:14:41Und ich ging
00:14:43Nur die kleinen Mädchen, die sind geblieben
00:14:46Ich tat all das, was sie von mir verlangte
00:14:48Ich verdiente Geld, passte mich an, wurde zum Dichterfürsten
00:14:53Verschob auf später, was ich in meinen anonymen Gedichten allenfalls zu flüstern wagte
00:14:58Und
00:15:00Das, was ich aufschob, verflüchtigte sich allmählich
00:15:04Ich merkte es selbst immer seltener
00:15:06In schlaflosen Nächten vielleicht, ohne nach zu viel Alkohol
00:15:09Oder als Rita von Irmas Tugenden zu sprechen begann
00:15:15Für mich war es jetzt zu spät
00:15:17Trotzdem war ich stolz auf Irma
00:15:21Irma, mein besseres Ich
00:15:23Mein Stellvertreter, mein Fürsprecher
00:15:27Ich war so angetan von diesem Gedanken, dass ich erschrake, als mich jemand ansprach
00:15:31Papa, Papa, du laufst doch nicht so schnell
00:15:33Irma, was machst du denn so spät, dass das war's?
00:15:37Und wer ist dieser, dieser nühe Mann?
00:15:39Das ist Andreas
00:15:40Er geht in meine Schule in eine höhere Klasse
00:15:42Ich muss aber zu Sorgen machen
00:15:43Wann liegt es noch, Papa?
00:15:44Wir sind in Ihrem Hotel gewesen, Herr Laureates
00:15:45Und haben dort auf Sie gewartet
00:15:46Sie sind zu langweilig geworden, Papa
00:15:48Da sind wir dir entdürfen gegangen
00:15:49Ich dachte immer schon, dass du bei Mama bist
00:15:51Wir haben in der Telefonzelle gestanden und euch durch die Fenster beobachtet
00:15:54Ach, da haben Sie aber nicht rangekommen
00:15:55Wir wollten dich alleine sprechen
00:15:58Also, du gehst jetzt nach Hause, Irma, ja?
00:16:01Und dieser jünger Mann begleitet mich ins Hotel zurück
00:16:03Unterwegs kann er mir erzählen, was ich da anhanden will
00:16:06Dann, gute Nacht, Papa
00:16:07Gut Nacht, Andrea
00:16:08Gut Nacht
00:16:11Ja, was wollt ihr von mir?
00:16:13Wir wollten Sie im Namen unseres Schülerrates in unsere Schule einladen
00:16:17Sie sind ein berühmter Dichter
00:16:18Ihre Gedichte gehören zum Lesestoff der Klassen 5 bis 13
00:16:22Wir würden Ihnen gerne ein paar Fragen stellen
00:16:24Ach so, Interview
00:16:26Und dann ein paar Autogramme noch, vorangehender Leser, ne?
00:16:29Es bleibt Ihnen überlassen, wie Sie uns der Zusammenkunft nennen wollen
00:16:32Na, bitte keine Reclare
00:16:34Das ist im Augenblick nicht in meinen Tosse
00:16:36Das ist schon, was ich meine
00:16:37Also, keine Plakate, keine Mithabern an die Presse mit dem Kopf
00:16:41Keine Massenveranstaltungen
00:16:42Ja, ein kleiner Kreis von ausgewählten Zuhörern, die sich für die Kreaturen passieren
00:16:46Und das nur die Gerüfte
00:16:48Das lässt sich einrichten
00:16:49Sagen wir heute in der Woche, ja?
00:16:51So am späten Nachmittag?
00:16:52Okay
00:16:52Wir können das ja nach der Ferne festmachen
00:16:56Willst du mit rauskommen, was heißt es drüben?
00:16:57Nein, danke, ich bin abgehärtet
00:16:59Ich will nur meinem Vater gute Nacht sagen
00:17:03Wir hatten das vor jedes Eben betreten
00:17:05Die Tapeten wölbten sich vor Feuchtigkeit auf dem Teppich schimmelige Flecke
00:17:09Über den Blätterkronen der Topfpflanzen schien eine Glocke aus Wasserdunst zu schweben
00:17:14Trotzdem geheizt, volle Pulle
00:17:16Also kam ich sofort ins Schwitzen
00:17:19Teddy, der Barmann, legte den Telefonhörer auf und sah uns vorwurfsvoll an
00:17:22Da bist du ja, du, Gottverdammter Winger
00:17:24Und wo ist die Tochter von Herrn Laureatus?
00:17:26Du hast sie hoffentlich nach Hause
00:17:27Ja, das ist schön gut, Teddy
00:17:29Irma ist von Andreas zu Hause abgeliefert worden
00:17:31Und warum bist du nicht selber gleich nach Hause gegangen?
00:17:32Ich hatte was zu besprechen mit Herrn Laureatus
00:17:34Seit wann hat ein Junge wie du mit Dichtern und mit Denkern umgegangen?
00:17:37Gute Nacht, Vater
00:17:38Ich geh jetzt nach Hause
00:17:39Du bleibst hier, bis mein Dienst zu Ende ist
00:17:41Ich werde sowieso bald abgelöst, dann gehen wir zusammen nach Hause
00:17:44Ab in die Küche und warte dort auf mich
00:17:48Entschuldigen Sie
00:17:50Ich weiß nicht, ob Sie mit Ihrer Tochter auch so viel Ader haben
00:17:53Knallt Ihnen Andreas auch immer die Wahrheit ins Gesicht?
00:17:55Ja
00:17:57Und wie ist mit Haschen raufen und trinken?
00:17:58Das interessiert ihn nicht
00:18:00Mädchen?
00:18:01Nicht in dem Sinne, wie Sie es meinen
00:18:04Was haben Sie denn dann an ihm auszusetzen?
00:18:06Das will ich Ihnen sagen
00:18:07Er verachtet mich
00:18:08Er hält mich zum Narren
00:18:09Er befolgt meine Anordnung nicht
00:18:10Er hört einfach nicht auf mich
00:18:12Er tanzt mir auf dem Kopf herum
00:18:14Das habe ich doch schon so ähnlich mal gehört
00:18:16Aber nicht von mir
00:18:19Schutze an Sie
00:18:20Herr Doktor Geist, Herr Quadriga und der Herr Sanitätswarte
00:18:24Erwarten Sie an der Bau
00:18:26Geist und Quadriga waren meine Saufkumpanen
00:18:29Meistens stieß auch der Sanitätsrat zu uns und manchmal sogar der Bürgermeister
00:18:32Aber zum innersten Kreis zählten sie nicht
00:18:36Geist war für die medizinische Betreuung der Brillenleute zuständig
00:18:40Und da der Sanitätsrat zu einem Schützling nicht gerade holt war, pöbelten sie sich ständig an
00:18:45Der Bürgermeister hielt sich aus diesen Schweidigkeiten raus
00:18:48In dem ich überhaupt den Eindruck hatte
00:18:50Als käme er nur um meinetwillen
00:18:52Denn was Quadriga unseren Skulptur Laureatus betraf
00:18:56So war er ohnehin die meiste Zeit nicht vernehmungsfähig
00:19:00Quadriga hat unseren Präsidenten Dutzende von Malen abgebildet
00:19:03Im Stile des idealistischen Maximalismus, versteht sich
00:19:06In Bronze und in Marmor
00:19:08In deklamatorischer Pose oder hoch zu Ross
00:19:12Er hat damit so ein Schäfchen ins Frockner gebracht
00:19:15Aber anstatt sich in der Hauptstadt zu vergnügen
00:19:17Soffte sich hier in seiner verfallenen Villa zu Tode
00:19:20Wenn sich im Eden keine bessere Gesellschaft fand
00:19:23Seit meiner Ankunft hatte er mehr Glück
00:19:26Und dankte es mir, indem er mich in Bronze zu porträtieren versprach
00:19:31Ich war also keineswegs überrascht, dass meine Freunde mich bereits erwarteten
00:19:34Guten Abend, Herr
00:19:35Na, guten Abend
00:19:36Na, Dr. Christ
00:19:38Übernehmen Sie mich endlich zu Ihren Schützlingen mit hinaus
00:19:40Der Besuch des Denklabors ist Außenstehende nicht gestattet
00:19:44Na, ich könnte vielleicht über den Herrn Sanitätsrat
00:19:47Eine Sondererlaubnis einholen
00:19:49Nichts, Herr Sanitätsrat?
00:19:50Dr. Geists Freunde sind ansteckend krank
00:19:53Sie sind nicht krank
00:19:54Sie sind alles andere als krank
00:19:56Sie sind, falls Sie mir den Ausdruck gestatten, Herr Sanitätsrat
00:19:59Erleuchtet
00:20:00Um sich anzustecken, müsste Herr Laureatus zuerst erleuchtet werden
00:20:05Erleuchtet
00:20:07Ich bin erleuchtet
00:20:09Habe ich mich eigentlich schon vorgestellt
00:20:12Quadrigas, culto laureatus, Ihren Bürger dieser Stadt
00:20:15Und wer sind Sie?
00:20:16Ihr poetischer Doppelgänger, Herr Quadrigari
00:20:18Sehr erfreut
00:20:19Ich werde Ihren Charakter koffendieren
00:20:21Teddy, für meine Freunde ein Scotch ohne Soda
00:20:24Dr. Geist, Ihre Schützlinge verführen die Kinder
00:20:27Da haben Sie ein wahres Wort gesprochen, Herr Laureatus
00:20:31Der Wissende
00:20:32Danke, Teddy
00:20:34Meine Tochter Irma sagt, dass der Himmel über dem Denklabor strahlend blau ist
00:20:38Ja, man arbeitet an Klimaversuch
00:20:41Der Herr Präsident möchte seinen geliebten Untertanen einem strahlenden blauen Himmel zum Geschenk machen
00:20:46Man sagt, Ihre Schützlinge wiegeln die Kinder gegen die Eltern auf
00:20:50Die Jung gegen Alt, Alt gegen Jung, Schwarz gegen Weiß, Weiß gegen Schwarz, Klug gegen Dumm, Dumm
00:20:58Ja, ja, man sagt, die Kinder haben aufgehört, Kinder zu sein
00:21:02Was werden Sie aufhören, Menschen zu sein?
00:21:04Es kommt drauf an, was Sie unter Menschen verstehen
00:21:05Der Sanitätsrat, Sie können vorgehen
00:21:07Nehmen Sie sich selbst als Beispiel, Viktor
00:21:09An die Zukunft glauben Sie nicht
00:21:11Die Vergangenheit lehnen Sie ab
00:21:12Denn wann immer Sie über die Schulter zurückblicken, sehen Sie unseren Präsidenten
00:21:16Also leben Sie nur in der Gegenwart
00:21:18Und sogar das nur auf Pump
00:21:19Als geschöpftes Präsident
00:21:22Trotzdem
00:21:23Es gibt Menschen, die selbst in der dunkelsten Gegenwart von der Zukunft und für die Zukunft leben
00:21:30Um Sie uns gewaltsam aufzudrängen, ja?
00:21:33Vor einiger Zeit tauchten Sie auf die kleinen Inseln der Hoffnung in Stadt und Land
00:21:38Auf Geist unseres Präsidenten
00:21:40Trieb man Sie an einem Ort zusammen
00:21:42Weg von Ihrer Umgebung
00:21:45Isolation
00:21:45Das Denklabor eine Insel der Hoffnung
00:21:48Der blaue Himmel ein Fanal der Hoffnung
00:21:50Die Pigmentbrille ein Zeichen genetischer Erwähltheit
00:21:54Sie machen Fortschritte, Viktor
00:21:55Dann begeister ich nicht so, warum Sie mich nicht zu Ihren Schützringen führen wollen
00:21:59Dass man kluge Leute hinter Schloss und Riegel steckt
00:22:01Das leuchtet mir gerade noch ein
00:22:03Aber warum man die Dumme nicht zu Ihnen lässt
00:22:07Aber das geht mir nicht in den Kopf
00:22:08Vielleicht sind Sie nicht dumm genug
00:22:14Denken Sie mir einen von den Brillenleuten
00:22:17Ich werde ihn porträtieren
00:22:19Ah, so munter, meine Herren
00:22:21Sogar Herr Quadriga beteiligt sich am Gespräch
00:22:24Dürfen wir uns dazusetzen?
00:22:25Der Herr Polizeidirektor wollte unseren Dichterfürsten persönlich kennenlernen
00:22:29Er wird seine Gründe haben
00:22:30Teddy, Champagner für alle
00:22:32Ja, Wunderbar, Herr Gemeister
00:22:33Bitteschön, Herr Polizeipräsident
00:22:35Danke
00:22:36Ich werde Sie alle porträtieren
00:22:41Ich fühle mich geschmeichelt, Herr Bürgermeister
00:22:45Jawohl, meine Herren
00:22:47Speziell das Ihre
00:22:48Herr Polizeidirektor
00:22:52Ich habe vor einigen Wochen den Pflichteifer Ihrer Bahnbeamten, die ja alle zugleich der Polizeidirektion unterstehen, bewundern dürfen
00:23:01Man nahm ein Protokoll auf, weil ich es wagte, mich im Anblick jenes blauen Himmels zu erquicken, den uns der
00:23:06Herr Präsident zum Geschenk machen will
00:23:09Unser gemeinsamer blauer Präsidialhimmel
00:23:14Und das ist ungehörsam, oder muss ich noch weitergehen und sagen, das ist Revolution
00:23:21Sie sehen die Dinge falsch, Herr Laureatus
00:23:24Der Herr Präsident hat den Kopf in den Wolken
00:23:26Wir aber, die wir mit gesenkten Liedern unsere Pflicht tun, wissen, was von oben auf uns zukommt
00:23:32Auf uns und auch auf den Herrn Präsidenten
00:23:34Könnte man es ihm nur plausibel machen
00:23:37Glauben Sie mir, Herr Laureatus, der blaue Himmel ist eine Bedrohung für unsere Bürger
00:23:41Sicher, wir alle haben den Regen satt
00:23:43Wir hassen dieses ständige Nässen und Nieseln
00:23:45Aber ebenso
00:23:47hassen wir das gleißende Licht über dem Decklabor
00:23:50Der Herr Präsident hat diesen blauen Himmel, hat dieses Licht noch nicht gesehen
00:23:53Wir, seine Untertanen, brechen beim Anblick dieses Himmels in Tränen aus
00:23:58Haben Sie schon einmal einen Menschen in dieser
00:24:01einsamen Helligkeit stehen sehen?
00:24:04Haben Sie seinen Schatten beobachtet?
00:24:06Glauben Sie mir, das ist zum Fürchten
00:24:08Wäre es anders, dann würden unsere Bürger in Scharen zum Denklabor hinaus pilgern
00:24:12Wäre es anders, dann hätte der Herr Präsident keinen Schacheldraht um das Denklabor errichtet
00:24:17Er würde es nicht durch seine Elitetruppen bewachen lassen
00:24:21Wissen Sie auch, dass es in unserer Stadt schon das erste Sudelgedicht auf dieses schändliche Licht gibt?
00:24:28Der Verfasser, Herr Laureatus, ist uns unbekannt
00:24:32Aber das Produkt seiner schmutzigen Fantasie ist durch einen glücklichen Zufall
00:24:36in unsere Hände gelangt
00:24:38Teddy
00:24:39Ja, bitte
00:24:40Wollen Sie doch Ihren Sohn?
00:24:41Er soll Herrn Laureatus dieses Gedicht vorlesen
00:24:43Ja, sofort
00:24:47Zum Wohl
00:24:50Herr Bürgermeister
00:24:51Herr Laureatus
00:24:55Andreas, bitte würden Sie uns das mal vorlesen
00:25:02Das Espenblatt bebt, nass und Nachtschlaf, es wartet auf den Sonnenaufgang
00:25:09Erwartungsvoll schläft auch die Stadt, es schlafen Plakate, Häuser, Drähte und Antennen
00:25:15Bald
00:25:15Bald
00:25:16Bald die Vögel schreien's los
00:25:18Bald kriecht das Dunkel in die Keller
00:25:20Kriecht in die Tore
00:25:21Hinterhöfe
00:25:22Winkel
00:25:23Start mit erloschenen Augen auf der Uhren
00:25:26Zifferblätter
00:25:28Spricht mit der Stimme derer, die das Licht, die Sonne nicht ertragen
00:25:33Was wollt Ihr Leute denn von mir?
00:25:35Das Dunkel machte mich nicht völlig blind
00:25:37Für Euch wurde ich schwarz und schwärzer, dass das Gewissen Euch nicht quält
00:25:42Dass schlimmer Vorwurf Euch nicht nahrt
00:25:45Schweig
00:25:46Schweige Nacht, o Schweige
00:25:48Du wirst das Licht nicht überschreien
00:25:51Schweig, denn jetzt ist es Tag
00:25:52Ja, Tag
00:25:54Der Tag, der spricht
00:25:56Der Tag, der redet
00:25:58Wir wollen endlich sehen und erinnern
00:26:00Wir wollen Kot und Schmutz
00:26:02Als Kot und Schmutz sehen
00:26:04Denn es ist Zeit
00:26:07Hört, was das Licht uns sagt
00:26:09Wir wollen die Gesichter unserer Feinde sehen
00:26:11Ihnen die Hände auf den Rücken drehen
00:26:13Ihnen die Hälse
00:26:15Ja, die Hälse umdrehen
00:26:17Schrill tönt es, wenn die Nachttischwecker schnarren
00:26:20In Rohren schmatzt das Wasser Türen knarren
00:26:23Ihr Schläfer, aufgewacht
00:26:25Und guten Morgen
00:26:26Die Vögel singen, dafür werd ich sorgen
00:26:29Denn es ist Zeit
00:26:33Das ist Revolution
00:26:34Das ist Aufruhr, Herr Laureatus
00:26:38Ein Dichter wie Sie
00:26:39Ein Sänger der Ordnung
00:26:40Ein Barber des ewigen Friedens
00:26:42Ein Vertrauter des Präsidenten
00:26:43Muss das nach den ersten Zeilen heraushören
00:26:47Du kannst gehen, Andreas
00:26:49Du hast sehr flüssig gelesen
00:26:50Für jemanden, der den Text nicht kennt
00:26:52Eine gewisse Wetteleistung
00:26:54Ich hoffe, du benachrichtigst uns
00:26:56Wenn dir ein ähnliches Sudelgewicht in die Hände fallen sollte
00:26:58Ich sehe, Sie sind betroffen, Herr Laureatus
00:27:07Sie schweigen
00:27:09Augenblicke der Besinnung sollen nicht stören
00:27:12Wir dürfen uns deshalb von Ihnen verabschieden
00:27:15Bis bald, Herr Laureatus
00:27:17Bis bald
00:27:17Sie werden von uns hören
00:27:19Ich war in der Tat sprachlos, Frau Schreck
00:27:23Ich hatte dieses Gedicht gleich nach meiner Ankunft geschrieben
00:27:26Und dummerweise vergessen, es zu vernichten
00:27:29Vielleicht hatte man beim Aufruhen mein Zimmer gefilft
00:27:32Oder Irma, sie besuchte mich ein paar Mal im Hotel
00:27:35Hatte es gefunden und für ihre Freunde abgeschrieben
00:27:38Ich wollte Sie nicht direkt fragen, um Sie nicht in die Sache hineinzuziehen
00:27:42Überdies stand das Schuhtreffen bevor
00:27:44Von dem ich mir einige Aufschlüsse versprach
00:27:47Wer, wenn nicht die Jugend
00:27:48Würde meine rebellische Kehrseite
00:27:51Zu schätzen wissen
00:27:52Ruhe, bitte
00:27:54Seid doch mal ruhig
00:27:57Wir wollen uns heute mit einem Bürger unserer Stadt unterhalten
00:27:59Der noch dazu ein berühmter Dichter ist
00:28:02Was ist Ihnen, liebe Herr Laureatus
00:28:04Sollen wir unsere Fragen schriftlich oder gleich vom Platz aus an Sie richten?
00:28:07Hallo Kinder
00:28:08Hallo Irma
00:28:10Ich bin ganz ehrlich zu Euch
00:28:12Ich mache mir nicht so viel aus solchen Dichter-Leser-Begegnungen
00:28:17Wer ist mein Leser?
00:28:18Was hat mein Leser von mir gelesen?
00:28:21Deshalb versuche ich diese Begegnungen in ein Frage-Antwort-Spiel zu verwandeln
00:28:25Bei dem ich die Fragen stelle
00:28:28Ja? Also
00:28:31Habt Ihr
00:28:32Alle meine Werke gelesen?
00:28:33Ja
00:28:35Weiter
00:28:35Weiter
00:28:36Habt Ihr alles von mir gelesen?
00:28:39Ja
00:28:40Alles
00:28:40Na da bin ich sehr beeindruckt und überrascht
00:28:43Wahrscheinlich wollt Ihr wissen
00:28:44Wie es dazu kam
00:28:46Dass ich zu schreiben begann
00:28:48Nun
00:28:49Das war so
00:28:50Ich habe
00:28:51Wie Ihr wisst
00:28:52Mein Abitur an dieser Schule hier gemacht
00:28:54Und bei der Schulveranstaltung
00:28:55Musste ich den Monolog des Hamlet sprechen
00:28:57Und den konnte ich natürlich nicht auswendig
00:29:00Also habe ich einfach improvisiert
00:29:02Und das Überraschende war
00:29:05Dass niemand etwas gemerkt hat
00:29:11Ja
00:29:14Das war sozusagen mein erster dichterischer Versuch
00:29:16Und
00:29:16Dass es dabei nicht geblieben ist
00:29:18Das dürfte Euch allen ja bekannt sein
00:29:23Oder
00:29:25Soll ich Euch vielleicht was über meine literarischen Pläne
00:29:28Oder die Struktur meiner Poesie erzählen?
00:29:30Ich glaube Herr Laureatus
00:29:32Davon sollten wir
00:29:33Wenn überhaupt
00:29:33Erst dann mit Ihnen sprechen
00:29:35Wenn wir ein Bild von Ihnen gewonnen haben
00:29:37Das heißt aber
00:29:39Wir tragen
00:29:40Und Sie antworten
00:29:43Ja dann
00:29:44Dann schieß mal los
00:29:46Wie möchten Sie uns
00:29:47Die Jugend
00:29:47Ihre Ablösung sehen?
00:29:49Ohne Pickel
00:29:50Im übertragenen Sinn natürlich
00:29:53Also ehrlich
00:29:54Gütig
00:29:55Auf das Wohl des Mitmenschen bedacht
00:29:56Sind Sie auf das Wohl des Mitmenschen bedacht?
00:29:59Ja das habe ich nie von mir behauptet
00:30:01Klug
00:30:02Versteht Ihr mich?
00:30:03Klug solltet Ihr an erster Stelle sein
00:30:04Klug im Sinne von Lebensweisheit
00:30:06Von
00:30:07Savoir vivre
00:30:08Was ist das bitte?
00:30:10Klug
00:30:11Ist heute derjenige
00:30:12Der sich fümmerstellt
00:30:13Als er ist
00:30:14Und daraus seinen Nutzen zieht
00:30:16Gilt das auch für morgen?
00:30:20Ihr kennt doch mein Gedicht
00:30:23Ich beschreibe darin
00:30:24Den Zustand der Welt
00:30:25In der wir leben
00:30:27Weil der Zustand der Welt
00:30:28In der wir leben
00:30:29Nichts geringeres ist
00:30:29Als der Zustand der Menschheit
00:30:31An wen sind ja diese Zahlen gerichtet?
00:30:33Wir wollen die Gesichter
00:30:34Unserer Feinde sehen
00:30:36Ihnen die Hände
00:30:37Auf den Rücken bringen
00:30:38Ihnen die Hälfte
00:30:40Da die Hälfte umbringen
00:30:42Wer ist dieses Wir?
00:30:43Meinen Sie uns damit?
00:30:45Wollen Sie mit uns
00:30:45Die Welt verändern?
00:30:47Ihr Schöneber
00:30:48Aufgewacht
00:30:49Und guten Morgen
00:30:50Die Böden schlingen
00:30:54Kinder, Kinder, Kinder, Kinder
00:30:56Poesie ist immer dialektisch zu verstehen
00:30:58Die alte Welt zerstören
00:31:00Um auf ihren Trümmern eine neue zu errichten
00:31:02Ist bei Gott ein alter Hut
00:31:04Das Resultat hat bisher immer enttäuscht
00:31:06Das, was an der alten Welt
00:31:08Besonders hassenswert gewesen ist
00:31:10Überlebt die neue
00:31:11Während das Erhaltenswerte zugrunde geht
00:31:13Gedichte sind dazu da
00:31:15Um nicht beim Wort genommen zu erden
00:31:18Ich war ehrlich entsetzt
00:31:21Ich sah in diese reinen Gesichter
00:31:24Und glaubte eine scharfen Engel
00:31:25Mit mörderischen Waffen auszustatten
00:31:27Victor Laureatus und sein Kinderkreuz
00:31:30So, es hatte mir gerade noch gefehlt
00:31:33Meine Sudelgedichte
00:31:34Auf dem schwarzen Büchermarkt
00:31:35Versteigert und verhökert
00:31:37Beschäftigten Zyniker wie mich höchst angenehm
00:31:39Und jagten ein paar Funktionären
00:31:40Für einen Augenblick vielleicht sogar Furcht ein
00:31:42Aber dass irgendjemand sie ernst nehmen könnte
00:31:44Hielt ich für ausgeschlossen
00:31:47Und hier saßen sie vor mir
00:31:48Mit strahlenden Augen
00:31:50Wunderbar weißen Zähnen
00:31:52Und sogar die Pickel auf den glatten Stirn
00:31:54Unter dem Wuschelhaar waren
00:31:55Ja, ja, waren schön
00:31:57Und diese schönen Kinder
00:32:00Warteten nur darauf
00:32:01Sich auf mein Kommando
00:32:02In den Kampf zu stürzen
00:32:06Das Schicksal hatte mich eingeholt
00:32:07Dem Dichterfürsten war das Schlimmste
00:32:10Und ehrenvollste widerfahren
00:32:11Was einem Poeten widerfahren kann
00:32:13Man hatte ihn ernst genommen
00:32:15Wir wollen die Gesichter unserer Feinde sehen
00:32:18Ihnen die Hände auf dem Hüttel drehen
00:32:21Ihnen die Hände auf dem Hüttel drehen
00:32:45Nur merkt sie es noch nicht
00:32:47Sie, Herr Laureatus
00:32:48Sie heben das System unserer Gesellschaft in den Himmel
00:32:52Sie preisen es
00:32:53Und im gleichen Atemzug
00:32:54Rufen sie zu seinem Sturz auf
00:32:58Aber sie begreifen nicht
00:32:59Dass ihre Generation
00:33:00Kein besseres System verdient
00:33:03Und keine bessere Gesellschaft verkraften würde
00:33:07Für diese Erkenntnis danken wir Ihnen
00:33:08Mehr brauchen wir eigentlich von Ihnen nicht zu wissen
00:33:11Hab keine Angst, Papa
00:33:13Wir sollen es gut bei uns haben
00:33:14Wir werden niemandem was antun
00:33:16Vielleicht lernst du sogar um
00:33:26Ich kam ziemlich erledigt im Hotel an
00:33:30Normalerweise nahm die Begegnung mit meinen Lesern einen anderen Verlauf
00:33:34Man erwartete mich entweder mit echter Ehrfurcht, weil ich ein Schoßkind des Präsidenten bin
00:33:39Oder mit respektvollem Augenzwinkern
00:33:41Denn immerhin galt ich als der ungekrönte König der Sudelreimerei
00:33:45Ja, ich war überhaupt der Einzige im Lande
00:33:46Der so etwas wagt und nicht erwischt wurde
00:33:49Im Gegenteil
00:33:50Ich stieg ständig im Kurs
00:33:52Ich balancierte wie ein Akrobat auf dem straffgespannten Seil des Ruhmes
00:33:57Ein Seil über dem Abgrund, sicher
00:33:59Aber das war der Spaß dran
00:34:02Nur bin ich nicht sicher
00:34:04Ob der Spaß an der Gefahr wirklich so groß war
00:34:08Savoir vivre heißt ja nicht unbedingt periculose vivre
00:34:12Formal gesehen bin ich am besten, wenn ich Lobhudeleien schreibe
00:34:16Denn da wird mein poetischer Ehrgeiz angestachelt
00:34:19Es ist wirklich ein Unterschied
00:34:21Ob man wie ein eroptionsgeladener Vulkangedichte aus sich heraus schleudert
00:34:25Oder ob man auf dem Bauch gekriechend devotional Poesie in Kunst verwandelt
00:34:31Ich mache mir nichts vor
00:34:34Als Sudelreimer bin ich mittelmäßig
00:34:36Wenn auch amüsant und einfallsreich
00:34:37Als Staatsbarde nähere ich mich der ersten Sprosse der Generität
00:34:43Und diese Kinder, dessen wurde ich mir bewusst
00:34:45Verstanden den Unterschied zwischen ästhetischer Disziplin und emotionaler Schlamperei überhaupt nicht
00:34:51Diese Unschuldsengel, diese hässlichen Schwäne
00:34:54Noch nicht flügge
00:34:55Mit grauem noch feuchtem Gefieder
00:34:59Und doch
00:35:00Irgendetwas war anders geworden
00:35:03Aber was?
00:35:06Ich wusste es nicht
00:35:08Aber ich spürte es in der nassen, nachtschlaffen Abendluft
00:35:11In den sterbenden Geräuschen der Stadt
00:35:13Im Rauschen der Bäume
00:35:14Durch der am Laub der Wind weht
00:35:18Gefahr
00:35:22Noch wehrte ich mich dagegen
00:35:23Aber ich fühlte, wie es näher rückte
00:35:27Wie es
00:35:29Ich sollte ein heißes Bad nehmen
00:35:31Schlafen
00:35:31Eine Flasche Whisky aufs Zimmer nehmen
00:35:33Mich betrinken
00:35:35Niemanden sehen, niemanden hören
00:35:37Mich einnebeln
00:35:40Mich totstellen
00:35:41Herr Laureators, endlich
00:35:43Dr. Geis und Herr Quadriga warten schon auf Sie
00:35:45Ja, ja, heute nicht, Teddy
00:35:46Ich bin hundelüde
00:35:48Diese Kinderstunde war ganz schön anstrengend
00:35:50Hat mein Sohn
00:35:51Hat er sich schlecht benommen?
00:35:53Nein, nein
00:35:53Dann kriegt er es aber nicht mehr zu tun
00:35:54Nein, nein, nein
00:35:55Er machte seine Sache als Speaker der Gruppe ganz ausgezeichnet
00:35:58Ja, ja, wirklich
00:36:01Ausgezeichnet
00:36:01Als was, bitte?
00:36:04Als Rausführer
00:36:05Als Racheengel, als junger Leitschwan
00:36:07Ich verstehe Sie nicht
00:36:08Nein, ist auch nicht nötig, Teddy
00:36:10Geben Sie mir eine Flasche Whisky
00:36:12Nein, nein, kein Soda, ja
00:36:13Ich will mir einen tiefen Schlaf antrinken
00:36:17Herr Laureators, an Ihrer Stelle würde ich jetzt nicht aufs Zimmer gehen
00:36:21Ihre Freunde warten auf Sie
00:36:22Ihre wirklichen Freunde
00:36:24Hörte dich
00:36:24Ich bin müde
00:36:25Später, ja?
00:36:26Später
00:36:26Herr Laureators, so hören Sie doch
00:36:29Aber ich war bereits am Fahrstuhl
00:36:33Als ich die Tür zu meinem Zimmer aufschloss
00:36:36Wusste ich, was Teddy mir hatte sagen wollen
00:36:38Und doch nichts zu sagen wagte
00:36:42Guten Abend, Herr Laureators
00:36:47Was für eine Überraschung
00:36:49Was für eine Ehre
00:36:50Herr Polizeidirektor
00:36:52Herr Bürgermeister
00:36:54Guten Abend
00:36:56Wie Sie sehen, wollte ich mir gerade einen Dämmerschotten
00:36:58Meinen hochgradigen, selbstverständlich
00:37:02Genehmigen
00:37:02Darf ich Sie dazu einladen?
00:37:05Ich trinke keinen Whisky
00:37:08Zumindest nicht bei jeder Gelegenheit
00:37:13Also dann
00:37:15Auf Ihr Wohl
00:37:18Sie haben sich hübsch eingerichtet
00:37:21Eine ganze Suite
00:37:22Mit Bad und Solarium
00:37:24Wie es Ihrem Rang entspricht
00:37:27Ich gehe doch wohl nicht fehl in der Annahme
00:37:29Dass Sie sich für längere Zeit bei uns niederlassen wollen
00:37:31Auch das schon möglich
00:37:34Schöpferischer Urlaub
00:37:36Erholung von den Zerstreuungen der Großstadt
00:37:39Zum Zwecke poetischer Inspiration
00:37:41Vielleicht dürfen wir Ihnen ein paar Themen vorschlagen
00:37:44Aber nicht doch, mein Lieber
00:37:45Nicht gleich mit der Tür ins Haus
00:37:48Die schöpferische Phase unseres Laureators hat längst begonnen
00:37:51Wie wir uns überzeugen konnten
00:37:53Das schon, nur weiß ich nicht zu Recht
00:37:54Ob die Thematik seiner Poesie das wohlgefallen
00:37:57Was Herrn Präsidenten finden wird
00:37:59Hören Sie, was soll diese Geheimniskämerei
00:38:00Ich bin im Augenblick viel zu abgeschlappt
00:38:02Um Ihre Andeutungen zu enträtseln
00:38:03Kommen wir zur Sache, ja?
00:38:05Sie sind mir aber ein ganz schlauer Herr Laureators
00:38:08Kommt er uns nicht auf halbem Weg entgegen, Polizeidirektor?
00:38:10Und Sie fürchteten, wir müssten mit massivem Geschütz auffahren
00:38:14Nur nicht zu euphorisch, Bürgermeister
00:38:16Darf ich um genaue Informationen bitten?
00:38:18Und was für Material haben Sie überhaupt gegen mich?
00:38:20Meine überstürzte Abreise aus der Hauptstadt?
00:38:23Meine Pläne für die Zukunft?
00:38:25Die von dem Schöpfferschen ich nicht zu trennen sind?
00:38:28Natürlich sind uns die Umstände Ihrer Flucht
00:38:31Verzeihen Sie Ihres freiwilligen Rückzugs
00:38:33In die besinnliche Stille der Provinz nicht unbekannt
00:38:36Schließlich haben auch wir unsere Antennen
00:38:37Unsere Fühler, unsere Beziehungen zur großen Welt
00:38:42Lassen Sie mich also sagen
00:38:45Steht nicht gut um Sie, mein Freund
00:38:49Oder muss ich noch mehr sagen?
00:38:51Ihre Pflicht, als Sohn dieser Stadt wäre es
00:38:53Zum Wohl der Allgemeinheit beizutragen
00:38:56Ja, was soll ich tun?
00:38:57Wir sind dabei, das sogenannte Dänklabor zu liquidieren
00:39:00Sie sollen uns dabei helfen
00:39:00Das Dänklabor ist das Präsidentenliebstes Kind?
00:39:04Sie wissen doch, alles fing mit der Brillenkrankheit an
00:39:06Der Brillenlebra
00:39:08Sie ist zwar seit Urzeiten bei uns heimisch
00:39:10Nur waren die Kranken über das ganze Land verstreut
00:39:12Und man kannte die Gefährlichkeit dieser Krankheit nicht
00:39:15Erst als der Herr Präsident sie in seiner unendlichen Güte
00:39:17Vor den Toren unserer Stadt zu internieren begann
00:39:20Bekamen wir die Folgen dieses verhängnisvollen Schrittes zu spüren
00:39:23Folgen, die überraschenderweise darin bestehen
00:39:26Dass nicht die Krankheit selbst übertragen wird
00:39:28Sondern, dass sich im Umfeld der Kranken Phänomene zu entwickeln beginnen
00:39:32Die von uns als störend und gefährlich empfunden werden
00:39:38Zum Beispiel?
00:39:39Die jährliche Regenmenge in unserer Provinz
00:39:42Hat seit Errichtung des Dänklabors in besorgniserregender Weise zugenommen
00:39:45Und mit ihr die Ungezieferplage
00:39:48Die Verschlammung des Bodens
00:39:49Die uns dazu zwingt
00:39:50Mehr und mehr auf chemische Ernährungssurrogate zurückzugreifen
00:39:54Die Gefahr von Infektionskrankheiten
00:39:56Von der klimatischen Unbekömmlichkeit
00:39:57Für die Psyche der Menschen ganz zu schweigen
00:40:00Reizbarkeit, Aggressivität
00:40:01Das Gefühl der Frustration
00:40:03Damit verbunden das Nachlassen der Arbeitsenergie
00:40:05Vielleicht scheint Ihnen das auch nur so, Herr Polizeidirektor
00:40:08Vielleicht nennt man nur Krankheit
00:40:09Was in Wirklichkeit die Pflicht des Menschen zum Widerstand
00:40:11Gegen das ist, was er nicht selbst gemacht hat
00:40:13Und was ihn trotzdem
00:40:14Unsere Irrenhäuser sind überfüllt
00:40:16Unsere Kinder außer Rand und Band
00:40:17Unsere Produktionstippen sinken
00:40:19Unsere Scheidungs- und Selbstmordstatistik steigt bedrohlich
00:40:22Ebenso Kindersterblichkeit, Kriminalität, Alkoholismus, Drogenmissbrauch
00:40:26Ihr habt Beweismaterial, Herr Laureatus
00:40:29Der Herr Präsident kann sich leicht überzeugen
00:40:32Dass er sich die falschen Einzelmännchen ausgesucht hat
00:40:36Und Sie, Herr Laureatus?
00:40:39Ich soll ein Gedicht über die Brillenkrankheit
00:40:42Als Phänomen der Unruhe schreiben
00:40:43Oder etwa einen Sudelreim für die Massen
00:40:45Die Brille in die Haut gebrannt
00:40:48Wandere ich durch
00:40:50Aber, aber, wir wollen sachlich vorgehen
00:40:52Gut, gut, natürlich mit der gebührenden
00:40:55Emotionalen Untermalung
00:40:56Wir liefern Ihnen die Unterlagen
00:40:58Das Beweismaterial
00:40:59Sie, den Hebeldruck, den Namen
00:41:02Das praktische Know-how
00:41:03Was wir brauchen ist publizistischer Aufwind
00:41:07Katastrophenschlagzeilen
00:41:07Den Donner der Rhetorik
00:41:08Die Träne im Schaum der Polemik
00:41:11Machen Sie aus diesen Tränen
00:41:12Sie, der berühmte Sohn dieser leidgeprüften Stadt
00:41:15Machen Sie was daraus
00:41:15Lassen Sie sich was einfallen, mein Dichter Fürst
00:41:18Lassen Sie sich was einfallen
00:41:19Gut Ding will Weile haben
00:41:21Auf zwei, drei Wochen kommt es uns nicht an
00:41:24Auch sollen Sie es gut bei uns haben
00:41:25In jeder Hinsicht
00:41:26Die Stadt weiß, Ihre Söhne gegen jede Unbill zu schützen
00:41:30Gut, das heißt?
00:41:31Ich spreche nicht gerne rüber
00:41:32Im Falle Ihrer Weigerung müssen Sie natürlich mit Unannehmlichkeiten rechnen
00:41:36Wir haben inzwischen endlich unwiderlegbare Beweise
00:41:39Für Ihre subversive poetische Tätigkeit
00:41:41Unsere versteckte Kamera hat Sie bei Ihrem poetischen Furor
00:41:44Für die Ewigkeit festgehalten
00:41:45Das Espenblatt bebt nass und schlaff
00:41:48Denn es ist Zeit
00:41:50Wir wollen die Gesichter unserer Feinde sehen
00:41:52Ihnen die Hände auf den Rücken drehen
00:41:54Ihnen die Hälse, ja die Hälse umdrehen
00:41:57Denn es ist Zeit
00:41:58Verzeihen Sie, wenn ich die Zeilen durcheinander bringe
00:42:01Aber man behält ja nur das im Gedächtnis
00:42:02Was am meisten Eindruck macht
00:42:04Unsere Technik ist so weit fortgeschritten
00:42:06Dass wir Ihre Urheberschaft an diesem Pogromgedicht
00:42:09Einwandfrei nachweisen können
00:42:11Selbst wenn der Herr Präsident von dieser Entdeckung
00:42:12Nicht Gebrauch machen sollte
00:42:14Müsste er unserem Drängen nachgeben
00:42:16Und Maßnahmen gegen Sie ergreifen
00:42:17Und das kann, ich versichere, Ihnen sehr unangenehm werden
00:42:24Ich will mir Ihren Vorschlag durch den Kopf gehen lassen
00:42:27Ihr Vorhaben ist interessant und vielleicht sogar verdienstvoll
00:42:31Aber
00:42:33Es verlangt, soll ich mich ausdrücken, eine gewisse Dehnung moralischer Grundbegriffe
00:42:39Sie wissen doch, wir Dichter können nur dann wirklich schöpferisch sein
00:42:42Wenn wir der Stimme des Gewissens folgen
00:42:45Aber gewiss doch, die Dichter und Denker
00:42:48Das Gewissen der Nation, ihr Spiegel, ihr Herz und ihre Seele
00:42:55Ich war Ihnen in die Falle gegangen
00:42:57Ich war gefangen, meine Dummheit hatte mich zu Fall gebracht
00:43:01Es bestand kein Zweifel, dass Sie Ihre Drohung in die Tat umsetzen würden
00:43:04So lange bohren und quengeln, bis ich erledigt war
00:43:08Je höher der Gipfel, desto tiefer der Sturz
00:43:11Fliehen? Wohin?
00:43:12Für uns waren die Grenzen geschlossen
00:43:15Im Lande selbst gab es kein sicheres Versteck
00:43:19Es sei denn, Dr. Geist würde mich im Denklabor verstecken
00:43:25Sich eine Pigmentbrille in die Haut einätzen zu lassen
00:43:29Das darf sich keine Schwierigkeiten bereiten
00:43:34Ich konnte wieder durchatmen
00:43:35Meine Erschöpfung war wie weggefegt
00:43:38Ich wischte nur den Angstschweiß vom Gesicht
00:43:40Ich stürzte die Treppe ins Foyer hinunter
00:43:43Dr. Geist und Quadriga saßen noch immer in der Bar und tranken
00:43:47Der Sanitätsrat war nicht da
00:43:50Quadriga hatte den Kopf in die Hand gestützt
00:43:52Und dämmerte vor sich hin
00:43:53Die Gelegenheit war günstig
00:43:56Na, Viktor?
00:43:58Haben Sie Ihr Gespräch mit unseren Honorationen beendet?
00:44:02Man kann es auch anders ausdrücken
00:44:05Die Honorationen
00:44:06Haben Ihr Kreuzverhör mit mir beendet
00:44:10Steigen Sie von Ihrem Hohen Ross runter, Dr. Geist
00:44:13Man will Ihren erleuchteten Brillenleuten, Ihren Patienten
00:44:17Mit meiner schützen Hilfe den Garaus machen
00:44:19Und Ihnen natürlich auch
00:44:20Das überrascht mich nicht
00:44:22Vielleicht überrascht es Sie doch, wenn ich Ihnen sage
00:44:24Dass es Mittel und Wege gibt, mich zu dieser Schweinerei zu pressen
00:44:27Sie sollten eben keine konspirative Schubladenpoesie
00:44:30Sondern nur bezahlte Gedichte für Schulbücher schreiben
00:44:34Ich werde noch ganz andere Dinge schreiben
00:44:37Herr Präsident
00:44:40Ich will, ich muss Sie warnen
00:44:42Vor Ihrer Tür
00:44:43Vor Ihrem erlauchten Auge
00:44:44Hinter Ihrem unnahbaren Rücken
00:44:47Bereitet sich Furchtbares vor
00:44:48Ich bin Dingen auf die Spur gekommen
00:44:50Von deren Existenz Sie in der Reinheit Ihres Herzens
00:44:53Nichts wissen konnten
00:44:54Und so weiter und so fort
00:44:56Ich hoffe
00:44:56Ich bin der Erste, der Ihre Meisterschmähschrift zu lesen bekommt
00:45:00Falls sie überhaupt jemals geschrieben werden sollte
00:45:02Und ob sie geschrieben werden wird
00:45:04Ich habe meine Zweifel
00:45:06Einen Aufruf, wie der Polizeidirektor Ihnen sich wahrscheinlich wünscht
00:45:10Können Sie selbst mit allergrößter Arbeit nicht zustande bringen
00:45:12Es gibt Menschen, die quasi automatisch ihre Pflichten in das Gegenteil dessen verwandeln, was man von Ihnen erwartet
00:45:18Und zu diesem Menschen gehören Sie
00:45:21Hoch oder Tadel sein
00:45:22Es ist jedenfalls von Vorteil für uns
00:45:26Man weiß bis heute immer noch herzlich wenig von der menschlichen Psyche
00:45:29Aber umso mehr von Ihren Reflexen
00:45:32Der Durchschnitts der Massenmensch besteht ja im Wesentlichen aus der Summe seiner Reflexe
00:45:36Darum brauchen wir die schöpferischen Persönlichkeiten, die individuell verarbeiten
00:45:41Worauf andere nur mit Reflexen reagieren
00:45:44Wir brauchen Kunst
00:45:46Und nicht plumpe Lobhudelei
00:45:48Ach, Dr. Denunziationen sind keine Poesie
00:45:53Nehmen Sie die letzte Rede des Präsidenten
00:45:55Verschwörer des Denklabors
00:45:56Und Ihr geistiger Anführer also
00:45:58Eine Lüge durch eine andere ersetzen
00:46:01Mein formaler Sinn, mein ästhetischer Ehrgeiz, meine Psyche
00:46:04Das alles bleibt davon völlig unberührt
00:46:07Wenn Sie die Rede des Präsidenten gelesen haben, Viktor
00:46:11Und Sie verabscheuungswürdig finden
00:46:14Stilistisch natürlich
00:46:15Dann werden Sie den Stil natürlich verbessern wollen
00:46:19Ihre Fantasie, Geschmack, Ihre verbale Sensibilität
00:46:22Damit werden Sie auf all diese verwaschenen Gemeinheiten reagieren
00:46:27Sie werden den toten Wortkleister beleben wollen und zur Unversehens Wahrheit transportieren
00:46:33Und wenn Sie Glück haben
00:46:34Wird man es nicht einmal merken
00:46:37Verstecken Sie mich in Ihrem Denklabor, Doktor
00:46:40Erstens ist es nicht mein Denklabor
00:46:42Und zweitens ist das wirklich nicht nötig, Viktor
00:46:47Doktor Geist, ich werde Sie anzeigen
00:46:50Ich werde Sie ruinieren
00:46:52Sie wissen ja gar nicht, wie infam ich sein kann, wenn es um mich geht
00:46:55Retten Sie wenigstens Ihre Schützlinge vor mir
00:46:57Wenn Ihnen schon an sich selbst nichts liegt
00:47:00Ich werde Ihre Insel der Hoffnung in eine Insel der Schiffbrüten verwandeln
00:47:05Ich werde alles, was ich weiß, was ich kann, was ich denke
00:47:07Dazu verwenden, um Ihr Lebenswerk zu zerstören
00:47:10Was immer es noch sein mag
00:47:11Machen Sie das, Viktor
00:47:13Machen Sie das
00:47:15Können Sie mich letztlich zu nichts Besserem gebrauchen
00:47:18Wir brauchen Sie, Viktor
00:47:21Aber Ihre Stunde hat noch nicht geschlagen
00:47:23Die Stunde hat geschlagen?
00:47:26Welche Stunde hat geschlagen?
00:47:28Aus vier Kammern
00:47:30Aus vier, aus vier
00:47:32Wie schon aus die Haare schlagen
00:47:40Die Stunde hatte wirklich geschlagen
00:47:43Dennoch anders, als wir es uns alle vorgestellt hatten
00:47:48Ich schlief noch, als Rita anrief
00:47:51Mach auf, du betrunkenes Schwein
00:47:52Irrma ist fort
00:47:53Ich wollte Sie wecken, aber Ihr Zimmer war leer
00:47:55Auf dem Bett lag ein Brief
00:47:56Ja, und?
00:47:57Sie kommt nie mehr nach Hause zurück
00:47:58Die anderen Eltern haben den gleichen Brief bekommen
00:48:00Verstehst du?
00:48:02Alle, alle haben wir den gleichen Brief bekommen
00:48:04Das wird herrscht Panik
00:48:05Alle Kleinkinder sind auch mit fort
00:48:07Man sagt, dass die Brillenmenschen die Kinder entführt haben
00:48:09Na, beruhig dich doch
00:48:10Irrma wird schon zurückkommen
00:48:11Das sind doch Gerüchte
00:48:12Viktor
00:48:12Irgendwer will euch mit diesem Geschwätzfluss Angst einjagen
00:48:15Viktor, eben ist im Radio durchgegeben worden
00:48:17Dass man sich ruhig verhalten soll
00:48:19Weitere Anweisungen kommen nach uns
00:48:21Ja, ja, schön, schön
00:48:21Ich komme zu dir, ja?
00:48:22Es ist verboten, auf die Straße zu gehen
00:48:24Ach, Unsinn
00:48:24Du bist Irmers Mutter
00:48:25Ich bin Irmers Vater
00:48:26Niemand kann uns verbieten
00:48:27Unsere Tochter zu suchen
00:48:28Aber es ist verboten
00:48:30Die Behörden organisieren eine Suchaktion
00:48:32Sondern der alle Eltern teilnehmen dürfen
00:48:34Bis dahin müssen wir zu Hause bleiben
00:48:36Ja, ja, ich bin gleich bei dir, Rita
00:48:38Natürlich glaubte ich
00:48:39Das sei eine organisierte Schweinerei von oben
00:48:41Nur deshalb unternommen
00:48:42Um meiner Denunziation Nachdruck zu geben
00:48:45Ich zog mich an und hetzte nach unten
00:48:47Wo ich Teddy in die Arme lief
00:48:48Hallo, Herr Atos
00:48:50Meine Frau hat mich anrufen
00:48:51Mein Sohn ist verschwunden
00:48:52Ja, warum suchen Sie ihn nicht?
00:48:54Es ist verboten, auf die Straße zu gehen
00:48:55Der Bürgermeister hat über das Radio gesagt
00:48:57Dass die Brillenmenschen die Kinder entführt haben
00:48:59Wir sollen ruhig Blut bewahren
00:49:01Und wir sollen weitere Informationen abwarten
00:49:03Wenn wir das Leben der Kinder nicht gefährden wollen
00:49:05Kommen Sie, Teddy
00:49:06Wir werden Andreas und Ermer finden
00:49:07Es ist verboten, das Haus zu verlassen, Herr Lauriatus
00:49:10Verstehen Sie?
00:49:11Es ist bei Strafe verboten
00:49:13Ja, seid ihr denn alle verrückt geworden?
00:49:15Man treibt mit unseren Gefühlen Schindluder
00:49:17Man entführt unsere Kinder
00:49:18Und wir wagen nicht einmal, die Entführer zur Rede zu stellen
00:49:20Wer immer das sein mag
00:49:21Zu Hause hocken und weitere Befehle abwarten
00:49:23Anstatt das Rathaus zu stürmen
00:49:25Los, kommen Sie, Teddy, kommen Sie
00:49:26Zuerst einmal bin ich Bürger dieser Stadt
00:49:27Und ich leiste den Befehl der Behörden gehorsam
00:49:31Wir dürfen nicht einmal ans Fenster gehen
00:49:36Ich weiß bis heute nicht, ob ich geträumt habe oder nicht
00:49:38Ich weiß es wirklich nicht
00:49:40Es ist doch egal
00:49:42Ich weiß nur, dass ich es erlebt habe
00:49:44Und dass ich das bis heute nicht vergessen kann
00:49:48Ich lief auf die Straße hinaus
00:49:51Bis auf die Kinder, die in Lockren Rhein
00:49:53Die ganze Breite des Fahrdarms in Anspruch nehmen
00:49:55Dann mir vorbeizogen
00:49:56War sie leer
00:49:58Sie sangen und lachten
00:50:01Und beachteten mich nicht, wie ich da am Straßenrand stand
00:50:04Der Regen schien ihnen nichts auszumachen
00:50:07Sie liefen mit bloßen Füßen durch die Pfützen
00:50:09Als wäre es ein heißer Sommertag
00:50:11Und der Regen eine Erquickung
00:50:14Und auch mir kam es plötzlich so vor
00:50:16Als würde die Luft wärmer
00:50:19Ich hob mein Gesicht zum Himmel
00:50:22Und spürte heiß und blendend
00:50:25Das Licht
00:50:28Die Kinder gingen zur Stadt hinaus
00:50:31Aber ich hatte nicht den Mut, mich ihnen in den Weg zu stellen
00:50:34Die Älteren hatten die Kleineren auf den Schultern
00:50:36Oder trugen sie im Arm
00:50:38Auch Irma hatte ein kleines Mädchen an der Hand
00:50:40Sie lächelte mir zu
00:50:42Drehte sich aber nicht nach mir um
00:50:44Andreas mit einem kleinen Jungen auf dem Rücken
00:50:46Winkte mir zu
00:50:48Die Kinder
00:50:49Verließen die Stadt
00:50:51Ohne auch nur ein einziges Mal zurückzublicken
00:50:55Irgendein geheimnisvolles Ziel vor Augen
00:50:56Marschierten sie leichtfüßig und unbekümmert
00:50:58Durch die ausgestorbenen Straßen
00:51:01Während ihre Eltern nicht einmal wagten
00:51:03Aus dem Sensorn zu schauen
00:51:05Und ich hilflos am Straßenrand
00:51:07Und die Kinder
00:51:09Immer weiter in den nicht durchtränkten Nebel hinaus
00:51:13Bis ich auch das Gemurmel ihrer Stimmen nicht mehr hörte
00:51:15Das Lachen und Singen
00:51:16Das Lallen der Kleinsten
00:51:19Wie sie aus dem Schlaf erwachten
00:51:20Und nicht einmal weinten
00:51:21Wie ihnen der Regen das Gesicht benutzte
00:51:25Ich stand da
00:51:27Ich wagte nicht, mich ihnen anzuschließen
00:51:30Und ich hätte doch nichts lieber getan als das
00:51:33Und dann hätte ich nichts mehr
00:51:36Da war nur noch die menschenleere Straße
00:51:38Dämmerig
00:51:39Der Regen schüttete
00:51:43Eine ungeheure Wut erfasste mich
00:51:47Eine Verzweiflung
00:51:49Wie man sie empfindet
00:51:50Wenn das große Glück
00:51:52Die einzig wesentliche Erkenntnis
00:51:54Die man im Leben haben kann
00:51:56Greifbar nahe ist
00:51:59Und sich plötzlich alles in nichts auflöst
00:52:05Ich weiß nur noch, dass ich wie ein Wahnsinniger
00:52:07Durch die Straßen lief
00:52:08An den endlosen Häusereien vorbei
00:52:10An deren Fenstern noch immer niemand zu sehen war
00:52:12Vorbei am Rathaus, am Polizei- und Ordnungsamt
00:52:14An Kneipen und Geschäften
00:52:15An Banken und Tankstellen
00:52:17Bis ich atemlos vor Ritas Haus stand
00:52:20Die Tür nicht abgeschlossen
00:52:21Rita im Morgenrock am Küchentisch
00:52:24Im Radio das Pausenzeichen unseres Provinzsanders
00:52:27Wie siehst du denn aus?
00:52:29Wieso hat man dich durchgelassen?
00:52:30Ich habe Irma gesehen
00:52:32Wo?
00:52:33Warum hast du sie nicht mitgebracht?
00:52:35Die Kinder haben die Stadt verlassen
00:52:37Sie haben gelacht und gesungen
00:52:38Und die kleinen Geschwister in der Hand geführt
00:52:40Oder auf die Schulter getragen
00:52:41Sie waren glücklich
00:52:44Sie warteten mit nackten Beinen durch die Pfützen
00:52:46Sie haben kein einziges Mal zurückgeschaut
00:52:48Immer nur nach vorne
00:52:48In die Zukunft
00:52:50In die Zukunft
00:52:51Du lügst
00:52:52Die Brillenleute haben sie entführt
00:52:54Das kam auch in das Radio
00:52:55Die Brillenleute sind maskiert und geräuschlos in die Häuser eingedrungen
00:52:59Und haben die Kinder mitgenommen
00:52:59Wahrscheinlich mit irgendwelchen Drogen vorher betäubt
00:53:02Du hast natürlich nichts gesehen und nichts gehört
00:53:04Wir soffen wie immer
00:53:05Rita lasst doch das Geschwind
00:53:06Versuch doch zu begreifen, was passiert ist
00:53:07Die Kinder haben uns verlassen, weil wir sie enttäuscht haben
00:53:10Nein, wir haben ihnen aus der Gemeinheit nichts beigebracht
00:53:13Nein, nein, nein, nein
00:53:13Wir haben gelogen
00:53:13Nein, hör auf, Victor, hör auf
00:53:16Bürger und Bürgerinnen dieser Stadt
00:53:18Die große Suchaktion, die zugleich die erste Stufe
00:53:21einer wohl durchdachten Strafexpedition darstellt
00:53:23beginnt in einer halben Stunde
00:53:25Verlassen Sie Ihre Häuser und stellen Sie sich am Straßenrand auf
00:53:29Unsere Hubschrauberkommandos haben festgestellt
00:53:32dass sich die Kinder auf dem Schwergebiet des Represoriums befinden
00:53:35das fälschlicherweise auch Denklabor genannt wird
00:53:38Bevor wir ernstere Maßnahmen ergreifen, wollen wir alle Verhandlungsmöglichkeiten ausschöpfen
00:53:44Benutzen Sie geordnet und diszipliniert die Transportmittel
00:53:48indem wir sie zum Represorium hinausbringen
00:53:51Zu Ihrem eigenen Schutz wird Polizei Sie bewachen
00:53:54Verhalten Sie sich ruhig
00:53:55Bleiben Sie sitzen, bis Sie die Erlaubnis zum Verlassen der Transportmittel erhalten
00:54:00Beweisen Sie, dass Sie auch im Unglück gute Bürger dieser stolzen Stadt sind
00:54:05Verlassen Sie jetzt Ihre Häuser und warten Sie, bis Sie einsteigen können
00:54:09Denken Sie daran, das Represorium ist Sperrgebiet
00:54:13Sie dürfen sich ihm nur im Schutz der Polizei nähern
00:54:16Unternehmen Sie nichts, was Sie mit dem Gesetz in Konflikt bringen könnte
00:54:30Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich mich dieser Völkerwanderung anschließe
00:54:35Was können wir anderes tun?
00:54:36Du hast doch ein Auto
00:54:38Man würde uns unterwegs anhalten
00:54:40Es gibt Umwege, Landstraßen
00:54:41Ich kenne mich hier noch ziemlich gut aus
00:54:43Ich mache das nicht mit
00:54:44Ich will meine Tochter nicht gefährden
00:54:46Du willst dich selbst nicht gefährden
00:54:48Und das weißt du auch ganz genau
00:54:51Du bekommst die Schlüssel nicht
00:54:52Ich nehme sie mir einfach
00:54:53Hinter deinem Rücken
00:54:54Das entlastet dich vor den Behörden
00:54:56Klingt glaubhaft und entspricht meinem schlechten Charakter
00:55:05Vielleicht erweißt du ja wirklich was
00:55:09Vielleicht sollte ich...
00:55:10Ja, ja, du solltest, Rita
00:55:11Du solltest
00:55:15Nein
00:55:17Ich kann nicht
00:55:18Aber ich wünsche dir Glück
00:55:21Schon wegen Irma
00:55:24Ich hatte Glück
00:55:25Ich kam ungehindert aus der Garage
00:55:27Und auf nicht kontrollierten Nebenwegen aus der Stadt heraus
00:55:30Die Sirenen häuten
00:55:32Hubschrauber kreisten noch immer über den Feldern
00:55:35Es regnete
00:55:36Wie ich es noch nie in meinem Leben habe regnen sehen
00:55:39Eisige Wasserwände umschlossen mich
00:55:42Sodass ich im schwachen Licht meiner Scheinwerfer
00:55:44Wie durch einen Wassertunnel schlingerte
00:55:45Es war totaler Regen
00:55:47Jeden Augenblick konnte ich wie ein Treibholz hinweggeschwemmt werden
00:55:50Das Blechdach über mir brauchte bloß nachzugeben
00:55:52Oder eine Tür oder ein Fenster zu zerspringen
00:55:56Ich verlor fast die Kontrolle über das Steuer
00:55:58Um mein Haar wäre ich in einem Graben gelandet
00:56:00Oder gegen einen Baum gefahren
00:56:02Aber dann
00:56:03War der Wassertunnel zu Ende
00:56:05Der Regen wurde schwächer
00:56:07Und die Straße verlor sich vor mir in einer abschüssigen Wiese
00:56:10Mit kniehohen, messerscharfen Grasbüschern
00:56:14In den schwarzen Wasserlöchern
00:56:16Spiegelte sich flackernd der finstere Himmel
00:56:18Ich stieg aus, um zu Fuß weiter zu gehen
00:56:22In der Ferne kroch die endlose Autokollonne ihrem Ziel entgegen
00:56:26Rekurierte Personenwagen, Busse, Laster, Lieferwagen
00:56:29Polizei und Grenzschutzvehikel
00:56:31Ein riesiger Leuchtwurm
00:56:33Aber ich sah noch etwas anderes
00:56:36Aus einer kreisrunden Öffnung im Himmel
00:56:39Ergoss sich jenes strahlende, gleichmäßige Licht
00:56:43Welches aus dem Fenster meines Zugabteils beobachtet hätte
00:56:46Ich wagte kaum zu adeln
00:56:49Diese Wiese
00:56:51Mit den verkrüppelten Weiden und verrotteten Baumstümpfen
00:56:54Das war die ganze Aussichtslosigkeit meiner Existenz
00:56:59Und dahinter
00:57:00Tat sich das Paradies auf
00:57:04Dieser Kontrast machte mich aber nicht traurig
00:57:07Denn ich wusste plötzlich
00:57:09Dass ich dieses Paradies
00:57:11Nicht erst nach dem Tode erreichen würde
00:57:13Ich musste nur rüstig ausschreiten
00:57:17Dass es die Sonne gab
00:57:19Wusste ich ja nicht nur aus Lehrbüchern
00:57:21Sondern aus der Erinnerung
00:57:22Die einige Kindheiten weit zurückliegen musste
00:57:25Also lange, lange vor der ersten Bewölkung
00:57:28Sollte jetzt die Zeit der Entwölkung beginnen
00:57:31Wenn ja
00:57:33Dann wollte ich der Erste sein, der darüber berichtet
00:57:37Halt!
00:57:38Halt! Wann wollen Sie denn?
00:57:40Wer hat Ihnen erlaubt, hier so einfach umzulaufen?
00:57:42Wie sind Sie überhaupt hergekommen?
00:57:44In meinem Wagen
00:57:45In Ihrem Wagen?
00:57:46Wo steht denn Ihr Wagen?
00:57:48Irgendwo im Gelände, so um die 10 Kilometer von hier
00:57:50Warum haben Sie sich nicht unserem Konvoi angeschlossen?
00:57:52Haben Sie die Befehle nicht gehört?
00:57:54Ich hatte keine Lust dazu
00:57:55Keine Lust?
00:57:56Wie soll das heißen?
00:57:58Wer sind Sie überhaupt?
00:57:59Ja, führen Sie mich zu Ihrem Chef, dem Polizeidirektor
00:58:01Ich stehe in seinem Dienst
00:58:01Ich darf tun und lasse, was ich will
00:58:03Mein Name ist Victor Laureatus
00:58:05Ich weiß Ihnen, dass man es sagt
00:58:05Ihren Ausweis?
00:58:07Habe ich zu Hause liegen lassen
00:58:08Ach was!
00:58:09Kommen Sie mit!
00:58:10Genau, wir haben anderes zu tun, als uns mit Ihnen abzugehen
00:58:12Das sollten Sie aber tun, wenn Sie sich Unannehmlichkeiten ersparen wollen
00:58:15Das werden Sie auch tun
00:58:16Das haben wir zu Hause
00:58:17Na, da steht jetzt schon ein bisschen noch mehr dahintersteckt
00:58:22Über dem Denklabor schien die Sonne
00:58:26Das ganze riesige Areal
00:58:27vom dünngmaschigen Stachelgrad umgeben
00:58:30lag lichtgebadet in einer Talmulde
00:58:35Die erregte Menge hatte die Fahrzeuge verlassen
00:58:37und stand drohend im Kreis, bereit zum Sturm
00:58:41Die Polizei regelte zwar das offene Gelände ab
00:58:43aber nicht das war es, was die Menschen zurückhielt
00:58:47Das Licht floss wie aus einer Kuppel
00:58:49auf die umzäunte, parkähnliche Landschaft herab
00:58:52Eine Kuppel, die sich auszudehnen schien
00:58:55Es konnte nicht mehr lange dauern
00:58:57bis auch die Menge vom Licht erfasst sein würde
00:59:00Der Polizeidirektor stand als einziger
00:59:02genau an der Grenze von Licht und Schatten
00:59:05kerzengerade wie ein Soldat
00:59:07als wachte er auf etwas
00:59:09Die beiden Posten führten mich zu ihm
00:59:11Herr Polizeidirektor, diesen Mann haben wir im Sperrgebiet aufgegangen
00:59:13Er behauptet mit Ihrem Einverständnis
00:59:15im eigenen Wagen vom Depursorium hinausgefahren
00:59:17Ah, Sie sind des Laureates
00:59:19Ich habe Sie schon überall suchen lassen
00:59:21Das ist gut, so Sie können gehen
00:59:23Ja, da sehen Sie nun, was Ihre harmlosen Kranken angerichtet hat
00:59:25Man hat die Kinder mit Gewalt entfügt
00:59:27und hält sie irgendwo gefangen, um uns zu erpressen
00:59:30Das ganze Gelände ist ja
00:59:31Wie das geschaffen, mit uns Katz mit Maus zu spielen
00:59:34Der Bürgermeister verhandelt mit Ihrem Dr. Geist
00:59:36über die Bedingungen des Abzugs
00:59:37Man hat ihn als einzigen nählich hereingelassen
00:59:40Das macht übrigens Ihre Denkschrift an den Präsidenten, Laureatus
00:59:43Sie sehen es alt
00:59:44Ich möchte über den Exodus der Kinder sprechen
00:59:46Tun Sie das!
00:59:48Ich habe gesehen, wie die Kinder die Stadt verlusten
00:59:50Sie liefen leicht zu sich
00:59:51Ja, Sie tanzten fast über den Vater
00:59:53Ja, denn am Straßenrand hatten sich die Brillenleute aufgestellt
00:59:56mit Stumpfmasken über dem Gesicht
00:59:57mit vorgehaltenen Maschinenpistolen
00:59:59die sie den Soldaten des Präsidenten abgenommen haben
01:00:01Die Kinder verließen die Stadt
01:00:02ohne ein einziges Mal zurück zu sehen
01:00:04Sie standen unter Schock
01:00:05Sie hielten Ihre kleinen Geschwister an der Hand
01:00:07oder trugen sie auf dem Arm
01:00:08Womit die ganze Unmenschlichkeit bewiesen ist
01:00:10Niemand führte sie an
01:00:11Niemand begleitete sie
01:00:12Niemand bedrohte sie mit Maschinenpistolen
01:00:14Sie waren heiter und vergnügt
01:00:15Haben Sie den Verstand verloren, Laureatus?
01:00:17Sie sangen und lachten
01:00:18Ich habe es selber gesehen
01:00:18Es soll Sie wohl auf der Stelle verhaften lassen
01:00:21um Ihnen das Gegenteil zu beweisen
01:00:23Er kam nicht dazu
01:00:25Denn nun hatte sich das Licht so weit ausgebreitet
01:00:28dass es uns beide erfasste
01:00:31Ein einziger auf uns niederbrechender Lichtschwall
01:00:33der uns fast umriss
01:00:37In dieser gleißenden, beweglichen Helligkeit
01:00:40deren Wärme unsere feuchten Kleider zum Dampfen brachte
01:00:44hörten wir eine Stimme
01:00:45die ich sofort erkannte
01:00:46Auch wenn die Lautsprecher sie verfremdeten
01:00:49Die Verhandlungen sind ohne Ergebnis zu Ende gegangen
01:00:53Der Herr Wundkreis scheint nicht begriffen zu haben
01:00:56was geschehen ist
01:00:58Seid ihr denn tatsächlich nicht in der Lage zu verstehen
01:01:01worum es geht?
01:01:03Eure Kinder haben euch freiwillig verlassen
01:01:06Niemand hat sie dazu gezogen
01:01:08Niemand mit Gewalt oder Licht dazu angestanden
01:01:11Sie haben euch verlassen
01:01:13weil sie euch nicht mehr ertragen konnten
01:01:16weil sie nicht mehr so leben wollten wie ihr
01:01:19und eure Eltern
01:01:20und deren Eltern leben
01:01:23Sie haben es satt
01:01:24mit euren Begierden
01:01:26eure hängsten Lügen und Ausflüchten aufzuracken
01:01:30Sie hassen euch nicht
01:01:32aber sie lösen sich über euch
01:01:34weiter ihr euch die Fremden geworden seid
01:01:38Ihr braucht euch um eure Kinder keine Sorgen zu machen
01:01:41Sie werden es gut haben
01:01:43Besser jedenfalls als bei euch
01:01:47Übrigens
01:01:48Heute wollen sie euch noch nicht sehen
01:01:51Aber morgen seid ihr in jeder Zeit gekommen
01:01:56Unsere jungen Soldaten werden einen Pendelverkehr zwischen Stadt und Denklabor aufrechterhalten
01:02:00Bis ihr mit dem Bürgermeister die Verkehrsfrage geregelt habt
01:02:05Alles das steht in euren Trennen
01:02:08Nur eines müsst ihr wissen
01:02:10Es hängt nur von euch an
01:02:12Ob eure Kinder mit euch in Verbindung bleiben werden
01:02:17Es ist die letzte Möglichkeit
01:02:18Sie für ein Treffen mit euch zu gewinnen
01:02:23Lasst uns also für heute Frieden auseinandergehen
01:02:27Denkt zu Hause darüber nach
01:02:29wie ihr euch ändern könnt
01:02:33Also Leute bis morgen
01:02:35Und kommt mit frohen Gesichtern
01:02:38Und liebevollem Erfesten wieder
01:02:42Aber es sollte kein Morgen geben
01:02:45Zunächst machte uns nur dieses merkwürdige Licht zu schaffen
01:02:47Das mehr und mehr wurde
01:02:48Ich meinte fast zu hören wie es zunahm
01:02:51Wie es sich ausdehnte
01:02:53Der Krater im Himmel
01:02:54Riss an seinen vulkanischen Rändern auf
01:02:57Und aus der flammenblauen Kuppel sickerte das Licht wie Gas heraus
01:03:01Breitete sich in flimmernden Partikeln aus
01:03:04Und umschloss die Menschen, die immer noch dastanden
01:03:08Unsere Augen tränten, unsere Herzen hämmerten
01:03:10Hatte ich noch einen Willen oder nicht?
01:03:13Diese blendende Helligkeit
01:03:14Sog mich förmlich in die Ströme fremder Kraftfelder
01:03:20Sollte ich auf eine andere, neue Wirklichkeit vorbereitet werden?
01:03:24Musste ich nicht vorher wie ein geschundenes Tier
01:03:26aus meinem alten Leben hinausschlüpfen
01:03:27als wie eine wunde Haut abstreifen?
01:03:30Es hat weh
01:03:32Brennend scharf kamen mir alle Verfehlungen
01:03:34Alles Unrecht, alle Schändlichkeiten, die ich begann
01:03:36Alle Irrtümer, in die ich mich verrannt hatte, zum Bewusstsein
01:03:39Ich konnte einiges ertragen
01:03:42Mir musste es erst den anderen ergehen
01:03:45Sie wichen zurück
01:03:47Sie liefen mit gesenkten Köpfen zu ihren kotverspritzten Wagen
01:03:50Die Polizisten schwangen sich auf ihre Motorräder
01:03:53Der Polizeidirektor, der Bürgermeister
01:03:55Kletterten in die schwarze Demosine
01:03:57Hinter dem kugelsicheren Fenstergleis ein dunkler Vorhang
01:04:01Ich sah Rita und Teddy
01:04:02Wie sie die Augen mit der vorgehaltenen Hand schützten
01:04:04Und in ihrem Reisebus verschwammten
01:04:07Und das alles vollzog sich in absoluter Stille
01:04:09Wenn auch in großer Hast
01:04:10Die Menschen hatten es eilig
01:04:11Dem unbarmherzigen Licht zu entkommen
01:04:13Sich von seinem Sog, seiner Umklammerung, seinem Magnetismus freizumachen
01:04:18Würde das Licht den Konvoi einholen und ihre Flucht vereiteln
01:04:21Oder würde es ihnen gelingen, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen
01:04:25Die Wagen setzten sich in Bewegung
01:04:26Rasten heulend in die Zone der Bewölkung zurück
01:04:28Bis nur noch an der scheinbar von Lichtspur zu erkennen war
01:04:32Was für eine ungeheure Wagenschlange sich der Stadt entgegenwälzte
01:04:35Über der noch immer wolkenbruchartig der Regen niederging
01:04:40Ich war als einziger zurückgeblieben
01:04:44Ich hämmerte mit den Fäusten gegen die Tür
01:04:46Aus der erst vor kurzem der Bürgermeister herausgetreten war
01:04:50Was wollen Sie, Victor?
01:04:53Ich will meine Tochter sehen
01:04:54Ich will Sie sprechen
01:04:56Sie können Ihre Tochter ab morgen jeden Tag besuchen
01:05:00Alle Eltern können das
01:05:02Ja
01:05:04Alle Eltern sind dringend dazu aufgefordert
01:05:06Sie wissen so gut wie ich, Dr. Geist, dass niemand kommen wird
01:05:09Die Leute haben ihre Kinder im Stich gelassen
01:05:12Wie sie sich selbst im Stich gelassen haben
01:05:14Das ist schon möglich
01:05:17Ich will über diesen Exodus der Kinder schreiben
01:05:19Tun Sie das, Victor
01:05:22Niemand hindert Sie daran
01:05:24Wir werden Ihnen unseren ersten Literaturpreis verleihen
01:05:28Gehen Sie in die Stadt zurück
01:05:29Und machen Sie sich an die Arbeit
01:05:31Sie wissen sehr gut, dass ich nicht in die Stadt zurückkehren kann
01:05:33Eine neue Zeit hat begonnen
01:05:35In der neue Gesetze gültig sind
01:05:38Schreiben Sie über alles, was Ihnen durch den Kopf geht
01:05:40Und kümmern Sie sich nicht darum, wo und wann es gedruckt wird
01:05:43Wir brauchen Sie, Victor
01:05:45Aber nicht als unseren Parteigänger
01:05:47Als unseren Bargen und Propagandisten
01:05:49Wie Sie es vielleicht nach Ihren bisherigen Erfahrungen vermuten
01:05:53Wir brauchen Sie als unbestechlichen Beobachter
01:05:57Es ist uns gleichgültig, auf welcher Seite Sie stehen
01:05:59Seien Sie Sie selbst
01:06:02Mehr erwarten wir nicht von Ihnen
01:06:04Auch wenn wir Sie dafür sehr gut bezahlen werden
01:06:07Er ist Kat Blanche und dazu gute Bezahlung
01:06:11So gut hatte ich es nicht einmal bei unserem Präsidenten
01:06:13Wir wollen Sie auch nicht kaufen
01:06:15Der Präsident meint, dass er den Bildhauer Quadriga gekauft hat
01:06:19Aber er irrt sich
01:06:21Er hat den Pfuscher Quadriga gekauft
01:06:24Der Bildhauer Quadriga ist ihm wie Wasser zwischen den Fingern zu ronnen
01:06:27Der Bildhauer Quadriga ist tot
01:06:33Vielleicht bin ich auch längst tot
01:06:35Vielleicht bin ich auch wie Wasser zwischen den Fingern des Präsidenten zu ronnen
01:06:40Da habe ich es nur noch nicht gemerkt
01:06:42Dann sind Sie heute zu neuem Leben erwacht, Victor
01:06:46Wie kennen Sie sich zu Ihrem neuen Leben?
01:06:50Victor Redivivus
01:06:51Genau, Victor Redivivus
01:06:55Und jetzt gehen Sie in die Stadt zurück
01:06:56Schreiben Sie über den Exodus der Kinder
01:06:59Wie über ein Ereignis, mit dem ein neues Leben beginnt
01:07:02Seien Sie unser erster Kunnist
01:07:05Vielleicht wird Ihr Bericht einmal Geschichte machen
01:07:10Wer sind Sie, Dr. Grest?
01:07:12Dass Sie mir Befehle erteilen
01:07:14Sind Sie der neue Präsident?
01:07:15Ich erteile keine Befehle
01:07:17Ich diene
01:07:19Und auch Sie, Victor, werden dienen
01:07:21Sie sind verrückt, Doktor
01:07:22Manchmal glaube ich, dass der Polizeidirektor recht hat
01:07:24Hier geht Ungeheuerliches vor
01:07:26Und Sie haben auch noch die Kinder in diese Ungeheuerlichkeit eingespannt
01:07:29Ich will meine Tochter sehen
01:07:32Ich werde Irma jeden Tag besuchen
01:07:34Zusammen mit Rita, meiner Frau
01:07:35Wir werden Sie überreden, zu uns zurückzukommen
01:07:38Und andere Eltern werden unserem Beispiel folgen
01:07:41Sie werden schon sehen, was Elternliebe zustande bringt
01:07:44Nein, nein, nein, ich will nicht
01:07:46Sie ist unsere Tochter, sie erwartet uns
01:07:48Uns beide, Rita
01:07:49Es ist einfach unmenschlich, wenn Eltern ihre Kinder im Stich lassen
01:07:51Ich bin so oft zu ihr rausgefahren
01:07:53Sie hätte dich nicht mal sehen wollen
01:07:54Weil sie will, dass wir beide kommen
01:07:56Unser Beispiel wird Schule machen
01:07:57Andere Eltern werden sich uns anschließen
01:07:59Alles wird sich ändern
01:08:00Man sagt, dass das Licht giftig ist
01:08:01Dass es Lähmungen hervorruft
01:08:03Bin ich gelähmt?
01:08:04Bord es mal ab
01:08:06Solange Irma dich nicht sehen will, bin ich genauso überflüssig
01:08:10Diese kleinen Kröten haben uns knallaufall verlassen
01:08:12Sollen sie doch sehen, wie sie mit ihrem Leben fertig werden
01:08:15Rita hatte die Wahrheit gesagt
01:08:17Irma wollte mich nicht empfangen
01:08:20Obwohl ich es immer wieder versuchte
01:08:21Obwohl ich der Einzige war
01:08:23Der sich aus der Zone der Bewölkung
01:08:25In die Region des Lichtes hinausweigte
01:08:28Niemand behinderte mich
01:08:29Niemand begleitete mich
01:08:32Und Irma blieb hartnäckig
01:08:34Sie ließ mir ausrichten
01:08:36Dass wir uns bald unter glücklicheren Umständen wiedersehen würden
01:08:39Und dass ich Geduld haben müsse
01:08:44Also schrieb ich meinen Bericht
01:08:46Niemand kümmerte sich um mich
01:08:48Alle, die Obrigkeit eingeschlossen, hatten anderes zu tun
01:08:53Täglich wurden über Radio und Fernsehen Prognosen durchgegeben
01:08:56Ob sich die Zone der Wolkenlosigkeit weiter ausbreiten
01:08:59Und wie schnell das geschehen würde
01:09:01Denn das Licht nahm zu
01:09:04Die Lichtränder dehnten sich aus
01:09:06Ließen die Quecksilber auseinander
01:09:08Und ließen immer größere Partien blauen Himmels frei
01:09:12Es ließ sich ausrechnen
01:09:13Wann es die Vororte erreichen
01:09:14Und die Menschen wie eine Herde Schafe
01:09:17In sein Strahlennetz einfangen würde
01:09:22Eines Nachmittags, als ich mit Rita in der Küche saß
01:09:24Und sie wieder einmal dazu überreden wollte
01:09:26Mit mir zu Irma hinaus zu fördern
01:09:28Gab der Sender folgende Nachricht durch
01:09:30Bürger und Bürgerinnen dieser Stadt
01:09:32Es ist anzunehmen, dass die neue künstliche Lichtquelle
01:09:36In spätestens einer Woche die Vororte unserer Stadt erreichen wird
01:09:39Unseren Messungen zufolge ist dieses Licht von lebensbedrohlicher Strahlkraft
01:09:43Es handelt sich um ein Produkt teuflischer Hirne
01:09:46Kein kosmisches Wunder, wie viele meinen
01:09:49Sondern eine zerstörerische Erfindung
01:09:51Wer sich der Strahlung aussetzt, gefährdet sein Leben
01:09:54Eltern, eure Kinder sind verloren
01:09:57Sie sind ein Opfer bestialischer Entführer geworden
01:10:00Nun seid ihr an der Reihe, den Weg ins Verderben zu gehen
01:10:04Wir können euch nicht mehr schützen
01:10:05Wir können euch nur den Rat geben
01:10:08Verlasst die Stadt
01:10:09Zerstreut euch in alle Winde
01:10:11Verwerbt euch in den Wäldern, in den Sümpfen
01:10:14Wir werden sobald als möglich den Präsidenten einschalten
01:10:17Und ihn veranlassen, wirksame Gegenmaßnahmen zu ergreifen
01:10:21Meldungen, dass eure Kinder sich im Schutz der neuen Sonne unserer Stadt nähern
01:10:26Um gemeinsam mit den Brillenleuten eine neue Ära des Lichts zu eröffnen
01:10:29Entbehren jeder Grundlage
01:10:31Verlasst die Stadt
01:10:33Wir werden, solange es uns noch möglich ist
01:10:35Stündlich die Entfernungen durchgeben
01:10:37Die unser Stadtgebiet noch von der schädlichen Lichtquelle trennt
01:10:40Bürger und Bürgerinnen dieser Stadt
01:10:43Seid auf der Hut
01:10:44Bürger und Bürgerinnen dieser Stadt
01:10:46Trefft eure Entscheidung
01:11:12Was sollen wir tun, Victor?
01:11:13Zu Irma hinausfahren
01:11:15Du hast doch gehört, wir haben noch eine Woche Zeit
01:11:17In dieser Woche können wir eine Wende herbeiführen
01:11:20Welche Wende?
01:11:21Was meinst du mit Wende?
01:11:22Wir können diesen Idioten zeigen, dass wir noch einen Kopf auf den Schultern haben
01:11:25Und wir können unseren Kindern zeigen, dass wir sie lieben und sie verstehen
01:11:30Wir können dem Licht entgegen gehen
01:11:33Dieses Licht ist doch kein kosmisches Wunder
01:11:35Und doch keine Erfindung bösartiger Affen
01:11:37Es ist die Erinnerung an das, was einmal gewesen ist
01:11:39Und es ist die Ahnung von dem, was sein wird
01:11:41Es ist unser Gewissen
01:11:43Dass wir mit Füßen getreten haben
01:11:45Die Liebe, die wir verraten haben
01:11:47Und die Treue, die wir verhökert haben
01:11:48Es ist unsere aller Zukunft
01:11:50Unsere aller Rettung
01:11:52Lass die Verbrecher, die Gauner, die Betrüger
01:11:54Die Schwächlinge abziehen
01:11:55Wir, Rita
01:11:56Wir können uns noch ändern
01:11:59Wir können ein neues Leben anfangen
01:12:00Wir können diese Stadt neu aufbauen
01:12:03Wir können sie aus dem Sumpf ziehen
01:12:05Aus diesem Stinken und Schlamm
01:12:06Wir können sie uneinnehmbar machen
01:12:08Für alle Verbrecher und Friedenstörer
01:12:10Wir müssen nur den Mut zur Umkehr haben
01:12:14Gib mir deine Hand, Rita
01:12:16Wir gehen dem Licht entgegen
01:12:18Glaub mir
01:12:18Wir werden nicht die Einzigen sein, die das tun
01:12:21Nur, Rita
01:12:22Wir, wir müssen den Anfang machen
01:12:25Ich war so richtig in eine große Begeisterung hineingeraten
01:12:28Ich malte die Utopie der Zukunft
01:12:30Auf die Tabula rasa unseres verwüsteten Bewusstseins
01:12:33Ich sprach sozusagen mit feurigen Zungen
01:12:35Mit der Leidenschaft dessen
01:12:36Der weiß, was auf dem Spiel steht
01:12:39Der plötzlich zu seiner eigenen Verwunderung
01:12:42Einblick in Dinge bekommen hat
01:12:43Die ihm bisher verschlossen waren
01:12:44Ich war für die Dauer eines kurzen Augenblicks
01:12:46Zu allem fähig
01:12:48Oder glaubte es wenigstens zu sein
01:12:52Alles vergeblich
01:12:53Rita verstand mich nicht
01:12:55Vielleicht wollte sie mich auch nicht verstehen
01:12:58Vielleicht hatte sie auch einfach Angst davor, mich zu verstehen
01:13:04Ich kann nicht
01:13:05Und ich will nicht, Victor
01:13:07Ich habe Angst vor dir
01:13:09Ich habe Angst vor Irma
01:13:11Und vor diesem Licht
01:13:13Vor dem, was kommt
01:13:16Lieber das, was war
01:13:16Lieber das, was man in- und auswendig kennt
01:13:20Auch wenn es gemein und schäbig ist
01:13:22Denn es ist das gewohnte und vertraute, Victor
01:13:26Was soll ich mit deinem neuen anfangen
01:13:28Von dem ich nicht einmal weiß, was es überhaupt ist
01:13:29Wir werden es gemeinsam erfahren, Rita
01:13:31Oh nein, nein
01:13:32Wir werden es niemals erfahren
01:13:34Aus dem neuen wird doch immer nur das alte
01:13:37Wozu also die ganze Plage
01:13:39Die Anstrengung, die Mühsal
01:13:40Wozu das alles
01:13:42Ich gehe mit den anderen
01:13:43Und wohin?
01:13:45Das weiß ich nicht
01:13:47Wir werden schon etwas finden
01:13:49Wir werden abwarten
01:13:51Einfach abwarten
01:13:51Ja, dann
01:13:53Lieb wohl, Rita
01:13:55Oder
01:13:56Soll ich auf Wiedersehen sagen?
01:14:00Ich kann dir nicht folgen, Victor
01:14:02Ich kann nicht
01:14:05Wir alle können es nicht
01:14:06Auch wenn wir wollten
01:14:11Ich kann von dem, was dann geschah
01:14:13Nur mit gewohnten Worten
01:14:15Und in vertrauten Bildern sprechen
01:14:16Für das Neue
01:14:18Fehlen mir noch die Worte und die Bilder
01:14:22Die Stadt entvölkerte sich im Laufe einer Woche
01:14:25Zuerst machten sich die Behörden davon
01:14:27Nachdem sie vorher alle Akten und Papiere verbrannt hatten
01:14:30Sie vernichteten die Beweise für ihre Gemeinheiten und Verbrechen
01:14:35Die Stadt platzte wie ein stinkendes Eitergeschwür
01:14:40Erst trüchteten diejenigen
01:14:41Die sich für die Besseren gehalten hatten
01:14:43Der Magistrat, die Polizei, die Industriebosse
01:14:45Die Steuer- und Finanzbehörde, die Justiz
01:14:47Überhaupt alle Beamten, Funktionäre, Würdenträger, Ordensinhaber
01:14:50Alle verschwanden sie in Wolken von Benzingestank
01:14:53Im Geknatter der Auspuffgase
01:14:55Im Jaulen der Sirenen
01:14:56Im hysterischen Gekläft der Hupen
01:14:59Während das große Licht immer näher kam
01:15:02Während der Himmel immer blauer wurde
01:15:05Die Stadtväter verließen ihre Stadt
01:15:08Die Gemeinheit verließ ihre Nist- und Brutstätten
01:15:11Das Laster floh aus seinen Verstecken
01:15:16Über die Chausseen, die Haupt- und Landstraßen
01:15:18Wälzte sich der Strom der regendunklen Hauptstadt entgegen
01:15:21Mit der es, seit das Licht sich mehr und mehr ausbreitete
01:15:24Keine Verbindung mehr gab
01:15:27Unsere Stadt aber platzte aus allen Nähten
01:15:30Und noch immer schwemmte dieser gigantische Vorunkel
01:15:32Seiner stinkenden Eitermassen hinaus
01:15:34Bis endlich das Blut zu fließen begann
01:15:37Das Volk verließ die Stadt
01:15:38Die einfachen Bürger, die kleinen Ladenbesitzer
01:15:40Die Arbeiter und Angestellten
01:15:42In überfüllten Personen und Lieferwagen
01:15:44Auf Rädern oder auch zu Fuß
01:15:46Die Häuser verwaisten
01:15:49Einige wenige Alte und Kranke waren geblieben
01:15:52Verschreckte Gesichter tauchten an Fenstern auf
01:15:54Während das Licht immer näher rückte
01:15:57Mit flammenden Zungen
01:15:59Mit funkelnden Blasen
01:16:02Mit dem Gezütscher der Vögel
01:16:03Dem Summen der Bienen
01:16:05Dem Dampfen der Erdrinde
01:16:07Dem Duften der Gräser
01:16:09Dem Stimmen der Kinder
01:16:12Und dazu das Rasseln der Panzer
01:16:14Auf dem die jungen Soldaten saßen und sangen
01:16:18Die Stadt entleerte ihren Kot und Müll in die Einrichtung
01:16:21Während das der anderen die neuen Bürger anrückten
01:16:27Ich ging Ihnen über eine der Ausfallstraßen
01:16:29In die Gleisen der Ebene entgegen
01:16:31Wo mir Dr. Geist in seinem Wagen den Weg abschnitt
01:16:34Da ist ja unser Empfangskomitee
01:16:36Victor
01:16:38Ich grüße Sie
01:16:39Ja, da bin ich
01:16:40Allein
01:16:42Und warte auf Sie, damit Sie mir alles erklären, Doktor
01:16:44Gleich werden Sie Ihre Tochter
01:16:45Ihren flügge gewordenen jungen Schwan sehen
01:16:48Ich muss Sie noch vieles fragen, Dr. Geist
01:16:49Was müssen Sie mich fragen?
01:16:51Was das alles zu bedeuten hat
01:16:52Und wie es weitergehen wird
01:16:54Und was du tun musst, damit es weitergeht
01:16:57Ich weiß es nicht
01:16:59Sie wissen es nicht?
01:17:00Ich bin wie Sie
01:17:02Kein Erleuchteter
01:17:03Ich bin auch kein unschuldiges Kind
01:17:05Bis heute ist die Unio Mystica
01:17:07Das Bündnis von Wissen und Unschuld immer noch zerbrochen
01:17:11An den Umständen, den Missverständnissen
01:17:13Den Ungereimtheiten unseres menschlichen Lebens
01:17:17Bisher
01:17:17Also gibt es noch Hoffnung?
01:17:19Hoffnung gibt es immer
01:17:20Wie oft sie auch scheitern mag
01:17:22Vielleicht geht die Hoffnung diesmal in Erfüllung
01:17:24Vielleicht ist die Stunde günstig
01:17:26Die Voraussetzungen scheinen wie geschaffen
01:17:28Für den glücklichen Ausgang
01:17:29Vielleicht sind Sie der erste Mensch
01:17:31Der dabei sein darf
01:17:32Wenn sich das Unvorstellbare ereignet
01:17:35Ja, aber Sie
01:17:36Was wird mit Ihnen?
01:17:37Es sieht nichts aus
01:17:38Als sollten Sie die Rolle des Herods übernehmen
01:17:40Der die frohe Botschaft verkündet
01:17:41Es gibt nichts zu verkünden
01:17:43Aber es gibt alles zu verhüten
01:17:45Ich werde denen folgen
01:17:47Die Hals über Kopf geflohen sind
01:17:48Um Verstärkung heranzuholen
01:17:50Ich will wissen, was Sie tun
01:17:51Und was Sie vorhaben
01:17:53Um Schlimmstes zu verhindern
01:17:55Ich bin Ihr Verbündeter, Viktor
01:17:57Auch wenn ich Ihnen das Feld räume
01:17:59Sie sind der Chronist
01:18:01Ich bin der Organisator der Veränderung
01:18:04Hauptakteure sind wir beide nicht
01:18:05Deshalb bleiben Sie auf Ihrem Hausse
01:18:07Gleich was geschieht
01:18:08Sie werden von mir hören
01:18:34Es ist aus
01:18:37Es ist vorbei
01:18:41Ich sitze im Gras
01:18:44In der Sonne
01:18:47Unter einem wolkenlosen blauen Himmel
01:18:52Das Gras ist trocken
01:18:53Die Erde dampft warm
01:18:57Ich lege mich ins Gras
01:18:58Und schließe die Augen
01:19:00Es ist aus
01:19:03Es ist vorbei
01:19:07Das, was jetzt kommt
01:19:10Hat noch keinen Namen
01:19:14In der Ferne rasseln Panzer
01:19:16Sie haben noch keinen Schuss abgefeuert
01:19:19Ich weiß nicht, was die Städte mir zerreißt
01:19:22Das Kettenschluchen der Panzer
01:19:24Oder der Gesang der Kinder
01:19:29Ein unbeschreiblicher Ton
01:19:33Für den, für den ich keine Worte habe
01:19:36Ich
01:19:37Der ich mir immer eingebildet habe
01:19:40Mit Worten alles ausdrücken zu können
01:19:45Es ist aus
01:19:49Es ist vorbei
01:19:52Ich warte auf das, was kommen wird
01:19:57Ich werde es als erster beschreiben
01:20:22Das war in Bayern 1 als Ur-Sendung
01:20:25Die hässlichen Schwäne
01:20:27Von Arkadij und Boris Tugatzky
01:20:31Aus dem russischen übersetzt
01:20:33Und für das Hörspiel bearbeitet
01:20:34Von Helen von Sachnow
01:20:37Unter der Regie von Heiner Schmidt
01:20:39Sprachen
01:20:40Den Doktor Geist
01:20:41Dieter Borsche
01:20:42Quadrita
01:20:49Quadrita
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