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00:01We will talk about everything, about your new book, but I'm still hanging
00:07at the beginning of the presentation, when you said that you were a very schlechter
00:12Schläfer, you started to write to a time, that is for others in the middle of the night,
00:18now you have said that you are a Buddhist. I am also a very schlechter Schläfer,
00:24so I am so neugierig. Sie können mich anrufen. Finden Sie sich damit ab,
00:31dass Sie schlecht schlafen können oder werden Sie mit der Zeit panisch, weil Sie denken,
00:35wenn ich nicht schlafe, kann ich auch nicht so richtig was leisten? Also leisten habe ich
00:40überhaupt keine Sehnsucht danach. Na ja, Schreiben ist ja auch eine Leistung. Ja,
00:45aber das ist so ein bisschen was anderes. Nee, ich finde es ganz angenehm. Also es ist
00:51tatsächlich so, ich wache dann auf so vielleicht so um drei und dann setze ich mich an den Schreibtisch
00:58und und gehe dann wieder so vielleicht um acht ins Bett oder so. Am Abend oder morgens? Nee,
01:03nee, alles morgens. Wir reden jetzt gerade über morgens. Okay, okay. Das heißt,
01:07wir holen dann schon was nach. Ja, das muss man. Ich bin ja kein Segler. Also es gibt es etwas,
01:19was Ihnen hilft, um einzuschlafen oder durchzuschlafen. Das ist vielleicht noch wichtiger. Also ich gehe
01:26wirklich ins Bett, wenn ich dann einfach sehr müde bin und dann kann ich mich auch hinlegen und sofort
01:31schlafen. Es ist nicht so, dass ich mich quäle mit dem Einschlafen. Ich schlafe immer sofort ein,
01:37aber nie sehr lange. Man wird dann eben einfach wach und setzt sich hin und und. Aber das ist auch
01:45wirklich schön nachts, weil Sie ganz alleine sind mit allem. Es fährt dann nur manchmal so die S-Bahn
01:51vorbei oder irgendwie so etwas. Es sind fast keine Leute, nur noch Betrunkene auf der Straße und es ist
01:57wenig Geräusche. Es ist wenig Geräusche. Es gibt keine E-Mails. Niemand will irgendetwas und man ist
02:04allein mit seinem Buch. Das ist sehr angenehm. Und künftig werde ich Sie anrufen. Ja, ja, vielen Dank.
02:11Also ganz viele Menschen kennen Sie als Schriftsteller, als Juristen. Bislang kannte Sie niemand als
02:19Kinderbuchautor, aber jetzt haben Sie es getan. Sie haben ein Buch geschrieben, das ich mit Vergnügen
02:24gelesen habe, Alexander. Das ist ein Kinderbuch, wo ein, soll ich das erzählen oder wollen Sie lieber erzählen?
02:29Erzählen Sie ruhig. Ich hoffe, dass ich Ihnen gerecht werde. Es ist die Geschichte eines Dorfes in der
02:37Antike, eines kleinen Städtchens, sagen wir mal so, das im Krieg ist und hat nur eine Chance zum dauerhaften
02:43Frieden zu finden, wenn sie sich eine Gesetzgebung gibt, eine Art Verfassung, wie dieses Städtchen dann Frieden
02:52finden kann. Und da beschließen die, einen Jungen loszuschicken, der den unverstellteren Blick hat auf das, was
02:58wichtig ist fürs Leben und das Zusammenleben. Der Junge zieht los, findet ein paar weise Menschen und
03:06kommt mit den Erkenntnissen zurück und schafft es auf seine Weise auch, den Beitrag zu leisten zum
03:11Frieden im Städtchen. Ist das einigermaßen zutreffend beschrieben?
03:15Na ja.
03:20Nein, das ist ganz toll beschrieben. Also die Grundidee ist, ich habe Sie gewarnt. Ja, ja. Ich hätte mal drauf
03:28hören sollen.
03:31Nein, die Grundidee ist, also der Krieg ist verloren gegangen und eine fremde Macht, ein fremder König sagt, ich nehme
03:40euch ein, weil ich Angst habe, es kommt wieder ein neuer Tyrann, der gegen mich Krieg führt. Und dann sagen
03:46die
03:46Bewohner, nein, wir werden jetzt...
03:49Schmales Zeitfenster? Schmales Zeitfenster. Nein, wir werden jetzt gerechte Gesetze schaffen und wenn wir diese
03:57gerechten Gesetze haben, kann es keinen Tyrann mehr geben. Und jetzt gibt es eine Denkfigur bei den Juristen, die
04:06heißt Schleier des Nichtwissens. Das ist von John Rawls, das war so einer der großen Rechtsphilosophen.
04:13Diesen Aspekt wollte ich nicht so vertiefen jetzt bei der Zusammenarbeit.
04:16Gut, dann lassen wir das, sprechen wir über das Segel. Und die Idee war dann eben, wer kann eigentlich
04:24gerechte Gesetze schaffen? Das ist sehr schwer und dieses Problem ist wirklich zweieinhalb
04:30tausend Jahre alt. Wie entsteht Gerechtigkeit? Und letztlich ist dieses Problem nie gelöst worden,
04:39erst mit diesem berühmten John Rawls 1973, wenn ich mich richtig erinnere. Und die Idee,
04:45dabei ist, gerechte Gesetze können nur entstehen, nicht wenn sie irgendjemand vorgibt, also eine
04:51einzelne Person, egal wie klug die ist, sondern nur, wenn wir alle uns darum bemühen und diese
04:59gerechten Gesetze in einem Ausgleich unsere Interessen schaffen. Das klingt trivial, ist es aber
05:05tatsächlich nicht. Und diese Junge zieht dann eben durch die Welt, weil er von dem Dorf den
05:13Auftrag bekommt, weil er der Einzige ist, der sozusagen vollkommen unvoreingenommen ist. Wenn man
05:19jetzt einen Metzger losschicken würde, würde der gute Gesetze für Metzger finden und oder oder ein
05:26König würde gute Gesetze für einen König finden. Und er als Kind ist eben unbeeinflusst und versucht als
05:32Kind gute Gesetze. Fantastisch erklärt. Ich fand meine Version ein bisschen straffer. Ja. Aber ich glaube,
05:39unsere Zuschauer... Sie sind ja auch so ein bisschen der straffere Typ. Genau. Unsere Zuschauer, glaube ich,
05:43haben das jetzt noch besser verstanden. Hat auch noch nie jemand zu mir gehört. Ja. Vielen, vielen Dank.
05:52Herr Götter, wie sind Sie denn darauf gekommen, ein Kinderbuch zu schreiben? Also das ist 30 Jahre her. Da war
06:01ich in der Nähe von Positano in einem Haus von Freunden von mir. Und ich hatte... Und der Sohn dieser
06:08Freunde war mein Patensohn. Und wir waren eines Tages in diesem wunderbaren, das kennen Sie sicher, in diesem
06:17Archäologie-Museum in Neapel. Das ist dieses ganz wunderschöne Museum. Da gibt es, also für Ihre
06:23Zuschauer, da gibt es unten eine tolle Farnese-Sammlung und es gibt Ausgrabungen aus Ägypten. Und vor allen Dingen
06:31gibt es die ganzen Exponate aus Pompeji. Und dort hängt auch das berühmte Alexander-Motiv, also dass Sie
06:39alle vielleicht im Kopf haben, dass... Nicht alle, aber... Ja. Und auf diesem Alexander, und das ist die Schlacht gegen
06:45Daraios. Und Alexander wird dort abgebildet. Und mein Patensohn, der 10 war, sagte, dass Alexander, also
06:53er interessierte sich nicht für Farnese und so weiter, aber für dieses Mosaik. Und er sagte, dass Alexander
06:59und das Pferd die gleichen traurigen Augen hätten. Und das fand ich ganz beeindruckend, weil ich, weil ich, weil
07:08Erwachsene das natürlich anders sehen als Kinder. Und dieses Pferd ist ganz berühmt. Das ist
07:14Bouquet-Fallos. Und Alexander hatte dieses Pferd in der Wirklichkeit gezähmt, weil es ein ganz
07:21wildes Pferd und behielt es dann bis zu seinem Tod. Und auf den... Wir sehen es gerade. Genau. Und auf
07:29den
07:29Spaziergängen dort an der Amalfi-Küste entlang, die wir machten, erzählte ich ihm dann eben
07:36Geschichten von Alexander aus Kaliste, den ich erfunden habe, einfach um ihn zu unterhalten
07:42in erster Linie. Und jetzt haben wir uns vor einem Jahr wieder getroffen. Der Mann ist
07:46inzwischen natürlich auch 40 und ist Anwalt in New York und hat selbst eine kleine Tochter,
07:52die 10 ist. Und er sagte, er würde diese Alexander-Geschichten ihr gerne erzählen. Und das hat mich
07:58irgendwie gerührt, weil es ja Geschichten über Demokratie und Grundrechte sind und das in
08:06Amerika ja so ein bisschen schwankt gerade. Und dann habe ich das angefangen aufzuschreiben.
08:14Was ich schön fand, war, dass Sie in dem Buch schreiben, der junge Alexander aus dem Buch
08:20verliert ja sein Kinderzimmer, weil das Haus zerstört wird im Krieg. Und in diesem Kinderzimmer
08:25hatte aber seinen Vater Tiere gemalt, so einen Dschungel mit Tieren. Und dann kommt man ans
08:31Ende Ihres Buches und sieht ein Bild von Ihnen als Kind. Und ich weiß nicht, ob wir das
08:38zeigen können. Und man sieht auch, dass bei Ihnen an der Wand, jetzt sehen wir es, Tiere
08:46abgebildet sind. Wer hat denn das gemalt?
08:48Die hat mein Vater gemalt. Und also mein, nicht Alexanders Vater, sondern mein Vater. Und
08:55Sie sehen an diesen Tieren, da ist so ein ganz netter Elefant mit netten Augenbrauen. Aber
09:01unten ist eine Katze.
09:03Die sieht böse aus.
09:04Die sieht böse aus. Ja, vor der habe ich mich immer ein bisschen gefürchtet. Aber das
09:08waren sehr nette Tiere und die haben mich bewacht. Und das fand ich so für den Alexander im
09:14Buch, ein ganz hübsches Motiv. Und wenn Sie an Ihre Kindheit zurückdenken, Sie waren
09:19Einzelkind. Nein, ich war kein Einzelkind. Sorry, dann bin ich da wirklich falsch informiert.
09:24Vollkommen falsch. Sorry. Dann haben Sie diese Seite Ihres Lebens nicht so transparent gemacht,
09:29dass sie bis zu mir vorgedrungen ist. Sehr elegant.
09:40Vielleicht bin ich auch nur deswegen darauf gekommen, weil Sie sagen, wenn Sie an Ihre
09:46Kinder zurückdenken, dann war Langeweile ein Leitmotiv. Weil Sie niemanden hatten zum Spielen,
09:53weil sich zu wenig Menschen mit Ihnen beschäftigt haben? Ja, also das war so ein großer Haushalt mit
10:00vielen Angestellten. Aber es war im Grunde genommen so, dass die Kinder damals, es war in ihrer Kindheit
10:07vermutlich nicht unähnlich, sich weitgehend selbst überlassen waren. Absolut. Ohne jede Angst der Eltern.
10:13Ohne jede Angst der Eltern. Und meine Eltern wären auch nicht so richtig auf die Idee gekommen,
10:18mit uns zu spielen. Also die Welt der Kinder und die Welt der Erwachsenen war wirklich sehr getrennt
10:24voneinander. Und das war auf dem Land. Und mein Hauptgefühl aus meiner Kindheit, ich hatte mit
10:32Sicherheit eine schöne Kindheit, war aber Langweile und Langsamkeit. Und das ist gar nicht so schlecht,
10:40wie man denkt. Weil letztlich, wenn wir überlegen, alle Dinge entstehen eigentlich aus der Langweile.
10:49Ja, also wenn Sie immer was zu tun haben und die ganze Zeit Klavierunterricht bekommen und danach
10:55müssen Sie Chinesisch lernen und im nächsten Moment Basketball spielen und dann Ronsheimer Podcasts
11:00hören, dann ist es, dann hört irgendwann mal oder gibt es keine Bereiche, wo Sie selber etwas
11:10herstellen müssen. Gilt das besonders für kreative Menschen? Also ich bin ganz sicher, ja. Also würden Sie
11:15da beipflichten, Ildiko, dass Langeweile und Langsamkeit ein Booster ist für Fantasie?
11:21Ja, unbedingt. Also ich finde das auch. Und ich finde, es ist auch so eine Möglichkeit, das Erlebte zu verdauen.
11:26Also
11:27dass man ständig aufgefallen wird, die Komfortzone zu verlassen. Zu verlassen ist ja schön und gut, aber der Rückzug und
11:33die Langeweile und die Muße, um das Erlebte zu verstoffwechseln, das kommt irgendwie zu kurz. Ich empfinde das ganz genau.
11:40Ja, und ich verlasse meine Komfortzone auch nie. Das ist aber verkehrt. Ich finde, das ist eine ganz vollkommen falsche
11:45Idee.
11:46Da sind Sie ja heute auf dem richtigen Triff.
11:49Ja, ja.
11:52Ich war tatsächlich noch nie in meinem Leben auf einem Segelboot und jetzt bin ich auch zu alt, um das
12:00noch anzufangen. Aber ich stelle mir immer
12:02das absolut gruselig vor. Schon, weil unter einem ja diese ganzen Fische sind, ja. Und diese Fische, die tun ja
12:13tatsächlich alles im Meer, ja.
12:15Also die gehen im Meer aufs Klo, die haben im Meer Sex, die kriegen im Meer Kind. Die sterben, verfaulen
12:21und verwesen im Meer.
12:23Und dann schwimmen die Leute darin herum und haben das in den Haaren und auf der Haut.
12:29Das ist Ihre Fantasie.
12:30Nee, das machen die.
12:33Das ist, ähm, das ist...
12:37Also...
12:37Nein, die Fantasie, dass sie das auf der Haut haben.
12:42Die haben es tatsächlich... Wo sollen denn die Fische das sonst machen?
12:45Das verliert sich doch.
12:46Ja, ja, das verliert sich.
12:48Ich bin noch nie auf den Gedanken gekommen. Ich weiß nicht, ob Frau Herrmann da schon mal drüber nachgedacht hat.
12:53Denken Sie mal über das Meer nach. Das ist nicht so ohne, ja.
12:57Haben Sie da schon mal drüber nachgedacht, über diesen Aspekt?
13:00Nee, also das...
13:02Das ist, glaube ich, auch ein Missverständnis, weil die ganze Welt ist nicht steril.
13:09Also auch die Luft hier ist ja auch der Stuhl.
13:11Wir sind sehr weit weg von steril, ja.
13:15Nein, nein, ich gebe Ihnen vollkommen recht. Ich finde es nur so als Vorstellung absolut abstoßend.
13:21Nein, ich bin rübergekommen.
13:23Also nicht das, was Sie tun. Ich finde es großartig, wenn man auf so einem...
13:27Ich weiß nicht, ob ich es großartig finde, aber ich finde es zumindest beeindruckend.
13:32Was ich übrigens auch irgendwie aufgeschnappt habe über diese Jahre mit den Wissenschaftlern,
13:39die immer mal wieder dazukommen oder diesen Gesprächen, der Ozean als Lebensraum ist so wenig bekannt
13:47und insbesondere Ihnen offensichtlich auch so fremd.
13:51Ja, es gibt ja ganz unten noch Stiere, die wir gar nicht kennen.
13:55Genau, also viele Städte jetzt sind ja auch ursprünglich so mit dem Rücken zum Meer gebaut.
13:59Und das, was am Hafen war, war ja auch in Hamburg oder Bremen so früher.
14:02Das waren einfach so, da ging man nicht hin, wenn man irgendwie bessere Leute waren.
14:07Und heute hat man da schon ein bisschen mehr Bezug zu.
14:10Aber immer noch ist es recht unbekannt, dass der Ozean immer noch der größte Lebensraum auf unserem Planeten ist.
14:16Also es sind so... Eine Sache fand ich interessant zu hören dazu,
14:20dass 95 Prozent des Lebensraums auf dem Planeten Erde ist im Ozean.
14:26Und 95 Prozent der vermuteten Arten, die es auf diesem Planeten gibt, leben im Meer.
14:30Das ist ja das, was ich sage. Es verliert sich das, wovor er von Schirach Angst hat.
14:35Weil wir freuen uns schon sehr, um einen kleinen Teaser einzubauen auf das Gespräch mit unserer Meisterwanderin.
14:41Weil ich glaube, da ist Herr von Schirach auch wahnsinnig zu Hause bei der Vorstellung viel zu wandern.
14:46Ich würde sagen, er würde sehr tapfer sein, ja.
14:47Wie war denn...
14:48Das ist ein ganz bisschen gemein.
14:50Überhaupt nicht. Überhaupt nicht. Gar nicht. Wir genießen das mit größter Sympathie.
14:54Wie war denn... Wie ist denn Ihre Erinnerung an den Lebensraum, um den Begriff von Herrn Herrmann aufzugreifen,
15:02Internat, auf das Sie im Alter von zehn Jahren kamen?
15:07Meine Erinnerung da...
15:08Ja, was ist die wichtigste Erinnerung?
15:10Die wichtigste Erinnerung ist Kälte. Es war unfassbar kalt. Also das liegt...
15:17Weil das am Wald lag?
15:18Ja, es liegt relativ hoch, also im Schwarzwald. Und es ist im Schwarzwald, also in einem relativ hohen Schwarzwald, ein
15:26Tal,
15:27in dem praktisch keine Sonne kommt.
15:29Ach ja, das war ein gutes Winterbild.
15:31Und als ich dort war, hatte man noch nicht diese Vorstellung, dass es Kindern so wahnsinnig
15:40gut gehen sollte. Und um die Kälte da zu beschreiben, wir hatten nur kaltes Wasser, also es gab kein warmes
15:49Wasser, es hingen 60 Waschbecken nebeneinander mit kaltem Wasser.
15:54Wie sägern eigentlich, oder?
15:55Bitte?
15:56Wie sägern eigentlich, oder?
15:57Und wenn es richtig, richtig wahnsinnig kalt war, kamen tatsächlich morgens kleine Eiskristalle
16:03auch aus dem Wasser. Und wenn da 30 Leute in einem Schlafsaal schlafen, wird natürlich
16:11nicht geheizt, sondern die Fenster aufgemacht. Und dann war morgens so ein Raureif auf der
16:18Decke und man musste sich sozusagen unter der Decke anziehen, weil es so furchtbar kalt
16:23war. Und da ich niedrigen Blutdruck habe, war es für mich besonders schrecklich. Und
16:31es waren sechs Monate, die es wirklich kalt war.
16:35Haben Sie nach dieser Erfahrung, aber auch nach der Erfahrung in Ihrem eigenen Elternhaus,
16:40glauben Sie, dass man Kinder erziehen kann?
16:42Nein.
16:43Gar nicht?
16:44Also so ein bisschen, ja. Also ich glaube, was wir so gelernt haben, wie man sich, also
16:51ihr Bereich, wie man sich ordentlich benimmt, wie man einen Handkuss gibt und wie man sich
16:57ein Messer und Gabel hält. Ich glaube, dass die Charakterzüge eines Menschen relativ früh
17:06ziemlich klar sind. Und man kann da noch so ein bisschen etwas bewegen, aber nicht sehr
17:13viel. Ich glaube, dass es eher umgekehrt ist, dass sich Kinder selbst und gegenseitig
17:20erziehen. Das war jedenfalls die Idee der Jesuiten. Deren großes Können war, sozusagen 30
17:26Kinder zu finden, die irgendwie halbwegs zusammenpassten und die dann möglichst in Ruhe
17:31lassen. Und dann erziehen sich Kinder selbst. Dann kann nicht einer immer Quatsch machen oder
17:37immer angeben oder sonst irgendwas. Das schleift sich sozusagen dann mehr oder weniger ab. Das
17:44funktioniert vielleicht. Aber meine Erfahrung ist auch bei Familien, die die Kinder in ganz
17:51kurzem Abstand bekommen haben. Ich habe zum Beispiel drei Patenkinder, die komplett
17:57unterschiedlich sind, obwohl sie vollkommen gleich erzogen worden sind, was total dagegen
18:02spricht. Also drei vollkommen unterschiedliche junge Frauen. Also viel erziehen kann man nicht.
18:09Also auf dem Internat schon gleich gar nicht. Ich habe eine wahnsinnig komplizierte Frage, obwohl
18:14unsere Zeit zu Ende ist. Aber vielleicht finden Sie eine kurze Antwort. Ja. Auch weil es in
18:18Ihrem Buch vorkommt, am Schluss, da ist der Alexander, der schon älter und spricht wie rum zu einem
18:23Kleinkind und gibt Ihnen die Empfehlung, trachte im Leben nach dem Richtigen. Glauben Sie, dass wir ein
18:30angeborenes Gefühl dafür haben, was richtig ist? Absolut. Wirklich? War das die kürzeste Antwort, die möglich ist?
18:36Ja. Ich kann es auch länger erklären. Ich versuche es kurz zu machen. Aber das war tatsächlich ein
18:52evolutionärer Vorteil. Zur Zeit des Homo sapiens gab es ja auch den Neandertaler. Und der Neandertaler
19:01war dem Homo sapiens in jeder Beziehung überlegen. Also er war stärker, der hatte ein
19:07größeres Gehirn sogar, der konnte weitere Strecken gehen und so weiter. Trotzdem hat sich
19:12der Homo sapiens durchgesetzt und der Neandertaler ist ausgestorben. Der Grund dafür ist, dass
19:18der Homo sapiens, also die Menschen, in großen Gruppen lebten. Also in, und das hat diesen großen
19:26Vorteil, wenn einer in einer kleinen Gruppe etwas erfindet, mit fünf Leuten erfindet er den Bogen, dann
19:34wissen es danach nur fünf Leute. Wenn sie aber 150 Leute haben in der Horde, dann wissen es danach
19:39150 Leute. Und da Genies immer gleich verteilt sind, haben sie in einer großen Gruppe viel mehr
19:46Chancen weiter. Aber um in einer Gruppe zu leben und jetzt bin ich auch schon fast am Ende, brauchen
19:52sie ein soziales Gefühl und soziales Gefühl, eine Sozialkompetenz. Sie brauchen Empathie, all solche
19:59Dinge. Das ist im Grunde genommen das, was es heißt, das Richtige zu tun. Es ist uns also, ich weiß
20:05nicht,
20:05ob man das angeborenen kann, aber wir haben es auf jeden Fall in uns, in irgendeiner Form. Ich finde,
20:11das ist eine sehr tröstliche Botschaft. Wer neugierig geworden ist jetzt auf Ihr Buch, der wird auch
20:25entdecken, dass Ferdinand von Schirach zeichnen kann. Er hat nämlich das Buch selbst illustriert. Ich
20:32hoffe, das hätten Sie nicht gesagt. Warum finden Sie, sind Sie so unzufrieden? Nein, aber es ist, es ist schon
20:40sehr amateurhaft und ich habe, das ist so gekommen, die Kinderbuch-Illustrationen, die ich gesehen
20:49habe, die wollte ich nicht, weil das waren immer so Kinder mit großen Köpfen und so Wimmelbildern
20:56oder so etwas. Das ist alles ganz schön, aber nicht für mein Buch. Und dann habe ich meine Zeichnung der
21:02Verlegerin geschickt und war so wirklich sehr überrascht, dass sie sagte, die nehmen wir. Und dann
21:09konnte ich nicht mehr zurück. Das war, das ist so, so begann das. Aber ich, ja, bitte seien Sie nicht
21:17so hart
21:18mit mir. Niemand ist hart zu Ihnen. Wir freuen uns. Aber da laufen Sie doch zur Höchstform auch. Ja, ja.
21:26Wir freuen
21:27uns über Ihren Besuch. Danke. Ich danke dir.
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