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00:00Sie, Frau Acht-Brause, sind verheiratet, leben aber nicht mit Ihrem Mann zu Hause,
00:06sondern sind wieder zu Ihrer Mutter gezogen, die an Alzheimer-Demenz erkrankt ist.
00:10Wie geht es Ihnen aktuell mit dieser Situation?
00:13Die ist sehr stabil und die ist sehr gut.
00:16Wie geht es Ihnen persönlich?
00:18Also mir geht es auch sehr gut damit. Das ist okay.
00:22Was, wenn Sie das beschreiben im Alltag, was geht bei Ihrer Mutter noch und was nicht,
00:28wenn Sie sagen, es ist stabil, aber wie würden Sie das differenzieren?
00:31Ich würde sagen, es geht sehr, sehr viel, aber es ist halt eben immer mit Anleitung.
00:36Müssen Sachen gemacht werden, die sonst einfach vergessen werden, aber wenn die Anleitung da ist,
00:42deshalb, also ich bin keine pflegende Angehörige, sondern eine Betreuende.
00:48Ich leite an und das geht schon auch stundenweise noch sehr gut alleine,
00:54dass wir das wirklich hinbekommen können. Das funktioniert noch alles.
00:59Was hat Ihr Mann denn gesagt, als Sie gesagt haben, ich ziehe jetzt aus?
01:03Die Situation hat sich völlig anders entwickelt.
01:07Also mein Vater ist im Juli 23 ins Krankenhaus, um eine Diagnostik zu fahren
01:14und war noch mal fünf Tage zu Hause und ist dann am 18.08.2025 verstorben mit einer ALS-
01:24und Darm-CA-Diagnose.
01:27Also Karzinom, Darmkrebs.
01:29Genau, Darmkrebs im fortgeschrittenen Stadium.
01:32Und wir haben das, mein Mann und ich, in engem Kontakt versucht noch,
01:37das zu Hause für meinen Vater irgendwie zu gestalten und das hat nicht mehr funktioniert.
01:41Das ging so rapide bergab, dann ging es über eine Palliativstation in den Hospiz
01:46und da ist er dann letztendlich verstorben.
01:49Und als mein Vater verstorben war, fragte ich meine Mama, bleibst du hier alleine?
01:55Nein. So, wusste ich schon mal Bescheid.
01:59Und mein Mann und ohne den und seine Mutter würde das Ganze nicht funktionieren.
02:05Die haben ganz klar, oder mein Mann hat ganz klar gesagt,
02:07also wir haben auch immer Oma gepflegt, du bleibst jetzt erst mal da und wir schauen erst mal.
02:12Genau, und dann haben wir uns...
02:14Und dann sind Sie dorthin.
02:15Genau, also da geblieben. Ich war sozusagen schon da.
02:18Ist es wichtig, dass Sie zunächst auch im Ehebett...
02:21Ja, korrekt.
02:23Das war einfach übergangsweise, wie das so ist, das Gästezimmer, da steht was rum, was nicht dahin gehört.
02:30Und da habe ich gesagt, ach, das muss ich nicht sauber machen oder müssen wir nicht aufräumen, brauchen wir jetzt...
02:35Wir wollten die Zeit Papa widmen und genau.
02:39Also Sie waren dann da, wo Ihr Vater...
02:41Ja, ja, ja, genau.
02:42War das auch sowas von, ich will ihr wirklich beistehen, bei ihr sein, ihr Nähe geben oder...
02:47Ja, auch, also ich glaube aber, da ist der Pragmatismus, der war der viel größere, genau.
02:52Hatte Ihre Mutter sich dann dran gewöhnt, dass da immer noch jemand liegt?
02:55Ja, ja, genau.
02:56Und hat es Ihnen denn auf Dauer gut getan?
03:00Tatsächlich habe ich irgendwann gesagt, ich brauche einfach ein Stück weit auch Raum für mich.
03:05Ja, also auch in der Trauer.
03:06Ja, also wenn man 24-7 zusammen ist, ich liebe meine Mutter, das ist alles gut, aber es ist auch
03:14ganz schön, wenn wir mal getrennte Wege gehen.
03:17Und ja, das war am Anfang schon, sage ich mal, für sie, sie hat das nicht verstanden.
03:23Was heißt das?
03:24Dass ich mich distanzieren würde, als ich dann sagte, okay, ich schlafe jetzt oben, eine Etage höher.
03:30Ja, und dann ist das so, dass Tochterherz, das werden die Töchter bestätigen können, die hier mit dabei sind, dass
03:38man denkt, oh Gott, was machst du jetzt?
03:41Und mir war klar, also ich verrate sonst mich und ich bin da, aber es muss einfach auch für mich
03:48passen, sonst werde ich das nicht durchhalten.
03:50Also Sie haben auch Ihre Grenzen?
03:52Ja, ganz klar.
03:54Wie wichtig ist das, auch bei allem Mitgefühl und bei allem Dasein wollen, für andere die eigenen Grenzen zu sehen?
04:00Das ist sehr wichtig. In der Konstellation, wie Sie es beschreiben, obwohl Sie ja sagen, Sie sind keine pflegende Angehörige,
04:05aber eben doch eine sorgende Angehörige.
04:07Und wenn wir uns mal anschauen, wer eigentlich Sorge und Pflege in dieser Republik leistet, dann sind das häufig die
04:14Töchter, die Schwiegertöchter, mittlerweile auch Männer, also Söhne, Schwiegersöhne.
04:20Und in erster Linie sind es aber die häufig noch lebenden Partner, die eben auch belastet sind und bei denen
04:28gilt es ja natürlich nochmal sehr viel mehr, weil sie gesundheitlich belastet sind.
04:31Also die müssen die eigenen Grenzen wahren. Interessanterweise können das pflegende Männer etwas besser als pflegende Frauen, diese Grenzen früh
04:41aufzuzeigen.
04:41Und ich kann nur sagen, also gut, dass Sie das machen, weil langfristig hat Ihre Mutter auch mehr davon, wenn
04:48Sie Ihre Grenzen und Ihre Ressourcen wahren.
04:50Gleichzeitig Respekt dafür, dass Sie ihr beistehen. Also das muss man auch sagen.
04:58Aber um nochmal auf das Thema Grenzen zu kommen, Sie arbeiten auch parallel, wenn auch nicht so viel wie vorher.
05:03Ist das auch schon so ein Moment, dass Sie mal raus sind?
05:08Absolut.
05:09Also auch deswegen ist es Ihnen wichtig?
05:10Ja, genau. Das ist immer, das gibt mir wieder auch eine andere Struktur und lastet meinen Kopf aus.
05:19Also völlig anders. Genau, das ist schon auch ein wichtiger Aspekt, den ich mir da geschaffen habe.
05:25Aber ja. Verstehen Sie denn auch Menschen, die sagen, also zum Mutterziehen, vom Ehemann weg, das kann ich mir überhaupt
05:34nicht vorstellen?
05:34Das ist eine völlig individuelle Entscheidung.
05:37Und die habe ich nicht zu bewerten, wie sie auch bei mir niemand zu bewerten hat.
05:43Aber ihr...
05:43Ja, sehr richtig.
05:47Und wenn Sie es nochmal beschreiben müssen, es war für Sie so eine innere Verpflichtung, so nach dem Motto, erst
05:52sind die Eltern für mich da und jetzt bin ich für die Eltern da?
05:56Also die Frage stellte sich irgendwie gar nicht. Wir haben als Backup uns auch tatsächlich Heim angeschaut, weil ich gesagt
06:03habe, oder mein Mann auch, falls das irgendwie kritisch wird,
06:07falls ich da nicht rundlaufe weiter, dann müssen wir einfach ein Backup haben und das Backup gibt es und mit
06:14einem Backup geht es schon deutlich besser.
06:18Und ja, also, aber es ist jetzt nicht, dass ich denke, das muss ich unbedingt tun. Also ich glaube, daraus
06:25gestärkt hervorzugehen und das gibt mir sehr viel.
06:29Es ist eine Zeit, die wird mir nie wieder jemand nehmen können, wie die letzten Wochen auch mit meinem Vater.
06:35Und das ist völlig okay.
06:38Wenn Sie sagen, es gibt Ihnen viel, was gibt es Ihnen? Wie würden Sie das in Worte fassen?
06:43Also man lernt sich selber nochmal völlig neu kennen. Jeden Tag werden, oder mehrfach am Tag werden immer wieder dieselben
06:53Fragen gestellt, müssen dieselben Antworten gegeben werden.
06:57Und da kann ich mir überlegen, werde ich zornig oder kann ich sagen, okay, ich kann zornig werden, aber das
07:06wird nur die Stimmung nur noch schlechter machen.
07:08Das geht mal besser und mal schlechter, aber das sind so Sachen, an denen man einfach wächst.
07:14Erkennt Ihre Mutter sie denn?
07:15Ja, ja, also genau, auch mein Mann.
07:18Das ist also, das ist...
07:20Gibt es auch im äußeren Umfeld noch alle, oder?
07:22Das kommt darauf an, wie oft sie Leute sieht.
07:25Also das ist dann halt eben, wenn wir unterwegs sind und es Leute sind, die wir länger nicht gesehen haben,
07:32dann bin ich so der Moderator.
07:33Da sage ich, ach, guck mal, da kommt der Sohn zu, dass sie das dann irgendwie weiß, dass sie, ich
07:39sage jetzt mal, nicht in eine Falle tappt.
07:42Aber, genau.
07:44Ist es denn Liebe, empfinden Sie es als liebevolles Miteinander?
07:47Absolut.
07:47Ja?
07:48Ja.
07:48Und was sind so Punkte, wenn Sie sagen, ich bin Sorgende oder, also nicht Pflegende, aber Sorgende, sich kümmernde Angehörige?
07:55Was sind die Dinge, die Sie herausfordern?
07:57Also wobei helfen Sie beim ins Bett gehen, beim Duschen und bei was auch immer?
08:02Genau, auch die Versorgung.
08:04Also wir müssen Sachen, also Frühstück passiert nicht, wenn ich das Frühstück nicht hinstelle.
08:09Ja, das muss vorbereitet sein, es muss Sachen geben, Tabletten werden nicht genommen, das alles, genau, das muss ich halt
08:19eben vorbereiten.
08:20Und ich muss das Leben organisieren, dass das irgendwie funktioniert, auch für meine Mutter.
08:24Ich meine, diese Frage, was wird aus mir, wenn ich mal Hilfe brauche und welche Verantwortung kommt auf meine Kinder
08:34zu, das ist ja etwas, was uns alle angeht.
08:37Jetzt haben Sie gesagt, Sie leben in dem Moment und den wollen wir auch auf keinen Fall kaputt machen.
08:41Aber sind das Fragen, die Sie sich auch manchmal stellen in die Zukunft betrachtet?
08:45Nein, weil ich denke mir, ich weiß eh nicht, was kommt.
08:48Ich kann mir jetzt zig Szenarien ausmalen und entweder trifft es eins davon zu oder was völlig anderes, an was
08:54ich nicht denke.
08:55Und es ist eigentlich ein unnötiges Sorgen in dem Falle.
09:00Ich meine, früher muss man ja sagen, war das ganz normal, dass die ganze Familie in Großfamilien zusammengelebt hat.
09:09Von der Enkelin bis zur Uroma oder zum Uropa. Was war der Vorteil und was waren vielleicht auch Nachteile dieses
09:18Modells?
09:19Na, der Vorteil war vielleicht so ein bisschen ansatzweise dieses ja heute selten vorkommende Modell, das Sie beschreiben, dass man
09:26auch etwas in der Sorge kommt.
09:29Ja, also es gibt auch einem etwas, das wissen wir heute schon durchaus auch, aber man hat auch zu geben.
09:35Also Balance einüben, das würde ich mal so sagen, das war sicher etwas, das hat man früher natürlicher gemacht.
09:41Aber die Ansprüche waren auch anders. An zum Beispiel gesundheitliche Versorgung.
09:46Wenn Sie krank sind im Heim, da ist sofort jemand da. Da gibt es eine gewisse Überwachung.
09:50Ja, man hat so gewisse Vorteile durchaus auch in der Situation heute und Menschen machen sich natürlich durchaus auch ein
09:58schlechtes Gewissen.
09:59Wenn Sie sagen, was mache ich mit meinem Vater, Mutter, Elternteil, wie will ich das für mich mal haben?
10:04Und wenn wir heute Menschen fragen, dann sagen die, ich möchte meinen Kindern nicht zur Last fallen.
10:10Also ich habe das erlebt bei meinen Eltern, das möchte ich für meine Kinder nicht haben.
10:16Insofern wird heute sehr viel mehr, wichtiger Punkt, gesprochen, ausgehandelt, geschaut.
10:22Wenn wir auch beim Aushandeln sind, muss man ja auch sagen, Heimplätze werden einem nicht geschenkt.
10:27Die kosten ja auch was. Welche Rolle spielen auch solche finanziellen Überlegungen bei allen?
10:33Das ist durchaus eine zentrale. Solange das so gut funktioniert, wie es jetzt funktioniert und es ist tatsächlich ein Agreement
10:42von drei Personen, also meiner Mutter, meinem Mann und mir, sind das über 3000 Euro, die man sich jeden Monat
10:51sozusagen erwirtschaftet.
10:53Und damit können wir gut leben. Aber wenn das nicht mehr ist, dann darf keiner auf der Strecke bleiben.
11:01Was ich allerdings noch sagen möchte, ist, ich finde Selbsthilfegruppen total wichtig.
11:06Das ist ein ganz wichtiges Ding, weil man da aus dieser Isolation rauskommt.
11:11Und auf einmal sitzen da Menschen, die kennen das alle.
11:15Und ich habe mich dann irgendwann, wurde ich angesprochen, in Wir pflegen Rheinland-Pfalz, das ist ein Landesverband, mit einzutreten,
11:26um da halt eben auch sichtbarer in Politik und Wirtschaft und einfach nach außen in der Gesellschaft sichtbarer zu werden.
11:34Um da auch wirklich einen Finger in die Wunde zu legen, weil Leute verschwinden mit dem Alter, weil sie halt
11:42eben häuslicher werden oder mehr ans Haus gebunden sind.
11:46Und damit fallen sie gar nicht mehr auf.
11:48Mit Ihrem Engagement sind Sie eine Stimme und es ist toll, dass Sie die auch hier erheben.
11:52Das möchte man auch mal sagen.
11:56Jetzt haben wir die Selbsthilfegruppe angesprochen.
11:58Ich denke, vielen geht es ja so, wir sind die Kinder unserer Eltern, so mit denen über Jahrzehnte.
12:04Und auf einmal dreht sich das um und Sie haben Verantwortung.
12:08Sie treffen Entscheidungen plötzlich mit Ihnen, aber manchmal auch für Sie.
12:13Was hat das in Ihnen verändert?
12:15Das ist eine ganz große Verantwortung, die ich da schon spüre.
12:21Wir haben keine Kinder, also von daher kenne ich dieses Thema, Verantwortung für jemand anderen übernehmen, ist jetzt sozusagen seit
12:31einem Jahr neu für mich.
12:32Und ich finde schon, dass man sich immer wieder klar machen muss, meine Mutter hat eine völlige Selbstbestimmung.
12:43Und wenn die irgendwas nicht möchte, dann kann ich darum bitten.
12:48Wenn sie es nicht macht, dann ist das ihre Entscheidung.
12:50Also da muss man schon sehr achtsam und sehr sorgsam mit umgehen und auch die Zwischentöne hören.
12:58Und genau.
12:59Da hören Sie genau hin.
13:01Ja.
13:01Und wenn Sie in sich reinhören, haben Sie, wenn Sie an die Zukunft denken, sich auch Gedanken gemacht über Ihren
13:06Platz im Alter?
13:07Ja, tatsächlich sage ich das immer zu meinem Mann, dass wir das ja mal machen müssten.
13:11Aber das ist ja noch so weit hin.
13:13Man weiß es ja nicht.
13:14Genau.
13:14Also von daher.
13:15Aber ich denke, diese Situation, die uns jetzt da getroffen hat, zeigt uns schon, dass man vielleicht eine grobe Richtung
13:25haben sollte oder zumindest darüber sprechen sollte, wie hätte man es gerne.
13:28Wir wünschen Ihnen auf jeden Fall in dieser herausfordernden Zeit umso mehr alles Gute und Respekt dafür, dass Sie die
13:35Herausforderung angenommen haben.
13:37Danke.
13:37Alles Gute Ihnen heute.
13:39Dankeschön.
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