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Karl Marx ist einer der meistgelesenen und umstrittensten Autoren der Weltgeschichteund nach Luther der wirkmächtigste Deutsche. Revolutionäre und Reformpolitiker,Machthaber und Gesellschaftskritiker reklamieren bis heute seine Leitsätze für sich. Seine scharfsichtigen Analysen scheinen gerade in Zeiten epidemischer Finanz- undWirtschaftskrisen aktueller denn je. Das Dokudrama begleitet Karl Marx durch sein letztes Lebensjahr, auf der Reise über Algier, Monte Carlo, Paris und London. Es porträtiert einen ebenso widerspruchsfreudigen wie widersprüchlichen Weltgeist – hin- und hergerissen zwischen prophetischer Zuversicht und der Angst vor dem Scheitern. Rückblenden lassen das Leben des politisch getriebenen Bildungsbürgers, das von persönlichen Schicksalsschlägen und fortwährender Verfolgung gezeichnet war, Revue passieren.Historiker und Finanzexperten, unter ihnen der französische PräsidentenberaterJacques Attali und der britische Marx-Kenner Gareth Stedman Jones, gehen derFrage nach, wie aussagekräftig die erst allmählich erschlossene Weltbeschreibungdes deutschen Propheten heute noch sein kann.
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DiversãoTranscrição
00:00:00Mein teures Kind, es gibt nichts zauberhafteres als Altier um diese Zeit.
00:00:17Wie in tausend und einer Nacht wäre mir zumute, hätte ich, Gesundheit vorausgesetzt,
00:00:23euch, alle meine Lieben hier um mich, nicht zu vergessen die Enkelsöhne.
00:00:28Nie würden meine kleinen Lieblinge staunen, wenn sie all das hier sehen könnten,
00:00:34die Mauren, Araber, Berber, Türken mit einem Wort dieses Babel und die bunten Kostüme.
00:00:43Gelegentlich mischen sich in diese orientalische Welt auch zivilisierte Franzosen und langweilige Briten.
00:00:58Wenn ich diese Zeilen schreibe, liebstes Kind, ist mein Herz bei euch, meine Töchtern und den Kindern.
00:01:07Nach ihnen seh ich mich besonders.
00:01:09Einen Moment, einen Moment noch. Nur noch ein Foto bitte. Nehmen Sie noch kurz Platz.
00:01:20Also gut, was tut man, ich stand es für die Familie.
00:01:27Darf ich Sie um ein kleines Lächeln bitten?
00:01:30Vielleicht, vielleicht denken Sie einfach an Ihre Kinder.
00:01:33Ich bin nach über zwei Monaten nicht geneigt, meinen Aufenthalt hier länger auszudehnen,
00:01:53als es der Doktor für absolut notwendig hält.
00:01:55Das Wetter ist jetzt teilweise heiß, aber der Orkan hat die ganze Woche fortgedauert.
00:02:03Inzwischen geht die Besserung meines Gesundheitszustands einigermaßen voran.
00:02:08Wenn auch langsam für jemanden, der begierig ist, aktiv zu sein
00:02:13und dieses stupide Dasein eines Invaliden aufzugeben.
00:02:17Das Einzige, was ich jetzt brauche, ist Ruhe.
00:02:26Hoffe, bald wieder ein besserer Mensch zu sein.
00:02:30Ich habe mich mit euch fotografieren lassen.
00:02:33Und ich habe ein Haaroffer erbracht auf dem Altar eines algerischen Barbiers.
00:02:39Auch der Bart.
00:02:41Alles weg. Alles.
00:02:43Mit seiner Prophetenmähne wirkt er jedem irgendwie vertraut.
00:02:50Als Weltgeist, Wegweiser, Schreckgespenst. Je nachdem.
00:02:57Aber kaum jemand kennt den Menschen dahinter, so wie ich ihn erlebt habe.
00:03:01Mit all seinen Widersprüchen.
00:03:03Hier ist noch Platz, Lennchen.
00:03:05Den Aufbruchsgeist und ewigen Zweifler, der selber von sich sagte, ich bin kein Marxist.
00:03:11Will Monsieur auch wirklich den Bart opfern?
00:03:14Den Bart auch. Opfern, ja. Jetzt bist du ja kein Opfer.
00:03:18Ein egomanischer Sturkopf, der doch die Menschheit liebte.
00:03:23Künder einer besseren Zukunft, der den seinen Not und Opfer abverlangte.
00:03:28Meinen Vater.
00:03:30Karl Marx.
00:03:31Alle Produktionsmittel entwürdigen den Arbeiter zum Anhängsel der Maschine.
00:03:47Geld machen ist das treibende Motiv. Produktion erscheint nur als notwendiges Übel dazu.
00:03:52Alle kapitalistischen Nationen ergreift periodisch ein Schwindel,
00:04:05den sie zur Geldmacherei frei von lästiger Produktion nutzen.
00:04:17Geld erniedrigt alle Götter der Menschen und verwandelt sie in eine Ware.
00:04:21Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.
00:04:44Nach uns die Sintflut ist der Wahlspruch jedes Kapitalisten.
00:04:48Für mich ist das so perfekt.
00:04:54Ein Mann ohne Bart ist doch kein Mann.
00:04:58Vielleicht haben Sie recht.
00:05:00Ich will ja auch niemanden hier schränken.
00:05:05Und? Bitte sehr.
00:05:06Ich warte mal.
00:05:21Ich warte mal.
00:05:27Im Frühjahr 1882 besuchte ich meine älteste Schwester Jenny.
00:05:48Sie lebte mit ihrer Familie in Argentoy, einem Vorort von Paris.
00:05:52Ich wollte, ich musste bei ihr sein, denn sie war nicht nur schwanger, sondern auch schwer krank.
00:06:02Madame, ich habe Post für Madame Marques Longuet.
00:06:10Das ist meine Schwester.
00:06:12Aus französischer Nordafrika.
00:06:15Oh, danke.
00:06:16Bitte.
00:06:16Lenchen, die ich schon seit meinen Kindertagen kannte, war aus London mitgekommen.
00:06:27Tante Eleanor!
00:06:29Johnny!
00:06:31Was bist du groß geworden?
00:06:33Kennst du Lenchen noch, unsere Haushälterin?
00:06:35Guten Tag.
00:06:39Jenny, wir sind da.
00:06:41Psst, Mama schläft und Papa ist auf Reisen.
00:06:46Ja, dann mache ich uns jetzt erst mal was zu essen.
00:06:54Johnny?
00:06:56Schau mal, Post von Opa aus Afrika.
00:06:59Wird er denn dann auch so schwarz wie ein Afrikaner?
00:07:03Wie ein Moor eben.
00:07:05Mach's auf.
00:07:05Hier steht meinem lieben Jennichen, Old Nick.
00:07:21Wer ist denn Old Nick?
00:07:23Aber weißt du doch, ein Schreckgespenst.
00:07:25Der Teufel.
00:07:28So nennt sich der Opa aus Spaß.
00:07:29Ich finde, Opa sieht eher aus wie der liebe Gott.
00:07:34Schau mal, Lenchen.
00:07:36Sagen wir, wie ein Prophet?
00:07:39Was ist ein Prophet?
00:07:42Propheten sind kluge Männer, die vorhersagen können, was sie Zukunft bringt.
00:07:46Hm.
00:07:47Nicht nur wir, seine Familie, jeder hat sich sein Bild von meinem Vater gemacht.
00:07:58Für die einen ein Weltendeuter, für andere ein verbitterter Sonnengott.
00:08:04An ihm, den wir alle liebevoll Moor nannten, schieden sich eben die Geister.
00:08:09Er selbst hat ja mit sich gerungen und mit seiner Mission.
00:08:16Eleanor hatte als jüngste Tochter von Karl Marx ein besonders enges Verhältnis zu ihrem Vater.
00:08:22Sie fühlte sich in der Hauptsache und in ihrer Hauptlebensaufgabe dazu berufen,
00:08:28für das Werk ihres Vaters zu streiten und zu kämpfen und es der Nachwelt bekannt zu machen.
00:08:34Das war ihr wichtiger als alle persönlichen Ziele, die sie auch gehabt haben mochte, zum Beispiel Schauspielerin zu werden.
00:08:42Es war absolut dominant, ihre Positionierung als Vater, Tochter und das Werk in der ganzen Welt,
00:08:49möglichst auch noch in Amerika bekannt zu machen.
00:08:53Nichts Geringeres hat mein Vater sich vorgenommen, als die Welt zu erklären.
00:08:58Und nichts hat er dafür so gründlich studiert wie die weltweiten Ströme von Waren und Geld.
00:09:02Er hat über 1500 Bücher gewälzt, über zehn quellerische Jahre am Schreibtisch verbracht.
00:09:11Für ihn war Kapital der Treibstoff des globalen Räderwerks.
00:09:16Das Futter für unersättliche Goldesel, die immer mehr Reichtum anhäufen.
00:09:22Den ersten Band seines Werkes nannte er deshalb das Kapital.
00:09:26Und ihm sollten weitere folgen.
00:09:29Doch die ließen nach 15 Jahren immer noch auf sich warten.
00:09:32Moor, der in Algier seine Atemnot kurieren musste, lief die Zeit davon, seine Lebensaufgabe zu vollenden.
00:09:47Einatmen bitte und ausatmen.
00:09:52Einmal husten, bitte.
00:09:56Danke.
00:09:58Sie können sich wieder anziehen.
00:10:03Davon bitte einen kleinen Löffel voll.
00:10:06Und diese Koreintabletten für die Hustenanfälle nachts.
00:10:09Ich nehme jedes Gift, weil es endlich Wirkungszeichen ist.
00:10:13Das wird schon.
00:10:17Meine Frau ist vor kurzem...
00:10:20Ein aufrichtiges Beileid, Monsieur Marx.
00:10:23Danke, sehr aufmerksam.
00:10:26Sehen Sie, da flieht man in den entferntesten Finkel.
00:10:30Aber sich selbst hin kommt man nirgendwo.
00:10:31Die trüben Gedanken, die reißen immer mit.
00:10:35Das ist hier der richtige Ort für Sie, zur Ruhe zu kommen.
00:10:39Drum keine Aufregung, keine Anstrengung.
00:10:41Auch nicht gedanklich.
00:10:44Dann sterbe ich ja den geistigen Hungertod.
00:10:47Meine Zeit ist endlich.
00:10:50Ich habe noch sehr viel vor.
00:10:53Ach, ein neues Werk?
00:10:55Ach, das Kapital war ja nur der erste Band.
00:10:58Wie soll ich denn den Zweiten schreiben, wenn Sie mich nicht lassen?
00:11:02Apropos, hier in unserem Blättchen,
00:11:06da geht es um Bauarbeiter, die jetzt für unsere neue Eisenbahn schuften.
00:11:10Und da heißt es,
00:11:12wacht auf, verdammte, diese Erde.
00:11:15Das könnte doch von Ihnen sein.
00:11:17Ja, spotten Sie ruhig, Doktor.
00:11:19Aber die Arbeiter werden noch hier geknächtet.
00:11:21Das sieht man doch überall.
00:11:22Und die Geknächteten haben nur ihre Hände auf, um nichts zu verlieren.
00:11:26Und Sie werden sich von Ihren Fessen und befreien.
00:11:29Ich befreie Sie jedenfalls erst mal von jeglicher Arbeit.
00:11:33Ruhe!
00:11:33Ist die erste Bürgerpflicht, ich weiß.
00:11:36Aber das Briefe schreiben wird mir Ihre Medizin auch noch erlauben.
00:11:39Aber nicht rauchen.
00:11:42Vielen Dank für Ihre Mühe, Doktor.
00:11:44Gern geschehen.
00:11:45Ach ja, Monsieur le Revolutionaire,
00:11:47die Rechnung wie immer an Friedrich Engels in London.
00:11:50Natürlich.
00:11:51Natürlich.
00:11:56Du bekommst Post aus Alsje?
00:12:03Aus Alsje, ja.
00:12:06Gute Neuigkeiten?
00:12:08Magst du es doch zur Kur?
00:12:11Hört ihr davon?
00:12:14Offenbar geht es ihm endlich besser.
00:12:16Zumindest sollte es das.
00:12:18Friedrich Engels war ein Fabrikantensohn,
00:12:30der auch lange Jahre selber als Fabrikant tätig war.
00:12:34Und über seine eigentliche berufliche Aufgabe hinaus,
00:12:38aber war er mit Karl Marx und dessen Familie
00:12:42und vor allen Dingen mit dem Werk von Karl Marx
00:12:44aus aller Ängste verwoben.
00:12:47Und von daher war ihm der Gedanke unerträglich,
00:12:51dass Karl Marx seiner Bronchialerkrankung erliegen würde,
00:12:56bevor er nicht noch große Teile seines Werkes vollendet hätte.
00:13:00Nicht schlecht, ein Gespenst geht um in Europa.
00:13:04Das Gespenst des Kommunismus?
00:13:05Ja.
00:13:06Seit frühen Jahren glaubte Friedrich Engels an meinen Vater.
00:13:10Als Vordenker der entstehenden Arbeiterbewegung,
00:13:13als wissenschaftlichen Deuter der Geschichte, wie er sie sah.
00:13:16Eine Geschichte der Klassenkämpfe.
00:13:20Und diesen Kampf prophezeiten die beiden nun auch den Herrschern
00:13:23über Fabriken und Kapital.
00:13:24Darüber streiten wir schon seit Taten.
00:13:29Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten.
00:13:33Sie haben eine Welt zu gewinnen.
00:13:39Vater, ich...
00:13:41Ja, was denn?
00:13:44Ich glaube, Mama...
00:13:46Also, Lenchen ist wieder knapp bei Kasse
00:13:49und wirst überall anschreiben.
00:13:51Schau mal.
00:13:53Der alte Moor hat sich da unten fotografieren lassen.
00:13:56Ja.
00:13:57Ja.
00:13:57Entschuldige, Friedrich.
00:14:18Ja.
00:14:19Entschuldige, Friedrich.
00:14:22Hier you are.
00:14:31Thank you very much, Sir.
00:14:34Ich bitte ja nicht für mich.
00:14:35Ich gebe ihn ihr.
00:14:37Ich weiß.
00:14:39Bist ein guter Junge.
00:14:41Und Lenchen, die...
00:14:43führt ja jetzt allein das Kommando im Haus Marx.
00:14:47Ja, ich weiß.
00:14:51Sie ist sogar mit nach Frankreich und wartet dort auf ihn.
00:14:58Jenny, du solltest die Beine hochlegen.
00:15:01Und außerdem musst du mehr trinken.
00:15:02Ich habe dir deinen Tee gemacht.
00:15:04Laura, hilf ihr mal.
00:15:06Danke, Lenchen.
00:15:07Inzwischen war auch meine Schwester Laura in Paris eingetroffen
00:15:10und wir alle halfen unserer armen Jenny, so gut es ging.
00:15:13Dass sie ihre Krankheit tapfer überspielte
00:15:16und nicht verriet, woran sie wirklich litt.
00:15:18In der Familie Marx nichts Ungewöhnliches.
00:15:21Das Schiff fährt bis nach Afrika.
00:15:23Zu Mooren.
00:15:25Jawohl, Kapitän.
00:15:27Aber jetzt geht es erst mal ab in die Koje, ihr zwei.
00:15:30Vieles blieb unausgesprochen.
00:15:33Auch was den Tod unserer Mutter betraf.
00:15:35Jetzt, wo ich euch bald alle um mich habe, wird es schon wieder.
00:15:47Hätte ich fast vergessen.
00:15:50Post von Papa.
00:15:53Er hat das Bild ausdrücklich dir gewidmet.
00:15:56Meinem lieben Jenny.
00:15:58Ist da vielleicht jemand eifersüchtig?
00:15:59Immerhin er lächelt wieder.
00:16:09Zeig.
00:16:12Wie auch immer man das nennen mag.
00:16:15Lies doch mal vor, Tuschelchen.
00:16:16Es wäre eine Lüge, wollte ich nicht gestehen,
00:16:23dass mein Denken zum größten Teil beherrscht wird
00:16:26von Erinnerungen an diese Frau.
00:16:28Diesen Teil der besten Jahre meines Lebens.
00:16:33Ich werde nie vergessen, wie er sich wieder stark genug gefühlt hat,
00:16:36an Mütterchens Sterbebett zu gehen.
00:16:39Zusammen waren sie wieder jung.
00:16:40Aber sie so dahinsiechen zu sehen, das hat er, glaube ich, nicht verkraftet.
00:16:48Ich muss jetzt schlafen.
00:16:49Ich hatte gehofft, wir Schwestern würden hier nun enger zusammenrücken.
00:16:53Um unserem Vater nach seiner Rückkehr eine Stütze sein zu können.
00:16:57Gemeinsam.
00:16:59Nicht nur ich allein.
00:17:04War das jetzt nötig?
00:17:05Elinor.
00:17:11Das ist aber auch nicht für eine Unzefeingefühl.
00:17:15Todkrankheit, so was ist ja jetzt
00:17:16genau die richtige Medizin für unsere Jenny.
00:17:19Natürlich.
00:17:19In dieser Familie herrscht ja nur eitel Sonnenschein.
00:17:21Wo es wehtut, da schaut man lieber drüber hinweg.
00:17:33Elinor, das Musterkind.
00:17:35Papas treueste Seele.
00:17:39Immer noch.
00:17:44Pass noch auf, dass du vor lauter Selbstaufgabe
00:17:46nicht noch als alter Jung veränderst.
00:17:54Wann kommt denn der Opa?
00:17:57Bald, Johnnylein.
00:17:59Bald.
00:18:00Welch ein Irrtum.
00:18:01Denn auf seiner Rückreise von Algier nach Paris
00:18:05konnte mein Vater sich einen Abstecher dann doch nicht verkneifen.
00:18:15Welche Kinderei, schrieb mein Vater mir aus Monte Carlo,
00:18:19ist eine solche Spielbank doch verglichen mit der Börse?
00:18:22Hier und da gewinnt zum Beispiel eine russische junge Dame 100 Fr.
00:18:28Und verliert da hingegen 6.000 Fr.
00:18:31Andere verspielen ganze Familienvermögen.
00:18:35Von Verstand, Berechnung etc. kann hier gar nicht die Rede sein.
00:18:40Man wähnt sich in einem nahen Haus.
00:18:41Niemand zuvor hat, wie er in seinem Werk die Reichen beschrieben.
00:18:56Die Besitzer der Produktionsmittel, die Spekulanten,
00:19:00ernannte sie Kapitalisten.
00:19:02Wie sie ihr Geld vermehren,
00:19:04indem sie diejenigen zu Lohnsklaven herabwürdigen,
00:19:06die abhängig von ihnen sind.
00:19:07Weil die nichts besitzen, außer ihre Arbeitskraft.
00:19:13Und jene Ausbeuter, die Kapitalisten,
00:19:17beschreibt mein Vater wie süchtige Spieler,
00:19:19die immer weitermachen müssen, um im Spiel zu bleiben.
00:19:27Er beschreibt es immer nüchtern, wissenschaftlich, analytisch.
00:19:32Denn persönlich hatte er nichts gegen Kapitalisten.
00:19:37Das ist ja die Kraft des Geldes,
00:19:43die uns oder die Menschen auch antreibt,
00:19:45unter dem Stichwort Gier.
00:19:47Die Gier hat einen Lohn.
00:19:49Wenn man gierig ist, kann man sein Geld vermehren.
00:19:52Und Marx sagt, durch das Geld wird der Hässliche schön.
00:19:55Jedes Versagen wird plötzlich in Erfolg ummünzbar.
00:19:59Wir erleben das in unserer heutigen Welt
00:20:00noch viel mehr als Karl Marx in der seinigen Welt.
00:20:03Man kann sich Wahlen kaufen,
00:20:05man kann sich freikaufen von Umweltverschmutzung.
00:20:08Mit Geld, also dem eingesetzten Haufen Geld, der da ist,
00:20:12kann man ziemlich viel erreichen.
00:20:13Mein Vater war ein Getriebener und Vertriebene.
00:20:35Ein politischer Vagabund.
00:20:37Stets auf der Flucht vor Bespitzelung und Verfolgung.
00:20:39Heimat für ihn, das waren wir.
00:20:42Seine Familie.
00:20:48Polizei!
00:20:49Öffnen Sie in die Tür!
00:20:51Seit Lebens blieb er Flüchtling.
00:20:53Ein Exil folgte dem anderen.
00:20:55Wo immer er auch Zuflucht fand,
00:20:57musste er stets damit rechnen,
00:20:59verhaftet und verhört zu werden.
00:21:00Was ist hier los?
00:21:13Monsieur Marx, darf ich bitten,
00:21:15zwei Mann in jedes Zimmer,
00:21:16wir nehmen alles mit.
00:21:18Meine Papiere...
00:21:19Bitte leisten Sie keinen Widerstand.
00:21:21Meine Papiere sind vollkommen in Ordnung,
00:21:22das wissen Sie genau.
00:21:23Das wird sich herausstellen.
00:21:24Darf ich Sie jetzt bitten,
00:21:25mich auf die Präfektur zu begleiten?
00:21:27Bitte machen Sie keine Schwierigkeiten.
00:21:28Sie wollen ihn mitnehmen?
00:21:29Die Preußen haben Sie wohl geschickt.
00:21:32Wir haben eine Aufenthaltsgenehmigung
00:21:33und wir haben Kinder.
00:21:40Macht doch keine Sorgen.
00:21:42Der Papa ist bald wieder da.
00:21:43Ihr müsst jetzt ganz nah auf sein.
00:21:44Ganz nah auf sein.
00:21:45Ich liebe dich.
00:21:46Ich bin kein Butschist.
00:21:56Ich bin Philosoph.
00:22:01Was soll das heißen?
00:22:05Die Revolution kommt auch ohne mein Zutun.
00:22:09Das ist wie ein Naturgesetz.
00:22:11Mit diesen Ideen machen Sie sich in Ihrer Heimat keine Freunde.
00:22:19Marx hatte, was Deutschland anbetrifft,
00:22:21sozusagen immer das große nationale Layout im Auge.
00:22:26Also eine Revolution,
00:22:27die einen deutschen Vereinigungsprozess einleitet,
00:22:30die gleichzeitig demokratische Verhältnisse herstellt
00:22:34und die dynamische Aussicht auf eine sozialistische Revolution beinhaltet.
00:22:43Als Mohr endlich ankam,
00:22:45hoffte ich so sehr,
00:22:46dass die Kur ihm seine alte Tatkraft zurückgegeben hätte.
00:22:49Mein Johnnyschen.
00:22:58Dich habe ich ja ganz besonders vermisst.
00:23:02Haben Sie dir etwa deinen Bart gestutzt?
00:23:05Manche Opfer müssen sein.
00:23:09Mein Kakadu.
00:23:11Gut siehst du aus.
00:23:13Laura hat recht.
00:23:15Warte.
00:23:16Dann hast du es doch.
00:23:17Okay.
00:23:19Ich hatte gehofft, es ginge besser.
00:23:30Nein.
00:23:49Opa, spielst du mit mir?
00:24:00Gleich.
00:24:01Wer hat dich vermisst, Mohr?
00:24:04Ich ihn auch.
00:24:06Weiter geht's.
00:24:07Immer weiter.
00:24:09Weiter.
00:24:09Noch eine Runde.
00:24:11Schneller, Opa.
00:24:11Los.
00:24:14An Kindern, seinen wie anderen,
00:24:17hatte mein Vater einen Narren gefressen.
00:24:19Als Lasten-Esel bist du immer noch unübertroffen.
00:24:22Nein.
00:24:22Opa ist doch viel zu schlau für einen Esel.
00:24:25Schneller.
00:24:27Weiter so.
00:24:28Opa ist mein Kamel.
00:24:30Aha.
00:24:31Ein Kamel also.
00:24:33Wir können dem Christentum viel verzeihen,
00:24:35pflegte er zu sagen.
00:24:36Denn immerhin lehrt es sie, klein zu lieben.
00:24:42Wirklich ein Prachtjunge.
00:24:46Aufgeprägt und schon so gescheit.
00:24:49Er erinnert dich an den kleinen Musch, nicht wahr?
00:25:07Glaub mir, es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke.
00:25:14Mein Bruder Musch war acht, als ich auf die Welt kam.
00:25:18Der Stammhalter.
00:25:19Den mein Vater sich sehnischst gewünscht hatte.
00:25:22Hell am Ton.
00:25:27Musch.
00:25:30Die neue Rebellion.
00:25:34Die ganze Rebellion.
00:25:39Marsch, marsch.
00:25:41Marsch, marsch.
00:25:43Für meine Eltern war es eine zeitbitterer Not,
00:25:46seit sie 1849 in London Zuflucht gefunden hatten.
00:25:49Doch selbst bis hierher reichte der lange Arm der preußischen Obrigkeit.
00:25:53Wo kann ich mich finden, Mr. Marks?
00:25:58Nein, Englisch, sorry.
00:26:03Wo wohnt Herr Marks?
00:26:05Nö.
00:26:11Noch nie hier gesehen.
00:26:13Bestimmt schon wieder so ein Schniffler.
00:26:14Hier wohnt doch der Herr Marks.
00:26:22Nein.
00:26:30Miss Jenny Marks?
00:26:32Ja?
00:26:32Ich soll das hier Ihrem Mann ausbringen.
00:26:35Er ist gerade sehr beschäftigt.
00:26:39Ich gebe Sie, Mr.
00:26:41Bonjamain.
00:26:43Marks lebt in einem der schlechtesten Quartiere von London.
00:26:47In der ganzen Wohnung ist nicht ein reines und gutes Stück Möbel zu finden.
00:26:51Alles ist zerbrochen, zerfetzt, zerlumpt.
00:26:55Überall die größte Unordnung.
00:26:57Manuskripte, Bücher, Zeitungen, daneben einige Teetassen mit abgebrochenen Rändern,
00:27:02schmutziges Besteck, Leuchter, Tintenfass, Trinkgläser und so weiter.
00:27:08Das handelt sich hier um den Bericht eines preußischen Spitzels,
00:27:11der offensichtlich Zugang zu der Wohnung von Marx hatte,
00:27:15die sich damals in Soho in der Dean Street befand.
00:27:18Soho war eines der schlechtesten Elendsquartiere von London.
00:27:23Marx lebte dort mit seiner Familie und seiner Haushälterin,
00:27:27Lenchen Demut, in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in sehr beengten Verhältnissen
00:27:32mit natürlich problematischen sanitären Voraussetzungen,
00:27:38ständigem Smog in London und permanenten finanziellen Sorgen.
00:27:42Für meine Mutter, immerhin aristokratischer Herkunft,
00:27:51war diese Not besonders bitter.
00:27:54Sie können nicht immer nur anschreien lassen.
00:27:58Wahrlich, Karl, hat Mutter in einem Brief meinem Vater geklagt.
00:28:03Ich weiß keinen Rat mehr.
00:28:04Sie wollen nicht länger warten, Bäcker, Gouverness, Teeverkäufer, Händler.
00:28:09Da schreckens man von einem Metzger.
00:28:10Bei all den Leuten stehe ich rein als Lügnerin da.
00:28:14Karl, ich kann mich nicht mehr hier halten.
00:28:27Die Schuldeneintreiber saßen jetzt da und im Nacken.
00:28:31Aber da hättest du den kleinen Musch mal sehen sollen,
00:28:34mit seinen sechs Jahren.
00:28:35Mein Vater ist nicht zu Hause.
00:28:39Was ist das denn jetzt?
00:28:41Gehen Sie weg!
00:28:42Wer ist denn da drin?
00:28:44Gehen Sie weg!
00:28:45Jetzt schicken Sie schon die Kinder vor.
00:28:46Gehen Sie weg!
00:28:49Sie sollten sich schämen!
00:28:51Gehen Sie endlich weg!
00:28:52Die Cholera ging dort von Haus zu Haus wie ein Meuschelmörder.
00:29:02Wäre dieses Elend nicht gewesen, vielleicht wäre er gesund geblieben.
00:29:06Na gut, wir haben uns doch diesen kleinen bürgerlichen Dreck nicht ausgesucht im schäbigsten Lok von Soho.
00:29:12Wir waren verbannt, wir waren Flüchtlinge!
00:29:13Und am Ende büßen wieder die Schwächsten für alles.
00:29:21Na ja.
00:29:23Was können Kinder eigentlich dafür?
00:29:31Lenchen, hol schnell den Arzt!
00:29:32Und am Ende büßen.
00:30:02Ich habe schon allerlei Pech durchgemacht, schrieb er damals an Engels.
00:30:27Erst jetzt weiß ich, was ein wirkliches Unglück ist.
00:30:30Ich glaube, diesen Schicksalsschlag hat mein Vater als persönliche Niederlage empfunden,
00:30:37für die es sich selbst die Schuld gab und nach der er sich nie mehr erholt hat.
00:30:43Er, der nach den Sternen griff, fand sich wieder auf dem harten Boden der Realität.
00:30:48Ich werde das nie mehr aus meinem verdammten Schädel kriegen.
00:30:55Und du hast alles deinem Kampf geopfert.
00:31:07Deine Zeit, deine Kraft.
00:31:10Alles, um die Menschheit von ihrem Elend zu befreien.
00:31:12Weiß nicht, ob die Menschen das verdienen.
00:31:22Und doch bereue ich das nicht.
00:31:27Nein, sich zu fügen, das war meines Vaters Sache sicher nicht.
00:31:39Nie.
00:31:41Er pflegte alles bis zum Ende auszutragen.
00:31:44Schon als junger Student soll er sich duelliert haben, wenn es ihm um die Ehre ging.
00:31:47Wer siegen will, sollte seine Waffe nicht verlieren.
00:31:50Meine Herren, Achtung auf mein Kommando.
00:31:54Kreuz die Klingen.
00:31:56Wie ein Mitsudent ihm nachgedichtet hat.
00:31:58Er geht nicht, er springet auf den Hacken.
00:32:01Er raset voller Wut, als wollte er packen das weite Himmelszelt und zu der Erde ziehen.
00:32:08Halt!
00:32:09Als Student stand meinem Vater der Sinn vornehmlich nach Romantik, Lyrik und Lebensfreude
00:32:22im Kreise seiner demokratisch gesinnten Verbindungsbrüder.
00:32:29Wie glücklich ist für wahr der Staat, der solche Bürger hat.
00:32:33Der solche Bürger hat.
00:32:36Lambert.
00:32:37Ausgerechnet du und Bürger, du bewegst dich doch jetzt auf Adelsschwingen.
00:32:43Behalts für dich.
00:32:45Aber sei unbesorgt.
00:32:46Das Einzige, was uns wirklich adelt, ist doch die Bildung.
00:32:54Oder die Einbildung, mein Freund.
00:32:58Die Liebschaft meiner Eltern sorgt in ihrer katholischen Heimatstadt Trier durchaus für Aufsehen.
00:33:04Vater konnte als Student noch keine Familie ernähren,
00:33:07war vier Jahre jünger als seine Braut.
00:33:10Und sie war adeliger Herkunft.
00:33:13Jenny von Westfalen.
00:33:16Karl Marx stammte aus einem ursprünglich jüdischen Elternhaus.
00:33:19Außerdem gab es den Altersunterschied.
00:33:21Die Umwelt hätte es sicher passender gefunden, wenn Jenny von Westfalen,
00:33:25was sie auch ursprünglich mal vorhatte, einen preußischen protestantischen Offizier geheiratet hätte.
00:33:30Sie war eine außerordentlich gut aussehende Frau, eine beeindruckende, kultivierte Frau, die mehrere Sprachen sprach.
00:33:39Und Karl Marx war auch ein sehr gut aussehender, fauliger Jüngling.
00:33:45Neben aller geistigen Symbiose war da einfach eine große erotische Anziehungskraft.
00:33:49Und sie liebten sich halt gegen jede Hindernisse.
00:33:52Statt wie von seinem Vater bestimmt die Juristenlaufbahn einzuschlagen,
00:33:57hat Mohr sich in Berlin lieber mit Philosophie beschäftigt.
00:34:00Nicht um die Welt zu interpretieren, das war sein Leitspruch, sondern um sie zu verändern.
00:34:06Allerdings war mit so einer kritischen Welt sich damals in Preußen kein Staat zu machen.
00:34:10Die 40er Jahre waren eine sehr problematische Zeit.
00:34:19Sie sind bekannt geworden als die sogenannten Hungry Forties.
00:34:23Also es gab große Hungerkatastrophen, es gab großes Elend.
00:34:27Es war aber auch die Zeit der einsetzenden industriellen Revolution.
00:34:30Die ersten Eisenbahnen wurden gebaut, also es war ein Umbruch mit großen Widersprüchen.
00:34:36Viel Elend, aber auch viel Hoffnung in eine bessere Zukunft.
00:34:40Es gab Debatten zum Beispiel über die Pressefreiheit, getragen in erster Linie von süddeutschen und rheinischen bürgerlichen Kreisen.
00:34:48Und in diesem Zusammenhang ist auch die erste Einstellung von Karl Marx zu sehen,
00:34:54als er 1843 Redakteur der Rheinischen Zeitung geworden ist,
00:34:59die ein Unternehmen war, was vom rheinischen Bürgertum finanziert worden ist.
00:35:03Als Chefredakteur in Köln musste er sich tagtäglich herumschlagen mit Adel und Obrigkeit und deren strenger Zensur.
00:35:14Rein optisch ein Blutbad. Ist tut mir leid.
00:35:17Pö, also da hätte ja auch mal einen Satz so bleiben können, wie er gesetzt ist.
00:35:21Den wahren Zündstoff hat der brave Herr Geheimrat in seinem Diensteifer völlig übersehen.
00:35:32Ein Hoch, auf das preußische Zensurbeamten tut.
00:35:36Prost!
00:35:36Was mischst du dich auch in die Politik ein, Katjen? Das ist doch halsbrecherisch. Das geht nicht gut.
00:35:45Ich bin's doch auch leid. Das ewige Schmiegen und Biegen, die Wortglauberei. Der Fortschritt ist nun mal ein störrischer Esel.
00:35:52Du aber auch.
00:35:56Nach nicht einmal einem Jahr wurde das Blatt verboten.
00:36:00Mein Vater war arbeitslos und ging mit seiner jungen Frau ins Exil. Nach Paris.
00:36:06Für Marx war Paris ein Ort der Geistesfreiheit, wo er frei schreiben, französisch sprechen
00:36:35und ungehindert arbeiten konnte, ohne Zensur, wie in Deutschland.
00:36:42So gewann er den Eindruck, dass hier in Paris die Welthauptstadt des Sozialismus im Entstehen begriffen war.
00:36:48Das Wort Sozialismus kam hier in den Salons und Cafés erstmals auf.
00:36:59Als Idee einer utopischen Gesellschaft, in der die Produktionsmittel denen gehören, die sie benutzen.
00:37:07Paris war in dieser Hinsicht damals die wichtigste Stadt der Welt.
00:37:10Viele Denker entwickelten Ideen über den Sozialismus oder andere Utopien.
00:37:27Paris war für meinen Vater das Zentrum der neuen Welt.
00:37:30Hier an der Seine hat er sich mit meiner Mutter frei gefühlt wie nirgends sonst.
00:37:38Hier hat er die ersten Kommunisten kennengelernt. Damals eine von vielen radikalen Sekten.
00:37:43Und hier begann auch diese ungewöhnliche Freundschaft zweier ungleicher Gefährten.
00:37:56Kann ich Ihnen helfen?
00:37:57Ich suche Monsieur Marx.
00:37:58Folgen Sie mir bitte.
00:37:59Gerne.
00:38:02Der Herr am Bildgertisch mit dem Freund.
00:38:04Dr. Marx?
00:38:10Herr Engels?
00:38:11Genau, guten Tag.
00:38:13Wir kennen uns doch, zumindest flüchtig.
00:38:16Ja, von der Rheinischen Zeitung. Für die habe ich auch geschrieben.
00:38:19Mit Friedrich Engels, den wir später nur General nannten, begegnete mein Vater von Beginn an, wie er sagte, einem vollkommen Gleichgesinnten.
00:38:30Garçon, du konjaks, s'il vous plaît.
00:38:34Es war im August 1844.
00:38:40Engels ist auf der Durchreise in Paris.
00:38:43Er ist Erbe einer industriellen Familie in Wuppertal.
00:38:46Sie treffen sich und auf Anhieb gibt es eine Art Seelenverwandtschaft zwischen den beiden.
00:38:52Sie verbringen viel Zeit miteinander, um zu reden, sie trinken viel und tauschen Ideen aus.
00:38:57Es ist wirklich das Zusammentreffen eines reinen Intellektuellen mit jemandem, der die Realität der Arbeiter kennt.
00:39:06Als Fabrikantensohn hatte Engels eine Werksale auch schon mal von innen gesehen.
00:39:11Marx dagegen kannte die industrielle Realität nur aus den Büchern, nicht aus eigener Anschauung.
00:39:15Den Einblick in diese Welt liefert der Engels ihnen.
00:39:18Wenn die Gesellschaft hunderte Proletarier vorzeitig ins Grab bringt, wissentlich.
00:39:27Wenn sie Tausende die nötigen Lebensbedingungen entzieht, so ist das Mord.
00:39:31Und nichts anderes.
00:39:33Sozialer Mord.
00:39:35Gegen den man sich nicht wehren kann, weil man den Mörder nicht sieht.
00:39:37Sogar die Kinder geraten schon in diese Maschinerie.
00:39:40Wer sich von klein auf jeden Tag zwölf Stunden in der Fabrik abplagt, kaum mal in der Schulbank statt an der Werkbank sitzt,
00:39:46wie viele menschliche Gefühle und Fähigkeiten soll der noch in sein dreißigstes Jahr hinüber retten?
00:39:52Sieht das denn keiner?
00:39:53Ein Kind mehr oder weniger verkommen zu lassen, bringt doch eine Pietistenseele nicht in die Hölle.
00:39:58Wie meinen alten Herrn, obwohl der alle Tage zweimal in die Kirche rennt.
00:40:01Genau.
00:40:02Und die Arbeiter, indem sie seinen Reichtum vermehren, schmieden durch ihre Arbeit auch noch ihre eigenen Ketten.
00:40:07Und zahlen für ihre eigene Ausbeutung die Rechnung.
00:40:09So ist es.
00:40:10Das System ist nur als Ganzes zu erfassen.
00:40:12Das sehe ich ganz genauso.
00:40:14Die berühmte Freundschaft zwischen Marx und Engels ist ja in meinen Augen eine Symbiose, wo sich zwei Teile ergänzen.
00:40:21Engels, der Flotschreibende, der der Wirtschaftler, der Kapitalist, wenn man so will,
00:40:25der das von der Pike auf gelernt hat, der hat gesehen, wie das abläuft.
00:40:29Marx dagegen, der bedächtige Theoretiker.
00:40:33Die haben sich aber prima ergänzt.
00:40:35Der Engels hatte die philosophische Tiefe, nicht die Marx besaß.
00:40:39Es ist ganz klar.
00:40:39Die Aufgabenteilung zwischen den beiden ist, du machst hier das Jahrhundertwerk und ich unterstütze dich dabei.
00:40:45Schreibst du an den General?
00:40:51Ja.
00:40:54Worum geht's?
00:40:56Um Geld.
00:40:57Sein Geld.
00:41:01Also das schon.
00:41:02Aber sieh mal, der Engels und ich, wir haben so eine Art Pakt.
00:41:07Ich liefere das wissenschaftliche Fundament und er stiftet dafür seine Ausbeuteldukaten.
00:41:13Ein echter Mäzen.
00:41:14Was glaubst du denn, wir deine Schauspielerei finanzieren?
00:41:19Diese Schauspielerei, das ist mein Leben.
00:41:22Oh, du kannst doch schreiben.
00:41:25Wäre Shakespeare der kleine, nicht überaus begabte Schauspieler geblieben, der er war.
00:41:31Man hätte ihn doch längst vergessen.
00:41:32Das Schreiben erst hat ihn zum größten Dramatiker der Neuzeit gemacht.
00:41:37Aber du schreibst und schreibst und schreibst. Bist du Shakespeare?
00:41:40Nein.
00:41:48Die Bühne ist der einzige Ort, an dem ich wirklich ganz ich selbst sein kann.
00:41:54Nicht nur Reisebegleiterin, Privatsekretärin, Empfangsdame.
00:42:01Versteh mich nicht falsch.
00:42:04Ich mach das alles gerne, weil ich richtig finde, was du tust.
00:42:07Ich weiß nur nicht genau, ob du überhaupt bemerkst, was ich da alles tue.
00:42:13Aber tu sie schön.
00:42:15Du bist doch das Wertvollste, was mir noch bleibt im Leben.
00:42:18Was ist mit meinem Leben?
00:42:20Ich darf ja noch nicht mal frei wählen, mit wem ich es teilen will.
00:42:25Wir wollten dich doch nur vor einer Enttäuschung bewahren.
00:42:27Ich habe ihn geliebt.
00:42:34Du bist doch so zauberhaft und noch so jung.
00:42:37Da finden sich genügend Kavaliere, die nicht so viel älter sind wie du.
00:42:45Und wohlhabend, wolltest du sagen, damit ich nicht anderen auf der Tasche liegen muss.
00:42:50Also so stimmt das nicht.
00:42:52Außerdem hat sich der General noch nie darüber beklagt.
00:42:55Ich glaube, du siehst auch immer nur das, was du sehen willst.
00:43:05Es gab ein schweres Zerwürfnis zwischen Marx und Engels, und zwar im Jahr 1863,
00:43:12als die Lebensgefährtin von Friedrich Engels, Mary Burns, ganz plötzlich mit erst Anfang 40 starb.
00:43:18Und auf ihren Tod reagierte Marx für heutige Begriffe ganz entsetzlich, unemotional und unbetroffen.
00:43:29Er schrieb, sie war sehr gutmütig, sie war sehr witzig und hing fest an dir.
00:43:35Das könnte man eigentlich auch über den Tod einer Katze oder eines Wellensittichs schreiben.
00:43:41Hinzu kam, dass Marx in dem Brief, als er Mary Burns als witzig und gutmütig bezeichnet,
00:43:48sofort im nächsten Satz wieder auf seine eigenen katastrophalen Finanznöte zu sprechen kommt,
00:43:54dass er hier Geld braucht, da Geld braucht, Jenny ihm mit ihrer Aufregung das Leben zur Hölle macht.
00:44:00Und dann kam es tatsächlich dazu, dass Engels mal seine Geldzahlungen für eine ganze Weile eingestellt hat.
00:44:07Damals in London durchlebten meine Eltern die Erfahrungen mittelloser Einwanderer.
00:44:14Das liberale Königreich nahm zwar jeden Schutzsuchenden auf,
00:44:17aber für ihr Überleben mussten die Emigranten selbst sorgen.
00:44:21Nach und nach wanderte unser Hab und Gut ins Pfandhaus.
00:44:28Das müsste 200 Pfund bringen.
00:44:30Und sag dem Pfandler ja bitte noch, dass wir alles wieder auslösen werden, sobald wir wieder flüssig sind.
00:44:37Aber, aber, ah nein, nicht meinen Degen, nicht den.
00:44:56Das ist eine Reliquie.
00:44:59Lieber verzichte ich die nächsten Wochen auf...
00:45:01Tattoo, du, du hast leicht reden.
00:45:05Die Mädchen trauen sich nicht mehr aus dem Haus, weil sie keine richtigen Schuhe haben.
00:45:09Lenchen kann zusehen, was ihr auf den Tisch bringt.
00:45:12Überall lassen wir anschreiben und ich muss mich tagtäglich verstellen und den Vermieter belügen,
00:45:17damit er uns nicht hinauswirft.
00:45:21Mach doch ein einziges Mal die Augen auf.
00:45:23Sie wünsche, klagte sie damals meinem Vater, mit den Kindern im Grab zu liegen.
00:45:42Und er meinte nur, ich kann es ihr wahrlich nicht verdenken.
00:45:45Er hat zwar für die größte Tageszeitung der Welt damals, die New York Tribune, als Europakorrespondent gearbeitet,
00:45:54aber es hat nie gereicht.
00:45:55Also diese Tragik, dass er seine Familie eigentlich niemals alleine ernähren konnte,
00:46:00sondern immer am Tropf seines Mäzens, Friedrich Engelsing, ist für ihn natürlich auch drückend gewesen.
00:46:06Immer wieder zum Pfandleiher gehen zu müssen und am Ende sogar seinen eigenen Mantel versetzen zu müssen für ein bisschen Geld für Brot.
00:46:14Und ohne den Mantel konnte er aber gar nicht mehr aus dem Haus.
00:46:17Dann schreibt er, ich habe kein Schreibpapier mehr. Also so weit unten war es dann schon.
00:46:21Andererseits, es gibt es immer das Andererseits, hat er keinen Tag seines Lebens ohne Bedienstete,
00:46:27also seines Erwachsenenlebens gelebt.
00:46:29Nur in Paris ist es meinen Eltern als Flüchtlingen einst gut ergangen.
00:46:33Ist das nicht Marx?
00:46:35In der Tat.
00:46:36Und noch immer war Moors altes Stammcafé, jenes Café, in dem er einst Engels begegnet war,
00:46:42Anlaufstelle für deutsche Emigranten.
00:46:44Im neu vereinten Deutschen Kaiserreich regierte jetzt Kanzler Bismarck.
00:46:48Mit Zucker, Brot und Peitschen.
00:46:51Seine Sozialgesetze linderten zwar die Not der Arbeiter,
00:46:55ihre sozialdemokratische Partei aber ließ er drangsalieren und verfolgen.
00:47:01Kognak, Gülian, Musik, so lässt sich leidlich aushalten in der Verbannung.
00:47:05Sie müssten es eigentlich besser wissen, Genosse Marx.
00:47:10Ja, das stimmt.
00:47:13Vor fast schon 40 Jahren stand ich auch hier.
00:47:17Wie ihr.
00:47:18Genau hier.
00:47:19Mit leeren Händen, mit einem Haufen radikaler Vorstellungen im Kopf.
00:47:24Ja.
00:47:25Und ohne diese Vorstellung stünden wir Sozialdemokraten heute auch nicht hier.
00:47:28Ich bin nämlich schuldig im Sinne der Anklage und zur Wiedergutmachung spendiere ich eine Runde, Jacques.
00:47:39Eine Partie? Spielen Sie?
00:47:41Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein.
00:47:43Im Ernst, Herr Marx, der Manifest hat uns die Augen geöffnet.
00:47:54Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für Ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel.
00:48:02Schön, dass ihr mein Werk so gut kennt.
00:48:04Wenn ihr es auch notorisch links liegen lasst.
00:48:07Marx und Engels haben ein gespaltenes Verhältnis zur Sozialdemokratie zuerst einmal, weil sie in England gelebt haben und in Deutschland ging der Zug ab.
00:48:23In Deutschland bildete sich die Partei, die sie eigentlich mal glaubten zu sein.
00:48:27In Deutschland haben die Arbeiter sich zusammengetan, haben eine Bewegung geschaffen.
00:48:33Die beiden Alten, so wurden sie genannt, in London haben von Ferne zugeguckt und ziemlich garstig dann auch darüber geschrieben,
00:48:39weil eben nicht ihre reine Lehre umgesetzt wurde in einem Parteiprogramm, sondern es wurde dann heute, würde man sagen, realpolitisch hervorgegangen.
00:48:48Das hat natürlich der bismarckischen Regierung nicht gereicht als mäßigend.
00:48:54SPD wurde verboten und so weiter.
00:48:56Aber Marx hat dann noch viel mehr die reine Lehre vertreten.
00:49:00Es ist ja gut und lobenswert, dass er für ein allgemeines Wahlrecht streitet.
00:49:07Aber ihr vergesst dabei eines.
00:49:09Eine demokratische Republik gibt es nicht im Bittgang zum Hof des Kaisers.
00:49:15Und auch keine Umwälzung der Eigentumsverhältnisse und der Produktionsverhältnisse.
00:49:20Die Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen.
00:49:22Ich weiß.
00:49:23Und unsere Geschichte ist, seit diesem Jahr haben wir zwölf Genossen im Reichstag, ein Drittel mehr als zuvor und das Trotzverbot.
00:49:33Ohne unsere Bittgänge, wie Sie es nennen, hätte Bismarck niemals die Sozialversicherung erlassen.
00:49:38Und seine Sozialistengesetze wohl auch nicht?
00:49:41Der eiserne Kanzler, ihr kugelt mit eurem Feind und er jagt euch das dem Land.
00:49:46Zum Dank.
00:49:49Die Bourgeoisie hat nichts gegen eure Reformen.
00:49:53Die stoppt sich nur weiter die Taschen voll.
00:49:54Eine Gesellschaft, gerade die kapitalistische, ist kein Räderwerk.
00:50:00Sie reagiert und ändert sich.
00:50:05Und das auch durch uns.
00:50:06Die Welt dreht sich nun mal nicht, wie es im Buche steht.
00:50:10Nicht mal im Kapital.
00:50:11Mit Verlaub.
00:50:14Leute, zähle ich mich noch lange nicht fertig.
00:50:19Wirklich ein Goldkind.
00:50:21Jenny die Dritte, wie schön.
00:50:24Wenn nur Mutter sie noch gesehen hätte.
00:50:27Wir kommen wieder, sobald es geht.
00:50:29Ich verspreche es.
00:50:30Die Geburt der kleinen Jenny hatte meine Schwester arg geschwächt.
00:50:34Noah aber trieb es zurück an seinen Schreibtisch.
00:50:36Sie ist sehr tapfer.
00:50:38Aber ich sage dir, das ist mehr als nur eine Blasenexion.
00:50:43Es tut mir wirklich in der Seele, wie sie jetzt sagen zu lassen.
00:50:45Ich möchte am liebsten Tag und Nachbar hier bleiben.
00:50:47Aber ich muss endlich wieder zurück an die Arbeit.
00:50:50Selbst der General wird langsam ungeduldig.
00:50:53Macht euch um mich keine Sorgen.
00:50:55Es geht schon besser.
00:50:56Ganz bestimmt, mein tapferes Mädchen.
00:50:59Wir kommen wieder ein guter Besserung.
00:51:01Das ist doch ganz formidabel.
00:51:14Du darfst mit Opa und Tante Ellen nur nach London.
00:51:16Und ich kann auch sagen, das ist nicht klar.
00:51:17Ich bin einiger Song.
00:51:18Ich bin einiger Song.
00:51:19Ich bin einiger Song.
00:51:19Ich bin einiger Song.
00:51:20Ich bin einiger Song.
00:51:21Wieder machten wir uns auf die Reise, diesmal in unser Heim nach London, die Hauptstadt der Welt.
00:51:51London war in der Zeit sowohl wirtschaftlich als auch politisch ein innovativer Ort.
00:52:15Die Bevölkerung war riesig und die technische Entwicklung beachtlich.
00:52:18Moderne Züge, die Anbindung der Vororte, der anwachsende Pendelverkehr, all das war ziemlich neu.
00:52:28Politisch war das Klima sehr liberal. Flüchtlinge konnten hierher kommen und sich ohne Furcht vor der Polizei treffen.
00:52:34Es war eine Metropole, die auch kulturell sehr attraktiv war. Das Theater war sehr beliebt, die Oper, die Bühne überhaupt, auf hohem Niveau.
00:52:45Die Stadt zog Menschen an, nicht nur aus ganz Großbritannien, sondern aus der ganzen Welt.
00:52:49Daher war London vermutlich die wichtigste Stadt seit der Mitte des 19. Jahrhunderts.
00:52:54Ich liebte Shakespeare und seinen rauen Scherz. Sein Werk war bei uns daheim die Hausbibel.
00:53:10Das war großartig.
00:53:11Schon als Kind hatte ich mit meinen Schwestern und unserem Vater die Dramen gelesen.
00:53:16Er konnte ganze Absätze auswendig und wir haben sie auf langen Spaziergängen mit verteilten Rollen rezitiert.
00:53:21In Cordelia, die jüngste Tochter von Shakespeare's König Lear, konnte ich mich gut hineinversetzen.
00:53:35Vielleicht, weil sie ebenfalls um Gunst und Verständnis ihres Vaters werben musste.
00:53:43Auch wenn er oft genug störrisch war und sehr dominant, ich hing an meinem Vater.
00:53:48Und ich fühlte seinen Zwiespalt mit, zwischen seiner Vision und der Wirklichkeit.
00:54:10Du opferst also meinen Bauern für den König.
00:54:14Das ist aber nicht in unserem Sinne.
00:54:20Schau.
00:54:25Rémi.
00:54:27Rémi, mein Lieber.
00:54:29Dem Himmel sei Dank.
00:54:30Wenn du verlierst, wird's für gewöhnlich ungemütlich.
00:54:33Wenn du mich so drängst.
00:54:34Inwiefern.
00:54:36Das weißt du genau.
00:54:37Ich erinnere dich lediglich daran, was du selbst versprochen hast.
00:54:41Der zweite Band sollte längst fertig sein.
00:54:42Du bist ja strenger wie die Ingenie mit der Haushaltskasse.
00:54:50Das braucht Zeit, Fritz.
00:54:52Die Welt ist nochmal so furchtbar viel verzweigt und ändert sich rasend.
00:54:55Eben.
00:54:56Und sie wartet nicht.
00:54:58Ja, ich weiß.
00:54:58Jetzt dreht sich immer schneller.
00:55:01Manchmal weiß ich nicht, ob ich noch Schrott halten kann.
00:55:03Das ist ein Bier.
00:55:14Gucken gleich wieder.
00:55:18Guten Abend, Sir.
00:55:20Mr. Marx?
00:55:22Freundschaft.
00:55:25Genosse.
00:55:30Vater, ich...
00:55:31Nicht jetzt, Frederik.
00:55:33Die Herren.
00:55:43Weißt du, ich hätte mir auch einen lauen Lebensraum machen können mit dem Kopf auf dem Geldsack.
00:55:46Und die Aktien arbeiten für mich.
00:55:48Aber ich habe mir geschworen, niemals so zu werden wie mein alter Herr.
00:55:53Gott hab ihn selig.
00:55:54Aber Fritz, der will auch nichts weiter wie eine Schachfigur in dem großen Spiel.
00:55:59In dem sich alle gegenseitig verdrängen, bis am Ende nur noch wenige am Zuge sind.
00:56:03Irgendwann.
00:56:04Irgendwann.
00:56:05Am Ende.
00:56:07Schau mal.
00:56:08Und zwar verhersehbar.
00:56:11Niemand hat das so genial analysiert wie du.
00:56:15Wir.
00:56:16Ja, schön.
00:56:17Wie wir.
00:56:17Aber Menschen.
00:56:18Moa.
00:56:20Schreib endlich diesen verdammten Band fertig.
00:56:22Nach all dem, was du da schon reingesteckt hast.
00:56:33Proletarier aller Länder, vereinigt euch.
00:56:36Ja, das ist sehr gut.
00:56:37Das setzen wir ins Ende.
00:56:38Und jetzt noch eine zukräftige...
00:56:40Schon lange vor dem Kapital hat mein Vater, inspiriert von Engels, ihr gemeinsames Bekenntnis in eine Streitschrift gefasst.
00:56:47Erzeugt ihre eigenen Totengräder.
00:56:49Das ist gut.
00:56:50Unterdrücker und Unterdrückte, heißt es in ihrem kommunistischen Manifest, führten stets einen Kampf gegeneinander, der jedes Mal in einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endet.
00:57:02Wenn man zuspitzt, kann man sagen, im kommunistischen Manifest steht schon der ganze Marx.
00:57:08Der Marx, der den Kapitalismus beschreibt wie ein mächtiges Wesen, was sich verselbstständigt hat.
00:57:15Ein Wesen, was die Menschen geschaffen haben.
00:57:17Er spricht ja auch vom Hexenmeister.
00:57:20Er feiert die Bourgeoisie.
00:57:21Er sagt, dieser Kapitalismus, so würden wir das heute übersetzen, der Kapitalismus setzt Kräfte frei, die es vorher nie gegeben hat.
00:57:29Das ist ein sehr dialektischer Prozess, wenn er einerseits sagt, das ist das Größte, was die Menschen geschaffen haben, aber es ist ihnen aus der Hand geglitten oder es gleitet ihnen aus der Hand.
00:57:41Hier beherrscht euch etwas, das ihr eigentlich beherrschen müsstet.
00:57:46Und für mich verbindet sich damit auch schon beginnend im kommunistischen Manifest der Auftrag an die Zukunft, die bis heute reicht, versucht dieses System so gut zu verstehen, dass ihr es wieder beherrscht.
00:57:58Das steckt eigentlich da drin.
00:58:01Mein Vater war überzeugt, nur die Revolution schafft eine Welt ohne Eigentum, Ausbeutung, Entfremdung.
00:58:08Erst dort findet der Mensch zu seinem wahren Wesen.
00:58:12Er kann morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht betreiben, nach dem Essen kritisieren, wie er eben Lust hat.
00:58:20Ja, aber ohne jemals im Leben ein richtiger Jäger, Viehhirte, Fischer oder Kritiker gewesen zu sein.
00:58:32Einer wie du eben.
00:58:33Im Frühjahr 1848 schien das Tor in eine neue Zeit plötzlich weit offen zu stehen.
00:58:52In vielen Städten Europas gingen die Bürger gegen Fürsten und Könige auf die Barrikaden, forderten Freiheit und Mitsprache.
00:58:58Ihren Ursprung hatte die Welle des Umsturzes wieder einmal in Frankreich.
00:59:11Das erste Ergebnis dieser Revolution in Paris und der Ausrufung der Republik waren Revolutionen in Wien, in Dien und in den deutschen Kleinstaaten.
00:59:21Es gab überall liberale Regierungen in ganz Deutschland im März 1848.
00:59:27Also eine Bewegung, die dann zu der Konstituierung des Frankfurter Nationalparlaments, des ersten gesamte deutschen Parlaments, in der Paulskirche geführt hat.
00:59:39Zur Verabschiedung der Grundrechte und zur Formulierung einer ersten deutschen demokratischen Verfassung.
00:59:45Also in dieser Welt kam Marx zurück, als er dann im Frühjahr 1848 wieder nach Köln kam und dort eine Neuauflage der Rheinischen Zeitung unter dem Titel Neue Rheinische Zeitung ins Auge fasste.
01:00:05Für seine proletarische Revolution allerdings sah mein Vater die Zeit noch nicht reif.
01:00:11So stand es auch in seiner Zeitung zu lesen.
01:00:13Sieht doch ganz manierlich aus.
01:00:23Hier, was sagt unser Zensor?
01:00:28Brillantester Antikommunismus, würde ich sagen.
01:00:31Das muss die Bourgeoisie in große Freude versetzen.
01:00:34Man kann sich seine Bundesgenossen nicht aussuchen, Engels.
01:00:38Kommunismus.
01:00:39Das ist doch noch das Schreckwort für die Bürger.
01:00:43Würde einer offen als Kommunist auftreten.
01:00:46Ich glaube, der würde gesteinigt werden.
01:00:48Es ist noch nicht die Zeit.
01:00:56Mein Vater war überzeugt, erst muss das Bürgertum die Monarchie stürzen, um dann seinerseits dem Proletariat zu weichen.
01:01:03Wenn die Zeit reif dafür ist.
01:01:07Und daher stellte er sich jenen entgegen, die jetzt schon eine proletarische Revolution verlangten.
01:01:12Bitte jetzt, nehmt doch endlich Vernunft an.
01:01:15Genossen!
01:01:17Man muss das doch bitte mal dialektisch sehen.
01:01:19Wenn ihr jetzt einen Aufstand anzettelt, dann erreicht ihr nicht die Emanzipation der Arbeiterklasse, sondern allenfalls ihren Niedergang.
01:01:26Was soll das, die Schwafel?
01:01:31Jetzt ist aber Schluss mit dem Dialektkorn und diesem Theoriegelaber.
01:01:35Jetzt ist die Chance.
01:01:36Jetzt, jetzt, jetzt!
01:01:37Bürger, Bürger, jetzt, hör doch mal zu!
01:01:45Bürger!
01:01:46Wenn nicht das gesamte Volk durch große Fragen in den Kampf gedrängt wird, dann ist dein Aufstand sinnlos.
01:01:56Komm, Jenny, wir gehen.
01:01:58Es ist alles gesagt.
01:02:03So ein Unsinn!
01:02:04Wenn die Revolution vorbei ist, brauchen wir nicht mehr auf die Marikade.
01:02:07Auf die Marikade!
01:02:09Auf die Marikade!
01:02:12Selbst in rebellischen Zeiten blieb mein Vater ein Mann des Wortes.
01:02:16Als die Revolution 1849 um ihr Überleben rang, prangerte er die Unfähigkeit des Bürgertums an, die alten Mächte zu bezwingen.
01:02:28Sein Gefährte Engels wollte sich keineswegs kampflos mit dem Scheitern abwinden.
01:02:33Nicht umsonst nannten wir ihn General.
01:02:35Er hat sich aktiv am Überlebenskampf für die Freiheit beteiligt.
01:02:44Ebenso tapfer wie vergeblich.
01:02:46Es hat doch kein Ziel mehr, Affe nach vorne!
01:02:48Auch mein Vater hat trotz aller Rückschläge nie den Glauben an die Revolution verloren, die er als Lokomotive der Geschichte ansah.
01:02:56Nach der Niederlage floh unser General über die Schweiz nach England, wo später auch mein Vater Zuflucht fand.
01:03:15Die siegreichen Preußen ließen 27 gefangene Freiheitskämpfer hinrichten.
01:03:23Engels hat ihre Haltung gerühmt.
01:03:25Kein einziger hat gebettelt, schrieb er später.
01:03:29Kein einziger hat gezittert.
01:03:31Das deutsche Volk wird die Füsilierten nicht vergessen.
01:03:35Ebenso gewaltsam wie die erste deutsche Demokratie wurde auch das Sprachrohr meines Vaters niedergezwungen.
01:03:53Mit der ihm verbliebenen Barschaft zahlte er seine Leute aus.
01:03:57Die letzte Ausgabe ließ er ungebeugt in roter Farbe drucken.
01:04:02Und so liege ich nun da in meiner Kraft, eine stolze Rebellenleiche.
01:04:07Auf der Lippe den Trotz und den zuckenden Hohn, in der Hand den blitzenden Degen.
01:04:15Noch im Sterben rufend, da hörst du's Karl.
01:04:18Noch im Sterben rufend die Rebellion.
01:04:21So bin ich mit Ehren erlegen.
01:04:26Liebe Genossen, wem ist das schon vergönnt, sein eigenes Begräbnis feiern zu können?
01:04:47Und der Zensu hat auch nichts mehr zu tun. So viel ist sicher.
01:04:51Darauf erst mal Prost. Prost.
01:05:15Matt, das tut mir aber aufrichtig leid.
01:05:21Die darf man einfach nicht übersehen.
01:05:25Lass uns aufhören.
01:05:36Wer wird denn das Früchte tragen, was wir tun, Fritz?
01:05:40Das Suppe finden, aber lass mal lieber der Geschichte im Ohr.
01:05:43Und wenn die Geschichte sich in Scheißdreck um uns kümmert,
01:05:46und einfach weiter rauscht an uns den Säulenheiligen der Bewegung vorbei.
01:05:50Jetzt hör aber auf, wir haben den Arbeitern das wissenschaftliche Rüstzeug mitgegeben.
01:05:54Dass kaum jemand zur Kenntnis nimmt.
01:05:56Das schon überall Wirkung zeigt.
01:05:59Du hast die Bewegung über Grenzen hinweg international verknüpft.
01:06:02Mit großen Löchern.
01:06:04Was ein Netzwerk so an sich hat.
01:06:06Das wird sich enger und enger zusammenfügen, sogar ohne uns.
01:06:08Ohne uns? Und was bleibt von uns?
01:06:11Eine Fußnote der Geschichte.
01:06:13Unsinn.
01:06:15Wir sind erst am Anfang.
01:06:17Frisch auf ans Werk.
01:06:19Prophet.
01:06:21Ach Moach, weißt du, ohne uns würden die Arbeiter noch irgendwelchen schwärmerischen Wanderpredigern nachlaufen.
01:06:27Wie damals diesem Taponschneiderlein, der, wie hast du immer gesagt?
01:06:35Ein Rezept zur Verwirklichung des Himmels auf Erden fertig in der Tasche trägt.
01:06:39Genau. Wilhelm Weidling.
01:06:43Wir werden nicht umhinkommen, eine eigene Armee aufzustellen.
01:06:46Wer von seinen Kampfgenossen nicht bereit war, den genialen Ideen meines Vaters bedingungslos zu folgen,
01:06:52das muss man sagen, der hatte einen schweren Stand.
01:06:55Seine eigene Weltsicht war für Karl Marx Gesetz.
01:06:59Alle Menschen werden Brüder Weidling.
01:07:01Es gibt viele Menschen, deren Bruder ich niemals sein will.
01:07:03Wir müssen den Arbeitern doch nur die Augen öffnen, dann werden sie sich schon selbst befreien.
01:07:08Mit ihren fantastischen Hoffnungen führen sie die Menschen in den Untergang Weidling.
01:07:11Das Volk Aufwiegel, ohne wissenschaftlich fundierte Erkenntnis, das ist einfach Betrug.
01:07:16Ich habe im Kerker gesessen und habe mehr Brüder um unsere Fahne gescharrt,
01:07:20als mancher der hier am Tisch versammelten Stuben gelehrten.
01:07:23Weidling!
01:07:24Mit Wissenschaft erreichte die Herzen der Arbeiter nicht.
01:07:26Niemals! Niemals!
01:07:29Hat Unwissenheit irgendjemandem genutzt!
01:07:34Allzu viel Zeit seines Lebens hat mein Vater damit verbracht,
01:07:38abweichende Meinungen, bevorzugt von Seiten politischer Gefährten, zu bekämpfen.
01:07:43Mit geradezu inbrünstiger Streitsucht.
01:07:47Der mit Marx befreundete Russe Pavolonenko, der bei dieser Auseinandersetzung der Beiwahl schrieb dann anschließend,
01:07:55er war fest überzeugt von seiner Mission, die Geister zu beherrschen,
01:08:00ihnen seinen Willen aufzuzwingen und sie mitzureißen.
01:08:03Vor mir stand die Verkörperung des demokratischen Diktators.
01:08:09Tatsächlich hat Marx nichts neben sich gelten lassen, sozusagen, an Meinungen,
01:08:15der war fest davon überzeugt.
01:08:17Er ist derjenige, der den Schlüssel zum Rätsel der Geschichte tatsächlich gefunden hat.
01:08:23Davon war er schon sehr früh überzeugt.
01:08:26Er hat das auch immer in einer sehr unnachgiebigen, teilweise sehr harschen Art und Weise
01:08:32anderen gegenüber zum Ausdruck gebracht.
01:08:40Mein Vater konnte despotisch sein.
01:08:42So sah er es gar nicht gerne, dass ich Theater spielte.
01:08:46Vielleicht, weil ihn mehr mit dem geschriebenen als mit dem gesprochenen Wort verbannt.
01:08:51Vielleicht aber auch, weil er auf dieser Bühne nicht mehr über mich verfügen konnte.
01:08:55Ich hasste ihn manchmal dafür, denn eigentlich waren wir doch Seelenverwandte.
01:09:03Ich selbst rang damals um jede Anerkennung.
01:09:06Und auch bei meinem Vater spürte ich die Angst, dass ohne Bedeutung bleiben könnte,
01:09:10was er sich unter Opfern abgerungen hatte.
01:09:12Ich spiel schon mal da.
01:09:28Ist das noch niemand?
01:09:30Oh, ich hab noch gar nicht mit dir gerechnet.
01:09:33Warum machst du denn kein Licht an, Lehnchen?
01:09:35Wir haben schon die zweite Mahnung fürs Gas.
01:09:37Die Schatulle ist leer. Ich lass wieder überall anschreiten.
01:09:40Ich hab einen Mauer zu.
01:09:42Mauer, warte ich.
01:09:43Ach so, wir haben Besuch.
01:09:46Wir hatten doch vereinbart dich.
01:09:48Ich weiß, ich dachte, ich meine...
01:09:51Ich hab ihn jetzt schon so lange nicht gesehen.
01:09:53Er hat mir auch ein bisschen Geld mitgebracht, der gute Junge.
01:09:56Ist schon klar.
01:09:59Ich bin hier unerwünscht.
01:10:05Schönen Abend allerseits.
01:10:10Tut mir leid.
01:10:21Guten Abend.
01:10:32Moa?
01:10:33Moa?
01:10:34Moa?
01:10:35Moa?
01:10:36Moa?
01:10:37Die Aufführung war wundervoll.
01:10:38Das Publikum hat stehend applaudiert.
01:10:39Wie schön für dich, meine Cordelia.
01:10:41Wer war das gerade?
01:10:42Besuch für Lenchen.
01:10:43Und was ist mit dir?
01:10:44Warum stehst du hier im Dunkeln?
01:10:45Tut manchmal ganz gut.
01:10:46Lenchen gehörte zur Familie, soweit ich zurückdenken konnte.
01:10:47Was ist aber mit ihrem Unbekanntes?
01:10:48Und was ist mit dir?
01:10:49Warum stehst du hier im Dunkeln?
01:10:51Was ist mit ihrem Unbekannten Besucher auf sich hatte, blieb mir lange Zeit ein Rätsel.
01:10:54Wer war das gerade?
01:10:57Besuch für Lenchen.
01:10:58Und was ist mit dir?
01:10:59Warum stehst du hier im Dunkeln?
01:11:00Tut manchmal ganz gut.
01:11:02Lenchen gehörte zur Familie, soweit ich zurückdenken konnte.
01:11:05Was es aber mit ihrem unbekannten Besucher auf sich hatte, blieb mir lange Zeit ein Rätsel.
01:11:25Auch wenn mein Vater mit Geld nicht gut umgehen konnte, mit der undurchsichtigen Macht des Kapitals kannte er sich aus wie kaum jemand sonst.
01:11:32Und mit dem Unwesen, das es in einer rasant sich verändernden Welt anrichtete.
01:11:46Guten Tag.
01:11:47Schönen guten Tag.
01:11:49Könnten Sie mir einen Kredit über, sagen wir, 15 Pfund gewähren?
01:11:56Ich warte jederzeit eine Zahlung, die schon längst aussteht.
01:12:00Ah, Mr. Marx, nicht wahr?
01:12:04Sie habe ich ja lange nicht mehr gesehen.
01:12:07Keine Aktiengeschäfte mehr?
01:12:11Na ja, das war damals ja kein großer Erfolg.
01:12:14Außerdem bedarf es für dieses Spiel eines gewissen Eintrittsgeldes.
01:12:19Nun ja, warten Sie einen kleinen Augenblick bitte. Ich kümmere mich.
01:12:25Danke, ich warte.
01:12:29Was ist?
01:12:30Ich glaube es ja nicht. Du hast mit Aktien spekuliert?
01:12:34Gerade ich. Man muss schon was riskieren, um seinen Feind das Geld abzunehmen.
01:12:38Mit Aktien? Wie denn das? Du gerätst doch jedes Mal in Hochstimmung, wenn die Kurse fallen.
01:12:44Ich kann den Widerspruch nicht sehen.
01:12:45So, schon organisiert. Bitte.
01:12:53Sie müssen nur noch hier unterschreiben, bitte.
01:13:04Danke.
01:13:05Auf Wiedersehen.
01:13:12Du Geißes, das ungerechte System ziehst aber selbst Gewinn daraus.
01:13:16So viel Gewinn war das damals nicht.
01:13:18Es ist Blutgeld, Papa.
01:13:20Aber mein Pusselchen, Geld ist niemals gut oder böse.
01:13:25Es ist nur völlig ungleich verteilt.
01:13:28Und dieses Missverhältnis wird immer noch größer.
01:13:32Irgendwann wird dann der Gegensatz zwischen Arm und Reich,
01:13:35zwischen den Lohnsklaven, den Arbeitern und ihren Ausbeutern so unerträglich,
01:13:40dass das ganze System zusammenbricht.
01:13:43Der Kapitalismus wird seinen eigenen Widersprüchen zugrunde gehen.
01:13:49Typisch Mohr.
01:13:51Die Widersprüche des Kapitalismus konnte er erklären.
01:13:54Seine eigenen aber konnte oder wollte er nicht sehen.
01:13:58Also Karl Marx hat ja angenommen, dass irgendwann das Wirtschaftssystem zusammenbrechen wird
01:14:04und dass dann die Revolution des Proletariats zwangsläufig und unausweichlich ist.
01:14:09Das ist natürlich totaler Quatsch.
01:14:11Also zu sagen, dass Geschichte ein Ziel hat oder überhaupt nur anzunehmen,
01:14:14dass Geschichte ein Ziel hat und dass es irgendwie festgefügte Verhältnisse gibt,
01:14:19die nur dann irgendwie weggesprengt werden können.
01:14:22Das hat man im 19. Jahrhundert gerne so angenommen.
01:14:26Aber da muss man einfach sagen, da waren auch andere im 19. Jahrhundert schon ein bisschen weiter,
01:14:31eben zu sagen, dass Systeme eben weich sind, dass sie veränderlich sind,
01:14:37dass sie dynamisch sind, dass sie anpassungsfähig sind.
01:14:39Das hat Karl Marx total unterschätzt.
01:14:42Natürlich haben wir Krisen.
01:14:44Aber Krisen sind eben notwendiger Teil des Kapitalismus und nicht das Ende des Kapitalismus.
01:14:51Ich habe mal irgendwo ein Zitat gelesen, ich weiß nicht mehr wo,
01:14:53wo das Problem mit der Marxischen Lehre sei, dass jeder Proletarier eigentlich gerne ein Bourgeois wäre.
01:15:00Und vielleicht ist es diese, sagen wir mal, psychologische Bipolarität, in der wir da leben,
01:15:05die Schizophrenie, die dazu führt, dass diese Aufstände,
01:15:10die sich ja eigentlich mechanisch zwingend aus dem, was Marx sagt, ergeben müssten,
01:15:14nicht passiert sind.
01:15:17In seinem Werk hat mein Vater beschrieben, wie Geld die Menschen erniedrigt,
01:15:22weil Geld alles in eine Ware verwandelt.
01:15:25Das Geld ist der neue Gott und der Kapitalismus die neue Religion.
01:15:29Das Kapital sucht und findet ständig neue Märkte bis in die hinterste Ecke der Erde.
01:15:34Es wird investiert, um Neues, immer mehr Kapital zu ernten.
01:15:38Eine alles verschlingende Verwertungsmaschine, die keine Grenzen kennt, ungebremst weltweit.
01:15:42Die Wissenschaft meines Vaters war es, diese Entwicklung umfassend zu beschreiben und vorherzusehen.
01:15:50Der Markt, schreibt er, muss beständig ausgedehnt werden,
01:15:55sodass seine Zusammenhänge und Bedingungen immer unkontrollierbarer werden.
01:15:59Bis das System am Ende zusammenbricht. So steht es im Kapital. Band 1.
01:16:05Max sagt schon sehr früh, und das führt er dann sehr genauer aus, dass ein Markt, ein Nationaler nie ausreichen kann.
01:16:18Also es muss sich internationalisieren, es muss die Erde umspannen, wie er sagt, es muss überall in jeden Winkel vordringen.
01:16:25Und das bedeutet, dass alles Mögliche, alles, was wir uns vorstellen können, nicht nur Bodenschätze, sondern eben Land, Betreuung, Pflegedienste, alles wird zu einer Ware,
01:16:38zu einer Ware, die dann in einem riesigen, großen Warenkorb sich ansammelt.
01:16:43Und dieses System nimmt erstmal keine Rücksicht darauf, dass es vielleicht Umweltschäden verursacht.
01:16:50Das alles haben wir in der Geschichte erlebt, sondern es muss wachsen. Es ist wirklich wie ein Krebswachstum.
01:16:55Nur das Schlimme ist bei dem Krebs, er zerstört den Körper, in dem er lebt.
01:17:02Also der kluge Krebs würde sagen, ich stelle mal mein Wachstum ein, das kann nach Marx der Kapitalismus nicht.
01:17:08Hier, mein Kind, lebe ich als Einsiedler, gehe mit niemandem um, ausgenommen die Visiten des Dr. Williamson.
01:17:23Also Kind, sobald deine Verpflichtungen es erlauben, komm zu mir und wohn hier mit mir.
01:17:29Anfang 1883 reiste ich auf die Isle of Wight, wo mein Vater seinen anhaltenden Husten zu kurieren versuchte.
01:17:42Ich kam jedoch nicht, um ihm Gesellschaft zu leisten.
01:17:46In meinem Leben habe ich viele traurige Stunden gehabt, keine aber war so traurig wie diese.
01:17:52Ich hatte eine entsetzliche Nachricht erhalten.
01:17:54Auf dem langen Weg rang ich mit mir, wie ich sie ihm beibringen sollte.
01:18:00Doch er ahnte bereits, was ich ihm zu sagen hatte.
01:18:12Unser Djennischen ist tot.
01:18:14Du fährst jetzt sofort nach Paris zu den Kindern.
01:18:33Nein.
01:18:35Hörst du endlich mal, was ich dir sage.
01:18:37Ich komm mir schon zurecht.
01:18:50Der Tod ist kein Unglück für den, der stirbt, hat er mal gesagt, sondern für den, der überlebt.
01:18:56Schon nach dem Tod meiner Mutter hat Angeska argwöhnt. Der Moor ist mit ihr gestorben.
01:19:06Doch mein Vater war ein Kämpfer geblieben.
01:19:09Nun schien er ernsthaft gebrochen.
01:19:12Vier seiner geliebten Kinder und seine Frau fürs Leben waren ihm in den Tod vorausgegangen.
01:19:17Wie ein Sinnbild für das Scheitern nach so viel Drangsal in seinem Leben.
01:19:22Marx ist ja nie fertig geworden. Er hätte noch 200 Jahre leben können und wäre nicht fertig geworden.
01:19:41Er hat das auch erkannt, aber natürlich auch darunter gelitten.
01:19:44Man muss sich vorstellen, ein Schriftsteller, dessen Werk zum Kulturerbe der Menschheit erklärt worden ist,
01:19:50hat diesen Rom, dieses Ganze nie miterlebt.
01:19:54Er ist also eher, nicht im Verborgenen, aber nicht in dem Maße gewürdigt worden zu Lebzeiten, die er auch verdient hätte.
01:20:03Und ich glaube, das hat ihn am meisten gekränkt, dass die Fachwelt so wenig Kenntnis von seinen Schriften genommen hat.
01:20:10Daraus kann man natürlich umgekehrt schließen.
01:20:12Und ich glaube, das wusste er auch ein bisschen, dass er seiner Zeit weit voraus war.
01:20:20Bald genug wird sich die Lücke fühlbar machen, die der Tod dieses Gewaltigen gerissen hat.
01:20:43Marx war der bestgehasste und bestverleumdete Mann seiner Zeit.
01:20:50Regierungen, absolute wie republikanische, wiesen ihn aus.
01:20:55Bourgeois, konservative wie extremdemokratische, logen ihm um die Wetterverlästerungen nach.
01:21:01Er schob dies alles beiseite wie Spinnweb, achtete dessen nicht und antwortete nur, wenn äußerster Zwang da war.
01:21:11Und er ist gestorben, verehrt, geliebt, betrauert von Millionen revolutionärer Mitarbeiter,
01:21:27die von den sibirischen Bergwerken an über ganz Europa und Amerika bis Kalifornien hin wohnen.
01:21:34Und ich kann es kühn sagen, er mochte noch manchen Gegner haben, aber kaum noch einen persönlichen Feind.
01:21:43Karl Marx. Sein Name wird durch die Jahrhunderte fortleben. Und so auch sein Werk.
01:21:55Der gute, treue Engels mühte sich redlich, seinem Freund bereits am Grab das Monument eines bedeutenden Weltgeistes zu errichten.
01:22:16Doch schon die kleine Schar der Trauergäste belegte, wie wenig Notiz die Welt vom Tod des Karl Marx damals nahm.
01:22:22Sein Tod riss eine unersetzbare Lücke in mein Leben. Und er brachte mir auch eine Erkenntnis, die mir fast den Boden unter den Füßen hinweg zog.
01:22:33Denn nach und nach erfuhr ich, wer dieser Frederik wirklich war. Er war der Sohn von Lenchen.
01:22:40Und nicht Engels war sein Vater, wie sie nach außen vortäuschten, sondern Moor.
01:22:46Doch so seltsam es klingt, schon bald wurde diese Entdeckung zum Geschenk.
01:22:57Frederik zu meinem engsten Vertrauten und auch politisch zum Gleichgesinnten.
01:23:01Ganz im Sinne unseres gemeinsamen Vaters. Was sicher nicht für alle selbsternannten Erben galt.
01:23:08Es wäre die größte Dummheit anzunehmen, dass der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ohne Diktatur möglich sei.
01:23:27Alles, was nach 1917, nach der Oktoberrevolution kommt, sehe ich sehr wenig, was Marx unterschreiben könnte.
01:23:45So müssen wir es ja sehen. Er lebte ja nicht mehr. Aber im 20. Jahrhundert sind Systeme entstanden, die freiheitswidrig waren.
01:23:53Kommunismus ist nicht Liebe. Kommunismus ist der Hammer, mit dem wir den Feind zerschlagen.
01:23:58Marx war ein Philosoph der Freiheit, wenn man das mal vorne anstellt.
01:24:15Die Pressefreiheit war ihm so wichtig, dass er immer wieder ins Exil gegangen ist.
01:24:19Dass er irgendwas getragen oder befürwortet hätte, was diese Freiheiten einschränkt, gilt das sehr unwahrscheinlich.
01:24:25Alles, was ich weiß, ich bin kein Marxist.
01:24:45Man kann, man muss Marx nutzen, um zu verstehen. Mir hilft Marx zum Verständnis.
01:24:50Marx liefert kein Werkzeug, um ein politisches System zu errichten, da er nicht in den Kategorien eines Landes dachte.
01:24:57Er dachte in globalen Maßstäben. Und so weit sind wir noch nicht.
01:25:01Ich ziehe also den Analytiker Marx, den Politiker Marx vor.
01:25:05Wir hatten ja im 20. Jahrhundert doch das ein oder andere politische System, was eben das Privateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft hat, was gesagt hat, das brauchen wir nicht.
01:25:29Und wir haben gesehen, dass diese Volkswirtschaften nicht besonders effizient waren. Die haben eben einfach nicht gut funktioniert.
01:25:46Was der Kapitalismus dann hervorgebracht hat, war ja entschieden die erfolgreichere und auch die überlebende Wirtschaftsordnung.
01:25:53Wir sind nicht Eigentümer, nur Nutznießer die Erde. Und haben sie nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.
01:26:12Und ich würde mich auch zu der Überhauptung versteigern, dass wir in der Abenddämmerung des Kapitalismus leben.
01:26:20Ob das noch 20 oder 30 oder 40 Jahre gut geht, mag sein. Aber ich glaube, dass die gegenwärtige Entwicklung des Auseinanderdriftens zwischen Arm und Reich so nicht tragbar ist.
01:26:31Zu seinen Lebzeiten habe ich oft mit meinem Vater gehadert. Nach seinem Tod fand ich meinen Frieden mit ihm.
01:26:46Während sich jeder ein Bild von ihm formte, in Überlebensgröße zumeist, gewann mein Übervater für mich nun ein höchst menschliches Format.
01:26:58He was a man, wie Shakespeare's Hamlet sagt. Er war ein Mensch. Ein Mensch, der die Menschheit liebte.
01:27:05Ich habe ihn sehr lieb gehabt.
01:27:35Er war ein Mensch. Ein Mensch.
01:27:50Untertitelung des ZDF für funk, 2017
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