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  • vor 3 Tagen
Im Bosnienkrieg vor 30 Jahren nahmen Scharfschützen die Stadt Sarajevo unter Beschuss. Nach den Recherchen eines italienischen Journalisten waren daran auch ausländische Kriegstouristen beteiligt.

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Transkript
00:00In Sarajevo konnte es fast vier Jahre lang tödlich sein, eine Straße zu überqueren.
00:05Während der Belagerung der Stadt im Bosnienkrieg in den 90er Jahren wurden über 200 Zivilisten von Scharfschützen getötet.
00:11Drei Jahrzehnte später hat der italienische Publizist Ezio Gavazzini verstörende Recherchen veröffentlicht.
00:16Wohlhabende Ausländer sollen dafür bezahlt haben, auf Zivilisten in der eingeschlossenen Stadt zu schießen.
00:21Wir wissen, dass Kinder und junge Mädchen die bevorzugten Ziele waren.
00:26Wir sind nach Italien und Sarajevo gereist, um herauszufinden, ob die Familien der Opfer nun endlich auf Antworten hoffen können.
00:37Daniela Schachat geht normalerweise nicht gerne hier lang.
00:40Auf dieser Hauptstraße in Sarajevo wurde der Bruder der 43-Jährigen von Scharfschützen erschossen.
00:46Während der Belagerung war die Straße als Sniper-Ally berüchtigt.
00:53Hier wurde mein Bruder am 25. Juni 1995 von einem Scharfschützen getötet.
01:01Es war ein schöner, sonniger Tag. Wir waren draußen und haben gespielt und er nahm sein Fahrrad.
01:08Alle sagten ihm, er solle nicht gehen.
01:13Dami wurde erschossen, als er mit dem Fahrrad über die Straße fuhr.
01:16UN-Friedenstruppen, die damals in der Stadt stationiert waren, fanden ihn und brachten ihn ins Krankenhaus.
01:22Dort mussten ihn später seine Eltern identifizieren.
01:29Er war erst 17 Jahre alt.
01:32Dieser Tag war, ich weiß nicht, wie ich ihn beschreiben soll.
01:38Aber ich erinnere mich noch immer an die Schreie meiner Mutter und all der Menschen, die dort waren.
01:46Ich war 13 und verstand nicht, was passierte.
01:52Während des Bosnienkriegs von 1992 bis 1996 belagerten bosnisch-serbische Truppen Sarajevo.
01:59Von den Hügeln rund um die Stadt schossen Scharfschützen auf die Einwohner, überwiegend muslimische Bosniaken.
02:05Die Bewohner suchten hinter UN-Panzern Schutz, doch die Friedenstruppen konnten das Töten nicht stoppen.
02:11Über 10.000 Menschen starben während der Belagerung, mehr als 1.000 von ihnen waren Kinder.
02:16Viele Täter wurden bis heute nicht zur Verantwortung gezogen.
02:34Im Museum der getöteten Kinder haben Eltern wie Fikret Grabovica persönliche Gegenstände gesammelt,
02:41die an ihre verlorenen Söhne und Töchter erinnern sollen.
02:44Sein elfjähriges Kind wurde von einem Scharfschützen erschossen.
02:48Hinter dem gezielten Töten von Kindern, sagt er, habe es eine grausame Logik gegeben.
02:56Sie haben Kinder getötet, weil sie wussten, wenn du ein Kind tötest, sparst du eine Kugel,
03:02denn gleichzeitig tötest du auch die Mutter.
03:05Wenn das Kind tot ist, ist das Leben der Mutter nichts mehr wert.
03:09Sie ist damit eigentlich auch tot.
03:10Auf gewisse Weise ist die ganze Familie tot.
03:16Drei Jahrzehnte nach den mutmaßlichen Sniper-Safaris begann der italienische Publizist Ezio Cavazzini nach Schuldigen zu suchen.
03:24Er wertete zahlreiche Dokumente aus und sprach mit Zeugen.
03:28Seine Recherchen führten zu einem erschütternden Verdacht.
03:31Wohlhabende europäische Männer sollen dafür bezahlt haben, in Sarajevo auf Zivilisten zu schießen.
03:38Wir wissen, dass Kinder und junge Mädchen die bevorzugten Ziele waren.
03:43Ziele wie Kinder und junge Menschen kosteten damals rund 100 Millionen Lire, heute etwa 90.000 Euro.
03:52Frauen kosteten rund 70 Millionen Lire, Männer kosteten rund 50 Millionen.
04:00Gavazzini sagt, es mache ihm Hoffnung, dass neben Bosnien, Italien, der Schweiz und Österreich nun auch in Belgien ermittelt wird.
04:07Er glaubt, dass Belgien eine wichtige Rolle dabei spielen könnte, das mutmaßliche Netzwerk hinter den Taten aufzudecken.
04:16Es gab tatsächlich eine ganze Organisationsstruktur, die diese Dienstleistungen anbot.
04:24Sie wurde von einer Reihe von Personen geleitet, die in dem Umfeld der Agenturen tätig waren, die Auftragnehmer vermittelten.
04:32Diese Vermittlungsagenturen hatten ihren Sitz in Belgien.
04:38Gavazzini weiß, 30 Jahre nach den mutmaßlichen Verbrechen lassen sich Beweise nur schwere konstruieren.
04:44Doch er hofft, dass die Ermittlungen in mehreren europäischen Ländern nun Bewegungen in den Fall bringen
04:49und den Opfern und ihren Familien Gerechtigkeit verschaffen.
04:55Es ist klar, dass wir nicht alle 400 oder 500 Menschen ausfindig machen können, von denen wir wissen, dass sie
05:02in diesen Handel verwickelt waren.
05:05Aber wenn einige von ihnen identifiziert werden, könnte das schon reichen.
05:10Dann könnten die ersten Dominosteine fallen.
05:16Wir haben Staatsanwaltschaften in mehreren Ländern kontaktiert.
05:19Sie bestätigen laufende Ermittlungen, nennen aber keine Details.
05:24In Sarajewo sind die offenen Wunden des Krieges bis heute spürbar.
05:28Viele Menschen verfolgen deshalb die Ermittlungen aufmerksam.
05:34Wenn Unrecht geschehen ist, dann sollten die Schuldigen vor Gericht gestellt werden.
05:38Wir wollen zumindest die Wahrheit wissen.
05:42Alles sollte untersucht werden.
05:44Nur so können wir verhindern, dass so etwas wieder passiert.
05:49Probleme unter den Teppich zu kehren, ist das Gefährlichste überhaupt im Leben, in der Politik, in der Gesellschaft.
05:56Wir müssen nach vorne schauen.
05:58Wir sollten es nicht vergessen, aber es irgendwann beiseite legen und in die Zukunft blicken.
06:12Daniela Schachat besucht regelmäßig den Friedhof, auf dem ihr Bruder begraben liegt.
06:17Mehr als 1500 Kriegsopfer sind hier bestattet.
06:2130 Jahre später weiß sie immer noch nicht, wer ihren Bruder erschossen hat.
06:31Ich bin froh, dass die Ermittlungen begonnen haben.
06:34Es fällt mir jedes Mal schwer, darüber zu sprechen.
06:39Aber wenn wir nicht erzählen, was passiert ist, wird es für die Ermittler noch schwieriger,
06:44die Menschen zu finden, die dafür verantwortlich sind.
06:53Daniela wird die Erinnerungen an ihren Bruder nie loslassen.
06:58Was sie sich jetzt wünscht, dass nach 30 Jahren endlich die Verantwortlichen gefunden werden.
07:04.
07:13Untertitelung des ZDF,umpen
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