00:00Was passiert im Moment im Sudan? Es ist ein Krieg zwischen zwei militärischen Fraktionen.
00:06Die humanitäre Situation im Sudan ist desaströs und es ist wahrscheinlich nach Worten der UN
00:11die größte humanitäre Katastrophe, die sich weltweit abspielt.
00:21Ich bin Jan Post-Basil und beschäftige mich seit gut 10, 15 Jahren mit sudanesischer und
00:27sudanesischer Politik und bin so auch in die Dialog- und Mediationsprozesse involviert worden,
00:34im Speziellen in Bezug auf Sudan.
00:40Was passiert im Moment im Sudan? Es ist ein Krieg zwischen zwei militärischen Fraktionen.
00:47Auf der einen Seite die sudanesische Armee, Sudanese Armed Forces, generell mit SAF abgekürzt,
00:52die eigentlich die Geschicke des Sudans seit der Unabhängigkeit in den 50er Jahren
00:56mehr oder minder ununterbrochen im Griff gehabt haben.
01:00Auf der anderen Seite eine Miliz, die sogenannten Rapid Support Forces, RSF,
01:05die aus den darfurischen sogenannten Janjavid-Milizen hervorgegangen sind,
01:10die speziell Mitte der 2000er Jahre die Drecksarbeit eigentlich für die Armee
01:15und die damalige sudanesische Diktatur in Daffur erledigt haben,
01:19indem sie die darfurischen Widerstandsbewegungen bekämpft haben
01:22und dabei eigentlich genositale Handlungen begangen haben.
01:38Also eigentlich eine bizarre Situation, dass zwei verbündete Milizen und zwei Militärs gegeneinander kämpfen.
01:46Das hat aber vor allem Gründe, die sich aus der Revolution 2019 und dann der Neukonfiguration
01:52der sudanesischen politischen und militärischen Kräfte nach dem Zerfall der Diktatur ergeben haben,
02:00wo aus den zwei ehemals verbündeten Kräften erbittete Gegner geworden sind.
02:05Am Anfang des Krieges hat der ASF eben Khartoum, die Hauptstadt, eingenommen,
02:08was zum ersten Mal in der Geschichte des Sudan zu kämpfen direkt in Khartoum geführt hat,
02:12was zu starken Flüchtlingsbewegungen in eigentlich alle Nachbarländer geführt hat.
02:17Und mehr oder minder mit Hin und Her hat sich die Situation jetzt so verfestigt,
02:21dass eben Daffur und Teile von Kordofan im Süden vom Sudan unter ASF Kontrolle ist
02:26oder Kontrolle ihrer Verbündeten, unter Osten des Landes bis hin zur Küste unter Kontrolle der Armee.
02:34Das ist eigentlich die Tragik, dass verschiedene Regionalmächte sehr viel in diesen Krieg investieren.
02:40Die Rapid Support Forces sind massiv von den Emiraten unterstützt.
02:45Wir haben von UN-Panels und anderen Beweise über massive Waffenlieferungen, die an die ASF gehen.
02:55Die Emirate investieren auch viel Geld.
02:57Es gibt glaubwürdige Hinweise, dass auch der Geheimdienst ASF eigentlich sich in Abu Dhabi befindet
03:02und Hemeti, der Führer, viel Zeit in den Emiraten verbringt.
03:07Also die Verflechtung zwischen den Emiraten und ASF ist eng.
03:11Da gibt es wenig Zweifel daran, auch wenn offiziell die Emirate das dementieren.
03:15Auf der anderen Seite hat die SAF, also die Armee, historisch enge Verbindungen mit Ägypten.
03:21Es gibt kaum Generäle oder höhere Militärs in der SAF, die nicht in Ägypten ausgebildet worden sind,
03:27von der ägyptischen Armee.
03:28Und Ägypten liefert auch praktische Unterstützung, vor allem mit Kampfjets und Luftwaffenunterstützung.
03:35Zugleich hat Ägypten ein zunehmend engeres Verteidigungsbündnis mit der Türkei,
03:39was dazu führt, dass auch die türkischen Bayraktadronen im Sudan auf Seiten der Armee zum Einsatz kommen.
03:45Und durch jüngste Spannungen im Jemen, wo sich die Beziehungen zwischen den Emiraten und den Saudis
03:51weiter abgekühlt haben, haben sich jetzt auch politisch die Saudi-Arabien mehr und mehr
03:56der SAF angenähert, auch wenn es da noch keine konkreten Unterstützungen gibt.
04:01Aber man sieht, dass eigentlich die gesamte breitere regionale Konstellation sich in diesem Sudan-Konflikt
04:08widerspiegelt und alle regionalen Mächte in einer sehr verhärteten Situation ihre Macht
04:15im Sudan projizieren, was auch jede Art von Friedensbemühung sehr, sehr schwierig macht.
04:22Die humanitäre Situation im Sudan ist desaströs und es ist wahrscheinlich,
04:26also nach Worten der UN, die größte humanitäre Katastrophe, die sich weltweit abspielt.
04:31Und man muss dazu sagen, dass es ja tatsächlich jetzt auch, abgesehen vom Krieg, absolut menschengemacht,
04:35weil beide Seiten Hunger und humanitäre Hilfe fast schon als Tool verwenden,
04:41die andere Seite jeweils auszubluten.
05:03Da hat die SAF, also die Armee, gewissermaßen die Oberhand, weil die UNO sich auf die formale Position zurückzieht,
05:11dass alle UN-Hilfe eigentlich von der SAF bewilligt werden muss als formale Vertreterin des Landes.
05:18Und die SAF das dazu verwendet, gezielt Hilfe zurückzuhalten und über Jahre zurückgehalten hat,
05:25speziell in der Fuhr und in Gebieten, die die ASF kontrolliert, eben mit dem Argument,
05:30dass diese Hilfe von der ASF sozusagen veruntreut und ihren eigenen Kämpfern zur Verfügung gestellt werden würde.
05:36Es ist auch eine massive Unsicherheit für humanitäre Hilfe.
05:39Es kommt regelmäßig zu Angriffen auf Konvois oder Looting von Konvois.
05:43Das Problem ist oftmals über die letzten Jahre gar nicht so sehr gewesen, dass nicht genug Geld da gewesen wäre
05:49oder nicht genug Hilfe an den Grenzen, sondern es war tatsächlich eine logistische Herausforderung,
05:55Hilfsgüter in die betroffenen Regionen zu bekommen.
05:57Das hat dazu geführt, dass in allen Nachbarländern massive Fluchtbewegungen stattgefunden haben.
06:05Eine Zahl zum Beispiel ist, dass der Südsudan selbst in einer massiven humanitären Katastrophe ist
06:10und 70 Prozent der Leute im Südsudan Nahrungsmittelhilfe benötigen.
06:15Die haben zum Beispiel 500.000 Flüchtlinge aus dem Sudan zusätzlich aufnehmen müssen,
06:20was jetzt auch die entsprechenden Organisationen vor Ort vor massive Herausforderungen gestellt hat.
06:26Und was da dazu kommt als zusätzliche humanitäre Herausforderung,
06:30dass die Kampfhandlungen stark auf dem Rücken der Zivilbevölkerung ausgetragen werden.
06:46Also von Rücksichtnahme, von jeglicher Art kann man keinerweise sprechen,
06:52sondern es ist eher so, dass die jüngsten Kämpfe um Al-Fascher in der Fuhr gezeigt haben,
06:57dass beide Seiten absolut gewillt sind, Flüchtlingslager als Rückzugsgebiete zu benutzen,
07:03Menschen als menschliche Schutzschilde zu benutzen.
07:05Und das ist eigentlich ein regelmäßiges Vorkommen leider, muss man sagen, in diesem Krieg.
07:13Ich glaube, eines der Probleme, die man sehen muss in Bezug auf die Weltöffentlichkeit,
07:18dass das halt im Unterschied zu Konflikten wie Ukraine, Russland oder Gaza,
07:21es ist halt sehr schwierig, Partei zu ergreifen,
07:23weil also vermutlich ist es schwierig, Sympathie zu entwickeln mit irgendeiner der beiden Seiten,
07:28die hauptsächlich diese Kämpfe vorantreiben.
07:30Und damit der Solidarisierung mit Sudan im Allgemeinen immer ein bisschen abstrakt bleibt für viele Leute,
07:36die sich jetzt mit der Situation nicht direkt auskennen.
07:39Und das macht, glaube ich, die Situation paradoxerweise irgendwo schwieriger.
07:45Es ist natürlich ein Konflikt, der auch in Afrika stattfindet,
07:50von daher medial wenig Aufmerksamkeit erhält als ein Konflikt jetzt in Europa oder im Nahen Osten.
07:54Man muss aber dazu sagen, dass sich jetzt über die letzten Jahre,
07:58also speziell jetzt seit Alfasche über das letzte halbe Jahr,
08:02schon mehr Weltöffentlichkeit darum gebildet hat.
08:05Was auch damit zu tun hat, dass Mitte der 2000er Jahre diese Tafur-Tragödie und der Tafur-Genozid in den
08:11USA
08:13zu großer Aufmerksamkeit geführt hat und dass das jetzt da wieder hochkommt.
08:17Also man hat mehr und mehr Augenmerk im Moment auf dem Sudan,
08:21aber es ist natürlich jetzt im Vergleich zu Ukraine und Gaza nicht auf dem gleichen Level.
08:30Wie könnte ein Friedensprozess oder eine Einigung aussehen, ist eine schwierige Frage,
08:36weil ja der Konflikt an sich, also der Krieg an sich ein Produkt gescheiterter Friedensverhandlungen ist.
08:41Mehr oder minder alle Anbote, die man den beiden Parteien machen kann,
08:46sind getestet worden und sind praktisch gescheitert und waren dann eigentlich ja der Auslöser für diese Kämpfe.
08:52Und die Forderungen, die beide Parteien gegenübereinander stellen, sind unvereinbar.
08:58Und das macht es schwierig.
09:01Die internationalen Bemühungen gehen im Moment vor allem darauf,
09:05die regionale Situation, die wir vorher angesprochen haben, mehr und mehr unter Kontrolle zu bekommen.
09:09Die Amerikaner versuchen das mit einem sogenannten Quad-Format,
09:13wo neben den USA Ägypten, Saudi-Arabien und die Emirate drin sind.
09:18Also mit dem Versuch, dass man da eine regionale Einigung bekommt,
09:24die dann sich in den Kräften vor Ort widerspiegelt.
09:27Zugleich aber auch versucht mit Druck und dem sondergesamten Poulos gezielt Druck auf die beiden Hauptparteien,
09:34als F und SAF auszuüben, um einen Waffenstillstand zu unterschreiben.
09:38Aber über die letzten Jahre, das ist schon einige Male probiert worden, hat sich das als nicht erfolgreich erwiesen.
09:43Man muss auch dazu sagen, so ein Krieg ist für die Emirate absolut leistbar.
09:47Es ist nicht so, dass sich die da überdehnen.
09:49Also das können sich die finanziell absolut leisten, diesen Krieg wirklich auf längere Sicht weiterzuführen.
09:55Insofern braucht es, denke ich, ein Aufbrechen dieser Situation durch zivile, nicht-affiliierte Kräfte,
10:02die in solche Verhandlungen eingebunden werden, um eine breitere Verhandlungslösung in den Raum zu stellen
10:09und da eine Öffnung eines politischen Dialoges zu erzielen, die sich zwischen diesen beiden
10:14und mit einer Fokussierung auf einen unmittelbaren Waffenstillstand nicht erreichen lässt.
10:18Wir haben, und das muss man sagen, mit der Fokussierung auf den Waffenstillstand schon das Risiko,
10:23dass man vielleicht selbst, wenn man das für einen Monat erreicht,
10:26dass sich danach Kämpfe mit einer, sogar mit mehr Heftigkeit wieder aufflammen können.
10:32Also ich glaube nicht unbedingt an die Lösung eines schnellen Waffenstillstands.
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