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  • vor 6 Stunden
Während die Welt auf die Ukraine und die Straße von Hormus blickt, spielt sich in einem anderen Land die laut UN aktuell größte humanitäre Katastrophe unserer Zeit ab. Doch warum hört man so wenig über den Krieg im Sudan? Jan Pospisil, Forschungsleiter am Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung in Wien, erklärt die Hintergründe dieses Krieges zwischen lokalen Fraktionen und großen Regionalmächten, der dutzende Millionen Menschenleben bedroht.

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Transkript
00:00Was passiert im Moment im Sudan? Es ist ein Krieg zwischen zwei militärischen Fraktionen.
00:06Die humanitäre Situation im Sudan ist desaströs und es ist wahrscheinlich nach Worten der UN
00:11die größte humanitäre Katastrophe, die sich weltweit abspielt.
00:21Ich bin Jan Post-Basil und beschäftige mich seit gut 10, 15 Jahren mit sudanesischer und
00:27sudanesischer Politik und bin so auch in die Dialog- und Mediationsprozesse involviert worden,
00:34im Speziellen in Bezug auf Sudan.
00:40Was passiert im Moment im Sudan? Es ist ein Krieg zwischen zwei militärischen Fraktionen.
00:47Auf der einen Seite die sudanesische Armee, Sudanese Armed Forces, generell mit SAF abgekürzt,
00:52die eigentlich die Geschicke des Sudans seit der Unabhängigkeit in den 50er Jahren
00:56mehr oder minder ununterbrochen im Griff gehabt haben.
01:00Auf der anderen Seite eine Miliz, die sogenannten Rapid Support Forces, RSF,
01:05die aus den darfurischen sogenannten Janjavid-Milizen hervorgegangen sind,
01:10die speziell Mitte der 2000er Jahre die Drecksarbeit eigentlich für die Armee
01:15und die damalige sudanesische Diktatur in Daffur erledigt haben,
01:19indem sie die darfurischen Widerstandsbewegungen bekämpft haben
01:22und dabei eigentlich genositale Handlungen begangen haben.
01:38Also eigentlich eine bizarre Situation, dass zwei verbündete Milizen und zwei Militärs gegeneinander kämpfen.
01:46Das hat aber vor allem Gründe, die sich aus der Revolution 2019 und dann der Neukonfiguration
01:52der sudanesischen politischen und militärischen Kräfte nach dem Zerfall der Diktatur ergeben haben,
02:00wo aus den zwei ehemals verbündeten Kräften erbittete Gegner geworden sind.
02:05Am Anfang des Krieges hat der ASF eben Khartoum, die Hauptstadt, eingenommen,
02:08was zum ersten Mal in der Geschichte des Sudan zu kämpfen direkt in Khartoum geführt hat,
02:12was zu starken Flüchtlingsbewegungen in eigentlich alle Nachbarländer geführt hat.
02:17Und mehr oder minder mit Hin und Her hat sich die Situation jetzt so verfestigt,
02:21dass eben Daffur und Teile von Kordofan im Süden vom Sudan unter ASF Kontrolle ist
02:26oder Kontrolle ihrer Verbündeten, unter Osten des Landes bis hin zur Küste unter Kontrolle der Armee.
02:34Das ist eigentlich die Tragik, dass verschiedene Regionalmächte sehr viel in diesen Krieg investieren.
02:40Die Rapid Support Forces sind massiv von den Emiraten unterstützt.
02:45Wir haben von UN-Panels und anderen Beweise über massive Waffenlieferungen, die an die ASF gehen.
02:55Die Emirate investieren auch viel Geld.
02:57Es gibt glaubwürdige Hinweise, dass auch der Geheimdienst ASF eigentlich sich in Abu Dhabi befindet
03:02und Hemeti, der Führer, viel Zeit in den Emiraten verbringt.
03:07Also die Verflechtung zwischen den Emiraten und ASF ist eng.
03:11Da gibt es wenig Zweifel daran, auch wenn offiziell die Emirate das dementieren.
03:15Auf der anderen Seite hat die SAF, also die Armee, historisch enge Verbindungen mit Ägypten.
03:21Es gibt kaum Generäle oder höhere Militärs in der SAF, die nicht in Ägypten ausgebildet worden sind,
03:27von der ägyptischen Armee.
03:28Und Ägypten liefert auch praktische Unterstützung, vor allem mit Kampfjets und Luftwaffenunterstützung.
03:35Zugleich hat Ägypten ein zunehmend engeres Verteidigungsbündnis mit der Türkei,
03:39was dazu führt, dass auch die türkischen Bayraktadronen im Sudan auf Seiten der Armee zum Einsatz kommen.
03:45Und durch jüngste Spannungen im Jemen, wo sich die Beziehungen zwischen den Emiraten und den Saudis
03:51weiter abgekühlt haben, haben sich jetzt auch politisch die Saudi-Arabien mehr und mehr
03:56der SAF angenähert, auch wenn es da noch keine konkreten Unterstützungen gibt.
04:01Aber man sieht, dass eigentlich die gesamte breitere regionale Konstellation sich in diesem Sudan-Konflikt
04:08widerspiegelt und alle regionalen Mächte in einer sehr verhärteten Situation ihre Macht
04:15im Sudan projizieren, was auch jede Art von Friedensbemühung sehr, sehr schwierig macht.
04:22Die humanitäre Situation im Sudan ist desaströs und es ist wahrscheinlich,
04:26also nach Worten der UN, die größte humanitäre Katastrophe, die sich weltweit abspielt.
04:31Und man muss dazu sagen, dass es ja tatsächlich jetzt auch, abgesehen vom Krieg, absolut menschengemacht,
04:35weil beide Seiten Hunger und humanitäre Hilfe fast schon als Tool verwenden,
04:41die andere Seite jeweils auszubluten.
05:03Da hat die SAF, also die Armee, gewissermaßen die Oberhand, weil die UNO sich auf die formale Position zurückzieht,
05:11dass alle UN-Hilfe eigentlich von der SAF bewilligt werden muss als formale Vertreterin des Landes.
05:18Und die SAF das dazu verwendet, gezielt Hilfe zurückzuhalten und über Jahre zurückgehalten hat,
05:25speziell in der Fuhr und in Gebieten, die die ASF kontrolliert, eben mit dem Argument,
05:30dass diese Hilfe von der ASF sozusagen veruntreut und ihren eigenen Kämpfern zur Verfügung gestellt werden würde.
05:36Es ist auch eine massive Unsicherheit für humanitäre Hilfe.
05:39Es kommt regelmäßig zu Angriffen auf Konvois oder Looting von Konvois.
05:43Das Problem ist oftmals über die letzten Jahre gar nicht so sehr gewesen, dass nicht genug Geld da gewesen wäre
05:49oder nicht genug Hilfe an den Grenzen, sondern es war tatsächlich eine logistische Herausforderung,
05:55Hilfsgüter in die betroffenen Regionen zu bekommen.
05:57Das hat dazu geführt, dass in allen Nachbarländern massive Fluchtbewegungen stattgefunden haben.
06:05Eine Zahl zum Beispiel ist, dass der Südsudan selbst in einer massiven humanitären Katastrophe ist
06:10und 70 Prozent der Leute im Südsudan Nahrungsmittelhilfe benötigen.
06:15Die haben zum Beispiel 500.000 Flüchtlinge aus dem Sudan zusätzlich aufnehmen müssen,
06:20was jetzt auch die entsprechenden Organisationen vor Ort vor massive Herausforderungen gestellt hat.
06:26Und was da dazu kommt als zusätzliche humanitäre Herausforderung,
06:30dass die Kampfhandlungen stark auf dem Rücken der Zivilbevölkerung ausgetragen werden.
06:46Also von Rücksichtnahme, von jeglicher Art kann man keinerweise sprechen,
06:52sondern es ist eher so, dass die jüngsten Kämpfe um Al-Fascher in der Fuhr gezeigt haben,
06:57dass beide Seiten absolut gewillt sind, Flüchtlingslager als Rückzugsgebiete zu benutzen,
07:03Menschen als menschliche Schutzschilde zu benutzen.
07:05Und das ist eigentlich ein regelmäßiges Vorkommen leider, muss man sagen, in diesem Krieg.
07:13Ich glaube, eines der Probleme, die man sehen muss in Bezug auf die Weltöffentlichkeit,
07:18dass das halt im Unterschied zu Konflikten wie Ukraine, Russland oder Gaza,
07:21es ist halt sehr schwierig, Partei zu ergreifen,
07:23weil also vermutlich ist es schwierig, Sympathie zu entwickeln mit irgendeiner der beiden Seiten,
07:28die hauptsächlich diese Kämpfe vorantreiben.
07:30Und damit der Solidarisierung mit Sudan im Allgemeinen immer ein bisschen abstrakt bleibt für viele Leute,
07:36die sich jetzt mit der Situation nicht direkt auskennen.
07:39Und das macht, glaube ich, die Situation paradoxerweise irgendwo schwieriger.
07:45Es ist natürlich ein Konflikt, der auch in Afrika stattfindet,
07:50von daher medial wenig Aufmerksamkeit erhält als ein Konflikt jetzt in Europa oder im Nahen Osten.
07:54Man muss aber dazu sagen, dass sich jetzt über die letzten Jahre,
07:58also speziell jetzt seit Alfasche über das letzte halbe Jahr,
08:02schon mehr Weltöffentlichkeit darum gebildet hat.
08:05Was auch damit zu tun hat, dass Mitte der 2000er Jahre diese Tafur-Tragödie und der Tafur-Genozid in den
08:11USA
08:13zu großer Aufmerksamkeit geführt hat und dass das jetzt da wieder hochkommt.
08:17Also man hat mehr und mehr Augenmerk im Moment auf dem Sudan,
08:21aber es ist natürlich jetzt im Vergleich zu Ukraine und Gaza nicht auf dem gleichen Level.
08:30Wie könnte ein Friedensprozess oder eine Einigung aussehen, ist eine schwierige Frage,
08:36weil ja der Konflikt an sich, also der Krieg an sich ein Produkt gescheiterter Friedensverhandlungen ist.
08:41Mehr oder minder alle Anbote, die man den beiden Parteien machen kann,
08:46sind getestet worden und sind praktisch gescheitert und waren dann eigentlich ja der Auslöser für diese Kämpfe.
08:52Und die Forderungen, die beide Parteien gegenübereinander stellen, sind unvereinbar.
08:58Und das macht es schwierig.
09:01Die internationalen Bemühungen gehen im Moment vor allem darauf,
09:05die regionale Situation, die wir vorher angesprochen haben, mehr und mehr unter Kontrolle zu bekommen.
09:09Die Amerikaner versuchen das mit einem sogenannten Quad-Format,
09:13wo neben den USA Ägypten, Saudi-Arabien und die Emirate drin sind.
09:18Also mit dem Versuch, dass man da eine regionale Einigung bekommt,
09:24die dann sich in den Kräften vor Ort widerspiegelt.
09:27Zugleich aber auch versucht mit Druck und dem sondergesamten Poulos gezielt Druck auf die beiden Hauptparteien,
09:34als F und SAF auszuüben, um einen Waffenstillstand zu unterschreiben.
09:38Aber über die letzten Jahre, das ist schon einige Male probiert worden, hat sich das als nicht erfolgreich erwiesen.
09:43Man muss auch dazu sagen, so ein Krieg ist für die Emirate absolut leistbar.
09:47Es ist nicht so, dass sich die da überdehnen.
09:49Also das können sich die finanziell absolut leisten, diesen Krieg wirklich auf längere Sicht weiterzuführen.
09:55Insofern braucht es, denke ich, ein Aufbrechen dieser Situation durch zivile, nicht-affiliierte Kräfte,
10:02die in solche Verhandlungen eingebunden werden, um eine breitere Verhandlungslösung in den Raum zu stellen
10:09und da eine Öffnung eines politischen Dialoges zu erzielen, die sich zwischen diesen beiden
10:14und mit einer Fokussierung auf einen unmittelbaren Waffenstillstand nicht erreichen lässt.
10:18Wir haben, und das muss man sagen, mit der Fokussierung auf den Waffenstillstand schon das Risiko,
10:23dass man vielleicht selbst, wenn man das für einen Monat erreicht,
10:26dass sich danach Kämpfe mit einer, sogar mit mehr Heftigkeit wieder aufflammen können.
10:32Also ich glaube nicht unbedingt an die Lösung eines schnellen Waffenstillstands.
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