Skip to playerSkip to main content
  • 17 hours ago

Category

📺
TV
Transcript
00:00.
00:07Angenommen, es gäbe eine Schatzkiste.
00:10Randvoll mit kostbaren Dingen.
00:13Und die wäre so groß, dass man in sie abtauchen könnte.
00:17Einen ganzen Tag lang.
00:21Diese Schatzkiste gibt es wirklich.
00:26Sie steht hoch im Norden an einem See neben einem Märchenschloss.
00:31Die Mona Lisa heißt hier Clara und ist ein Nashorn.
00:37Nebenan schweben Liebende durch Zeit und Raum.
00:40Und der vielleicht wichtigste Künstler des 20. Jahrhunderts
00:44erklärt eine Schneeschaufel zum Kunstwerk.
00:48Das ist ein fantastischer Ort. Ich freue mich wieder hier zu sein.
01:00Herzlich willkommen in Schwerin, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer.
01:04Die Landeshauptstadt von Wickelburg-Vorpommern ist sowieso eine Reise wert.
01:07Mit ihrer malerischen Altstadt, der tollen Lage am Schweriner See.
01:11Und natürlich dem UNESCO-Welterbe.
01:14Mit dem berühmten Schloss, dem Theater und einem Museum,
01:18das gerade frisch saniert worden ist.
01:21Und dabei hat man die tolle Sammlung so richtig gegen den Strich gebürstet.
01:25Höchste Zeit also für unseren Museumscheck.
01:28Kommen Sie mit.
01:40Hätten Sie gedacht, dass hier eine der bedeutendsten Sammlungen niederländischer Kunst zu Hause ist?
01:48Und ein exotischer Zoo, gemalt vom besten Tiermaler des 18. Jahrhunderts.
01:57Wir lernen den Kunstrebellen Marcel Duchamp kennen, erleben Malerei als stillen Widerstand aus der DDR.
02:08Und ich freue mich auf unseren Gast, der hier in Schwerin aufgewachsen ist.
02:12Sie sind ihm sicher schon mal begegnet im Kino, denn er ist einer der bekanntesten und besten Filmregisseure Deutschlands.
02:20Andreas Dresen interessieren vor allem Menschen.
02:24Unvergessen Sommer vorm Balkon, halbe Treppe, Wolke 9.
02:30Mit Gundermann ist ihm eine schillernde Ostbiografie gelungen.
02:35Zuletzt im Kino, in Liebe eure Hilde, über die fast vergessene Widerstandskämpferin Hilde Koppi.
02:45Eigentlich hätten wir hier dir auf der Freitreppe einen roten Teppich ausrollen können.
02:49Du bist der Ehrenbürger der Stadt Schwerin. Was verbindet dich alles mit der Stadt?
02:52Ich bin eigentlich in Gera geboren, aber seit meinem dritten Lebensjahr war ich in Schwerin.
02:58Und von meiner Seele her bin ich auch norddeutsch.
03:01Und ja, was verbindet man mit seiner Heimatstadt?
03:05Schwimmen lernen, der erste Kuss, erste Liebe. Das war alles hier. Erste Kinobesuche.
03:10Und hier im Museum warst du dann wahrscheinlich als Schüler auch oft, oder?
03:14Ja, na klar. Wir sind mit der Schulklasse hierher gegangen.
03:17Aber das war immer schön. Dann musste man nicht in der Schule sitzen und konnte hier durch das Haus stromeln.
03:22Dann bin ich gespannt, was du zum neu sanierten Museum sagst und was du alles wiedererkennst.
03:26Das sieht schon toll aus. Ich bin auch gespannt.
03:28Dann gehen wir mal los. Ja, klar.
03:33Kunst sammelt man hier seit der Zeit, als Schwerin noch Sitz der Herzöge von Mecklenburg war.
03:431882 wurde dieses Museum eröffnet. In der Kunst war damals der Aufbruch in die Moderne.
03:52Wenn du dir mit einer Zeitmaschine ein Jahrhundert aussuchen könntest,
03:56dass du abtauchen willst, in welches würdest du gehen?
03:59Oh je, gar nicht so einfach.
04:01Also möglichst weit weg, dann schon mal ins Mittelalter oder so.
04:05Also noch vor den Bildern, die hier hängen, dann so 16., 17. Jahrhundert vielleicht.
04:10Aber dann schnell wieder zurück, glaube ich.
04:12Also mit Rückreiseticket würde ich das auch sagen.
04:15Ja, auch so.
04:15Auch wenn man länger bleiben müsste, fände ich das 19. schon spannend, weil da so viel passiert ist.
04:20Ja, das stimmt.
04:35Kaspar David Friedrich war ja einer der Ersten, der, was er gefühlt hat, auf die Leinwand gebracht hat.
04:39Diese Winterlandschaft von 1811 ist sehr düster.
04:43Ja, das ist erstaunlich, finde ich, weil das, also wir haben jetzt gerade das passende Wetter draußen.
04:47Draußen ist gerade auch so ein gliesiger Wintertag.
04:50Also wo man eigentlich sagen würde, würde sich ein Maler jetzt nicht unbedingt aussuchen, um ein Bild zu machen,
04:55weil das Licht nicht so geil ist, würden wir beim Film sagen irgendwie.
04:58Aber das hat natürlich eine fantastische Stimmung, finde ich so.
05:01Und ich finde, man muss auch schon sehr genau hingucken, um den winzigen kleinen Menschen da in der Mitte zu
05:07sehen.
05:07Hat was unheimlich Filmisches, finde ich.
05:09Ja, dieser Mensch, der wirkt ja irgendwie auch sehr verloren da.
05:13Der hat auch gebeugt.
05:14Es strahlt eine große Ruhe aus, die Traurigkeit.
05:19Auch so eine Stimmung hat was von Hoffnung, finde ich, weil man weiß ja, wenn das alles weggetaut ist,
05:24wie das dann alles wieder losgeht, wie das wieder explodiert.
05:27Das war ja schön.
05:28Jedem Ende wohnt ein Neuanfang.
05:30Und das ist hier auch irgendwo drin.
05:41Diese mecklenburgische Dorflandschaft im Winter ist 81 Jahre später von Karl Malchim gemalt worden.
05:49Es wirkt für mich so, als wäre es fast früher gewesen.
05:52Dagegen wirkt das Caspar David Friedrich Bild fast modern, also in seiner Schlichtheit.
05:57Und das ist ja schon eine sehr klassische Malerei, so was man sich sicherlich gerne ins Wohnzimmer gehängt hat.
06:03Ich finde es trotzdem schön, muss ich sagen. Es ist ein schönes Bild.
06:08Passt es denn zu dem, wie du den Winter hier in der Gegend in Erinnerung hast?
06:13Tatsächlich ist meine Kindheit und meine Jugend eher von Neubauten geprägt, sehr viel unromantischer.
06:32Jetzt sind wir in der klassischen Moderne gelandet. Die finde ich am spannendsten.
06:38Natürlich hat es auch da Landschaften gegeben, wie diesen Lionel Feininger.
06:42Der ist 35 Jahre später entstanden, als die Winterlandschaft gerade.
06:46Windmühle bei Usedom, also auch hier oben. Das ist fast abstrakt.
06:51Ja, das ist krass, wie viel stärker irgendwie plötzlich die Form eine Rolle spielt.
06:56Und nicht mehr nur der abgebildete Gegenstand, sondern dafür eine künstlerisch adäquate Entsprechung zu finden.
07:02Und wie Feininger so die Linien dann komplett auflöst.
07:06Oder man so das Gefühl hat, irgendwie die Windmühle bricht sich im Himmel und es sich so verlängert in alle
07:13Richtungen.
07:13Das ist schon spannend, finde ich. Das ist ja schon, wenn man hinguckt, eine dörfliche Struktur, die er zeichnet mit
07:19einer Landschaft davor.
07:21Aber man muss schon zweimal hingucken.
07:30Das ist ja für mich hier eigentlich fast das Tollste, weil ich bin der totale Balach-Fan.
07:37Und Balach gehört ja auch hier irgendwo nach Norddeutschland.
07:39Das ist modern, aber andererseits doch sehr berührend, was er macht alles, die ganzen Skulpturen hier, diese Bettlerin.
07:49Ich meine, ich komme ja nur vom Film, ich muss mit Schauspielern arbeiten.
07:52Das ist ein Gestus, der da drin ist, ein richtiger sich Beugen, dieses Demütige, was zu dem Vorgang betteln gehört.
08:00Und dann interessanterweise auch diese wirklich im Verhältnis zum Körper übergroße Hand, die den Vorgang wunderbar beschreibt.
08:08Und man sieht eigentlich kein Gesicht. Man muss schon runterkriechen, um zu gucken überhaupt.
08:13Das ist komplett reduziert auf das, was sie ist und was sie in der Gesellschaft für eine Position hat.
08:19Und ich finde bei Balach immer auch den sozialen Gedanken so spannend.
08:23Er zeigt Leute am Rande der Gesellschaft und das alles mit einer ganz großen Empathie.
08:29Und das geht mir an die Seele. Und bei diesen Skulpturen, ich finde das einfach umwerfend, muss ich sagen.
08:39Ich meine, das ist doch interessant hier, die frierende Alte. Das ist eigentlich nur noch eine Kugel, wie die Frau
08:45sich zu schützen versucht vor der Kälte.
08:48Und da ist so viel Mitgefühl auch da, finde ich. Und das ruht mich, muss ich sagen.
08:55Das ist ein Bildhauer, der mir sehr ans Herz geht.
09:07Drei Jahre lang wurde das Staatliche Museum Schwerin aufwendig saniert und modernisiert.
09:15Das Museumsteam hat die Zeit genutzt und an der neuen Dauerausstellung gefeilt, damit die Kunst frisch und spannend präsentiert wird.
09:34Dieser Prolograum, in dem wir als erstes landen, ist für mich so wie eine Opernovertüre.
09:39Es werden ganz viele Themen angerissen, die später dann vertieft werden. Was soll hier mit uns passieren?
09:45Ja, wir wollten hier bewusst eine Irritation schaffen. Denn wenn man gemeinhin in die Moderne kommt in einem Museum,
09:52denkt man, ja, White Cube und dann geht es gleich los mit Moderne.
09:56Wir sind aber eine fürstliche Sammlung und hatten überlegt, wie schaffen wir das dialogisch,
10:01beide Stärken des Hauses zu inszenieren und daher die Overtüre.
10:11Und es geht ja gleich damit los, dass wir von einer adeligen Dame begrüßt werden, die eine Tasse Tee trinkt.
10:18Was hat es damit auf sich?
10:19Die fürstliche Familie, das ist das Besondere, ließ sich bei ausgewählten Ereignissen gerne vertreten.
10:25Und dazu gab es diese sogenannten konturierten Holzaufsteller, sogenannte Chantornets.
10:34Und wenn Sie sich das anschauen, das ist genau auch diese Dame, die dann bei gewissen Anlässen sich hat vertreten
10:41lassen.
10:42Und wir wissen nicht genau, wann diese Holzaufsteller benutzt wurden, aber wir wissen, dass sie eine Stellvertreterfunktion hatten.
10:50Das ist ja witzig. Also echtes Fake, würde man heute sagen.
10:55Ja, echtes Fake, echtes Fake.
10:56In Neudeutsch. Und da haben Sie natürlich dann wieder die zeitgenössische Entsprechung hier von Alex Katz.
11:03Drei junge Damen, die auch ausgeschnitten sind.
11:07Ganz genau. Es gibt gewisse Impulse in der Kunstgeschichte, die setzen sich eben fort, kommen zum Tragen, entwickeln sich weiter
11:14und erscheinen dann viele Jahrhunderte später dann in ganz anderer Form und das ist in der Popart.
11:31Das ist natürlich der absolute Hingucker hier im Raum, diese kopflose Dame mit den drei Ocelots an der Leine.
11:37Das ist von einem britisch-nigerianischen Künstler, Yinka Shonibara heißt der.
11:41Der setzt sich ja viel mit Kolonialismus auseinander. Was will er damit zeigen?
11:45Diese Installation hier korrespondiert mit diesem Bild und wir waren ja auf der Suche nach Dialogen, nach Impulsen,
11:53die dann auch in der zeitgenössischen Kunst wieder auftauchen.
11:56Und das Thema Kolonialismus spielte in der Hofkunst eine wichtige Rolle, aber eben auch bis heute natürlich.
12:04Und Yinka Shonibara hat hier The Leisure Lady inszeniert.
12:08The Leisure ist eben Freizeit, es ist Vergnügen und sie ist nicht individualisiert mit Absicht.
12:15Weil man auch deutlich machen will, dass es steht für einen Typ.
12:19Ja, des eben gedankenlosen Freizeitverhaltens in gewisser Weise.
12:24Unterwerfung fremder Kulturen, der Natur, hier mit den drei Ocelots an der Leine.
12:29Und diese Kombination soll einfach zum Nachdenken anregen.
12:32Auch am Mecklenburgischen Hof spielten schwarze Diener, die verschleppt worden sind als Kinder aus den Kolonien, eine wichtige Rolle.
12:41Und das ist eben die damalige Fürstin mit dem Hofdiener Cäsar.
12:59Auch die zeitgenössische Kunst kommt in diesem Museum nicht zu kurz.
13:09Von außen sieht Ihr Museum ja aus wie ein Musentempel des 19. Jahrhunderts.
13:14Da ist die Schwellenangst einprogrammiert. Wie nehmen Sie die den Menschen?
13:17Ein großes Geschenk ist der freie Eintritt. Und das nimmt vielen Menschen schon die Schwellenangst, weil sie sagen sich, ich
13:25habe gar nichts zu verlieren.
13:27Wenn da nichts drin ist, was mich interessiert, gehe ich wieder raus. Hat mich nichts gekostet.
13:30Haben sich denn da tatsächlich die Besucherzahlen verändert und auch die Struktur der Besucher? Also kommen viele, die noch nie
13:35im Museum waren?
13:37Ja, unbedingt. Wir haben über 35.000 Besucherinnen in nur zweieinhalb Monaten und wir hatten vor Schließung 40.000 im
13:45Jahr.
13:46Und daran sieht man schon, die Neugier ist doch wirklich sehr groß.
13:59Nach 1945 wurde in Schwerin vor allem Kunst der DDR gesammelt. Heute erzählen die Werke deutsch-deutsche Geschichte.
14:09An dieses Bild kannst du dich sogar gut erinnern, an die Diskussion damals.
14:13Ja, das ist lustig, obwohl ich noch sehr klein war. Aber das ist schon auch natürlich für DDR-Kunst ein
14:19ikonographisches Bild.
14:21Es ist ja nun eindeutig hier kein sozialistischer Realismus. Da waren Arbeiterfiguren gefragt, realistische Szenen.
14:30Und hier zeigt Matheuer ein schwebendes, fallendes, taumelndes, fliegendes Paar.
14:36Das ist natürlich nichts, was den DDR-Oberen so gefallen konnte.
14:40Und regelmäßig, wenn große Kunstausstellungen waren, gab es immer wieder Bilder, die so Diskussionen auslösten.
14:45Und das war definitiv eins davon, obwohl Matheuer nun schon zu den sehr bekannten Künstlern in der DDR gehört hatte.
14:53Aber die Leute hatten schon eine große Sehnsucht nach Bildern, nach Kunst, die so den Raum so ein bisschen geöffnet
14:59hat
15:00und nicht sozusagen in dem Kanon der kleinen DDR erstarrt ist. Und das ist natürlich so etwas, das hat ja
15:06auch was von Aufbruch so.
15:08Wenn eins in der DDR nicht gewünscht war, dann war es Fliegen. So ein Bild konnten die Leute lesen.
15:14Ja, also dass das nicht dem offiziellen propagandistischen Kanon entsprach, das hat jeder verstanden.
15:21Und deswegen hat das dann auch so eine Wirkung gehabt.
15:26Hier finde ich halt total interessant, dass sie zwar die Insignien der Rebellion trägt, also hier die Armbänder und rote
15:35Haare,
15:35so gefärbt, die Frisur, so ein bisschen angepankt, aber so gar keinen rebellischen Ausdruck hat.
15:41Nee, sie guckt eigentlich eher so, als würde sie über ein verpfuschtes Leben nachdenken.
15:46Das ist von 1987, zwei Jahre vor dem Mauerfall, hat Gudrun Böhne diese Juliane gemalt.
15:52Und es sieht so aus, als wäre es irgendwie so ein gebrochenes Leben.
15:56Ja, es hat was resigniertes.
15:59Vielleicht hatten viele da auch schon die Hoffnung aufgegeben, dass nochmal sich was verändert.
16:03Die späten 80er waren im Osten ja durchaus problematisch.
16:07In der Sowjetunion gab es schon Gorbatschow, Glasenhorst, Pieris Troika, da ging irgendwie was los.
16:12Aber man dachte, jetzt kommt Bewegung rein, jetzt werden die Türen und Fenster geöffnet und das Gegenteil war der Fall.
16:19Deswegen passt der Ausdruck wahrscheinlich in die Zeit, 87.
16:26Du bist ja praktisch im Theater nebenan groß geworden.
16:29War das dann so ein geschützter Raum, wo man offener sprechen konnte?
16:33Naja, es war wie überall in der DDR, man musste sich diese kleinen Lücken suchen.
16:38Aber das war schon zu DDR-Zeiten ein legendärer Ort, das Schweriner Staatstheater tatsächlich.
16:44Weil meine Mutter war ja hier Schauspielerin, mein Ziehvater Christoph Schroth war hier Regisseur und Schauspieldirektor.
16:51Und der hat hier wirklich ein erfrischendes Theater gemacht, sodass die Leute aus der ganzen DDR hierher gereist sind, um
16:58sich Vorstellungen anzuschauen.
17:00Das war für mich als damals junger, pubertierender Jugendlicher, irgendwie war das für mich eine tolle Erfahrung, was Kunst kann.
17:08Leute zusammenbringen kann, zu Gesprächen, zu Diskursen anregen.
17:13Insofern war Kunst schon ein Ort, wo man immer so versucht hat, die Grenzen des Reichs der Freiheit etwas zu
17:21erweitern.
17:41Auch er hat die Regeln der Kunst in Frage gestellt. Marcel Duchamp, der Vater der Konzeptkunst.
17:51Sie haben 91 Arbeiten von Marcel Duchamp hier in Schwerin. Was haben Sie?
17:57Ja, wir haben ganz fantastische Arbeiten hier. Wir haben viele Handzeichnungen, das ist was Besonderes.
18:02Und wir haben fünf seiner Schachteln im Koffer, was ganz Spezielles für Duchamp.
18:16Er war ja nicht von Anfang an der große Kunsterneuerer. Er hat gemalt, erst impressionistisch, dann kubistisch.
18:23Er hat mit 15 sein erstes Gemälde gemalt, erst impressionistisch genau, dann kubistisch.
18:28Und hat es auch sehr schnell zu großer Meisterschaft gebracht und durfte dann 1912 am Salon der Unabhängigen teilnehmen.
18:36Das war für ihn ein großes Ereignis. Und er hat ein Bild gemalt mit dem Titel
18:40Akte eine Treppe herabsteigend Nummer zwei. Damit kam er in die Ausstellung, hat das Bild aufgehängt.
18:46Und alle waren schockiert und haben zu ihm gesagt, nein, also das können wir nicht hängen lassen.
18:51Erstens hast du da Bewegung im Bild dargestellt, das wollen wir auf keinen Fall.
18:55Und zweitens hast du den Titel des Bildes mitten vorne auf die Leinwand geschrieben.
18:59Sowas machen wir nicht. Nimm bitte das Bild von der Wand.
19:01Und damit war für ihn die Malerei alle Künstlergruppen und die Avantgarde in Frankreich erst mal erledigt.
19:13Schon wenige Monate später hat er die Idee gehabt, Alltagsgegenstände zur Kunst zu machen.
19:19Wie kam er da drauf?
19:20Er wollte natürlich den totalen Neustart. Er wollte etwas ganz anderes machen.
19:25Und er dachte, wenn Maler mit fertiger Ölfarbe in Tuben Bilder malen können,
19:30dann kann er auch mit fertigen Gegenständen Kunst machen.
19:34Und er gibt etwas dazu. Also er gibt einen Titel dazu.
19:37Er positioniert die Stücke in ganz ungewöhnlicher Weise und regt uns zum Denken an.
19:43Wir vollenden das Werk. Mit unseren Gedanken, mit dem, was wir erkennen und interpretieren, vollenden wir das Kunstwerk.
19:51Ready Mades wurden die dann genannt.
19:54Das berühmteste ist das umgekehrte Urinal, das wir wahrscheinlich alle im Kopf haben.
19:59Sie haben hier zwei andere Ready Mades von ihm.
20:02Einmal diesen Garderobenhaken, der heißt Stolperfalle.
20:06Und dann diese Schneeschippe, die hat auch so einen witzigen Titel.
20:09Ja, die heißt dem gebrochenen Arm voraus.
20:12Es ist einfach ein Gegenstand, der durch die Sprache eine Bedeutung bekommt.
20:16Und darum ging es. Also er wollte seinen eigenen Gestaltungswillen ausschalten, seine Handschrift ausschalten.
20:26Und dann hat er sich 1919 auch noch an der Ikone des Abendlands vergriffen, an der Mona Lisa.
20:33Und hat dir da ein feines Bärtchen aufgemalt. Was wollte er damit?
20:38Er fragt einfach, warum beten wir dieses Bild an? Warum ist es so wichtig für uns? Was macht es zur
20:45Kunst?
20:46Und gleichzeitig war er fasziniert davon, aus dieser Frau das Männliche herauszukitzeln.
20:52Er hat immer gesagt, das ist nicht eine Frau, die zum Mann wird, sondern da steckt ein Mann drin und
20:57ich habe ihn rausgekitzelt.
20:58Und er hat dir dann auch noch einen tollen Titel gegeben, was sie dann allerdings wieder zur Frau macht.
21:03L-H-O-O-Q, was heißt das?
21:05Ja, das spricht man französisch aus.
21:08Sie hat einen heißen Hintern. Also sie ist auf der Suche nach Abenteuern.
21:13Also mehr Provokation geht eigentlich nicht.
21:15Auf keinen Fall.
21:17Genau genommen hat das Museum zwei Mona Lisas. Eine mit Bart und eine mit Horn.
21:23Das berühmteste Bild des Museums ist ein Nashorn. Und das heißt Clara.
21:29Wer war diese Clara, die wir so gigantisch hinter uns sehen?
21:33Ja, das war ein indisches Panzernashorn. Das ist als kleines Baby-Nashorn nach Europa gekommen.
21:41Und von dem Kapitän, der das mitgebracht hatte, dann über zwei Jahrzehnte fast in ganz Europa auf den großen Märkten
21:51zur Schau gestellt worden.
21:52Das arme Tier.
21:53Ja, und das ist aber eben, war ganz zutraulich und ganz lieb, weil es eben mit der Flasche aufgezogen worden
22:00ist.
22:00Und von daher war es den Menschen eben eher sehr zugetan.
22:06Das ideale Motiv für Jean-Baptiste Utris, der Tiere gemalt hat für alle, die sich keinen Zoo leisten konnten.
22:15Hier wollte man offensichtlich einen richtig großen Bilder-Zoo haben, denn sie haben ja die größte Jean-Baptiste-Utris-Sammlung
22:20außerhalb von Frankreich.
22:21Und was ihn so einzigartig macht, ist, dass die Tiere wirklich total echt und lebendig aussehen.
22:27Wie hat er das geschafft? Die standen ja nicht an jeder Ecke rum.
22:30Also Jean-Baptiste Utris war ja der französische Hofmaler.
22:34Und der französische König unterhielt damals eine Menagerie, also ein Tierzoo, ein Zoo exotischer Tiere.
22:40Und insofern hatte er exzellente Bilder in der Natur, nach denen er sich orientieren konnte.
22:46Und Jean-Baptiste Utris hat dann auch zum ersten Mal eben Tiere in der Bewegung eingefangen und versucht, sie wirklich
22:54so zu malen, wie er sie gesehen hatte.
22:57Und das sieht man, weil das ist ein Quantensprung in der Tiermalerei.
23:02Die Niederländer konnten es aber auch. Im 17. Jahrhundert produzierten sie faszinierende Kunstwerke in rauen Mengen.
23:15Hier in Schwerin waren sie so begeistert von der Malerei der Niederländer, dass die Sammlung heute zu den bedeutendsten in
23:22Europa zählt.
23:24Hier glänzen auch kleine Formate von großen Künstlern.
23:29Zum Beispiel diese beiden Porträts von Franz Hals, die ja so richtig aus dem Leben gegriffen sind, oder?
23:35Die gehören zu unseren größten Schätzen natürlich.
23:37Unsere Bilder sind insofern speziell, als es keine Porträts sind im eigentlichen Sinne, also keine Auftragsbilder, sondern es sind Genrebilder.
23:45Er setzt sich diese Modelle hin und versucht dann diese Lebendigkeit von diesen jungen Menschen einzufangen.
23:52Wie kam das überhaupt, dass die Herzöge hier so auf die Niederländer standen?
23:57Also die Niederländer sind natürlich ein Teil der ganzen Kunst.
24:03Dazu gehören dann die großen Italiener des 16. Jahrhunderts. Die waren aber zu teuer.
24:08Mecklenburg war schon damals arm und so hat man dann gesagt, okay, wir sammeln Niederländer. So stelle ich mir das
24:14jedenfalls vor.
24:15Für diese Dame am Schembalo hat dann aber der Herzog doch eine ganze Menge Geld ausgegeben.
24:20Vor allem dafür, dass sie so klein ist. Warum war ihm die so wertvoll und so kostbar?
24:26Also das ist das teuerste Bild, was er je gekauft hat. Und das liegt wahrscheinlich daran, dass es eben ein
24:33Bild dieses berühmten Feinmalers ist, so nannte man die Leidner Schule.
24:37Der Witz ist, dass man überhaupt nicht sieht, wie das Bild gemacht ist.
24:41Das heißt, damals war es halt klar, ein Bild muss immer von Menschenhand gemacht sein. Aber diese Hand sieht man
24:49hier nicht.
24:49Das war also ein großes Wunder, dass man da wie durch ein Fenster auf diese Personen schaut und vielleicht diese
24:57Musik erklingen hört.
25:05Hier die Holländer, die müssten dir eigentlich sehr vertraut vorkommen, noch aus der Schulzeit. Da ist auch nicht so viel
25:10verändert worden.
25:11Ja, und wir waren hier tatsächlich so, wie man das so macht mit Schulklassen, waren wir hier, haben uns die
25:16Bilder angeguckt, mussten so Bildbeschreibungen machen.
25:18Ich weiß nicht, ob wir auch was gezeichnet haben, aber sicherlich. Das ist hier wirklich ein Klassiker. Hendrik Aberkamp, Eislandschaft.
25:27Das ist ja so eins dieser Wimmelbilder. Ja, es sind wirklich viele kleine niedliche Geschichten.
25:33Irgendwo gibt es auch den Maler, der sich selbst...
25:35Der hat sich auch reingemalt.
25:37...in der Mitte tatsächlich, da, der Mann mit Hut.
25:41Der sich zu uns umdreht.
25:42Der sich zu uns umdreht.
25:43Das ist der Maler.
25:44Das ist Hendrik Aberkamp.
25:46Wenn man jetzt mit einer Kamera drauf langfahren würde, könnte man sich das alles rauspicken und kleine Geschichten dazu finden.
25:53Das ist schon... Ich mag solche Bilder.
25:54Ich liebe das bei diesen Wimmelbildern, dass du so das Gefühl hast, in den Alltag einzutauchen von den Menschen damals,
26:01über denen man so wenig weiß.
26:02Das stimmt, ja.
26:04Ich finde sowas auch schön, weil man dadurch wie mit so einem Brennglas zurückgucken kann in eine vergangene Zeit.
26:10Natürlich so, wie der Maler sie gesehen hat.
26:12Kein Kunstwerk ist objektiv.
26:16Das Bild zeigt genau das, was der Maler uns zeigen wollte.
26:19Wie auch beim Film ja übrigens auch.
26:21Das ist auch die Aufgabe von Kunst, finde ich.
26:23Für Alltag eine Übersetzung zu finden oder eine Übersetzung für Leben zu finden.
26:28Sodass die Menschen, die das dann später sehen, eine Freude daran haben und sich selber darin wiederentdecken vielleicht.
26:34Und irgendwo auf dieser Eisfläche vielleicht sagen, naja, das könnte ich sein.
26:56Und ich habe vorhin auch noch ein lustiges Bild entdeckt.
26:58Wir können ja mal ein kleines Stückchen weitergehen.
26:59Das finde ich auch sehr witzig hier, die Torwache.
27:03Offensichtlich ist die Wache nicht sehr aufmerksam.
27:05Oder betrunken, man weiß es nicht.
27:07Der Hund ist auch schon ein bisschen mitgenommen.
27:09Das ist ja eigentlich ein bisschen komödiantisch.
27:12Und das haben die Holländer in der Zeit irgendwie gerne gemacht, so diese kleinen Geschichten.
27:26Wie hat es dir denn jetzt gefallen hier nach all den Jahren?
27:29Ja, nach all den Jahren ist richtig, weil ich war tatsächlich lange nicht hier.
27:33Es war wie eine kleine Zeitreise für mich.
27:35Auch in einem Ort, wo ich in meiner Jugend und Kindheit tatsächlich oft gewesen bin.
27:39Und ich finde, es ist wunderbar geworden.
27:41Ja, also ich merke vor allen Dingen, dass hier in den manchen der neu gestalteten Räume auch schon so was
27:46aufeinanderprallt.
27:47Hier der Balach mit Malerei.
27:50Und es war auch schön, einfach nochmal so ein paar Bilder wiederzusehen.
27:54Gerade bei den Holländern, an die ich mich tatsächlich noch seit meiner Kindheit bestens erinnern kann.
27:59Also ich komme bestimmt nochmal wieder und dann vielleicht auch ohne Kamerateam.
28:09Das Staatliche Museum Schwerin ist wirklich eine Schatztruhe.
28:14Und dank der neuen Präsentation der sehenswerten Sammlung voller Kontraste ist es so richtig in unserer Zeit angekommen.
28:24Auch die klaren, leicht verständlichen Texte an den Bildern nehmen uns mit in diesem in jeder Hinsicht angenehmen Museum,
28:31das nach der Sanierung ganz frisch und modern daherkommt, ohne den alten Charme zu verlieren.
28:42Wunderbar, dass der Eintritt vier Jahre lang frei ist. Das lockt Menschen ins Museum, die noch nie da waren und
28:48wird dem Haus viele neue Fans bescheren.
28:54Schwerin ist ja eh eine Reise wert und mit diesem Museum erst recht. Und die Ostsee ist auch nicht weit.
29:01Bis zum nächsten Mal. Tschüss.
29:06Musik
29:07Musik
29:07Musik
29:07Musik
29:26Transcription by CastingWords
Comments

Recommended