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00:11A city in Harzvorland in the 40th century. Halberstadt.
00:16Like a red flag, this is the place of the work of Alexander Kluge.
00:31I was born in Harzvorland and this is the city in which I, until I was 13 years old, made
00:38my important experiences.
00:41And this raster of the experience, it can be translated into everything in the world.
00:47I'm excited about other things than Harzvorland.
00:49But I can understand it through the concrete experiences of my own city.
00:59Also von Halberstadt hat er mir immer erzählt, schon vor 50 Jahren, als das für mich irgendwie eine unbekannte Stadt
01:06in der DDR war und gar nicht, konnte mir das gar nicht erklären.
01:11Aber im Lauf des Lebens habe ich dann gesehen, wie wichtig das für ihn war.
01:18Halberstadt ist für Alexander Kluge der Ort einer schönen Kindheit.
01:24Aber auch der Ort eines Traumas, das ihn lebenslang verfolgen wird.
01:29Dann kommt an einem Sonntag, 8. April 1945, so ein Bombergeschwader, das eigentlich eine andere Stadt planmäßig bombardieren sollte.
01:39Aber jetzt, dort fanden sie Wolken vor, sind sie also nach Halberstadt gegangen und haben es wirklich in Brand gesetzt.
01:52Und so eine fliegende Industrieanlage, die da von oben kommt und gegen die man auch dahingehend hilflos ist, dass man
02:00nicht kapitulieren kann.
02:01Man kann kein weißer Fahner hießen, die würden das gar nicht sehen.
02:05Und die Ohnmacht im Keller, eine Grunderfahrung, die habe ich da im Moment nicht verstanden.
02:10Wir waren nur scharf, aus dem Keller rauszukommen, irgendwo hin, wo viel Wasser, nämlich eine Badeanstalt, zwischen uns und der
02:19Stadt liegt, dem Brand liegt.
02:22Wir wollten uns retten. Im Übrigen fanden wir das extrem abenteuerlich, spannend.
02:28Ich wollte es am nächsten Tag meinen Mitschülern erzählen und die größte Enttäuschung war, dass keine Schule stattfindet.
02:3371 Jahre später in der Schwabinger Wohnung von Alexander Kluge. Halberstadt ist noch immer anwesend. Skulpturen aus der Heimat.
02:45Das ist ein Bischof und Sie sehen, er hat ein Salzfass. Das ist ein Salzburger Bischof.
02:56Und mein Vater hat den erworben, nach 1945. Und das ist eine Madonna aus dem 12. Jahrhundert. Auch aus Halberstadt
03:07von meinem Vater.
03:11Die Wohnung ist ein geistiges Laboratorium, in dem der Hexenmeister Kluge seine experimentellen Kunstwerke herstellt.
03:19Seine Prosa-Texte, Studiogespräche, Drehbücher.
03:30Das ist hier ein Bild von an seinem Kiefer. Ja? Ist noch verpackt.
03:36Das werden Sie aufhängen hier?
03:38Das will ich nicht aufhängen, nein. Das kommt in irgendeine Ausstellung. Ja? Ich werde es kommentieren.
03:44Ich werde einen Film dazu machen. Also die Art ist ja so, ich male ja keine Bilder. Ja?
03:48Und wenn ich mit einem Künstler zusammenarbeite, dann macht er ein Bild. Ja? Und ich mache dann eine Geschichte. Ja?
03:56Oder einen Film meist. Ja?
03:58Ganz selbstverständlich wechselt er die Medien.
04:01Tempel der Ernsthaftigkeit. Das wird ein Buch werden. Ja? Das ist jetzt im Januar 2018.
04:09Springt zwischen der Rolle des Filmregisseurs und der des Schriftstellers hin und her.
04:13Tempel of the Scapegoat. Das kommt nur auf Englisch in New York raus. In Two Directions Verlag. Und handelt von
04:20104 Opern. Das sind 104 Geschichten.
04:23Mehr als 30 Bücher hat er geschrieben. Mehr als 30 Filme gedreht. Mehr als 30 Preise bekommen.
04:30Begonnen hat er einst im Aufbruch des neuen deutschen Films. Neben Regisseuren wie Volker Schlöndorf.
04:38Alexander Kluge wird für mich immer der junge Mann bleiben, der er 1965 war, als ich ihn kennengelernt habe.
04:49Sehr, sehr jugendlich. Sehr jungenhaft. Fast Bubenhaft. Immer erinnernd an das Kind, das er mal gewesen ist.
04:59Worauf er ja auch seine Gesprächspartner immer festnagelt. Nicht interessiert an häuslichem Wohnen.
05:08Also das ist ein Sammelsurium von irgendwelchen Sofa, einer bürgerlichen Lampe, die wahllos in einem Raum stehen.
05:17Der Raum, auch in der Wohnung, war nur zum Arbeiten da. Und ein wahnsinnig schneller, wacher Geist, der das Gegenüber
05:31sofort in ein Gespräch einbezieht.
05:34Er schreibt ja ungefähr jeden Tag ein Buch. Inzwischen kann er gar nicht mehr aufhören. Ja, jetzt inzwischen sitzt ihm
05:41ja die Faust im Nacken.
05:45Er schrieb eigentlich immer. Er schreibt immer. Ob er das immer verwendet, weiß ich nicht. Aber ich kenne ihn nur
05:56schreibend.
05:59Er kann aber auch entspannen. Also man kann auch mit ihm, also wir können auch, weil er redet ja wie
06:06ein Buch und dadurch kommt er dann wieder in Schwung.
06:10Und dann kann man auch darüber irgendwann lachen. Ja, also wir können auch zusammen lachen.
06:16Mit einem Paukenschlag trat er 1964 als Regisseur hervor. Mit dem Film Abschied von gestern.
06:24In schnörkellosem, kaltem Realismus erzählt er die rätselhafte Leidensgeschichte einer jungen jüdischen Frau, die durch die Aufs und Abs der
06:32deutschen Geschichte geworfen wird.
06:34Nazizeit, DDR, dann das bundesdeutsche Nachkriegswirtschaftswunder. Dort gerät sie durch einen Ladendiebstahl in die Mühlen der Justiz.
06:42Zum ersten Mal seit 1941 erhielt ein deutscher Film auf den Filmfestspielen in Venedig einen offiziellen Jurypreis.
06:52Abschied von gestern.
06:54Gegen die zur Zeit berufslose Anita G., geboren am 2.04.1937, zur Zeit ohne festen Wohnsitz, ledig nicht vorbestraft
07:01wird, das Hauptverfahren vor dem Amtsgericht in Braunschweig eröffnet.
07:04Legen Sie die Hände hier ruhig auf den Tisch und seien Sie ganz ruhig. Sie mussten sich doch sagen, dass
07:09das auffallen musste. Nur Sie konnten diese Weste oder Jacke weggenommen haben.
07:15Haben Sie den gefroren?
07:16Ja.
07:16Ja, aber es war doch Sommer.
07:18Ich friere auch im Sommer.
07:20Das ist aber nach der Lebenserfahrung ungewöhnlich. Sie mussten sich doch sagen, dass diese Wolljacke nicht in Ihrem Besitz bleiben
07:26würde.
07:27Das Publikum hat mir direkt reagiert. Und das ist alles ein bisschen ungewohnt für das Publikum gewesen.
07:34Aber so ein Tango und so eine Szene, wenn über dem Flughafen Frankfurt Main, wenn da oben die Flugzeuge fliegen
07:43und da unten sitzt Coward.
07:45Ja, so ein Mensch, der unfriert.
07:49Die Rolle der verstörten Anita spielt Alexandra Kluge, die fünf Jahre jüngere Schwester des Regisseurs.
07:55Von nun an sind die beiden unzertrennlich.
07:58Als Jugendliche wuchsen sie nach der Scheidung der Eltern getrennt auf.
08:02Er in West-Berlin bei der Mutter, sie in Halberstadt beim Vater.
08:19Moment.
08:21Hat er von der Mutter die Tochter getrennt?
08:24Hat er von der Tochter die Mutter getrennt?
08:27Hat er einen Gefangenen nicht freigelassen? Einen Gefangenen nicht gelöst?
08:31Hat er einen Eingekerkerten das Licht nicht schauen lassen?
08:35Meine Schwester, die war ja eine Ärztin, die studierte Medizin, war eine Jungärztin.
08:43Und hatte sich gemeldet bei mir, also ein Liebhaber hatte sie verlassen.
08:47Und jetzt wollte er mir mal zeigen, dass sie auch anders kann.
08:51Und meldete sich und sagte, die Schauspieler, die ich da vorhatte, kann man vergessen.
08:56Sie übernimmt die Hauptrolle. Das Team war nach kurzer Zeit überzeugt.
09:01Und dann sind wir nach Venedig gefahren.
09:04Und das war ja der erste Film seit Jutz Süß, ein deutscher Film, der einen Preis bekam.
09:12Sie, die kürzlich verstarb, war das andere Ich des Künstlers Kluge.
09:17Nicht nur als Darstellerin, auch als kritische Begleiterin seiner Drehbücher, Prosa-Geschichten und Buchprojekte.
09:25Das ist ein Stück von mir. Oder ich bin ein Stück von ihr.
09:30Das ist eigentlich sozusagen, sie ist die Dichterin, ich bin der Schreiber.
09:36Und die hat dann bis 1958 bei meinem Vater gelebt.
09:41Und dann kam sie zu mir rüber in den Westen.
09:43Und da haben wir dann sozusagen ein gemeinsames Unternehmen aufgemacht mit Abschied von gestern und diesen Filmen.
09:50Alexandra war ja untrennbar von Alexander.
09:56Wir haben sie alle entdeckt erst in dem Film Abschied von gestern.
10:01Ich kannte sie vorher nicht.
10:03Dann aber habe ich geradezu ihre Nähe gesucht.
10:07Und habe Alexandra dann auch eine Rolle in meinem zweiten Film Mord und Totschlag angeboten, was dann ganz anderer Typ
10:16Anita Pallenberg gespielt hat, weil Alexandra sich quergestellt hat.
10:22Ich glaube, sie wäre schon interessiert gewesen, aber ihm war sozusagen diese Konkurrenz nicht recht.
10:301966 trat eine weitere Frau in sein privates und künstlerisches Leben, Hannelore Hoger.
10:37Sie waren zeitweise ein Paar. Und Hoger war die Hauptdarstellerin in Kluges erfolgreichstem Film, Artisten in der Zirkuskuppel, ratlos.
10:471966 gewannen sie damit den Goldenen Löwen in Venedig.
10:52Er hatte also ja ohne Drehbuch meistens gearbeitet. Also ich habe nie ein Drehbuch bekommen.
10:59Sondern er hatte, äh, es fing so an. Und man fing an und geh mal da längs oder sag mal
11:07eine Szene oder sowas.
11:09Guten Tag.
11:10Schönen guten Tag.
11:12Guten Tag, ich komme im Hinblick auf Ihr Inserat.
11:14Nee, Frau, wir rufen alle auf, die guten Willen sind.
11:16Das bin ich.
11:18Die Voraussetzung ist natürlich, dass Sie für Neues aufgeschlossen sind.
11:21Das stand schon im Inserat. Worum handelt es sich denn?
11:23Truppenbetreuung. Zuerst Marokko, Libyen, Thailand, zuletzt Saigon.
11:29Und was ist daran neu?
11:30Wir haben eine kleine Extranummer eingebaut. Die Artisten werfen von oben aus der Zirkuskuppel Flugblätter ab.
11:36Und was steht da drin?
11:37Frieden.
11:38Ganz allgemein?
11:39Ganz allgemein Frieden.
11:41Für Hannelore Hoger wurde dieser Film der Durchbruch in ihrer Schauspielkarriere.
11:47Beiden gefiel die Idee, mit avantgardistischem Elan das deutsche Kino zu entstauben.
11:53Also zunächst einmal bewegliche Kamera. Raus aus dem Studio.
11:58Nicht viel zu eng. Im Studio sind ja nichts.
12:01Das sind ja Dekorationen. Die Wirklichkeit lockt.
12:03Also alle vier Elemente, Feuer, Wasser, Erde, Luft, sind verfilmbar.
12:09Und auch zu diesen Elementen der Wahrnehmung, der Erfahrung hin.
12:13Reiche Erfahrung. Und dafür kaufen wir beim Zuschauer die Zustimmung, dass wir Grotex sein dürfen, dass wir Ausdruck haben, dass
12:23wir verzerren dürfen, was die Künste eben machen.
12:26Es geht um die skurrile Idee eines Reformzirkus, in dem etwa Ratten sich gegenseitig verzehren sollen.
12:33Zirkus, damit meint Kluge auch den Literatur- und Filmbetrieb. Ja, auch den Politikbetrieb.
12:39Mit einer giftigen Collage aus Spiel- und Dokumentarelementen bindet er alles zusammen.
12:49Auch das gerade vergangene Dritte Reich. Hitler triumphiert zu dem auf Spanisch gesungenen Yesterday der Beatles.
13:04Dieses Yesterday mich auf Spanisch färbt anders ein, als das konventionelle Bild, ach jetzt kommt wieder ein Hitler-Film.
13:13Ja, diesen Quotenträger muss man ja irgendwann mal unterminieren können.
13:20Und wenn es um Kunst geht, dann ist der Tag der deutschen Kunst neben dem Zirkus, von dem der Film
13:28handelt.
13:28Wichtig. Und ich kann nicht direkt sagen, das Dritte Reich ist ein Zirkus, denn das wäre unwahr.
13:34Da würde ich auch den Zirkus beleidigen.
13:36Außerdem sind Ernsthaftigkeit des Tötens, ja, nicht wahrnehmen, das im Dritten Reich steckt.
13:45Mit der Schaufel nach deutscher Identität graben. Wühlen in deutscher Geschichte.
13:51In dem Film Deutschland im Herbst versucht Alexander Kluge zusammen mit anderen Autoren des neuen deutschen Films eine Stimmungsbilanz.
13:59In einer Zeit, in der sich alles um Schleierentführung und Stammheim dreht.
14:0725. Oktober 1977. Vor der St. Eberhardskirche Stuttgart. Staatsakt für Hans Martin Schleier.
14:18Wenn wir 1977 ziemlich erschrocken sind, einen Moment, über die bürgerkriegsähnliche Zustände beim Tod von Martin Schleier, aber auch dem
14:31Tod im Stammheim.
14:32Ja, dann, und den Hass auch spüren, der jetzt plötzlich aufbricht, ja, dann ist es so, dass wenn neben mir
14:41Fassbinder und Schlöndorff und Reitz und Bernd Sinkel, ja, und ich, und wir machen den Film Deutschland im Herbst gemeinsam,
14:52dann fühle ich mich resettet, ja, entlastet.
14:55Und Alexander Kluge hatte von Anfang an eine ganz klare Vorstellung, was der deutsche Film sein sollte, der junge deutsche
15:04Film und wie er anders sein sollte.
15:07Das hat uns auf der einen Seite sehr geholfen, weil er eine ganze Generation sozusagen ein gedankliches Rüstzeug mitgegeben hat
15:18und so eine Einheit, eine verschworene Gesellschaft aus uns gemacht hat, fast eine Bruderschaft.
15:27Und auf der anderen Seite, im Rückblick habe ich das Gefühl, dass er uns und den deutschen Film dadurch in
15:36eine Ecke gedrängt hat, aus der wir nie herausgekommen sind.
15:40Denn es ist ihm dadurch nicht gelungen zu wachsen und wirklich in die Filmindustrie reinzukommen und eben im großen Maßstab
15:48zu produzieren und fürs Publikum zu produzieren.
15:52Im Jahre 1970 landet ein DDR-Bürger aus Sachsen-Anhalt in München. Es ist Dr. Meht Ernst Kluge, der Vater.
16:01In West-Berlin war es zu heiß. Mit seiner früheren Frau, von der er geschieden lebt, verträgt er sich nicht.
16:09So ist er nach München abgeflogen.
16:11Der Regisseur Kluge nutzt diesen Aufenthalt zu einem seiner persönlichsten Filme, einer poetisch-humoristischen Liebeserklärung an seinen Vater.
16:23Also es wird Ihnen ja nicht entgangen sein, dass ich meinen Vater sehr liebe. Eines Tages ist der als Arzt
16:30aus dem DDR-Halberstadt.
16:33Reist er im August nach München, da ist überhaupt nichts los und dann reist er wieder zurück. Und das haben
16:40wir porträtiert.
16:41Ein kleiner Matrose durchsegelt die Er sein Mädchen und gibt ihr kein Das Mädchen wird Wer hat das getan? Der
16:59kleine Matrose mit seinem
17:08In München trifft Dr. Kluge einen Vetter aus Tübingen, einen Landgerichtsdirektor.
17:13Der Film zeigt sie als Protagonisten einer versunkenen Zeit, mit dem Habitus einer Vätergeneration, die in den 60er Jahren auszusterben
17:21beginnt.
17:23Der Vater, nationalkonservativ, seinem Beruf hingegeben, kulturinteressiert, ein Musikliebhaber.
17:32Ja, er ist ein Theaterarzt. Und ein Theaterarzt ist dazu da, wenn der Sänger sozusagen eine Erkältung hat, eine Spritze
17:40zu geben, ihm so lange zuzureden, bis er auftritt.
17:44Manchmal fand mein Vater, das, was er tut, die alle fit zu halten und in Stimmung zu halten und übrigens
17:51Streit zu schlichten, wichtiger als die Tätigkeit irgendeines Regisseurs.
17:56Und das Schönste in seinem Leben wäre gewesen, wenn der Dirigent eines Tages umfällt, der Arzt versorgt ihn und er
18:03übernimmt das Orchester.
18:04Das wäre sozusagen die Utopie meines Vaters gewesen.
18:11Alexander Kluge, der selbst gerne Arzt geworden wäre, hat die künstlerischen Sehnsüchte seines Vaters zu seinem Hauptberuf gemacht.
18:20Er hat eine Vielzahl kreativer Partner, mit denen er regelmäßig arbeitet, darunter der Comedian Helge Schneider.
18:26Ja, das ist übertrieben. Aber das sind zum Beispiel Gewänder für Helge Schneider. Ja, wenn er kommt, ja, dann wählt
18:34er sich da was aus.
18:35Das hat er sich ausgesucht oder bestellt unter dem Titel Der Kriegsminister im Pyjama ratlos.
18:42Was er da spielen will, weiß ich nicht. Und ich nehme an, dass er es auch jetzt noch nicht weiß.
18:48Das wird er improvisieren.
18:54Das reicht von Narrenkappe. Ja, nicht? Was so für ihn vorbereitet ist. Mütze.
19:10Das kann man so, ohne dass es beleuchtet wird. Ja, nicht? So eine Mut Napoleons.
19:20Das hat er ganz gerne mal. Ja. Das ist noch original. Ja. Also der Hut. Ja, der ist jetzt schon
19:34sehr schön.
19:34Und ich brauche Tesafilm, damit ich mir Schlitzaugen machen kann. Das hält ja nicht. Doch, doch, doch.
19:39Auf der fettigen Haut. Das kennen wir, das kennen wir. Ich brauche Tesafilm.
19:49Neffe oder Schüler des Konfuzius.
19:52Ja, kann man sagen. Konfuzius Großonkel. Urgroßonkel. Konfuzius.
20:00Das ist China jetzt auf dem Weg zur Weltmacht. Da hat das eine Bedeutung.
20:03Ja, viele machen, China. Immer viele Sachen machen. Pullover, Hemd, Schuhe, Auto, Koffer, Tasche, Arbeitstasche.
20:13Alles China machen. Blille, Parfüm, Ohrenstöpsel. Alles China machen.
20:20Alles China machen. Unterhemd, Oberhemd, zwischen Karton.
20:27Alles. Schuhsohle, Nagellack, Nagellackentferner. Alles China machen.
20:34Seit 1987 betreibt Kluge das Fernsehunternehmen DCTP und darin seine Magazinsendungen,
20:42in denen er frei erfundene Persönlichkeiten auftreten und diese pseudo-authentische Ereignisse erzählen lässt.
20:49Wie etwa den sogenannten Bodyguard Adolf Hitlers, gespielt von Peter Berling.
20:54Mit bestechender Detailkenntnis und ungebremster Fabulierlust ziehen diese Gesprächspartner den Zuschauer in die geschichtlichen Ereignisse hinein.
21:02Man kennt ja diese Bodyguards, ja, nicht? Also SS-Leibstandarte Hitler, ja.
21:09Und das sind Spezialisten mit eigenen Ansichten.
21:12Und dass die im letzten Moment, so wie bei Felix Dahn, ja, den Hitler rausholen aus dem Bunker, ja,
21:20damit er, wenn er schon groß Verbrechen begangen hat, auch groß auf einer Atlantikinsel in der Nähe von Atlantis untergebracht
21:30wird.
21:31Er selbst wollte sterben, möglichst schmerzlos. Und so tapfer war er ja nicht.
21:38Die Spritze, die er bekommen hat, war keine Todesspritze, sondern eine ganz gewöhnliche, starke Betäubungsspritze.
21:46So dass wir ihn anschließend wegschaffen konnten in einer Kiste.
21:52Die berühmte Kiste, in der man dachte, dass darin die Leiche befördert wurde, war, die Leiche war keine Leiche.
21:58Und dann Berlin-Nord, ja, über die Elbe, ja, und nach Italien.
22:05Wir sind nach Italien. Dieser Weg war ja noch frei und wurde auch frei gehalten.
22:10Das ging auch über den Vatikan, der da sehr stark mitgeholfen hat, ohne zu wissen, worum es geht.
22:18Das Spiel mit der ersponnenen Zeugenschaft ist für kluge Aufklärungsarbeit.
22:23Der Zuschauer soll auf die Probe gestellt, seine Mündigkeit soll geprüft werden.
22:27Und er soll Spaß haben an dem, was vielleicht so hätte geschehen kann.
22:32Sie müssen ja irgendwie den Muskel des Unterscheidungsvermögens üben.
22:37Wenn ich Ihnen alles vorkaue und alles, dann übt sich in Ihnen nichts, ja, nicht?
22:43Dann gehen Sie eben an den einen Wasserhahn und da kriegen Sie die Wahrheit und in den anderen, da kriegen
22:48Sie die Lüge, ja, oder die Illusion, ja, nicht?
22:52Das gibt es aber gar nicht.
22:53Denn wenn Sie in einer konkreten Situation als Mensch etwas erleben, sind Ihre Wünsche doch anwesend, ja?
23:00Sie sind immer zwei Menschen, ja, der Mensch der Wünsche, des Subjekts, ja, und der Mensch, der, wenn er gegen
23:09eine Wand rennt, spürt, dass es schmerzt.
23:12Das heißt, Sie sind in der Objektivität drin.
23:14Dann holt er sich so ein paar Kostüme zusammen, die er mir dann oben hängt und ich muss das dann
23:20aufsetzen.
23:21Es ist alles improvisiert, alles, ja.
23:25Und dann erzählt er mir so beim Drehen, also du bist jetzt das und das oder das und das und
23:32so.
23:33Dann erzählt er mir fünf Minuten vorher, was da so los ist oder sag mal, was er, ja.
23:41Das entsteht eigentlich, er erzählt mir eine Figur, von der ich meistens nichts weiß und dann rede ich drauf los
23:53und er schneidet das dann zusammen.
23:55Wie spielen Sie den Napoleon?
23:58Ich will ihn kleinwüchsig.
23:59Und außerdem?
24:00Mit der Hand vor allem im Rockspiechen.
24:07Mächtige Tiere.
24:10Große, mächtige Tiere, also, aber sie haben eine sehr, sehr empfindliche Haut, was man ja gar nicht so denkt, die
24:18Elefantenhaut, die ist nicht so dick, wie man denkt.
24:20Ihre Vorfahren, Väter, die erseits, waren schon mal in Jerusalem.
24:24Ja, gleich beim ersten Mal im Jahre 1099.
24:29Wenn ich jetzt Handelrohoge frage, Sie sind Äbtissin, also dem Herzogin von Mecklenburg, in dem Kriegslazarett in Jerusalem 1917.
24:40Ja, nicht?
24:41Und dann fängt die an zu erzählen.
24:43Wir hatten gehofft, dass wir das Weihnachtsfest hier verleben. Ursprünglich wollten wir den Suezkanal erobern.
24:50Aber das ist anders gekommen.
24:52Wie Sie sehen, packen wir zur Flucht.
24:58Lange vor der heutigen Fake-Schwemme experimentiert Alexander Kluge offensiv mit seinen listigen Fake-Inszenierungen, an denen alle, Helge Schneider,
25:08Peter Berling und Hannelore Hooger, bereitwillig teilnehmen.
25:14Er erzählt mir dann was und ich fange dann an zu quasseln.
25:19Und wenn es nicht weiter geht, wenn wir aufmachen, wir breaken und dann fängt er vor vorne an.
25:27In dem Dramatiker Heiner Müller hat Alexander Kluge einen Wunschpartner, mit dem er eine Serie von Fernsehgesprächen führte, die legendär
25:36wurden.
25:37Ihr gemeinsamer geistiger Vater ist Berthold Brecht, der Lakoniker, der den Spaß am Denken postuliert.
25:44In ihren Gesprächen geht es um Themen wie Theater, Friedrich von Preußen und um das Rendezvous mit dem Tod, an
25:51das Müller sich erinnert, nachdem er gerade eine Krebsoperation überstanden hat.
25:58Gerne geht es auch hier um scheinbar Nebensächliches, um die Philosophie des Rauchens etwa.
26:05Sag mir nochmal, wenn du rauchst, dein Arzt hat dir gesagt, du sollst ruhig lauchen.
26:12Ja, ja, ja, ja.
26:14Und was ist das?
26:19Du, es ist immer ein Genuss, es schmeckt gut und die Lunge hat keine Geschmacksorgane, also man braucht das nicht
26:29in der Lunge.
26:30Die Geschmacksorgane sind immer im Mund, Hüller, im Gaumen.
26:34Und wahrscheinlich ist es ein Vehikel für die Stor.
26:42Aber wenn man raucht, es gibt bei Brecht im Ui so einen Satz, wer raucht, sieht kaltblütig aus und wer
26:54raucht, wird kaltblütig.
26:56Vielleicht ist es das.
26:57Er kommt immer wieder angereist und dann gibt es sozusagen, da steht die Flasche, ja, mit Whisky, das braucht er
27:04zum Befeuchten der Kehle, ja.
27:07Und dann raucht er ziemlich, das ist eine Kommentarform, ja.
27:11So wie Trump mit den Händen redet, so redet seine Zigarre, ja, dass er langsam zieht, kurz zieht, diese Asche
27:19wird länger und so.
27:22Beide, Müller wie Kluge, kommen aus Mitteldeutschland, aus dem Land der Bauernkriege, wie sie sagen.
27:29Und beide lieben die kühnen Gedankensprünge, das überraschende Verknüpfen von Ideen.
27:35Tagespolitisches steht neben Kulturgeschichte.
27:38Alles gehört zusammen.
27:43Seine jüngsten Videoarbeiten, scheinbar zusammenhanglose Bilder.
27:48Ein Orchester, Flüchtlinge, Donald Trump.
27:53Doch hier werden die Grenzen der Zivilisation abgetastet.
27:58Kluges Filmkompositionen sind eine Aufforderung an den Betrachter, die widersprüchlichen Ausschnitte der Welt zusammenzudenken.
28:07Ein aktuelles Video. Immigration als düstere Kulturgeschichte.
28:14Was ich da hauptsächlich mache, ist Konstellationen herstellen, Reibung zulassen.
28:22Man nennt das Montieren, ja, Montage.
28:26Eine andere Videomixtur.
28:28Afrikanische Lehmverarbeitung, Walfang, Sternenbanner und wir Europäer.
28:35Ich bin Beobachter, ja.
28:38Ich sammle.
28:39Heiner Müller sagt, das Poetische heißt sammeln.
28:42Ja, insofern wären die Brüder Grimm in mir, in meinen Augen und in seinen Augen, die besseren Poeten gegenüber einem,
28:49der sie aufbläst und sagt, ich kann das Laub im Herbst besonders gut beschreiben.
28:58Seit einem halben Jahrhundert ist er eine Institution im geistigen Leben Deutschlands.
29:04Er kollagiert und montiert unbeirrt seine verstörenden Geschichten, deren Ausgangspunkt einmal das Bombardement in Halberstadt war.
29:12Und die dann die letzten Jahrhunderte unters Mikroskop legen.
29:19Die Nebenschauplätze faszinieren ihn, die Randfiguren, das scheinbar Unwichtige.
29:26Ein Intellektueller mit Sinn für raffiniertes und skurriles Entertainment.
29:31Sein Name ist eine Marke.
29:34Und die ist unverwechselbar.
29:58Die Nebenschauplätze faszinieren ihn, die wir uns nicht verletzen.
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