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00:01We are to visit Hermann Fröchtenicht.
00:04Here is my room.
00:16If you want to see the TV or talk to you,
00:21that's a lot.
00:22I don't know if the guests will be here.
00:24The guests will be here.
00:26Except for those who will be here.
00:28They will be here.
00:30They will be here.
00:31They will be here.
00:34They will be here.
00:34Was lustig klingen mag,
00:36hat einen ernsten Hintergrund.
00:38Jeden Tag fahren bis zu 17.000 Fahrzeuge
00:41am Wohnzimmer von Herrn Fröchtenicht vorbei.
00:43Ein Dauerrauschen.
00:45Mal lauter, mal leiser, Lärm eben.
00:47Und damit ist Herr Fröchtenicht nicht allein.
00:52Für diesen Film treffen wir Menschen, die unter Lärm leiden.
00:56Die deshalb Angst vor gesundheitlichen Folgen haben.
01:00Den Stress loswerden wollen.
01:04Und die, die einfach ruhiger wohnen möchten.
01:08Was macht Lärm mit uns?
01:10Wie gefährlich ist er?
01:12Und warum können sich nicht alle vor ihm schützen?
01:28Zurück in Lütgenrode, dem Wohnort von Herrn Fröchtenicht.
01:31In der Nähe von Göttingen.
01:33Dieser 400-Einwohner-Ort wirkt recht beschaulich.
01:36Auf den ersten Blick.
01:47Lütgenrode leidet quasi unter Dauerbeschallung.
01:51Einerseits die Autobahn A7.
01:54Andererseits die vielbefahrene Bundesstraße B446.
01:59Und mittendrin wohnt Hermann Fröchtenicht.
02:01Seit 63 Jahren lebt er hier.
02:03Sein Haus war schon vor dem Lärm da, erzählt er.
02:07Früher sei es viel ruhiger gewesen.
02:14Hermann Fröchtenicht ist 1950 geboren.
02:18Seine Eltern führen hier einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb.
02:23Später übernimmt er den Hof.
02:25Über die Jahre verlässt Fröchtenicht sein Zuhause nur für kurze Urlaube.
02:33Was bedeutet Ihnen das Haus?
02:35Warum ziehen Sie nicht einfach weg, wenn es zu laut wird?
02:38Man ist erdverbunden, sagt man dazu.
02:40Man hat die Erde geschmeckt, sagt man als Landwirt.
02:44Und wer einmal seine Erde geschmeckt hat, der bleibt da.
02:50Ist ja auch eine Verpflichtung.
02:52Ich habe das ja von meinem Vater geliehen bekommen, sagt man als Landwirt.
02:56Man soll es dann weitergeben und erhalten.
03:02Das heißt, ein Umzug wäre für Sie gar nicht denkbar?
03:05Sowieso nicht.
03:06Einen alten Baum verpflanzt man eh nicht.
03:11Seit über zehn Jahren kämpft Hermann Fröchtenicht gegen den Lärm.
03:14Er schreibt die zuständigen Behörden an und fordert Tempo 30 vor seiner Tür.
03:19Das würde den Lärm verringern.
03:24Noch aber dürfen Autos hier mit 50 Kilometer pro Stunde vorbeifahren.
03:31Dass etwas getan werden muss, sagt auch der Lärmaktionsplan.
03:37Städte und Gemeinden müssen so einen Plan aufstellen,
03:40wenn sie ein bestimmtes Verkehrsaufkommen überschreiten.
03:47Vor allem am Abend wäre weniger Lärm eine große Erleichterung, sagt Fröchte nicht.
03:53Wie ist das für Sie jetzt, hier zu sitzen mit der Geräuschkulisse im Hintergrund?
03:58Ja, es ist jetzt so, man will in Ruhe am Fernsehen hören.
04:02Man möchte hören, was die Leute da sprechen.
04:06Und stetig ist ein Rauschen hier im Raum.
04:10Jedes Auto, es ist nicht ganz laut, aber es ist immer ein Rauschen.
04:15Und dann kommt ab und zu eventuell ein Lkw vorbei,
04:18dann dröhnt es so richtig, dann kriegen sie das gar nicht mit,
04:22was die denn gerade gesagt haben, aber sie können ja nicht zurückspulen.
04:26Und so ist es unangenehm, sag ich jetzt mal.
04:32Wir gehen gleich schlafen. Wie ist das dann?
04:34Ja, das ist schwierig.
04:36Man kommt gar nicht richtig zur Ruhe, weil die Nebengeräusche,
04:39die hat man immer noch im Ohr.
04:41Und naja, gut, dann dauert es eine Zeit.
04:44Und in der Nacht ist das auch manchmal so.
04:46Dann fährt ein Notarztwagen durch oder sonst was.
04:49Und die fahren natürlich volle Pulle.
04:51Die brauchen ja nur zwei-, dreimal in der Nacht geweckt zu werden.
04:55Und dann schlafen sie wieder erst mal nicht ein.
05:00Eine Nacht mal wieder durchschlafen wäre schön, sagt er.
05:04Genau deshalb will Fröchtenicht weiter gegen den Lärm kämpfen.
05:09Was Fröchtenicht während der Dreharbeiten immer wieder sagt,
05:12früher sei es leiser gewesen.
05:14Doch stimmt das? War es früher wirklich leiser?
05:18Wie ist das mit dem Lärm überhaupt entstanden?
05:20Fragen wir ihn doch einfach selbst.
05:26Hier bin ich, der Lärm.
05:29Ihr fragt euch, wie ich entstanden bin?
05:31Auf jeden Fall nicht mit einem lauten Knall.
05:34Der Urknall war nämlich ziemlich still.
05:37Ich brauchte erst Raum und Atmosphäre.
05:40Meine ersten Schritte in der Natur,
05:42Wind, Blitze, Donner, Wasser.
05:46Erst dann kam der Mensch, ihr habt mich immer lauter gemacht.
05:50Im Mittelalter zum Beispiel, eure Städte wuchsen und ich mit ihnen.
05:55Dann kam ein großer Durchbruch, die Industrialisierung.
05:59Dampfmaschinen und Webstühle.
06:01Lautstärke, ein Symbol für Wachstum?
06:05Im 20. Jahrhundert wurde ich mobil.
06:08Motoren, Autos, Züge, Flugzeuge.
06:10Ich verließ die Fabriken und zog in euren Alltag ein.
06:15Es stimmt nicht, dass es früher immer leiser war.
06:18Aber durch euren hektischen Alltag bin ich inzwischen fast überall.
06:22Ich bin dichter geworden, es gibt weniger Rückzug für euch.
06:27Manche nennen mich Fortschritt, andere Stress.
06:31Das bin ich also, der Lärm.
06:42Welche Folgen hat dieser Stress für uns?
06:45In Deutschland sind laut Umweltbundesamt mehr als 20 Millionen Menschen
06:49gesundheitsschädlichem Lärm ausgesetzt. Und das täglich.
06:54Wir fahren nach Mainz. Auch hier ist er vor uns da, der Lärm.
07:09Am Universitätsklinikum sind wir mit dem Kardiologen Prof. Thomas Münzel verabredet.
07:14In fünf Sekunden.
07:17Er forscht seit Jahren zu den Auswirkungen von Lärm auf das Herz-Kreislauf-System.
07:22Sein Fokus, die Auswirkungen von Lärm in der Nacht.
07:26Wie reagiert unser Körper, wenn Lärm uns aufweckt?
07:30Um uns das zu demonstrieren, wird ein Proband heute Nacht mit Verkehrslärm beschallt.
07:35Bevor es losgeht, werden Blutdruck und Gefäßfunktion gemessen.
07:41Also das ist jetzt praktisch die wichtigste Methode unserer Studie, wo wir versuchen herauszufinden,
07:47inwieweit Fluglärm bzw. Straßenlärm oder Schienenlärm in der Lage sind,
07:52die Gefäßfunktionen von gesunden Medizinstudenten zu beeinflussen.
07:57Sie werden ja über Nacht mit Lärm beschallt, 30 oder 60 Ereignisse.
08:03Und wichtig ist, dass man vor und nach Beschallung diese Gefäßfunktion misst.
08:09Die Gefäße des Probanden sind gesund, noch.
08:13Die Erwartungen des Forschungsteams, Lärm wird seine Gefäße verengen.
08:18Langfristig kann das gefährlich werden.
08:22Das Wichtige ist, dass das Lärm extrem schädigendes Potenzial hat für unser Herz-Kreislauf-System.
08:29Und das Problem ist, dass Lärm in unserer Gesellschaft nicht als Herz-Kreislauf-Risikofaktor anerkannt wird,
08:35dass es einfach dramatisch unterschätzt wird.
08:38Obwohl die Literatur eindeutig zeigt, dass durch chronisch Lärm mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen entstehen können
08:44oder dass Lärm in der Nacht akut Herzenfarkt-Todesfälle triggern kann.
08:49Also das ist das, was wir versuchen über unsere Forschung in das Bewusstsein der Menschen gelangen zu lassen.
08:57Wenn wir in diesem Film von Lärm sprechen, was meinen wir damit überhaupt?
09:02Lärm ist erstmal nichts anderes als ein störendes Geräusch.
09:05Wie laut ein Geräusch ist, messen wir in Dezibel.
09:09Das Besondere, jede 10 Dezibel mehr, empfinden wir als doppelt so laut.
09:14Zum besseren Verständnis, ein Wald ist ungefähr 30 Dezibel laut.
09:19Eine Hauptstraße ungefähr 70.
09:22Das wirkt nicht nur rund doppelt, sondern sogar 16 Mal so laut wie der Wald.
09:30Die Europäische Umweltagentur sieht schon ab durchschnittlich 55 Dezibel Gesundheitsrisiken durch Verkehrslärm.
09:41Das ist übrigens Patrick Vohs. Er hat bei Professor Münzel promoviert, war Teil des Forschungsteams für die Lärmstudie.
09:53Wie lärmempfindlich sind Sie denn sonst?
09:55Ich bin tatsächlich sehr lärmempfindlich. Also ich brauche wirklich eine sehr ruhige Umgebung, um gut schlafen zu können.
10:04Keine guten Voraussetzungen also für eine erholsame Nacht.
10:08Zumindest dann nicht, wenn man mehrmals durch simulierten Lärm gestört wird.
10:13Patrick Vohs bereitet sich auf das Experiment heute Abend vor.
10:31Und das kommt halt 60 Mal pro Nacht.
10:34Ich fand das jetzt gerade gar nicht so leise.
10:38Wie oft wird Patrick Vohs wohl vom Lärm aus dem Lautsprecher wach?
10:42Welche Spuren wird diese eine Nacht bei ihm hinterlassen?
10:46Das erfahren wir später.
10:56Das Wichtige ist, dass durch den Lärm in der Nacht der Schlaf gestört wird und dadurch natürlich mehr Stresshormone ausgelöst
11:03werden.
11:04Man hat zum Beispiel dann das Fluglärmgeräusch, über das man sich auch noch ärgert, was weiter stressverstärkend wirkt.
11:10Und im Endeffekt ist es so, dass diese Stresshormone, die freigesetzt werden, diesen Gefäßschaden hervorrufen.
11:20Münzel hat viel zu Fluglärm geforscht.
11:22Der enorme Stress, den gerade dieser Lärm verursacht, ist für die Gesundheit der Menschen besonders gefährlich, sagt er.
11:36Gerade kommt eine Maschine auf die Startbahn. Wir gucken mal. Das ist der Lufthansa-Flug nach Frankfurt.
11:46Das ist Renate Wilhelms.
11:51Nach Wien.
11:59Dann kommt er nach Istanbul noch hinterher.
12:02Eigentlich wollte sie gerade in Ruhe spazieren gehen.
12:06Oh, eine Eurowings nach Hamburg.
12:09Die ist aber schon so ein bisschen hier abgebogen.
12:12Die ist nicht direkt über die Messstelle geflogen.
12:14Hat schon ein bisschen abgedreht.
12:17Wahrscheinlich in der Nacht angekommen, weil sie in Hamburg nicht mehr landen konnte.
12:22Ihr Wohnort in der Nähe von Hannover könnte recht idyllisch sein.
12:26Wäre da nicht diese eine Sache.
12:32Da oben ist er.
12:41Frau Wilhelms sagt, den Flugverkehr verfolgt sie auch deshalb, um zu wissen, wann sie wo am besten Ruhe findet.
12:50Zu Hause ist es mit dem Fluglärm oft noch schlimmer, erzählt sie.
12:54Direkt über ihrem Haus starten und landen Flugzeuge.
12:57Und das rund um die Uhr.
12:59Denn am Flughafen Hannover-Langhagen gibt es kein Nachtflugverbot.
13:08In vielen Räumen sind vom Flughafen bezahlte Schallschutzfenster eingebaut.
13:12Den Tagesablauf passt sie oft an den Flugverkehr an.
13:16Frau Wilhelms tut viel, um mit dem Lärm zurecht zu kommen.
13:19Immerhin ist ihr Zuhause altersgerecht. Sie und ihr Mann wollen hierbleiben.
13:24Doch vor allem nachts wird das Fliegen zum Problem.
13:27Zerdürfen dann nur noch Flugzeuge mit niedrigeren Lärmwerten fliegen.
13:30Doch auch von diesen wird sie regelmäßig wach.
13:34Wenn ich durch Fluglärm aus dem Schlaf gerissen werde, dann macht mich das in dem Moment aggressiv.
13:42Und wenn ich dann aufstehe, geht der Blutdruck hoch, mir wird schwindelig.
13:48Und ich versuche dann ganz langsam aufzustehen, halte mich erst an der Fensterbank fest, bis ich gerade gehen kann.
13:55Und dann, dass der Kreislauf so langsam sich wieder normalisiert.
14:00Was unternehmen Sie denn konkret dagegen?
14:03Ich schreibe Beschwerden. Ich schreibe Fluglärmbeschwerden.
14:07Man versteht nicht, warum ich diese Beschwerden schreibe beim Fluglärm.
14:12Es ist doch alles innerhalb der gesetzlichen Grundlagen. Ist es ja auch.
14:16Aber die gesetzlichen Grundlagen sind für mich in dem Maße nicht maßgebend.
14:22Die sind für mich, weiß ich nicht, die passen nicht mehr in die Zeit.
14:29Nachts dürfen hier nur Flugzeuge starten und landen, die bestimmte Grenzwerte einhalten.
14:34Doch genau diese sind für Frau Wilhelms nicht ausreichend.
14:37Das sieht übrigens auch die Weltgesundheitsorganisation so und warnt vor nächtlichem Lärm über durchschnittlich 40 Dezibel.
14:46Renate Willems ist kein Einzelfall.
14:48Auf dieser Karte hat das Datenteam des NDR berechnet, wo die meisten Menschen unter Lärm leiden.
14:55Je größer der Kreis, desto mehr Lärmgeschädigte.
14:59Besonders laut sind Großstädte wie Hamburg und Bremen.
15:03Aber auch Garbsen, wo Frau Wilhelms lebt, ist einer der am stärksten von Lärm betroffenen Orte in ganz Norddeutschland.
15:15Es ist Abend geworden bei Frau Wilhelms.
15:18Wie wird die Nacht heute?
15:21Wird sie zur Ruhe kommen?
15:23Wie oft werden die Flugzeuge sie wecken?
15:27Ich habe dann Sorge, wenn ich ins Bett gehe, dass ich dann nicht gleich einschlafen kann.
15:33Wenn ich nicht gleich einschlafen kann, stehe ich wieder auf, wechsle den Platz, gehe aufs Sofa, lese,
15:40warte darauf, bis die Müdigkeit mich wieder erwischt und versuche dann wieder einzuschlafen.
15:54Nicht einschlafen können und immer wieder aufwachen, weil der Lärm ihr in der Nacht zu laut wird.
16:00Der nächtliche Flugverkehr in Hannover ist in den vergangenen 20 Jahren um fast ein Drittel angestiegen.
16:05Laut eines Gutachtens der Landesregierung wird er weiter zunehmen.
16:12Und was sagt der Flughafen Hannover?
16:14Er teilt uns mit, dass man sich nicht an der WHO-Empfehlung orientieren werde.
16:18Da sie nicht auf einen Gesundheitsschutz, sondern auf ein umfassendes Wohlbefinden abziele.
16:25Den WHO-Grenzwert einzuhalten, hätte laut Flughafen eine Entvölkerung ganzer Landstriche zur Folge.
16:32Das niedersächsische Wirtschaftsministerium äußert sich ähnlich.
16:35Es gehe neben dem Gesundheitsschutz auch um die aktive Wirtschaft in der Region.
16:44Wird Lärm als Problem unterschätzt?
16:47Als wir noch Jäger und Sammler waren, gab es nur die Geräusche der Natur.
16:52Plötzliche Geräusche bedeuteten oft Gefahr.
16:55Das Gehirn schaltete auf Alarm, angespannte Muskeln, höherer Herzschlag, Stress.
17:01Das war damals wichtig zum Überleben.
17:04Heute macht Lärm dasselbe mit unserem Körper.
17:07Nur, wir leben in einer völlig anderen Welt.
17:10Einer, die selten leise wird.
17:12Straßenverkehr, Flugzeuge, Züge.
17:16Das Problem, unser Körper reagiert auf Lärm immer noch wie in der Steinzeit.
17:20Wir schütten Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol aus.
17:24Unser Puls und Blutdruck steigen.
17:28Langfristig macht Lärm uns krank.
17:35Wenn Orte ohne Lärm immer weniger werden, wie erleben wir dann die Stille?
17:50Wir sind im Norden Hamburgs.
17:53Renate geht jeden Tag in diesem Wald spazieren, für die Bewegung.
17:57Vor allem aber, um dem Lärm in ihrer Wohnung zu entkommen.
18:00Sie will übrigens nur beim Vornamen genannt werden.
18:06Ich höre eine Krähe, ich höre vom Spielplatz Kinder lachen.
18:12Und irgendwo ganz hinten höre ich das Rauschen von Hamburg.
18:18Also es ist kein Lärm, sondern das ist das Rauschen.
18:21Ich meine, ich wohne in einer Stadt, da sind immer Geräusche.
18:25Aber zwischen Lärm und Geräuschen ist ein Unterschied.
18:31Und hier höre ich Geräusche und das ist in Ordnung.
18:38Was ist der Unterschied zwischen Lärm und Geräusch?
18:41Geräusche suche ich, die mag ich.
18:43Die will ich auch nicht unbedingt abstellen.
18:46Lärm will ich beenden, da will ich weg.
18:48Das ist doof, das ist störend, im schlimmsten Fall macht es krank.
18:54Renate hat früher als Psychologin gearbeitet.
18:57Sie ist sich daher bewusst, welche Schäden Lärm auslösen kann, auch bei ihr.
19:06In Hamburg sind laut einer Berechnung des NDR-Datenteams
19:10mehr als eine halbe Million Menschen von gesundheitsschädlichem Lärm betroffen.
19:14Das ist fast ein Drittel der Stadt.
19:33Wir sind in Renates Wohnung.
19:37Sie lebt an einer vierspurigen Hauptstraße und erzählt, der Verkehrslärm ist in den vergangenen Jahren immer schlimmer geworden.
19:49Wie hört sich das an, wie würden Sie das beschreiben?
19:53Es ist einfach permanent da. Es ist einfach da.
19:57Wenn ich da ein Gefühl dran hängen kann, dann ist es irgendetwas mit nervig.
20:04Ja, nervig.
20:09Renate erzählt, sie braucht für ihre Gesundheit eine ruhige Umgebung.
20:14Vor mehreren Jahren hatte sie Krebs. Heute kämpft sie mit einem Herzleiden.
20:19Ich habe eine schwere Operation hinter mir. Ich muss ständig Medikamente nehmen.
20:24Und deswegen bin ich hinter dem Thema Schlaf auch her.
20:30Weil Schlaf ist enorm wichtig, um zu regenerieren.
20:33Und wenn das nicht funktioniert, also wenn der Schlaf nicht funktioniert, dann ist das für mich ein Risiko.
20:43Dem Lärm kann sie in der Wohnung schwer entkommen. Sie hat aber Wege gefunden, um ihn etwas besser auszuhalten.
20:54Die Geräusche der Natur beruhigen sie, erzählt sie. Selbst wenn darunter noch der Verkehrslärm zu hören ist.
21:06Ich habe herausgefunden, je schriller ein Vogelgesang, desto besser überdeckt es.
21:13Ja, und so habe ich hier, ich weiß nicht, das sind glaube ich 204 Songs.
21:20Den Lärm lässt das allerdings nicht verschwinden.
21:24Renate war alleinerziehend.
21:26Vor knapp zehn Jahren ist sie umgezogen, weil ihre Wohnung im Alter absehbar zu teuer geworden wäre.
21:33Diese Wohnung zu finden, war für sie damals ein Glücksgriff.
21:38Heute merkt sie, dass der Lärm an ihrer Gesundheit nagt.
21:43Warum ziehen Sie dann nicht um und suchen sich eine ruhigere Wohnung?
21:49Scherzfrage, ne?
21:51Hamburg, Mieten, kleine Rente.
21:54Man kann Lärm nicht ausweichen.
21:57Und wer einen Lärm krank macht, man kann dem nicht ausweichen.
22:00Dann kann man einer Krankheit, einer Erkrankung, einer potenziellen Gefahr nicht ausweichen.
22:06Das ist das Ungerechteste, was es überhaupt gibt.
22:11Wenn Geld, also je nachdem wie voll der Geldbeutel ist,
22:16wenn das darüber entscheidet, wie gesund wir sind.
22:22Entscheidet das Einkommen darüber, ob sich Menschen vor Lärm schützen können?
22:27Wir bleiben in Hamburg.
22:29Diesmal sind wir im Osten, in Jenfeld.
22:31Einer der einkommensschwächsten Stadtteile.
22:34Lärm spielt hier auf ganz unterschiedliche Weise eine Rolle.
22:47Wir sind mit drei Kindern unterwegs.
22:51Mila ist neun Jahre alt, Mina in der Mitte 13 und Amina ist elf.
23:04Soll ich dich checken?
23:10Bei uns gibt es sehr viele Menschen, die immer noch Bälle anzünden.
23:16Also, das war ja Silvester und dort haben sehr viele Bälle anzünden.
23:24Aber die machen das immer noch.
23:25Oder wenn wir schlafen, hören wir Bälle, wenn wir schlafen, hören wir manchmal Lieder von den Nebenhäusern bei uns.
23:38In Jenfeld gibt es für viele Menschen wenig Rückzugsorte.
23:41Der Stadtteil ist mehr als doppelt so dicht besiedelt wie der Hamburger Durchschnitt.
23:50Mila erzählt, dass ihre Nachbarn oft so laut sind, dass sie sich nicht mehr konzentrieren kann, nicht zur Ruhe kommt.
23:58Die machen immer Musik so laut, man kann nicht mehr schlafen.
24:04Aber das ist ja immer so.
24:06Ich kann eigentlich auch nie schlafen.
24:11Aber was mir hilft, ist Schafe zählen.
24:15Menschen brauchen halt den Schlaf.
24:17Und wenn dann nebenbei noch man Musik hört, dann kann man nicht so gut schlafen.
24:24Ja.
24:25Oder in der Schule schlafe ich manchmal auch ein bisschen ein.
24:29Also ich mache mir Augen zu, dann höre ich nicht so viel mit.
24:35Die drei sagen, sie wünschen sich vor allem eins.
24:37Dass die Nachbarn die Nachtruhe einhalten.
24:40Nach 22 Uhr ruhig sind.
24:42Wer ist hier?
24:44Du und sie.
24:45Ich bin bei der Kohle.
24:49Was passiert, wenn schon Kinder dauerhaft im Lärm ausgesetzt sind?
24:55Die neuesten Berichte von der Europäischen Umweltbehörde hat auch gezeigt, dass mehr als 500.000 Kinder eben kognitive Störungen haben,
25:04bedingt durch den Lärm.
25:06Und das ist sicher eine Sache, die extrem besorgniserregend ist.
25:08Ist vor allem auch, weil wir glaube ich mit den Krankheitsdaten, die wir aktuell haben, das Problem nach wie vor
25:15doch deutlich unterschätzen.
25:17Also man muss davon ausgehen, dass viel mehr Kinder betroffen sind.
25:20Also auch die Kinder sind eine sehr empfindliche, verletzliche Teil unserer Bevölkerung, wie die Älteren und die Kranken.
25:29Das sind so die Bereiche, um die man sich vor allem kümmern muss.
25:34Bei dauerhaftem Lärm drohen Kindern also kognitive Störungen.
25:38Zum Beispiel Konzentrationsschwierigkeiten oder eine verminderte Gedächtnisleistung.
25:47Wenige Monate vorher.
25:48Das Hilfswerk Arche kümmert sich um Kinder aus einkommensschwachen Familien.
25:53Bis zu 120 sind täglich hier.
25:57Tobias Lucht leitet die Arche in Jenfeld.
25:59Er kennt viele Kinder und Familien aus dem Stadtteil persönlich.
26:03Wir können bestätigen, dass Familien aus den Archen, die oft eben sehr wenig finanzielle Möglichkeiten haben,
26:10bis keine ihren Wohnort nicht bestimmen können und froh sind, wenn sie überhaupt eine Wohnung finden.
26:16Wir haben auch viele Familien, die in Notunterkünften leben müssen, weil es kein Angebot für sie gibt.
26:23Und von daher ist die Lärmbelastung für Kinder aus diesen Familien automatisch höher, weil die Familie weniger Geld hat.
26:32Mila erzählt uns, dass sie gerne rausgeht, in der Natur die Stille sucht.
26:39Was macht das mit dir, wenn du in der Ruhe in der Natur bist? Wie geht's dir da?
26:43Da geht's mir viel besser, weil ich dann einfach mal Ruhe habe und weil ich mich dann einfach mal entspannen
26:49kann.
26:50Oh, hör auf mit dieser Kamera jetzt!
26:56Mila!
26:57Mila?
26:58Ich bin neun, ja.
27:00Also es trifft viele unserer Kinder, die einfach müde erschöpft und abgespannt auch hier in der Arche ankommen.
27:08Und wir haben das ganz oft, dass am Nachmittag oft dann am späteren Nachmittag Kinder auch irgendwo plötzlich einschlafen.
27:14Auch Grundschulkinder in der vierten Klasse noch.
27:16Also nicht nur die ganz jüngeren, sondern auch etwas ältere Kinder plötzlich in irgendeiner Ecke im Sportraum bei uns oder
27:23im Spieleraum liegen und schlafen.
27:25Weil sie es ja natürlich auch offensichtlich brauchen.
27:28Kommt mal alle näher!
27:29Kommt mal näher!
27:32Tobias' Lucht macht mit den Kindern immer wieder Ausflüge, raus aus dem Viertel.
27:39Leute, Leute, Leute!
27:47So, kommt mal mit!
27:55Auf die Plätze!
27:58Fertig!
28:02Man kann eigentlich zusehen, wie Kinder dann auch aufblühen in einer anderen Umgebung.
28:06Und Verhaltensweisen ablegen, ruhiger werden, sich plötzlich interessieren nochmal neu für Dinge.
28:15Man kann sich einfach hier entspannen und mit den Freunden halt ein bisschen spielen.
28:23Dort hört man einfach diese Geräusche von Natur und das fühlt sich einfach sehr gut an.
28:33Wenn Kinder dauerhaft dem Lärm ausgesetzt sind, kann das später erhebliche Folgen für sie haben.
28:40Wie schafft man es, möglichst vielen Menschen eine Chance für Stille zu geben?
28:51Wir sind unterwegs mit Mirko Bachmeier.
28:54Der Ingenieur erstellt Lärmgutachten für Bauprojekte und Wohngebiete.
28:59Heute ist Mirko Bachmeier mit uns im Hamburger Stadtteil Veddel unterwegs.
29:12Manchmal komme ich mir in der Rolle ein bisschen vor wie Robin Hood des Schallschutzes.
29:19So muss man das mal sagen.
29:21Also man kämpft gegen ganz viele, die das irgendwie alles nicht wollen und die kosten zu hoch.
29:25Und wie wir doch irgendwie Projekte gefährden würden.
29:30Dabei ist Lärmschutz für Neubauprojekte gesetzlich vorgeschrieben.
29:34Für bestehende Wohnviertel wie die Veddel gelten solche Grenzwerte häufig nicht.
29:39Ganz eindeutig hören Sie ja hier die Autobahn direkt benachbart.
29:44Und Sie hören eben, dass die hier hinter der Schallschutzwand vorkommen, dann schlagartig laut werden.
29:50Und Sie hören eben doch einen deutlichen Unterschied zwischen den Pkw und den Lkw.
29:54Die dann nochmal deutlich lauter sind.
30:01Jetzt kommen wir so auf knapp 60, 58.
30:14Das sind jetzt so 64, 65. Also jetzt um die Vorbeifahrten.
30:19Was bedeutet das noch?
30:22Na jetzt wäre es tatsächlich, wenn es so dauerhaft am Tag wäre, kommen wir jetzt tatsächlich in die anerkannte Gesundheitsgefährdung.
30:30Die Veddel ist ein Stadtteil Hamburgs, der stark von Verkehrslärm belastet ist. Etwa durch Autobahnen und Züge.
30:39Wenn Sie es leisten können, ziehen Sie dann hier nicht her.
30:42Da müssen Sie schon irgendwie viel mit dem Gebiet verbinden.
30:45Aber sonst versuchen Sie irgendwo hinzuziehen, wo es leiser ist.
30:49Fakt ist, nicht jeder laute Stadtteil ist armutsbetroffen.
30:52Fakt ist aber auch, nicht alle können sich aussuchen, wo sie leben.
30:58Laut Umweltbundesamt leben Menschen mit weniger Einkommen häufiger in einer ungesunden Umgebung.
31:03Etwa mit hohen Feinstaub- und Lärmwerten.
31:06Sich vor Lärm schützen können, ist das eine Frage der Gerechtigkeit?
31:12Macht die Stadt etwas, um dieses Ungleichgewicht zu ändern?
31:19Wir fragen bei der Umweltbehörde in Hamburg nach.
31:24Ich kann die Belastung der Menschen, die in diesen Quartieren wohnen, sehr gut verstehen.
31:29Das ist auch sicherlich schwierig.
31:32Und genau deswegen gucken wir uns ja die Verkehrsstraßen, diese Hauptverkehrsstraßen an und bemühen uns, dort die Dezibelzahl zu senken,
31:40indem wir einfach die Geschwindigkeit reduzieren.
31:42Aber wir können nicht den Leuten verbieten, durch die Stadt zu fahren.
31:46Das würde auch unsere Stadt zum Erliegen bringen.
31:50Das ist halt wirklich ein Zielkonflikt zwischen der persönlichen Freiheit, ich wähle mir mein Verkehrsmittel, ich fahre dann, wann ich
31:57möchte, den Wirtschaftsverkehr auch zu finanzieren.
32:01Denn die Wirtschaft hält unsere Stadt am Laufen, das sind die Steuergelder, die wir haben, wir müssen auch unser Geld
32:06verdienen.
32:07Und trotzdem dafür zu sorgen, dass Menschen dort auch wohnen können.
32:11Das ist echt ein ständiger Ritt auf der Rasierklinge.
32:17Ein Ritt auf der Rasierklinge. Sind Lärmschutz und Wirtschaft wirklich so schwer zu vereinen?
32:41Wie verändert uns Lärm? Was macht er mit unserem Bewusstsein?
32:47Der erste Begriff, den ich mit Lärm assoziiere, ist Hektik und Chaos.
32:54Das heißt, an so einen Grundgeräuschpegel habe ich mich, glaube ich, gewöhnt.
32:57Das ist wie so eine White Noise im Hintergrund geworden.
33:00Es ist auch traurig zu sagen, dass man sich daran gewöhnt hat.
33:04Vor allem Lärm kann auch dann schädlich sein, wenn wir uns scheinbar daran gewöhnt haben.
33:11Das ist übrigens Marlena.
33:13Für ihr Lehramtsstudium ist sie nach Hamburg gezogen und sagt, ihr war klar, dass es in einer Großstadt lauter werden
33:19kann.
33:21Die schwierige Wohnungssuche brachte sie und ihre Mitbewohnerin Melina dann dazu, an eine extrem befahrene Straße zu ziehen.
33:28An die Holstenstraße.
33:39Aus dem Dauerrauschen im Hintergrund wurde mit der Zeit ein ganz anderes Problem.
33:45Wenn die beiden gleich zu Hause sind, dann können sie den Lärm der Stadt nicht einfach hinter sich lassen.
33:53Und wenn die Nacht näher rückt, beschleicht die beiden ein unangenehmes Gefühl.
34:02Ich glaube, was eher bei mir dann so ein Punkt ist, ist das, wenn abends Sirenen da sind oder so,
34:10dass ich dann manchmal so ein unsicheres Gefühl bekomme.
34:14Weil man fragt sich dann schon irgendwie, was ist hier los, warum ist hier immer so viel Blaulicht und Sirenen.
34:25Das gibt es jeden Abend und jede Nacht, erzählt Marlena.
34:30Das nächtliche Aufwachen, das müde Sein sind das eine.
34:33Doch auch für ihre Mitbewohnerin sind die Gründe für den Lärm fast noch schlimmer.
34:40Warum sind hier so viele Sirenen? Bin ich sicher an einem Ort, wo vielleicht so viel Polizei ist und so
34:46viel Feuerwehr ist und so viel Krankenwagen sind?
34:49Es muss ja Gründe geben, warum die da sind und warum die gerufen wurden oder so.
34:53Und dass ich mich dadurch dann frage, fühle ich mich hier so sicher?
34:59Was ich mich dann frage, wenn ich das höre, ist so, wie sähe unser Energielevel oder unser Alltag aus, würden
35:06wir irgendwie besser schlafen können, würden wir erholter sein oder so, wenn es nicht so wäre?
35:10Weil wir halt jetzt schon so lange so wohnen. Wie sähe mein Leben aus oder wie erholt wäre ich nach
35:15einer Nacht Schlaf, wenn der Lärm nicht da wäre?
35:19Ich merke das voll, wenn ich bei meinen Eltern zu Hause bin, dass ich einfach entspannter schlafe, weil es einfach
35:25sehr ruhig ist, es ist viel ländlicher, es ist viel weniger Autolärm, viel weniger Lichter und so und es ist
35:31einfach irgendwie sehr viel ruhiger.
35:32Und ich merke auch da, dass ich viel entspannter bin, als ich jetzt hier bin und so und fände es
35:38schon irgendwie sehr schön, irgendwann wieder ruhiger zu wohnen und irgendwie einfach viel weniger Geräusche zu haben oder so.
35:47Irgendwann ruhiger wohnen. Es sind vor allem finanzielle Gründe, weshalb die beiden gerade nicht umziehen. Im Sommer sind sie mit
35:55ihrem Bachelor fertig, dann wollen sie sich eine neue Wohnung suchen.
36:07Wir sind zurück in Mainz. Was hat die laute Nacht mit Patrick Vohs gemacht?
36:14Hallo, guten Morgen. Hallo, bitte kommen Sie rein.
36:19Dankeschön.
36:23Wie war die Nacht?
36:25Ja, sehr wenig geschlafen. Ja, sehr erschöpft, muss ich sagen. Ja, richtig platt.
36:33Gut, also er hat gelitten. Das kann man schon mal sagen.
36:37Ein Fünf.
36:38Thomas Münzel und sein Team untersuchen, genau wie am Tag zuvor, die Gefäße von Patrick Vohs.
36:44Sie stellen fest, die Gefäße sind erkennbar enger geworden. Auch der Blutdruck hat sich deutlich erhöht, nach nur einer Nacht
36:52Lärm.
36:53Zwar sagt Patrick Vohs, er sei sehr lärmempfindlich. Doch Lärm in der Nacht kann laut Münzel allen Menschen schaden.
37:00Und wenn man sich über den Lärm noch ärgert, ist noch ein zusätzlicher Stressstimulus, der alles noch mal doch deutlich
37:06verstärkt.
37:08Nach kurzer Zeit Ruhe wird sich sein Körper von dem Experiment erholen.
37:13Was aber, wenn man sich nicht davon erholen kann? Wenn man in jeder Nacht Lärm erleben muss?
37:20Ja, ich denke, wir haben ja mittlerweile sehr gut die Stressreaktion von Lärm auf unseren Körper charakterisiert.
37:29Und wir wissen, dass wir innerhalb von 24 Stunden schon bei relativ niedrigen Lärmpegeln, das ist nochmal wichtig,
37:36wir nehmen nicht irgendwelche Lärmpegel, die extraordinär hoch sind, sondern die praktisch in der Real World eine wichtige Rolle spielen,
37:44sehen wir schon nachweisbare Gefäßschäden. Und wenn diese Erkenntnis der Wissenschaft von der Politik nicht berücksichtigt wird
37:52und nicht entsprechende Konsequenzen gezogen werden, dann geht es schon Richtung Körperverletzung, 100 Prozent.
38:00Doch das Problem in den Griff zu kriegen, ist eben auch nicht so einfach.
38:06Wir treffen Mirko Bachmeier wieder.
38:09Er ist auf dem Weg zu einem Wohnhaus an der Siebekingsallee, eine der Hauptverkehrsadern Hamburgs.
38:29Warum sind Orte wie dieser eigentlich so laut geworden?
38:34Diese Zubringer sind nach dem Zweiten Weltkrieg alle gebaut worden.
38:37Aber wir haben nach dem Zweiten Weltkrieg viel, viel weniger Verkehr gehabt, als wir heute haben.
38:42Und das heißt, die Straße gab es schon immer und der Verkehr hat sich vermutlich verdreifacht, vervierfacht oder mehr.
38:50Und eine Verkehrsvervielfältigung führt natürlich auch zu viel, viel mehr Lärm, als es früher der Fall fand.
38:57Es gibt keine Obergrenze für Lärm. Es könnte noch viel lauter sein und es gäbe immer noch keinen gesetzlichen Anspruch,
39:03hier irgendwas zu tun.
39:05Tatsächlich ist die Anzahl der Autos in Deutschland über die letzten rund 60 Jahre enorm angestiegen.
39:10Von rund fünf auf 50 Millionen, also rund zehnmal mehr.
39:16Ein Problem, die gesetzlichen Grenzwerte für Straßenlärm haben sich seit den 90er Jahren kaum verändert.
39:22Und das, obwohl die WHO heute deutlich niedrigere Werte empfiehlt.
39:28An der Lärmsituation ändern übrigens auch die Elektroautos nicht viel.
39:33Bei niedrigen Geschwindigkeiten sind sie zwar deutlich leiser als Verbrenner,
39:37doch schon ab etwa 30 bis 40 kmh spielt das wegen Reifen und Windgeräuschen fast keine Rolle mehr.
39:44Was also tun, um mehr Schutz vor Verkehrslärm zu haben?
39:49Das Team von Mirko Bachmeier war bei der Planung dieser Lärmschutzwand beteiligt.
39:56Sollen wir mal reingehen?
39:59Ja, reingehen.
40:03Ja, das ist ein schöner, toller Effekt.
40:06So, stellen wir's jetzt dran.
40:07Man bekommt kaum etwas von mir mehr.
40:12Man sieht das auch, wie viele hier so die Fenster, das kenn ich sonst gar nicht.
40:15Wenn sie an so einer viel befahrenen Straße sind, sind die hier alle auf Kipp oder teilweise so ganz auf.
40:21Früher war der Bereich zwischen den Wohnhäusern offen zur Straße.
40:26Mirko Bachmeier misst hier rund 25 Dezibel weniger als an der Straße, also bedeutend leiser.
40:33Diese Lärmschutzwand habe die Wohnungsgenossenschaft mehrere Hunderttausend Euro gekostet.
40:39Förderungen gab es keine, hören wir.
40:49Wir sind zurück in Lütgenrode.
40:52Bei Herrn Fröchtenicht und der B446, die direkt vor seinem Wohnzimmer liegt.
41:00Seit über zehn Jahren wendet er sich an die Behörden.
41:03Einige Schreiben landeten auch bei ihr.
41:07Der Bürgermeisterin Susanne Glombitzer.
41:11Sie weiß, Herr Fröchtenicht ist hier nicht der Einzige, der unter Lärm leidet.
41:17Seit mehr als zehn Jahren kämpft auch sie unter anderem für Tempo 30 auf der Bundesstraße.
41:23Das ist aber alles andere als einfach, sagt sie.
41:27Ein Problem, es gibt mehrere Zuständigkeiten.
41:32Ich finde, dass auf einer Bundesstraße, die durch einen Ort führt und diese Bundesstraße den Ort in zwei Hälften teilt,
41:40dass einfach der gute Menschenverstand auch einem sagen müsste, dass der Lärm hier eine große Rolle spielt und nicht von
41:47mir verlangt werden muss,
41:48dass ich noch tausend Sachen nachweise, um zu sagen, den Leuten geht es doch hier schlecht, jetzt mach doch was.
41:54Wir treffen sie ein paar Wochen nach unserem ersten Drehen Lütgenrode.
41:59Und siehe da, sie hat es endlich geschafft.
42:02Ein Tempolimit.
42:0430 Kilometer pro Stunde.
42:08Das ist so ein gutes Gefühl und für mich wäre es noch ein besseres Gefühl, wenn die Maßnahme auch eine
42:15tatsächliche Verbesserung bringt.
42:18Ein Bermutstropfen? Das Tempolimit gilt nur nachts. Und nur für Lkw.
42:23Es sei trotzdem ein Schritt in die richtige Richtung, sagt Glombitzer.
42:27Oder wie sehen die Anwohner das?
42:29Frau Glombitzer will direkt bei Herrn Fröchte nicht nachfragen.
42:32Hallo!
42:33Hallo!
42:33Frohes Neunscher!
42:35Frohes Neunscher!
42:36Frohes Neunscher!
42:37Also besser ist es ja noch nicht.
42:39Das ist, wenn Sie das erste Mal zum Zahnarzt gehen, ne?
42:42Er bohrt doch.
42:44Aber ich denke mal, auch am Tag, ob das da auch ein bisschen...
42:48Einige Lkw fahren auch am Tag, halten zumindest die Geschwindigkeit.
42:53Aber wieso muss das zehn Jahre dauern, ne?
42:55Das ist so, unter Credo ja auch die Kommune, Frau Bürgermeisterin, die Verwaltung, die steckt in der Zwickmühle. Die kriegen
43:02von uns Druck.
43:03Sehr schön!
43:05Jetzt haben wir erst mal die Maßnahme angeordnet bekommen und vielleicht ergibt sich daraus ja auch noch das ein oder
43:11andere an weiteren Maßnahmen.
43:14Herr Fröchte nicht sagt, nochmal würde er nicht so lange für mehr Lärmschutz kämpfen.
43:19Das habe nämlich ganz schön viele Nerven gekostet.
43:22Er findet aber auch, dass die 30er-Zone ein guter Anfang sein kann.
43:26Für mehr Ruhe, für mehr Verständnis für den Lärm.
43:31Lärm ist schädlicher als viele vermuten.
43:34Doch es können sich eben nicht alle gleich gut schützen.
43:38Umso wichtiger erscheint es, dass Lärm mehr in den Fokus rückt.
43:41Denn er ist eine unterschätzte Gefahr.
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