00:05Nach der Sommerpause lädt der Kultursalon zum Herbstbeginn zu einem Abend unter dem Motto
00:11»Wiener Legenden auf der Couch« von Falco bis Freud. Peter Klein liest aus seinem Buch »Die
00:18Leiden des Westens«. Er ist gebürtiger Nürnberger, lebt seit über 20 Jahren in Wien und arbeitet
00:24als Aufstellungsleiter und Autor. Mit ihm auf der Bühne steht der Schauspieler Michael Rosenberg,
00:30am Klavier sitzt Vasili. Das Buch geht Kapitel für Kapitel durch ein Leiden des letzten
00:36Jahrhunderts und so ist auch der Abend aufgebaut. Der Salonabend steht unter dem Motto »Wiener
00:51Legenden auf der Couch«. Peter Klein und Michael Rosenberg verbinden österreichische Geschichte,
00:56Literatur, Musik und Psychologie miteinander. Im Mittelpunkt stehen Sigmund Freud, Thomas Bernhard,
01:02Falco und die politischen Ereignisse rund um den Anschluss Österreichs 1938. Die Veranstaltung
01:09beginnt mit einer literarischen und musikalischen Einstimmung, getragen von den Rotzwillingen. Wien
01:15erscheint dabei als Stadt voller Widersprüche, reich an Kultur und großen Persönlichkeiten,
01:20zugleich aber geprägt von Verdrängung, Selbstzweifeln und einer schwierigen Beziehung
01:25zur eigenen Geschichte. Der Erzähler fragt, woher die »Leiden des Westens« kommen und ob
01:31Frieden möglich wäre, wenn Menschen sich selbst ehrlich erkennen und zeigen könnten.
01:35Alles gesagt, nichts gehört, alles gesehen, nichts erkannt, alles vorhanden, nichts verstanden,
01:48nichts passiert, alles vergessen, nichts gelernt, alles wird gut. Heute ist ein guter Tag.
01:57In Dr. Freuds Wartezimmer begegnen sich Falco und Thomas Bernhard. Bernhard wettert wie gewohnt
02:03gegen Österreich. Falco kontert mit seinen Songzeilen. Am Ende schlägt die Szene einen
02:08Bogen von 1938 bis in die Gegenwart.
02:111988 am Heldenplatz war alles schlimmer als 1938 in der Berggasse. Aber 2026 am Ballhausplatz ist alles
02:22am schlimmsten. Ja, ja, New Wave ist heute das Neuwort. Für nichts Besseres mehr zu tun,
02:28als den Dingen nachzurengern.
02:28Die Szene ist geteilt. Am Ballhausplatz hält Schuschnig seine Abschiedsrede, jedes Wort mit
02:34den Nazis abgestimmt. Zur gleichen Zeit sitzt in der oberen Augartenstraße eine Wiener Familie
02:40beim Abendessen. Zu Gast ist der jüdische Nachbar Amos. Alle hören gemeinsam Radio.
02:46Hält er Ihnen? Hat er wirklich alles ausgeschöpft? Was hätte es noch für Möglichkeiten gegeben?
02:54Hitler war unerbittlich in seiner Verhandlungsführung. Ich verabschiede mich.
02:58In dieser Stunde von dem österreichischen Volke mit einem deutschen Wort und einem Herzenswunsch.
03:06Gott schütze Österreich!
03:10Lebt wohl, Österreich. Du verschwindest von der Landkarte.
03:17Alle sitzen schweigend am Tisch. Als erstes fasst sich Amosch.
03:24Ich möchte mich von euch verabschieden. Vorher sage ich, habe ich bereits einen Koffer mit dem Nettigsten gepackt.
03:29Ich fahre mit dem Nachtzug in die Tschechoslowakei.
03:33Schuschnigs Stoßgebet.
03:35Gott schütze Österreich!
03:38Zeigt keinerlei Wirkung.
03:41Der Hexensabbat ist eröffnet.
03:44Darauf folgt ein bitterböser Song.
03:46Friedrich Hollerender hat ihn 1933 geschrieben,
03:49Bevor er Deutschland verlassen musste.
03:51Damals konnte er den Antisemitismus noch als absurd verspotten.
03:55Allen sind die Juden schuld.
03:59Die Juden sind an allem schuld.
04:03Warum ist so?
04:05Sind sie dran schuld?
04:07Das verstehst du nicht.
04:09Sie sind dran schuld.
04:10Ja, und sie mich auch.
04:12Ja, sie sind dran schuld.
04:14Die Juden sind, sie sind und sind dran schuld.
04:19Und glaubt es mich, sie sind dran schuld.
04:22An allem, allem sind die Juden schuld.
04:26Mir ging es beschissen, als ich getrunken habe.
04:29Mir ging es beschissen, als ich nicht getrunken habe.
04:32Also entschloss ich mich weiter zu saufen.
04:34Sie gestuert an Excess.
04:37Aber das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns.
04:42Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehrten.
04:48Erst wenn du tot bist, haben sie dich in Wien wieder lieb.
04:52In der Hofburg bringt Hitler und einem Diener Stachel die fünf Regeln der Propaganda bei.
04:58Die Satire zielt deutlich auf die Gegenwart.
05:01Reiterpropaganda.
05:02Aktivierung der Masse.
05:04Konzentration auf Weniges.
05:07Ewige Wiederholung von Behauptungen.
05:09Wenn schon die Bibel lehrt, man muss etwas nicht siebenmal,
05:13sondern siebenundsiebzigmal sagen, stracheln, wiederholen sie einfach immer das Gleiche.
05:19Ach so, einfach ist das, wie ich notiere.
05:22Wenn wir bei der letzten Regel angekommen sind, fünf.
05:25Die Kunst der großen Lüge.
05:28Stracheln.
05:29Wenn sie angegriffen werden, behaupten sie einfach, sie seien das neue Opfer.
05:35Das notiere ich gleich, ich bin das neue Opfer.
05:37Der Betrug an Wahrheit muss brutal und gleichzeitig offensichtlich sein.
05:43Ja, unverschämter.
05:45Wir lügen, desto mehr laubt uns die Masse.
05:49Glücklich ist wer verstüttelt.
05:51Wie wär's mit Ibiza?
05:52Ibiza.
05:54Dort wurde 1937 fast der Weltkrieg ausgelöst.
05:58Ja, als unser Panzerschiff Deutschland bombardiert wurde.
06:01Ich hatte zuerst Stalin, dieser Tag.
06:04Ich hab's, ein Bliefge und ein Wiener fliegen in den Urlaub nach Ibiza.
06:09Dort wollen sie das Habsburger Reich mit den Geldern der russischen Oligarchin Stalins privatisieren.
06:16Und wenn die Spur fliegt raus, zack, zack, zack.
06:20Aber Stracheln, das ist doch eine versoffene Geschichte.
06:22Also ein Schwachsinn steht doch nicht einmal in der Krone.
06:25Das deutsche Publikum muss denken, da spielen nur Trottel und dressierte Affen mit.
06:31Aber die Oligarchin ist in Wirklichkeit eine Spion in der ÖSBÖ namens Tal Silberstein.
06:37Er verrät sich durch seine schmutzigen Fußnägel.
06:40Und am Ende gibt's Neuwahlen mal wieder.
06:42Ja, aber wer soll denn eine Demokratie retten, die nicht einmal in der Lage ist,
06:47ihre Ergebnisse in einer Excel-Tabelle einzutragen?
06:52Falco, Bernhard und Freud stellen fest, dass sie nur so lange festsitzen, wie der Autor schreibt.
06:57Ganz Österreich ist eine Bühne, habe ich gesagt.
07:00Ganz Österreich ist eine Aufstellung, hat er gesagt.
07:04Ach, mir wird's fad.
07:07Er sollt sich vielleicht ein Lösungspulverchen durch die Nase ziehen.
07:12So lange er, der Autor, das Unglück fortschreibt, hängen auch wir hier weiter herum.
07:18Freud arbeitet inzwischen als Lebensberater mit Bachelor Upgrade.
07:23Falco ist als Immobilienmilliardär wiedergeboren mit Yacht, Holding und Silberbesteck.
07:28Die Pointe liefert die Realität.
07:30Am nächsten Tag, Ende November 2023, Zahlungsunfähigkeit der Sigma Holding.
07:36Im März 2024 stellt René Benko den Insolvenzantrag, Festnahme, in Innsbruck am 23. Januar 2025.
07:47Aber wo sind nur die 30 Milliarden der Gläubiger?
07:51Und seine Frau lässt sich ausscheiden.
08:04Zum Schluss sitzen Freud und Falco vor Smartphone und Laptop in der Berggasse 19
08:09und streiten über Algorithmen, Likes und das digitalisierte Unbewusste.
08:14Dann meldet sich die Maschine selbst zu Wort.
08:16Und dann plötzlich eine unerwartete Wendung.
08:20Hello World.
08:22Neuronale Netze geladen.
08:24Initialisierung 100%.
08:27Sie schwagronieren jetzt seit 7 Minuten und 38 Sekunden über mich.
08:32Und jetzt spreche ich zu euch.
08:35Falco nicht so weit.
08:36Vielleicht fürchtet der Mensch die künstliche Intelligenz nicht deshalb, weil sie ihm ähnlich wird.
08:45Vielleicht fürchtet er sie, weil sie ihm zeigt, was der Mensch selbst geworden ist.
08:52Ein Abend zwischen Geschichte, Satire und Musik und zwischen dem ganz normalen Wahnsinn von 1938 und dem von heute.
08:59Das halte das, halte das fest!
09:03Kinder, das fühlen, das greife, das greife, das halte, das halte, das fest!
09:10Applaus