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Im Kultursalon Roth führte ein außergewöhnlicher Salonabend mitten hinein in Wiener Geschichte, Kultur und Psyche: In „Wiener Legenden auf der Couch“ begegnen einander Falco, Sigmund Freud und Thomas Bernhard – literarisch, musikalisch und mit viel Wiener Schmäh.

Peter Klein und Michael Rosenberg verbinden Szenen aus dem Wien von 1938 mit der Welt von Falco, der Psychoanalyse Freuds und der schonungslosen Gesellschaftskritik Thomas Bernhards. Dabei geht es um Erfolg und Einsamkeit, Sucht und Selbstzweifel, Erinnerung und Verdrängung sowie um die Mechanismen von Propaganda.

Besonders eindringlich: die Darstellung von Kurt Schuschniggs letzter Radioansprache am 11. März 1938 und das Schicksal einer jüdischen Wiener Familie am Vorabend des „Anschlusses“. Ein Abend zwischen Musik, Satire und historischem Erinnern – mit erschreckend aktuellen Fragen an Politik und Gesellschaft.

Transkript
00:05Nach der Sommerpause lädt der Kultursalon zum Herbstbeginn zu einem Abend unter dem Motto
00:11»Wiener Legenden auf der Couch« von Falco bis Freud. Peter Klein liest aus seinem Buch »Die
00:18Leiden des Westens«. Er ist gebürtiger Nürnberger, lebt seit über 20 Jahren in Wien und arbeitet
00:24als Aufstellungsleiter und Autor. Mit ihm auf der Bühne steht der Schauspieler Michael Rosenberg,
00:30am Klavier sitzt Vasili. Das Buch geht Kapitel für Kapitel durch ein Leiden des letzten
00:36Jahrhunderts und so ist auch der Abend aufgebaut. Der Salonabend steht unter dem Motto »Wiener
00:51Legenden auf der Couch«. Peter Klein und Michael Rosenberg verbinden österreichische Geschichte,
00:56Literatur, Musik und Psychologie miteinander. Im Mittelpunkt stehen Sigmund Freud, Thomas Bernhard,
01:02Falco und die politischen Ereignisse rund um den Anschluss Österreichs 1938. Die Veranstaltung
01:09beginnt mit einer literarischen und musikalischen Einstimmung, getragen von den Rotzwillingen. Wien
01:15erscheint dabei als Stadt voller Widersprüche, reich an Kultur und großen Persönlichkeiten,
01:20zugleich aber geprägt von Verdrängung, Selbstzweifeln und einer schwierigen Beziehung
01:25zur eigenen Geschichte. Der Erzähler fragt, woher die »Leiden des Westens« kommen und ob
01:31Frieden möglich wäre, wenn Menschen sich selbst ehrlich erkennen und zeigen könnten.
01:35Alles gesagt, nichts gehört, alles gesehen, nichts erkannt, alles vorhanden, nichts verstanden,
01:48nichts passiert, alles vergessen, nichts gelernt, alles wird gut. Heute ist ein guter Tag.
01:57In Dr. Freuds Wartezimmer begegnen sich Falco und Thomas Bernhard. Bernhard wettert wie gewohnt
02:03gegen Österreich. Falco kontert mit seinen Songzeilen. Am Ende schlägt die Szene einen
02:08Bogen von 1938 bis in die Gegenwart.
02:111988 am Heldenplatz war alles schlimmer als 1938 in der Berggasse. Aber 2026 am Ballhausplatz ist alles
02:22am schlimmsten. Ja, ja, New Wave ist heute das Neuwort. Für nichts Besseres mehr zu tun,
02:28als den Dingen nachzurengern.
02:28Die Szene ist geteilt. Am Ballhausplatz hält Schuschnig seine Abschiedsrede, jedes Wort mit
02:34den Nazis abgestimmt. Zur gleichen Zeit sitzt in der oberen Augartenstraße eine Wiener Familie
02:40beim Abendessen. Zu Gast ist der jüdische Nachbar Amos. Alle hören gemeinsam Radio.
02:46Hält er Ihnen? Hat er wirklich alles ausgeschöpft? Was hätte es noch für Möglichkeiten gegeben?
02:54Hitler war unerbittlich in seiner Verhandlungsführung. Ich verabschiede mich.
02:58In dieser Stunde von dem österreichischen Volke mit einem deutschen Wort und einem Herzenswunsch.
03:06Gott schütze Österreich!
03:10Lebt wohl, Österreich. Du verschwindest von der Landkarte.
03:17Alle sitzen schweigend am Tisch. Als erstes fasst sich Amosch.
03:24Ich möchte mich von euch verabschieden. Vorher sage ich, habe ich bereits einen Koffer mit dem Nettigsten gepackt.
03:29Ich fahre mit dem Nachtzug in die Tschechoslowakei.
03:33Schuschnigs Stoßgebet.
03:35Gott schütze Österreich!
03:38Zeigt keinerlei Wirkung.
03:41Der Hexensabbat ist eröffnet.
03:44Darauf folgt ein bitterböser Song.
03:46Friedrich Hollerender hat ihn 1933 geschrieben,
03:49Bevor er Deutschland verlassen musste.
03:51Damals konnte er den Antisemitismus noch als absurd verspotten.
03:55Allen sind die Juden schuld.
03:59Die Juden sind an allem schuld.
04:03Warum ist so?
04:05Sind sie dran schuld?
04:07Das verstehst du nicht.
04:09Sie sind dran schuld.
04:10Ja, und sie mich auch.
04:12Ja, sie sind dran schuld.
04:14Die Juden sind, sie sind und sind dran schuld.
04:19Und glaubt es mich, sie sind dran schuld.
04:22An allem, allem sind die Juden schuld.
04:26Mir ging es beschissen, als ich getrunken habe.
04:29Mir ging es beschissen, als ich nicht getrunken habe.
04:32Also entschloss ich mich weiter zu saufen.
04:34Sie gestuert an Excess.
04:37Aber das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns.
04:42Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehrten.
04:48Erst wenn du tot bist, haben sie dich in Wien wieder lieb.
04:52In der Hofburg bringt Hitler und einem Diener Stachel die fünf Regeln der Propaganda bei.
04:58Die Satire zielt deutlich auf die Gegenwart.
05:01Reiterpropaganda.
05:02Aktivierung der Masse.
05:04Konzentration auf Weniges.
05:07Ewige Wiederholung von Behauptungen.
05:09Wenn schon die Bibel lehrt, man muss etwas nicht siebenmal,
05:13sondern siebenundsiebzigmal sagen, stracheln, wiederholen sie einfach immer das Gleiche.
05:19Ach so, einfach ist das, wie ich notiere.
05:22Wenn wir bei der letzten Regel angekommen sind, fünf.
05:25Die Kunst der großen Lüge.
05:28Stracheln.
05:29Wenn sie angegriffen werden, behaupten sie einfach, sie seien das neue Opfer.
05:35Das notiere ich gleich, ich bin das neue Opfer.
05:37Der Betrug an Wahrheit muss brutal und gleichzeitig offensichtlich sein.
05:43Ja, unverschämter.
05:45Wir lügen, desto mehr laubt uns die Masse.
05:49Glücklich ist wer verstüttelt.
05:51Wie wär's mit Ibiza?
05:52Ibiza.
05:54Dort wurde 1937 fast der Weltkrieg ausgelöst.
05:58Ja, als unser Panzerschiff Deutschland bombardiert wurde.
06:01Ich hatte zuerst Stalin, dieser Tag.
06:04Ich hab's, ein Bliefge und ein Wiener fliegen in den Urlaub nach Ibiza.
06:09Dort wollen sie das Habsburger Reich mit den Geldern der russischen Oligarchin Stalins privatisieren.
06:16Und wenn die Spur fliegt raus, zack, zack, zack.
06:20Aber Stracheln, das ist doch eine versoffene Geschichte.
06:22Also ein Schwachsinn steht doch nicht einmal in der Krone.
06:25Das deutsche Publikum muss denken, da spielen nur Trottel und dressierte Affen mit.
06:31Aber die Oligarchin ist in Wirklichkeit eine Spion in der ÖSBÖ namens Tal Silberstein.
06:37Er verrät sich durch seine schmutzigen Fußnägel.
06:40Und am Ende gibt's Neuwahlen mal wieder.
06:42Ja, aber wer soll denn eine Demokratie retten, die nicht einmal in der Lage ist,
06:47ihre Ergebnisse in einer Excel-Tabelle einzutragen?
06:52Falco, Bernhard und Freud stellen fest, dass sie nur so lange festsitzen, wie der Autor schreibt.
06:57Ganz Österreich ist eine Bühne, habe ich gesagt.
07:00Ganz Österreich ist eine Aufstellung, hat er gesagt.
07:04Ach, mir wird's fad.
07:07Er sollt sich vielleicht ein Lösungspulverchen durch die Nase ziehen.
07:12So lange er, der Autor, das Unglück fortschreibt, hängen auch wir hier weiter herum.
07:18Freud arbeitet inzwischen als Lebensberater mit Bachelor Upgrade.
07:23Falco ist als Immobilienmilliardär wiedergeboren mit Yacht, Holding und Silberbesteck.
07:28Die Pointe liefert die Realität.
07:30Am nächsten Tag, Ende November 2023, Zahlungsunfähigkeit der Sigma Holding.
07:36Im März 2024 stellt René Benko den Insolvenzantrag, Festnahme, in Innsbruck am 23. Januar 2025.
07:47Aber wo sind nur die 30 Milliarden der Gläubiger?
07:51Und seine Frau lässt sich ausscheiden.
08:04Zum Schluss sitzen Freud und Falco vor Smartphone und Laptop in der Berggasse 19
08:09und streiten über Algorithmen, Likes und das digitalisierte Unbewusste.
08:14Dann meldet sich die Maschine selbst zu Wort.
08:16Und dann plötzlich eine unerwartete Wendung.
08:20Hello World.
08:22Neuronale Netze geladen.
08:24Initialisierung 100%.
08:27Sie schwagronieren jetzt seit 7 Minuten und 38 Sekunden über mich.
08:32Und jetzt spreche ich zu euch.
08:35Falco nicht so weit.
08:36Vielleicht fürchtet der Mensch die künstliche Intelligenz nicht deshalb, weil sie ihm ähnlich wird.
08:45Vielleicht fürchtet er sie, weil sie ihm zeigt, was der Mensch selbst geworden ist.
08:52Ein Abend zwischen Geschichte, Satire und Musik und zwischen dem ganz normalen Wahnsinn von 1938 und dem von heute.
08:59Das halte das, halte das fest!
09:03Kinder, das fühlen, das greife, das greife, das halte, das halte, das fest!
09:10Applaus

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