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  • vor 4 Minuten
Gerold Rudle stand drei Jahrzehnte auf der Kabarettbühne. Mit 62 setzte er sich hin und schrieb einen Roman. „Kotzbrocken" erzählt von einem Kabarettisten, der alles verliert — und ist das Gegenteil einer Bühnennummer. Aufgenommen bei der Buchpräsentation in Wien.
Transkript
00:06Mittwochabend in der Wiener Maria-Hilfer-Straße.
00:09Im Flagship-Store von Thalia ist kein Sessel mehr frei.
00:13Der Mann, auf den hier alle warten, hat drei Jahrzehnte lang von der Bühne aus Pointen gesetzt.
00:20An diesem Abend stellt er etwas vor, das keine einzige davon braucht.
00:24Seinen ersten Roman.
00:25Herr Stagas, Sie kennen ihn bereits als Kabarettisten, als Schauspieler.
00:30Heute werden Sie ihn noch mal von einer ganz anderen Seite kennen, nämlich als Romanautor.
00:35Er hat ein furioses Debüt abgeliefert und das dürfen wir Ihnen unbedingt empfehlen.
00:51Und erschienen ist das Buch in der Edition Platin, die derzeit ein großartiges Buch nach dem anderen raushaut.
00:57Und vom Verlag darf ich jetzt den sehr bescheidenen Alfred Schierer begrüßen auf der Bühne.
01:07Gerold Rudle, 63, Kabarettist und Schauspieler, jahrelang fixe Größe im österreichischen Fernsehen.
01:15Sein Debüt heißt Kotzbrocken und erscheint in der Edition Platin.
01:19Ein Verlag, den es erst seit zweieinhalb Jahren gibt und der an diesem Abend schon sein 53. Buch präsentiert.
01:26Ich sage mal ganz schönen Abend und sage ganz herzlich, grüß Gott und freue mich, dass ihr alle da seid
01:33und zur heutigen Buchpräsentation kommt.
01:35Ich sage, Thalia, ganz herzlich Dankeschön, dass wir hier mittlerweile, sage und schreibe, schon das 53. Buch aus der Edition
01:44Platin hier präsentieren dürfen.
01:4853 klingt jetzt nicht viel, weil man jetzt weiß, dass es die Edition Platin erst seit zweieinhalb Jahren gibt, ist
01:53das schon ganz schön viel.
01:54Und wir freuen uns, dass wir immer wieder hier zu Gast sein dürfen.
01:58Vor der Präsentation lag der Andruck in der Druckerei, dann hielt Rudle das fertige Buch in Händen.
02:03Das Gefühl dabei, sagt er, war zweischneidig.
02:07Also wenn du es ganz ehrlich wissen willst, das ist sehr zweischneidig, weil auf der einen Seite ist es ein
02:13so unpackbar geiles Gefühl,
02:16weil ich einfach auch vorher nicht wusste, dass ich überhaupt schreiben kann. Das war mir eigentlich nicht klar.
02:23Und dann hast du plötzlich das fertige Werk in der Hand.
02:26Die Bücher rausbringen und übermorgen an, dann hängen wir raus, mach denn die Irrschtel da bitte dazwischen.
02:31Ich meine, jetzt bin ich so alt.
02:34Weißt du, wenn ich 20 bin oder wenn ich jung bin und ich sage, ja, ich will jetzt auch Schriftsteller
02:39werden,
02:39dann ist das ja ein guter Weg.
02:41Aber mit 63.
02:43Gut, das hat schon so gesagt.
02:45Begonnen hat alles mit einem Ende.
02:47Im September des Vorjahres verliert Rudle seinen Platz in einer ORF-Sendung und schreibt das auf Facebook.
02:53Ich bin beim ORF, bei Was gibt's Neues rausgeflogen.
02:58Aus welchen Gründen auch immer, ich muss ganz ehrlich sagen, ich weiß es selber nicht genau.
03:02Und habe das voriges Jahr im September, glaube ich, Anfang September habe ich das auf Facebook gepostet.
03:07Einfach nur, liebe Freunde, ich werde bei Was gibt's Neues nicht mehr dabei sein.
03:10Ich weiß nicht genau warum, aber ich bin dort rausgeflogen.
03:13Und eine der Reaktionen, die ich bekommen habe, war dann die vom Alfred Schirra.
03:18Und der Alfred hat mir geschrieben, lieber Gerhard, ich weiß nicht, ob du dich noch an mich erinnerst.
03:21Wir haben vor 100.000 Jahren mal im Überreiter Verlag miteinander ein Buch herausgebracht.
03:30Diese Was gibt's Neues Geschichte ist ja furchtbar tragisch.
03:33Als Seher, als Verleger freue ich mich natürlich, weil das heißt, du hast jetzt Zeit, magst mir das Buch schreiben.
03:40Ich habe sogar eine Idee.
03:42Schiras erste Idee, ein heiteres Sachbuch über den neuen Mann, verwirft Rudle nach drei Seiten.
03:48Den Ausschlag gibt etwas anderes.
03:50Eine Kollegin hatte in Berlin Lesebühnen besucht, in Wien keine gefunden und kurzerhand selbst eine gegründet.
03:56Sie lädt Rudle ein.
03:58Und was macht eine Frau Christeck?
03:59Selber eine Lesebühne.
04:01Und da habe ich dann irgendwann geschrieben, willst du nicht nur mal zur Lesebühne kommen.
04:04Da habe ich ja immer noch geschrieben, ich habe ja nichts.
04:07Was soll ich denn lesen?
04:09Das war genau die Zeit, als der Alfred mir geschrieben hat, schreibt er was.
04:13Und dann habe ich aufgrund von Alfred und aufgrund von der Susanne mich hingesetzt und habe angefangen, diesen Roman zu
04:18schreiben.
04:20Geschrieben wurde ohne Plan und ohne festen Dienstplan.
04:23Am weitesten kam Rudle im vergangenen Oktober in einem Mini-Apartment in Grado mit seiner Frau Monika und der Hündin.
04:30Das heißt, die Monika und ich waren mit unserer Hündin dabei.
04:34Wir waren über eine Woche, glaube ich, in Grado und hatten da ein kleines Mini-Apartment vorgesehen im Oktober.
04:40Und da ist wirklich viel weitergegangen.
04:42Weil dort hatten wir so einen Rhythmus.
04:44Da sind wir aufgestanden, dann sind wir in die Stadt hineingegangen, das war ungefähr eine halbe Stunde.
04:47Dort haben wir einen Kaffee tranken und einen Kipferl gegessen.
04:50Dann sind wir die halbe Stunde wieder zockt, dann haben wir dann mit dem Hund gespült und den Hund herumgejagt
04:53und dann um den Sand getolten.
04:55Und dann sind wir mit Haub und Mantel ins Apartment gegangen.
05:00Aus.
05:00Dann bin ich gesessen und habe geschredigt.
05:02Also eine zwei, drei Stunden.
05:04Ich habe kein Plan.
05:05Ich setze mich hin und fange sofort an zu lügen.
05:12Das Spannende ist, teilweise habe ich den Roman geschrieben, teilweise hat der Roman nicht benutzt.
05:20Die ersten 30 Seiten gehen an zwei Testleser, an Rudles Schwiegermutter und an seinen Kollegen Herbert Steinböck.
05:27Dessen Urteil kommt nicht am Telefon, sondern bei einem Kaffee.
05:31Aber da hat er gesagt, also zuallererst einmal, es ist wirklich gut geschrieben, man kann es lesen.
05:38Also es ist durchständlich.
05:39Da haben wir schon gedacht, Wahnsinn.
05:42Und dann hat er gesagt, oh Gerhard, es ist so grau.
05:45Der Typ ist ein Arschloch, es passiert ihm nur Scheiße.
05:47Und ich weiß auch, Seite 20, das wird nicht besser.
05:52Wenn das nicht von dir wäre, hätte ich es längst weggelegt.
05:55Wirklich.
05:56Mach es anders.
05:58Also so kannst du es nicht machen.
06:00Und dann habe ich mir...
06:00Rudles Antwort darauf hat einen Namen, den er erst lernen musste.
06:04Lichtfenster.
06:06Lichtfenster.
06:06Stellen, an denen die Geschichte Kurzluft holt, an denen nichts Schlimmes passiert.
06:10Eine davon spielt an einem Kaffeeautomaten.
06:14Und der Kaffee sprauzelt und spritzt und der Kaffeebecher ist einfach viel zu leicht und das ist kein wirklicher Kaffee.
06:21Und man weiß schon, jetzt wird er wieder schreien und dagegen draschen.
06:25Stefan, die Hauptfigur, macht aber dann nichts.
06:27Sondern er streichelt den Kaffeeautomaten und sagt, na, was teilt auch keinen guten Tag.
06:31Und das sozusagen ist ein kleines Licht.
06:34Ich habe so viel gelernt beim Schreiben.
06:37Hauptfigur des Romans ist Stefan Steiner, Kabarettist in der Krise, im Auto auf einer Raststation.
06:44Seine Frau Elisabeth hat ihn verlassen, die Tochter Lisa meldet sich nicht.
06:49Was damals passiert ist, eine Fernsehsendung, bei der vieles schief ging, erfährt man Stück für Stück.
06:56Rudle liest.
06:57Stefan, du bist nicht der Mann, in den ich mich verliebt habe.
07:01Du bist ein Kotzbrocken.
07:04Du wirst fallen, Stefan.
07:06Und du wirst hart aufschlagen, das wird wehtun.
07:09Ich weiß das, denn diesen Fall habe ich jetzt hinter mir.
07:13Ich weiß auch, wo mein Weg hingehen wird.
07:16Weg von dir.
07:18Oder um es so zu sagen, damit du es verstehst, quasi in deinem Kabarett-Scharpe,
07:22nicht der Weg ist das Ziel, sondern das Weg ist das Ziel.
07:28Das ist zwar eine Pointe, Stefan, aber kein Witz.
07:41Das ist ein ganz anderer Gerber Rudle, als man ihn normalerweise kennt.
07:45Und das hört man da auch schon raus, denke ich mir, sehr tiefgründig, sehr berührend.
07:48Wenn du das auch so vorliest, geht das sehr nahe.
07:51Wer vom Kabarettisten Rudle ein Kabarettbuch erwartet, liegt falsch.
07:55Kotzbrocken ist kein Pointenband und keine Bühnennummer in Buchform.
07:59Dass Leserinnen und Leser überhaupt Humor darin finden, überrascht den Autor selbst.
08:04Viel Humor, finde ich, ist da gar nichts, sondern es ist ein ruhiges Buch,
08:12bei dem äußerlich vielleicht viel weniger passiert, als sich innerlich tut.
08:19Und deswegen, ich wollte eben kein Buch schreiben, wo man sagt,
08:34Trotzdem ist der Abend kein schwerer.
08:36Zwischen den dunklen Passagen steht immer wieder der Bühnenmensch
08:39und seine Frau Monika, die ihn erdet.
08:41Ich neige dazu, manchmal Dinge viel schwieriger zu nehmen
08:46und viel mehr an Dingen zu kiefeln, als eigentlich notwendig wäre.
08:52Sie sagt dann immer, man kann sich Sorgen machen, man kann sich aber auch Spaghetti machen.
09:02Stefan Steiner ist Kabarettist, 62.
09:05Rudle war 62, als er zu schreiben begann.
09:08Die naheliegende Frage stellt der Verleger.
09:10Nein, also es ist nicht alles fiktional.
09:14Es gibt durchaus Passagen drinnen, die ja durchaus auch mit mir zu tun haben.
09:23Und dann liest Rudle eine Stelle, von der er vorher sagt, die ist jetzt nicht lustig.
09:27Zurück auf der Raststation im Auto.
09:29Dann überkam ihn wieder, wie so oft, etwas, was immer wieder da war.
09:34Nie grundlos und doch sah er es nie kommen.
09:38Sein Puls begann zu rasen und er spürte, wie der Blutdruck stieg.
09:43Er atmete schneller und seine Muskeln spannten sich an.
09:47Er spürte diese heiße Welle vom Magen aus aufsteigend und hasste das, was gleich passieren würde.
09:52Er hasste auch sich dafür, aber verhindern konnte er es trotzdem nicht.
09:56Zack, er schlug aufs Lenkrad, er schlug auf den Beifahrersitz, er schlug aufs Armaturenbrett.
10:04Immer und immer wieder.
10:06Schmerz, endlich etwas Echtes.
10:08Du bist so ein Depp.
10:11Aber das war ihm zu schwach.
10:12Du widerliches Arschloch, du Folterer, du Sackblöder.
10:16Und jetzt schrie er, du Scheißkerl.
10:20Und dann brach es aus ihm heraus.
10:22Er konnte nicht aufhören zu weinen.
10:24Schluchzte dazwischen.
10:26Immer wieder schlug er auf das Lenkrad.
10:28Boxte gegen das Radio.
10:30Der Voyager war mittlerweile sein einziger Freund und er hoffte auf dessen Verständnis.
10:34Er schlug auf alles, was er erreichen konnte.
10:36Und dann schlug jemand gegen die Scheibe.
10:40Stefan schlag zusammen und legte die arme Schützeln über seinen Kopf.
10:43Das war der Tankwart.
10:45Er schüchtern fragte.
10:47Bei Ihnen alles in Ordnung?
10:50Ja, danke, danke, es geht ja gut.
10:53Diese Lüge würde diesmal niemand für die Wahrheit halten.
10:56Der Titel war nicht Rudles Idee.
10:58Sein eigener Vorschlag klang deutlich feierlicher
11:01und fiel bei Herbert Steinböck glatt durch.
11:04Erzähl die Geschichte.
11:05Warum heißt es Katzbrocken?
11:08Zufall keine Frau aus dem Buch.
11:10Kann man hier erzählen.
11:11Eine unbekannte Frau.
11:14Also, die Geschichte ist eigentlich die.
11:17Als ich mich hingesetzt habe und das Buch geschrieben habe,
11:21da habe ich mir gedacht, jetzt, wo ich Autor bin und Schriftsteller,
11:25werde ich ein Buch schreiben.
11:26Das heißt, die Stille nach dem Applaus.
11:30Jan, gemeinsam, der mir einen Buchvertrag gegeben hat,
11:33der mein Verleger ist, Alfred Schürer, ich weiß nicht, ob Sie ihn kennen,
11:38der gesagt hat, jetzt, wo ich die ersten 30 Seiten gelesen habe,
11:41ich weiß schon, wie das Buch heißt.
11:44Und ich habe gesagt, ach so, wie?
11:46Und er hat gesagt, Katzbrocken.
11:47Da war meine erste Reaktion natürlich, bist du, wo kann man von allen gucken?
11:53Beim Cover hatte der Verleger eine klare Vorstellung,
11:56und zwar die gegenteilige zum Titel.
11:58Möglich ist so etwas, weil die Edition Platin klein ist.
12:02Was wir da machen müssen, ist, wenn es Katzbrocken heißt,
12:05darf nicht das Cover auch noch Katzbrockig sein.
12:08Es muss eigentlich quasi ein, du hast damals gesagt,
12:12ein harmonisches, ruhiges Bild, wo aber vorne steht Katzbrocken.
12:16Nicht einer zu viel.
12:17Also nicht stumm viel.
12:19Ich bin zu traurig, sondern ich bin zu traurig.
12:21Den können wir nicht, und bevor ich noch fertig geredet habe,
12:24hat er ja schon den Feil gemacht.
12:25Ja, ja, klar, ist überhaupt kein Thema.
12:26Also einfach das Cover bestimmt der Autor in Absprache mit dem Verlag.
12:30Bleibt die Frage, wie die etablierte Literaturszene
12:33auf einen Kabarettisten reagiert, der plötzlich Romane schreibt.
12:37Rudle hatte Häme erwartet von Thomas Raab und Daniel Glatthauer.
12:42Ich werde Ihnen was sagen.
12:43Es war genau so nicht.
12:45Ganz im Gegenteil.
12:46Der Daniel Glatthauer hat gesagt, was?
12:48Wieso? Du musst nicht treffen uns, reden wir drüber.
12:51Und der Thomas Raab sowieso.
12:52Gib her, ich lese einmal die ersten zehn Seiten.
12:55Ich gebe dir Feedback dazu.
12:56Das ist so nett.
12:58Sowas ist so nett.
12:59Das Buch läuft.
13:00Eine Rückmeldung kommt dabei immer wieder.
13:02Und sie überrascht den Autor bis heute.
13:04Das Erstaunliche ist wirklich, dass das häufigste Feedback, das ich bekomme, ist, ich habe es fast
13:11den Abend durchgelesen in zwei Mal oder ich habe es nicht weglegen können, das Buch.
13:17Und das überrascht mich aus mehreren Gründen.
13:19Ich habe beim Lesen gelacht und geweint und in einem Tag ausgelesen.
13:23Da haben wir es wieder, in einem Tag ausgelesen.
13:26Ich bin völlig in die kaputte Welt des Protagonisten eingetaucht, für den man trotz aller seiner
13:30Abgründe und seiner Unfähigkeit, sich seinen Schatten zu stellen, so viel Mitgefühl entgegenbringt,
13:35dass man ihn am liebsten nur noch schütteln würde.
13:38Ganz genau.
13:39Finde ich total schön beschrieben.
13:41Er wird mich gedanklich noch eine Weile begleiten.
13:43Ein offenes Ende wollte Rutle zunächst schreiben.
13:46Dagegen stellten sich zwei Instanzen, seine Frau und Daniel Glatthauer.
13:50Dann hat meine Frau zu mir gesagt, ich hasse Open Ads.
14:01Ich habe mich angeschaut und sie hat mich angeschaut und hat gesagt, ich habe eine Meinung.
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