00:00Es war ein Paukenschlag. Vor wenigen Tagen erklärte der hohe Repräsentant Bosnien-Herzegowinas Christian Schmidt,
00:06dass er nicht länger für dieses Amt zur Verfügung steht.
00:10Die einen im Land, die befürchten, dass wieder Bosnien abgleitet in Ethnonationalismus.
00:14Die anderen hoffen auf ein Ende des internationalen Einflusses.
00:18Hier in jedem Fall steht Bosnien vor einer Wegscheide.
00:21Und wir haben die Gelegenheit, mit Christian Schmidt, dem hohen Repräsentanten Bosnien-Herzegowinas, zu sprechen,
00:26Bilanz zu ziehen und natürlich auch auf die derzeitige politische Situation zu schauen.
00:30Herr Schmidt, Sie hatten erklärt, dass Sie zurücktreten aus persönlichen Gründen.
00:35Dann aber auch in New York vor der UN erklärt, es ist mehr dran.
00:38Wie groß war der politische Druck?
00:40Oder ich würde anders fragen, hat Ihnen vielleicht auch letztendlich die Unterstützung der Amerikaner
00:45und auch der Europäer in der Ausführung und in der sozusagen Ausführung Ihres Mandates gefehlt?
00:52Vielen Dank.
00:53Ja, es ist nicht so, dass ich eines Morgens aufgewacht bin und gedacht habe,
00:59ach, ich könnte jetzt eigentlich mal den Job hier beenden.
01:02Der Job ist nicht beendet.
01:04Er muss auch fortgesetzt werden.
01:07Aber um Walter Scheel zu zitieren, der als Bundespräsident für seine Wiederwahl gesagt hat,
01:15unter den obwaltenden Umständen trete ich nicht mehr an.
01:19Ich kann sagen, unter den obwaltenden politischen Umständen trete ich nicht mehr an.
01:28Wir spüren ja alle, dass die politische Weltlage sich sehr verändert hat, sehr volatil geworden ist.
01:36Und Sie haben die Protagonisten bereits genannt.
01:39Bei mir sitzen im SBA, im Steeringboard, die Amerikaner, die Europäer, die Japaner, die Türken, die Briten.
01:52Und da brauche ich Unterstützung von allen.
01:55Erleben wir denn dann letztendlich auch eine neue Stierung der internationalen Politik gegenüber Bosnien?
02:01Machen Sie es konkret.
02:01Wo hat es denn dann gemangelt an Unterstützung?
02:04Die Frage ist, ob die Neujustierung der Politik findet schon ein Stück statt im Augenblick.
02:15Wollen wir Daten weiterführen oder wollen wir mit anderen Ansätzen kommen?
02:21Was ist die Rolle der internationalen Gemeinschaft?
02:23Wie es einführend gesagt wurde, da gibt es unterschiedliche Meinungen dazu.
02:28Ich muss darauf aufbauen können, dass ich einen Konsens in der internationalen Gemeinschaft habe.
02:36Den will ich erhalten.
02:37Und so paradox das klingt, ich glaube, er ist nur zu erhalten,
02:41wenn ich dann den Schritt, den ich alles andere als gewollt habe, tun muss,
02:49meinen Kopf sozusagen aus den Verhandlungen herauszuziehen und Weg freizumachen für andere.
02:57Blicken wir vielleicht nochmal auf das Thema der Rolle der USA.
03:00Die USA waren lange letztendlich auch ein Friedensgarant auf dem Westbalkan.
03:05Sie haben sich über drei Jahrzehnte hier intensiv engagiert.
03:08Haben Sie die Befürchtung, dass in diesem ganzen Prozess dieses amerikanische Engagement weniger werden wird?
03:14Und was erwarten Sie da konkret dann eigentlich von den Europäern?
03:17Das war eine Pax Americana, die nach Srebrenica und den Schlimmsten alle Ereignisse 1995
03:25dann zum Frieden und über den Dayton-Vertrag dann zu einem neuen Staat,
03:31mit einem demokratischen Staat geführt haben, mit einem Aufseher wie mich.
03:36Jetzt stellen wir fest, dass das auseinanderfleddert.
03:41Wir haben Sezessionsvorstellungen in einem Teil, im überwiegend serbischen Teil,
03:47von einigen politischen Führern dort, die das wollen.
03:51Das sind die gleichen, die noch vor ein paar Jahren Sanktionen aus Washington hatten,
03:57wegen ihres Antitätenverhaltens.
03:58Miloradodik.
04:00Miloradodik.
04:01Alle Sanktionen gegen ihn sind aufgehoben worden.
04:04Und er hat eine Lobbyfirma beauftragt, dafür zu kämpfen, dass drei Dinge geschehen,
04:12dass die Sezession, die Unabhängigkeit von dieser kleinen Republika Sapska irgendwo ermöglicht wird,
04:19dass Gerichtsurteile gegen ihn aufgehoben werden und dass ich wegkomme.
04:24Und da hat er viel Geld in diese Lobby investiert.
04:29Diese ethnonationalistischen Fragen scheinen zurückzukommen.
04:32Wie fragil ist die Situation?
04:35Die Situation ist in der Tat stabil, aber fragil.
04:38Wenn wir nicht eine klare europäische Integrationslinie mitfahren können,
04:44die sehe ich im Augenblick nicht, weil der EU offensichtlich die Instrumente fehlen.
04:50Es hilft nichts jetzt für 20 Jahre, wir sind über 20 Jahre nach dem Beitritts-Anversprechen,
04:57das die EU gegeben hat in der Solaniki 2003, jetzt die Beitrittsverhandlungen irgendwann zu beginnen.
05:06Und was dann?
05:07Die jungen Leute hier in Bosnien-Herzegowina wollen jetzt eine Entscheidung über ihre Zukunft treffen.
05:13Und wir haben leider einen riesen Braindrain.
05:16Die Dynamiken der jungen Leute zielen nach Deutschland, nach Österreich, in die EU,
05:23in andere Teile der Welt, aber nicht nach Bosnien.
05:26Und das müssen wir ändern.
05:28Das kann man nur mit einer anderen und neu gedachten Europapolitik.
05:34Ich darf das mal so deutlich sagen.
05:36Die klassische Methode funktioniert in Bosnien-Herzegowina nicht.
05:41Und ich würde schon uns vorschlagen, dass wir uns da mal hinsetzen und sagen,
05:46hey, das ist nicht, weil die das irgendwie nicht können, die können das,
05:50sondern weil manche es nicht wollen.
05:52Und das ist das Neue.
05:53Und was muss vielleicht auch die Bundesregierung tun,
05:56die auch das Amt des hohen Repräsentanten ja immer ganz klar unterstützt hat?
06:00Ja, ich bin ja immerhin von der Bundesregierung nominiert worden.
06:03Und auch Angela Merkel hat mich ja sozusagen hineinverhandelt in diese Funktion.
06:09Was brauchen wir?
06:10Wir brauchen eine klare Option, dass auch stufenweise Bosnien-Herzegowina und die Bürger
06:18einen Weg in die Europäische Union haben können, finden können.
06:22Dass wir andererseits sehen, dass dieses Land nicht von runden Tischen alleine leben kann.
06:28Was ist denn Ihre persönliche Bilanz?
06:31Was ist Ihnen vielleicht in diesen fünf Jahren nicht gelungen, wie Sie es sich vorgestellt haben?
06:36Und worauf sind Sie, dafür muss auch Zeit sein, besonders stolz?
06:41Ich bin besonders stolz, dass wir das Wahlrecht im Sinne einer Verhinderung von Wahlbetrug jetzt so verbessern konnten,
06:51dass die Wähler einigermaßen damit rechnen können, dass ihre Stimme so gezählt wird, wie sie eigentlich gedacht war.
06:58Wir werden das mit biometrischen Daten, Fingerabdruck jetzt bei den Wahlen im Oktober haben.
07:05Ich sehe, dass wir die Funktionalität des Staates, habe ich und der Entitäten, insbesondere der Föderation, verbessert, wiederhergestellt.
07:14Als ich kam, war es ein Ministerpräsident, der seit vier Jahren Geschäftsführer im Amt war.
07:21Zwei Minister waren nicht mehr da, einer auf der Flucht.
07:23Und da musste ich eingreifen.
07:25Die Menschen haben kein Vertrauen in die politische Klasse hier.
07:30Das ist zum Teil unberichtigt, zum Teil sehr berechtigt.
07:34Korruption, Nepotismus spielen eine Rolle.
07:37Das, da glaube ich, habe ich einen Beitrag dazu geleistet, dass es besser geworden ist.
07:43Das Land muss irgendwann in der Lage sein, selbstständig sich Richtung Europäische Union zu bewegen.
07:49Das sagt Christian Schmid und wir sagen ganz herzlichen Dank für dieses Interview.
07:56Vielen Dank.
07:57Vielen Dank.
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