00:06Lissabon. Strand, Sonne, Sicherheit und Lebensqualität.
00:11Die portugiesische Hauptstadt an der Atlantikküste gilt für viele Menschen als Traumstadt.
00:16Doch für Anwohner, die hier leben und arbeiten, ist genau das zum Problem geworden.
00:20Sie finden oft keine Wohnung mehr.
00:23Ich wurde aus dem Viertel verdrängt, in dem ich gelebt habe.
00:26Und inzwischen fühle ich mich, als würde ich aus ganz Lissabon verdrängt.
00:31Manche können sich selbst ein Zimmer nicht mehr leisten und enden hier, in dieser Wellblechsiedlung, trotz Arbeit.
00:38Ich will eine Wohnung, die ich mit meinem Einkommen selbst bezahlen kann. Das ist alles. Um den Rest kümmere ich
00:43mich selbst.
00:47Gleichzeitig boomt der Luxussektor auf dem Immobilienmarkt.
00:49Wie Lissabon geht es vielen Metropolen weltweit. Experten sagen, hier geht es um mehr als das Recht auf Wohnen.
00:58Wenn die Politik auf die Wohnungskrise keine Antwort findet, dann beginnt die Demokratie selbst zu bröckeln.
01:10Doch es gibt Widerstand. Wir wollen wissen, wie ernst ist die Situation wirklich? Und wem gehört diese Stadt noch?
01:26ZOP
01:39George ist auf der Suche nach einer Wohnung. Nach einer Mieterhöhung von fast 20 Prozent musste er sein altes Zuhause
01:46verlassen.
01:47Seit einem halben Jahr kämpft er sich täglich durch Anzeigen. Doch etwas Bezahlbares zu finden, ist schwierig.
01:56Ich wurde aus dem Viertel verdrängt, in dem ich gewohnt habe. Und jetzt habe ich das Gefühl, als würde ich
02:01auch aus Lissabon selbst verdrängt.
02:03Als würde mich die Stadt abstoßen und mir sagen, ich soll gehen.
02:08Und in diesem Haus hier bin ich eigentlich nur zufällig gelandet, weil die Freunde, die hier wohnen, gerade ein freies
02:14Zimmer hatten.
02:19Eine Übergangslösung, denn eigentlich wünscht sich der 43-Jährige seine eigene Wohnung.
02:25George kam 2017 von Brasilien nach Portugal, arbeitet Vollzeit in der Marketingbranche.
02:31Er verdient 2000 Euro netto und hat damit monatlich rund ein Drittel mehr als der Durchschnittsarbeitnehmer in Portugal.
02:40Hier kostet ein einzelnes Zimmer zwischen 700 und 800 Euro.
02:44Als ich nach Portugal kam, war das der Preis für eine ganze Wohnung. Heute ist das der Preis für ein
02:50einziges Zimmer.
02:56So wie George geht es vielen in Lissabon zurzeit. Seit 2020 sind die Mieten um 42 Prozent gestiegen.
03:03Ein Grund, die pittoreske Stadt ist zu einem Touristen-Hotspot geworden. Rund sieben Millionen waren es allein 2025.
03:11In Vierteln wie Alfama, die früher den Arbeitern gehörten, werden mittlerweile ein Großteil der Apartments als Ferienwohnungen angeboten.
03:19Anwohner wurden vertrieben.
03:20Der Zuzug von digitalen Nomaden hat die Situation weiter verschärft.
03:25Experten empfehlen, höchstens 30 Prozent des Einkommens für Miete auszugeben.
03:29Tatsächlich liegt der Anteil in Berlin bei 40 Prozent, in London bei 75, in Lissabon sogar bei 116 Prozent des
03:36Durchschnittsverdienstes.
03:44Doch dagegen gibt es mittlerweile Widerstand.
03:47Heute ist eine der größten Demonstrationen seit Jahren in der Innenstadt geplant. Tausende werden erwartet.
03:53Die Wohnungspreise sind extrem hoch. Im Moment können wir uns keine Wohnung leisten.
03:59Ich bekomme 1.000 Euro Rente, für Portugal nicht besonders viel. Davon muss ich 550 Euro Miete zahlen.
04:07Es ist auf jeden Fall schwierig. Ich will nicht, bis ich 50 bin, bei meinen Eltern wohnen.
04:17George ist auch dabei. Er engagiert sich seit einiger Zeit bei Porta a Porta, einer Organisation, die 2023 gegründet wurde,
04:26um für das Recht auf Wohnen zu kämpfen.
04:30Genau das ist unser Ziel. Druck auf die Regierung auszuüben, damit sie handelt und die Wohnungssituation endlich als das begreift,
04:37was sie ist.
04:38Ein nationaler Notstand. Wir glauben, dass wir gemeinsam etwas verändern können.
04:43Dass wir das, was heute wie ein Markt behandelt wird, wieder zu dem machen können, was es eigentlich sein sollte.
04:48Ein Recht. Das Recht auf ein Zuhause.
04:59Willkommen in diesem exquisiten Loft im Lissabonner Stadtteil Alcantara.
05:04Das ist eine meiner Lieblingsimmobilien, weil sie wirklich außergewöhnlich ist.
05:09Im Moment gibt es auf dem Markt eigentlich nichts Vergleichbares.
05:15Dieses Luxus-Apartment mit einem Kaufpreis von 1,4 Millionen Euro gehört zu den Angeboten der Ann Brightman Group.
05:22Die US-Amerikanerin hat sich in den letzten Jahren ein erfolgreiches Immobilienunternehmen aufgebaut, mit mittlerweile über zwei Dutzend Mitarbeitenden.
05:30Ihre Spezialität, das oberste Marktsegment.
05:35Ich würde sofort hier einziehen und drei oder vier Jahre hier leben.
05:39Und wenn ich es dann verkaufen wollte, könnte ich einen schönen Gewinn machen.
05:43Es ist wirklich ein außergewöhnlich guter Deal.
05:48Ann Brightmans Luxus-Immobilien gehen an Menschen aus der ganzen Welt.
05:52Unter anderem aus Nordeuropa, den USA und Brasilien.
05:55Sie weiß, dass die internationale Nachfrage den Markt stark verändert hat.
05:59Doch die Gründe für die aktuelle Wohnungsnot zieht sie woanders.
06:08Das Problem sind nicht die Expats, die ins Land kommen.
06:11Es geht vielmehr darum, dass die Regierung bezahlbaren Wohnraum schaffen muss, mit einfacheren und schnellen Abläufen.
06:19Und sie muss einen Teil der Bürokratie und Hürden abbauen, mit denen Bauträger zu kämpfen haben.
06:29Tatsächlich zählt Portugal mit einem Anteil von rund zwei Prozent Sozialwohnungen zu den Schlusslichtern Europas.
06:35Länder wie die Niederlande, Österreich oder Frankreich haben deutlich mehr.
06:39Das hat auch mit der Geschichte des Landes zu tun.
06:42Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Mieten in Lissabon für Jahrzehnte eingefroren.
06:46Dadurch fehlten Anreize und Mittel, in die Instandhaltung der Gebäude zu investieren.
06:522012 liberalisierte die Regierung dann den Wohnungsmarkt.
06:55Unbefristete Mietverträge wurden weitgehend abgeschafft.
06:59Und Portugal lockte ausländische Investoren ins Land, die Immobilien kauften.
07:05Für Lissabons Stadtrat Vasco Morea Rato ist klar, die Wohnungskrise ist real.
07:11Einfache Lösungen gäbe es nicht.
07:13Doch das Geld ausländischer Investoren habe geholfen.
07:16Vor ein paar Jahren war die Innenstadt von Lissabon voller Gebäude in sehr schlechtem Zustand.
07:22Oft standen sie leer oder waren von Menschen bewohnt, die keine Mittel hatten, sie zu renovieren.
07:27Heute ist die Innenstadt ein lebendiger Teil der Stadt, vollständig verändert und saniert.
07:35Damals brauchte Lissabon diese Investitionen.
07:51Dass die Regierung genug gegen die Wohnungskrise tut, davon sind die meisten hier nicht überzeugt.
07:58Tausende sind heute auf der Demonstration zusammengekommen.
08:01Auch George hat seinen Platz gefunden.
08:05Kämpfen, kämpfen. So viele leerstehende Häuser.
08:13Diese große Beteiligung zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind und dass wir nicht allein sind.
08:18Es gibt mir Hoffnung zu sehen, dass dieser Kampf wächst.
08:21Dass immer mehr Menschen zusammenkommen und auf die Straße gehen, um ein grundlegendes Recht einzufordern.
08:27Das Recht auf Wohnen.
08:28Das Recht auf Wohnen.
08:35In der Menge treffen wir Maria. Sie wird uns gleich selbst zeigen, warum sie heute hier ist.
08:43Es ist so wichtig, für das Recht auf Wohnen zu kämpfen.
08:46Wir sind hier, damit die ganze Welt mitbekommt, was es uns gibt. Damit die Menschen uns sehen.
08:54Sie lädt uns in ihr Zuhause ein, damit wir sehen, wie Wohnen in Lissabon für manche hier inzwischen aussieht.
09:02Maria wohnt in Talude, eine Wellblechsiedlung nur circa 10 Kilometer vor Lissabon.
09:08Ein paar hundert Menschen wohnen hier, zum Teil ohne fließendes Wasser, ohne Kanalisation, ohne Strom.
09:15Alle, die hier leben, arbeiten. Ich arbeite. Ich habe Kinder. Sie gehen zur Schule.
09:21Aber mein Gehalt reicht nicht einmal annähernd aus, um für mich und meine Töchter eine Wohnung zu bezahlen.
09:26Selbst eine Zweizimmerwohnung nicht. Mit dem Mindestlohn ist das unmöglich.
09:33Vor fünf Jahren kam Maria aus São Tomé, um ihren Töchtern eine bessere Zukunft zu ermöglichen.
09:39Sie wurde Reinigungskraft und verdient seitdem den portugiesischen Mindestlohn rund 800 Euro netto.
09:45Doch eine Wohnung fand sie damit nicht.
09:48Ich will keine Almosen. Ich will für das arbeiten, was ich habe.
09:54Was ich will, ist ganz einfach. Ein Zuhause, das ich mit meinem Gehalt bezahlen kann.
10:00Mehr nicht. Aber genau das kann ich in Portugal leider nicht bekommen.
10:05Wenn ich erst einmal ein Zuhause habe, kann ich mir alles andere mit meiner eigenen Arbeit erkämpfen.
10:13Statt auf der Straße zu landen, baut sie sich hier illegal aus Blech eine Hütte.
10:17Doch wie alle Anwohner ist sie im konstanten Konflikt mit der Stadt.
10:21Ihr Zuhause wurde vor kurzem abgerissen. Sie baute es danach wieder auf.
10:25Denn eine Alternative kann sie sich nicht leisten.
10:31Wenn sie unsere Häuser zerstören, zerstören sie unser Leben. Dann müssen wir ganz von vorne beginnen.
10:39Doch wie könnte die Politik Wohnen wieder bezahlbar machen?
10:42Wir treffen Helena Rosetta, eine der Mitverfasserinnen des portugiesischen Grundgesetzes von 1976.
10:48Sie hat geholfen, eins darin zu verankern, das Recht auf Wohnen.
10:52Der Werkzeugkasten der Wohnungspolitik kennt eigentlich nur vier echte Instrumente.
10:58Man baut öffentlichen Wohnraum, das braucht Zeit.
11:00Man arbeitet mit Steuern und steuerlichen Anreizen.
11:04Man subventioniert Mieten oder Bauland.
11:06Oder man reguliert einen aus dem Gleichgewicht geratenen Markt durch Gesetze.
11:14Die ehemalige Parlamentarierin hat sich lange mit dem portugiesischen Wohnungsmarkt beschäftigt.
11:19Sie weiß, was auf dem Spiel steht, sollte es so weitergehen.
11:26Wenn die Politik auf die Wohnungskrise keine Antwort findet, dann beginnt die Demokratie, selbst zu bröckeln.
11:39Wir treffen George wieder. Heute ist für ihn Umzugstag.
11:43Allerdings nicht in die eigene Wohnung. Er bringt noch mehr seiner Sachen in die Wohnung seiner Freunde.
11:48Dort wird er jetzt erstmal bleiben.
11:53Ich hoffe, dass die Zukunft echte Veränderungen bringt.
11:56Veränderungen, die nicht nur mir helfen, sondern allen, die das hier durchmachen.
11:59Nicht nur in Lissabon, sondern auf der ganzen Welt.
12:02Denn wie wir hier sehen, wird den Menschen etwas Grundlegendes verwehrt.
12:06Das Recht auf ein Zuhause, das Recht auf ein Dach über dem Kopf, das Recht in Würde zu leben.
12:14In Lissabon geht es längst nicht mehr nur darum, wie teuer Wohnen geworden ist,
12:19sondern ob diese Stadt ihren Bewohnern noch ein Zuhause sein kann.
12:22Und wie wir so gut gehen können.
12:33Vielen Dank.
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