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Alexander Kluge · Der Medienpapst aus Halberstadt
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00:01Musik
00:11Eine Stadt im Harzvorland in den 40er Jahren. Halberstadt.
00:16Wie ein roter Faden zieht sich dieser Ort durch das künstlerische Werk von Alexander Kluge.
00:23Musik
00:31Ich bin geboren in Halberstadt und das ist die Stadt, in der ich, bis ich 13 Jahre war, meine wesentlichen
00:39Erfahrungen gemacht habe.
00:41Und dieses Raster der Erfahrung, die lässt sich dann übersetzen auf alles Mögliche in der Welt.
00:47Ich bin ja neugierig auf andere Dinge als Halberstadt.
00:49Aber ich kann sie verstehen über die konkreten Erfahrungen meiner eigenen Stadt.
00:59Also von Halberstadt hat er mir immer erzählt, schon vor 50 Jahren, als das für mich irgendwie eine unbekannte Stadt
01:06in der DDR war.
01:08Und gar nicht, konnte mir das gar nicht erklären.
01:11Aber im Lauf des Lebens habe ich dann gesehen, wie wichtig das für ihn war.
01:18Halberstadt ist für Alexander Kluge der Ort einer schönen Kindheit.
01:24Aber auch der Ort eines Traumas, das ihn lebenslang verfolgen wird.
01:29Dann kommt an einem Sonntag, 8. April 1945, so ein Bombergeschwader, das eigentlich eine andere Stadt planmäßig bombardieren sollte.
01:38Aber jetzt, dort fanden sie Wolken vor, sind sie also nach Halberstadt gegangen und haben das wirklich in Brand gesetzt.
01:52Und so eine fliegende Industrieanlage, die da von oben kommt und gegen die man auch dahingehend hilflos ist, dass man
02:00nicht kapitulieren kann.
02:01Man kann kein weiße Fahner hießen, die würden das gar nicht sehen.
02:05Und die Ohnmacht im Keller, eine Grunderfahrung, die habe ich da im Moment nicht verstanden.
02:10Wir waren nur scharf, aus dem Keller rauszukommen, ja, irgendwo hin, wo viel Wasser, nämlich eine Badeanstalt, ja, zwischen uns
02:19und der Stadt liegt, dem Brand liegt, ja.
02:22Wir wollten uns retten.
02:24Übrigens fanden wir das extrem abenteuerlich, spannend.
02:28Ich wollte es am nächsten Tag meinen Mitschülern erzählen und die größte Enttäuschung war, dass keine Schule stattfindet.
02:3371 Jahre später in der Schwabinger Wohnung von Alexander Kluge.
02:38Halberstadt ist noch immer anwesend.
02:41Skulpturen aus der Heimat.
02:45Das ist ein Bischof und Sie sehen, er hat ein Salzfass.
02:51Das heißt, es ist ein Salzburger Bischof, ja.
02:54Und mein Vater hat den erworben, ja, nach 1945.
03:02Und das ist eine Madonna aus dem 12. Jahrhundert, ja.
03:06Auch aus Halberstadt von meinem Vater, ja.
03:11Die Wohnung ist ein geistiges Laboratorium, in dem der Hexenmeister Kluge seine experimentellen Kunstwerke herstellt.
03:19Seine Prosa-Texte, Studiogespräche, Drehbücher.
03:30Das ist hier ein Bild von Anselm Kiefer, ja.
03:34Es ist noch verpackt.
03:36Das werden Sie aufhängen hier.
03:38Das will ich nicht aufhängen, nein.
03:40Das kommt in irgendeine Ausstellung, ja.
03:42Ich werde es kommentieren.
03:44Ich werde einen Film dazu machen.
03:45Also die Art ist ja so, ich male ja keine Bilder, ja.
03:49Und wenn ich mit einem Künstler zusammenarbeite, dann macht er ein Bild, ja.
03:53Und ich mache dann eine Geschichte, ja, oder einen Film meist, ja.
03:57Ganz selbstverständlich wechselt er die Medien.
04:01Tempel der Ernsthaftigkeit, das wird ein Buchs werden, ja.
04:07Das ist jetzt im Januar 2008.
04:09Springt zwischen der Rolle des Filmregisseurs und der des Schriftstellers hin und her.
04:13Tempel of the Scapegoat, das kommt nur auf Englisch in New York raus.
04:17In Two Directions Verlag.
04:19Und handelt von 104 Opern.
04:21Das sind 104 Geschichten.
04:23Mehr als 30 Bücher hat er geschrieben, mehr als 30 Filme gedreht, mehr als 30 Preise bekommen.
04:30Begonnen hat er einst im Aufbruch des neuen deutschen Films, neben Regisseuren wie Volker Schlöndorf.
04:38Alexander Kluge wird für mich immer der junge Mann bleiben, der er 1965 war, als ich ihn kennengelernt habe.
04:48Er war sehr, sehr jugendlich, sehr jungenhaft, fast bubenhaft.
04:55Immer erinnernd an das Kind, das er mal gewesen ist, worauf er ja auch seine Gesprächspartner immer festnagelt.
05:05Nicht interessiert an häuslichem Wohnen, also das ist ein Sammelsurium von irgendwelchen Sofa, einer bürgerlichen Lampe, die wahllos in einem
05:16Raum stehen.
05:17Der Raum, auch in der Wohnung, war nur zum Arbeiten da.
05:22Und ein wahnsinnig schneller, wacher Geist, der das Gegenüber sofort in ein Gespräch einbezieht.
05:35Er schreibt ja ungefähr jeden Tag ein Buch.
05:38Inzwischen kann er nicht mehr aufhören.
05:40Ja, jetzt inzwischen sitzt ihm ja die Faust im Nacken.
05:45Er schrieb eigentlich immer.
05:49Er schreibt immer.
05:51Ob er das immer verwendet, weiß ich nicht.
05:53Aber ich kenne ihn nur schreibend.
05:59Er kann aber auch entspannen.
06:01Also man kann auch mit ihm, also wir können auch, weil er redet ja wie ein Buch und dadurch kommt
06:08er dann wieder in Schwung und dann kann man auch darüber irgendwann lachen.
06:12Ja, also wir können auch zusammen lachen.
06:16Mit einem Paukenschlag trat er 1964 als Regisseur hervor, mit dem Film Abschied von gestern.
06:24In schnörkellosem, kaltem Realismus erzählt er die rätselhafte Leidensgeschichte einer jungen jüdischen Frau, die durch die Aufs und Abs der
06:32deutschen Geschichte geworfen wird.
06:33Nazi-Zeit, DDR, dann das bundesdeutsche Nachkriegswirtschaftswunder.
06:38Dort gerät sie durch einen Ladendiebstahl in die Mühlen der Justiz.
06:43Zum ersten Mal seit 1941 erhielt ein deutscher Film auf den Filmfestspielen in Venedig einen offiziellen Jurypreis.
06:52Abschied von gestern.
06:54Gegen die zurzeit berufslose Anita G., geboren am 2.04.1937, zurzeit ohne festen Wohnsitz, ledig nicht vorbestraft, wird das
07:02Hauptverfahren vor dem Amtsgericht in Braunschweig eröffnet.
07:04Legen Sie die Hände hier ruhig auf den Tisch und seien Sie ganz ruhig.
07:08Sie mussten sich doch sagen, dass das auffallen musste.
07:11Nur Sie konnten diese Weste oder Jacke weggenommen haben.
07:15Haben Sie den gefroren?
07:16Ja.
07:17Aber es war doch Sommer.
07:18Ich friere auch im Sommer.
07:19Das ist aber nach der Lebenserfahrung ungewöhnlich.
07:23Sie mussten sich doch sagen, dass diese Wolljacke nicht in Ihrem Besitz bleiben würde.
07:27Das Publikum hat mir direkt reagiert.
07:30Und das ist alles ein bisschen ungewohnt für das Publikum gewesen.
07:34Aber so ein Tango und so eine Szene über dem Flughafen Frankfurt-Main, wenn da oben die Flugzeuge fliegen und
07:44da unten sitzt Kabot, so ein Mensch, der unfriert.
07:48Die Rolle der verstörten Anita spielt Alexandra Kluge, die fünf Jahre jüngere Schwester des Regisseurs.
07:55Von nun an sind die beiden unzertrennlich.
07:58Als Jugendliche wuchsen sie nach der Scheidung der Eltern getrennt auf.
08:02Er in West-Berlin bei der Mutter, sie in Halberstadt beim Vater.
08:19Moment.
08:21Hat er von der Mutter die Tochter getrennt?
08:24Hat er von der Tochter die Mutter getrennt?
08:27Hat er einen Gefangenen nicht freigelassen?
08:29Einen Gefangenen nicht gelöst?
08:31Hat er einen Eingekerkerten das Licht nicht schauen lassen?
08:35Meine Schwester, die war ja eine Ärztin, die studierte Medizin, war eine Jungärztin.
08:43Und hatte sich gemeldet bei mir, also ein Liebhaber hatte sie verlassen.
08:48Und jetzt wollte er mir mal zeigen, dass sie auch anders kann.
08:50Und meldete sich und sagte, die Schauspieler, die ich da vorhatte, kann man vergessen, sie übernimmt die Hauptrolle.
08:58Das Team war nach kurzer Zeit überzeugt.
09:00Und dann sind wir nach Venedig gefahren.
09:03Und das war ja der erste Film seit Jutz Süß, der einen, ein deutscher Film, der einen Preis bekam.
09:12Sie, die kürzlich verstarb, war das andere Ich des Künstlers Kluge.
09:17Nicht nur als Darstellerin, auch als kritische Begleiterin seiner Drehbücher, Prosa-Geschichten und Buchprojekte.
09:25Das ist ein Stück von mir, oder ich bin ein Stück von ihr.
09:30Das ist eigentlich sozusagen, sie ist die Dichterin, ich bin der Schreiber.
09:36Und die hat dann bis 1958 bei meinem Vater gelebt und dann kam sie zu mir rüber in den Westen.
09:43Und da haben wir dann sozusagen ein gemeinsames Unternehmen aufgemacht mit Abschied von gestern und diesen Filmen.
09:50Alexandra war ja untrennbar von Alexander.
09:56Wir haben sie alle entdeckt erst in dem Film Abschied von gestern.
10:01Ich kannte sie vorher nicht.
10:03Dann aber habe ich geradezu ihre Nähe gesucht.
10:07Und habe Alexandra dann auch eine Rolle in meinem zweiten Film Mord und Totschlag angeboten.
10:14Was dann ganz anderer Typ Anita Pallenberg gespielt hat.
10:18Weil Alexander sich quergestellt hat.
10:22Ich glaube, sie wäre schon interessiert gewesen, aber ihm war sozusagen diese Konkurrenz nicht recht.
10:311966 trat eine weitere Frau in sein privates und künstlerisches Leben.
10:36Hannelore Hoger.
10:37Sie waren zeitweise ein Paar.
10:39Und Hoger war die Hauptdarstellerin in Kluges erfolgreichstem Film, Artisten in der Zirkuskuppel ratlos.
10:461966 gewannen sie damit den Goldenen Löwen in Venedig.
10:51Er hatte also ja ohne Drehbuch meistens gearbeitet.
10:56Also ich habe nie ein Drehbuch bekommen.
10:59Sondern er hatte, äh, es fing so an.
11:04Und man fing an und käme da längs oder sag mal eine Szene oder sowas.
11:09Guten Tag.
11:10Schönen guten Tag.
11:12Guten Tag, ich komme im Hinblick auf Ihr Inserat.
11:14Nee, Frau, wir rufen alle auf, die guten Willen sind.
11:16Das bin ich.
11:18Die Voraussetzung ist natürlich, dass Sie für Neues aufgeschlossen sind.
11:21Das stand schon im Inserat. Worum handelt es sich denn?
11:23Die Truppenbetreuung. Zuerst Marokko, Libyen, Thailand, zuletzt Saigon.
11:29Und was ist daran neu?
11:30Ja, meine kleine extra Nummer eingebaut.
11:32Die Artisten werfen von oben aus der Zirkuskuppel Flugblätter ab.
11:36Und was steht da drin?
11:37Frieden.
11:38Ganz allgemein?
11:39Ganz allgemein Frieden.
11:41Für Hannelore Hoger wurde dieser Film der Durchbruch in ihrer Schauspielkarriere.
11:47Beiden gefiel die Idee, mit avantgardistischem Elan das deutsche Kino zu entstauben.
11:53Also zunächst einmal bewegliche Kamera.
11:56Raus aus dem Studio.
11:58Ja, nicht?
11:59Viel zu eng.
12:00Im Studio sind ja nichts.
12:01Das sind ja Dekorationen.
12:02Die Wirklichkeit lockt.
12:03Also alle vier Elemente, Feuer, Wasser, Erde, Luft, ja, sind verfilmbar.
12:09Ja, und auch zu diesen Elementen der Wahrnehmung, der Erfahrung hin.
12:13Ja, reiche Erfahrung.
12:15Und dafür kaufen wir beim Zuschauer die Zustimmung, dass wir grotesk sein dürfen, dass wir Ausdruck haben, ja,
12:22dass wir verzerren dürfen, was die Künste eben machen.
12:26Es geht um die skurrile Idee eines Reformzirkus, in dem etwa Ratten sich gegenseitig verzehren sollen.
12:33Zirkus, damit meint Kluge auch den Literatur- und Filmbetrieb.
12:37Ja, auch den Politikbetrieb.
12:39Mit einer giftigen Collage aus Spiel- und Dokumentarelementen bindet er alles zusammen.
12:49Auch das gerade vergangene Dritte Reich.
12:53Hitler triumphiert zu dem auf Spanisch gesungenen Yesterday der Beatles.
13:04Dieses Yesterday, mich auf Spanisch, färbt anders ein, als das konventionelle Bild, ach, jetzt kommt wieder ein Hitler-Film.
13:14Ja, diesen Quotenträger muss man ja irgendwann mal unterminieren können.
13:19Ja, und wenn es um Kunst geht, ja, dann ist der Tag der deutschen Kunst neben dem Zirkus, ja, von
13:27dem der Film handelt, ja, wichtig.
13:29Und ich kann nicht direkt sagen, das Dritte Reich ist ein Zirkus, denn das wäre unwahr.
13:34Da würde ich auch den Zirkus beleidigen, ja.
13:36Außerdem sind Ernsthaftigkeit des Tötens, ja, nicht wahrnehmen, das im Dritten Reich steckt.
13:45Mit der Schaufel nach deutscher Identität graben. Wühlen in deutscher Geschichte.
13:51In dem Film Deutschland im Herbst versucht Alexander Kluge zusammen mit anderen Autoren des neuen deutschen Films eine Stimmungsbilanz.
13:59In einer Zeit, in der sich alles um Schleierentführung und Stammheim dreht.
14:0725. Oktober 1977, vor der St. Eberhardskirche Stuttgart. Staatsakt für Hans Martin Schleier.
14:18Wenn wir 1977 ziemlich erschrocken sind, einen Moment, über die bürgerkriegsähnliche, ja, Zustände beim Tod von Martin Schleier, aber auch
14:31dem Tod im Stammheim, ja,
14:33dann, und den Hass auch spüren, der jetzt plötzlich aufbricht, ja, dann ist es so, dass wenn neben mir Fassbinder
14:42und Schlöndorf und Reiz,
14:45und Bernd Sinkel, ja, und ich, und wir machen den Film Deutschland im Herbst gemeinsam, dann fühle ich mich resettet,
14:54ja, entlastet.
14:56Alexander Kluge hatte von Anfang an eine ganz klare Vorstellung, was der deutsche Film sein sollte,
15:04der junge deutsche Film und wie er anders sein sollte.
15:06Das hat uns auf der einen Seite sehr geholfen, weil er eine ganze Generation sozusagen ein gedankliches Rüstzeug mitgegeben hat
15:18und so eine Einheit für eine verschworene Gesellschaft aus uns gemacht hat, fast eine Bruderschaft.
15:26Und auf der anderen Seite, im Rückblick habe ich das Gefühl, dass er uns und den deutschen Film dadurch in
15:36eine Ecke gedrängt hat,
15:38aus der wir nie herausgekommen sind.
15:40Denn es ist ihm dadurch nicht gelungen zu wachsen und wirklich in die Filmindustrie reinzukommen
15:45und eben im großen Maßstab zu produzieren und fürs Publikum zu produzieren.
15:52Im Jahre 1970 landet ein DDR-Bürger aus Sachsen-Anhalt in München. Es ist Dr. Meht Ernst Kluge, der Vater.
16:02In West-Berlin war es zu heiß. Mit seiner früheren Frau, von der er geschieden lebt, verträgt er sich nicht.
16:09So ist er nach München abgeflogen.
16:11Der Regisseur Kluge nutzt diesen Aufenthalt zu einem seiner persönlichsten Filme, einer poetisch-humoristischen Liebeserklärung an seinen Vater.
16:23Also es wird Ihnen ja nicht entgangen sein, dass ich meinen Vater sehr liebe.
16:27Eines Tages ist der als Arzt aus dem DDR-Halberstadt. Reist er im August nach München, da ist überhaupt nichts
16:37los, und dann reist er wieder zurück.
16:39Und das haben wir porträtiert.
16:41Ein kleiner Matrose durchsegelt die, er, sein Mädchen und gibt ihr kein, das Mädchen wird.
16:56Wer hat das getan, der kleine Matrose mit seinem ...
17:08In München trifft Dr. Kluge einen Vetter aus Tübingen, einen Landgerichtsdirektor.
17:13Der Film zeigt sie als Protagonisten einer versunkenen Zeit, mit dem Habitus einer Vätergeneration, die in den 60er Jahren auszusterben
17:21beginnt.
17:22Der Vater, nationalkonservativ, seinem Beruf hingegeben, kulturinteressiert, ein Musikliebhaber.
17:32Ja, er ist ein Theaterarzt. Und ein Theaterarzt ist dazu da, wenn der Sänger sozusagen eine Erkältung hat, ja, eine
17:39Spritze zu geben, ihm so lange zuzureden, bis er auftritt.
17:43Ja, manchmal fand mein Vater, das, was er tut, ja, die alle fit zu halten und in Stimmung zu halten
17:50und übrigens Streit zu schlichten, ja, wichtiger als die Tätigkeit irgendeines Regisseurs.
17:56Und das Schönste in seinem Leben wäre gewesen, wenn der Dirigent eines Tages umfällt, ja, der Arzt versorgt ihn und
18:03er übernimmt das Orchester.
18:04Das wäre sozusagen die Utopie meines Vaters gewesen.
18:11Alexander Kluge, der selbst gerne Arzt geworden wäre, hat die künstlerischen Sehnsüchte seines Vaters zu seinem Hauptberuf gemacht.
18:20Er hat eine Vielzahl kreativer Partner, mit denen er regelmäßig arbeitet, darunter der Comedian Helge Schneider.
18:26Das ist übertrieben. Aber das sind zum Beispiel Gewänder für Helge Schneider.
18:31Ja, wenn er kommt, ja, dann wählt er sich da was aus.
18:34Das hat er sich ausgesucht oder bestellt unter dem Titel, der Kriegsminister im Pyjama ratlos.
18:42Was er da spielen will, weiß ich nicht. Und ich nehme an, dass er es auch jetzt noch nicht weiß.
18:48Das wird er improvisieren.
18:54Das reicht von Narrenkappe, ja, nicht?
18:58Was so für ihn vorbereitet ist.
19:01Mütze.
19:10Das kann man so, ohne dass es beleuchtet wird, ja, nicht?
19:16So ein Hut Napoleons.
19:20Das hat er ganz gerne mal, ja.
19:27Das ist noch original.
19:32Also der Hut, der ist jetzt schon sehr schön.
19:34Und ich brauche Tesafilm, damit ich mir Schlitzaugen machen kann.
19:37Das hält ja nicht auf der fettigen Haut.
19:40Das kennen wir, das kennen wir.
19:41Ich brauche Tesafilm.
19:44Hang.
19:45Bing hai.
19:47Nihai.
19:48Nihai.
19:49Neffe oder Schüler des Konfuzius.
19:52Ja, kann man sagen, Konfuzius Großonkel, Urgroßonkel, Konfuzius.
20:00Das ist, China jetzt auf dem Weg zur Welt macht.
20:02Da hat das eine Bedeutung.
20:03Ja, viele machen, China.
20:05Immer viele Sachen machen, ne?
20:07Pullover, Hemd, Schuhe, Auto, Koffer, Tasche, Arbeitstasche.
20:13Alles China machen.
20:14Blille, Parfüm, Ohren, Stöpsel.
20:18Alles China machen, ne?
20:20Alles China machen.
20:21Unterhemd, Oberhemd, zwischen, ähm, ähm, ähm, Karton.
20:27Alles.
20:28Schuhsohle, Nagellack, Nagellackentferner, alles China machen.
20:34Seit 1987 betreibt Kluge das Fernsehunternehmen DCTP und darin seine Magazinsendungen, in denen
20:42er frei erfundene Persönlichkeiten auftreten und diese pseudo-authentische Ereignisse erzählen
20:48lässt, wie etwa den sogenannten Bodyguard Adolf Hitlers, gespielt von Peter Berling.
20:53Mit bestechender Detailkenntnis und ungebremster Fabulierlust ziehen diese Gesprächspartner
20:59den Zuschauer in die geschichtlichen Ereignisse hinein.
21:02Man kennt ja diese Bodyguards, ja, nicht?
21:05Also SS-Leibstandarte Hitler, ja?
21:09Und das sind Spezialisten mit eigenen Ansichten.
21:12Und dass die im letzten Moment, so wie bei Felix Dahn, ja, den Hitler rausholen aus dem Bunker, ja?
21:20Damit er, wenn er schon groß Verbrechen begangen hat, auch groß auf einer Atlantikinsel in der
21:27Nähe von Atlantis untergebracht wird.
21:31Er selbst wollte sterben, möglichst schmerzlos.
21:36So tapfer war er ja nicht.
21:38Die Spritze, die er bekommen hat, war keine Todesspritze, sondern eine ganz gewöhnliche,
21:44starke Betäubungsspritze, sodass wir ihn anschließend wegschaffen konnten in einer Kiste.
21:52Die berühmte Kiste, in der man dachte, dass darin die Leiche befördert wurde, war, die Leiche war keine Leiche.
21:58Und dann Berlin-Nord, ja, über die Elbe, ja, und nach Italien.
22:05Wir sind nach Italien.
22:06Dieser Weg war ja noch frei und wurde auch frei gehalten.
22:10Das ging auch über den Vatikan, der da sehr stark mitgeholfen hat, ohne zu wissen, worum es geht.
22:17Das Spiel mit der ersponnenen Zeugenschaft ist für kluge Aufklärungsarbeit.
22:23Der Zuschauer soll auf die Probe gestellt, seine Mündigkeit soll geprüft werden.
22:27Und er soll Spaß haben an dem, was vielleicht so hätte geschehen können.
22:32Sie müssen ja irgendwie den Muskel des Unterscheidungsvermögens üben.
22:37Wenn ich Ihnen alles vorkaue und alles, dann übt sich in Ihnen nichts, ja, nicht?
22:42Dann gehen Sie eben an den einen Wasserhahn und da kriegen Sie die Wahrheit und in den anderen, da kriegen
22:48Sie die Lüge, ja, oder die Illusion, ja.
22:52Das gibt es aber gar nicht.
22:53Denn wenn Sie in einer konkreten Situation als Mensch etwas erleben, sind Ihre Wünsche doch anwesend, ja.
23:00Sie sind immer zwei Menschen, ja, der Mensch der Wünsche, des Subjekts, ja, und der Mensch, der, wenn er gegen
23:09eine Wand rennt, spürt, dass es schmerzt.
23:11Das heißt, Sie sind in der Objektivität drin.
23:14Dann holt er sich so ein paar Kostüme zusammen, die er mir dann oben hängt und ich muss es dann
23:20aufsetzen.
23:21Es ist alles improvisiert, alles, ja.
23:25Und dann erzählt er mir so beim Drehen, also du bist jetzt das und das oder das und das und
23:32so.
23:33Dann erzählt er mir fünf Minuten vorher, was da so los ist oder sag mal, also, ja.
23:41Das entsteht eigentlich, er erzählt mir eine Figur, von der ich meistens nichts weiß und dann rede ich drauf los
23:53und er schneidet das dann zusammen.
23:55Wie spielen Sie den Napoleon?
23:58Nicht wie in kleinwüchsig.
23:59Und außerdem?
24:01Mit der Hand vorne im Rockspielchen.
24:07Mächtige Tiere.
24:10Große, mächtige Tiere.
24:12Also, aber sie haben eine sehr, sehr empfindliche Haut, was man ja gar nicht so denkt.
24:17Die Elefantenhaut, die ist nicht so dick, wie man denkt.
24:20Ihre Vorfahren und Väter, die erseits, waren schon mal in Jerusalem.
24:24Ja, gleich beim ersten Mal im Jahre 1099.
24:30Wenn ich jetzt Handel-Rohoga frage, Sie sind Äbtissin, also dem Herzogin von Mecklenburg, in dem Kriegslazarett in Jerusalem 1917.
24:40Ja, nicht?
24:41Und dann fängt die an zu erzählen.
24:43Wir hatten gehofft, dass wir das Weihnachtsfest hier verleben.
24:47Ursprünglich wollten wir den Suezkanal erobern.
24:49Aber das ist anders gekommen.
24:52Wie Sie sehen, packen wir zur Flucht.
24:58Lange vor der heutigen Fake-Schwemme experimentiert Alexander Kluge offensiv mit seinen listigen Fake-Inszenierungen,
25:06an denen alle Helge Schneider, Peter Berling und Hannelore Hooger bereitwillig teilnehmen.
25:14Er erzählt mir dann was und ich fange dann an zu quasseln.
25:19Und wenn es nicht weiter geht, wenn wir aufmachen, wir breaken und dann fängt er vor vorne an.
25:27In dem Dramatiker Heiner Müller hat Alexander Kluge einen Wunschpartner, mit dem er eine Serie von Fernsehgesprächen führte, die legendär
25:36wurden.
25:37Ihr gemeinsamer geistiger Vater ist Berthold Brecht, der Lakoniker, der den Spaß am Denken postuliert.
25:44In ihren Gesprächen geht es um Themen wie Theater, Friedrich von Preußen und um das Rendezvous mit dem Tod,
25:51an das Müller sich erinnert, nachdem er gerade eine Krebsoperation überstanden hat.
25:58Gerne geht es auch hier um scheinbar Nebensächliches, um die Philosophie des Rauchens etwa.
26:05Sag mir nochmal, wenn du rauchst, dein Arzt hat dir gesagt, du sollst ruhig rauchen.
26:13Und was ist das?
26:19Du, es ist immer ein Genuss. Es schmeckt gut.
26:25Und die Lunge hat keine Geschmacksorgane, also man braucht das nicht in der Lunge.
26:30Die Geschmacksorgane sind in der Mundhülle am Gaumen.
26:36Und wahrscheinlich ist es ein Vehikel für die Stoa.
26:44Wenn man raucht, es gibt bei Brecht im Ui so einen Satz.
26:49Wer raucht, sieht kaltblütig aus.
26:53Und wer raucht, wird kaltblütig.
26:56Vielleicht ist es das.
26:57Er kommt immer wieder angereist.
26:59Und dann gibt es sozusagen, da steht die Flasche mit Whisky, das braucht er zum Befeuchten der Kehle.
27:07Und dann raucht er ziemlich, das ist eine Kommentarform.
27:10So wie Trump mit den Händen redet, so redet seine Zigarre.
27:16Dass er langsam zieht, kurz zieht, diese Asche wird länger und so.
27:22Beide, Müller wie Kluge, kommen aus Mitteldeutschland.
27:26Aus dem Land der Bauernkriege, wie sie sagen.
27:29Und beide lieben die kühnen Gedankensprünge.
27:32Das überraschende Verknüpfen von Ideen.
27:34Tagespolitisches steht neben Kulturgeschichte.
27:38Alles gehört zusammen.
27:42Seine jüngsten Videoarbeiten, scheinbar zusammenhanglose Bilder.
27:48Ein Orchester, Flüchtlinge, Donald Trump.
27:54Doch hier werden die Grenzen der Zivilisation abgetastet.
27:57Kluges Filmkompositionen sind eine Aufforderung an den Betrachter, die widersprüchlichen Ausschnitte der Welt zusammenzudenken.
28:07Ein aktuelles Video.
28:10Immigration als düstere Kulturgeschichte.
28:14Was ich da hauptsächlich mache, ist Konstellationen herstellen, Reibung zulassen.
28:22Man nennt das Montieren, Montage.
28:26Eine andere Videomixtur.
28:29Afrikanische Lehmverarbeitung, Walfang, Sternenbanner und wir Europäer.
28:35Ich bin Beobachter.
28:37Ich sammle.
28:39Heiner Müller sagt, das Poetische heißt sammeln.
28:43Insofern werden die Brüder Grimm in meinen Augen und in seinen Augen die besseren Poeten gegenüber einem,
28:49der sich aufbläst und sagt, ich kann das Laub im Herbst besonders gut beschreiben.
28:58Seit einem halben Jahrhundert ist er eine Institution im geistigen Leben Deutschlands.
29:04Er kollagiert und montiert unbeirrt seine verstörenden Geschichten,
29:09deren Ausgangspunkt einmal das Bombardement in Halberstadt war,
29:13und die dann die letzten Jahrhunderte unters Mikroskop legen.
29:19Die Nebenschauplätze faszinieren ihn, die Randfiguren, das scheinbar Unwichtige.
29:26Ein Intellektueller mit Sinn für raffiniertes und skurriles Entertainment.
29:31Sein Name ist eine Marke.
29:34Und die ist unverwechselbar.
29:39Sein Name ist eine Marke.
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