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  • 6 minutes ago
7 Tage · Handy, Sucht und Klinik

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00:01Dieses kleine, ja, Scheißgerät frisst unsere Lebenszeit.
00:05Es ist oft das erste, das wir morgens angucken und abends natürlich das letzte.
00:09Like, wer kennt.
00:10Justina ist eine von uns. In krass.
00:13Sie lag die letzten drei Jahre fast nur im Bett und hängt in ihren schlimmsten Phasen bis zu 17 Stunden
00:17am Handy.
00:18Das ist wie mit Drogen, wirklich.
00:21Ist ehrlich so, wenn ich nichts habe, dann suche ich mir das woanders.
00:25Auch Ange klebt zu viel am Bildschirm, was auch schon zu Beziehungsstress geführt hat.
00:30Wenn wir jetzt oftmals gekuschelt haben oder so, ich währenddessen am Handy war und nicht wirklich die Zeit mit ihm
00:36verbracht habe.
00:38Naja, ich würde mal sagen, es kribbelt schon in der Nase.
00:41Mike lernt mit Virtual Reality Drogen fern zu bleiben. Aber er ist noch nach was anderem süchtig. Wegen der Liebe.
00:48Ja, da habe ich innerhalb von zwei Monaten fast 3000 Euro verchattet, so gesagt.
00:54Ich frage mich, wie problematisch ist mein Konsum? Was suchen wir, wenn wir, egal was, hardcore uns reinziehen?
01:01Wie weit bin ich von der Klinik entfernt?
01:03Ich glaube, viele Menschen setzen sich gar nicht mit diesem Störungsbild auseinander, dass es irgendwie überhaupt sowas wie Medienabhängigkeit gibt.
01:10Sieben Tage bin ich in einer Reha-Klinik für Sucht und Psychosomatik im Odenwald.
01:15Die Menschen hier sind krank, leiden an Burnout, sind depressiv oder drogenabhängig.
01:21Keiner liebt mich. Ich bin nichts wert. Für niemanden.
01:25Zehn bis zwanzig Gramm Gras. Mein letzter Tagesgebrauch. Und ein bis drei Wodkaflaschen mit Benzos zwischendurch.
01:33Eine Sache verbindet alle in diesem Film. Sie sind süchtig nach Medien.
01:44Dann heiße ich alle heute herzlich willkommen wieder in der Gruppe Medienabhängigkeit.
01:51Hier sind ein paar Gesichter, die man das letzte Mal nicht gesehen hat.
01:55Hallo, ich bin Jule. Ich arbeite in den Medien und ich frage mich, wie fragwürdig eigentlich mein eigener Medienkonsum ist.
02:04Ich habe durchaus auch Tage, wo ich sieben, acht Stunden habe.
02:10Aber mal ehrlich, das haben wir doch alle.
02:14Ich habe selber viel Kontakt mit Medien. Also so ein kleines Beispiel.
02:18Ich habe zum Beispiel meine Ehefrau beim Online-Gaming kennengelernt.
02:22Das kann ich jetzt nicht so als Single-Börse empfehlen.
02:26Wir, also die, die auf den Bällen hopsen, sind die Medienabhängigkeitsgruppe von Psychologe Daniel Mennekes.
02:32Wir alle in dieser Gruppe hängen zu viel am Handy, Laptop oder an der Konsole.
02:36Einmal die Woche, für eine Stunde geht es nur um Medienkonsum.
02:41Über was sprechen wir denn alles hier?
02:43Serienabhängigkeit, Social Media in der Interaktion, Kurzvideo-Formate, Pornografie, Online-Offline-Gaming, Dating, Foren, Communities, Chatbots, Online-Shopping.
03:02Das ist eine große Bandbreite, die man alles zusammenfassen kann unter Medienabhängigkeit.
03:07Ich habe hier Fragen. Woran würden Sie merken, wenn jemand anderes ein Medienproblem hat?
03:15Ganz klar, zu viel am Handy hängen. Also nicht ich. Sie hier, Justina. Bei anderen fällt einem das ja eher
03:22auf.
03:24Justina ist seit elf Wochen in der Klinik und bei ihr ist das mit der Mediensucht sehr krass.
03:28Wir treffen uns zur Ergotherapie und basteln, ganz analog, ein Zeckenhaus. Ja, richtig gehört.
03:35Ich will auch so noch eine kleine Bettdecke machen und so ein Kissen. Also wirklich alles voll ausgestattet für die
03:40kleinen Mäuse, auch wenn die mich nerven.
03:42Die kleinen Mäuse. Ja.
03:46Ergotherapie soll helfen, wieder fit für den Alltag zu werden.
03:49Hier in der Klinik ist es ein bisschen wie Werkunterricht in der Schule.
03:52Mit Malen, Basteln, Holzarbeiten, um den Fokus auf das eigene Erschaffen zu legen. Warum aber ein Zeckenhaus?
04:01Weil ich traumatisiert worden bin von einem Zeckenbiss an meinem Bein.
04:04Bin dann ins Krankenhaus und dachte mir, ja, vielleicht bleiben die ja hier in einem Zuhause und...
04:09Mache deine Feinde zu deinen Freunden.
04:12Genau.
04:14Justina hat ein Handyproblem. Das Ding kontrolliert sie und nicht andersrum.
04:18Seit drei Jahren ist es besonders schlimm.
04:25Justina wird dolle krank und ist noch mehr am Handy.
04:33Die letzten drei Jahre lag ich nur im Bett.
04:38Und ich war halt viel am Handy.
04:41Fast bis zu 17 Stunden am Tag.
04:45Ich hab erst mal drei Stunden TikTok gescrollt oder so.
04:48Bin nicht mal auf Clou gegangen. Ich musste zwar auf Toilette, aber ich bin nicht mal auf die Toilette gegangen.
04:52Das hab ich heute sogar noch ein bisschen so. Nicht so extrem.
04:56Aber es gibt nichts, was ich mir nicht angeguckt habe.
05:00Von...
05:03Wohnungsbau bis zu Erklärungen von psychischen Erkrankungen bis zu Rezepten oder geswipet von TikTok, dann Amazon und dann gucke ich
05:12auf einmal bei Amazon 3000 Sachen, die ich eigentlich gar nicht brauche, die ich mir dann in den Warenkorb mache.
05:17Also ich bin total schnell gelangweilt von allem und das ist den ganzen Tag dann so.
05:23Oft will Justina abends ihr Handy beim ins Bett gehen weglegen. Und zack, sind schon wieder mehrere Stunden rum.
05:30Aber lachst du dann auch manchmal über dich oder bist du dann schon so, boah...
05:36Manchmal lache ich darüber, aber manchmal heule ich auch morgens wirklich, weil ich mir denke, ich kann nicht wieder nicht
05:41aufstehen.
05:42Weil es so wieder so schwer ist aufzustehen. Ich hab ja so oder so, unabhängig vom Handy, hab ich Probleme
05:46mit dem Aufstehen.
05:47Und mit dem Handy wird es noch schwieriger mit dem Aufstehen.
05:50Wie groß Justinas Problem wirklich ist, werde ich in meinen sieben Tagen noch erfahren.
05:54Genauso wie Justina meine genaue Bildschirmzeit.
05:59Nach einem langen Tag, mein Abschalten.
06:03Ich habe mich mit der Content-Erstellung für unseren Film beschäftigt.
06:08Hier.
06:10Damit die ganze Welt weiß, dass du und ich schon viel zu lange abhängen.
06:16Und Filme miteinander machen.
06:20Der nächste Tag in der Klinik.
06:21Ich habe ein Date mit Therapeutin Sophie Lehmann. Und sie kennt die Tricks der PatientInnen.
06:27Die wissen ja auch, dass sie theoretisch keinen Laptop zum Beispiel mit ihr herbringen können oder sollten.
06:32Und wenn, dann mit uns absprechen.
06:34Und sie verheimlichen das ganz oft. Man kriegt es dann irgendwann später raus.
06:37Ich hatte zuletzt einen Patienten mit richtig aufgewohnt, mit mehreren Bildschirmen und Konsole und so weiter.
06:43Ich glaube, viele Menschen setzen sich gar nicht mit diesem Störungsbild auseinander,
06:47dass es irgendwie überhaupt so etwas wie Medienabhängigkeit gibt.
06:51Also es wird maßlos unterschätzt.
06:55Ist eine Mediensucht das Problem oder ist es eher das Problem hinter dem Problem?
07:00Was wir beobachten, ist, dass es eine ganz große Gemeinsamkeit zwischen den verschiedenen Erkrankungen gibt.
07:07Und in jeder Erkrankung wird irgendetwas gesucht.
07:10Es wird Bindung gesucht.
07:11Es wird vielleicht irgendeine Trauerbewältigung gesucht.
07:15Es wird Gemeinsamkeit gesucht.
07:17Es wird Anerkennung gesucht.
07:19Es wird Wärme und Schutz gesucht.
07:21Und irgendwie so etwas wird in jeder Erkrankung gesucht.
07:24Und damit ergibt sich das nächste Problem.
07:26Für eine fehlende Sucht entsteht eine neue.
07:29In der Psychologie nennt sich das Suchtverlagerung.
07:32Wenn man eine Erkrankung versucht zu therapieren, sei es jetzt zum Beispiel eine Alkoholabhängigkeit,
07:38ist dann natürlich zu einer vermehrten Mediennutzung kommt, weil irgendwie dieses Loch probiert wird zu füllen.
07:43Von daher würde ich sagen, die Medienabhängigkeit ist genauso ein Problem wie jede andere Abhängigkeit auch.
07:50Sie wird hier, glaube ich, seltener diagnostiziert, als sie tatsächlich vorliegt.
07:56Der Grund, die Realität ist zu schnell, das medizinische System zu langsam.
08:02Im ICD-10, dem quasi Handbuch für Krankheiten, nach dem ÄrztInnen Diagnosen erstellen, gibt es noch gar keine Medienabhängigkeit.
08:09Und was da nicht drinsteht, kann auch nur schlecht behandelt werden.
08:15Ich habe morgens damit gestartet, den Fernseher eingeschaltet, aber mehr, dass eben Stimmen da waren, dass man nicht so alleine
08:22war.
08:24Und ja, dann schaut man aufs Smartphone und chattet und freut sich über Nachrichten.
08:30Du bist abends ins Bett gegangen und den Fernseher ausgeschaltet, das Smartphone beiseite und hast effektiv an dem Tag nichts
08:36gearbeitet.
08:36Das ist Mike. Er ist schon 140 Tage in der Klinik. Sein persönlicher Tiefpunkt? Arbeitslos, Beziehung kaputt, schwer drogenabhängig.
08:48Sich spüren? Das funktioniert für den 43-Jährigen mittlerweile beim Bahnenziehen. Früher waren es Lines.
08:55Ja, ich habe alles konsumiert, was zur Verfügung stand. Und das Hauptzuchtmittel, nachdem ich dann halt nicht mehr davon kam,
09:05war halt Amphetamin gewesen.
09:07Und ja, das habe ich mehr als zehn Jahre definitiv konsumiert. Und ja, um zu funktionieren, um leistungsfähig zu sein
09:16und ja, auch Spaß zu haben am Wochenende.
09:19Statt Bewerbungen zu schreiben für einen neuen Job, lenkt sich Mike mit Medien ab.
09:24Ja, ich bin irgendwie so erzogen worden. Alles zu konsumieren, das Neue zu kaufen. Ja, es ist immer nur eine
09:30Flucht im Außen, eine Suche im Außen, aber nicht im Inneren.
09:34Weil ich nur Medien konsumiert habe, mich nicht mit mir beschäftigt habe, nicht auf mich gehört habe, auf meinen Körper,
09:40auf meine Gefühle.
09:42Mike erzählt mir von dem Moment, als er checkt, was eigentlich hinter seinem übermäßigen Konsum steckt. Egal ob Medien oder
09:48Drogen.
09:50Also ich habe mir über eine CD, habe ich mir eine Traumreise angehört. Und dabei ist mir aufgefallen, dass ich
09:57den kleinen Mike vor 30 Jahren da in der Ecke abgestellt habe.
10:00Und das habe ich mir tagelang angehört. Und ich glaube, am siebten oder achten Tag bin ich quasi innerlich so
10:05zusammengebrochen.
10:07Ich habe dann nur geweint und habe halt so gemerkt, okay, ich habe mich quasi selbst nicht geliebt. Das wurde
10:12mir da bewusst.
10:15In ein paar Tagen, das weiß ich hier nur noch nicht, machen wir zusammen diese Traumreise.
10:21Mangelnde Selbstliebe ist auch ein Thema bei Ange. Die 23-Jährige ist mit Mike in der Mediengruppe und seit etwas
10:27mehr als drei Monaten hier. Halbzeit quasi.
10:31Oh Gott, ist das...
10:36Okay, ich dachte ja schon, Schaukel im Wald, was du gesagt hast, ist geil.
10:40Aber das ist ja...
10:45Das ist richtig schön.
10:47Oh mein Gott.
10:49Ange und ich haben was gemeinsam. Wir beide sind ständig am Smartphone.
10:55Ich habe mal überlegt, ob ich nicht wirklich zu einem Tastenhandy umschalten soll.
11:03Kein Internet.
11:04Nee, weil mich das wirklich sehr aufgeregt hat. Nur Handy, nur Handyzeit.
11:10Und was guckst du dir an, wenn du dann auf dem Handy abhängst die ganze Zeit?
11:14Instastories von Freunden oder manchmal auf TikTok einfach so rumzuscrollen. Aber auch Netflix oder Disney Plus. Ich habe Netflix durchgeguckt.
11:25Ja.
11:26Anschubsen. Ja.
11:29Aber es ist gar nicht so leicht, dich anzuschubsen, weil die so krass niedrig ist.
11:32Niedrig ist.
11:36Später erfahre ich, warum soziale Medien tricky sind für Ange. Wie sie ihr helfen, wenn es ihr schlecht geht, aber
11:42auch, wie sie zu richtig Stress mit ihrem Freund führen.
11:46Richtig ist du? Danke, gerne.
11:49Ange ist nicht in der Klinik wegen ihres Handykonsums, sondern unter anderem wegen Depressionen und Panikattacken.
11:56Was ist eigentlich mit der da drüben?
11:59Oh.
12:00Wo?
12:01Die untere.
12:02Nee, die ist schon, ist auch schon crispy.
12:05Schmeck dich mal.
12:06Leider keine guten Snacks.
12:09In ihren ersten Wochen hat Ange eine besonders krasse Panikattacke.
12:13Ja.
12:13Ich konnte nicht richtig atmen, hyperventiliert, mir wurde heiß und ich bin dann runter zur Pflege gegangen, um mir sozusagen
12:20Hilfe zu holen, weil ich dann auch ein bisschen Scheiße gebaut habe.
12:26Okay.
12:27Möchtest du über die Scheiße reden?
12:28Ja, ich habe mich halt, während ich die Panikattacke bekommen habe, als selbst verletzt.
12:33Wenn ich fragen darf, wenn du nicht drüber reden willst, auch voll okay.
12:36Ja, alles gut.
12:37Mit was hast du dich denn selber verletzt?
12:39Also, wenn ich mich recht erinnere, war es da mit einem normalen Rasierer oder halt auch damals mit Klingen von
12:46einem Spitzer.
12:47Das erste Mal war vor sechs Jahren. Hast du dann jetzt schon Sachen hier gelernt, wie du mit diesem Selbstverletzungsdruck
12:56umgehen kannst?
12:57Ja.
12:57Stattdessen?
12:58Also, Skills helfen mir jetzt dabei.
13:00Was macht der?
13:01Der gibt mäßig sozusagen so einen Druck, so einen Piekse halt, weil der auch ziemlich spitz ist, wenn du den
13:06anpasst.
13:06Ah, okay, ich verstehe.
13:08So zum Runterkommen oder wenn ich jetzt angespannt bin oder so oder halt nervös.
13:18Die Klinik hat Platz für 180 PatientInnen. Die maximale Therapiedauer sind 22 Wochen, also fast ein halbes Jahr.
13:26Bei Jason sind es nur zwölf Wochen. Gerade hat er Einzeltherapie mit Frau Lehmann.
13:31Was wollen Sie hier noch erreichen?
13:32Die Haupthemen sind bei mir schon Struktur. Zuhause ist gar keine da. Schlafhygiene ist auf jeden Fall auch ein großes
13:39Thema.
13:39Und mich an soziales Umfeld gewöhnen, also daher, dass ich schon sehr lange isoliert war zuhause.
13:45Ja, kann ganz schön überfordernd sein hier. Sie machen das echt gut.
13:49Ich hab doch noch mein ganzes Leben Zeit für ein klärendes Gespräch zu zweit.
13:53Während ich auf Jason warte, naja, bin ich schon wieder am Handy.
13:58Ich versuche meine Finanzplanung in den Griff zu bekommen. Wissen.
14:01Aber wieso eigentlich? Ich könnte ja auch einfach mal nichts tun.
14:06Aber zurück zu Jason. Zocken, kiffen und das im Loop.
14:10Vor dem Abitur bricht er die Schule ab, weil nichts mehr geht.
14:13Was aber gerade in der Ergo geht, ein Haus basteln, das die eigene Gefühlswelt darstellt.
14:18Und, ehrliche Worte zu seinem Konsum.
14:21Hab dann auch mich immer wieder heil gehalten quasi.
14:24Also über viele Stunden dann immer wieder ein paar Mal dran gezogen.
14:28Und das ging dann bis abends, bis vorm Schlafengehen.
14:31Krass.
14:31Mit 17, 18, da hab ich dann täglich den ganzen Tag eigentlich konsumiert.
14:38Heute ist er 21. Aufgehört hat er erst vier Wochen vor der Therapie, da Cleansein eine Bedingung ist.
14:45Umso mehr zockt Jason. Oftmals zehn Stunden plus. Ohne Aufstehen, Essen oder sonst was.
14:53Also die Sucht habe ich dann eher weniger verspürt, weil ich mich dann sehr aufs Computerspielen konzentrieren konnte.
14:59Super Sucht verlagert.
15:00Ja. Und wie.
15:02War es eine gute Idee?
15:04Finde ich schon. Es ist ein bisschen gesündere Sucht, sagen wir es mal so.
15:07Also ich habe auch schon lange vor dem Kiffen gezockt, schon im Kindesalter. Das heißt, es ist auch ein bisschen
15:12Gewohnheit.
15:13Jason fängt an mit zocken, als seine Eltern sich trennen. Da ist er gerade mal elf.
15:18Wenige Jahre später diagnostiziert die Schulpsychologin ihm eine mittelschwere Depression.
15:23Meine Mutter hatte zwei Jobs. Die war dann immer von morgens bis abends weg.
15:27Und ich war immer sehr ein Mutterkind. Ich habe sehr an meine Mutter gehangen.
15:31Und mein Vater kam mich nie gut zurecht.
15:35Mein Vater war Frührentner, seitdem ich denken kann.
15:38Immer faul zu Hause auf der Couch gelegen.
15:41Das heißt, ich habe mich dann immer ein bisschen zurückgezogen in meinem Zimmer.
15:44Zu der Zeit dann auch schon mit Videospielen angefangen.
15:46Aber ich würde nie sagen, dass mich das großartig in meinem jungen Alter negativ beeinflusst hat.
15:51Ja, geholfen tatsächlich. Eine gute Ablenkung. Also es ist ein guter Weg der Realität zu entkommen.
15:57Und ein guter Weg, sich nicht so allein zu fühlen.
16:00Ich frage mich, unterschätzt Jason seinen Konsum? Und merke selber, ich unterschätze meinen Konsum.
16:06Denn beim Aufsaugen von Social Media falle ich oft in einen Rabbit Hole.
16:10Dabei bin ich kurz happy und fühle mich connected, wenn ich nur ein dummes Video weiterleite.
16:15Ich wollte dich fragen, was du machst, was du tust, mir gefällt dein Zeit.
16:18Ein Problem wäre ja, oft in unseren Filmen zu vermeiden, dass sich Dinge irgendwie wiederholen.
16:24Aber manchmal erzählt es auch was.
16:33Warum gibt es hier eigentlich kein Handyverbot? Fragt ein Freund.
16:37Wir haben hier im Haus für die meisten Substanzen das Gebot der absoluten Abstinenz.
16:43Gar nicht konsumieren.
16:45Also es ist kaum möglich, Medien aus dem Weg zu gehen, wenn man nicht irgendwie im Wald unter einem Stein
16:50leben möchte oder so.
16:52Deswegen versuchen wir hier, einen kontrollierten Konsum zu schaffen.
16:57Ja, okay. Zeit, die Hosen wortwörtlich runterzulassen.
17:02Sehr anekdotisch für mein Verhalten ist, dass ich manchmal auf Toilette verschwinde und einfach eine dreiviertel Stunde nicht wiederkomme,
17:08weil ich in dieser Position auf Toilette sitze, rumdaddel und dann eigentlich nur aufstehe, weil ich merke, dass meine Beine
17:13eingeschlafen sind.
17:14Und ich finde das schon sehr problematisch.
17:18Kontrollverlust heißt, entweder ich mache es häufiger als ich möchte, ja, ich mache es länger als ich möchte, ich kann
17:26nicht aufhören, wenn ich möchte.
17:29Also das stimmt schon alles irgendwie, aber deshalb gleichsüchtig, also so richtig, abwarten.
17:38Wenn ich im Handy bin, dann ist das Chaos auf dem Handy und nicht mehr in meinem Kopf.
17:43Ich kann mich total gut ablenken, zum Beispiel, wenn ich richtig traurig bin, gehe ich einfach wirklich an mein Handy.
17:48Aber das Handy sortiert nicht nur Justinas Chaos oder beruhigt sie, es beeinflusst massiv ihr Äußeres.
18:02Weil Justina genauso eine Nachteule ist wie ich, treffen wir uns abends spät und sprechen über ihre Beauty-Eingriffe.
18:08Wie soll ich das denken?
18:10Hier habe ich auch vorher-nachher-Fotos noch und einmal Bilder, wo ich ungemacht war.
18:14So.
18:16So.
18:16Okay.
18:18Also, hier war ich ungemacht noch.
18:21Also, da war ich auch noch natürlich.
18:23Hier war ich auch noch ungemacht.
18:27Hier.
18:28Auch noch.
18:29Und mit 18 habe ich dann direkt meine Lippen machen lassen.
18:32Sofort.
18:33Als ich 18 wurde.
18:35Ja.
18:36Das war auch, also das war schon, das war schon toll.
18:38Ja doch, ich weiß noch, wie sich das angefühlt hat.
18:40Ich habe natürlich direkt viel gemacht.
18:420,5 habe ich angefangen.
18:46Und ja, ich habe auch natürlich, dann habe ich es gepostet, war ja stolz drauf und ich
18:52habe viel mehr Komplimente bekommen.
18:53Also, ich habe viel, viel mehr Komplimente bekommen wie ohne.
18:57Und hier war dann sozusagen der Vergleich nach meinem Kinn und nach den Lippen.
19:03Das war zum Beispiel vorher.
19:04Da sieht man ja wirklich deutlich mein Kinn.
19:07Definitiv.
19:07Ist das dann auch Hyaluron?
19:08Hyaluron.
19:09Hier ist halt wirklich fast gar nichts mehr.
19:12Das spüre ich auch.
19:13In meiner Nasenspitze vielleicht ein bisschen, aber auch schon.
19:16Also, meine Lippen sind halt hauptsächlich noch viel drin.
19:20Und würdest du sagen, du machst das für dich oder für andere?
19:24Also klar, mir gefällt es auch.
19:26Sonst würde ich es ja nicht machen, logisch.
19:28Ich habe immer so Sachen, schöne Frauen auf TikTok gesehen, perfekter Körper, wunderschönes
19:32Gesicht, makellos.
19:34Und dann habe ich halt immer an mir gezweifelt und habe halt gesagt, oh nee, das muss ich
19:37noch machen und das kann ich auch noch mal.
19:39Und da kam ja die Inspiration, weil ich selber wäre niemals gekommen, hier irgendwas
19:43mir reinzuspritzen zum Beispiel, niemals im Leben so, weil woher auch?
19:48In meinem Bekanntenkreis, in meiner Familie, niemand hat sich irgendwas machen lassen.
19:52Ich muss aber auch sagen, das hat schon bei mir sehr, sehr früh angefangen.
19:56Das war wirklich extrem als kleines Kind, eine Brustvergrößerung.
19:59Das war, das hat schon in der Grundschule angefangen, weil alle hatten immer so fette Möppis
20:03und ich hatte so gar nichts.
20:06Ich fühle sie so sehr.
20:08Mir ging es auch lange so.
20:10Das Gefühl zu groß, zu wenig Taille, zu dicke Arme.
20:12Einfach immer nicht richtig genug.
20:15Und manchmal ist es heute noch so.
20:17Scheiß Algorithmus.
20:19Hoppala, ich mach mal Licht und ich seh nichts.
20:21Am I happy?
20:24Truth is, I don't really know what that means anymore.
20:29Ich glaub tatsächlich, dass ich die ganzen Jahre meine Traumata extrem unterdrückt habe.
20:35Mir ist gar nicht so, glaub ich, bewusst gewesen, wie schlimm meine Situation eigentlich ist,
20:39weil ich es unterdrückt habe mit allem Möglichen.
20:43Und das ist hier jetzt extrem hoch gekommen.
20:49Während einer Gruppentherapie in der Klinik bricht bei Justina alles auf und ihre Welt mal eben auseinander.
20:58Als ich mir eine Biografie vorgetragen habe in der Gruppe hier, da hatte ich eine extreme Panikattacke.
21:03Also da habe ich selber meinem Therapeuten gesagt, dass ich das letzte Mal mit 14 oder 15 so eine krasse
21:09Panikattacke hatte wie dort.
21:11Das war schon krass.
21:13Ich hatte auch einen unnormalen emotionalen Ausbruch.
21:17Also, hier habe ich verschiedene Sachen drin.
21:21Und als ich die Panikattacke hatte, haben die anderen mir das in die Hand gedrückt,
21:24weil die haben gesehen, zum Beispiel, ich habe keine Luft mehr bekommen und meine Hand ist verkrampft.
21:28Und das hilft dann immer ein bisschen, ja, einfach von der Atemnot wegzukommen, weil ich dann was anderes spüre.
21:36Und das hilft dann. Aber wovon ich genau Panikattacke bekomme, also fällt mir gerade ein bisschen schwer.
21:44Ich habe voll Schiss, dass ich eine weitere Panikattacke bei ihr auslöse und frage erstmal nicht weiter.
21:49Justina gibt mir stattdessen ihre Biografie, quasi ihr Was-ist-mir-passiert-Tagebuch.
21:54Das würde ich dir auf jeden Fall mitgeben, dass du es dir einmal durchlesen kannst.
21:58Ja, dann verstehst du es vielleicht auch ein bisschen besser.
22:02Danke fürs Vertrauen.
22:03Bitte, bitte.
22:06Ich habe in diesem Moment schon ein mulmiges Gefühl. Ich lese es später.
22:13In was für einem Szenario bin ich denn gerne gieren wollen?
22:16Heute würde ich gerne mal die Toilette ausprobieren. Das ist halt eben so ein übliches Szenario, ja, wo ich auch
22:22konsumiert habe.
22:22Ich höre Musik und sehe halt eine Toilette vor mir. Da liegt ein Beutelchen, ein Röhrchen, da liegt ein Brettchen,
22:29da sind schon vier Lines drauf.
22:34Das ist jetzt alles schon vorbereitet. Genau. Es kribbelt schon in der Nase und in den Fingern. Ja, ich würde
22:44am liebsten die Situation so schnell es geht verlassen.
22:48In der virtuellen Realität soll Maik üben, was er im Real Life machen würde. Statt zu konsumieren, den Stoff wegspülen.
22:55Ja klar, gerne. Und dann nehme ich jetzt mal den Beutel. Fühlt sich gut an.
22:59Fühlt sich gut an. Ja, habe ich tatsächlich auch mit meinem letzten Stoff zu Hause gemacht, auf einer Heimfahrt, die
23:03ich hatte.
23:04Wenn da jetzt auch noch hier vier Lines liegen oder so. Nein, ich werde das Zeug nicht anfassen, weil ich
23:09kenne die Folgen davon und es wird mich kein Stück in meinem Leben weiterbringen.
23:14Vor allem sich selbst einzugestehen, dass man ein Problem damit hat. Weil ich habe zum Schluss ja nur in Angst
23:20gelebt.
23:21Der Angst hat er sich hier in Einzel- und Gruppentherapien gestellt. Er musste einen neuen Tagesablauf lernen und hat
23:27herausgefunden, was ihm gut tut. Meditation, Sauna, Schwimmen.
23:32Ich bin jetzt noch genau 13 Tage hier. Ja. Endlich geschafft. 22 Wochen um. Ja.
23:4322 Wochen. Fast ein halbes Jahr. In dieser Zeit merkt Maik auch, wie selbst die Suche nach Liebe ihn abhängig
23:50macht. Dazu später mehr.
23:55Es ist 6 Uhr. Ich bin verabredet mit Justina. Sie hat ja das Aufstehproblem.
24:00Ich bin einfach übel müde. Ich fühle mich wirklich wie irgendwas über mich drüber gefahren.
24:09Wir wollen zur Frühbewegung.
24:13Hm. Justina ist nicht da. Hat sie verpennt? Geht's ihr gut?
24:20Guten Morgen.
24:21Immerhin, Jason, auch eher ein Morgenmuffel, ist am Start.
24:26Habt ihr denn auch um 7 Uhr? Manchmal schon nämlich um 7.30 Uhr.
24:29Die hat 7 Uhr.
24:30Ja, das ist ganz komisch. Manchmal fehlt die Hälfte.
24:35Ah. Früh ist also ein Ding hier.
24:37Ja, auf jeden Fall.
24:43All right. Dann machen Jason und ich eben einen Deep Dive in seiner Einsamkeit.
24:53Hab dann auch gar nicht mehr den Kopf gehabt, irgendwie zu antworten.
24:56Und irgendwann mal kam es dann, dass ich mehr oder weniger ganz alleine da saß in meinem Zimmer.
25:00Und dann hab ich mir auch gedacht, so wichtig bin ich denn noch nicht.
25:05Und dann wollte ich auch nicht mehr weiter irgendwie den Leuten hinterherlaufen.
25:08Du hast ja auch gesagt, dass du dich auch in der Kindheit oft nicht so wichtig gefühlt hast.
25:12Das ist ja dann irgendwie so.
25:14Again.
25:14Bis zum 18. Lebensjahr eigentlich.
25:19Und diese Lücken hab ich dann schon mit Computerspielen gefüllt.
25:24Immer mehr und mehr und mehr.
25:26Oder mit YouTube-Videos, mit Serien schauen und so weiter und so fort.
25:30Oder Instagram damals noch.
25:33Und das ist eine sehr gute Ablenkung vom Alltag.
25:36Ein sehr guter Lückenfüller.
25:38Aber ist dann auf Dauer doch etwas schädlich.
25:42Ich muss an das Gespräch mit Frau Lehmann denken.
25:44Wie war das gleich mit Süchten?
25:46Wir füllen die Löcher, die Leere in uns und suchen eigentlich Nähe und Verbindung?
25:53Ich mach mir irgendwie Sorgen um Justina.
25:55Ich hab seit gestern Abend nichts von ihr gehört, obwohl wir für heute früh verabredet waren.
25:59Vielleicht weiß der Sporttherapeut der Morgenrunde mehr.
26:03Sie hat sich uns gegenüber sehr geöffnet.
26:06Und ich merk, dass ich sofort dann mich frage, okay, geht's ihr nicht gut, weil sie jetzt heute Morgen nicht
26:10hier erschienen ist.
26:12Oder verschläft sie einfach zwei von drei Mal.
26:15Genau. Oder ist es genau das.
26:17Wahrscheinlich, wenn du länger hier arbeiten würdest, würdest du lernen, dich da besser abzugrenzen.
26:23Ja, ich glaub auch, das war auch direkt mein nächster Gedanke.
26:26Ihr kennt das wahrscheinlich komplett.
26:29Ich mein, auch wenn jemand irgendwie in eine Krise gerät, ist das, wie das schon platt heißt, Krise als Chance.
26:36Ja, das ist nicht immer schlecht.
26:41Ich bin erstmal beruhigt und fange an, ihre Biografie zu lesen. Das Buch, in dem steht, was in ihrem Leben
26:47passiert ist. Ich bin aufgeregt.
26:50Muss aber erstmal noch ein paar Ziegen auf dem Klinikgelände wieder einfangen.
26:53Die machen Ziegen. Hallo. Bäh, bäh. Nee, bäh, bäh. Kommt rein. Ihr fein. Bäh. Du mit deinen Hörnern. Komm rein.
27:04Sie geht rein.
27:06Dass ich aus dem Buch vorlese, ist mit Justina abgesprochen.
27:13Keiner liebt mich. Ich bin nichts wert. Für niemanden.
27:1810 bis 20 Gramm Gras. Mein letzter Tagesgebrauch. Und ein bis drei Wodkaflaschen mit Benzos zwischendurch.
27:27Mit circa zwölf in der weiterführenden Schule war ich asozial. Einfach nur ekelhaft.
27:33Extrem randaliert, Lehrer beleidigt und angespuckt. Sogar Mitschüler gemobbt.
27:38In dieser Zeit hatte ich schon angefangen zu trinken und kiffen. Das alles war total cool für die anderen.
27:43Ich habe mich toll gefühlt. Genau die Anerkennung, die ich gebraucht habe.
27:49Ich kann nicht mehr. Mein Körper ist krank und meine Psyche auch.
27:53Seitdem ich klein bin, bin ich regelmäßig in Psychiatrien, Krankenhäusern und irgendwelchen Kliniken. Ich kann nicht mehr.
27:59Ich lese, wie Justina misshandelt wurde. In ihrer Kindheit, als Jugendliche und junge Frau. Und die ist sie ja immer
28:06noch mit ihren 24 Jahren.
28:09Depression, posttraumatische Belastungsstörung, Borderline-ADHS und eine Bindungsstörung, um nur einige Diagnosen zu nennen.
28:16Obendrauf Cannabis und Alkoholsucht. Das alles zu lesen ist hart. Und Justina hat das einfach alles erlebt.
28:43Ich bin mit Ange verabredet. Nach einer Runde Musiktherapie wollen wir auf ihr Zimmer.
29:07Wenn ich so depressive Phasen habe, bin ich auf jeden Fall mehr am Handy. Gedanken kreisen einfach und das wird
29:14mir alles zu viel.
29:15Also darf ich einfach abschalten und einfach an gar nichts denken. Die Lehre zu den Mitmedien.
29:26Das ist schon ganz geil, wenn man hier steht und der Wind so kommt.
29:29Wir hatten ja auch mal eine Zimmerpflanze. Aber die ist gut.
29:36Und was ziehst du dir dann da so rein? Also wenn du jetzt Instagram und TikTok suchtest?
29:40Also TikTok tatsächlich nur so um so rumzuscrollen, Memes an Freunde zu schicken oder halt auch auf TikTok meistens Leuten,
29:51denen es vielleicht genauso wie mir geht, was Depression oder so angeht.
29:56Dass man sich da nicht so allein fühlen möchte. Dass man trotzdem auch von anderen Leuten gehört werden möchte. Und
30:04dass es nicht nur einem so geht, sondern auch anderen Leuten.
30:07Sie findet online Gleichgesinnte. Aber auch Ablenkungen. Kommt mir beides bestens bekannt vor. Mit Social Media schiebt Ange ihre Probleme
30:16immer wieder auf.
30:17Führerschein, ein anderer Job, die Zeit nach dem Klinikaufenthalt.
30:27Wo würdest du dich einschätzen? Ist dein Medienkonsum für dich noch gut oder merkst du auch schon so, naja, an
30:34der und der Stelle vielleicht nicht so cool?
30:36Also jetzt momentan, wo ich ja nicht so viel zu tun habe, ist mein Konsum extrem viel. Eine Woche zurück
30:42sind es schon.
30:42Neun Stunden, was?
30:45Zehn Stunden.
30:47Ja, das war's.
30:48Okay, also in den letzten drei, vier Wochen so zwischen acht bis zehn Stunden, richtig?
30:54Das Handy rumgedaddelt und am Handy sein, war ja auch schon mal ein Thema zwischen dir und deinem Freund so
30:59ein bisschen.
30:59Wenn wir jetzt oftmals gekuschelt haben oder so, ich währenddessen am Handy war und nicht wirklich die Zeit mit ihm
31:05verbracht habe.
31:08Ja.
31:11Verrückt doch einfach. Also dass wir von so einem kleinen Kackding so…
31:14Ja, so süchtig sein können.
31:16Oder? Also…
31:18Schon sehr.
31:20Deshalb will sie es bis zum Ende der Therapie schaffen, weniger am Handy zu sein und an ihrer Selbstliebe arbeiten.
31:26Ihr Tattoo, Love Yourself, erinnert sie daran.
31:30Ja, einfach mich mehr selbst zu lieben, meinen Selbstwert zu kennen, zu erkennen, wer ich bin überhaupt und mich selbst
31:37zu akzeptieren, was ich oftmals nicht gemacht habe.
31:41Ich will gar nicht so sein, weil ich für immer so…
31:44Was ist da?
31:45Kann die Stimme senden, ich einfach ihre Stimme schau…
31:50Selbstliebe. Maik ist an dem Thema seit seiner Traumreise ja schon dran.
31:54Warten wir.
31:55Wir sind im Therapiegarten der Klinik zum Rosenbogenbauen.
31:58Jetzt müssen wir wieder rübergucken, ob das passt.
32:00Die letzten Wochen ist das Maiks Herzensprojekt.
32:03Ha!
32:04Super.
32:05Sehr gut.
32:06Letzte Woche das erste Mal aufgebaut.
32:08Und ja, dann haben wir halt festgestellt, okay, ist doch ein bisschen schief.
32:11Wie stolz du bist!
32:12Ja!
32:14Maiks letzte Beziehung ist gescheitert und er danach vier Jahre Single.
32:19Als er keinen Bock mehr auf Alleinsein hat, meldet er sich bei einer Online-Dating-App an und swipet direkt
32:24in die nächste Sucht.
32:28Tja, da habe ich innerhalb von zwei Monaten fast 3000 Euro verchattet, so gesagt.
32:35Scheiße!
32:36Und ja, tatsächlich hat dann irgendwie letzten Endes so jede Nachricht zwischen zwei und vier Euro gekostet, wenn man es
32:41umrechnet.
32:42Das ist halt der Clou an der Sache.
32:43Du kaufst Herzen und dir ist gar nicht bewusst, wie viel Euro jede Nachricht kostet.
32:46Mhm.
32:47So, und dann schreibst du und letzten Endes verschickst du Hunderte, sogar Tausende Herzen an einem Tag.
32:53Und ja, und zahlst dafür ja bares Geld.
32:56Und hat es wenigstens was gebracht, Geld auf der App?
32:59Ja, ich habe halt gelernt zu chatten und zu schreiben und nett zu sein und lieb zu sein, aber letzten
33:04Endes hat es nicht gefruchtet. Nein.
33:05Eine App, die auch beim Blick in die Nutzerbewertungen nach Abzocke schreit. Der Vorwurf, es gäbe von der App betriebene
33:13Datingprofile, Fake-Personen, die einem Nachricht um Nachricht senden und damit Euro um Euro aus der Tasche ziehen.
33:21Ja, ich war auch zwischendrin total gefrustet, ganz ehrlich, weil es ja nicht geklappt hat. So, und dann habe ich
33:25wieder angefangen, nachdem ich irgendwie eine Woche Pause hatte.
33:28Alles für die Liebe. Aber jetzt mal ganz ehrlich, in dem Moment, wo dir irgendwann bewusst geworden ist, ich habe
33:33da nicht 100, 200 Euro investiert, sondern 2.500, 3.000 Euro. Wie hast du dich da gefühlt?
33:40Schlecht, einfach schlecht, niedergeschlagen, enttäuscht, wütend.
33:44Aber Maik findet noch sein Herzensglück. Das erzählt er mir kurz vor seiner Entlassung.
33:53Am Nachmittag meldet sich dann endlich Justina bei mir. Was genau los ist, hat sie nicht erzählt, aber wir sind
33:59für morgen früh verabredet, damit sie nicht nochmal fehlt.
34:20Können wir reinkommen?
34:26Hallo.
34:28Guten Morgen.
34:30Guten Morgen.
34:31Guten Morgen.
34:32Ich war bis 4 Uhr wach.
34:33Oh.
34:34Oh.
34:37Ich habe verloren.
34:43Ich muss mal neu holen.
34:46Schon zum zweiten Mal diese Woche hat Justina ihren Zettel verloren.
34:49Alle Patientinnen müssen sich morgens bei der Frühbewegung unterschreiben lassen, dass sie da waren.
34:54Völlig ständig Sachen, ja.
34:57Auch meinen Autoschlüssel und mein Portemonnaie und was ich schon alles verloren habe.
35:05Bist du froh, dass du jetzt aufgestanden bist?
35:07Oder ist so...
35:09Nee.
35:10Ich hätte am liebsten weiter geschlafen.
35:13Nee.
35:14Wenn wir uns hier entsetzen, ich habe keine Lust mehr.
35:17Wir sind legit zwei Minuten gelaufen.
35:19Ja, das reicht.
35:20Ich bin wach.
35:21Komm, wir machen noch bis da runter.
35:22Bis da runter?
35:23Sonst habe ich ein schlechtes Gewissen.
35:25Dann machen wir so.
35:25Da gibt es eine Zwischenbank.
35:27Ich setze mich nicht die riesige Bank vor.
35:29Ich habe Täterbank.
35:29Nee, wir machen uns auf die Bank.
35:31Ach so.
35:32Okay.
35:33Sonst fühle ich mich schlecht.
35:35Laufen wir hier rum und dann einmal so und dann...
35:37Komm, wir laufen.
35:37Eins noch weiter.
35:39Okay.
35:40Okay.
35:41Justina erzählt mir, sie hatte einen schlechten Tag.
35:44Bis spät in die Nacht war in ihrem Kopf Chaos.
35:47Deshalb hat sie bis 13 Uhr verpennt.
35:50Also keiner wusste, was ist, wo ich bin, nichts.
35:53Und ja, das war ein bisschen ärgerlich.
35:55Weil ich mache ja gerne die Therapie mit, aber...
35:58Könnte es vielleicht auch sein, dass wenn du dann so viel am Handy dabbelst,
36:02dass das vielleicht auch noch mit rein spielt?
36:04Ja, bestimmt.
36:05100 Prozent.
36:07Ich war gestern Nacht bis 4 Uhr wach.
36:10Das heißt, ich war bis 4 Uhr am Handy.
36:12Wow.
36:13Ja.
36:13Könntest du es nicht einfach auch weglegen?
36:18Nee, eigentlich nicht.
36:19Ist ja dann so langweilig, ne?
36:21Wenn ich morgens früh wach bin, das erste, was ich mache, ist auf TikTok zu sein.
36:25Fällt mir gar nicht mehr auf.
36:27Ist so wie Zähneputzen, Toilette gehen für mich.
36:29Ich merke das gar nicht.
36:30Ist einfach so...
36:31Läuft einfach.
36:33Man kann ja auch sein Telefon abgeben, habe ich gelernt.
36:36Ja, habe ich auch gehört.
36:40Wäre das was?
36:41Nee.
36:42Dann hätte ich ja mein iPad.
36:43Ich würde dann jemand anderes nach dem Handy fragen.
36:45Ich würde irgendwie...
36:46Das ist wie mit Drogen, wirklich.
36:48Nee, ist ehrlich so.
36:49Wenn ich nichts habe, dann suche ich mir das woanders.
36:52Und ich kann mir das nicht vorstellen.
36:54Ich kann mir das wirklich...
36:55Nee, wirklich nicht vorstellen.
37:03Wie doll Justina ihr Smartphone braucht?
37:05Sie erzählt mir von einer Nacht vor zwei Wochen in der Klinik.
37:10Da war das ganz, ganz, ganz schlimm.
37:13Das war ganz schlimm.
37:14Ich habe mein Handy in die Hand genommen.
37:16Ich habe sofort aufgehört zu weinen.
37:17Ich habe es weggelegt.
37:18Ich habe versucht zu schlafen.
37:20Und ich habe sofort wieder angefangen zu weinen.
37:23Ich habe das Handy wieder in die Hand genommen.
37:24Weil das ist halt irgendwie in dem Moment die beste Ablenkung.
37:26Ja.
37:27Also bist du schon süchtig?
37:29Ja, ich denke schon.
37:32Mit eigentlich 17 Stunden Bildschirmzeit am Tag ist man glaube ich süchtig, ja.
37:37Oh Mann.
37:37Würde ich sagen.
37:38Doch du vergeudest deine Zeit mit mir.
37:43Wirf deine Zeit aus dem Fenster mit mir.
37:46Warum könntest du auch noch Pause machen?
37:48Nach so einem langen Drehtag.
37:51Aber nein.
37:52Internet, Internet, Internet.
37:55Ponto, the hand.
37:58Meine 7 Tage sind fast rum.
38:00Jason hingegen bleibt noch.
38:02Er ist erst in Woche 3.
38:04Insgesamt ein Vierteljahr soll der 21-Jährige hier in der Reha-Klinik bleiben.
38:11Uah.
38:13Oh ja.
38:15Ich habe irgendwie das Gefühl, dass ich so mit 16 stehen geblieben bin.
38:18So einen Stopp gemacht habe.
38:19Durch die Depressionen und nie so wirklich erwachsen geworden bin.
38:22Ich habe es eigentlich immer vorgehabt, wenn ich wieder Abitur anfange, in der Schule neue Freunde kennenzulernen.
38:29Glaubst du mit der Therapie jetzt verändert sich was für die Zukunft bei dir?
38:33Das glaube ich schon.
38:34Also da, dass die Therapie hier schon sehr intensiv ist und muss ich auch sagen, wirklich sehr, sehr gut fühle
38:41ich mich erst mal so richtig geborgen auch.
38:42Und das Giften natürlich sein lassen, abstinent zu bleiben.
38:46Das ist auch das erste Mal, dass ich so richtig eine Therapie bin für Cannabis.
38:48Ohne Zocken wird relativ gleich bleiben und ich hoffe nur, dass ich etwas weniger Zeit am Handy verbringe.
38:54Während Jason noch am Anfang seines Klinikaufenthalts steht, ist bei Mike fast schon Kofferpacken angesagt.
39:00Doch vorher machen wir zusammen noch die Traumreise, die seinen Heilungsweg so richtig losgetreten hat.
39:07Ich nehme dich mit auf eine Reise, auf der du dir selbst begegnest.
39:11Du wirst dich mit dir selbst versöhnen, dir selbst vergeben, dich selbst fest in den Arm nehmen.
39:18Vielleicht willst du eine Hand auf dein Herz legen, um das noch bewusster wahrzunehmen.
39:24Und jetzt bleibe mit deinem Herzen verbunden.
39:36Krass, was passiert gerade mit dir?
39:38Naja, es kommen viele Emotionen hoch.
39:41Klar, es ist ein bewegendes Thema.
39:43Selbstliebe ist immer ein Thema, tagtäglich.
39:46Und ja, man vergisst das zu schnell, zu oft.
39:49Ja.
39:51Oder ich vergesse das zu oft.
39:53Ich muss mal die Tränen hier wegwischen.
39:54Ja, lass die.
39:56Lass die.
39:57Die dürfen sein.
39:58Ja.
39:59Und das sind tatsächlich Freudentränen.
40:00Das ist jetzt nicht aus Trauer.
40:02Das sind Freudentränen.
40:03Ich bin einfach stolz darauf, dass ich diese Reise angetreten habe und hier bin.
40:07Und dass es mir gut geht.
40:09Die Angst ist unser größter Gegner, aber auch unser größtes Potenzial zu wachsen.
40:13Tatsächlich ist das auch so eine Erkenntnis wieder daraus.
40:16Meine liebste Therapeutin hat mal zu mir gesagt, Frau Kahn, der Weg raus ist der Weg durch.
40:23Und ich habe es super lange gebraucht, um zu checken.
40:26Durch die Angst hindurch.
40:28Drei Wochen bevor Maik seine Therapie angefangen hat, lernt er seine neue Freundin kennen.
40:34Tatsächlich.
40:35Sie hat mich sogar hier schon eine Woche besucht.
40:38Und waren im Rosengarten gewesen und im Rosenhof essen gewesen.
40:45Und ich wusste auch von dem Tag an, wo ich sie angesprochen habe, das passt.
40:49Das funktioniert.
40:51Und da sind mir auch die Tränen gelaufen, weil es war wieder so emotional so.
40:55Überall sind die Rosen in meinem Leben plötzlich.
40:57Und das ganz ohne Dating-App.
40:59Und das ohne Dating-App.
41:00Ja, tatsächlich.
41:02Mein letzter Abend.
41:04Justina und ich haben noch ein Zeckenhaus-Basteldate.
41:07Aber erst mal schulde ich ihr noch was.
41:09Ich möchte dir das zurückgeben.
41:11Ja.
41:12Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht so richtig, was ich sagen soll.
41:15Aber ich würde dich übrigens gerne drücken, wenn das für dich okay ist.
41:18Ja, ist okay.
41:19Komm her.
41:21Dankeschön.
41:22Nee, ich hab dir zu Dank.
41:23Ja, es hat mich sehr berührt, was ich da gelesen hab.
41:26Ich hab heute mal ein bisschen Angst, verurteilt zu werden für Sachen, die da drinstehen.
41:31Ja.
41:43Was ist denn so dein großes Ziel, wenn du hier aus der Therapie rauskommst?
41:49Also ich möchte mit der Abstinenz auf jeden Fall klarkommen.
41:53Und gucken, dass ich von hier aus in die Nachsorge direkt gehe.
41:56Das ist mir sehr wichtig, weil ich glaube, wenn ich wieder ohne alles nach Hause gehe,
41:59dann fängt wieder alles von vorne an.
42:01Und jetzt bin ich an einem Punkt, wo ich wirklich weitergekommen bin psychisch.
42:05Und das würde ich direkt ausnutzen und nicht wieder schleifen lassen, bevor es wieder schlimmer wird.
42:11Auch will Justina endlich wieder arbeiten.
42:13Ich vermisse das total, weil ich liebe die Arbeit.
42:16Es macht mir voll Spaß.
42:18Schminken, Haare machen, das ist ja voll meins.
42:20Das ist ja mein Hobby, meine Leidenschaft, mein, keine Ahnung.
42:23Mein Traum ist es ja, so ein eigener Beauty-Salon zu haben, so ein Beauty-Salon.
42:27Und ihr Plan mit ihren 17 Stunden Bildschirmzeit?
42:31Also das wäre schon schön, wenn das auch viel weniger werden könnte.
42:34Ich glaube, das würde auch meiner Psyche tatsächlich gut tun.
42:38Ja, mich würde aber auf jeden Fall noch interessieren, wie deine Bildschirmzeit ist.
42:43Oh Gott.
42:44Ich bin mal gespannt jetzt.
42:45Wir gucken uns meine letzten Wochen an.
42:4731 Stunden, 6 Stunden 42.
42:49Ja.
42:51Und das Krasseste, 12 Stunden 39 an dem einen Tag.
42:55Ist schon auch nicht wenig.
42:57Wann wird dein Bett frei neben dir?
43:00Ja, da musst du vielleicht auch mal über einen Entzug von Social Media nachdenken.
43:05Autsch.
43:06Justina hat leider recht.
43:07Denn auch diese Woche, in der wir von ehrenlos früh bis gottlos spät in der Klinik sind,
43:12habe ich stabile Stunden Handyzeit.
43:14Einfach so, zwischendurch.
43:17Jetzt wird's ernst.
43:18Das sind zwar die Kriterien für Online-Gaming-Sucht,
43:21aber wenn fünf dieser neun Kriterien auf der linken Seite auf mich zutreffen, bin ich abhängig.
43:27Merke ich, ich habe schon mal mehr Medien konsumiert, als ich mir vorgenommen habe.
43:31Länger.
43:32Oder die andere Form, als ich gerne wollte.
43:34Es kann auch heißen, ich merke, dass es mich depressiv macht.
43:37Und ich mache trotzdem weiter.
43:39Das sind Kriterien.
43:40Und jetzt überlegen Sie mal, was Sie schätzen würden.
43:44Pi mal Daumen.
43:45Wie viele von diesen Kriterien Sie in den letzten zwölf Monaten erfüllt haben?
43:49Wie viele Kriterien werden erfüllt?
43:514,5.
43:534,5.
43:53Oh.
43:55Wenn ich ehrlich bin, ist es eher eine 5.
43:59Hat Psychologin Frau Lehmann nicht am Anfang gesagt, Süchtige unterschätzen ihr Problem?
44:03Vielleicht muss ich da nochmal ran.
44:05Es ist schon erschreckend zu sehen, wie oft ich am Handy hänge,
44:09selbst wenn mein Hirn eigentlich nur das will.
44:11Eine Pause und Ruhe.
44:214 Monate später.
44:23Alle haben mittlerweile die Klinik verlassen.
44:26Justinas Bildschirmzeit ist wieder auf Maximum.
44:29Alkohol und Cannabis waren zurück, aber für die Tagesklinik hat sie wieder aufgehört.
44:33Und sie sucht einen Platz im betreuten Wohnen.
44:37Von Jason haben wir leider nichts mehr gehört.
44:39Trotz mehrmaligem Nachhaken auf verschiedenen Wegen.
44:42Wir hoffen, es geht ihm gut und er schafft alles, was er sich vorgenommen hat.
44:48Ange geht einmal die Woche zu einer Therapeutin.
44:51Mental struggelt sie zwar gerade, ist dabei aber optimistisch.
44:54Denn bisher keine Selbstverletzungen mehr.
44:57Und ihre Bildschirmzeit ist auch weniger geworden.
45:01Mike ist happy.
45:03Mit seiner Freundin ist er jetzt neun Monate zusammen.
45:05Er ist clean geblieben und auf Jobsuche.
45:08Das Handy nutzt er nur ein bis zwei Stunden am Tag.
45:11Für Nachrichtenschreiben, Filme und Serien.
45:13Und bei mir?
45:14Ich bin immer noch oft, zu oft im Modus Handy an, Welt aus.
45:19Vor allem auf dem Klo.
45:20Aber morgens schaffe ich es immerhin eine Stunde im Flugmodus zu bleiben.
45:23Na jaa, Baby Steps.
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