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100 Jahre auf Koks
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00:00Alkohol, Drugs, Overdrive, Negen, Rollen, Ziehen. Mein Eindruck, Kokain ist überall.
00:07Und auch die Zahlen zeigen, es war noch nie so viel.
00:10Jeder macht das, also warum nicht einfach ausprobieren?
00:12Aber wie konnte es so weit kommen?
00:14Ich habe auch an Mütter verkauft und so, Anwälte, Lehrer.
00:18Und wusstet ihr, dass Kokain quasi eine deutsche Erfindung ist?
00:21Hier vor dem KDW, hier gab es auf jeden Fall Kokain zu kaufen.
00:25Von der Elite-Droge.
00:26Kokain gilt nun einmal als Champagner unter den Drogen.
00:29Zum Rauschmittel der Kreativen.
00:31Ich habe den ganzen Kokain für mich alleine weggezogen.
00:34Hin zum High-Performance-Pulver.
00:36Mein Selbstbewusstsein war besser, ich war fokussierter, ich war wach.
00:39Ich will wissen, wie wurde Kokain zur Volksdroge der Neuzeit?
00:45Fast 6% der Erwachsenen in Deutschland haben sich schon mal das Näschen gepudert.
00:49Und ganz ehrlich, mich schockt die Zahl nicht.
00:51Ich meine, ich wohne in Berlin, ich gehe gern mal aus, da läuft einem Kokain zwangsweise über den Weg.
00:56Und Dokus dazu gibt es viele.
00:57Meistens geht es dann aber um den Handel oder um die, die total abgestürzt sind.
01:02Dabei koksen auch ganz viele Menschen aus der Mitte der Gesellschaft.
01:05Und um die geht es in diesem Film.
01:07Wer sind sie und wie konnte es soweit kommen?
01:10Dafür Leute vor die Kamera zu bekommen, war eine Challenge.
01:13Mehrfach werde ich versetzt, es hagelt Absagen.
01:15Entsprechend hoch ist die Anspannung, als ich an einem Samstagabend auf eine Crew warte, die gleich koksen will.
01:21Jetzt gleich kommen hoffentlich Leute durch diese Tür, die wir dabei filmen können.
01:27Aber so richtig glaube ich es auch erst, wenn sie wirklich hier klopfen.
01:29Dann kommen sie tatsächlich.
01:31Abgemacht ist, wir pixeln, sprechen ihre Stimmen nach.
01:34Dafür darf ich den ganzen Abend dabei sein.
01:36Sie sind zwischen 20 und Mitte 30, kennen sich durchs Feiern.
01:38Es ist ein Lifestyle, es ist nicht ein Event.
01:42Kokain ist ein Lifestyle.
01:43Es ist nicht Party, es ist nicht, wir machen das mal, sondern Kokain ist ein Lifestyle.
01:47Ja, ich würde aber schon sagen, was man so chillig macht.
01:51Ja, so nebenbei.
01:52Aha, okay, das finde ich aber auch spannend, wenn du sagst, das heißt, das ist überhaupt nicht so unbedingt, dass
01:57wir dabei immer nur feiern gehen.
01:59Nee, das kannst du in jeder Lebenssituation machen.
02:02Ja, vor Klausur.
02:03Es ist ein Nebenbei-Ding.
02:05Vor Klausur.
02:05Ja, also wenn man das noch in der Schulzeit gemacht hat, wenn du beispielsweise so drei Stunden lang irgendwie geschlafen
02:10hast oder so und dann halt bevor du in den Schulbus steigst.
02:13Zum Beispiel, du musst zum Amt gehen, du musst ein Paket wegbringen, da hilft es dir bei.
02:18Fast so selbstverständlich wie Kaffee am Morgen wird hier eine Line gezogen.
02:22In eurem Freundeskreis habt ihr viele Leute, die Koks nehmen?
02:26Ja, hundertprozentig.
02:28Es gibt dann so ein paar Opfer, die das auch nicht machen.
02:30Ja.
02:30Das sind auch die gleichen Leute, die dann keinen Alkohol trinken oder sowas und den ganzen Tag nur zu Hause
02:35bleiben.
02:35Die Frage ist doch eigentlich, warum machst du das nicht?
02:37Ja, du musst einfach offen sein.
02:39Du musst nicht von solchen Grenzen dich einschränken lassen, sondern dich für alles einfach mental öffnen und erst mal auf
02:44dich zukommen lassen.
02:47Mir scheint, für sie ist Koks nicht nur Vergnügen, sondern offenbar sowas wie eine Erleuchtung.
02:53Nach dem Motto, wer es nicht nimmt, verpasst was.
02:58Soll ich hotplayen?
02:59Ja, ja.
03:00Habt ihr eine Mikrowelle?
03:00Ja, da ist eine Mikrowelle.
03:02Echt?
03:02Und wird behandelt wie eine Wissenschaft.
03:05In Kokain, da sind ja Lösungsmittel enthalten und wenn man den Teller heiß macht vorher und dann da das Koks
03:09drauf macht,
03:10dann verdampft erstens die Lösungsmittel ein bisschen, bis wegen man das feiner pulverisieren kann und es wahrscheinlich ein bisschen weniger
03:15ungesund ist.
03:18Von gesund kann hier keine Rede sein.
03:20Kokain macht psychisch abhängig, schädigt das Gehirn und kann tödlich sein.
03:24Aber davon spricht hier gerade niemand.
03:26Du hast eben gesagt, du hast das erste Mal mit 16 gekokst, oder?
03:29Ja, richtig.
03:30Wie kam das?
03:31Ich hatte schon immer so ein bisschen so eine Drogenaffinität.
03:34Ich dachte mir so, Koks, das bockt einen, das muss bocken, jeder macht das.
03:37Also warum nicht einfach ausprobieren?
03:38Okay, aber das heißt, die Hemmschwelle war auch extrem gering.
03:41Nö, man hat einfach richtig Bock, also gar keine Hemmschwelle.
03:44Seitdem kokst sie regelmäßig, ein-, zweimal die Woche, manchmal auch gar nichts, sagt sie.
03:48Wie viele soll ich jetzt eigentlich machen?
03:50Ja, alle wollen.
03:51Alle?
03:51Okay, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht.
03:56Gegen Koks spricht für die Gruppe wenig.
03:58Ich sehe das eigentlich gar nicht so als so ein Ding von, das ist eine Marotte von mir, ich muss
04:01damit aufhören.
04:03Das irritiert mich, die Gruppe wirkt insgesamt durchaus gebildet.
04:06Gebildet genug, um die Risiken zu kennen.
04:08Und trotzdem höre ich hier vor allem eins, Koks, geil.
04:12Jeden Tag ein Apfel, damit ich länger lebe.
04:15Hochbesuch beim Arzt, noch bevor ich eine lege.
04:18Du beschleunigst dich selber, um überhaupt in die kapitalistischen Ströme dich reinzuwerfen.
04:23Du ballerst dich halt schneller, weil die Gesellschaft schneller wird.
04:26Du gehst halt rein in alles, du checkst die Ströme, du checkst die Werbung, du checkst den Supermarkt.
04:30Du gehst richtig rein.
04:31Du hast mehr Bock auf den ganzen Scheiß.
04:32Ja, du fliehst nicht, sondern du gehst rein.
04:34Das Wichtigste, ich glaube, das wird dir jeder sagen, das Wichtigste ist die Energy.
04:38Und diese Energy im Raum spürt man langsam.
04:41Das reden sie doch auch überall.
04:43Also überall sagen die das die ganze Zeit.
04:45Aber das ist einfach.
04:46Ich weiß, über manches kann man nur den Kopf schütteln.
04:49Aber die Gruppe nur zu verurteilen, finde ich zu einfach.
04:51Immerhin bekomme ich hier einen echten Einblick in eine Generation,
04:54für die Kokain das Normalste der Welt ist.
04:56Und der Abend ist noch jung.
04:59Die Geschichte von Kokain in Deutschland ist dafür ziemlich alt.
05:03Schon vor 100 Jahren wurde gekokst.
05:05Oder wie heute viele sagen, geballert.
05:07Aus dieser Zeit stammt auch das Wort Kokolores,
05:10mit dem man die Geschwätzigkeit auf Kokain beschrieb.
05:12Und wer hätte es gedacht, auch damals der Hotspot Berlin.
05:15Junge Nutten, alte Sünder, Heilsarmee und Rote Front,
05:19Schwarz, Weiß, Rot und Blau und Blond.
05:22Keiner kann sich hier entziehen.
05:23Der Riesenstadt Berlin.
05:27Aber wie konsumierte man im Vergleich zu heute?
05:30Um das zu verstehen, treffe ich Historikerin Anne Gnausch.
05:33Auf den Spuren von Kokain in Deutschland im noblen Berliner Westen.
05:39Wenn ich jetzt heute ans KDW denke, dann denke ich zwar an Konsum,
05:43aber nicht unbedingt an Kokain-Konsum.
05:45Ja, also damals vor gut 100 Jahren, in den 20er Jahren,
05:49war der Kurfürstendamm, der Townsend das neue aufstrebende Vergnügungsviertel
05:55mit Theatern, Kinos, Restaurants, Bars.
05:58Hier gab es auf jeden Fall Kokain zu kaufen.
06:06Dazu müssen wir den Zeitgeist verstehen.
06:08Nach dem Ersten Weltkrieg sehnen sich viele Menschen nach Ekstase, nach Freiheit.
06:12Auch wenn es den meisten finanziell schlecht geht, will man gedanklich flüchten.
06:16Ein Hotspot von damals, das Kakadu, die damals angeblich längste Bar Berlins.
06:21Wie selbstverständlich hier geguckt wurde,
06:23zeigen später zwei Wissenschaftler an ihrer Feldforschung.
06:25Und die haben sozusagen berichtet in ihren Studien,
06:29dass dort ganz offen, ja, dass Kokain bestellt wird,
06:33kaum anders als ein Glas Cognac.
06:35Und auch jeder seine Kokainbüchse sozusagen bei sich trägt.
06:40Und für solche Dosen wurde 1925 sogar an der Zeitung Die Elite Werbung gemacht,
06:45als perfektes Ostergeschenk für Damen.
06:48Es gibt nur ein Berlin.
06:53Und hier war in den Zwanzigern nicht wie heute Bio-Brot,
06:56sondern Kokain en vogue, in der damaligen Bar El Dorado.
07:00Hier verkehrten schillernde Figuren, darunter die Nackttänzerin Anita Berber,
07:05bekannt für ihre Tänze von Laster, Grauen und Ekstase.
07:08Eine Kunst, die auch vom Konsum erzählte.
07:11Also Anita Berber hat offen zu ihrem Kokain-Konsum gestanden.
07:151922 hat sie sich in einem Café in Wien in aller Öffentlichkeit Kokain gespritzt,
07:20in den Oberschenkel.
07:21Wenn ich mir jetzt vorstelle, jemand spritzt sich Kokain ins Bein,
07:24dann glaube ich, würde der eher am Rande der Gesellschaft stattfinden.
07:27In bestimmten Kreisen, in der Künstlerwelt,
07:29war das Kokainschnupfen große Mode in den 20er Jahren.
07:32Und in dieses Milieu ist ja Anita Berber sozusagen auch einzuordnen.
07:40Anita Berber stirbt mit nur 29 Jahren,
07:43gezeichnet von ihrem Drogenkonsum an Tuberkulose.
07:46Illegal war Kokain damals übrigens nicht, nur rezeptpflichtig.
07:51Aber wie kam das Kokain überhaupt nach Deutschland?
07:54Dafür müssen wir noch ein bisschen weiter zurück.
07:57Wird Kokain heute schon mal in Dermen geschmuggelt,
08:00wurde es Mitte des 19. Jahrhunderts in Darmstadt kommerziell hergestellt.
08:04Obwohl die Coca-Blätter aus Südamerika kommen,
08:07wurde Kokain erstmalig im Land der Dichter und Denker extrahiert.
08:11Die deutschen Narcos waren diese Männer allerdings nicht.
08:13Sie stellten Koks nämlich legal her, als Medikament für die Firma Merck.
08:17Bis ca. 1900 enthielt auch Coca-Cola Kokain.
08:20Es galt als vielseitiges Wundermittel.
08:22Wir müssen unterscheiden, Kokain als Rauschmittel und Kokain als Medizin.
08:26In der Medizin war es durchaus wichtig als lokalem Ästhetikum,
08:30Zu der Zeit wurde Koks von allen gefeiert.
08:33Papst Leo XIII. machte mit seinem Konterfei sogar Werbung für kokainhaltigen Wein,
08:38den Wien-Mariani.
08:39Und auch Sigmund Freud lobte das Pulver.
08:41Wie sehr Koks süchtig machte, wusste man schlicht nicht.
08:44Deswegen hat Sigmund Freud, das auch seinem Freund empfohlen,
08:47der morphiumabhängig war nach einer Daumenamputation,
08:50aufgrund großer Schmerzen, zum Morphium und Zucker der Kokain empfohlen.
08:53Das war nicht so gut.
08:55Der ist dann letztendlich auch gestorben.
08:58Im Ersten Weltkrieg wurde Kokain dann vermehrt als Schmerzmittel verwendet.
09:01Und viele Soldaten wurden damit behandelt und wurden zu großzügig damit behandelt.
09:05Das heißt, denen wurde teilweise gezeigt, wie sie sich das selber spritzen können.
09:09Und es wurde nicht auf die Dosierung geachtet.
09:11Und die kamen dann eben süchtig aus dem Krieg zurück.
09:13Hedonistischer Konsum wie bei Anita Berber und Kokainsucht als Folge von Kriegsschäden existierten also nebeneinander.
09:20Ab 1930 wurde Kokain mit dem ersten Opiumgesetz als Betäubungsmittel eingestuft.
09:26Der Erwerb wurde deutlich erschwert.
09:28Auf dem Schwarzmarkt wird Kokain weitergehandelt.
09:31Die Polizei nimmt den Kampf gegen die Droge auf.
09:33Polizei-Razzia in einer Kellerwohnung.
09:35Sie diente als Umschlagplatz für Rauschgift.
09:38Schlagartig wurde zugepackt.
09:49Anfangs ging es vor allem um Gras.
09:51Später fanden die Beamten immer mehr Kokain.
09:551977
09:55Fünf Kilogramm Kokain mit einem Schwarzmarktwert von rund 4 Millionen Mark, die größte bisher in der Bundesrepublik aufgespürte Menge, wurde
10:03von den Fahndern beschlagnahmt.
10:051989
10:06Und es ist eine unvorstellbare Menge, nämlich 650 Kilogramm mit einem Marktwert von 130 bis 200 Millionen Mark.
10:14Der größte Fund von Kokain auf bundesrepublikanischem Boden.
10:172023 erleben wir dann den bisherigen Höchststand.
10:20Unter der Operation Plexus nun knapp 36 Tonnen Kokain sichergestellt.
10:25Nicht nur dieser Fund stammt aus Hamburg.
10:27Laut Abwasserdaten von 2024 wird dort auch am meisten Kokain konsumiert.
10:32Kein Wunder, wenn hier viele so selbstverständlich konsumieren wie unsere Hamburger Gruppe.
10:40Auch wenn kurzzeitig nicht ganz klar ist, wo das Koks abgeblieben ist.
10:44Wer hat sich die scheiß Kapse abgezogen?
10:46Wer hat sich die Kapse abgenommen?
10:48Wie viel hatten wir denn? Fünf insgesamt?
10:49Nein, fünf.
10:50Nee, nee.
10:51Aber wie viel hatten wir insgesamt denn?
10:53Doch, doch.
10:54Irgendwer muss sie geklaut haben.
10:55Nee, das kann nicht sein.
10:55Sofort.
10:55Das kann nicht sein.
10:56Sofort.
10:57Doch, doch. Irgendwer hat geklaut.
10:58Nein, das wurde geklaut.
10:59Nein, nein.
11:00Das wurde geklaut.
11:01Ach so, war in meiner Tasche.
11:02Niemand hat das geklaut.
11:04Jetzt, wo die Gruppe auf das Koks eingestellt ist, versaut die Aussicht auf einen plötzlich endenden Exzess offenbar die Laune.
11:11Vielleicht auch, weil das Koks teuer ist.
11:13Bisher haben sie 350 Euro investiert.
11:15Einige hier arbeiten, andere studieren.
11:18Was denkt ihr denn, wie viel Geld gibt ihr im Monat für Kokain aus?
11:21Also schon so 600, 700 Euro bestimmt.
11:24600, 700 Euro?
11:25Naja, man muss halt schauen.
11:26Wenn du sagst, du hast das, ist das natürlich so von Monat zu Monat verschieden.
11:30Und Eltern am Pumpen.
11:31Und ja, ich muss irgendwie eine neue Waschmaschine kaufen.
11:35Aber for real oder ist das ein Joke?
11:36Also ich hab schon meine Eltern mal gefragt, von wegen so, habt ihr mal ein Fuffi für Essen und das
11:41dann in Koks investiert.
11:42Also das war in der Phase, wo ich noch nicht so viel Geld hatte.
11:44Jetzt mach ich das nicht mehr.
11:46Doch, man kann es trotzdem noch machen.
11:48Man kann ja sparen, wo man will.
11:49Also wenn man überhaupt sparen will.
11:51Mama, falls du das siehst, es tut mir wirklich leid.
11:53Mir nicht.
11:54Je mehr Zeit ich mit der Gruppe verbringe, desto klarer wird mir ihre Ambivalenz.
11:59Einerseits wollen sie klar machen, dass sie der Droge nicht erlegen sind, die Kontrolle behalten.
12:03Andererseits klauen sie bei Mama Geld, um sich den Rausch zu finanzieren.
12:07Ihr Selbstbild kollidiert immer mehr mit dem, was hier passiert.
12:12Schnick, schnack, schnuck.
12:14Schnick, schnack, schnack, schnack, schnack, schnack, schnack, schnack, schnack.
12:17Ja, ja.
12:20Die Lines werden häufiger, wer wie viel hat, wird unübersichtlicher.
12:24Will noch jemand einen?
12:25Ja, ja.
12:26Ich will.
12:27Eine gewisse Unruhe macht sich mit dem Abend breit.
12:30Vielleicht ist das ja diese Energy?
12:37Je später es wird, desto enthemmter wird die Gruppe.
12:43Was zunächst spielerisch wirkte, bekommt was Zerstörerisches.
12:49Und Spoiler, wie viel Sinn für Zerstörung die Gruppe sonst noch in sich trägt, werden wir noch erleben.
12:57Nun auf in die nächste Bar. Dorthin wollen sie noch ein Kokstaxi bestellen.
13:00Denn kaum etwas kriegt man so schnell geliefert wie Kokain.
13:06Dank Leuten wie ihm. Wir nennen ihn Luis. Ich lerne ihn über Insta kennen.
13:10Er wohnt in Berlin und ist bereit, mit mir über seine Zeit als sogenannter Kokstaxifahrer zu sprechen.
13:15Das heißt, er hat Leuten per Handy Bestellungen kleinerer Mengen Koks geliefert.
13:20Ich muss ja sagen, mir fällt direkt auf, das ist ja ein ganz schönes Auto hier.
13:24Bist du auch so ein gutes Auto gefahren, als du als Kokstaxifahrer unterwegs warst?
13:29Nee, tatsächlich nur einen normalen Golf, damit man so ein bisschen unterm Radar läuft.
13:36Zwar kein Dienstwagen, aber geregelte Arbeitszeiten. Eine Schicht zwischen 12 und 14 Stunden.
13:41Erzähl mir was über die Kundschaft. Was für Leute waren das hauptsächlich?
13:46Alle, wie man sich sie vorstellt. Anwälte, Lehrer. Natürlich auch ein paar Leute, die schon sehr abgerutscht sind.
13:54Ich habe auch an Mütter verkauft und so, aber niemals an Minderjährige.
13:58Ich hatte auch Situationen, wo er gesagt hat, muss man da klingeln und gehen wir da bitte hoch.
14:03Da war eine Frau, die war 75 Jahre alt.
14:06Also ja, und dann hat sie so ein bisschen alterfüscher und sie so, nö, ich mache jetzt hier noch ein
14:12bisschen mit meiner Freundin und dann gehen wir wieder abends schlafen.
14:14Und dann, wann? Wer?
14:17Es gibt sicherlich eine ganze Menge von Leuten, die sagen würden, dass das, was du gemacht hast, extrem unmoralisch ist.
14:27Wie ordnest du das für dich ein?
14:32Ich würde selber sagen, so unmoralisch. Aber es hat meine Miete gezahlt. Und das ist ja auch sehr gutes Geld.
14:39Er sagt, unter der Woche gab es pro Schicht 350 Euro, am Wochenende 400 Euro. Unversteuert.
14:46Wenn es auch mal gut gelaufen ist, kann man auch so 9000 Euro verdienen.
14:55An den Job gekommen, sei er über seinen alten Dealer.
14:59Bevor er Fahrer wurde, war er selbst kokainabhängig. Zog drei Gramm am Tag, erzählt er mir.
15:05Mir sind die Menschen egal in dem Moment. Ich glaube, das muss man auch so sehen.
15:09Also, wenn man das nicht so sieht, dann ist man in der falschen Geschäft.
15:14Vor etwa einem Jahr sei Luis dann von der Polizei hochgenommen worden.
15:17Er hat Glück gehabt, sagt er. Obwohl er 20 Kapseln und Bargeld dabei gehabt hätte, sei ihm bisher nicht der
15:22Prozess gemacht worden.
15:24Als Fahrer arbeite er seitdem aber nicht mehr.
15:27Minimum fünf Taxis kommen in einer Nacht, aber du willst gar nicht weg. Du legst nur weiter nach.
15:33So einfach kam man nicht immer an Kokain.
15:35Hubertus, 74 Jahre alt, war der Mann für den Schnee von gestern. Und was für einer.
15:40Er gehörte zu den Ersten, die Anfang der 70er Kokain in größeren Mengen nach Deutschland schmuggelten.
15:4622 Jahre, saß er wegen Drogenschmuggel und Geldwäsche im Gefängnis.
15:50Du kennst doch bestimmt, wie man sich heutzutage Drogen besorgen kann.
15:54Das habe ich mir schon sagen lassen.
15:56Hey meine Lieben, ich bin's, euer Lieblingsdude Markus. Weil ich nicht lange da war, habe ich ein Spezialangebot.
16:01Kannst du am Blick sehen, ob das gute Qualität ist?
16:04Das kann man am Blick schlecht sehen, aber ich würde mal sagen, da sind so ein paar Rocks drin.
16:09Das dürfte schon gute Qualität sein.
16:12Woran erkennt man denn gute Qualität?
16:14Indem man es konsumiert.
16:17Wie habt ihr das denn damals gemacht? Also diese Plastikdinger, die waren bestimmt nicht en vogue?
16:21Nein, die gab es damals nicht.
16:23Hubertus hat da was vorbereitet.
16:26Ich meine, was da jetzt drin ist, ist ja jetzt uninteressant. Aber so sah es jedenfalls aus.
16:31Und in diesen kleinen Briefchen, so professionell gefaltet, das dürfte jetzt ungefähr ein halbes Gramm sein.
16:38Hubertus sagt, das hier sei Puderzucker. Ich habe es zur Sicherheit trotzdem nicht probiert.
16:441973 schmuggelt er bereits haschisch, als ihn in einem Ibiza-Urlaub eine Frau anspricht.
16:49Und ich dachte, es ging um Sex. Die wollte mich da jetzt mal zu Hause bei sich vermaschen.
16:55Aber es ging nicht um Sex. Es ging darum, dass sie mir eröffnete, dass sie vor drei Tagen aus Kolumbien
17:02zurückgekommen ist und vier Kilo Kokain mitgebracht hat.
17:06Und sie kann das gar nicht alles verkaufen. Ob ich ihr die Hälfte abnehmen könne und das eventuell in München
17:13verkaufen könne.
17:14Hubertus überlegt nicht lange. Als er mitbekommt, dass das deutsche Tennis-Team von Ibiza nach Deutschland fliegt, kommt ihm eine
17:21unauffällige Idee für den Transport.
17:23Dann habe ich mir eine komplette Tennis-Ausrüstung gekauft und habe dann da mehr oder weniger gleich hinter den eingecheckt.
17:31Kriminelle Energie, Assi-Attitüde, prinzipiell schnell verdient, Pflanzen in der Blüte.
17:36Ob es am Tennis-Outfit lag oder nicht, Hubertus bringt den Stoff hier nach München in seine alte WG.
17:42Dann habe ich den Koffer auf den Tisch und habe ihn aufgemacht und habe geguckt, ist alles da, gut.
17:47Dann habe ich drei von den vier Beuteln erstmal versteckt und einen habe ich auf den Tisch liegen lassen, habe
17:53einen Freund angerufen und gesagt, komm mal vorbei.
17:56Dann haben wir das probiert und das betäubte gleich die Nase und das regte das Gehirn an.
18:03Unmoralisch empfand Hubertus das damals nicht.
18:05Wir waren jung, wir hatten Mut, wir haben uns nichts sagen lassen und wir haben gesagt, komm, ihr hattet eure
18:12Chance, ihr habt einen Adolf gewählt und jetzt machen wir unser Ding.
18:16Bei den Nazis war Kokain verpönt. Es galt als Überbleibsel der verhassten Weimarer Republik.
18:22Der Rausch schade der von den Nazis propagierten Rassenhygiene.
18:26Im Krieg wurde statt auf Koks auf Panzerschokolade, also auf Pervitin gesetzt. Das galt aber eher als Medikament.
18:33Fun Fact, trotz öffentlicher Ablehnung wurde Hitler nach dem Stauffenberg-Attentat offenbar mit Kokain behandelt.
18:39Anfang der 70er galten Drogen dann als Ausdruck einer freiheitlichen Jugendbewegung, auch als Abgrenzung von nationalsozialistischen Lebensbildern.
18:48In den USA wurde Koks schon etwas früher, in den 60ern, populär. Vor allem im Showgeschäft.
18:54Man geht davon aus, dass 90 Prozent des Kokains im Umlauf zu dieser Zeit im Film- und Musikbusiness verschnupft
18:59wurden.
19:00Auch zu Zeiten David Bowies und des berühmt-berüchtigten Studio 54.
19:05Als Hubertus mit seinen Taschen voller Koks in Deutschland ankommt, würde das erstmal gar nicht los.
19:10Es war eine Droge der Bohem und die war sehr teuer und es gab also keine kontinuierliche Versorgung.
19:23Erst im Laufe der 70er, also nach Hubertus erster Lieferung, wird Kokain als neues Phänomen erkannt.
19:30Das beweist, dass in der Bundesrepublik das Rauschgift-Kokain, das in Amerika schon lange eine Droge Nummer eins ist,
19:37langsam auch Eingang findet, einen Markt findet.
19:40Während andere Drogen eher fürs Scheitern standen, kam Kokain mit einem trendigen, elitären Image um die Ecke.
19:47Das ist ein neckischer Portionierer für die Schnupfdroge im Handtaschenformat.
19:53Für Herren gibt es die Behältnisse in rustikaler Ausführung.
19:55Kokain ist sicherlich eine renommierte Droge mit hoher Popularität und wird sicherlich Furore machen,
20:03so glauben wir, ähnlich in den USA, in den saturierten und arrivierten Kreisen.
20:08Kokain gilt nun einmal als Champagner unter den Drogen.
20:12Ob die Kartelle durch Angebot die Nachfrage steigern oder die Nachfrage den Handel aufblühen lässt,
20:17darüber sind sich Experten uneinig.
20:19Fakt ist, immer mehr Kokain aus Südamerika landet in Deutschland.
20:23Auch dank Hubertus.
20:25Einer meiner ersten substanziellen Kunden war der Abi Ofarim.
20:30Einen Sänger, kennen Sie den?
20:31Nein, kenne ich nicht.
20:32Der war damals sehr bekannt in Deutschland.
20:36Esther und Abi Ofarim, das waren...
20:38Ah, doch, das ist bestimmt der Vater von Gil Ofarim.
20:40Genau, ja.
20:41Und die waren weltberühmt und hatten Millionen Schallplatten verkauft.
20:49Und der Abi lebte hier in der Nähe.
20:53Und das sind Abi Ofarim und seine Frau.
20:59Hubertus Anekdote kann ich nicht überprüfen.
21:01Fest steht aber, Ofarim saß wegen Drogenbesitz im Gefängnis.
21:07Auch hier in Deutschland kommt Kok's also vor allem im Showgeschäft bei den unangepassten Kreativen an.
21:12Wie im Panikorchester von Udo Lindenberg.
21:17Harmonia, letzte Nacht, um Viertel vor vier, da hatte ich eine Erscheinung.
21:23Das hier ist Bassist Steffi Stefan.
21:26Hat noch jemand ein Bies dabei?
21:30Ihn besuche ich 50 Jahre später in Münster.
21:33Das bin ich, das ist Udo.
21:35Und wann war das so?
21:36Da war ich 16, das muss 1963 gewesen sein.
21:41Seit über 60 Jahren sind die zwei befreundet.
21:44Udo hat ja nie Drogen genommen.
21:46Udo hat nie irgendwelche illegalen Drogen genommen.
21:48Das waren immer nur ihr?
21:49Das waren immer nur wir.
21:50Er hat da nichts mehr zu tun gehabt.
21:52Genau wie mit Maffei.
21:53Maffei hat wohl viel getrunken.
21:54Udo hat auch viel getrunken.
21:55Maffei hat bis zu zwei Flaschen Whisky am Teil getrunken.
21:57Udo?
21:58Nee, Maffei.
21:59Udo hat noch mehr getrunken.
22:02Entschuldige.
22:05Steffi erzählt, vor und während Auftritten hat er regelmäßig Krux genommen.
22:10Vor dem Auftritt?
22:12Ihr vor dem Auftritt?
22:13Meine Wahl, jetzt will ich mal einen Bild sagen.
22:15Das ist nicht ein bezaubernes Orchester.
22:17Ein bezaubernes Panikorchester.
22:23Und auch der Rest der Band war nicht abgeneigt, wie Steffi mir mit einer nie veröffentlichten
22:27Tonaufnahme aus dem Tourbus von 1983 beweist.
22:30Zu hören ist ein Bandkollege, der von Steffis Koks Lines legt.
22:34Meine Tätigkeit besteht darin, eine gehirnperrende Substanz an die Liebhaber in geeigneter, konsumierbarer
22:41Form weiter zu verbringen.
22:44Der Tester testet vor, ob auch die Substanz in geeigneter Form zerkleinert wurde und an
22:51den Endverbraucher weitergereicht werden kann.
22:54Dann ist Steffi mit dem Ziehen dran und die Stimmung kippt.
23:00Nein, nein, nein, nein, Scheiße!
23:05Genau, man hört, dass die Leute sauer sind.
23:07Ja.
23:08Warum?
23:08Was hast du gemacht?
23:10Ich habe den ganzen Kokain für mich alleine weggezogen.
23:13Das war ja auch meins.
23:14Ich hatte nicht mal ein schlechtes Gewissen.
23:16Kokain!
23:19Obwohl die Aufnahme alt ist, entspricht sie immer noch dem klassischen Rockstar-Klischee.
23:24Es ist alles drauf, die Freude, die Vorfreude und dann die Enttäuschung und gleichzeitig
23:29auch die Gier kommt da für mich.
23:31Steffi hat sieben Jahre Kokain genommen, dann die Reißleine gezogen, sich für eine
23:35Weile vom Umfeld abgekehrt, um nicht in Versuchung zu kommen.
23:38So ganz abgeschworen hat er dem Exzess aber anscheinend nicht.
23:41Er will mir den sogenannten Breitenstuhl zeigen.
23:44Welcher ist der Breite?
23:45Ach, das!
23:45Das ist der Breitenstuhl.
23:47Also hier kannst du dir vorstellen, kannst du dich festschnallen.
23:54Ist auch besser so, ne?
23:56Hier ist das für Koks, hier ist das zum Rauchen, hier sind die Sechserpacks.
24:02Und normalerweise ist hier noch so eine Flasche dran, wenn es mal zu viel geworden ist.
24:08Nein.
24:09Und das hat dir Udo geschenkt?
24:10Hat Udo mir geschenkt, ja.
24:11Wann?
24:12Weißt du das noch?
24:13Zu meinem, ich glaube, Sechzigsten.
24:16Zum Sechzigsten?
24:17Oder zum Fünfzigsten oder Sechzigsten, ich weiß nicht mehr genau.
24:19Und hast du den dann auch noch benutzt?
24:21Ja, sicher.
24:25Der Breitenstuhl von Steffi Stefan ist wahrscheinlich das absurdeste, was ich seit langem gesehen habe.
24:30Und er steht sinnbildlich für eine gewisse Romantisierung einer rauschhaften Zeit.
24:35So kokettiert Starregisseur Rainer Werner Fassbinder mit seinem Kokskonsum zur besten Sendezeit.
24:41Welche Beziehungen haben Sie zu Kokain?
24:44Ich darf gar keine haben, ist verboten in dem Land.
24:48Da stand nämlich überall zu lesen, dass die Polizei Ihnen auf der Spur sei, weil Sie ein ständiger Empfänger, ein
24:59Einkäufer und ein Konsument eben von Kokain sind.
25:03Und was ist da dran?
25:05Ja, na, ich kann nur sagen, es ist verboten, ich darf es gar nicht kaufen, nee, im Nächsten.
25:0916 Jahre später, Superstar Falco bei Late Night Host Harald Schmidt.
25:13Auch sein Konsum wird abgekultet.
25:34Wer weiß, vielleicht hat auch dieser verharmlosende Umgang seinen Beitrag dazu geleistet, die Droge salonfähig zu machen.
25:40Ich will nicht hoffen, dass ich das jetzt hier so als verklärend darstelle, für eine Verklärung, weil es ist kein
25:47Grund zur Verklärung.
25:49Sondern es ist einfach im Grunde genommen so urflüssig wie Kropf.
25:52Im Grunde genommen sucht man diesen Kick.
25:54Der Kick ist verhältnismäßig kurz, bringt nichts und du kannst nicht schlafen.
26:03Wilde Ornaniererei, schwitzend, natürlich, das gehört dazu, das gehört dazu.
26:07Wie oft so.
26:08Wild schwitzend, je nachdem, wie man es genommen hat.
26:13Nee, wirklich, also wirklich, ich kann im Nachhinein einfach sagen, es sind Sachen, die man erlebt hat, wo man auf
26:19keinen Fall unbedingt darauf stolz ist, sind gute Geschichten.
26:22Genau.
26:22Stolz drauf sein kann man da nicht, weitergebracht sein hattest du auch nicht.
26:26Du hast gesagt, du hast damals dann schon irgendwie viel konsumiert.
26:29Glaubst du, das hätte man, hättest du immer so weiter konsumiert, wie in den 80ern da, dass es dir heute
26:34noch gut ginge?
26:35Dann würden wir heute nicht mehr darüber reden können.
26:38Ja.
26:38Bin ich von überzeugt.
26:39Das hätte man nicht überlebt, ne?
26:41Hätte man nicht überlebt.
26:41Ich glaube nicht, dass ihr das überlebt hättet.
26:43Glaube ich nicht.
26:44Haben ja eine ganze Menge Leute auch nicht überlebt, ne?
26:46Darf man natürlich auch nicht vergessen.
26:49Und das ist die bittere Wahrheit. Fassbinder stirbt 82 mit nur 37 an einer Überdosis von Kokain und Alkohol.
26:56Und Falco stirbt 98 mit Kokain im Blut bei einem Autounfall.
27:01Kokain macht nicht nur psychisch abhängig, es schädigt auch Leber, Herz und Niere, führt regelmäßig zu Herzinfarkten.
27:082023 wurden 65.000 Menschen wegen Kokain behandelt.
27:12Und das betrifft nicht nur die Partypeople.
27:14Mit steigendem Wohlstand schwappt Kokain ab den 80ern in mehrere Gesellschaftsschichten.
27:20Spätestens mit den Yuppies wird es auch als Leistungsdroge eingesetzt.
27:24Wer kennt nicht das Klischee des koksenden Investmentbankers?
27:30Ich mache Kokain, damit ich länger arbeiten kann.
27:34Dabei wird Koks längst auch in ganz anderen Branchen missbraucht.
27:37Ich besuche Sören, der sechs Jahre lang ein bis zwei Gramm Koks am Tag genommen hat.
27:41Chaos.
27:42Ja, natürlich.
27:43Hast du dir das danach oder davor gemacht?
27:45Das habe ich auch danach tätowieren lassen.
27:47Er arbeitet zu dieser Zeit als Krankenpfleger.
27:49Mein Selbstbewusstsein war besser, ich war fokussierter, ich war wach.
27:53Meine Muskulatur hat nicht irgendwie rumgestresst, weil ich jetzt gerade mal wieder einen schweren Patienten durch die Gegend gehievt habe.
27:58Es ging halt auch einfach um die Sorgfalt, das Durchhaltevermögen auch nach dem 14. Tag dann irgendwie noch zu sagen,
28:02ich ziehe die Schicht hier durch, hier ist alles pik-fein, ich mache eine Übergabe, die super ist.
28:05Mit steigendem Konsum reicht sein Geld nicht, um die Sucht zu finanzieren.
28:10Und das ging dann irgendwann so weit, dass ich halt in das Elternhaus bin, wo ich aufgewachsen bin in Lüdenscheid
28:15und bin dann halt bei meiner Schwester in den Keller, die zu der Zeit dann da gewohnt hat und hab
28:18da die Brocken rausgeholt.
28:19Das heißt, du hast deine Familie beklaut?
28:23Ja.
28:25Hast du da in dem Moment eine Schuld gespürt?
28:30Nee, überhaupt nicht.
28:32Sören gelingt es, die Sucht zu verstecken. Und das, obwohl er damals mit seiner Freundin zusammenlebt. Auch sie hat keine
28:37Ahnung, dass er konsumiert.
28:39Also ich hab mir immer wieder was einfallen lassen, damit man es nicht merkt. Oder ich hab es mir ins
28:42Getränk geworfen, wenn man einen Familienabend hat oder sowas.
28:46Das klingt so wahnsinnig einsam.
28:49Weil ich mein, du sagst ja auf Familientesten oder du hast mit einer Frau zusammengelebt, aber du konntest ja nie
28:55ganz ehrlich sein dann.
28:56Nee, ich hab tatsächlich einen Großteil meines Lebens irgendwie gefühlt nur mit einer Lüge gelebt.
29:03Nach dem Tod seines Vaters fängt er auch noch an zu trinken. Er fährt betrunken Auto und hat einen Unfall.
29:09Auf jeden Fall bin ich dann wieder in der Notaufnahme aufgewacht und ja, das war halt die Spitze.
29:15Das waren halt, glaube ich, sechs Substanzen im System und 4,97 Promille Alkohol.
29:22Ja, ja, dann kam halt entsprechend meine damalige Partnerin noch dazu, die sich dann vor Ort von mir getrennt hat.
29:27Mein Arbeitgeber, mein damaliger, der gesagt hat, so läuft das nicht. Und ja, Polizei stand halt auch da.
29:33Ich hab mir einen Tiefpunkt geht an mir nicht.
29:35Nee, das war auf jeden Fall der härteste Aufprall, den es halt geben musste so.
29:39Von einem auf den anderen Tag hat Sören nichts mehr. Er fällt in ein tiefes Loch, versucht sich das Leben
29:44zu nehmen.
29:45Dass er jemals wieder auf die Beine kommt, glaubt damals keiner.
29:48Aber dann schafft er einen Entzug, macht Therapie und bleibt clean.
29:52Seinen Job hängt er an den Nagel, findet eine neue Freundin und zieht für seinen Neuanfang nach Köln.
29:58Schön, da ist der Dom.
30:01Was glaubst du, so verstehen viele Leute falsch über Kogs?
30:07Dass man keinen Preis dafür zahlt.
30:10Der Preis ist unwahrscheinlich hoch und das ist auch das, was ich den Leuten immer sage.
30:14Ich stelle mir das vor, man kennt sich ja selber dann auch nur auf Kokain eine ganze Beine.
30:19Musstest du dich so selber neu kennenlernen?
30:21Voll. Absolut. In jedweder Hinsicht.
30:23Ich bin halt nicht untouchable, habe ich festgestellt.
30:26Sörens Geschichte, so schlimm sie ist, macht auch Mut.
30:28Und magst du dich jetzt?
30:30Ja, doch.
30:31Ja?
30:31Ja, doch.
30:32Also das heißt, sich mögen.
30:33Also ich akzeptiere mich, sagen wir es so.
30:36Eigentlich hören Filme immer hier mit dem guten Beispiel des therapierten Einzelfalls auf.
30:41Aber hey, wir haben eine Koksschwemme.
30:43Noch nie war so viel Koks im Umlauf wie in den letzten Jahren.
30:46Und deshalb hört es hier nicht auf.
30:47Die Crew in Hamburg fängt gerade erst an.
30:54Top, sehr gut.
30:56Let's go, let's go.
30:57Let's go.
30:59Am Tisch zeigt der Typ neben mir sogar Bilder, auf denen er sich Kokain gespritzt hat.
31:03Glaubt ihr, dass ihr denkt, dass ihr immer so weiter konsumiert?
31:08Ja, hoffentlich, hoffentlich, sag ich's mal so.
31:11Könnt ihr verstehen, dass ich mir ein bisschen Sorgen mache, wenn ich das höre?
31:14Warum denn Sorgen?
31:14Warum, warum?
31:16Du meinst doch gerade eben noch, dass wir so wirken oder zumindest den Eindruck machen, als ob wir recht sortiert
31:22wären.
31:23Ich glaube, man darf trotzdem immer nicht verwechseln, dass man nicht unbesiegbar ist.
31:27Warum denn unbesiegbar?
31:28Glaubst du, Drogen besiegen einen?
31:29Ich empfinde die Droge nicht so, wie es so allgemein gemacht wird, als so irgendeine Substanz, die mich dann irgendwie
31:34so mehr oder weniger vergewaltigt und dann in ihren Wann zieht.
31:38Komplett abhängig macht.
31:39Das ist ja komplett falsch.
31:41Du siehst dich immer an der Kontrolle.
31:43Ja, genau.
31:44Ich hab das Gefühl, die Gruppe fährt mit Vollgas in den Gegenverkehr, mit fester Überzeugung auf der richtigen Spur zu
31:49sein.
31:49Oder sie wissen es und es ist ihnen einfach egal.
31:52Weil ich meine, wenn du gewisse Drogen nimmst, hast du einfach so ein extrem hohes High.
31:56Und das führt ja, würde ich jetzt mal logisch konkludieren, dass dann das normale Leben einfach so ein bisschen an
32:04Höhen verliert.
32:05Aber was würdest du denn sagen? Ist das normale Leben denn wirklich so lebenswert für dich? Also was würdest du
32:10denn sagen?
32:11Ist das interessant, dass du das sagst? Weil ehrlich gesagt, klingt genau das so ein bisschen, oder es wäre jetzt
32:15mal eine Frage gewesen, empfindet ihr das nicht als lebenswert?
32:19Moritz?
32:20Ja.
32:20Findest du das Leben lebenswert?
32:22Er zuckt mit den Schultern. Dass die Antwort auf diese Frage Ratlosigkeit ist, lässt für mich die ganze Nacht in
32:28einem noch düstereren Licht erscheinen.
32:30Auch wenn ich nicht glaube, dass dieses Lebensgefühl repräsentativ für alle Kokser ist, belegt es doch einen gewissen Selbstzerstörungstrieb einer
32:38Jugend, die zu resignieren scheint.
32:40Also ich meine so wirklich, dass man, wenn man halt viele Drogen nimmt oder so, dass man natürlich irgendwie mit
32:45der, mit seinem Leben irgendwann spielt.
32:47Und Kokain zum Beispiel, das führt zu Herzinfarkten.
32:50Aber Fast Food doch genauso.
32:52Nee, nicht genauso.
32:54Aber ist jetzt das Schlimme am Herzinfarkt, ist die Frage.
32:56Und das meine ich. Das heißt, dir ist dein Leben egaler als mir meins.
33:00Was heißt egaler? Also es ist, ich sehe eine andere Konfiguration von Leben halt da drin.
33:06Und wenn du tot bist, kann es dir ja egal sein, dann bist du tot.
33:08Ich wollte für diesen Film herausfinden, warum so viele Menschen koksen und habe gelernt, der Konsum ist immer auch Spiegel
33:16der Zeit.
33:16In den 20ern steht das Pulver für Eskapismus nach dem Krieg, in den 70ern eher für Freiheit und Abgrenzung und
33:24in den 80ern für Leistung und Beschleunigung.
33:26Und auch heute scheint das Rauschmittel wieder Symptom einer in Teilen überforderten Gesellschaft zu sein.
33:32Die kokst, um durchzuhalten, zu flüchten und um das alles einfach zu ertragen.
33:54Untertitelung des ZDF für funk, 2017
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