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Adele Neuhauser · Die Bibi vom Tatort und ich

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00:18Passt!
00:22Ok
00:24Bereit!
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00:39Ich wusste schon sehr früh, es wird ein harter Weg für mich.
00:43Mein Leben wird ein harter Weg.
00:46Ich muss Marathonläuferin sein.
00:49Und ich muss das, was ich will, muss ich wollen.
00:53Also muss ich rennen.
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00:57Durch geht's.
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01:11Also ich gebe lange nicht auf.
01:15Und ich halte Schmerzen sehr lange aus.
01:19Was nicht gut ist.
01:24Aber...
01:29Das bin ich.
01:51Die Schauspielerin Adele Neuhauser lebt seit 15 Jahren in Wien, im 8. Bezirk.
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02:00Diese Figuren hat meine Großmutter gemacht.
02:04Das ist ein Krampus.
02:06Und diese, diese Pippi, Pippi Langstrumpf war für mich eine der mutigsten Mädchen, die ich kannte.
02:15Und ich habe die Pippi geliebt.
02:17Und dann hat sie mir eines Tages die Pippi gemacht.
02:20Jetzt hat sie keine...
02:22Früher standen ihr die Haare noch so.
02:24Und die Socken, die meine Großmutter liebevoll gestrickt hat, haben jetzt leider auch schon Löcher.
02:30Pippi ist eine starke, eine lustige, eine kreative Person.
02:36Ein wunderbares Mädchen.
02:38Und diesen Mut, den sie hatte, damit hat sie mich auch ein bisschen genährt.
02:43Auch so diese Fantasie.
02:52Bekannt ist Adele Neuhauser vor allem als Kommissarin im Wiener Tatort.
02:57Seit 2011 ermittelt sie an der Seite von Harald Krasnetzer.
03:02Geil, oder?
03:03Kommt zur Ruhe, bitte.
03:05Achtung, wir drehen.
03:07Grüß Gott, Herr Eisner.
03:08Servus, Laveck.
03:09Das ist meine...
03:09Frau Eisner.
03:10Tut mir leid, dass ich Ihren Mann am Heiligen Sonntag entführen muss.
03:13Aber den Mördern ist leider scheißegal, ob Feiertag ist oder nicht.
03:15Na, daran gewöhnt man sich nie.
03:18Bibi Fellner, mein Name.
03:20Das ist meine Assistentin.
03:22Pardon.
03:23Aber sie hat trotzdem ausgesagt.
03:28Weil ich ihr versprochen habe, sie zu beschützen.
03:33Ich glaube, Bibi und ich sind uns ähnlich in ihrer Zerbrechlichkeit, in ihrer Feinfühligkeit.
03:41Und sie ist auf ihre Art und Weise auch naiv, aber eben auch brachial.
03:54Der Wagen ist fertig untersucht?
03:56Ja.
03:57Gut.
03:59Der Bibi!
04:03Schon ein bisschen speziell, Ihre Assistentin.
04:06Ich bin enttäuscht.
04:07Die hat alles im Griff.
04:08Bibi!
04:08Also sie geht dann auch manchmal unverhältnismäßig, aber sehr mutig in eine Situation hinein.
04:18Und ich glaube, da sind wir uns auch auf eine gewisse Art und Weise ähnlich.
04:24Das ist die kleine Adele.
04:27Mit so einer Freude und so einer, ja, Begeisterung.
04:33Es war in Athen.
04:35In unserem Haus.
04:39Und was verbinde ich?
04:42Na, eine intakte Familie irgendwie.
04:45War alles noch in Ordnung damals.
04:50Am 17. Januar 1959 kommt Adele in Athen zur Welt.
04:56Ihre Mutter Elisabeth stammt aus einer Wiener Künstlerfamilie.
05:00Adeles Vater Georg ist halb Österreicher, halb Grieche.
05:03Er arbeitet erfolgreich als Architekt in Athen.
05:06Ihre Eltern sind bei Adeles Geburt bereits zum zweiten Mal miteinander verheiratet.
05:12Aus ihrer ersten gemeinsamen Ehe stammt Adeles sechs Jahre älterer Bruder Alexander.
05:17Ihren zweiten Sohn Peter aus einer anderen Beziehung bringt Adeles Mutter in die wiedervereinte Familie mit.
05:24Ich war ein sehr lustiges und lebensfrohes Kind.
05:29Also ich war die kleinste Unterliebling meines Vaters.
05:35Zwei Brüder, ein Mädchen.
05:38Ei, ei, ei.
05:39Natürlich was ganz Besonderes.
05:42Und so habe ich mich auch gefühlt als was Besonderes.
05:56Ich hatte viel Platz.
05:59Wir hatten einen Garten mit Zitronen und Orangen.
06:07Es wurde viel geredet und es wurde viel gelacht.
06:10Und es war sehr lebendig und frei.
06:20Kannst du dich noch so ein bisschen erinnern, wie deine Bindung zu deiner Mama war?
06:24Ich spüre noch die Umarmungen.
06:27Ich spüre noch ihre Zärtlichkeiten.
06:32Ich spüre ihren liebevollen Blick.
06:35Ich glaube, sie hat mich sehr geliebt.
06:39Ja, das fühle ich so, ja.
06:46Also ich erinnere mich dann an meine Brüder, an die Streicher, die sie gemacht haben.
06:52Wie zum Beispiel mein Bruder Peter einmal vor dem Garagentor nach Kohle gegraben hat.
07:00Und dann nichts gefunden hat, logischerweise.
07:05Und dann dieses Loch da war.
07:08Und was macht man mit einem Loch?
07:10Und dann hat er Wasser reingefüllt und hat mich hineingesetzt.
07:14Und ich habe nicht geweint.
07:16Das war mir gar nichts.
07:17Ich fand das sehr lustig.
07:19Hallo, du bist aber schnell gekommen.
07:20Ja.
07:22Sportlich.
07:23Ja, ziemlich.
07:25Servus.
07:26Servus.
07:28Servus.
07:29Servus.
07:29Na ja.
07:30Alles gut.
07:31Ich hoffe bei dir auch.
07:32Ja, ja.
07:34Die Geschwister treffen sich heute regelmäßig.
07:37Peter lebt als Künstler auf Mallorca und in Wien.
07:41Du willst ja einen Kaffee, oder?
07:42Ja, ja, ja.
07:43Das ist sehr lieb von dir.
07:44Danke.
07:45Soll ich eine Tasse für dich auch was nehmen?
07:47Ja, gib mir auch nicht.
07:48Ja, du hast immer so spezielle Wünsche.
07:51Welche Tasse möchtest du?
07:52Du.
07:53Diese hier?
07:53Das überlasse ich dir.
07:55Okay.
07:55Nicht zu schwer, ja?
07:57Okay, nicht zu schwer.
07:59Ich gebe dir mehr.
08:02Okay.
08:06Eine schöne Zeit war das in Athen.
08:09Bist du eigentlich gern aus Griechenland weggegangen?
08:13Ich kann mich natürlich nicht erinnern, wie das war, wie das Haus auflösen.
08:19Ja, wir haben alle nicht gewusst, was das bedeutet, dass wir nach Österreich zurückgehen.
08:26Also...
08:27Du warst acht?
08:28Ja, gibt mir ja, aber für uns, glaube ich, war es keine große Katastrophe.
08:34Erst als wir da waren, als wir dann zurück waren in Wien, ist das halt langsam ein bisschen
08:40triester geworden.
08:42Und da war dann schon spürbar, dass die Familie irgendwie halt ein bisschen problematisch war.
08:51Adeles Mutter leidet unter Heimweh.
08:54Auf ihr Drängen hin zieht die Familie 1963 nach Wien.
08:58Im multikulturellen Arbeiterbezirk Favoriten finden sie eine neue Wohnung.
09:02Ich war vier, wie wir dann nach Wien übersiedelt sind.
09:07Und ja, da hat sich alles schlagartig verändert.
09:11Also für mich fühlte sich alles kühler, grau und trist an.
09:18Mein Vater, der Druck hatte, Arbeit zu finden, der Druck hatte, genügend Geld zu verdienen.
09:25Und das ist natürlich ein Riesenunterschied, von einem Haus mit Garten zu übersiedeln,
09:31dann als fünfköpfige Familie in eine 72 Quadratmeter Wohnung dann in den zehnten Bezirk.
09:53Irgendwie von der Stimmung ist es nicht viel anders als es damals war, ganz eigenartig.
10:03Ich hatte ein bisschen Angst, hierher zu kommen.
10:12Meine Eltern haben nur noch den Tisch geteilt, aber das Bett haben sie nicht geteilt.
10:18Also habe ich mit meiner Mutter das Zimmer geteilt.
10:22Es war unser Zimmer und der Papa hat im Wohnzimmer gewohnt.
10:29Es gab viel Streit.
10:33Es war nicht mehr so dieses vergnügte Unterhalten.
10:39Alle standen irgendwie unter Druck.
10:43Es ist interessant, dass man sich so wenig unterhalten hat über schöne Dinge.
10:48Also ich weiß nicht, wie man so, was man sich so erträumt, was man gerne werden will,
10:53was man gebastelt hat, was man gezeichnet hat.
11:01Wie bist du als Kind damit umgegangen?
11:04Ich konnte sehr gut träumen.
11:07Ich habe mir meine eigene Welt gebaut, dann auch mit meinen Puppen von meiner Großmutter
11:12habe ich dann so mich in eine andere Welt gespielt und habe das so versucht so wegzublenden.
11:35Eines Tages saß meine Mutter im Bett und hat gesagt, komm her.
11:44Dann habe ich mich zu ihr gekuschelt, was sehr selten der Fall war.
11:51Und dann hat sie mir gesagt, Adele, ich werde jetzt ausziehen und der Peter wird mitkommen.
12:07Und wir kommen danach, habe ich sie gefragt.
12:11Sie gesagt, nein, du und der Alexander, ihr bleibt beim Papa, hier in der Wohnung und ich gehe mit Peter.
12:22Und dann habe ich nicht nachgefragt, nicht weiter.
12:26Das war's.
12:28Dann ist sie ausgezogen.
12:32Adele ist neun Jahre alt, als ihre Eltern sich trennen.
12:37Ich hatte das Gefühl, dass ich schuld bin, weil meine Mutter sich dann später sehr um meine Brüder gekümmert hat
12:49und weniger um mich.
12:50Und deswegen dachte ich, ich bin der Auslöser gewesen für all diese Streitigkeiten.
12:55Ich wäre diejenige, die dieses Ungleichgewicht ins Leben gerufen hat.
13:03Und das hat bei mir dann zu einer sehr, sehr großen Traurigkeit geführt und mündete in eine tiefe Depression,
13:13die man nicht gemerkt hat, weil ich das sehr gut verbergen konnte, weil ich niemandem zur Last fallen wollte.
13:25Schon gar nicht meinen Eltern.
13:31Ich weiß noch, dass ich von der Schule nach Hause kam, ins Badezimmer gegangen bin.
13:39Mein Vater hatte so eine Rasierklinge, die man so einspannt, das aufgemacht, die Rasierklinge rausgenommen,
13:51mich in eine Schallplatte aufgelegt habe, Billy Holiday mit zehn.
14:01Wusste, wie man sich in traurige Stimmungen begibt, mich ins Vorzimmer gesetzt habe, auf dem Boden und mir die Pulsarad
14:09aufgeschnitten habe.
14:13Und gar nicht allzu lang hat es gedauert, hat es an der Tür geklingelt.
14:19Ich bin aufgestanden und ich habe aufgemacht.
14:22Da war eine Freundin von mir an der Tür und sie hat mich gesehen und hat sofort meinen Vater angerufen.
14:30Der kam und seine ersten Worte waren, warum hat sie mir das angetan?
14:42Ja, das tut mir alles sehr, sehr leid für mich.
14:44Also da denke ich auch, genauso wie mein Vater damals, warum tut sie mir das an?
14:51Frag ich mich auch, warum hat sie sich das angetan, diese kleine Adele?
15:01Sie wächst bei ihrem Vater und ihrem Bruder Alexander auf.
15:05Ihre Mutter verdient ihren Lebensunterhalt als Sekretärin.
15:08Nach der Scheidung sieht sie ihre Tochter einmal in der Woche.
15:11Beide Elternteile sprechen nicht mit ihr über den Selbstmordversuch.
15:16Adele fühlt sich allein mit ihren Schuldgefühlen und seelischen Auf und Abs.
15:20Bis zu ihrem 21. Lebensjahr unternimmt sie fünf weitere Selbstmordversuche.
15:34Das Verrückte war ja, dass ich ja auch ein sehr lebensfrohes Kind war.
15:38Ich war ja auch sehr kreativ und sehr lustig.
15:41Ich habe gern Gedichte vorgetragen.
15:44Ich habe gern gesungen.
15:46Und indem ich andere Menschen zum Lachen bringe, indem ich sie unterhalte, indem ich in andere Rollen schlüpfe,
15:56habe ich ein Ventil gefunden und so bin ich im Leben geblieben.
16:01Mit 16 Jahren will Adele Schauspielerin werden.
16:04Ihr Vater ist dagegen.
16:06Sie bricht trotzdem die Schule ab, indem sie seine Unterschrift fälscht und zieht von zu Hause aus.
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16:31Also ich habe alle Brücken zerschlagen.
16:36Ich wollte Schauspielerin werden.
16:39Ich konnte und wollte mir nichts anderes vorstellen.
16:44Musik
16:51Adele's Eltern akzeptieren schließlich ihre Entscheidung.
16:55Sie bewirbt sich in Wien an mehreren Schauspielschulen und wird an der Schauspielschule Kraus angenommen.
17:14Puh, ist das arg.
17:17Adele
17:18Kannst du dich noch an den Moment erinnern, als du hier das erste Mal reingekommen bist, wie du dich gefühlt
17:22hast?
17:22Genau so wie jetzt.
17:25Völlig unsicher und aufgeregt, dass jetzt das Leben losgeht.
17:39Das sind jetzt, nein, Entschuldigung, ich bin so nah am Wasser gebaut.
17:44Das sind jetzt 44 Jahre.
17:50Vor 44 Jahren bin ich hier reingekommen, ohne zu wissen, was mir die Zukunft bringt.
18:04Ihre Ausbildung verdient sich Adele mit verschiedenen Nebenjobs.
18:08Drei Jahre später hat sie ihr Diplom.
18:15Wie geht's?
18:17Wie geht's?
18:20Mir auch.
18:21Ich habe die Tür aufgemacht und wie ich sie zumachte, wusste ich überhaupt nicht, was ich jetzt machen soll.
18:30Ich wusste gar nichts.
18:31Was mache ich jetzt?
18:33Jetzt bin ich Schauspielerin?
18:34Jetzt bin ich Schauspielerin?
18:36Jetzt bin ich Schauspielerin?
18:38Also da habe ich mich sehr verloren gefühlt.
18:44Mit einigen Kollegen gründet Adele in Wien das kleine Theaterpaket und versucht sich so über Wasser zu halten.
18:52Kurz darauf lernt sie den Schauspieler Soltan Paul kennen.
19:00Soltan war ein aufregender Typ, sehr energetisch und zynisch, lustig.
19:10Er hat mich sehr beeindruckt.
19:13Ich glaube, ich habe mich sofort in ihn verliebt.
19:21Soltan war stark.
19:22Soltan hat mich beschützt.
19:25Weil er so mutig war, weil er so gegen die Welt gekämpft hat.
19:29Irgendwie hat mir das sehr gut getan, dass er da war.
19:34Ihre charismatische Art, ihr Lachen, ihre wedelnden Augen und diese unglaublich offene Offenherzigkeit von ihr.
19:47Das war eine Verschworenheit.
19:51Eine unglaubliche Verschworenheit.
19:53Und ich habe ja auch nicht so eine rosige Kindheit gehabt.
19:57Und wir waren so gewissermaßen ein bisschen Schicksalsgenossen.
20:01Und wenn so zwei so verlorene Seelen, so wie ich und sie aufeinander getroffen sind, so, man kann schon sagen,
20:12dass wir haben uns an uns festgehalten auch ein bisschen.
20:171979 bekommen Adele und Soltan ein Engagement am Stadttheater Münster in Deutschland.
20:23Kurze Zeit später wechselt Soltan nach Krefeld.
20:27Die beiden führen knapp zwei Jahre lang eine Fernbeziehung.
20:31Es war eine gute Zeit für mich in Münster.
20:35Und Deutschland war auch richtig.
20:37War für mich richtig, weil ich mich da richtig frei gefühlt habe.
20:43Sehr weit weg von zu Hause, sehr weit weg von Wien, eine völlig andere Welt.
20:49Ich wollte arbeiten. Das war mir das Wichtigste.
20:57Mein Vater war stolz auf mich. Sehr stolz.
21:01Er ist zur Premiere nach Münster gereist. 1400 Kilometer mit dem Zug.
21:08Er hat fast jede Premiere, fast jede Premiere, hat er sich angeschaut.
21:15Ihr Beruf und die beiden wichtigsten Männer in ihrem Leben stärken Adele.
21:20Zwar gerät sie immer wieder in melancholische Stimmungen, aber sie unternimmt keinen Selbstmordversuch mehr.
21:27Mit 22 Jahren heiraten Adele und Soltan.
21:31Drei Jahre später verschlägt es die beiden mit einer freien Theatergruppe nach Polling bei Weilheim in Oberbayern.
21:38Oh Lord, won't you buy me a Mercedes-Benz.
21:42Das haben wir immer gesungen.
21:44Dann haben wir uns angekauft.
21:49Dann haben wir es noch mehr gesungen.
21:54Jetzt sieht man schon den Turm am Kloster Polling.
22:06Ich bin so schön. Ich freue mich so, dass ich dich sehe.
22:11Schöne Jahre gewesen mit euch.
22:13Die Adele hat sofort rumgelacht und ich nicht gelacht.
22:20Wir haben uns gegenseitig adoptiert.
22:22Ja, das war sofort.
22:23Und dann, wenn irgendwas war, habe ich dich gefragt oder sie ist rübergekommen.
22:29Und es war so ein ganz normales, nettes Hin und Her.
22:35Adele und Soltan haben beide kein fixes Engagement und leiden oft unter Geldnot.
22:41Die ehemalige Bahnhofsrestauration können sie aber günstig mieten und renovieren sie selbst.
22:58Wir haben es so gern hergelegt.
23:01Es war einfach schön, die Tür aufzumachen und der Zug, Hauptstrecke von München nach Garmisch.
23:14Aber man gewöhnt sich, an den Zug gewöhnt man sich.
23:24Wir haben so eine Idylle gebaut, weil wir eigentlich vorher nie ein Zuhause hatten, so ein richtiges.
23:33Ich war nirgends länger in meinem Leben als dort in diesem Haus da. Und sie auch nicht.
23:46Im Hinterkopf hatten wir schon so das Kind, das könnte kommen, so ein Kind. Wir waren so kindisch. Mein Gott,
23:53wir beide waren selber ziemliche Kinder.
24:03Ich wusste sofort, dass ich schwanger bin. Und ich bin ins Zimmer gekommen und da habe ich dann Soltan gesagt,
24:11ich habe gar nichts gesagt, ich habe nur gelacht.
24:15Und dann wusste er, dass wir Nachwuchs erwarten. Julian kam genau im richtigen Moment. Ich meine, wir hatten kein Geld,
24:29aber es war wurscht.
24:33Das hat uns noch mehr zusammengeschweißt natürlich. Adele war wirklich eine vorbildliche Mutter.
24:42Sie hat alle ihre psychischen Probleme oder irgendwie versteckten Dinge, alles kompensiert in dieser Liebe zu diesem Kind.
24:56Alles positiv, also im positiven Sinne. Sie ist aufgegangen, sie war sehr glücklich.
25:04Ich wusste das nicht, dass es das gibt, diese Art von Liebe. Ja. Also wirklich bedingungslose Liebe.
25:31Mein Vater hat uns oft besucht. Er ist gerne gekommen. Und das war ja auch kein Problem. Das ist ja
25:38das Schöne, dass er Platz genug war.
25:40Er kam im Gästezimmer da unter und dann im Garten mir geholfen hat und mit Julian und einkaufen und einfach
25:51da sein.
25:54War denn deine Mama oft hier?
25:57Nein, meine Mama konnte nicht oft kommen, weil sie sich erstens das nicht leisten konnte und auch noch arbeiten musste.
26:05Mama war ja noch Sekretärin beim Zirkus Krone und ist auch mit dem sehr viel herumgereist.
26:12Ein paar Weihnachten, aber ich kann das an einer Hand abzählen. So oft war meine Mutter nur da.
26:27Und sie hat drei Jahre nichts gespielt. Gar nichts. Null. Niente.
26:32Und ich musste das Geld rankarren. Und dann habe ich Adele gesagt, Adele, so kann es nicht gehen. Ich schaffe
26:39das alleine nicht. Du bist eigentlich, ich habe eine Schauspielerin geheiratet.
26:46Du musst jetzt auch ranken.
26:54Es hat mir schon gefehlt, das Theater. Ich wusste es erst, wie ich es dann gemacht habe.
27:01Mit Anfang 30 hat Adele dann vor allem Engagements in Ingolstadt, Erlangen und Regensburg. Langsam macht sie sich als Schauspielerin
27:10einen Namen.
27:10Ich habe immer mit einer irren Energie Theater gespielt. Immer mit einer, mit unglaublich viel Kraft und Anstrengung, was nicht
27:23unbedingt immer gut ist.
27:27Aber ich war trainiert. Ich wurde stärker. Ich hatte das Gefühl, ich kann Räume ausfüllen, die wesentlich größer sind, als
27:39wenn man mir sie zur Verfügung stellt.
27:42Also ich wurde auch größenwahnsinnig.
27:46Als Mephisto in einer Faustinszenierung am Theater Regensburg erregt Adele viel Aufmerksamkeit.
27:52Wer bist du denn?
27:54Ich bin der Geist, der stets verneint. Und das mit Recht. Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde
27:59geht.
27:59Drum besser wäre es, wenn nichts entstünde.
28:02So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung kurz, das Böse nennt, mein eigentliches Element.
28:08Mephisto ist die Verführung pur. Und wer kann das am besten? Eine Frau.
28:17Mephisto war für mich auch eine Initialzündung. Ich musste groß und stark sein. Ich musste auch klein und hinterfotzig sein.
28:29Ich durfte so vieles sein. Es war toll.
28:37Adele wird zur Hauptversorgerin der Familie. Soltan schreibt zu Hause Drehbücher und kümmert sich um Julian.
28:48So der Alltag war ab einem speziellen Alter hauptsächlich mit meinem Vater vorhanden.
28:56Und trotzdem war sie viel da. Ich weiß, dass sie nach den Vorstellungen nochmal nach Hause gefahren ist.
29:02Jeden Abend. Hin und her und hin und her. Sie hat sich schon viel angetan, um viel Zeit mit mir
29:07verbringen zu können.
29:11Sie war einfach plötzlich die gefragte Schauspielerin. Bei ihr lief's und bei mir lief's nicht.
29:18Also das kann man schon vorstellen, dass dieses Gefälle ein bisschen so eine Disonanz erzeugt in einer Beziehung.
29:24Frustration auf meiner Seite. Und sie war in der Welt. Die Gewichtung hat nicht mehr geklappt.
29:39Und da begann unsere Ehe zu bröckeln.
29:44Wir haben gekämpft. Sie hat gekämpft. Um mich und ich. Um sie.
29:51Eine Ehe aufrecht zu erhalten und dafür einzugehen, dass man, dass man in ständiger Disharmonie lebt, das ist, das war
30:03mir zu hoch, dieser Preis.
30:09Ich wollte Frieden. Ich wollte... Ich wollte... Ich wollte durchatmen. Ich wollte entspannt sein. Ich wollte zufrieden sein.
30:22Was ich nie sein konnte irgendwie.
30:27Nach 25 gemeinsamen Jahren trennt sich Adele von Soltan. Julian ist knapp 18 Jahre alt, als die Ehe seiner Eltern
30:36zerbricht.
30:39Ich hab's verstanden, warum sie sich trennen. Weil sie eben von mir nichts verheimlicht haben.
30:44Deswegen auch diese Streits und dieses Ding, die haben nichts verheimlicht.
30:49Wahrscheinlich war das der Grund, warum ich das irgendwie...
30:53Warum ich das nicht so hart getroffen hatte. Weil ich's nachvollziehen konnte.
30:58Und dann sind wir alle in unsere Autos gestiegen.
31:02Soltan ist Richtung Berlin gefahren. Julian in die Steiermark.
31:10Und ich bin nach Wien gefahren.
31:14Bumm.
31:17In alle Himmelsl-Richtungen.
31:272005 kehrt Adele nach Wien zurück.
31:30Zum ersten Mal muss sie lernen, ganz allein zu leben.
31:37Okay.
31:41Jawohl.
31:57Ich dachte, ich kann gar nicht alleine sein.
32:04Ich bin nicht stark genug. Ich brauche jemanden, der mich hält und der mir sagt, wo's lang geht.
32:15Und da war für mich das Arbeiten ein sehr heisamer, seelischer Platz, wo ich mich richtig gefühlt hab.
32:25Wo ich auch all das, was mit mir passiert ist, auch in gewisser Weise einbringen konnte in die Arbeit.
32:32Und wenigstens meine Figuren dadurch reicher wurden, auch wenn ich traurig blieb.
32:38Adele spielt überwiegend Film- und Fernsehrollen.
32:41Der Durchbruch gelingt ihr 2005 als Bäuerin Juli Zirpner in der Serie Vier Frauen und ein Todesfall.
32:48Also.
32:49Nicht Juli.
32:50Ich glaub nicht, dass der eines natürlichen Todes gestorben ist.
32:55Die Gedenkfeier für den Landauer ist erst morgen. Und zwar unten am See.
33:01Die Gedenkfeier für den Allerseits.
33:04Mein Fehler.
33:072011 wird Adele als Kommissarin Bibi Fellner in der Krimi-Reihe Tatort besetzt.
33:13Ehrlich, ich hab jetzt nochmal über diesen einen veränderten Satz von dir nachgedacht.
33:19So was denkst du dann auch?
33:20Ja.
33:20Warum?
33:21Vom Gedanken find ich's lustig.
33:24Alternativphysik, dann fällt mir der Schlüssel nicht runter und ich verreiß mir nicht das Kreuz.
33:27Warum sagst du das nicht so?
33:28Ohne Schwerkraft, dann fällt mir der Schlüssel nicht runter.
33:30Nein, nicht ohne Schwerkraft, das macht schon Fahrt.
33:33Gut, ich brauch eine Alternativphysik.
33:36Alternativphysik, dann fällt mir der Schlüssel nicht runter und ich verreiß mir nicht das Kreuz.
34:02Du!
34:07Na?
34:15Also das, was bei der Bibi sozusagen der Ehrgeiz ist und dieses sich nie unterkriegen lassen,
34:21immer wieder aufstehen und weitermachen und etwas zu besiegen und etwas zu überwinden,
34:27findet man in der gleichen Qualität bei der Adele.
34:32Dass selbst in den schwierigsten Momenten, die ihr durchaus bei ihr im Leben vorkamen,
34:40sie die Kraft entwickelt, das dann zu überwinden und es wird nicht zu einer Festung.
34:45Sie bleibt dann auch dann in diesen Situationen noch weich.
34:48Ich weiß ehrlich gesagt nach dieser langen Zeit immer noch nicht genau, wo sie es hernimmt,
34:52aber sie hat es und das ist schön.
34:58Julian, hey!
35:01Schatze, es ist super, dass du mich anrufst. Wie geht es dir denn da?
35:05Ja, gut.
35:06Ja, schön.
35:06Ja, ist das schön?
35:07Schön.
35:08Macht Spaß.
35:09Na, das ist super, super.
35:10Ich freue mich wahnsinnig jetzt schon.
35:12Ich bin schon sehr aufgeregt, dass ich jetzt komme, Walter.
35:15Das kleine Mäuschen.
35:17Endlich wiedersehen.
35:18Ja.
35:19In den Arm nähen.
35:21Ich bin schon gespannt, ob sie sich noch erinnert.
35:25Ja, das glaube ich schon.
35:26Also bin mir schon sicher.
35:28Ja.
35:29Auf ganz bald.
35:31Auf ganz bald.
35:32Ciao, ciao, mein Schatz.
35:33Ciao, ciao.
35:35Leg du auf.
35:36Ich kann nicht auflegen.
35:37Nein.
35:37Nein.
35:37Okay.
35:38Ciao.
35:39Ciao.
35:41Ciao.
35:43Mein Vater hat immer gesagt, kannst du schon einmal öfter anrufen?
35:48Jetzt weiß ich, was er gemeint hat.
35:49Ich freue mich immer so, wenn Julian anruft.
35:53Es ist schön.
35:55Vor allem selten, dass ich ihn auch sehen darf dabei.
36:00Er mag diese Kameraanrufe nicht sonderlich.
36:04Ich weiß nicht wieso.
36:06Aber ich habe dann immer so das Gefühl, da ist er näher, dann ist er mehr da.
36:12Beruflich steht Adele am Höhepunkt ihrer Karriere.
36:16Privat holen sie die Traurigkeit und die Angst vor dem Alleinsein immer wieder ein.
36:21Adele besucht regelmäßig ihre Mutter und spricht zum ersten Mal mit ihr über ihre inneren Konflikte als Kind.
36:28Ich hatte längere Zeit das Gefühl, dass meine Mutter mich nicht so liebt wie meine Brüder.
36:37Irgendwie hatte ich den Eindruck, als würde ich so nebenher laufen.
36:45Und ich habe sie konfrontiert.
36:50Und ich bin auch sehr stolz darauf, dass ich das getan habe.
36:54Und sie meinte, nein, Adele, dein Vater hat dich so abgöttisch geliebt,
36:59dass ich das Gefühl hatte, dass ich mich mehr um deine Brüder kümmern muss.
37:04Aber geliebt hat sie mich trotzdem.
37:09Und so konnten wir einiges klären.
37:13Da waren wir beide sehr tapfer.
37:25Es hat sich einfach gewandelt in eine reine Liebe.
37:28In diese warme, schöne Zweisamkeit, die man noch hat.
37:36Diese Jahre, Monate, Wochen, Tage.
37:48Wir haben uns tags zuvor noch gesehen.
37:50Da bin ich bei ihr gewesen.
37:53Und da hat sie mir eben diese Frage gestellt.
37:57Adele, wo ist denn eigentlich dein Glück?
38:01Also dein Glück?
38:05Diese Frage hat sie mir gestellt.
38:08Da habe ich gesagt, ja, das ist eine gute Frage.
38:12Wo ist eigentlich mein Glück?
38:14Und sie hat diese Frage auch auf eine Art und Weise gestellt,
38:19dass ich nachträglich irgendwie das Gefühl habe,
38:23sie hat sie schon aus einer anderen Welt gestellt.
38:30Und sie hat sie so, so liebevoll.
38:43Da war alle Liebe drin, die man einem Kind gegenüber nur empfinden kann.
39:02Und eben am nächsten Tag war sie tot.
39:092015 stirbt schon Adeles Vater an Leukämie.
39:14Kurz darauf erkrankt ihr Bruder Alexander ebenfalls an Blutkrebs.
39:18Adele spendet ihm Stammzellen.
39:20Die Behandlung schlägt nicht an.
39:22Noch bevor der Bruder stirbt,
39:25verliert sie innerhalb weniger Wochen auch ihre Mutter.
39:29Ich habe mir da erlaubt,
39:34hemmungslos traurig zu sein.
39:36Und aus dieser hemmungslosen Traurigkeit
39:41auch wieder Kraft zu schöpfen.
39:46Das Schöne ist ja, wenn man Tränen laufen lässt,
39:50dann ist auch irgendwann das Lachen wieder möglich.
39:55Begrüßt Sie mit uns herzlich, Adele Neuhauser!
39:59Ihre Familie stärkt sie bis heute.
40:02Seit fünf Jahren tourt sie mit Julian und seiner Band
40:05mit einer musikalischen Lesung durch Österreich und Deutschland.
40:09Wunderschönen guten Abend für Sie!
40:14Adele ist für mich nach wie vor
40:17die engste Freundin, die man haben kann.
40:22Und jetzt auch neu,
40:24die Großmutter von meiner Tochter,
40:27was echt sehr toll ist.
40:28Das ist eine ganz neue Ebene.
40:32Das ist schön!
40:40Das ist gar nicht so mein Sohn,
40:44sondern er ist eigentlich viel, viel mehr
40:49ein ganz enger, vertrauter Mensch,
40:53der einfach zu mir gehört.
40:56Das ist er für mich.
40:58Er ist mein Herz.
41:01Fünf, sechs, sieben.
41:05Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm.
41:10Und vorwärts, rückwärts, seitwärts, Schluss.
41:24Ui!
41:25Ich kann nicht genug.
41:27Ich weiß nicht genug.
41:29Ich gehe nicht schnell genug meinen Weg.
41:32Das hat sich gewandelt.
41:34Ich bin gnädiger mit mir.
41:37Und ich nehme jetzt mehr
41:41die Dinge, die mir gelungen sind.
41:43Das hätte ich nicht gedacht, dass mir das irgendwann einmal gelingt.
41:48Das hätte ich nicht gedacht, dass ich auch in Momenten ein bisschen stolz auf mich bin.
41:56Hätte ich nicht gedacht.
42:07Was ist das Leben?
42:11Was ist es?
42:13Dass ich, ja, eins mit mir bin, einverstanden.
42:23Meine Heimat ist in mir.
42:31In Gedanken ist es sicher auch bei meiner Familie.
42:37Aber wirkliche Heimat bin ich.
42:49Liebe.
42:51Liebe.
43:05Untertitelung des ZDF, 2020
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