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Angelique

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00:17WDR mediagroup GmbH im Auftrag des WDR
00:37WDR mediagroup GmbH im Auftrag des WDR
01:10WDR mediagroup GmbH im Auftrag des WDR
01:17WDR mediagroup GmbH im Auftrag des WDR
01:17Meine Mutter hat mich erledigt bekommen.
01:20Das war damals eine große Schande noch.
01:23Und als Dank, dass sie zu Hause bleiben darf,
01:27hat sie halt dann wahnsinnigen Arbeitseinsatz gebracht.
01:33Insofern hat sie gearbeitet von morgens sechs bis abends um acht.
01:38Und ich wuchs buchstäblich zwischen Tür und Angel auf.
01:47Wir waren also ein großer Geschäftshaushalt, sehr angesehen.
01:52Und in der Zeit, wo ich dann so drei war, ging ich also schon immer gerne in den Laden
02:00und habe die ganzen Geschehnisse verfolgt und auch die tollen Frauen schön angezogen und geschminkt und frisiert.
02:11Und da entstand eigentlich schon der Wunsch, eines Tages so zu sein.
02:19In dieser kindlichen Naivität benutzte ich dann die Perücken,
02:24die also mein Großvater bzw. die Mitarbeiter alle angefertigt haben
02:29und lief halt dann im Haus spazieren.
02:35Keiner hat sich was gedacht.
02:37Die haben das eher komödiantisch empfunden.
02:44Weil Komödie war in unserem Haus sehr groß.
02:47Also wir waren im Fasching praktisch die Hausmaskenbildner für alles.
02:54Also es war enorm, was da für die Gestalten vom Laden rausging,
02:59wo ich als Kind total fasziniert war.
03:01Doch das war also Verkleidung bei uns nichts Außergewöhnliches.
03:06Es war halt eher Belustigung für alle.
03:15Ja, für mich war das natürlich schon,
03:21weil ich war ja sehr unwissend und ich habe gespürt,
03:25das wäre eigentlich meine Kleidung und mein Aussehen.
03:31und man zwingt mich zu etwas anderem zu präsentieren, was ich nicht bin.
03:42Ich bin ja dann mit sechs Jahren schon ins Internat gekommen.
03:47Das war in Wartenberg, das St. Josefsheim.
03:50Da waren also 100 Kinder drin und Klosterschwestern, zwölf Stück.
04:06Es war für mich ein wahnsinnig seelischer Druck, plötzlich unter 100 Jungs zu sein und musste mich durchsetzen vom ersten
04:21Tag an.
04:23Ich habe mit allen Kontakt gehabt, aber es waren nie enge Freundschaften da.
04:30Ich habe mich da auch gar nicht identifizieren können.
04:33Ich habe mit den Schwestern angeschlossen, also der Kinderschwester, die hat mich dann irgendwie dann,
04:42mein Gott, erlöst, dass ich nicht mit den anderen Fußball spielen muss, sondern die hat gesagt,
04:47mei, hast du Lust, dann werden wir miteinander die Socken stopfen.
04:55Ich wurde dann schon irgendwie anders behandelt, das habe ich dann schon gemerkt.
05:12Ich bin ja, ich bin ja jetzt nicht überwunden.
05:18Ich bin ja leider auf, die sich in die Höhe nachdenkungen zu sagen.
05:29Ich bin ja noch nicht mit den Schwestern, das habe ich noch zu sehen.
05:36Damals musste man sich entscheiden, machst du eine Ausbildung im Herren- bzw. im Damensalon.
05:43Und es kamen die alten Männer zum Rasierentag täglich und ich musste die dann einseifen mit Rasierseife und Rasierschaum und
05:55mit Wasser.
05:56Mir hat es nur so geekelt und ich habe die Augen zergemacht und habe die dann massiert.
06:01Und manche haben dann nach Alkohol und Rauch und alles gestunken.
06:06Also es war entsetzlich.
06:08Und dann habe ich die Initiative ergriffen und ging in den Damensalon und habe zu der meistbeschäftigsten Friseurin gesagt,
06:21schaff mir bitte an, ich muss es für dich waschen und eindrehen oder was weiß ich und ich blieb dann
06:30in dem Damensalon.
06:38Ich habe ja dann angefangen zu schminken, das war ja dann auch beruflich bedingt.
06:44Und genau so wollte ich mal ausschauen und leben.
06:49Aber das war ja eine große Klammer links und rechts, weil die Thematik ja nicht bekannt war.
06:56Und du wusstest ja nicht, was ja mit dir selber los ist.
07:09Sexualität war damals für mich etwas sehr Schönes und zugleich aber irgendwas Verstörendes, was meine Person betrifft.
07:19Weil ich ja nicht diesem Bild entsprochen habe, das so auszuleben, wie ich es mir eben vorgestellt habe.
07:31Ich bin dann sehr früh in homosexuelle Kreise geraten.
07:37Das war dann ein nervöser Augenöffnen.
07:41Ich habe gar nicht gewusst, dass es überhaupt so viele gibt von der Art.
07:45Und es war so ein befreiendes Gefühl.
07:48Aber ich habe mich nicht dazugehörig gefühlt.
07:51Ich habe mich einfach nur freier gefühlt gegenüber den ganzen Heterosexuellen.
07:56Sondern ich war einfach halt ein Teil von denen zum Feiern, zum Weggehen.
08:03Aber ich habe nicht dazugehört.
08:10Natürlich waren dann einige Männer damals da und ich bin dann auch leichtfertig mit denen mitgegangen.
08:18Aber es war nicht die Erfüllung für mich, so wie es ich mir halt vorgestellt habe.
08:40Ich las jeden Tag, bevor ich die Arbeit begonnen habe, jeden Tag die Tageszeitungen.
08:49Und unter Mittag dann oft die Illustrierten.
08:52Und eines Tages kommt mir eine Illustrierte in die Hand mit Vorderschrift Transsexuelle in Deutschland,
09:04beziehungsweise weltweit.
09:06Und es war, man kann es gar nicht beschreiben, ein Gefühl der Wärme.
09:17Und als würde jemand immer gefesselt gewesen sein.
09:25Und der wird praktisch befreit.
09:28Es war für mich ein total befreiendes Gefühl.
09:32Und damals kam da meine Mutter ins Zimmer.
09:36Und ich bin hoch und habe die Zeitung genommen und habe sie rumgedreht und habe gesagt,
09:42lies mal, das bin ich.
09:48Meine Mama war als erstes schockiert und überredete mich dann zum Hausarzt zu gehen mit ihr.
09:59Der Hausarzt, damals auch natürlich unerfahren, hat meine Mutter getröstet.
10:07Wir verabreichen jetzt männliche Hormone und dann regelt sich das alles wieder von selber.
10:14War ich überhaupt nicht einverstanden, dann hat er sich bereit erklärt,
10:18mich zu einem anderen Arzt nach München zu verweisen.
10:21Und der hat mir dann in einer einzigen Sitzung ein Attest ausgestellt,
10:28dass ich von der Psyche her hundertprozentig eine Frau bin.
10:34Und das war natürlich mein, ja, befreiender Triumph.
10:42Meine Mutter, die saß dann im Zug mit mir und wir fuhren mit dem Zug hoch.
10:49Und die war dann ganz geschockt und hat dann gesagt,
10:55da wartest aber jetzt schon noch.
10:58Und da habe ich gesagt, nein, keinen Tag länger.
11:00Und am nächsten Tag bin ich geschminkt und frisiert und als Frau angezogen ins Geschäft.
11:11Und wenn jemand um das geschaut hat, dann habe ich mir ein Attest rausgezogen,
11:16habe es hingelegt und das war es dann.
11:28Dass natürlich in einer so kleinen Stadt wie damals mit 10.000 Einwohnern viel geredet worden ist,
11:35das konnte ich mir natürlich vorstellen.
11:38Das ist ja klar.
11:39Und Sprüche, ja, dem reißen wir das Gewand runter und was weiß ich.
11:45Das hat mich eher noch provoziert.
11:47Ich bin aufgedonnert mit einem riesen Hut und Kostüm und High Heels an diesen Wirtschaften vorbei,
11:56wo sich diese Art von Menschen aufgehalten hat.
11:59Und habe ganz provokant hereingewunken und bin wieder weiter.
12:05Aber es hat mir keiner was getan.
12:24Und dann bin ich 1969, 10 Tage vor Weihnachten, nach Casablanca geflogen.
12:50Diese Operationen vollzog der Arzt praktisch nur unter dem Deckmantel nie dagewesen.
13:00Also wenn du hinfährst und es passiert was bei der OP, dann wird Pass verbrannt oder weggeschmissen
13:09und dich werfen sie dann ins Meer.
13:13Das war also schon die Ansage, bevor man überhaupt hinfährt.
13:30Das ist ungefähr, wenn du einen Handschuh nimmst, also einen Finger vor dem Handschuh und stülpst ihn nach innen statt
13:37nach außen.
13:38So muss man sich das symbolisch vorstellen.
13:45Ich bin aufgewacht am nächsten Tag, war fixiert an Beinen und an Händen
13:54und hatte Schmerzen, als wenn man mich mit der Säge in der Mitte auseinandergeschnitten hätte.
14:03Aber gleich war natürlich eine Schwester zur Stelle und hat mir natürlich gleich wieder Schmerzmittel gespritzt,
14:10wo ich dann wieder ein bis zwei Tage geschlafen habe.
14:16Und nach zehn Tagen bin ich dann entlassen worden und musste dann dieselbe Strecke wieder zurück.
14:27Gesehen hat mir als erstes eine Freundin, die ist gleich in Tränen ausgebrochen,
14:33wo ich mir gedacht habe, die weinvoller der Freude.
14:38Später hat sie mir gestanden, sie hat geweint, weil sie Angst gehabt hat, dass ich das nicht überlebe.
14:44So schlecht habe ich ausgeschaut.
14:49Nach einer Woche bin ich natürlich wieder vom Ehrgeiz zerfressen, gleich wieder in die Arbeit.
14:55Als vollkommen neue Person.
15:18Ich war damals eine der allerersten von Deutschland, die diesen Weg so schnell und intensiv gegangen ist.
15:33Ohne unendliche Voruntersuchungen und, und, und, und, und.
15:51Irgendwie war das Ziel, dass ich mich selbstständig mache.
15:58Und das ging dann wörzfatz.
16:00Ich habe im Mai die Prüfung gemacht und habe dann drei Monate später meinen Laden eröffnet.
16:11Und ich hatte wahnsinnig ehrgeizige Mitarbeiter,
16:18die an Wettbewerben und Shows gerne teilnahmen.
16:25Dadurch war dann der Ruf ziemlich verbreitet.
16:34Und sie kamen also von Weidobreit zu uns in Salonen,
16:39von Weiden, von überall, von Regensburg, von Dachau, überall sind sie gekommen.
16:55Also in der Vorbereitung für eine große Modenschau in Moosburg suchte ich Modelle, Damen und Männer.
17:05Und eine Freundin von mir hat mir einen gut aussehenden jungen Mann aus München empfohlen,
17:13den ich unbedingt nehmen sollte für diese Show.
17:17Und es hat sich dann ein sehr schöner Kontakt entwickelt, der immer enger wurde.
17:25Und ein Jahr darauf fand dann diese standesamtliche Trauung statt in München.
17:34Da war ich 30 und er war also 21.
17:39Und 1981 war dann die kirchliche Trauung.
17:54Wir fuhren mit einer Kutsche vor, wo also schon eine Menschenmenge auf uns wartete.
18:02Und ich dann im klatschenden Beifall in die Kirche dann einzog.
18:15Jeder wollte mal sehen, wie praktisch die Angelik ausschaut.
18:24Und im selben Jahr heiratete Diana und hatte sieben Meter Schleppe.
18:33Und ich habe mir gedacht, was ich kann, kann ich schon lange.
18:36Und habe dann neun Meter Schleppe genommen.
18:51Und für mich war es natürlich auch die Krönung meiner eigenen Person.
18:59Also das war dann der absolute Highlight-Abschluss für mich als Frau.
19:14Die ersten Jahre war ich sehr glücklich.
19:18Und dann ging es aber los, dass er ja nach München fahren musste in die Arbeit.
19:24Um fünf Uhr schon aufstand.
19:27Natürlich ewig lange Bad brauchte.
19:30Länger wie ich.
19:32Und abends halt dann wesentlich eher müde war als wie ich.
19:37Und aufgrund dessen, ich war so lebenshungrig und wollte raus.
19:41Also ich wollte was erleben und wollte noch weggehen und feiern.
19:45Und da war er nicht so der Typ dafür.
19:50Und es ging halt dann los, dass ich dann halt alleine weg bin.
19:54Mit dem Resultat, dass man dann unterwegs natürlich wieder neue Männer und Verehrer kennenlernt.
20:05Und irgendwann war halt dann der Punkt erreicht, wo man sagt, gehen wir in Frieden und in Ruhe auseinander.
20:12Und das haben wir dann beide gemacht.
20:14Also es gab kein böses Wort.
20:19Und für mich gibt es, wenn man am Altar steht und man schwört sich diese Treue,
20:26dann gibt es für mich eine physische Treue und gibt für mich eine soziale Treue.
20:34Und ich entschied mich für die soziale Treue bis zum Tod.
20:39Und genau so war es dann auch.
20:47Also er lebte sehr offen in München, in jeder Richtung und hat sich dann angesteckt mit HIV.
20:56Und das war also sehr tragisch damals, also für mich ganz schlimm.
21:03Und ja, ich habe ihn dann begleitet, bis er, man kann sagen, qualvoll gestorben ist.
21:21Zusammen gelebt haben wir also vier Jahre.
21:26Und verheiratet waren wir dann bis zum Tod.
21:41Viele andere kamen dann nach meiner Ehe, also beziehungsweise die Ehe hat ja bestanden auf dem Papier.
21:48Aber in der Zeit war ich also schon sehr lebenshungrig und lebensfreudig.
21:53Und man nannte mich dann damals auch Madame.
21:57Ich habe mich mindestens zehn Jahre älter angezogen, als was ich überhaupt war.
22:03Mit riesigen Hüte, mit weiten Mänteln, mit Kostümen, Chanel und tralala.
22:10Musik
22:22Applaus
22:49Eines Tages forderte der ganze Lebensjahr,
22:52Lebenslauf, jede Nacht weggehen, präsent sein und natürlich acht bis zehn Stunden täglich arbeiten.
23:04Und irgendwann war der Punkt da, wo ich mich gefühlt habe wie eine ausgepresste Zitrone.
23:14Also ich habe keine Kraft mehr gehabt und war psychisch und physisch, kann man sagen, ziemlich kaputt.
23:25Und da fasste ich dann den Entschluss, dass ich mir eine Auszeit nehme und ging dann damals für sieben Monate
23:34nach Samos und wusste irgendwie im Unterbewusstsein,
23:41dass ich mich da dort erhole und als ganz neuer Mensch wieder zurückkomme.
23:52Die eine Seite war von mir, dieses Frau sein zu finden. Das war ja abgeschlossen.
24:00Und das andere sind diese verschiedenen Charakter- und Wesenszüge, die man sucht für sich selber.
24:07Wer bin ich? Wo bin ich stark? Wo bin ich schwach?
24:13Ich fing ab dem ersten Tag an zu schreiben.
24:18Und vieles habe ich auch durch dieses Schreiben dann auch verstanden, warum das so und so gekommen ist und warum
24:28das so und so sein hat müssen, mein Leben.
24:37Und dann war ich also Jahre dann in der Musikszene mit Musikern beieinander und da habe ich dann meinen jetzigen
24:50Partner dann kennengelernt.
24:52Wir sind jetzt insgesamt, beziehungsweise heuer werden es 20 Jahre.
24:59Hätte ich nie gedacht, auch nicht von mir aus, dass ich fähig bin, 20 Jahre in eine Beziehung zu führen.
25:10Aber irgendwie hat sich das jetzt so genauso fürs Alter entwickelt, wie es eigentlich passt.
25:24Wäre ich gleich auf die Welt gekommen als biologische Frau, ich glaube, mein Leben wäre anders verlaufen.
25:31In einer sehr bescheidenen, konservativen Art, mich dem normalen Volk angepasst.
25:43Ich hätte wahrscheinlich den Beruf so lange ausgeübt, bis halt die ersten Kinder gewesen wären und dann vielleicht halbtags.
25:51Das wäre dann wahrscheinlich so der normale Weg gewesen.
25:55Haus bauen, Garten, kochen, putzen.
26:00Aber im Nachhinein, es war mein Leben. Anders.
26:05Dass es das ist.
26:18Musik
26:18Musik
26:21Amen.
26:49Amen.
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