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00:01Schriftsteller weltweit schreiben an gegen Autokaten und Diktaturen.
00:06BĂŒcher können dich emotional umprogrammieren und deine Einstellung verĂ€ndern.
00:11Sie können dich von einer bestimmten Idee ĂŒberzeugen oder machen dich fĂŒr staatliche Propaganda unempfĂ€nglich.
00:20Hunderte von ihnen sitzen weltweit in GefÀngnissen, werden verfolgt oder ins Exil getrieben.
00:26Was fĂŒrchten sie von mir? Es sind meine Worte.
00:30Kann man weiterschreiben, wenn man bedroht und aus dem Land vertrieben wird?
00:34Auch wenn ich Angst habe, ich bin bereit, die Dinge zu sagen, die ich sagen sollte. Das wird mich nicht
00:39aufhalten.
00:41Wenn ich aufhöre zu schreiben, dann sterbe ich und ich werde ihnen nicht die Freude bereiten, mich tot zu sehen.
00:47Und auch Salman Rushdie lÀsst sich nicht zum Schweigen bringen, obwohl er bei einem Anschlag fast getötet worden wÀre.
00:54Der Kampf geht weiter.
01:09Manchmal ist es nur ein Gedicht, das die MĂ€chtigen wĂŒtend macht.
01:14Manchmal ein Interview.
01:18Oder, wie im Fall von Salman Rushdie, ein Roman.
01:21Die satanischen Verse, der satirisch gemeint, aber als blasphemisch gelesen wurde.
01:26Wer schreibt, lebt gefÀhrlich.
01:29Wir erhalten immer wieder Nachrichten von Schriftstellern, Autoren, Kollegen, Freunden und Journalisten aus verschiedenen LĂ€ndern, die uns mitteilen, dass sie
01:40gefÀhrdet sind.
01:42Der Grund dafĂŒr ist, mit der Welt geht es bergab.
01:47Autoritarismus und Populismus gefĂ€hrden die freie MeinungsĂ€uĂerung.
01:59Sie kommen aus China, aus dem Iran, aus Malawi oder der TĂŒrkei.
02:04Mehr als 800 Autoren werden in ihrer Heimat bedroht oder wurden ins Exil getrieben.
02:11Ăber 300 saĂen nach Angaben der Schriftstellerorganisation Penn 2022 im GefĂ€ngnis.
02:17Wie viele getötet wurden, darĂŒber gibt es keine Zahlen.
02:20Was genau treibt die MĂ€chtigen zur WeiĂglut? Warum diese Wut, dieser Hass auf Schriftsteller?
02:29Das ist seltsam, weil Schriftsteller ja keine Armeen haben. Ich glaube, sie haben Angst vor alternativen Versionen der Welt.
02:38Ein Merkmal von autoritÀrer Herrschaft ist, dass sie ihre eigene Version der Welt unter Ausschluss aller anderen durchsetzen will.
02:47Die Menschen sollen Angst haben, dagegen Einspruch zu erheben.
02:54Aber jeder Schriftsteller hat seine eigene Version der Welt. Und das gefÀllt den Machthabern nicht.
02:59Deshalb versuchen sie, sie zum Schweigen zu bringen.
03:11Nach jahrzehntelanger Praxis bin ich ein FĂŒnf-Sterne-General des Schreibens. Meine tiefen Narben vom Schreiben sind Ehrenmedaillen.
03:18We pack missiles in our pens and grenades in our mouths and shoot our truths at the dictatorship.
03:29Diese Frau benutzt ihre Worte als Waffe und lÀsst sich einfach nicht kleinkriegen.
03:35Stella Nianzi, Dichterin und Aktivistin, ist eine der lautesten Stimmen gegen Ugandas PrÀsidenten Jovri Museveni,
03:42der seit 1986 an der Macht ist und das Land mit harter Hand regiert.
03:46Ich bin eine Rebellin. Ich mag das Wort. Ich weigere mich, mich zu unterwerfen und zum Schweigen gebracht zu werden.
03:58Das ostafrikanische Uganda ist seit 1962 unabhÀngig. Aber frei?
04:04Seit 1986 wird das Land autokratisch regiert von Jovri Kaguta Museveni.
04:11Zahlreiche Gesetze behindern die Meinungsfreiheit, Kritiker werden eingeschĂŒchtert, entfĂŒhrt, inhaftiert.
04:17Zuletzt gerÀt Uganda wegen seines rigiden anti-homosexuellen Gesetzes in die Schlagzeilen.
04:22HomosexualitÀt kann mit dem Tod bestraft werden.
04:29Uganda ist eines der Àrmsten LÀnder der Welt.
04:32Stella Nianzi kĂ€mpft seit vielen Jahren fĂŒr die Rechte der Armen, der Frauen, der LGBTQ-Community gegen Korruption.
04:39Aber der Preis fĂŒr diesen Kampf ist hoch.
04:43Seit fast zwei Jahren lebt sie mit ihren Kindern im deutschen Exil, tausende Kilometer entfernt von ihrem Zuhause.
04:54Ich hatte genug Verfolgung, ich hatte genug Gefangenschaft, ich hatte genug Beleidigungen und Tiraden, dass stÀndig jemand hinter meinem Auto
05:05herfuhr, hinter meinen Kindern, dass es stÀndig Razzien bei mir zu Hause gab.
05:12Ich bin genug verfolgt und angeklagt worden, nur weil ich die Regierung kritisierte.
05:16Also bin ich gegangen, weil es fĂŒr Dissidenten wie mich zu gefĂ€hrlich ist, in Uganda zu bleiben.
05:24Warum hat sie so viel riskiert?
05:26Warum veröffentlicht sie auch jetzt noch in den sozialen Medien wieder und wieder wĂŒtende Gedichte gegen Museveni, gegen den gesamten
05:34Machtapparat?
05:40Ehrlich gesagt war ich sehr wĂŒtend, weil ich in einem Land lebte, das mich einfach wĂŒtend machte.
05:45Ich glaube, ich habe den Schmerz der Menschen auf mich genommen, es war auch mein Schmerz.
05:51Eine hungrige Mutter, deren Magen grrrr, grrrr macht, und die drei Kinder hat, deren Magen grrrr, grrrr machen.
05:58Man kann kein fröhliches Gedicht ĂŒber Essen schreiben, oder?
06:04Aber es ist nicht nur die Wut, die sie antreibt.
06:07Zu schreiben und dann von Hunderttausenden gelesen zu werden, ist so viel mehr.
06:14Schreiben lÀdt zum Lesen ein, Worte laden dazu ein, innezuhalten und zuzuhören, aufmerksam zuzuhören.
06:20Hat sie das gesagt? Hat sie das geschrieben? Warum hast du das geschrieben?
06:26Du fÀngst an, dich zu engagieren. Das Schreiben kann unterschiedliche Reaktionen hervorrufen.
06:30Lass uns gemeinsam nachdenken. Diskutier mit mir. Ich ĂŒberzeuge dich.
06:34Ich beschÀftige mich mit deinen Ideen. Es ist ein Tanz. Es sind Schwerter.
06:41Worte, die PrÀsident Museveni offenbar gefÀhrlich findet. Denn Stella Nianzi kann damit Massen mobilisieren. Proteste.
06:48Als sie den PrÀsidenten in einem Gedicht auf Facebook als ein paar Arschbacken bezeichnet, landet sie erstmals im GefÀngnis.
06:54Das war fĂŒr sie, so paradox das klingt, auch ein Triumph.
07:00Es gibt einen PrÀsidenten in Afrika, in einem Land namens Uganda. Eine Frau bezeichnete ihn in einem Text auf Facebook,
07:07der nicht einmal veröffentlicht wurde, als ein Paar Arschbacken, worauf er sie ins GefÀngnis brachte.
07:13Die ganze Welt lachte. Sie lachte ĂŒber einen sehr mĂ€chtigen Mann, einen Mann in einem Land, in dem die Menschen
07:18nicht mehr lachen können, weil sie ihn fĂŒrchten.
07:20Das ist die Macht des Schreibens, die die Massen zum Spott und GelÀchter einlÀdt.
07:25Dennoch wurde Stella Nianzi nach wenigen Wochen freigelassen, um wenig spÀter erneut inhaftiert zu werden.
07:3116 Monate in einem Hochsicherheitstrakt, unter schlimmsten Bedingungen.
07:35In dieser Zeit hat man auch ihre Kinder bedroht, ihre Familie.
07:41Es bleibt die Scham. Was ist ein Zuhause, wenn es fĂŒr meine Lieben und meine Familie zu gefĂ€hrlich wird?
07:47Möchte ich zurĂŒckgehen und zur Gefahr werden? Aber warum sollte ein Zuhause gefĂ€hrlich sein, nur weil ich schreibe?
07:55Im Exil zu sein, bedeutet fĂŒr Stella Nianzi nicht, still zu sein.
07:58ZurĂŒck nach Uganda will sie auf jeden Fall. Vielleicht, wenn die Kinder erwachsen sind.
08:03FĂŒr sie ist jedenfalls klar, der Kampf geht weiter.
08:11Worte sind die einzigen Sieger.
08:17Mit diesem Anschlag auf Salman Rushdie im August 2022 hatte niemand mehr gerechnet.
08:22Der Mordaufruf gegen den Schriftsteller war da schon Jahrzehnte alt, fast vergessen.
08:27Und dann das. Die ganze Welt war geschockt, als Rushdie auf einer Veranstaltung mit einem Messer niedergestochen wurde.
08:361989, 33 Jahre zuvor, hatte der iranische RevolutionsfĂŒhrer Ayatollah Khomeini Rushdie beschuldigt,
08:43er habe mit seinem Roman »Die satanischen Verse« den Propheten Mohammed verhöhnt.
08:47Die Folge? Proteste in aller Welt.
08:53Der japanische Ăbersetzer des Buches, Hitoshi Igarashi, wurde ermordet.
08:58Jetzt also ein Anschlag auf Rushdie selbst.
09:01Bei der Messerattacke 2022 erlitt er schwerste Verletzungen und verlor ein Auge.
09:06Ein Jahr spÀter ist Rushdie auf Interviewtour.
09:09In Deutschland erhÀlt er den renommierten Friedenspreis des deutschen Buchhandels.
09:13Am liebsten möchte er ĂŒber sein neues Buch sprechen, das er vor dem Anschlag bereits fertiggestellt hatte.
09:19Victory City, ein fantastischer Roman ĂŒber ein indisches Königreich,
09:23in dem alle Religionen erlaubt und die Frauen fast gleichberechtigt sind.
09:27NatĂŒrlich liest sich das als PlĂ€doyer fĂŒr die Meinungsfreiheit.
09:30Aber ein Symbol dafĂŒr ist Salman Rushdie ja unfreiwillig geworden.
09:37Ich fĂŒhle mich nicht wie ein Symbol. Ich fĂŒhle mich wie ein arbeitender Schriftsteller.
09:42Ich bin keineswegs der einzige Schriftsteller auf der Welt, der bedroht oder angegriffen wurde.
09:47Leider ist dies ein PhÀnomen, das sich durch die Geschichte zieht.
09:50Und es gibt keine Anzeichen dafĂŒr, dass das aufhört.
09:53Also mĂŒssen wir dagegen ankĂ€mpfen.
09:55Das Einzige, was wir tun können, weitermachen.
10:03Wer auĂer den Dichtern wĂ€re imstande gewesen, diesen Kreis zu durchbrechen?
10:06Wer auĂer ihnen beherrschte die Sprache des Todes und vermochte den Menschen,
10:10die Unendlichkeit der Wahrheit anstelle der Grenzenlosigkeit der Begierde zu verheiĂen?
10:17Auch in der TĂŒrkei gibt es eine lange Tradition der Repression gegen Schriftsteller,
10:21Intellektuelle, Journalisten.
10:23Gegen all die Menschen, die GegenentwĂŒrfe zur offiziellen Politik schaffen
10:27und die sich nicht einschĂŒchtern lassen.
10:30Ich bin in der TĂŒrkei geboren und aufgewachsen.
10:35Das ist ein Ort, an dem man sich der Politik nicht entziehen kann, weil sie ĂŒberall ist.
10:39Im Alltag, auf der StraĂe, zu Hause.
10:42Und genau das bringt ihnen Probleme in ihrem eigenen Land und auch anderswo.
10:48Sanmez ist Korda und wurde erstmals 1984, vier Jahre nach dem MilitĂ€rputsch in der TĂŒrkei, verhaftet.
10:55Da war er noch Student.
10:57Eine halbe Million Menschen steckten die MilitÀrs damals ins GefÀngnis.
11:01Viele wurden gefoltert.
11:031996 prĂŒgelten Polizisten Sanmez, damals Menschenrechtsanwalt, fast tot.
11:09Er floh nach GroĂbritannien und fand zum Schreiben.
11:13Seine BĂŒcher wurden in mehr als 40 Sprachen ĂŒbersetzt.
11:16Er ist heute PrÀsident der Schriftstellervereinigung Penn International.
11:20Sanmez lebt mittlerweile zumindest teilweise wieder in der TĂŒrkei
11:24und hat den Wandel von PrÀsident Erdogan, der 2003 an die Macht kam,
11:28vom HoffnungstrÀger zum Autokraten erlebt.
11:31Zu einem, der keinen Widerspruch duldet.
11:34Wie zum Beispiel 2013, als sich die Demonstrationen gegen ein Bauprojekt im beliebten Gezi-Park
11:40zu einer landesweiten Protestwelle ausweiteten.
11:43Die Bewegung wurde brutal niedergeschlagen.
11:49Oder 2016, die Massenverhaftungen nach dem Putschversuch von Teilen des MilitÀrs.
11:54Zigtausende landeten im GefĂ€ngnis, weil sie angeblich den Putsch unterstĂŒtzt hatten.
11:58Darunter viele Schriftsteller und Journalisten.
12:06Sie lĂŒgen immer und sie ĂŒben auĂerdem unrechtmĂ€Ăigen Druck auf Oppositionsgruppen und Intellektuelle aus.
12:12Das ist nicht ĂŒberraschend.
12:14Sie unterdrĂŒcken das kurdische Volk, Linke, Frauen, LGBT-Menschen und Schriftsteller.
12:22Demokratie bedeutet, die Unterschiede in einer Gesellschaft zu akzeptieren
12:25und einen gemeinsamen Raum zu schaffen fĂŒr alle.
12:29Aber die autoritÀren Regime hassen diese Idee.
12:35Sönmez Roman Istanbul Istanbul erzÀhlt vom GefÀngnis, von den TrÀumen der Inhaftierten
12:41und ist dennoch kein politischer Roman.
12:43Trotzdem erhÀlt Sönmez Todesdrohungen.
12:46Der Machtapparat von PrÀsident Erdogan sieht sich weiter von Schriftstellern bedroht.
12:51Und die Schriftsteller? FĂŒrchten die sich auch?
12:55NatĂŒrlich habe ich Angst.
12:57Auch wenn Sie keine Angst um sich selbst haben, dann haben Sie sie um Ihre Familie, um Ihre Lieben.
13:03Andererseits steht die Angst an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten nicht mehr im Vordergrund,
13:08weil die Menschen in der TĂŒrkei, glaube ich, diese Grenze ĂŒberschritten haben.
13:13Und auch wenn ich Angst habe, ich bin bereit, die Dinge zu sagen, die ich sagen sollte.
13:18Es wird mich nicht aufhalten.
13:25Was fĂŒr ein ungleicher Kampf.
13:27Ein riesiger Apparat gegen einen Schriftsteller, der nur Worte einsetzt.
13:35Wer bist du, Nicaragua, mich so zu quÀlen?
13:40In Nicaragua kamen 1979 mit der Sandinistischen Revolution Schriftsteller sogar an die Macht.
13:47Nach Jahrzehnten der Somoza-Diktatur zwangen die siegreichen KĂ€mpfer Diktator Anastasio Somoza
13:53nach jahrzehntelangem BĂŒrgerkrieg ins Exil.
14:00Mit dieser Revolution sollte alles anders werden.
14:04Keine Korruption mehr.
14:05Ein humaner Sozialismus.
14:06Bildung fĂŒr alle.
14:10Ein Teil der Energie und der Schönheit der Revolution beruhte auf der Tatsache,
14:14dass so viele KĂŒnstler daran beteiligt waren.
14:18Und deshalb kamen die Leute nach Nicaragua und bewunderten, was wir machten.
14:22Zum Beispiel die Alphabetisierungskampagne.
14:24Wir hatten diese Energie und diese Energie hat die Menschen dazu gebracht, sich in die Revolution zu verlieben.
14:36Gioconda Belli, hier mit dem Priester und Dichter Ernesto Cardinal, hatte sich bereits 1970 den Sandinisten angeschlossen.
14:43Da hatte sie bereits erste Gedichte veröffentlicht.
14:46Sie war schon im Exil, als sie zu einer langen Haftstrafe verurteilt wurde.
14:50Erst nach dem Sieg der Sandinisten kehrte sie nach Nicaragua zurĂŒck.
14:53Eine glĂŒhende AnhĂ€ngerin der Revolution.
15:06Es war eine sehr hoffnungsvolle Zeit.
15:09Von ihrem Kampf mit den RevolutionÀren, aber auch von SelbstermÀchtigung erzÀhlt ihr 1988 erschienener Roman Bewohnte Frau.
15:18Damals das Kultbuch einer ganzen Generation.
15:25In der Zwischenzeit war Daniel Ortega zum PrÀsidenten Nicaraguas gewÀhlt worden.
15:31Der Schriftsteller Sergio RamĂrez, hier links, war sein VizeprĂ€sident.
15:35Der Schriftsteller und Priester Ernesto Cardinal, Kulturminister.
15:39So viel Kultur in einer Regierung eher selten.
15:43Aber Frieden gab es deshalb in Nicaragua noch lange nicht.
15:46Die paramilitÀrischen Kontras bekÀmpften die neuen Machthaber mit Terror und Gewalt.
15:51Bei den Wahlen 1990 siegte ein antisandinistisches BĂŒndnis.
15:56Das Volk war kriegsmĂŒde.
15:58Erst 16 Jahre spÀter gelang es Ortega nach drei vergeblichen Versuchen, wieder an die Macht zu gelangen.
16:03Und die wollte er ab da um jeden Preis erhalten.
16:05FĂŒr sich und auch fĂŒr seine Frau Rosario Murillo.
16:08Gioconda Belli und viele andere Mitstreiter von damals hatten sich da lÀngst von den Sandinisten und Daniel Ortega distanziert.
16:14Wir wollten mehr Demokratie innerhalb des Sandinismus, wir wollten die Gewalt stoppen und wir wollten die Partei verÀndern und modernisieren.
16:21Und er weigerte sich, all das zu tun.
16:282018, bei Protesten gegen den korrupten Clan um den PrĂ€sidenten, zogen Hunderttausende durch die StraĂen.
16:33Und das Regime reagierte brutal.
16:36Hunderte wurden getötet, Kritiker inhaftiert.
16:39Nicaragua ist unter dem einstigen FreiheitskÀmpfer Ortega zu einer Diktatur geworden.
16:47In Nicaragua sind derzeit keine zivilen Aktionen erlaubt.
16:51Wir dĂŒrfen nicht protestieren, wir dĂŒrfen nicht auf die StraĂe gehen.
16:55Sogar religiöse Prozessionen werden verboten, weil man Angst davor hat, dass Menschen auf die StraĂe gehen.
17:01Sie kontrollieren alles.
17:03Und daher ist es fĂŒr die Menschen sehr schwierig, sich zu organisieren, um dies zu Ă€ndern.
17:08Ich weiĂ also nicht, was passieren wird.
17:10Ich weiĂ nicht, was passieren wird.
17:12Gioconda Belli lebt seit 2021 mit ihrem Mann im spanischen Exil.
17:17Freunde hatten ihr geraten, von einer Reise nicht zurĂŒckzukommen, nachdem bei einer Verhaftungswelle etliche Kritiker des Regimes inhaftiert wurden.
17:24Und es kam noch schlimmer.
17:26Im Februar 2023 entzog Ortegas Machtapparat hunderten Gegnern des Regimes die StaatsbĂŒrgerschaft und konfiszierte ihr Eigentum.
17:34Unter anderem das von Gioconda Belli und ihrem Schriftsteller-Kollegen Sergio Ramirez, der ebenfalls im Exil lebt.
17:48Es ist, als wĂŒrden sie dein Leben, deine Erinnerungen auseinanderreiĂen.
17:52Sie nehmen dir das Intimste, was du im Leben hast, nÀmlich den Ort, an dem du viele, viele Jahre gelebt
17:58hast.
17:59Das tun sie gerade und ich bin am Boden zerstört.
18:06Aber aufgeben kommt nicht in Frage. Sie wird weiterkÀmpfen.
18:10Denn Gioconda Belli glaubt immer noch an die Kraft der Worte, ihrer Worte.
18:17Ich glaube, dass Worte mĂ€chtig sind und die Diktatoren groĂe Angst vor der freien MeinungsĂ€uĂerung haben.
18:23Wir haben das Wort, wir haben ein Forum, wir haben Leute, die uns zuhören.
18:27Und wir haben auch einen internationalen Zugang, um zu erzÀhlen, was in Nicaragua vor sich geht.
18:33Und deshalb gefÀllt ihnen das nicht.
18:42Mein Gott, welch wunderschöne Welt wir zerstört haben.
18:51Es war der Morgen des 24. Februar 2022, als Dmitry Glukowski wusste, dass in seinem Leben nichts mehr bleiben wĂŒrde,
18:59wie es einmal war.
19:00Der Tag, an dem russische Truppen in die Ukraine einmarschierten.
19:04Der Kriegsbeginn in der Ukraine.
19:11Das war fĂŒr mich ein Moment der Wahrheit.
19:13Bis dahin war die Kritik, die ich geĂ€uĂert hatte, folgenlos geblieben, ohne nennenswerte Konsequenzen.
19:19Das wĂŒrde jetzt anders werden.
19:21Ich wĂŒrde wahrscheinlich nie wieder nach Russland zurĂŒckkehren können.
19:25Und ich wĂŒrde wahrscheinlich alles verlieren, was ich dort besitze.
19:28Und wahrscheinlich wĂŒrde es noch schlimmer werden.
19:35Schlimmer wurde es in der Tat.
19:37Obwohl Glukowski Russland sofort verlassen hat und jetzt im Exil lebt.
19:41Irgendwo in Europa.
19:44Letztes Jahr haben sie mich zum auslÀndischen Agenten erklÀrt.
19:48Auch Journalisten gelten jetzt als auslÀndische Agenten.
19:51Die repressive Gesetzgebung schreitet voran.
19:53Im Moment werden wir gewarnt, dass noch schÀrfere Gesetze kommen werden.
19:56Und dass jeder, der die Botschaft auslÀndischer Agenten verbreitet, zur Verantwortung gezogen wird.
20:04Im August 2023 wurde Glukowski zu acht Jahren lagerhaft verurteilt.
20:09In Abwesenheit.
20:10Der russische PrÀsident Putin hat in den vergangenen Jahren fast alle Gegner, die ihm zu nahe kamen, wegsperren lassen.
20:16Prominent ist das Beispiel Kreml-Kritiker Alexej Nawalny,
20:20dessen Haft im Straflager durch immer neue Prozesse und Urteile verlÀngert wird.
20:28Dimitri Glukowski ist in Russland und auch im Rest der Welt kein Unbekannter.
20:332007 landete er mit seinem dystopischen Roman Metro 2033 einen Welterfolg.
20:40Moskau ist von einer Atombombe zerstört worden, die ĂŒberlebenden hausen unter der Erde in einem U-Bahn-Schacht.
20:46Das Buch ist heute Kult, war Grundlage fĂŒr mehrere erfolgreiche Videospiele.
20:51Zwei weitere Metro-Romane folgten.
20:55Hat Atom, die Hauptfigur, anfangs noch gegen Mutanten gekÀmpft, sind es jetzt die eigenen Leute.
21:01Kommunisten gegen Nazis, die alten ideologischen GrÀben.
21:05Den 2015 erschienenen dritten Band der Reihe Metro 2035 nennt Glukowski ein politisches Manifest.
21:16Metro 2035 habe ich nach der russischen Annexion der Krim geschrieben.
21:21Ich habe die russische Gesellschaft beobachtet und wie sie darauf reagierte.
21:27Als Wladimir Putin 2014 auf der Krim einmarschierte, schuf das Regime eine Propagandamaschine,
21:35die die Russen davon ĂŒberzeugen sollte, dass es einen ewigen, existenziellen Krieg zwischen Russland und dem Westen gibt.
21:43Dass die Werte des russischen Volkes völlig im Widerspruch zu den verrotteten Werten des Westen stehen.
21:54Glukowski war schon frĂŒh ein Kritiker von Wladimir Putin, der im Jahr 2000 zum PrĂ€sidenten der russischen Föderation gewĂ€hlt wurde
22:01und bis heute im Amt ist.
22:03Unterbrochen von vier Jahren zwischen 2008 und 2012, in denen er MinisterprÀsident war.
22:09Russland ist unter Putin zu einer Diktatur geworden.
22:12In seine Amtszeit fallen mehrere Kriege gegen ehemalige Sowjetrepubliken.
22:19Als Autor dystopischer Romane blieb Glukowski lange unbehelligt.
22:24Aber 2022 mit dem Krieg in der Ukraine Ànderte sich das.
22:28Jegliche Kritik daran, jede Demonstration verboten.
22:32Das alles hat Glukowski nicht davon abgehalten, gegen die russische Invasion zu protestieren.
22:36In Interviews und auf seinen Social-Media-KanÀlen.
22:39Der Staat, sagt er, könne zwar den Verkauf von BĂŒchern behindern, aber nicht ihre Verbreitung.
22:45Du kannst deine Botschaften, deine BĂŒcher, deine Geschichten und Romane einfach kostenlos in Online-Medien verbreiten,
22:52ohne dass du dafĂŒr eine Genehmigung oder UnterstĂŒtzung des Staates brauchst.
22:56Gibt es eine Chance, dass sich die Gesellschaft wehrt gegen die Repressionen des Machtapparates von Putin?
23:02Glukowski ist skeptisch.
23:04Seine Hoffnung liegt auf der jungen Generation, die sich lĂ€ngst verabschiedet hat von den GroĂmachtsfantasien der Alten.
23:12Was mir sehr wichtig ist, was ich mit eigenen Augen gesehen habe, ist die Geburt einer Generation, die sehr global
23:20denkt.
23:22Die gegenĂŒber dem Westen freundlich eingestellt und sehr offen fĂŒr die Integration und Akzeptanz globaler Werte ist.
23:34Hoffnung fĂŒr Russland, glaubt Glukowski, gibt es erst, wenn die Alten abgetreten sind.
23:43Diktatoren können Schriftsteller und Dichter einschĂŒchtern, sie verfolgen, brutal bekĂ€mpfen.
23:48Aber zum Schweigen bringen können sie sie nicht.
23:53Trotz all dieser UnterdrĂŒckung durch Regierungen, durch autoritĂ€re Regime, die gegen die Macht der Schriftsteller kĂ€mpfen,
23:59die sich nicht brechen lassen, wir sind immer noch stÀrker.
24:02Und ich denke, wir werden siegen.
24:10Alle Versuche, die russische Gesellschaft zu modernisieren, waren immer von der europÀischen, politischen und sozialen Kultur inspiriert.
24:18Und ich bin fest davon ĂŒberzeugt, dass nur dort Russlands Zukunft liegt.
24:30Was Autoren tun können und tun, ist, den unglaublichen Schmerz zu artikulieren, den viele Menschen gerade empfinden.
24:39Wir machen die Welt darauf aufmerksam.
24:41Ich denke, das tun Schriftsteller auf der ganzen Welt derzeit.
24:51Meine Worte werden bleiben, auch wenn ich sterbe.
24:54Als ich im GefÀngnis war, habe ich die WÀnde beschrieben.
24:57Ich war in Einzelhaft, sie hatten mir Handschellen angelegt und ich war nackt.
25:00Und ich dachte, wie können diese Leute es wagen?
25:03Also benutzte ich die Handschellen, um auf die WĂ€nde dieser Einzelzelle zu schreiben.
25:14Mein Traum ist es, in ein Land zurĂŒckzukehren, das frei ist, in dem diese Tyrannen nicht mehr an der Macht
25:19sind.
25:19Und in dem wir mit dem Wiederaufbau des Justizsystems und der Institutionen beginnen und ein neues Land schaffen können.
25:25Ein System, das die Menschenrechte respektiert.
25:29Schriftsteller, die sich ihre TrÀume nicht nehmen lassen.
25:32Worte, die bleiben.
25:34Schon klar, dass das Diktatoren Angst macht.
25:36Aber Diktatoren verschwinden.
25:39Gedanken und Worte werden es nicht.
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