Skip to playerSkip to main content
  • 15 hours ago

Category

📺
TV
Transcript
00:04In Kapadokien gibt es jeden Morgen einen Verkehrsdau am Himmel mit Heißluftballons.
00:10Ich muss höher steigen, unter mir ist alles voll.
00:14Und am Boden stehen überall Gesteinspyramiden, Feenkamine genannt.
00:22Wenn man hier lebt, wünscht man sich manchmal ein bisschen mehr Komfort, aber mir gefällt das.
00:30Die Stadt Awanos, am Roten Fluss gelegen, ist die Keramikhochburg der Türkei.
00:35Hier ist sogar das Wegwerfgeschirr aus gebranntem Ton.
01:05Vor 20 Millionen Jahren wurde Kapadokien durch Vulkanausbrüche meterhoch mit Asche bedeckt.
01:13Im Laufe von Jahrmillionen bildete sich daraus ein weiches Tuffgestein.
01:17Dann kam die Erosion und formte eine einzigartige Landschaft.
01:30Überall dort, wo härteres Gestein abgelagert wurde, blieb die Tuffschicht darunter von der Erosion verschont.
01:38Das Resultat? Skurrile Skulpturen aus Stein.
01:43Wie im Love Valley, dem Tal der Liebe, benannt wegen der phallusartigen Anmutung der Felsen.
01:59Eine märchenhafte Landschaft, mitten in der Türkei.
02:20Morgens um vier in der Stadt Göreme.
02:25Mehmet Bezgül ist schon seit zwei Stunden auf den Beinen.
02:29Dieser Teil seiner Arbeit muss vor Sonnenaufgang erledigt sein.
02:35In Kapadokien ist im Moment echt viel los.
02:38Wir sind ausgebucht und heben heute mit insgesamt 15 Heißluftballons ab.
02:44Ohne Flugpapiere geht da gar nichts.
02:46Jeder Pilot muss zunächst alle nötigen Formulare ausfüllen.
02:49Erst dann gibt es die Flugerlaubnis und die Passagierlisten.
02:54Mehmet und sein Team müssen zunächst einen Wettertestballon steigen lassen.
03:04Heißluftballons sind einfach nicht gemacht für stürmisches Wetter.
03:08Wir wollen ja nicht über ganz Kapadokien innerhalb von zehn Minuten hinweg rasen.
03:15Zu wenig Wind ist allerdings auch nicht gut.
03:18Da kommen wir nicht vom Fleck.
03:21Deshalb hoffen wir auf etwas konstantere Luftströmungen in höheren Lagen.
03:31Der Testballon hat leichten Ostwind angezeigt.
03:35Also wird an diesem Morgen ein Startplatz östlich von Goreme gewählt.
03:41Die Ballons werden zunächst mit Ventilatoren angeblasen, sagt der Fachmann.
03:46Und dann mit Propangasbrennern befeuert.
03:49Für Mehmet ist das immer noch ein besonderer Augenblick.
04:00Luftfahrt liegt in der DNA von Mehmetz Familie.
04:04Sein Vater hat bei Turkish Airlines gearbeitet.
04:12Mein Vater wollte, dass ich Flugzeugmechaniker werde, wie er.
04:17Nach dem Abitur schickte er mich nach England, um die Sprache zu lernen.
04:21Als ich zurückkam, wurde hier plötzlich das Ballonfahren belebt.
04:25Mein Cousin war schon Ballonpilot und nahm mich eines Tages mit.
04:29Ich war so begeistert, dass ich das auch machen wollte.
04:34Seit zehn Jahren ist Mehmet nun schon Pilot.
04:38Bevor wir abheben, gibt es ein paar Sicherheitsinformationen.
04:42Wenn es eine holprige Landung wird, gebe ich das Signal Landeposition.
04:47Dann möchte ich, dass alle die Handys und Kameras ausmachen und sich entgegengesetzt zur Fahrtrichtung drehen.
04:55Die Füße dicht zusammen, in die Knie gehen und mit dem Rücken nach hinten lehnen.
05:05Landen ist der kritischste Moment.
05:07Aber auch der Rest der Fahrt steckt voller Typen.
05:12Der Wind kann jederzeit auffrischen.
05:14Beim Landen kämpfen wir mit der Thermik über dem Boden.
05:18Und dann auch den richtigen Landeplatz finden, das kann ein echtes Problem werden.
05:24Überall in der Region gibt es spitze Felsen, dazu Stromleitungen und Bäume.
05:28Außerdem müssen wir immer einen Platz finden, der groß genug und kein Privateigentum ist.
05:39Dann schafft es die heiße Luft endlich, die fast zwei Tonnen schwere Last aus Passagieren, Korb und Gasflaschen anzuheben.
05:47Die Fahrt beginnt.
05:58Kappadokien liegt in Zentralanatolien, fast im geografischen Mittelpunkt der Türkei, südlich der Hauptstadt Ankara.
06:14Die Stadt Göreme ist das berühmte Aushängeschild Kappadokiens.
06:19Etwa 2200 Menschen leben hier.
06:22Schon vor mehr als 100 Jahren kamen Neugierige aus aller Welt hierher, um die skurrilen Tuffsteingebilde zu bestaunen.
06:30Seit 1985 ist das ganze Ensemble UNESCO-Weltkulturerbe.
06:50Wohnen im Fels. Das hat hier seit den Zeiten der ersten Besiedlung Tradition. Und das war vor 10.000 Jahren.
07:00Unterirdisch sind ganze Städte entstanden. Man vermutet bis zu 50 Anlagen, die miteinander verbunden sind.
07:15Weithin sichtbar dagegen die Spitzenfelsen, die von den Türken seit jeher Peri Bacalare genannt werden.
07:23Feenkaminer. Wohl auch, weil die märchenhafte Landschaft nur das Werk von Geistern sein konnte.
07:30Noch bis in die 1960er Jahre waren viele Felsen bewohnt. Doch zum Bild der modernen Türkei passe das nicht, entschied
07:39die Regierung und siedelte die Bewohner um.
07:45Ein paar wenige widersetzten sich.
07:51Zabirj Kawak zum Beispiel. Sie hat gerade ihr zweites Kind bekommen. Ibrahim, drei Monate alt.
08:00Unsere Familie lebt hier schon immer. Und ich selbst, seit ich geboren wurde, vor 33 Jahren.
08:08Die Sommer sind sehr angenehm. Im Winter allerdings wird es ein bisschen schwieriger, weil es doch ziemlich kalt werden kann.
08:23Zabirs Tochter Hatice ist 16 Jahre alt und geht in die 9. Klasse. Zurzeit sind Ferien.
08:30Wenn sie zu ihrem Zimmer will, muss sie drei Etagen hinaufklettern. Ein Treppenhaus gibt es nicht.
08:37Ihr Reich ist ganz oben im Feenkamin. Hier hat sie ihre Ruhe.
08:51Mein Zimmer ist das Schönste und das Wärmste.
08:55Wenn man hier lebt, wünscht man sich manchmal ein bisschen mehr Komfort. Aber mir gefällt es hier.
09:01Und im Sommer ist selbst die schönste Luxusvilla nicht so angenehm kühl wie unser Haus.
09:19Der Feenkamin von Familie Kawak hat etliche Räume, Nischen, versteckte Ecken. Sieht romantisch aus.
09:31Trotzdem ist das Leben im Tuffsteinfelsen nicht immer einfach.
09:35Die Aussicht auf die Nachbarfelsen ist zwar ganz schön, doch für einen 16-jährigen Teenager reicht das nicht.
09:45Ab und zu kommen Freunde vorbei. Und dann machen wir auch schon mal eine Party.
09:49Aber das Problem ist, dass Telefon und Internet hier nicht funktionieren.
09:54Wenn meine Freundinnen bei mir sind, versuchen deren Eltern, ihnen hinterherzutelefonieren.
09:58Und es gibt einfach keinen Empfang.
10:01Einige von ihnen dürfen mich deshalb auch nicht mehr besuchen.
10:08Die Familie hat noch eine kleine Wohnung in der Stadt. Die nutzt Sabir Schman, der als Nachtwächter arbeitet.
10:15Mutter und Kinder müssen hier allein zurechtkommen.
10:22Wir verpflegen Besucher, verkaufen Tee, Kaffee und andere Kleinigkeiten.
10:28Gott sei Dank kommen auch immer ein paar Leute. Und wir haben keine Konkurrenz.
10:35Hatice muss mit anpacken. Sie ist verantwortlich dafür, dass der Herd nicht ausgeht, auf dem ständig zwei Kessel brodeln.
10:44Einer mit starkem Schwarzteesud, der andere mit heißem Wasser zum Verdünnen.
10:55Der Alltag ist eher schwieriger als schön. Immerzu muss irgendwas erledigt werden.
11:01Wenn zum Beispiel das Feuer nicht brennt, kann man keinen Tee kochen.
11:04Dann weint der Kleine ständig und gleichzeitig kommen Gäste.
11:08Da weiß man manchmal gar nicht, was man zuerst machen soll.
11:15Hoffentlich kommen heute ein paar Neugierige zu den Feenkaminen.
11:20Und hoffentlich sind sie durstig.
11:29Sechs Uhr morgens.
11:31160 Ballons drängeln sich jetzt am Himmel.
11:34Mehmet muss Kollisionen verhindern.
11:37Ein Kollege meldet sich per Walkie-Talkie.
11:41Mehmet, ich bin direkt unter dir.
11:43Ich wollte dir nur sagen, dass ich hier gerade drei Ballons staune.
11:50Alles klar, ich werde gleich höher steigen. Hier ist auch alles voll.
11:56Einfach fahren, wie man will, das ist auch in der Luft verboten.
12:01Hier oben gibt es Verkehrsregeln.
12:08Vor allem, was die Flughöhe betrifft.
12:10In Cappadokien darf man unter der Woche 1000 Meter hochsteigen.
12:13Nur am Wochenende sind 1400 erlaubt.
12:172013 kam es zu einem schweren Unfall.
12:20Zwei Ballons kollidierten und sind aus 300 Metern abgestürzt.
12:23Zwei Passagiere starben und es gab mehr als 20 Verletzte.
12:27Mehmet, bist du immer noch direkt über uns?
12:34Da ist genügend Abstand. Ihr könnt nach oben steigen.
12:58Heute ist eine italienische Gruppe an Bord.
13:01Eine Stunde schweben für rund 200 Euro pro Person.
13:06Mehmet weiß, dass sich das kaum ein Einheimischer leisten kann.
13:10Umso glücklicher ist er über seinen Job.
13:15Ich genieße es immer wieder.
13:17Das wird nie langweilig.
13:19Schließlich starten wir fast jeden Tag an einem anderen Ort
13:22und landen auch immer an unterschiedlichen Plätzen.
13:28Noch liegt eine Dreiviertelstunde Fahrt vor Mehmet und seinen Passagieren.
13:50Mitten durch Kappadokien fließt der Köselürmak, der längste Fluss der Türkei.
13:56Wegen der tonhaltigen Sedimente, die er mit sich führt, wird er auch Roter Fluss genannt.
14:04Aus Awanos, einer hittitischen Siedlung aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus,
14:08hat der Rote Fluss die inoffizielle Keramikhauptstadt der Türkei gemacht.
14:18Die angespülte Tonerde sorgt dafür, dass Töpferei hier seit Jahrhunderten eine wichtige wirtschaftliche Rolle spielt.
14:36Das Leibgericht der Menschen aus Kappadokien wird in einem Tontopf zubereitet.
14:42Testi Kebab.
14:43Und der Bedarf an diesen Töpfen ist hoch, denn sie können nur einmal benutzt werden.
14:53Hake Chöl ist Töpfermeister in dritter Generation und spezialisiert auf die Testi Kebab-Töpfe.
15:01Die Tonerde vom Flussufer muss zunächst aufbereitet werden.
15:06Das ist richtig schwere Arbeit, die Konsistenz muss stimmen, sonst werden die Töpfe nichts, dann produziere ich Ausschuss.
15:16Der Ton muss immer wieder geschlagen und gepresst werden, damit am Ende keine Luftbläschen mehr in der Masse sind.
15:36Gerade ist ein Auftrag für besonders große Testi-Töpfe reingekommen.
15:41Mit einem Fassungsvermögen von fast zwei Litern. Perfekt für Familienportionen.
15:48Hakes Töpferei ist eine von rund 250 in und um Auanus.
15:55Es ist die Tonerde aus dem Fluss, die diesen Ort so berühmt gemacht hat.
16:01Unsere Vorfahren haben diese Erde vor langer Zeit entdeckt und sich zunutze gemacht.
16:07Die Mädchen webten und die Männer töpferten.
16:11Früher galten Mädchen erst dann als heiratsfähig, wenn sie weben konnten.
16:15Und Väter gaben ihre Töchter niemals an Männer, die nicht töpfern konnten.
16:23Nebenan steht Hakes Brennofen. Eine Ofenladung mit kleineren Testi-Töpfen muss heute noch gebrannt werden.
16:32Wenn man die gedrehten Tontöpfe nicht bei rund 800 Grad brennt,
16:38würden sie beim Kontakt mit Wasser oder anderen Flüssigkeiten sofort wieder zu weichem Ton werden.
16:49400 kleine Töpfe hat Hake eingestappelt.
16:53Er muss mit Hobelspänen heizen. Richtiges Brennholz ist gerade schwer zu kriegen.
16:58Da die Späne nur geringe Heizkraft haben, muss er ständig nachwerfen.
17:08Im Brennofen liegt gerade Ware im Wert von rund 200 Euro.
17:14Hoffentlich werde ich nicht enttäuscht.
17:18Manchmal, wenn die Töpfe nicht richtig durchgetrocknet sind, explodieren sie im Brennofen.
17:24Trocknen ist das A und O.
17:26Wenn auch nur ein Tongefäß während des Brennens feucht ist, dann kann das aller anderen Töpfe in Mitleidenschaft ziehen.
17:33Sie sind ja alle ganz eng gestapelt.
17:39Fünf Stunden lang muss Hake nun vor dem Ofen ausharren und immer wieder Späne nachwerfen.
17:56Die Burg von Uchisar soll schon von den Hittitern als Festung genutzt worden sein.
18:02In dem weithin sichtbaren Burgfelsen lebten bis zu 1000 Menschen.
18:07Wer hier hinauf und wieder runterklettert, kommt am Feenkamin von Sabirsch und ihrer Tochter Hatice vorbei.
18:21Bevor durstige Wanderer vor der Tür stehen, gönnen sich Sabirsch und Hatice schnell noch ein paar Lachmadjun.
18:28Günstige Teigfladen für den Hunger zwischendurch.
18:31Tee, Sud und heißes Wasser stehen bereit.
18:41Eine Reisegruppe aus Marokko will hoch auf den Uchisar-Festungsfelsen und braucht vorher eine Stärkung.
18:48Und alle bestellen Tee, für umgerechnet 25 Cent pro Becher.
19:00Geführt wird die Gruppe von Reiseleiter Bashar, einem Syrer. Mittlerweile ein guter Freund der Familie.
19:10Bloß gut, dass viele Gäste gekommen sind. Wir verkaufen gut, sie trinken ordentlich Tee. Fast 35 Getränke wurden bestellt.
19:23Die Leute lieben Kappadokien. Allerdings ist alles ziemlich teuer geworden.
19:27Die Ballonfahrten für 200 Euro können sich nur noch die wenigsten leisten.
19:33Deshalb fahren wir morgens zu den Startplätzen und machen zumindest Fotos von den Ballons.
19:39Aber das Teetrinken im Feenkamin bleibt erschwinglich. Kappadokien ist gut.
19:5435 Becher Tee. Zusammen mit Trinkgeld kommen Sabirj und Hatice auf rund 10 Euro Einnahmen.
20:09Und dann kehrt wieder Ruhe ein am Feenkamin.
20:14Und Hatice zieht sich auf den Nachbarfelsen zurück. Ihren Lieblingsplatz.
20:21Schon als kleines Mädchen bin ich hier hochgeklettert und hab dann auch Mama gerufen.
20:26Die sagte nur, du hast es hoch geschafft, dann schaffst du es auch runter.
20:35Wie eine Fee fühle ich mich überhaupt nicht. Aber im Vergleich zu anderen Mädchen ist das ja schon sehr besonders.
20:57Kappadokien, das ist Kürbisland.
21:00Zwischen den Tuffsteinfelsen liegen fruchtbare Felder. Fast jeder baut hier Kürbisse an.
21:08Besonders Melonenkürbisse gedeihen hier perfekt.
21:13Auf dem Hof von Familie Yüce beginnt die Ernte.
21:20Selma, die Hausherrin, hat das Kommando.
21:23Ihr Sohn Serkan und Enkelsohn Mahmoud müssen mithelfen.
21:41Bei diesen Kürbissen geht es selten um das Fruchtfleisch, sondern um die Kerne.
21:47Manchmal wird Öl daraus gepresst, aber der Großteil der Ernte wird gegessen.
21:52Geröstete Kürbiskerne sind ein Hauptbestandteil der Küche Kappadokiens.
22:01Unsere Kürbisse sind wunderschön dieses Jahr.
22:04Wir nennen sie unsere Goldeselkürbisse.
22:07Die Kerne heißen Ladyfingernägel.
22:10Die sind sehr knackig und lecker.
22:12Und jeder, der will, kann diese Kürbisse anbauen und die Kerne als Saatgut verwenden.
22:17Außerdem lassen sie sich auch sehr gut auf dem Markt verkaufen.
22:23Familie Yüce kann dank ihrer Kürbisse ein wenig sparen.
22:30Wer Platz für Kürbisse hat, dessen Einkommen ist besser als das eines Beamten.
22:35Ohne Felder kann man seine Familie kaum ernähren.
22:38Wir passen auf, dass auf unserem Acker immer etwas wächst.
22:52Kerne, die als Saatgut weiterverwendet werden, müssen penibel getrocknet werden.
23:05Kerne, die zum Verzehr gedacht sind, werden mit reichlich Salz vermengt und kommen in einen Ofen, den Selma an einer
23:13Hausecke aufgebaut hat.
23:19Bei richtig heißem Feuer müssen die Kerne circa eine Stunde lang rösten.
23:25Wichtig ist, dass man immer wieder mal umrührt und die Klappe sollte zubleiben.
23:39In der Zwischenzeit wird weiter geerntet.
23:43In richtig guten Jahren, wenn es genügend Regen gibt, dann holen sie fast 250 Kilogramm Kürbiskerne von ihrem Acker.
23:56Und wieder ein paar mehr für den Winter.
24:03Aber frisch geröstet schmecken sie am besten.
24:23Während Mehmet mit seinen Passagieren irgendwo zwischen den Feenkaminen schwebt, herrscht am Boden Selfie-Fieber.
24:36Findige Dienstleister haben sich was einfallen lassen für das perfekte Foto.
24:40Schwebende Schaukel vor Ballons zum Beispiel.
24:48Kleinunternehmer Yassin Yücel nimmt 15 Euro für eine Fotoserie.
24:59Hier dreht sich alles um Ballons. Und wir erzeugen mit unserer Schaukel die Illusion, an einem Ballon zu hängen.
25:04Das wollen die Leute.
25:12An einem Ballon hängt die Schaukel nicht wirklich, sondern an einem 40 Jahre alten Kranwagen, den Yassin mitgebracht hat.
25:21Kappadokien-Kommerz. Auch das gehört dazu.
25:34Der Tanz der Dervische. Entstanden im 13. Jahrhundert als getanztes Glaubensbekenntnis.
25:42Durch stundenlanges Kreiseln beförderten sich Gläubige in Ekstase und wollten Gott so ein Stück näher kommen.
25:56Wenn sich heutzutage die Dervische drehen, dann meist in Tanzshows für Touristen.
26:12Nicht weit weg von Gureme liegt das kleine Dorf Mustafa Pasha.
26:18Eingezwängt zwischen schicken Hotels und Neubauten liegt das Haus von Hawa Chakir.
26:25Die 75-Jährige ist Witwe und lebt allein. Seit Generationen ist das Haus in Familienbesitz.
26:34Doch es ist schwierig geworden in den vergangenen Jahren.
26:38Für die ursprünglichen Bewohner von Kappadokien bleibt immer weniger Raum.
26:42Alles muss Platz machen für Urlauber und Hotels.
26:50Direkt neben ihrem Gehöft hat gerade ein kleines Boutique-Hotel eröffnet.
26:55Die hätten sich am liebsten Hawas Haus auch noch einverleibt.
27:03Kaufinteressenten gibt es viele. Ständig liegen sie mir in den Ohren.
27:08Aber die Konditionen stimmen nicht. Die wollen alle nicht genug bezahlen.
27:14Mein Sohn ist vor kurzem verstorben und er hinterließ drei Kinder. Die wohnen derzeit zur Miete.
27:22Wenn ich mein Haus verkaufe, dann muss ich wenigstens für mich und die Enkelkinder eine Wohnung von dem Erlös kaufen
27:28können.
27:30Aber bis jetzt reicht das angebotene Geld überhaupt nicht.
27:39Ihr Haus, das sind fast 100 Quadratmeter auf vier Etagen.
27:44Hawas Mann war Bauarbeiter und hat fast alles selbst gemacht.
27:55Mein Mann und ich haben in diesem Zimmer geschlafen. Die Kinder im Vorderen.
28:00Die Betten stehen immer noch so da wie früher. Ich habe sie nicht weggeräumt.
28:08Meine Eltern haben hier auch gelebt, sind aber schon lange tot.
28:13Und nachdem mein Mann gestorben war, wollte ich hier nicht mehr rein.
28:18Ich bin jetzt allein und habe es mir im vorderen Zimmer gemütlich gemacht.
28:29Hawa lässt sich nicht verdrängen. Sie ist unbeugsam und hat ihren Lebensmut nicht verloren.
28:36Heute muss sie auf den Markt.
28:46Die Lebensbedingungen in der Türkei sind nicht einfach. Die Inflation ist extrem hoch.
28:51Der Verfall der türkischen Lira macht vor allem Geringverdienern zu schaffen.
28:59Hawa muss haushalten mit ihrem Geld.
29:02Sie bekommt eine kleine Rente, nicht mal 200 Euro, weil sie mehr als 25 Jahre verheiratet war.
29:09Auf dem Markt sucht sie immer nach den Sonderangeboten.
29:31Ich brauche dringend Zwiebeln und kaufe deshalb einen großen Sack. Der ist günstiger.
29:38Ich lasse ihn aber hier stehen, denn Käse will ich auch noch holen.
29:42Und der Stand ist am anderen Ende des Marktes.
29:48Selbst Produkte aus der Region, wie Oliven, sind für Hawa kaum noch zu bezahlen.
29:54Heute bekommt sie Besuch. Da braucht sie trotzdem ein gutes Stück Käse.
30:02Ich probiere mal die Ecke hier oben.
30:05Aber doch nicht mit den Fingern.
30:09Ich hätte dir das doch auf der Messerspitze gereicht.
30:13Oh, Entschuldigung.
30:18Ich nehme dann mal zwei Kilo davon.
30:23Zwei Kilo für rund 15 Euro.
30:42Das Tuffgestein von Kappadokien verbirgt bis heute auch Schätze aus frühchristlicher Zeit.
30:53Höhlenkirchen, hineingetrieben in den Fels.
30:56Nicht freiwillig, sondern als Schutz vor Plünderungen und Überfällen.
31:02Die ersten Kirchen entstanden hier schon im 7. Jahrhundert.
31:05Die Region Kappadokien stand viele Jahrhunderte unter der Herrschaft von christlichen Byzantinern.
31:15Die Wandbemalungen sind in ihrer Farbigkeit bis heute gut erhalten.
31:22Allerdings wurden viele Malereien zerstört, als die griechisch-orthodoxe Bevölkerung von hier vertrieben und die Region türkisch wurde.
31:37Hawa ist wieder zu Hause angekommen und hat sofort losgelegt.
31:42Sie macht Börek, ein in der ganzen Türkei weit verbreitetes Blätterteiggebäck.
31:47Hauch dünn gerollte Teigfladen werden von beiden Seiten mit Öl bestrichen und dann aufeinander gestapelt.
31:59Ich bin daran gewöhnt, immer für alle zu backen.
32:02Für die Familie oder wenn Gäste kommen, so wie heute.
32:06Und dann mache ich meistens Börek.
32:09Denn damit kriegt man alle satt, auch wenn mal mehr Besuch kommt.
32:19Der frische Schafskäse kommt jetzt zum Einsatz.
32:23Gerieben wird er zur Füllung des Böreks.
32:26Hawa hat sich ihr Leben lang um die Kinder, um ihren Mann und das Haus gekümmert.
32:31Mit dem Touristentrubel in Kappadokien hatte sie nie etwas am Hut.
32:42Im Tischbackofen, den ihr Mann noch gekauft hat, Ende der 1980er Jahre, muss der Börek-Blätterteig jetzt eine halbe Stunde
32:51lang garen.
33:01Dann ist auch schon der Besuch da.
33:04Aysen, Hawas beste Freundin, Nachbarin und ebenfalls Witwe.
33:11Die beiden Frauen sind froh, dass sie sich haben.
33:15Alleinstehende ältere Frauen haben es schwer in der patriarchalischen, konservativen Gesellschaft der Türkei.
33:25Super, du hast Börek gemacht.
33:27Ja, ich habe nicht rumgetrödelt heute und schon ganz früh angefangen mit den Vorbereitungen und dem Backen.
33:38Vielleicht habe ich ein bisschen viel Hefe in den Teig getan.
33:43Schmeckt aber.
33:46Sie ist Witwe und ich auch.
33:48So können wir uns besuchen, wann immer wir wollen.
33:52Wenn da noch Männer im Haushalt wären, würden wir uns nicht so oft sehen.
33:58Wo Männer sind, da geht man nicht hin.
34:00Vielleicht stört man sie beim Mittagsschlaf.
34:03Das wollen wir nicht.
34:07Dass sich ihr Dorf und ganz Kappadokien so sehr verändern, das beschäftigt die beiden Witwen.
34:20Fast alle Häuser in unserem Ort werden zu Hotels.
34:25Das Stadtviertel gegenüber wurde sogar komplett verkauft und zu einer riesigen Urlaubsanlage umgebaut.
34:32Hier auf unserer Seite sind nur noch ganz wenige normale Wohnhäuser übrig.
34:41Heutzutage wollen die Leute nur noch schicke neue Häuser.
34:49Am Nachmittag treffen sich die beiden Frauen noch einmal.
34:52Im Schatten von Aysens Innenhof.
34:56Hawa hat ihre Tef mitgebracht, eine türkische Trommel.
35:00Sie hat sich viele Jahre als Musikerin ein paar Lehrer dazu verdient.
35:06Bei meinen Auftritten bauten wir immer einen Stuhlkreis auf.
35:10Wenn ich dann anfing zu spielen, begannen die Mädchen zu tanzen.
35:15Währenddessen schauten die Verlobten der jungen Frauen zu, von den Dächern und Balkonen drumherum.
35:20Dann haben alle Bakshisch in die Mitte geworfen.
35:23Genau. Das Geld war dann mein Lohn.
35:34Hawas verstorbener Mann war strikt dagegen, dass sie arbeiten geht.
35:38Ihr selbstverdientes Geld war Hawa umso wichtiger.
35:47Ich habe immer gern gesungen. Hat sie wirklich.
35:51Ich habe viel getanzt und dazu dann die Tef gespielt, unsere Trommel.
35:57Heutzutage wird ja überall nur noch nach Musik getanzt, die irgendwo rausplärrt.
36:04Musik aus der Konserve.
36:08Dafür interessiere ich mich nicht. Ich mag die handgemachte, die alte Musik.
36:21In Awanos, der Keramikhochburg Kapadokiens, ist der Brennofen von Töpfermeister Hacke abgekühlt.
36:29Er kann es kaum abwarten, nachzusehen. Hoffentlich sind die meisten der 400 Töpfe heil geblieben.
36:38Der ist gut.
36:42Der ist fehlerhaft.
36:47Die Qualität des Tropfes erkennt man am Klang.
36:53Dieses hohe Plingen gibt es nur, wenn das Gefäß perfekt gebrannt wurde.
36:57So muss es klingen.
37:01Wenn es nicht so klingt, dann kann man es nicht zum Fleischzubereiten nutzen.
37:05Das heiße Essen würde den Topf verformen.
37:12Aber so sollte es sich anhören.
37:20Nur wenig Ausschuss.
37:23380 Töpfe sind etwas geworden und bereit für den Verkauf.
37:29Hacke muss einen kleinen Teil der neuen Ware in die Altstadt von Awanos liefern.
37:33Zu einer Backstube, die ihren Ofen für mehrere Restaurants des Ortes zur Verfügung stellt.
37:40Na, wie läuft's?
37:42Gut, dass du da bist.
37:44Wir haben keine Töpfe mehr.
37:51Dann müsst ihr noch mehr bestellen.
37:55Nimm erst mal diese hier.
37:57Und ich glaube, ich gönne mir mal einen.
38:00Ich habe Hunger.
38:01Im Restaurant direkt über der Backstube bereitet Chefkoch Mustafa Aydodu die Leibspeise der Kapadokia vor.
38:12Das wird ein klassisches Testi-Kebab.
38:15Da kommt Lammfleisch hinein.
38:20Tomaten, Knoblauch, Gewürze, Thymian, Pfeffer, Salz und Tomatensauce.
38:27Alles wird mit ordentlich Zwiebeln vermischt.
38:30Das war's schon.
38:35Mustafa bringt die Testi-Kebabs runter zur Backstube.
38:39Hier sollen sie gleich fertig gegart werden.
38:46Doch zunächst werden die Töpfe mit Brotteig verschlossen, damit der Inhalt schön saftig bleibt und nicht austrocknet.
38:57Dann geht es für rund zwei Stunden hinein in den Holzfeuerofen.
39:02Die Gar-Methode ist vergleichbar mit einem deutschen Römer-Topf oder der nordafrikanischen Tagin.
39:12Der Töpfermeister bekommt heute Chefkochbedienung.
39:18Dann kommt der Moment, bei dem Hacke die Zähne zusammenbeißen muss.
39:23Vor dem Essen wird der Tontopf kaputt gemacht.
39:27Er ist ein Wegwerfprodukt.
39:31So viel Handwerkerarbeit für ein einziges Gericht.
39:35Die Töpfe landen hinterher auf dem Müll.
39:37Eine pfiffige Recycling-Idee hatte bisher niemand.
39:41Aber der Aufwand lohnt sich, findet zumindest der Chefkoch Mustafa.
39:47Der Tontopf gibt ein besonderes Aroma ab.
39:51Und das Fleisch bekommt dadurch einen außergewöhnlichen Geschmack.
39:54Beim Testi-Kebab spielt das Gefäß die entscheidende Rolle.
40:06Einerseits ist man natürlich traurig.
40:08Ich habe da so viel Mühe reingesteckt und mit einem Mal ist das alles hinüber.
40:12Aber wenn das nicht so wäre, hätte ich auch keine Arbeit mehr.
40:15Es ist ein Kreislauf.
40:16Ich produziere Tontöpfe, die Restaurants kochen den Kebab darin,
40:20die Töpfe werden zerschlagen und kommen auf den Müll.
40:22Das soll auch so bleiben.
40:28Für Mehmet wird es Zeit zu landen.
40:30Er nimmt Kontakt auf zu Issa, seinem Kollegen am Boden.
40:37Alles klar, Issa, ich sehe dich.
40:39Ich lasse den Ballon noch ein bisschen mehr nach links absteigen.
40:43Ich versuche, auf dem Feld dort zu landen.
40:49Issa, ihr müsst euch jetzt wirklich beeilen.
40:54Nehmt den Feldweg vor euch, so schnell wie möglich.
41:05Landen ist knifflig.
41:07Die Thermik in Bodennähe ist unberechenbar.
41:10Für den Wind ist der Ballon eine Art Spielball.
41:18Mehmet ist der einzige von allen Piloten, der immer gleich auf dem Hänger landen will.
41:23Sein Markenzeichen sozusagen.
41:26Dann muss man später den Korb nicht drauf hieven.
41:35Die italienischen Gäste sind froh darüber, dass sie sich nicht in die Notlandeposition begeben mussten.
41:47Einer nach dem anderen kann jetzt aussteigen.
41:49Dann bereiten wir einen Tisch vor und stoßen mit Champagner.
42:06Drei, zwei, eins.
42:11Der angekündigte Champagner entpuppt sich als Perlwein, gemischt mit Fruchtsaft.
42:20Nach jeder Landung sehe ich ein Lächeln in den Gesichtern meiner Passagiere.
42:24Und diese Freude über die Ballonfahrt, über die Aussicht und die Faszination der Höhe, die überträgt sich auf mich.
42:32Das macht mich sehr glücklich.
42:41Dass er kein Flugzeugmechaniker geworden ist, das hat Mehmet noch keinen einzigen Tag bereut.
42:47Und mit heißer Luft über den Tuffsteinmärchenwald zu schweben, das ist viel besser, als in einer Halle an Motoren zu
42:55schrauben.
42:59Kapadokien, mitten im Herzen der Türkei, verzaubert auch den erfahrenen Piloten jeden Tag aufs Neue.
43:12Kapadokien, mitten im Herzen der Türkei, verzaubert auch den Tag aufs Neue.
Comments

Recommended