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00:10Felix lebt mit dem Tourette-Syndrom. Er hat immer wieder Ticks.
00:17Es fühlt sich an wie so ein Kribbeln, so ein Druckgefühl, vor allem bei den motorischen Ticks.
00:21Das ist jetzt zum Beispiel so, wenn ich merke, ich muss zucken, jetzt rede ich gerade drüber,
00:24dann habe ich hier links so ein Kribbeln, so ein Entspannungsgefühl im Nacken.
00:28Und dann muss ich dieses Gefühl mit diesem motorischen Tick wieder lösen und dann entspann sich das Ganze wieder ein
00:33bisschen.
00:33Wenn ich jetzt so einen Tick unterdrücke, so ein Vorgefühl quasi versuche aufzuhalten,
00:37dann geht die Ansprung immer höher und danach ticke ich zweifach, dreifach stärker als sonst.
00:44Felix tickt besonders stark, wenn er aufgeregt ist.
00:47Trotzdem hat er sich vorgenommen, sich maximal zu fordern, seine Komfortzone zu verlassen.
00:53Er will für ein Semester nach Lettland, wo er niemanden kennt und die Sprache nicht spricht.
00:57Eine Mutprobe. Wir dürfen ihn dabei begleiten.
01:12Als wir Felix im Frühjahr 2025 treffen, ist sein Praktikum am Hamburger Flughafen fast zu Ende.
01:19In vier Monaten wird der BWL-Student nach Riga aufbrechen.
01:27Für den Heimweg nach Elmshorn nimmt er den Bus. Mit Tourette ist das immer eine schwierige Situation.
01:35Ich sitze jetzt genau hier hinter dem Busfahrer, hat den Vorteil, alle anderen Personen sitzen hinter mir und ich kann
01:39es somit ein bisschen besser ausblenden und es dreht mir auch nicht wahr, wenn sie mich anschauen, falls ich mal
01:43ticken sollte.
01:47Die unwillkürlichen Bewegungen und Töne, die er macht, gehören zum Tourette-Syndrom. Das ist angeboren.
01:55Meine schlimmste Erfahrung im ÖPNV war im Bus vor einigen Jahren, war ich glaube ich knapp 13, 14 Jahre alt
02:03und da hat mich ein Mann von hinten in den Rücken getrepelt.
02:08Das hat mir auch in dem Moment ganz, ganz viel Kraft geraubt und es hat ein bisschen gebraucht, einige Tage,
02:14dass ich wieder gesagt habe, okay, ich mache das jetzt trotzdem weiter und ich fahre trotzdem weiter in den Bus,
02:18auch wenn solche Situationen passieren.
02:20Felix lebt in einer kleinen Wohnung in Elmshorn. Der 23-Jährige wohnt allein, damit er niemanden stört, sagt er.
02:28Denn die Begleiterscheinungen des Tourette-Syndroms sind nicht nur Ticks, sondern häufig auch Zwangsstörungen.
02:35Er filmt sie für uns.
02:39Hallo, Sir.
02:43Jetzt kontrolliere ich jeden Abend dieses Badezimmerfenster und ich drückte immer mehrmals gegen, guckte, ob es wirklich zu ist und
02:51irgendwann fühlt es sich richtig an und meinem Kopf geht die ganze Zeit die Zahlenfolge 8, 9, 10 mit.
02:57Dann geht es in meine Küche, sieht so aus.
03:00Dann habe ich einen Lichtschalter, den muss ich immer ganz aufdrücken, den Lichtschalter.
03:05Ja, und dann kontrolliere ich mit dem Augenblinzeln die ganze Zeit, während ich blinzeln, das Licht an- und ausmache,
03:10ob die ganzen Herdplatten aus sind.
03:13So, ich muss jetzt einmal hier komplett gegendrücken, das ist auch schön laut, was das anstrengt. Das ist wirklich schrecklich.
03:28So, jetzt bin ich im Bett, aber jetzt ist es leider nicht vorbei, denn was ich jetzt mache, ich gucke
03:33da hinten in die Ecke zum Schrank und fange mir immer wieder an zu blinzeln, zu kontrollieren.
03:39Währenddessen taste ich hier diese Ecke ab.
03:43Und das jeden Abend, das geht doch gar nicht ohne.
03:46Und dann habe ich das geschafft.
03:48Dann lecke ich mich einfach nur noch hin, decke mich zu und versuche einfach zu schlafen.
04:00Es ist August 2025. Die Abreise rückt näher.
04:05Ich packe jetzt hier gerade in meinen Koffer. Für mich geht es nächste Woche ins Auslandssemester für vier Monate.
04:10Es geht nach Riga. Und deswegen bin ich gerade bei, die letzten Vorbereitungen zu treffen.
04:16Die meisten Sachen aus der Wohnung sind bereits eingelagert.
04:19Und ich bin gespannt, was mich nächste Woche alles erwarten wird.
04:25Bevor es losgeht, möchte er seine Freunde und seine Familie noch einmal sehen.
04:30Auch ein Besuch auf dem Friedhof gehört dazu.
04:40Mein Papa ist im Jahr 2020 verstorben.
04:43Er wollte jetzt noch mal ein paar Blümchen ans Grab stellen, bevor es dann ins Auslandssemester geht.
04:48Hi Papa.
04:50Es ist immer wieder komisch, jetzt hier zu stehen bei dir und nach unten zu gucken, obwohl du eigentlich kopfgrößer
04:57warst als ich.
05:00Finde es mit dich.
05:03Ich finde es ganz komisch, jetzt irgendwie loszufahren und ohne dich da irgendwie starten zu können.
05:15Ich hätte das gerne mit dir geteilt.
05:20Aber ich würde dich bitten, dass du da auf mich aufpasst.
05:23Das machst du sowieso schon, aber vor allem da, wenn ich ganz alleine bin, dass du da irgendwie da bist.
05:39Es ist für mich eine sehr große Herausforderung, jetzt alleine ins Auslandssemester zu gehen.
05:50Und ich glaube jetzt vor allem, dieses am Grab zu stehen von meinem Papa, hat mich viel daran erinnert, dass
05:57ich mich damals auch sehr alleine gefühlt habe.
06:00Dass mein Papa plötzlich weg war und ich stark sein musste.
06:14Sein Auffangnetzwerk, wie er es nennt, das sind seine Familie, seine Freunde und seine Partnerin.
06:20Im Notfall sind sie für ihn da.
06:23Vier Monate ohne sie klarzukommen, das wird die Mutprobe, die er sich selbst gestellt hat.
06:29Warum ich das mache? Ich möchte mehr und mehr und immer wieder dieses Gefühl haben von normal sein, gesund zu
06:37sein.
06:37Ich möchte mich durch die Tics überhaupt nicht einschränken lassen.
06:40Und deswegen versuche ich immer für mich herauszufinden, wo sind meine Grenzen und kann ich die vielleicht noch weiter nach
06:46hinten stecken.
06:49Felix ist in Lübeck auf dem Weg in ein Café. Dort hat er sich mit seiner jüngeren Schwester verabredet.
06:54Seine Mutter und seine Freundin wollen nicht vor die Kamera.
06:58Aber beim Abschied mit Jette dürfen wir dabei sein.
07:02Wir kriegen jetzt ein paar Bilder von der Wohnung in Lettland.
07:08Steht so da.
07:10Hast du deine eigene Küche denn da?
07:12Ja, zum Glück. Leider kein Backofen.
07:14Das liegt sogar im Wasserkorrer, dass du deinen nicht mitnehmen.
07:18Die Wohnung hat Felix im Internet gefunden.
07:22In der Regel habe ich kein WG-Zimmer, auch aufgrund des Tourettes nicht, einfach, weil ich so ein bisschen mehr
07:27Raum für mich habe, die Tür zumachen kann und auch nicht gestresst bin.
07:30Ihr Bruder vier Monate allein in Lettland.
07:36Wir fragen Jette, wie sie das findet.
07:39Er ist dann so weit weg und nicht bei uns und dann kann man nicht schnell zu ihm fahren, wenn
07:46was ist oder so.
07:47Mit seinem Tourette in einem anderen Land ist das ja besonders eine Erfahrung.
07:53Vielleicht gehen die Menschen da ja anders um mit Krankheiten.
07:57Dass es in der Gesellschaft vielleicht nicht so normal ist und dann bekommt er vielleicht mehr blöde Sprüche als hier
08:05in Deutschland oder so.
08:07Und als Schwester finde ich das halt nicht so schön.
08:09Ich habe es ja schon oft mitbekommen.
08:11Es gab Phasen, da sind wir gemeinsam den Bus gefahren und da war sie elf Jahre alt.
08:17Aber vielleicht war sie auch erst zehn und Busfahrer haben mich angesprochen und angemeckert.
08:21Und meine Schwester hat die richtigen Worte gefunden und die Busfahrer direkt darauf hingewiesen, dass ich eben mit dem Tourette
08:26-Syndrom lebe.
08:27Und das finde ich für das Alter also sehr bemerkenswert, dass sie eben so schnell dazugelernt hat und mich unterstützt
08:34hat, so gut sie konnte.
08:44Letzter Autocheck, bevor er morgen abreist.
08:47Der Kleinwagen muss die nächsten Monate durchhalten. Mit dabei sein Freund Justin.
08:52Justin kennt Felix noch ohne Tourette. Denn die ersten Symptome zeigten sich erst im Alter von acht Jahren.
08:58Die ersten Male war das natürlich schon erstmal so komisch. Er hatte mich zwar vorhinein informiert, sage ich mal, aber
09:05es ist trotzdem ungewohnt.
09:10Tourette hat ja jetzt auch nicht jeder, dass man da dann einen hat, der dann Tourette hat.
09:13Aber das ging eigentlich so schnell, dass das dann im Alltag mit drin war und dann einfach zu Felix dazugehörte.
09:24Man weiß mit diesen engen und langen Freundschaften auf jeden Fall, woran man ist.
09:28Man kennt sich in- und auswendig, man hat sich immer unterstützt gegenseitig.
09:38Dass er jetzt dann wirklich ganz weg ist erstmal für eine Zeit, ist ja komisch. Also ich weiß noch nicht,
09:44wie es dann wird.
09:49So, und wir sind jetzt die letzten Stunden vor der Reise, bis es losgeht.
09:54Ungewohnt.
09:55Ungewohnt.
09:55Es wirkt jetzt immer ein bisschen realer.
09:58Ja.
09:59Obwohl, ich kann es parallel noch gar nicht ganz glauben, dass ich jetzt in 24 Stunden schon unterwegs bin.
10:03Es ist ja so lange vorbereitet und dann aber der Moment, wo es wirklich losgeht.
10:08Stimmt.
10:09Machst du dir große Sorgen?
10:12Ähm, zunehmend mehr.
10:14Ja.
10:14Ich glaube, wenn ich erstmal vor Ort bin, dann wird das auch wieder weniger werden.
10:18Und jetzt gerade, das gerade will ich schon gerne hierbleiben, glaube ich.
10:22Ja.
10:22Auch bei euch irgendwie, bei meinen Freunden.
10:24Wenn Felix mit seinen Vertrauten zusammen ist, kann er sich so entspannen, dass er kaum tickt.
10:30Ich bin sehr gespannt auf deine ersten Erfahrungsberichte.
10:33Reifendruck, Wasser, Öl.
10:35So, wir sind fertig, oder?
10:36Alles vorbereitet.
10:38Es kann losgehen.
10:39Ja.
10:39So.
10:42Am nächsten Morgen geht es los.
10:44Eine Freundin hilft ihm.
10:46Von Travemünde aus will er mit der Fähre nach Lettland.
10:50Für Felix beginnt sein bislang größtes Abenteuer.
10:53Aber so lange war er noch nie von zu Hause weg.
10:58Ja, es ist so ein mulmiges Gefühl mittlerweile.
11:02Ist natürlich ein schwerer Abschied, aber ich mache das trotz dessen, dass ich eben das Tourette habe.
11:08Draußen ist blaues Licht.
11:12Zwischen Gift und Vernunft.
11:15Licht und Dunkel.
11:18Werden Graustufen bunt.
11:21Und Saumblicke zu Stunden.
11:23Ah, Nummer 5.
11:25Für Felix ist das Auto nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch ein Rückzugsraum, in dem er ungeniert ticken kann.
11:33Er vermutet, dass er diesen Raum auch in Riga öfter mal brauchen wird.
11:46Ich bin mit dem Ankommen auf dem Schiff.
11:48Es war eine große, große Orga in Rostu-Waburu.
11:53Jetzt könne eigentlich nichts mehr schief gehen.
11:56Ich meine, das Auto-Semester beginnt.
11:59Das Abenteuer startet.
12:09Einen Tag nach seiner Ankunft in Riga treffen wir Felix in seiner neuen Wohnung.
12:20Die erste Studentenparty hat er schon hinter sich, direkt am Abend nach der anstrengenden Reise.
12:27Das war auf jeden Fall meine Erfahrung, 24 Stunden lang mit dem Schiff unterwegs zu sein.
12:32Nach drei Stunden Fahrt war ich endlich hier in der Unterkunft.
12:36Muss erst mal alles erkunden, so muss ich hin.
12:38Aber das ging zum Glück relativ schnell.
12:40Und lebe mich jetzt in den nächsten Tagen peu a peu ein.
12:44Würde noch ein bisschen dauern, bis es so wohnig ist wie in einem Zorn.
12:49Auf der Reise nach Lettland hat Felix Fotos gemacht und auf Instagram gepostet.
12:54Die Eindrücke der langen Überfahrt will er uns zeigen.
12:58Ich finde es jetzt schon total toll, das irgendwie zu sehen, weil da auch schon viele Sachen von heute dabei
13:03sind.
13:03Und ich finde es eigentlich auch ganz cool als Erinnerung später, wenn ich mal in fünf Jahren drauf gucke und
13:07einfach durch dieses Storyarchiv klicken kann.
13:12Töpfer.
13:16All top, das ist schon mal gut.
13:18Es ist aufregend, es ist ungewohnt.
13:19Das nicht irgendwie zu realisieren, dass es wirklich meine Unterkunft ist und auch mein Leben jetzt, mein Zuhause für die
13:25nächsten vier Monate.
13:27Muss man sich noch daran gewöhnen.
13:29Nach dem Auspacken will er Riga erkunden.
13:32Erste Herausforderung, er nimmt die Straßenbahn.
13:36Ich habe große Angst davor, Leute zu treffen.
13:39Das ist natürlich immer ein Spektakel für mich auch und auch mit dem Tourette vor allem.
13:43Weil ich nie weiß, wie die darauf reagieren.
13:45Und das macht es so ein bisschen nervenaufreibend.
13:49Überraschung. Ein bekanntes Gesicht.
13:51Lena.
13:52Wo kommst du jetzt her?
13:53Ja, ich versuche in die Stadt zu fahren.
13:55Das ist die richtige Bahn, ja.
13:57Wir stehen beide an derselben Uni in Deutschland.
13:59Wir haben uns eigentlich ursprünglich bei dem Wochenende gewährt.
14:03Stimmt. Bei dem ersten Wochenende.
14:05Ja, bei dem ersten Wochenende.
14:06Genau.
14:12Wird er in Riga bald neue Freunde finden? Immerhin Lena kennt er schon.
14:20Und dann trifft er mitten in der Altstadt von Riga sogar noch andere Neuankömmlinge.
14:25Studierende von der gestrigen Party.
14:29Gabriel.
14:31Gabriel.
14:32Gabriel.
14:33Hello, Fifi.
14:34Nice to see you.
14:36Nice to see you.
14:37Hi.
14:38Are you good?
14:39Yes, I'm good.
14:40And you?
14:41Hi, I'm Lina.
14:42Lina.
14:43I'm also at the Tourist.
14:44Okay.
14:45I'm Juliet.
14:45Juliet?
14:46Yes.
14:47I'm a Gabriel.
14:48Yeah.
14:51Felix hat Gabriel, einem Studenten aus Frankreich, gleich erzählt, dass er das Tourette-Syndrom hat.
14:58Jeder kennt ja das Tourette-Syndrom, aber persönlich habe ich noch nie jemanden getroffen.
15:03Jetzt jemanden damit zu kennen, ist merkwürdig, aber interessant.
15:07It's a good experience.
15:09Yeah.
15:09It's a good experience.
15:10Der erste Tag in der fremden Stadt ist gut gelaufen.
15:14Jetzt macht er sich mit seiner Kamera allein auf den Weg.
15:17Riga ist bekannt für seine Altstadt.
15:19Sie gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.
15:23Außerdem zählt die Stadt zu den wichtigsten Jugendstilstädten Europas.
15:27Wir haben den Eindruck, Felix bewegt sich mit dem Fotoapparat in der Hand ganz entspannt durch die Straßen.
15:33Wenn ich in der Stadt bin und Fotos mache, habe ich eigentlich weniger Tics, denn ich habe immer eine Aufgabe.
15:38Und diese Aufgabe bedeutet für mich so ein bisschen Freiheit.
15:42Es gibt eben die Möglichkeit, mich durch die Stadt zu bewegen, ohne immer angeguckt zu werden.
15:46Wenn mal ein Tics kommt, ist das kein Problem. Ich kann mich immer hinter meiner Kamera verstecken.
15:51Er hat viele Strategien entwickelt, um mit dem Tourette weniger aufzufallen.
15:56Gegen die Tics selbst helfen sie nicht.
16:04Tics können zum Beispiel vor allem dann durch, wenn ich darüber nachdenke, dass ich jetzt den ganzen Tag kaum Tics
16:08hatte, auf einmal in der Menschenmenge stehe und überlege, was wäre jetzt, wenn ich jetzt schreien würde.
16:13Dann denke ich dran und ich merke, dass der Druck, der in mir wächst und ich versuche es eigentlich aufzuhalten,
16:17aber merke dann, es geht irgendwie nicht.
16:20Und dann wird es immer schlimmer und immer schlimmer und dann versuche ich, sofern es geht, diese Menschenmenge zu verlassen.
16:24Wenn das nicht möglich ist, dann muss ich irgendwie schreien.
16:29Aber dann steigt die Anspannung in der fremden Umgebung doch.
16:38Und morgen beginnt die Uni.
16:46Seit er angekommen ist, verschickt er viele Sprachnachrichten nach Hause.
16:51An seine Freunde und vor allem an seine Freundin.
16:56Hey du, ich bin aber sehr aufgeregt von morgen. Also ich merke, dass es irgendwie aktuell durchkommt.
17:01Und die Tics ein bisschen mehr werden, ich auch dieses Vorgefühl die ganze Zeit habe, es sitzt irgendwie so ein
17:05Kloß gerade im Hals.
17:06Und von mir ist es natürlich ganz, ganz dumm.
17:09Ich kann es ehrlich gesagt kaum erwarten, bis du da nach Riga kommst und ich dir mal hier zeigen kann,
17:14wie die Stadt so ist und wie ich lebe.
17:19Ich weiß, ich habe Leute und Personen, die für mich da sind, die auch mir irgendwas machen, die mir zuhören,
17:24auch was die Tics angeht,
17:26wie ich meine Sorgen erzählen kann, wenn es irgendwie auch akut ist.
17:28Aber oftmals ist es genau dann, wenn sie eben nicht da sind.
17:32Und da kann es ganz gleich sein, ob ich jetzt in einer großen Menschenmenge bin, im Kino oder irgendwo anders,
17:39das Gefühl von Einsamkeit ist trotzdem da.
17:44Semesterstart an der Uni.
17:46Heute braucht Felix sein Auto.
17:48Schon lange bin ich mir so nervös.
17:50Das ist jetzt doch mal was anderes, als dieses einfache Ankommende Riga und ein bisschen erkunden.
18:00Gleich bei der Einführungsveranstaltung will er sich den anderen vorstellen und dabei sein Tourette erklären, auf Englisch.
18:15Ich weiß nicht, ob es 100 Leute sind, 200, 400 Leute, aber ganz gleich ist es erstmal Fremde.
18:20Und das will ich nicht kennen und nicht wissen, dass ich die Tics habe.
18:25Und da merke ich doch gerade die Anspannung, weil das ist immer wieder eine ungewohnte Situation.
18:29Also ich bin ja sonst beim Alltag hier immer unter den gewohnten Leuten, aber auf der Arbeit, als auch in
18:33der Uni selbst.
18:34Man nennt sich hier nochmal ein anderes Land.
18:37Euer Uni, euer Menschen, das ist doch mal was anderes.
18:43Die Thuriba-Universität in Riga ist eine internationale Hochschule.
18:49Hier studieren Menschen aus 40 Ländern.
18:53Unterrichtssprache ist Englisch.
18:56Das macht Felix zusätzlich nervös.
19:00Dazu kommt, fast niemand hier weiß, was er hat.
19:14Den Programmleiter Jaschwand-Jaiswal hat er eingeweiht.
19:21Ich wollte nur fragen, ob ich nachher sagen kann, dass ich Tourette habe.
19:25Von der ganzen Gruppe?
19:26Ja, wir fangen mit der Eröffnung an und dann hole ich dich nach vorn.
19:32Bevor wir mit dem Ausfüllen der Formulare beginnen.
19:35Okay, perfekt.
19:49Ich bin Jaschwand, der, der euch mit E-Mails zuspannen.
19:58Wir haben einen besonderen Menschen unter uns, Felix.
20:02Kommst du nach vorn?
20:04Vielen Dank.
20:07Ich bin Felix, Student aus Deutschland und ich lebe mit dem Tourette-Syndrom.
20:10Darum habe ich Bewegungsticks und mache Geräusche.
20:16Ich wollte euch nur wissen lassen, dass ich mit dieser Behinderung lebe.
20:18Für mich reduziert das den Stress, weil ihr jetzt wisst, was mit mir los ist.
20:24Jetzt bin ich weniger aufgeregt als noch vor zehn Minuten.
20:27Wenn ihr Fragen habt, dann fragt mich jederzeit.
20:31Das ist besser für euch und für mich.
20:34Dankeschön.
20:34Danke.
20:39Das nach vorne gehen und vor allem zu verkünden, dass ich mit dem Tourette-Syndrom lebe, das war schon was
20:43Besonderes.
20:44Das habe ich sonst noch nie so gemacht vor so einer großen Runde.
20:46Schon gar nicht auf Englisch.
20:47Also, dass das gelungen ist, freut mich sehr.
20:50Die Reaktion war auch total freundlich, also überhaupt nichts Negatives.
20:53Es wäre so ein verständliches Nicken.
20:55Und danach haben auch die Tics ein bisschen aufgehört.
20:58In den nächsten vier Monaten muss Felix über 20 Prüfungen schaffen.
21:02Wie alle anderen.
21:06Das Tourette für mich, was ist das?
21:09Zum einen ist es für mich eine Erkrankung weiterhin, aber auch ein ganz großer Teil von mir.
21:13Es ist immer so ein Feuer und Wasser irgendwie mit dem Tourette.
21:16Und ich brauche es irgendwie auch, weil es mich zu dem gemacht hat, der ich jetzt bin, der ich auch
21:21weiterhin sein werde.
21:23Und wenn ich wählen könnte, das Tourette eben abzulegen, dann würde ich das sofort tun.
21:31Es ist ein Schmerzen, den ich jeden Tag habe.
21:34Verspannung am ganzen Körper.
21:35Ich verkrampfe im Gesicht, wenn ich durch die Stadt gehe, um eben nicht dann zu schreien.
21:39Wenn ich doch mal schreie, ist eben diese Sorge wieder da.
21:42Irgendwer könnte etwas sagen.
21:43Die Zeit rast in Riga.
21:46Felix lernt und schreibt Klausuren.
21:49Erkundet die Gegend rund um die Stadt und bekommt Besuch von Freunden aus Deutschland.
21:55Moin zusammen.
21:56Ich habe jetzt hier Besuch von Maxi.
21:58Da hinten ist er.
22:02Hier perfekt.
22:02What did you do in this side?
22:07Anfang November treffen wir ihn wieder.
22:10Vieles ist in der Zwischenzeit passiert.
22:13Eine große Veränderung war die Trennung von meiner Freundin.
22:17Wir haben uns getrennt.
22:19Und das war auf jeden Fall ein großer Einschnitt.
22:23Und ich habe dann derzeit ganz viel, zum Beispiel auch mit meinen engsten Freunden aus Deutschland, viel telefoniert.
22:30Fast jeden Tag.
22:31Ich bin einfach sehr niedergeschlagen in meiner Stimmung.
22:36Ich kann mich dann auch ganz schlecht dazu motivieren, die Dinge zu machen, die mir sonst Spaß machen.
22:43Und was ist mit seinen Zwangsstörungen?
22:48Ich habe in Riga gerade zumindest weniger Kontrollzwänge abends.
22:54Jetzt hier besteht meine Abendroutine meistens nur noch daraus, die Fenster einmal kurz zuzudrücken.
23:00Dann ist es auch fertig.
23:08Die Trennung von seiner Freundin macht ihm zu schaffen.
23:11Wenn Felix sich einsam fühlt, geht er gezielt unter Menschen, um sich abzulenken.
23:17In Riga gibt es dafür viele schöne Cafés.
23:35Gerade fehlen ihm seine Freunde zu Hause sehr.
23:41Wenn es mir irgendwie nicht gut geht, auch hier in Riga, versuche ich da ganz, ganz stark, diese Bindung auch
23:47aufrecht zu halten.
23:49Maxi, Justin, meine engsten Freunde, meine Familie, so und mir, so ist mir super wichtig.
23:54Und ich versuche dann auch mal den Leuten zu zeigen, dass sie mir viel bedeuten, indem ich dann zum Beispiel
23:58Postkarten schreibe.
23:59So ein bisschen analoger, das wirkt einfach nochmal persönlicher.
24:07Ein paar Tage später nimmt uns Felix mit an die Uni.
24:11Er muss für die nächste Prüfung lernen.
24:14Aber nicht mehr allein.
24:18Ich habe mir zum Beispiel Lena sehr, sehr intensiv kennenlernen dürfen, eine wirklich tolle Kommilitonin, eine sehr tolle Freundin geworden.
24:25Ich hoffe ganz stark, dass sich jetzt auch aus dieser Zeit, die ja verschiedene Menschen irgendwie ergeben in meinem Leben
24:31dann, die auch weiterhin ein großer Teil sein werden,
24:34die dann hoffentlich auch Teil dieses Auffangnetzwerks werden.
24:38Felix braucht für gewöhnlich lange, bis er neuen Menschen vertraut.
24:42Mit Lena hat er sich angefreundet.
24:45Er zeigt ihr sogar ein Video, das er als Kind von sich gemacht hat, nachdem er gemobbt wurde.
24:52Hallo, ich heiße Felix und bin neun Jahre alt.
24:56Ich habe Tics, das Tyburetzen rum.
24:59Ich finde, da siehst du deine Schwester noch ähnlich, ja.
25:02Ich habe eine Behinderung, die sehr nervig ist für mich und für die Menschen in meiner Umgebung.
25:09Und ich habe auch Wankenschläzen dabei.
25:12Bitte lockert mich nicht an.
25:15Das ist am besten mein Tics, das ich gerade mache.
25:26Das ist nach wie vor schlimm anzusehen, ehrlich gesagt.
25:28Ja, ich finde das total berührend, das Video, weil man irgendwie so richtig merkt, du willst einfach nur anerkannt werden
25:36oder einfach nur als normal wahrgenommen werden.
25:39Es war wirklich meine erste Ferienfreizeit, alles neu für mich.
25:42Und da gab es eben auch Kinder, die haben mich sehr viel gehänselt und aufgezogen, auch mit denen ich eben
25:46mein Zimmer teilen musste zum Beispiel nachts.
25:49Und ich weiß, dass der kleine Felix das damals fürchterlich fand.
25:53Der kleine Felix ist nach Hause gefahren nach der Schule, vor allem in der 5. und 6. Klasse.
25:57Das Erste, was er gemacht hat, ist, an der Heizung in Tränen zusammenzubrechen, auf den Boden zu sacken und zu
26:03weinen.
26:05Schon als Kind ist Felix mit seiner Erkrankung offen umgegangen.
26:09Für ihn ist das der beste Weg, um mit Menschen in Kontakt zu kommen.
26:18Felix hat die vier Monate im Ausland bald geschafft.
26:22An der Uni hat er neue Freundschaften geschlossen. Menschen, die ihn so mögen, wie er ist.
26:30Heute ist er zum Spieleabend verabredet.
26:35Das war die Worte, die ich mit Problemen hatte.
26:39Ah, das? Ja, ich habe das.
26:43Ich bin sehr angekommen hier.
26:45Also, das ist wie in Deutschland irgendwie Spaß haben, Spiele spielen, eine gute Zeit verbringen.
26:49Ganz irgendwie, um darüber nachzudenken, richtig.
26:57Am nächsten Tag. Felix sucht die Ruhe am Meer.
27:09Es ist dasselbe Meer wie zu Hause.
27:11Hey ihr. Ich bin jetzt gerade in Lettland, hier am östlichen Strand, von der Dauga war,
27:17ein Fluss, den ihr auch schon kennengelernt habt, als ihr da wart.
27:21Und es ist vergleichbar mit der Lübecker Bucht.
27:23Deswegen dachte ich, wir machen euch beiden mal eine Sprachnachricht.
27:27Nicht den Wind in die Nase wehen zu lassen, das sind so Momente, in denen merke ich,
27:32dass dieser ganze Alltagsstress, auch das Tourette vor allem, weniger wird.
27:35Weil dieses beruhigende Wellenrauschen mich sehr darin unterstützt,
27:40soll die ganzen Alltagssorgen zumindest für ein paar Minuten zu vergessen.
27:45Die Mutprobe Riga hat Felix bestanden.
27:47Und die nächste hat er schon geplant.
27:50Im Dezember will er ganz allein durch Norwegen reisen.
28:05Leichtigkeit habe ich auch in meinem Leben.
28:07Es ist nicht alles ernst, nicht alles ist schwierig.
28:10Es gibt viele Herausforderungen, aber auch diese zu lösen.
28:14Und meistens klappt das ja auch ganz gut.
28:16Und ich glaube, was die Rache mit sich bringt, ist für mich vor allem so ein Gefühl von Freiheit.
28:21Und jetzt gerade bin ich total im Fokus konzentriert.
28:25Die Welt ist fast schon perfekt.
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