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00:06I am on a journey in the country, in which I was born, in the country of my childhood, Italy.
00:13I live for a long time in Germany.
00:17A number is working the whole time in my mind.
00:20She leaves me no longer calm, since I heard them.
00:24700.
00:24Deshalb reise ich.
00:27Ins Land der geraubten Menschen.
00:42Entführung.
00:45Entführung auf Sardinien.
00:48Fünf Entführungen.
00:53Entführungsdrama.
00:55Die Entführten sind tot.
00:59Das sind die Nachrichten, mit denen ich aufgewachsen bin.
01:03Und das bin ich.
01:05Solange ich denken kann, gab es Meldungen über Menschenraub.
01:08Es ging um Millionärsenkel, die verstümmelt wurden, um mehr Lösegeld zu erpressen.
01:15Um Urlauberkinder, die aus dem Schwimmbad vor den Augen ihrer Eltern verschleppt wurden.
01:23Um Teenager, die fast zweieinhalb Jahre in einem Erdloch eingesperrt wurden.
01:33Um Fünfjährige, die 17 Monate im Dunkeln angekettet waren und fast verhungerten.
01:45Es ging um gebrochene Frauen, Männer und Kinder, die ihre Entführung überlebten.
01:51Und um ihre Familien, die Monate oder sogar Jahre auf sie warten mussten.
02:00Und es ging in den Nachrichten manchmal um die, die nie zurückkamen, die verhungerten oder umgebracht und in den Wäldern
02:07von den Wildschweinen gefressen wurden.
02:13Das muss der Grund sein, warum ich als Kind nicht nur fangen, sondern auch Entführung gespielt habe.
02:21Ich appelliere an das Gewissen der Entführer, ihre Geiseln so bald wie möglich freizulassen.
02:31Nicht mal der Papst konnte im gottesfürchtigen Italien helfen.
02:36Reiche Familien mit Kindern in meinem Alter wanderten aus.
02:42Wir sind in den 70ern weggezogen aus Angst vor Entführungen.
02:45Die Familie von Carla Bruni ging nach Frankreich.
02:51700 Menschen sind in Italien entführt worden.
02:55700 Entführungen allein innerhalb von 30 Jahren, zwischen 1970 und 2000.
03:01Davor gab es aber auch schon Entführungen.
03:04Welche Abgründe stecken hinter den TV-Nachrichten meiner Kindheit?
03:08Was ist aus den Entführten geworden?
03:11Mein erstes Ziel ist Manerbio, unweit des Alpentals, in dem ich aufgewachsen bin.
03:17Auch dort wurden Menschen entführt.
03:20Giuseppe Sofiantini war einer von ihnen.
03:23Im Juni 1997.
03:26Freigelassen wurde er acht Monate später.
03:31Heute ist Giuseppe Sofiantini 81 Jahre alt.
03:35Damals war er 62.
03:38Er leitete ein Textilunternehmen in Manerbio, bei Brescia.
03:47Wenn man von Entführungen sprach, habe ich immer gesagt, mir kann das nicht passieren.
03:53Denn ich wohne hier in dieser Gegend unter Menschen, die wirklich reich, sehr reich sind.
03:58Also keiner würde auf die Idee kommen, gerade mich mitzunehmen.
04:06Wir stehen vor dem Haus von Giuseppe Sofiantini, der gestern um 22.30 Uhr entführt wurde.
04:12Mein Vater ist schwer krank. Er hat vor kurzem eine Herz-OP überlebt.
04:20100 bis 150 Polizisten und Carabinieri durchkämmen seit gestern Abend die Gegend.
04:33Die Entführer suchten meinen Sohn.
04:35Wo ist dein Sohn? Wo ist dein Sohn? fragten sie.
04:39Also mein Sohn macht gerade Militärdienst. Er ist in die Kaserne gefahren.
04:44Sie sind da reingekommen und von hinten zum Haus gelaufen.
04:48Gerade war mein Sohn vorne aus dem Haupteingang rausgegangen. Ein Zufall.
04:54Sie haben mir im Laufe der Zeit oft gesagt, dass sie eigentlich meinen Sohn holen wollten.
04:59Das war für mich ein Grund, während der Entführung Kraft zu schöpfen.
05:03Denn ich sagte mir immer wieder, mein Sohn hätte es nicht ausgehalten.
05:07Also, es war Glück im Unglück, dass sie mich geholt haben und nicht ihn.
05:15Ich denke, jeder Vater kann mich verstehen.
05:27Als sie reinkamen, haben sie mir eine Pistole hier hingehalten und gesagt, beweg dich nicht.
05:33Und gleichzeitig haben sie mir die Hände hinter den Rücken in Handschellen gelegt.
05:47Wir sind hier durchgelaufen. Ich habe gehört, wie sie da am Zaun den Maschendraht durchschneiden.
05:53Dann sagten sie mir, ich soll in die andere Richtung schauen, sonst würden sie mich sofort töten.
06:01Ich glaube, dass da jemand aus meiner Stadt am Werk war.
06:05Jemand, der mich kannte und der die Bande hier unterstützt hat.
06:10Waren die beiden maskiert?
06:12Ja, sie trugen Sturmhaufen.
06:19Da hinten standen die Autos. Und da haben sie mich in den Kofferraum gesteckt.
06:26Anderthalb Tage lang erzählt er mir die Geschichte seiner Entführung.
06:31247 Tage Gefangenschaft, Morddrohungen, am Ende zwei Tote.
06:37Nachts, nachts.
06:39Was er erlebt hat.
06:40Ein Verstümmelungsplan.
06:42Beide Ohren wurden verstümmelt.
06:43Wenn sie hinfahren, verstehen sie es.
06:47Ich gehe auf Spurensuche und folge dem Weg seiner Entführer Richtung Süden.
06:55Ich wurde im Kofferraum transportiert.
06:58Die Chefs der Entführerbande übernahmen ihn und fuhren weiter.
07:02Sie sagten, ihr wolltet mir einen jungen Mann bringen und stattdessen bringt ihr mir jetzt diesen Greis.
07:07Und noch dazu so gefesselt, dass der gleich stirbt.
07:12Ein zweites Auto fuhr voraus und checkte, wo Polizeikontrollen waren.
07:20Er wurde in die Toskana verschleppt.
07:23Diese Region war immer wieder in den Nachrichten, wenn es um Entführungen ging.
07:291980 traf es drei deutsche Kinder, die hier Urlaub machten.
07:33Die Opfer waren die beiden Töchter und der Neffe von Dieter Kronzucker, ZDF-Journalist.
07:40Ich möchte euch, die Menschen, die ihr gesteckt habt.
07:47Sabine, seid brav. Wir sind alle wieder zusammen. Unser Leben wird sich verändern. Aber ihr kommt zurück.
07:5568 Tage blieben sie gefangen.
07:57Über ihr Schicksal erfuhr auch Deutschland von Italiens Entführungsindustrie.
08:06Durch die Toskana brachten die Entführer Giuseppe Sofiantini bis nach Montalcino.
08:15Der Weg zu seinem Versteck geht an der alten Stadtmauer vorbei.
08:19Und dann weiter in die Hügellandschaft hinter der Stadt.
08:26Also fahre ich am Hang eines Waldhügels entlang.
08:32Über einen Steinkanal zwischen zwei Waldabschnitten nähere ich mich dem Versteck.
08:43Dieses Schild war damals an einer Ecke gebogen. Ein Orientierungszeichen für die Entführer.
08:52Ein Zeitzeuge begleitet mich zu dem genauen Ort, wo Giuseppe Sofiantini gefangen gehalten wurde.
08:58Er möchte unerkannt bleiben. Nach 20 Jahren hat er immer noch Angst vor Vergeltung.
09:04Ohne Grund kommt kein Mensch an diesem Ort vorbei.
09:08Wir sind da.
09:11Da war ein kleines Zelt, versteckt unter Ästen und Sträuchern.
09:22Ich war am Handgelenk angekettet. Die Wächter waren zu zweit. Am Anfang sprachen sie kein Wort mit mir.
09:35Am Ende kam nachts der Chef zu mir. Er draußen hatte ich im Zelt drinnen, um sich zu unterhalten.
09:48Nach 20 Jahren entdecke ich noch Spuren von Giuseppe Sofiantinis Gefangenschaft.
10:06Ich habe elf Briefe geschrieben. Ich sollte schreiben, sie bringen mich um, wenn ihr nicht zahlt.
10:19Zuerst haben sie 30 Milliarden Lire verlangt, damals 15 Millionen Euro.
10:25Ich sagte, ihr könnt mich gleich umbringen, so hören wir alle auf zu leiden, denn eine solche Summe wird keiner
10:30für mich aufbringen können.
10:34Also gingen sie auf 20 Milliarden Lire runter. Dann verlangten sie 10.
10:40Hier in Rio Fredo war der Treffpunkt für die Geldübergabe zwischen den Entführern von Giuseppe Sofiantini und den Entsandten der
10:47Familie.
10:49Doch als die Entführer merkten, dass Polizisten der Sondereinheit Nox vor Ort waren, fingen sie an wie wild zu schießen.
10:57Ein Hauptkommissar der Sondereinheit kam ums Leben.
11:02Die Entführer können fliehen, aber drei Tage später haben die Polizisten Erfolg.
11:10Vier der Entführer sind nach einer Schießerei in einem Tunnel festgenommen worden.
11:14Bei der Schießerei ist Mario Moro, einer der Entführer, verletzt worden.
11:18Nun appelliert er vom Krankenhaus aus, an seine Komplizen den Unternehmer aus Manervio freizulassen.
11:26Ich erkenne meine Fehler und werde dafür bezahlen.
11:30Ich appelliere an die Menschlichkeit und an die Ehre meiner Kameraden, dass sie die Geisel sofort freilassen.
11:40Sie ließen ihn aber nicht frei. Zwei Wochen lang flohen sie mit ihm durch die toskanischen Wälder.
11:47Dann bauten sie erneut ein Versteck auf. Den Winter verbrachte Giuseppe Sofiantini im Zelt.
12:00Ich habe immer gedacht, die Entführer seien aus der Toskana, aber sie waren alle Sarden.
12:08Zu Beginn der 1980er Jahre lebten schon tausende Sarden in der Toskana, die meisten waren Schäfer.
12:16Die ersten kamen in den 60ern mit ihren Herden und übernahmen die Höfe, die die Toskana verlassen hatten.
12:23Das war auch die Geschichte von Sofiantinis Entführer.
12:29Heute leben immer noch viele Nachkommen sadischer Hirten hier.
12:34Ich mache mich auf die Suche nach ihnen und lerne Familie Chiloni kennen.
12:43Ihr Hof liegt in Montalcino.
12:48Wie war ihr Leben in der Zeit, als Herr Sofiantini hier entführt war?
12:55Es war voll mit Polizisten und auch mit Soldaten. In den Hügeln da hinten, da flogen Tag und Nacht Hubschrauber.
13:08Man fühlte sich wie im Krieg.
13:11Die Hubschrauber machten mit ihren Scheinwerfern die Nacht zum Tag.
13:21Sobald sich herumsprach, dass du Sarde bist, dann war es vorbei. Um dein Haus zu kontrollieren, kam die Armee.
13:31Es war November. Ich wollte gerade hier los. Da kommen vier Polizeiwagen. Da unten war alles voll mit Polizisten. Die
13:38wollten mich.
13:42Wir wollen den Hof kontrollieren. Möchten Sie einen Anwalt? Fragten sie.
13:46Nein, sagte ich. Und sie gingen rein.
13:53So lief das. Wo ein Sarde ist, da ist auch ein Entführer nicht weit. So dachten die Leute.
13:59Die Sarden wurden abgestempelt. Sardinien und Entführung war ein und dasselbe.
14:15Ich erinnere mich. Der Begriff Anonima Sarda war allgegenwärtig in den Nachrichten über Entführungen.
14:23Ich fliege nach Sardinien, um die Entwicklung des italienischen Entführungsgeschäfts besser zu verstehen.
14:30Ich komme an der Costa Smeralda an, die für Entführerbanden in den 1980ern und 90ern interessant war.
14:48Die Reichen und Schönen aus der ganzen Welt machen hier Urlaub.
14:53Ich habe gehört, dass allein auf Sardinien 200 Menschen entführt wurden im Laufe der Zeit.
15:05Begonnen hat es jedoch im Inneren der Insel.
15:08Abseits der touristischen Orte, wo sich noch lange archaische Regeln und Strukturen erhalten haben.
15:19Ich fahre zuerst in den Süden, nach Cagliari.
15:29Hier bin ich mit dem Publizisten, Dozenten und Schriftsteller Giacomo Mamelli verabredet.
15:38Er berichtete 40 Jahre lang als Journalist über die sardischen Entführungen.
15:45Die Entführungen waren das erschütterndste Phänomen auf Sardinien seit dem Zweiten Weltkrieg.
15:50Es waren nochmal die 40 Jahre Krieg.
15:55Warum gerade auf Sardinien?
15:57Wahrscheinlich, weil sie es hier schon immer gemacht haben.
16:00Die Entführung fing nämlich mit der Entführung von Nutztieren an.
16:04In dieser Region sind wir 1,6 Millionen Menschen und 3,5 Millionen Schafe.
16:12Schafe hat man ursprünglich geraubt, um schnell an Geld zu kommen.
16:20Aus dem Schafraub hat sich dann der Menschenraub entwickelt.
16:28Eine Gegend abseits der Küste steht besonders für die Geschichte der Entführungen.
16:33Ich fahre dorthin, in die Barbagia.
16:39Barbagia, das heißt Land der Barbaren.
16:42Die alten Römer tauften sie so.
16:45Die Einheimischen begehrten auf gegen die Römer und gegen alle Besatzer, die später kamen.
16:51Damit entstand auch das Banditenwesen, das sich als Akt der Rebellion verstand.
16:57Die Banditen brauchten immer Geld.
17:00Die erste Entführung begingen sie 1875.
17:04Es traf einen Großgrundbesitzer aus der Gegend.
17:10Im Herzen der Barbagia liegt der 4200-Seelen-Ort Orgosolo.
17:21Schon immer gilt Orgosolo als das Dorf der Banditen.
17:29Ich möchte hier mit den Einheimischen ins Gespräch kommen, um zu erfahren, wie es sich mit diesem Ruf lebt.
17:40Ich habe das Gefühl, die Zeit steht hier seit 50 Jahren still.
17:59Stimmt es, dass das hier das Dorf der Banditen ist?
18:03Früher war das so, aber jetzt sind wir alle aufrichtig.
18:07Wir sind alle wieder auf den rechten Weg gekommen.
18:11Und warum waren Sie vom rechten Weg abgekommen?
18:15Weil wir hungrig waren. Deshalb mussten wir Räuber sein.
18:22Wir sind hier, um etwas über die Entführungen zu erfahren.
18:29Na ja, es waren arme Leute. Schäfer. Hier gibt es keine Fabriken, es gibt keine Arbeit. So war es.
18:44Es gab hier Leute, die Menschen entführten.
18:47Ja, früher ja.
18:49Hat man hier darüber geredet?
18:53Sicher. Aber ich sage immer, auch wenn man am Verhungern ist, kann man andere um Hilfe bitten.
19:02Man muss nicht Räuber werden.
19:05Ich folge der Dame in die Kirche Orgosolus.
19:08Dieser Ort ist auch Teil der Geschichte der Entführungen.
19:12Ehefrauen und Mütter von Opfern kamen hierher, um an das Gewissen der Entführer zu appellieren.
19:17Auch das kam in den Nachrichten.
19:20Eine Frau wendet sich von hier aus an die Entführer ihres Mannes.
19:27Es ist eine sehr schwere Zeit.
19:30Ich bitte Sie, dass das bald vorbei ist und nur eine Erinnerung, eine böse Erinnerung bleibt.
19:41Nach dem Gebet möchte ich noch mehr von der alten Dame erfahren.
19:46Wenn es um Banditen geht, dann schauen Sie mal da hinten.
19:49Da wohnte der größte Bandit von allen.
19:55Grazia Nomisina?
19:56Ja.
19:57Kennen Sie ihn?
19:59Ich habe ihn kennengelernt.
20:01Aber das ist viele Jahre her.
20:04Hier in Orgosolo fing die Geschichte Graziano Mesinas an.
20:09Vom jungen Schäfer zum Banditen.
20:11Per Kopfgeld gesucht.
20:12In den 60ern avancierte er zum Pophelden dank Hochglanzgeschichten in den Zeitschriften.
20:18Seit diesen Bildern sind 50 Jahre vergangen.
20:25Graziano Mesina, einer der berüchtigsten zardischen Banditen,
20:28konnte in den gestrigen Abendstunden von einer sechsköpfigen Batrouille der Straßenpolizei dingfest gemacht werden.
20:35Seine Festnahme 1968 erregte sogar in Deutschland Aufsehen.
20:40Auf Sardinien sah es so aus.
20:43Diese Menschen warten seit zwei Stunden, weil sie Graziano Messina sehen wollen.
20:49Heute will auch ich ihn sehen.
20:52Seine Anwältinnen begleiten mich.
20:54Zu diesem Zeitpunkt ist Messina 72 Jahre alt und hat bereits 46 Jahre im Gefängnis verbracht.
21:0322 Mal ist er aus dem Gefängnis ausgebrochen, 10 Mal erfolgreich.
21:08Er wurde immer wieder gefangen.
21:112004 begnadigte ihn der Staatspräsident.
21:15Neun Jahre später kam er wieder ins Gefängnis.
21:18Bis heute.
21:19Drogenhandel.
21:21Der Bandit aus Orgosolo war als junger Mann für seine Entführungen berüchtigt.
21:27Danach will ich ihn heute fragen.
21:30Herr Mesina, wie viele Menschen haben Sie entführt?
21:33Ich?
21:33Wie viele Entführungen haben Sie gemacht?
21:36Also es müssen sieben oder acht gewesen sein.
21:39Nicht mehr.
21:43Wenn man in Schwierigkeiten geraten ist, auf der Flucht vor der Polizei ist und ohne Geld dasteht.
21:49Irgendwas muss man ja nun machen.
21:51Und wir sind auch auf sowas gekommen.
21:53Aber was mache ich da?
21:56Haben Sie sich das gefragt, was Sie da machen?
22:00Bei denjenigen, die ich entführt habe, da habe ich aufgepasst, dass sie keine Angst haben.
22:04Ich habe sie nicht gefesselt und nicht erniedrigt.
22:06Und ich habe sie nie lange entführt.
22:09Einen Monat, 20 Tage, nicht länger.
22:15Frauen habe ich nie entführt.
22:17Die sind schwieriger zu managen.
22:19Man darf keine Frau entführen, auch nicht, wenn sie Multimillionärin sind.
22:25Wenn ich einwillige, eine Frau zu entführen, aber absolut dagegen bin, sie zu vergewaltigen,
22:30aber einer meiner Komplizen dem zuwiderhandelt, dann streiten wir uns.
22:41Es gibt Regeln und Grenzen, die man auf keinen Fall übertreten darf.
22:50Wir reden hier von Entführen, Sie aber von Ihrem Leben und...
22:54Ich betone die ganze Zeit...
22:55Warten Sie, warten Sie, warten Sie, warten Sie.
22:58Ich betone die ganze Zeit, dass diejenigen, die an der Macht waren, den Boden für solche Taten bereiteten.
23:04Denn sie waren nicht in der Lage, die Not zu lindern, Probleme zu lösen, dort, wo sie gerade entstehen.
23:13So werden die Menschen verdorben.
23:15Und sie fangen mit krummen Geschäften an.
23:18Wenn sie zu feige zum Entführen sind, dann gehen sie eben los, schlagen den anderen vor,
23:22guck mal, der hat Geld, der kommt immer um dieselbe Zeit hier vorbei.
23:30Graziano Messina versteht sich nach wie vor als Opfer der Umstände.
23:34Darüber hatte ich schon einiges gelesen.
23:36Es hat sich nichts geändert.
23:43Das ganze Geld habe ich nicht selbst behalten, denn sonst wäre ich jetzt sehr reich.
23:49Was haben Sie denn mit dem Geld gemacht?
23:51Ich habe es an den einen oder anderen verteilt.
23:53Die Richter wissen davon.
23:55Wenn jemand in Schwierigkeiten war, habe ich ihm lieber Geld gegeben, als dass er auch mit den Führungen anfängt.
24:05Es wird ihnen wie ein Paradox vorkommen, aber das war so.
24:09Ein Teil der Bevölkerung weiß das.
24:15Ich habe versucht, denen zu helfen, die in Not waren.
24:21Wie Robin Hood?
24:24Naja, ich kenne Robin Hood nur aus dem Fernsehen.
24:26Und ich will mich nicht mit ihm vergleichen, aber so habe ich gehandelt.
24:34Wer war traurig wegen der Verhaftung von Messina?
24:411968 in einer Schule Orgosolos.
24:45Messina nährt seinen Ruf als Gentleman-Bandit aus alten Zeiten.
24:49Er ist der einzige Ex-Entführer, der sich zu diesem Thema öffentlich äußert.
24:55Aber ich weiß, dass ab den 80er Jahren die Entführungen auf der Insel brutaler wurden.
25:00Geiseln wurden verstümmelt, auch Kinder.
25:04Ich möchte von Giacomo Mameli mehr dazu wissen.
25:11Beim Wechsel von der Landwirtschaft zu der Industriewirtschaft wurden die Schäfer-Banditen von Anzugsträger-Banditen ersetzt.
25:20Um sie herum waren auch Fachleute, die Regie führten.
25:23Denn es war nicht einfach, das Lösegeld zu waschen.
25:26Sowas war nichts mehr für die Schäfer.
25:30Sie wurden zu Handlangern von höher gestellten Köpfen.
25:37Der Menschenraub hörte erst auf, als es dank GPS schwer wurde, Geiseln zu verstecken.
25:43Aber bis dahin blieben die Entführungen allgegenwärtig.
25:47Während ich durch Cagliari laufe, stelle ich mir vor, dass jeder Mensch, dem ich begegne, auch ein Opfer von Banditen
25:54wie Messina und seinesgleichen sein könnte.
25:56War er mal entführt? Oder sie? Oder er? Vielleicht sie?
26:03Drei von ihnen lerne ich tatsächlich kennen.
26:08Giuseppe Vinci wurde Ende 1994 entführt. Seine Familie besaß eine Supermarktkette.
26:20310 Tage dauerte seine Gefangenschaft. Als Unternehmerkind wuchs er mit der Angst vor Entführung auf.
26:30Ab und zu kamen Warnungen von der Polizei. Aber wir waren über 20 in der Familie, die diese Supermarktkette leitete.
26:39Mein Vater fuhr jede Woche mit einem gepanzerten Wagen zum Flughafen.
26:43Aber es gab noch 20 weitere von uns, die gefährdet waren.
26:51Ich lerne auch ein Paar kennen. Sie wurden zusammen entführt. Das war 1984. Ihre Familien hielten sich nie für gefährdet.
27:01Annalisa Pitau und Francesco Pisano waren schon damals ein Paar.
27:07Ich war 23 Jahre alt und sie 20. Wir gingen zusammen aus. Wir hatten ein unbekümmertes Leben.
27:20Für uns gibt es ein Leben vor und nach der Entführung. Dazwischen steht eine Mauer.
27:29Auch Luca Loci darf ich treffen. 1978 wurde er entführt. Er war sieben Jahre alt und das erste Kind, das
27:40die Anonima Sarda holte.
27:45Mit mir hatten die Banditen ihren sogenannten Ehrenkodex gebrochen, wonach weder Kinder noch Frauen entführt werden durften.
27:58Sie alle sind bereit, mir die Geschichte ihrer Entführung zu erzählen.
28:06Sie waren zu zweit, ganz in schwarz, mit weißen Handschuhen und Maschinengewehren.
28:12Sei still, sagten sie und zogen mir eine Kapuze über den Kopf.
28:16Mit den Gewehrkolben haben sie das Autofenster eingeschlagen.
28:19Mit dem Gewehr haben sie mich hier geschlagen.
28:22Die haben mich ins Auto gezerrt. Wir sind gefahren und gefahren.
28:27Sie haben mich an andere übergeben und von da an sind wir gelaufen.
28:33Wie viele Tage wir gelaufen sind, weiß ich nicht.
28:39Fast 200 Menschen auf dieser Insel haben das erlebt, was sie mir gerade erzählen.
28:45Ich fahre dorthin, wo sie vermutlich alle gefangen gehalten wurden, in die Berge der Barbaja.
28:52Hier kommen keine Touristen hin.
29:00Sie haben uns marschieren lassen.
29:01Ich denke, wir sind auch an Höfen vorbeigekommen, denn wir haben Stimmen gehört.
29:06Wie kann es sein, dass keiner uns sah?
29:11Selbstverständlich haben die uns gesehen.
29:17Dort, wo wir am längsten geblieben sind, sind Polizeihubschrauber über uns geflogen.
29:25Und zweimal kamen Schäfer mit ihren Herden sehr nah an uns vorbei.
29:35Haben Sie die Entführer gesehen?
29:37Nein.
29:40Nie.
29:40Aber dieser Stuhl war direkt neben dem Versteck der Entführten.
29:45Wir machen nur unsere Arbeit.
29:50Wir haben nichts gemerkt.
29:52Das nennt man Omerta.
29:55Was heißt denn hier Omerta?
29:57Darum geht es nicht.
30:03Es ist nur besser, einen anderen Weg zu nehmen, wenn man sie sieht.
30:08Aber wenn Sie einen Entführer mit Geisel sehen würden, was würden Sie tun?
30:12Ich würde so tun, als ob ich nichts gesehen hätte.
30:16Omerta.
30:18Schweigegebot.
30:19Das Wegschauen ist einer der Gründe, warum das Geschäft mit den Entführungen so lange existieren konnte.
30:26Ich erinnere mich, was Graziano Messina gesagt hat.
30:31Und wenn Sie kollaborieren, wer schützt Sie dann?
30:35Sagen Sie es mir.
30:37Würden Sie Ihr Leben aufs Spiel setzen, wenn Sie jemanden gesehen haben?
30:41Wer das tut, ist voll blöd.
30:45Die Polizei sagt, dass sie dich schützen, aber sie sind schnell weg.
30:49Und wenn du wieder alleine bist, zahlst du für das, was du getan hast.
30:57In der Landschaft erkenne ich immer wieder Orte, die mich an die Erzählungen der Entführten erinnern.
31:07Ich habe einen Wandpfeiler gesehen und dann einen Rohbau aus grauen Stein.
31:12Ich war in eine Holzkiste eingesperrt.
31:19Es war 2,20 Meter lang und 2 Meter hoch.
31:23Die Kiste war aus Sperrholz.
31:28Ich hörte Motorsägen, Trecker, Geschrei, sogar Polizeihubschrauber.
31:33Alles hörte ich.
31:36Also was machten die Entführer?
31:37Sie haben mir die Kopfhörer eines Walkmans in die Ohren gesteckt.
31:40Über die Kopfhörer, Pflasterband, darüber Water und mit Lappen haben sie mir dann den Kopf zugebunden.
31:46So blieb ich 10 Monate lang.
31:48Die Musik lief Tag und Nacht.
31:53An einem Ort wie diesem war Luca Loci drei Monate und drei Tage gefangen.
32:06Ich war immer draußen, fast immer unter einem Baum.
32:12Insgesamt waren es zwölf in der Entführerbande.
32:16Die Wächter waren fünf oder sechs.
32:25Ich habe gehört, dass die meisten Entführten in der Barbagia an Orten versteckt wurden,
32:30die man nur mit Hilfe von Fachleuten finden kann.
32:33Ich bin nun mit einem von ihnen unterwegs.
32:39Die Verlobten Annalisa Pitao und Francesco Pisano hatten mir davon berichtet.
32:51Wir sind in eine Höhle verschleppt worden.
32:55Wir wurden nach unten abgeseilt.
33:01Mit einem Seil, ja.
33:04In der Höhle stand ein kleines Zelt.
33:11Dadrin haben sie uns nicht mehr gefesselt.
33:12Die Wächter waren zu dritt.
33:19Ich kann sagen, wir sind nicht gequält worden.
33:22Hattest du als Frau Angst vor Vergewaltigung?
33:24Ja, ich hatte große Angst davor und war sehr besorgt.
33:30Sie blieb davon verschont.
33:32Ihre Entführung dauerte insgesamt 93 Tage.
33:37Ob in einer Karsthöhle, unter einem Baum oder in einer Kiste aus Sperrholz,
33:42niemand fand sie.
33:46Nach vier Monaten wurde die Situation immer schlimmer.
33:49Und da habe ich angefangen, wütend zu werden.
33:54Wütend auf die Polizei, auf die Carabinieri, auf meine Familie, auf sie alle.
33:59Weil niemand in der Lage war, mich da rauszuholen.
34:02Und ich musste es bei diesen Idioten aushalten.
34:05Der Staat hingegen setzte seinen Kampf gegen die Anonima Sarda schon in den 1960ern in Szene.
34:13Und die Bilder wiederholten sich in den 70ern.
34:17Und in den 80ern.
34:22Nur die Erfolge blieben aus.
34:30In dieser Landschaft spüre ich, was Abgeschiedenheit heisst.
34:35Trotzdem frage ich mich, waren die Entführten wirklich unauffindbar?
34:40Sie kamen erst frei, nachdem ihre Familien Lösegelder zahlten.
34:44Für Luca Loci im Wert von heute ca. 1 Mio. Euro.
34:491,1 Mio. für die zwei Verlobten.
34:53Fast 4 Mio. Euro für Giuseppe Vinci.
34:58Und die Täter?
35:01Wir wissen nicht, wer sie sind, weil sie nie gefunden wurden.
35:10Nach meiner Freilassung hat einer der Täter gestanden.
35:15Und so wurde die ganze Bande verhaftet.
35:24Ich frage mich manchmal, treffe ich die Täter auf der Straße?
35:28Ich denke, wir werden nie erfahren, wer sie sind.
35:36Fast alle haben ihre Gefängnisstrafe nicht zu Ende abgesessen
35:40und laufen auf der Straße frei rum, so wie ich auch.
35:47Als Giuseppe Vinci noch in den Händen der Entführer war,
35:50fingen viele Saarden an,
35:52gegen die Tradition des Menschenraubs aufzustehen.
35:56Trotzdem dauerte es 10 Monate, bis er im Oktober 1995 frei kam.
36:03Was danach passiert ist?
36:05Es ist alles auseinandergefallen.
36:10Das Unternehmen ist weg.
36:13Wir hofften, es noch zu retten.
36:14Aber die Banken haben uns die Kredite gekündigt.
36:17Unsere Familie ist seitdem zerstritten.
36:20Die Auswirkungen zogen sich über eine lange Zeit, bis heute.
36:25Es wurde immer schwerer, immer schlimmer.
36:33Ich wollte all das wissen.
36:35Deshalb bin ich hierher gekommen.
36:37Nur es jetzt auszuhalten, fällt mir schwer.
36:41Aber hinter dem System von Italiens Entführungsindustrie
36:44muss mehr stecken als arme Schafhirten,
36:47die in ihrer Not Menschen raubten
36:49und die mit der Zeit von kriminellen Anzugträgern ersetzt wurden.
36:53Denn die grösste Zahl der Entführungen fand nicht auf Sardinien statt.
36:57Ein anderer Ort kam in den Nachrichten immer häufiger vor,
37:01wenn es um Menschenraub ging.
37:02Es sind fünf Personen sequestrate in Aspromonte.
37:06Der Masizio dell'Aspromonte,
37:08ein Refugio da sempre di latitanti e di banditi.
37:10Prigioniere sull'Aspromonte,
37:12la fortezza ancora inespugnata dell'Andrangheta.
37:15Der Aspromonte.
37:17Um wirklich zu begreifen,
37:19welches Ausmaß Italiens Entführungsindustrie annahm,
37:22muss ich hierher,
37:23an die Spitze des Stiefels,
37:24in die Berge Kalabriens,
37:26in die Heimat der Andrangheta,
37:28der kalabrischen Mafia.
37:30Mir ist nicht wohl dabei.
37:32Denn Andrangheta bedeutet für mich das.
37:49Zwischen Anfang der 70er und Ende der 90er Jahre
37:52führten die Fäden zwischen den Mafia-Familien
37:55zu mehr als tausend Morden.
38:01400 Entführungen
38:02Solldin Drangheta zu verantworten haben.
38:05Sie wurden brutaler
38:06und dauerten immer länger.
38:08Über zwei Jahre blieben manche Geiseln gefangen.
38:10Die Lösegeldforderungen
38:12stiegen in die Höhe.
38:13Die Geiseln wurden von Bande zu Bande weiterverkauft,
38:16um noch mehr Geld zu erpressen.
38:20Frauen, Männer, Kinder
38:21wurden aus ganz Italien entführt
38:23und im Aspromonte
38:24in Erdlöchern versteckt.
38:29Während ich durch die Kleinstadt Bovalino fahre,
38:32muss ich aber auch daran denken,
38:33dass hier nicht nur das Land der Entführer ist,
38:36sondern auch das der Opfer.
38:38Allein aus Bovalino
38:39wurden 18 Menschen entführt,
38:41der letzte 1993.
38:48Seine Frau und seine Tochter
38:50sind auf dem Weg zu ihm.
38:55Er war ein einfacher Fotograf,
38:57der sich geweigert hatte,
38:58Schutzgelder an die Mafia zu zahlen.
39:00Sein Name war Adolfo Cartisano,
39:03genannt Lolo.
39:08Es gibt kein Todesdatum,
39:10denn wir wissen nicht, wann er starb.
39:17Für uns ist er am Tag seiner Entführung gestorben.
39:20Denn das ist der Tag,
39:22an dem wir ihn zum letzten Mal sahen.
39:27Wie Lolo Cartisano
39:29haben 100 Menschen
39:30ihre Entführung nicht überlebt.
39:32Dass er beerdigt werden konnte,
39:35grenzt an einem Wunder.
39:36Seine Familie wartete 10 Jahre auf ihn
39:39nach der Lösegeldzahlung.
39:41Dann kam ein anonymer Brief
39:43mit dem Hinweis,
39:44wo seine Überreste versteckt waren,
39:46unter der Pietra Capa.
39:49Ich fahre da vorbei
39:51auf dem Weg nach Sanluka.
39:53Dieser Fels ragt über die Dörfer,
39:55von denen aus,
39:56die Ndrangheta
39:57ihre internationalen Geschäfte steuert.
40:07Über Entführungen reden
40:08möchte in Sanluka keiner.
40:17Das sind alte Geschichten,
40:18vorbei und vergessen.
40:19Schaut eher auf die Probleme von heute.
40:22Wir sind völlig verlassen hier.
40:23Es gibt keine Arbeit,
40:24es gibt gar nichts.
40:25Die Jugend ist arbeitslos.
40:37Die Armut ist in Sanluka
40:39überall präsent.
40:41Kalabrien gehört
40:42zu Europas ärmsten Regionen.
40:44Ich frage mich,
40:46ob der Zustand der Gegenwart
40:47etwas mit der Ndrangheta zu tun hat
40:49und mit der Entführungsindustrie
40:51von damals.
40:57Meine Fragen sind
40:58bei Carlo Macri willkommen.
41:03Oberstaatsanwalt in Pension.
41:06Als Jurist hat er sich
41:08gegen den Ndrangheta engagiert.
41:10In der heißen Phase
41:11der Entführungen
41:12war er im Aspromonte tätig.
41:20Sie müssen wissen,
41:21die Entführungen
41:22hatten auch eine terroristische Wirkung.
41:27Bedenken Sie,
41:28dass in den 70er und 80er Jahren
41:30eine große Zahl
41:31gut ausgebildeter Akademiker
41:32diese Region verlassen hat.
41:34Aus Angst,
41:35selber Opfer
41:36einer Entführung zu werden.
41:39Das bedeutete
41:40einen großen Verlust
41:41für die Region.
41:42Und die Bevölkerung,
41:43die hier geblieben ist,
41:44wurde zusätzlich benachteiligt,
41:46da die Investoren
41:47aus Norditalien
41:47diese Region mieden.
41:49Aus derselben Angst,
41:50Opfer von Entführungen
41:51zu werden
41:52oder von Erpressungen.
42:01Also hat unsere heutige Armut
42:04ihren Ursprung
42:04unter anderem
42:05in dem Terror,
42:06den die Entführungen
42:07der Ndrangheta verbreiteten.
42:16Also sind die Wurzeln
42:17der Armut
42:18in dieser Region
42:19so alt wie die Ndrangheta,
42:20deren Hauptgeschäft
42:22ab den 70ern
42:22der Menschenraub war.
42:28Wie eine Firma
42:29ein Bergwerk
42:30maximal ausbeuten würde,
42:32so beutete die Ndrangheta
42:34den Aspromonte aus.
42:35Sie hatte die Macht,
42:37die ungeteilte Herrschaft
42:39über den Aspromonte
42:40und das brachte ihr
42:41höchste Rendite
42:42bei geringsten Kosten.
42:48Man spricht von
42:51Entführungsindustrie,
42:52weil sehr,
42:53sehr viele Menschen
42:54involviert waren.
42:57Anhand von Prozessakten
42:58wissen wir,
42:59dass die Leute
42:59sich bewerben mussten,
43:01um eine Rolle
43:01in der Entführungsindustrie
43:02zu bekommen.
43:05So wie in der
43:06industriellen Wirtschaft
43:07gab es auch hier
43:08eine fortgeschrittene
43:09Arbeitsteilung.
43:10Es gab diejenigen,
43:11die für die Vorbereitung
43:12einer Entführung
43:13zuständig waren,
43:14andere für den Transport,
43:16noch andere für das
43:17Bewachen der Geiseln,
43:19andere für den Kontakt
43:19mit der Familie,
43:20andere für die Geldwäsche.
43:22Also es war eine Anzahl
43:24an Leuten
43:24von großem Ausmaß.
43:29Das hat dazu geführt,
43:30dass es ein Schutznetz
43:31um die Täter gab
43:32und ein Einverständnis
43:34mit den Entführungen.
43:42Aber es gab auch tausende
43:45Menschen,
43:45die die Entführungsindustrie
43:46bekämpften.
43:48Carminez Frameli
43:49ist einer von ihnen.
43:52Er ist seit 1982
43:54als Carabiniere
43:55hier im Einsatz.
44:00Der Aspromonte
44:01war sein Arbeitsplatz
44:02auf der Suche
44:03nach Entführten.
44:07In diesen Wäldern
44:09haben wir unsere
44:10Jugend verbracht.
44:12Es war wie im Krieg,
44:14Schießereien waren
44:14an der Tagesordnung.
44:16Wir hatten Angst.
44:17Viele Polizisten
44:18und Carabinieri
44:19sind von hier geflüchtet.
44:21Das war normal.
44:32Gab es Erfolge?
44:35Nein, keine Erfolge.
44:46Wir waren voller Wut
44:49und Machtlosigkeit,
44:50denn das war für uns
44:52auch ein persönlicher Kampf,
44:53den wir unbedingt
44:54gewinnen wollten.
44:56Wir haben alles versucht.
44:58Tag und Nacht
44:59arbeitete es
45:00in unseren Köpfen.
45:01Kinder, Mädchen, Frauen
45:03angekettet in Löchern
45:04unter der Erde gefangen.
45:05Das hat uns
45:06den Schlaf geraubt.
45:12Wir waren ständig unterwegs.
45:14Wir haben auf unseren
45:15Urlaub verzichtet,
45:16um hier weiter zu suchen.
45:17Ich habe vier Jahre lang
45:18keinen Urlaub gemacht.
45:20Wir mussten selbst
45:21zusehen, wo wir schlafen.
45:22Wir hatten keine Zelte,
45:23keine Schlafsäcke, nichts.
45:25Nicht mal die Überstunden
45:26wurden uns damals bezahlt.
45:30Um endlich Erfolge
45:31gegen die Entführer zu erzielen,
45:33schickte der Staat
45:34die Armee in den Aspromonte.
45:36Eine ganze Einheit
45:38blieb monatelang hier im Wald.
45:41Im Zelt?
45:42Im Zelt.
45:43Hier im Wald?
45:44Hier im Wald.
45:45Erfolge hatte auch die Armee
45:47nicht.
45:48Anfang der 90er
45:49schickte der Staat
45:50speziell ausgebildete
45:51Antiterroreinheiten hierher.
45:54Für sie wurden
45:55Containerdörfer
45:56mitten im Wald gebaut,
45:57hinter hohen Mauern.
45:59Die Gesetzeshüter drinnen
46:01dienen Drangetta
46:02überall da draußen.
46:05Das war die Verstärkung,
46:07die endlich die Wende
46:08hätte bringen sollen.
46:09Doch diese Wende
46:10kam nie.
46:14Die gleichen Bilder
46:15wie auf Sardinen,
46:16wie in der Toskana.
46:30Viele von ihnen
46:31kannten sich hier nicht aus,
46:32sie kannten die Mentalität
46:33der Leute hier nicht.
46:35Es kam zu Konflikten.
46:47Wir haben nichts verbrochen,
46:48wir rauben nicht,
46:49wir entführen nichts.
46:50Sucht auf wen ihr wollt,
46:51aber lasst uns in Ruhe.
46:56Es gab ganze Mannschaften,
46:58die sich hier im Aspromonte
46:59verliefen.
47:00Sehr kompetente Leute,
47:02aber hier waren sie verloren.
47:13Also versuchte der Staat
47:14mit einem Gesetz
47:15die Entführungsindustrie
47:17auszutrocknen.
47:20Mit dem
47:21Blocko dei Beni
47:22war es ab 1991
47:23verboten,
47:25Lösegelder zu zahlen.
47:26Das heißt,
47:27die Vermögenswerte
47:28der Familien
47:29von Entführten
47:29wurden eingefroren.
47:31Sie durften
47:32nichts mehr verkaufen,
47:33um an Geld zu kommen.
47:36Eine Maßnahme,
47:38die bisher von Richtern
47:39in einzelnen Fällen
47:40eingesetzt wurde,
47:41galt nun für alle.
47:43Ab jetzt konnten sie
47:44nur noch heimlich
47:45und mit Hilfe von Freunden
47:47ihre Verwandten
47:48freikaufen.
47:49Nach der Verabschiedung
47:52des Gesetzes,
47:52das die Zahlung
47:53von Lösegeldern verbot,
47:55nahmen die Entführungen
47:56erstmal deutlich zu,
47:57anstatt ab.
48:12Es besteht die begründete
48:15Überzeugung,
48:16dass der Staat
48:17selbst dann anfing,
48:18für die Freileisung
48:19von Entführten zu zahlen,
48:21indem er V-Leute
48:22und Informanten
48:22einsetzte.
48:24Aber auch dieses System
48:26wurde irgendwann entdeckt.
48:31Ich bin überzeugt,
48:32dass die Ndrangheta
48:33schon zu dem Zeitpunkt
48:34entschieden hatte,
48:35die Entführungsindustrie
48:36aufzugeben.
48:45Es ging ihr jetzt noch darum,
48:47die letzten hohen
48:48Lösegeldsummen einzuziehen,
48:49um sich dann dem Geschäft
48:51mit dem Drogenhandel
48:52zu widmen.
48:59Aber sicher hat das Gesetz,
49:01das die Lösegeldzahlungen
49:02verboten hat,
49:03den Ausstieg der Ndrangheta
49:05aus der Entführungsindustrie
49:06beschleunigt.
49:10Die Ndrangheta wurde also
49:12durch die Gewinne
49:12aus der Entführungsindustrie
49:14zu einer der wichtigsten
49:15Organisationen
49:16im internationalen Drogenhandel.
49:18Und das Zeitalter
49:19des Menschenraubs
49:20war zu Ende.
49:21In Kalabrien,
49:23wie auf Sardinien,
49:26wie in der Toskana.
49:28Meine Reise
49:28durch mein Geburtsland
49:29ist gleich vorbei.
49:31Die Opfer
49:32haben mich berührt,
49:34Giuseppe Sufiantini
49:35als Erster.
49:37Er kam nach
49:38acht Monaten
49:38Gefangenschaft frei.
49:40Seine Familie
49:41zahlte insgesamt
49:42das Äquivalent
49:43von fünf Millionen Euro.
49:51Vor dem Zaun
49:53meines Hauses
49:53hing ein Transparent
49:54mit der Schrift
49:55»Sofiantini,
49:57die Sargen
49:58bitten dich
49:58um Verzeihung.«
50:07Der Hass
50:08schädigt
50:09nur denjenigen,
50:10der den Hass
50:11lebt.
50:14Giuseppe
50:15Sufiantini
50:16verstarb
50:172018.
50:18Er hielt
50:19mit dem Haupttäter
50:20seiner Entführung,
50:21der im Gefängnis sitzt,
50:22bis zuletzt
50:23Briefkontakt.
50:25Luca Lodci
50:26lebt noch
50:27auf Sardinien.
50:28Seine Entführungsgeschichte
50:29wird verfilmt.
50:32Annalisa Pitao
50:33und Francesco Pisano
50:34wissen immer noch nicht,
50:35wer sie entführt hat.
50:37Die Täter
50:38werden es bereuen.
50:39Irgendwie.
50:40Ihnen wird etwas passieren.
50:42Ihr denkt,
50:43dass es Gerechtigkeit gibt,
50:44auch ohne Gerichte?
50:47Ich denke,
50:48das oft.
50:49Ja.
50:53Ja, ich bin sicher.
50:55Auf die eine
50:56oder andere Weise
50:57es gibt Gerechtigkeit.
51:02Giuseppe Vinci
51:04zahlt noch immer
51:04die Kredite ab,
51:06mit denen
51:06sein Lösegeld
51:07bezahlt wurde.
51:09Was ist geblieben?
51:25Wie viele Entführungstäter
51:27wirklich bestraft wurden,
51:29ist nicht bekannt.
51:30Sie sind heute zum größten Teil
51:32wieder frei.
51:33Oder sie sind schon tot.
51:35Viele nie entdeckt.
51:38Aus den Wäldern Kalabriens
51:40und Sardiniens
51:41kamen circa
51:42100 Entführte
51:43nie zurück.
51:44Ihre Überreste
51:45wurden bis heute
51:46nicht gefunden.
51:48Dieser Film
51:48ist ihnen gewidmet.
51:53700.
51:54Die Zahl,
51:55die mir nach wie vor
51:56keine Ruhe lässt,
51:57hat mich ein Stück
51:58meiner Kindheit
51:59umschreiben lassen.
52:02Denn das Land
52:03meiner Kindheit
52:04ist auch das Land
52:05der geraubten Menschen.
52:06ist auch das Land
52:28Die
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