- 18 hours ago
Category
📺
TVTranscript
00:00Alkohol is the only drug, where you must be able to do it,
00:03if you don't consume it.
00:07Let me know where I am.
00:10Backstage, at the Oktoberfest.
00:13Can anything to do with a real dog?
00:16No.
00:19It's everywhere and everywhere, not only in Bayern, not only in Oktober.
00:25The people of the drug is alcohol.
00:31We can't remember.
00:31Alkohol prägt uns von Kindheit an.
00:34Ich kann mich erinnern, als Kind,
00:36als haben wir das Schnuller im Bierschaum getaucht worden.
00:39Das war normal.
00:42Wir reden von Genuss, Kultur, gut, freie Entscheidung.
00:45Ist jemand abhängig?
00:47Selbst schuld.
00:48Dieses Abstinenzkonzept ist eigentlich Mission Impossible.
00:54Ich will wissen, was macht Alkohol auch mit mir?
00:57Und wie schädigt Alkohol nicht nur einen selbst,
01:00sondern völlig Unbeteiligte?
01:02Das ist mehr oder weniger ungebremst auf unser Auto draufgefahren
01:05und mein Bein war zwischen den Stoßstangen eingeklemmt.
01:10Welche Macht hat der Alkohol über unser Leben?
01:201, 2, 3, super!
01:27Beim Trinken macht uns so schnell niemand etwas vor.
01:31Deutschland ist weltweit unter den Top Ten
01:33und auch in Europa in der Spitzengruppe.
01:49Ab und an ein paar Bier, das ist doch kein Problem, oder?
01:54Ich hab das auch geglaubt.
01:56Ich hab das auch gerne geglaubt.
01:57Rotwein schützt vor Herzinfarkt.
01:59War lange auch Lehrmeinung,
02:01dass so ein moderater Alkoholgenuss irgendwie förderlich sei.
02:05Ist aber Quatsch.
02:07Die aktuellen Studien sagen genau das Gegenteil.
02:10Die Wahrheit ist, nichts zu trinken ist das Allergesündeste.
02:14Punkt.
02:15Vor wenigen Monaten erschienen die neuen Empfehlungen
02:17der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.
02:19Im Kern sagen sie, jeder Schluck Alkohol schadet.
02:23Ich mach mich auf den Weg durch ganz Deutschland,
02:26weil ich noch nicht den Eindruck hab,
02:27dass sich das schon rumgesprochen hat.
02:30Am Ende trifft sich alles hier.
02:31Und wir haben hier ein Team aus Notfallsanitätern
02:33und Notärzten, die den Patienten erst einschätzen
02:35und dann beurteilen, was hat er für ein Problem,
02:38was braucht er für eine Behandlung.
02:39Und wir helfen allen.
02:41Aber man muss manchmal ordentlich zwicken.
02:43Man muss eben gucken, krieg ich den noch aufgeweckt
02:44oder krieg ich ihn nicht mehr aufgeweckt.
02:45Wenn ich ihn nicht mehr aufgeweckt kriege,
02:47dann geht es in unseren Akutraum.
02:48Das ist da drüben so eine Art Akut-Intensiv-Behandlungsraum.
02:52Wenn ich ihn aufgeweckt kriege
02:53und er hat sonst keine Blessur
02:54und braucht einfach ein bisschen Liebe, Flüssigkeit und Wärme,
02:56dann geht es in unseren Überwachungsbereich.
03:04Und wenn er doch eine Blessur hat,
03:06also Schnittwunden,
03:07dann geht es bei uns in den Behandlungsbereich.
03:10Und da ist wirklich wie in der Notaufnahme,
03:11da können wir nähen, kleben, tackern,
03:13Gelenke wieder reinmachen,
03:15bis hin zum CT, was wir machen können.
03:17Echt hier?
03:17Um Blutungen auszuschließen.
03:21Trinken, bis der Arzt kommt.
03:23Keine Angst, diese Bierleiche atmet.
03:26Sie sind Allgemeinmediziner.
03:28Man denkt bei Alkohol immer nur an die Leber.
03:30Es gibt unfassbar viele Krankheiten,
03:32die immer zusammenhängen.
03:34Sind wir da blind als Kultur für die Gefahren?
03:37Also es gibt ja so ein paar Gifte,
03:39ob das jetzt Rauchen oder Alkohol ist.
03:41Da denkt man immer selber,
03:42es trifft einen nicht.
03:44Und das Problem ist,
03:44dass man nach aktuellem Wissenstand sagen muss,
03:46gar nichts mehr.
03:47Das Leben ist immer irgendwie ein Kompromiss.
03:49Es gibt immer Dinge,
03:50die sind gefährlich.
03:51Und man muss sich dann halt für sich selber vielleicht überlegen,
03:54welche Gefahr gehe ich ein?
03:57Alkohol macht die alkoholische Fettleber
03:59und später die Zirrhose.
04:01Viel weniger bekannt,
04:03Alkohol schlägt auch auf das Herz.
04:05Alkohol macht dement
04:07und verursacht sieben verschiedene Arten von Krebs,
04:10beispielsweise Brust- oder Darmkrebs.
04:12Jeder Schluck ist potenziell krebserregend.
04:15Aber wie gefährlich ist das Trinken in Maßen?
04:19Bei bis zu zwei Standardgetränken pro Woche,
04:21also zwei Gläsern Wein
04:22oder zwei kleinen Flaschen Bier,
04:24ist das Risiko für die Gesundheit noch gering.
04:27Bei drei bis sechs Getränken pro Woche
04:29steigt das Risiko,
04:31an verschiedenen Krebsarten zu erkranken.
04:34Ab sieben Getränken pro Woche
04:36riskiert man zusätzlich eine Herzerkrankung
04:39oder einen Schlaganfall.
04:40Und jedes weitere Getränk erhöht drastisch
04:43das Risiko für weitere schwere Erkrankungen.
04:46Bier müsste eigentlich so aussehen.
04:51Alkohol ist, was das Krebsrisiko angeht,
04:55in einer Kategorie mit Asbest und Rauchen.
04:58Konkret, eine Flasche Wein
05:00hat für eine Frau
05:01im Hinblick auf ihr Brustkrebsrisiko
05:04die Wirkung von zehn Zigaretten.
05:06Warum steht das nirgends?
05:09Da saß ich mit dem Boot,
05:10wenn er wieder gesagt hat,
05:11hol mal fünf Flaschen Bier.
05:12Ja, ja, das ist auch das,
05:15was viele Kinder haben aus diesen Familien.
05:18Inwieweit bin ich schuld an dieser Krankheit?
05:20Weil ich ja Bier und Bommelunder gekauft habe.
05:25Alkoholkonsum war cool.
05:26Es war so gewollt.
05:28Es wurde auch dann so,
05:29wurde gelacht,
05:30ja, jetzt kann der Junge richtig trinken
05:32und so und das ist toll.
05:34Jetzt wird es ein richtiger Mensch und so.
05:37Wie ist das bei Ihnen?
05:39Wie viele Menschen kennen Sie,
05:40die mehr trinken, als ihnen gut tut?
05:45Nirgendwo in Europa ist es so einfach und billig,
05:48an Alkohol zu kommen und sich zu betrinken.
05:50An jeder Tankstelle und an jeder Straßenecke
05:53bekommt man Bier, Wein und Hochprozentiges.
05:57Andere Länder regeln den Zugang,
05:59das Alter, die Preise
06:00und zwar deutlich besser als wir in Deutschland.
06:02Dafür zahlen viele Menschen
06:03aber einen sehr hohen persönlichen Preis.
06:06Ich bin mit Chris verabredet.
06:08Hier geht es um Stress.
06:09Jawohl.
06:10Kann ich brauchen.
06:11Ja.
06:12Die meisten trinken ja auch Alkohol,
06:14um Stress abzubauen.
06:17Ja, also um sich das Leben schön zu betäuben.
06:23Das Leben auf der Straße.
06:24Ja.
06:26Scheint da was so von zu verstehen.
06:30Ja, ich bin auch Alkoholiker.
06:32Ich war auf drei Flaschen vodka am Tag unterwegs.
06:35Drei Flaschen?
06:36Ja.
06:37Und wie fühlt sich das an?
06:39Scheiße.
06:40Also wenn du drei Flaschen getrunken hast,
06:42dann findest du gar nichts mehr.
06:43Da ist das Gehirn weg, ne?
06:51Haben Sie heute schon was getrunken?
06:53Nee.
06:54Ich bin Quartals-Trinker geworden.
06:56Also ich trinke nicht jeden Tag.
06:58In der Regel so zweimal die Woche.
07:00Aber dann trinke ich auch noch meine drei, vier, fünf mehr
07:02und dann höre ich auf.
07:04Das war nicht immer so.
07:06Sieben Jahre lang lebte Chris auf der Straße.
07:08Heute arbeitet er für das Straßenmagazin
07:11Hinz und Kunst
07:12und führt Leute durch den Kiez.
07:14Ich wollte ihn auf einen Kaffee treffen,
07:15aber in dieser Kneipe gab es nur Bier
07:17und auch kein Alkoholfreis.
07:21Alkohol gehört bei uns ja zum Alltag dazu.
07:24Wann hast du gemerkt,
07:25dass du mehr trinkst, als dir guttut?
07:30Relativ früh.
07:31Ja?
07:31Ja, also ich habe eine Heimkarriere hinter mir.
07:35Ich gehöre zu dem Missbrauch von der katholischen Kirche.
07:38Haben wir dann das Leben in der Jugend schön getrunken,
07:40mit 18 auf die Straße.
07:42Und du hältst dich dann mehr oder weniger in Kneipen auf
07:45und dann wird getrunken.
07:47So, heute weiß ich,
07:49dass ich mir das einfach nur schön gesoffen habe.
07:51Weil ich konnte gar nicht aufhören.
07:53Hätte ich mal hin zum Kunst nicht gehabt
07:54und war über zehn Jahre mit einer Lebensgefährtin zusammen,
07:58meine Rute.
07:58Durch der habe ich einiges gelernt.
08:01Und dadurch habe ich auch den Wille gehabt, wieder zu leben.
08:05Hast du noch Kontakte mit den Menschen,
08:07mit denen du damals auf der Straße warst?
08:09Nein, die sind alle so weit tot.
08:10Echt?
08:11Ja.
08:13Negative Erfahrungen in der Kindheit wie Mobbing
08:15oder der Verlust eines Elternteils
08:17erhöhen das Risiko für eine Alkoholabhängigkeit.
08:20Auch genetische Veranlagung spielt eine Rolle.
08:22Und natürlich der Umgang mit Alkohol in der Familie,
08:25im Freundeskreis, in der Gesellschaft.
08:28Wer hat dir geholfen, dein Leben so radikal zu verändern?
08:33Ich selber erst mal.
08:34Das ist die Voraussetzung zum Ganzen.
08:36Weil es kann dir keiner helfen,
08:38wenn du bei dir selber nicht Klick machst im Kopf.
08:41Worauf bist du stolz?
08:42Für, dass ich für mich selber ein Vorbild bin.
08:48Das ist geil.
08:52Für sich selbst ein Vorbild sein.
08:54Das ist ein schwerer Satz.
08:56Ja.
08:57Ja, krieg ich das erst mal hin.
08:59Und meine ganze Arbeit ist auch für mich Medikamente.
09:03Andere müssen Pillen nehmen.
09:05Ich habe meinen Job.
09:07Ja.
09:16Unser Bild vom alkoholabhängigen Obdachlosen ist ein Klischee.
09:20Gesoffen wird in jeder Gesellschaftsschicht.
09:23Studien zeigen sogar, je höher der Status,
09:25desto höher der Konsum.
09:27Man sieht es halt nur weniger.
09:28Nathalie hat das ebenfalls erlebt.
09:30Sie hat acht Jahre schwer getrunken
09:32und gleichzeitig erfolgreich als Journalistin weitergearbeitet.
09:36Gemerkt, dass ich wirklich ein Problem mit Alkohol habe,
09:40obwohl ich das damals noch nicht Sucht genannt hätte,
09:43habe ich, als ich mir immer wieder Trinkregeln aufgestellt habe
09:46und die auf Dauer nicht einhalten konnte.
09:48Also sowas wie, ich trinke nicht vor 18 Uhr,
09:51ich trinke nur noch an den Wochenenden.
09:53Aber es hat halt nie auf Dauer geklappt.
09:55Und als ich das immer wieder wiederholte,
09:57habe ich gemerkt, okay, ich muss ganz aufhören,
10:00sonst komme ich da nicht raus.
10:02Heute motiviert Nathalie auf Social Media und mit Büchern
10:05andere zu einem Leben ohne Alkohol
10:07und erreicht viele, die sich sonst nicht angesprochen fühlen.
10:11Hallo Nathalie.
10:12Hallo Eckart.
10:13Es gibt ja immer jemand, der trinkt noch mehr als man selbst.
10:16Hat sich dieses Stigma von Alkoholabhängigkeit verändert?
10:20Das Interessante ist ja, wenn es um Alkohol geht,
10:23haben wir zwei Gruppen im Kopf.
10:25Da sind zum einen die Genusstrinker
10:26und dann sind da zum anderen diese charakterschwachen Versager,
10:30die das nicht hinkriegen mit dem Genusstrinken.
10:33Und diese Unterscheidung ist einfach Quatsch,
10:36weil Alkohol eine Droge ist, die auf jedes Hirn wirkt,
10:41die nicht nur jede Zelle unseres Körpers angreift,
10:44sondern die auch in ziemlich jedes Neurotransmittersystem
10:47in unserem Hirn eingreift.
10:49Und da ist es völlig egal, was für einen Charakter du hast,
10:52ob du diszipliniert bist oder nicht.
10:54Da ist es auch völlig egal, ob deine Weinflasche 2 oder 200 Euro kostet.
10:59Mein Opa hat richtig gesoffen,
11:01mein Vater, meine Mutter haben getrunken,
11:03das gehörte irgendwie dazu.
11:06Und gefährlich wurden die Situationen dann am Tag danach,
11:09wenn die beide irgendwie dann halt klar ein Hangover hatten.
11:13Also es gab mehrere Eskalationsstufen auch dabei.
11:16Es war, du konntest mit der Hand geschlagen werden
11:18und es gab ein rotes Stöckchen, das war aus so einem Kinderbett,
11:23das war die nächste Eskalationsstufe.
11:25Und es gab von der Waschmaschine einen Schlauch.
11:28Und der Schlauch war das Schlimmste von allem.
11:33Und ich lache heute darüber.
11:34Ich sitze jetzt hier und lache darüber.
11:36Das ist eigentlich absurd.
11:37Aber ich kann mich erinnern an eine Situation über der Badewanne.
11:42Und er hat gesagt, ich schlage so lang, bis du aufhörst zu weinen.
11:45Und ich habe das getan.
11:47Das letzte Jahr, das war besonders schlimm.
11:50Ich habe dann schon mal geschaut,
11:51dass ich ihm gänzlich aus dem Weg gehe.
11:53Dann ist er nach unten gegangen.
11:56So, und das Erste an den Zapfhahn.
11:59Weil wenn der Bierbrunnen da immer sprudelt,
12:02hat so jemand keine Chance.
12:06Er ist zum Choleriker mutiert.
12:10Wenn ich bloß anders geschaut habe,
12:13wie er es jetzt gewollt hätte,
12:15der hat auch schon volle Teller nach mir in der Küche geschmissen.
12:19Und ich habe immer wieder überlegt,
12:20in den Jahren danach, nach diesem Tod,
12:25warum kann ich nicht so frei aufspielen im Leben,
12:28fröhlich sein oder was genießen
12:31oder auch mal sorgenfrei sein am Tag.
12:34Wir müssen blaue Flecken gehabt haben.
12:36Und dass niemand uns angesprochen hat.
12:38Zumindest kann ich mich nicht erinnern,
12:39dass uns Leute angesprochen haben.
12:41Deswegen, und da frage ich mich heute,
12:43hey, wie konnte das sein?
12:44Wie konnte das so salonfähig sein in den 80er-Jahren,
12:49dass das einfach egal war,
12:51ob unsere Eltern voll wie ein Schwamm waren
12:53und uns geschlagen haben.
12:55Und das war so, oh ja, ist halt so.
12:59Mindestens 8 Mio. Erwachsene konsumieren gefährliche Mengen.
13:03Knapp 2 Mio. sind sogar alkoholabhängig.
13:07Geholfen wird z.B. hier.
13:10In der Klinik für abhängiges Verhalten in Mannheim
13:13treffe ich Prof. Falk Kiefer.
13:15Die Forschung versucht seit Jahrzehnten,
13:17Suchterkrankungen wirksamer zu behandeln.
13:19Doch die Rückfallquoten sind hoch.
13:21Wissen denn alle Betroffenen, dass sie betroffen sind?
13:24Ich würde sagen, 80, 90% der Alkoholabhängigen in Deutschland
13:28haben keine Entzugserscheinung.
13:29Die trinken nicht kontinuierlich,
13:31sondern die trinken am Wochenende oder die trinken abends.
13:34Der Körper ist aber gewöhnt,
13:35dass der Alkoholblutspiegel hoch und runter geht.
13:37Und dann hat man keine Entzugserscheinung.
13:39Das ist wichtig zu wissen,
13:40weil viele Menschen sich damit beruhigen.
13:42Ich kann ja kein Alkoholproblem haben.
13:44Ich kann ja Pause machen.
13:46Das ist gar nicht das Ding.
13:47Das betrifft wirklich nur die Schwerstabhängigen.
13:50Es entsteht ja so ganz graduell in ganz kleinen Schritten,
13:53dass man einfach Alkohol in den Alltag einbaut.
13:56Wie soll ich denn Party machen oder feiern, ohne was zu trinken?
13:59Aber wenn man das einmal im Gehirn implementiert hat,
14:02wird das ganz schwer, das wieder rauszukriegen.
14:04Ist Alkohol nicht auch einfach Teil unserer Kultur, des Lebens?
14:07Mal ganz ehrlich, es gibt grad so viele Dinge,
14:09die kann man auch nüchtern kaum mehr ertragen.
14:12Tatsächlich ist Alkohol ein Teil unserer Kultur,
14:15weil unsere Kultur sich mit Alkohol entwickelt hat.
14:18Das geht ja bis zu kirchlichen Riten hinein.
14:20Und ein Rausch, glaube ich, ist dann vielleicht was Nutzbares,
14:24wenn man das einbindet in einen kulturellen Kontext
14:27und nicht, wenn man das jeden Abend zu Hause erlebt.
14:31Wie stark Alkohol unser Unterbewusstes prägt,
14:34lässt sich sogar messen.
14:36Ohne Brille, oder?
14:38Ohne Brille, ja.
14:41Wo schaue ich als erstes hin?
14:44Was zieht mein Blick an, ohne dass ich das merke?
14:49Das hat sowas von Wimmelbild von früher.
14:53Was man sieht, die alkoholischen Getränke sind gut im Fokus bei Ihnen,
14:57aber natürlich auch die sozialen Interaktionen.
14:59Ein Kind würde wahrscheinlich die Blickrichtung unterschiedlicher verteilen.
15:05Also für ein Kind wäre ein Bierglas genauso interessant
15:08wie irgendwie ein Barhocker oder irgendwas anderes,
15:10weil das keine positiven Belohnungsvorhersagen hat.
15:13Ich fühle mich ein bisschen ertappt.
15:16Die grünen Flächen zeigen es, auch meine Blicke wandern zum Alkohol.
15:20Und dann das.
15:21Mitten in der Klinik eine Bar.
15:24Denn dem Alkohol zu widerstehen, muss trainiert werden,
15:27möglichst lebensnah.
15:28Ich möchte es aufmachen, umgedeckt.
15:30Okay.
15:32Ja, es ist immer so ein bisschen getrinken,
15:36damit im Kopf mal Ruhe ist.
15:41Was geht gerade in dir vor?
15:45Ich möchte jetzt einschenken und dran schnuppern.
15:48Okay.
15:50Im Moment würde ich eine 6 sagen.
15:52Eine 6 ist okay.
15:54Kerstins Verlangen wird hier maximal gereizt
15:57und dann von ihr eingestuft.
16:00Sie hat viele Jahre schwer getrunken.
16:02Dieses Expositionstraining hilft ihr, im Alltag standhaft zu bleiben.
16:06Ein Kilo, Jope.
16:09Jetzt sind wir schon bei 8.
16:10Was fehlt denn jetzt noch bis 10?
16:12Ich glaube, ich müsste schmecken.
16:13Also nicht viel trinken, sondern schmecken,
16:15aber das machen wir ja nicht.
16:16Nee.
16:16Das machen wir nicht.
16:17Was du aber machen kannst, ist, dass du das Glas mal nimmst
16:19und an die Lippen setzt, aber ohne zu trinken.
16:21Also auch gar nicht so, dass es deine Lippen berührt,
16:24sondern dass du so...
16:25Das stresst ja schon nicht.
16:29Okay.
16:30Ich stelle es mal wieder ab.
16:31Entschuldigung.
16:33Hier, schau mal, da war es auf deinen Lippen.
16:36Was würdest du machen, wenn wir beide nicht da wären?
16:41Also da ich ja im Augenblick auch auf einem guten Weg beruflich und privat bin,
16:46würde ich es nicht trinken.
16:48Ich hätte unheimlich Lust drauf, aber dann würde ich was anderes machen.
16:52Dann würde ich Situationen verlassen.
16:55Alkohol wirkt auf das Belohnungssystem und macht da so einen Daumen hoch.
16:59Das musst du wieder machen.
17:01Das ist klasse.
17:02I like it.
17:03Und bitte wieder machen.
17:04Deswegen machen wir auch Expositionstraining.
17:06Hier sieht man die alkoholnahe Situation, aber trinkt nicht.
17:09Das heißt, dieser Daumen geht immer weiter runter.
17:12Also die Vorhersage im Belohnungssystem ist falsch.
17:15Deswegen hilft das Expositionstraining, die Hinweisreize, das Glas Wein,
17:19immer unattraktiver zu finden mit der Zeit.
17:23Du sagst, Frauen trinken anders als Männer.
17:26Was meinst du damit?
17:27Also Männer trinken prozentual betrachtet am häufigsten, um gesellig zu sein.
17:32Also fürs Miteinander, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten.
17:36Das machen Frauen auch.
17:37Aber im Gegensatz zu Männern trinken sie eben auch viel häufiger,
17:41um Stress oder Ängste oder depressive Symptome zu betäuben.
17:46Frauen trinken anders als Männer und holen auch ein bisschen auf.
17:51In der jüngeren Generation trinken jetzt Frauen sozusagen selbstbewusster als Zeichen der Emanzipation.
17:58Das, was die Kerle können, das können wir auch.
18:00Es gibt aber auch einen anderen spannenden Trend.
18:02Bei der Generation der heute 20- bis 30-Jährigen trinkt ungefähr ein Drittel gar kein Alkohol mehr.
18:09Und viele reflektieren das auch ganz anders.
18:12Also, da hat sich was getan, obwohl die Politik nichts dafür getan hat.
18:18Warum werden wir so leicht alkoholabhängig?
18:21Welchen Schaden nimmt das Hirn auf Dauer?
18:23Und was tut sich therapeutisch?
18:25Das weiß er, Professor Rainer Spannagel.
18:28Als ich hier in Heidelberg-Mannheim ausgebildet wurde, galt noch, das Ziel muss sein, komplette Abstinenz.
18:34Und wer das nicht schafft, ist persönlich gescheitert.
18:39Und die Behandelnden sind auch gleich mitgescheitert.
18:42Wo stehen wir da heute?
18:44Es hat sie ein bisschen was getan, aber leider nicht so viel.
18:49Dieses Abstinenz-Konzept ist eigentlich Mission Impossible.
18:54Für viele Leute, für viele Suchtpatienten zu verlangen, jetzt hörst du einfach auf zu trinken.
19:00Wo ist das Problem?
19:01Das wäre so ungefähr, wenn Sie zum Krebspatienten, nachdem Sie ihn erfolgreich behandelt haben,
19:07nach Hause schicken und sagen, ja, aber Sie kommen mir nicht nochmal zurück.
19:10Aber meistens kommt man halt mit einem weiteren Tumor wieder in die Klinik.
19:16Das wird ja auch nicht diskriminiert.
19:19Das ist einfach Teil der Erkrankung.
19:22Und das komplette Abstinenz-Konzept zeigt hier mit dem Finger, du darfst das nicht.
19:27Und du bist ein schlechter Mensch.
19:28Und du bist ein schlechter Mensch und du bist ein Versager, du hast versagt, auch in der Gruppe, in der
19:33Therapiegruppe versagt.
19:35Und das befeuert eigentlich eher noch die Problematik.
19:38Es ist für viele doch viel leichter, einen reduktionistischen Gedanken zu haben.
19:44Einfach weniger von dem Ganzen zu tun.
19:47Und bringt das was?
19:47Natürlich bringt das was.
19:49Und da haben wir auch tolle Medikamente, die einem helfen.
19:52Wir haben nur in dem Bereich, diese Abstinenz komplett zu erhalten, ist es sehr, sehr schwer, therapeutisch das umzusetzen.
20:01Aber jemanden in Bahnen zu halten und zu sagen, naja, statt 200 schweren Trinktagen hast du jetzt nur 50 schwere
20:09Trinktage,
20:10wäre ja eigentlich schon mal, auch von außen betrachtet, ein echter Erfolg.
20:16Also deshalb spreche ich mich immer wieder für diesen Ansatz aus, wohl wissend, dass für manche auch nur der Abstinenzweg
20:24ein gangbarer ist.
20:26Eine Sucht prägt sich ein, für immer.
20:29Dummerweise verknüpft unser Hirn ganz schnell das erste angenehme Gefühl von Entspannung und Angstminderung mit dem Alkohol.
20:36Bei langjährig Abhängigen übernimmt dann ein Areal, das nicht mehr unserer bewussten Kontrolle unterliegt.
20:42Das Hirn geht auf Autopilot.
20:44Wie kommt man aus diesem Teufelskreis? Neue Medikamente werden hier getestet.
20:49Oh, jetzt geht's aber los.
20:51Auf die 20-prozentige Lösung.
20:54Diese Ratte war zwei Wochen auf Entzug und hat jetzt die Wahl zwischen verschiedenen alkoholischen Getränken und Wasser.
21:01Dieses Tempo, in der die trinkt, also die hat da wirklich drauf gewartet.
21:04Ich will kein Bier, ich will kein Wein, ich will was Hartes.
21:09Ja, ja. Also, weil das Tier wirklich sehr schnell diesen Effekt spüren möchte.
21:15Ja.
21:15Wenn man sie lässt, trinken die Tiere weiter und weiter und richten sich zugrunde.
21:19Mensch, die sind so schlau und neugierig und machen die gleichen Fehler wie wir.
21:27Diese Forschung hilft, das Suchtgedächtnis besser zu verstehen.
21:32Besonders prägend ist das Rausch trinken. Das haben wir mit den Ratten gemeinsam.
21:37Aber wir Menschen können gegensteuern. Abhängige können lernen, die bewusste Kontrolle bis zu einem gewissen Grad wiederzuerlangen.
21:45Tierversuche sind immer zwiespältig. Aber was mich wundert ist, warum regen wir uns nicht erstmal darüber auf, dass wir die
21:54ganze Zeit Menschenexperimente machen.
21:57Ungeschützte Jugendliche mit Alkohol sozusagen in Berührung bringen, verführen, die Grundlage für eine Sucht legen in einem Alter, wo das
22:05Hirn so bereit ist für jeden Scheiß wie in der Pubertät.
22:08Und Deutschland ist, glaube ich, in Europa das einzige Land mit diesem absurden Paragrafen, der begleitetes Trinken sogar ab 14
22:16erlaubt.
22:20Womit hast du angefangen?
22:21Bier.
22:22Mit Bier?
22:23Ja. Eingefangen zu trinken habe ich, glaube ich, mit elf ungefähr. Meine Mutter hat abends immer ein paar Bierchen, später
22:29auch Weinchen getrunken.
22:31Ja. Es gibt ja ein völlig unterschiedliches Bild in der Gesellschaft von betrunkenen Männern und betrunkenen Frauen.
22:38Absolut.
22:38Was natürlich auch mit der Verletzlichkeit zu tun hat. Hast du auch negative Erfahrungen gemacht im Rausch?
22:44Ich bin schon ein paar Mal tatsächlich in Städten aufgewacht, wo ich dann am nächsten Morgen nicht wusste, wo ich
22:49bin.
22:51Das ist ein sehr erschreckendes Gefühl, weil man ja bei irgendwem geschlafen hat. In der Regel waren das dann Männer
22:56und man weiß nicht, was in der Nacht passiert ist.
22:58Wie bin ich überhaupt da hingekommen? Das weiß man in der Regel nicht mehr und das ist schon sehr schlimm.
23:03Und deswegen habe ich dann irgendwann angefangen, wirklich nur noch zu Hause zu trinken. Auch so ein bisschen aus Sicherheitsgründen,
23:10weil mich halt wirklich nicht mehr heultet, dass mir sowas nochmal passiert hat.
23:15Die Therapieangebote der Tagesklinik haben Kerstin aus der Sucht geholfen. Heute hilft sie als Genesungsberaterin anderen Betroffenen hin zu einem
23:26besseren Leben ohne Alkohol.
23:29Ich habe an einem Tag, war ich im Homeoffice im Lockdown, die dritte Flasche Wein irgendwann aufgemacht. Ich alleine zu
23:36Hause so.
23:36Und ich dachte, what the fuck, was mache ich hier eigentlich? Ich mache dasselbe wie meine Mutter, dasselbe wie mein
23:42Vater.
23:43Ich sitze jetzt alleine zu Hause und trinke mir meinen Frust weg. Hör auf damit.
23:47Dann sitzt er da in der Küche am Boden und heult. Entweder, das waren wirklich original seine Worte, entweder die
23:57fahren mich morgen auf den Friedhof oder ich höre auf.
24:01Ich habe Angst, heute und die Nacht nicht zu überleben.
24:07Kerstins Mann ringt sich nach sieben Jahren schwerer Alkoholabhängigkeit dazu durch, einen Entzug in der Klinik zu machen.
24:14Kerstin hat seitdem allen Alkohol aus ihrer Gastwirtschaft verbannt. Und die große Überraschung, die Gäste kommen trotzdem und auch ihr
24:21Mann lebt seitdem alkoholfrei.
24:27Das war ein ganz anderer Mensch. Der hat schon im Gesicht anders ausgesehen. Der war befreit. Trocken. Ohne Alkohol.
24:39Und sich öffentlich bei den Gästen und bei mir entschuldigt hat für die vielen cholerischen Momente.
24:46Ja, also das ist jetzt noch einmal so ein Moment. Und wo ich wirklich höchsten Respekt habe, so öffentlich zu
25:08sagen, hey, ich war jahrelang ein Arschloch.
25:15Wie groß ist diese Behandlungslücke zwischen den Menschen, die das Problem haben und denen, die Hilfe bekommen?
25:21Riesig. Wir gehen davon aus, es sind 90 Prozent, die letztendlich gar nicht in eine Therapiemöglichkeit kommen.
25:30Es hat sich relativ wenig getan, weil natürlich bedeutet so eine Behandlung letztendlich schon eine Langzeittherapie.
25:39Und da sind wir allein schon durch das begrenzt. Wir hoffen, dass wir jetzt Therapieverfahren haben, die das deutlich verkürzen
25:48können.
25:48Eine ist die Psychedelika-assistierte Psychotherapie.
25:53Was erleben Menschen unter Psychedelika, was sie offensichtlich auch von Alkoholabhängigkeit befreien kann?
26:02Es ist sicherlich eine andere Perspektive mal einzunehmen.
26:08Ja, man kann unbelastet und unvoreingenommen auch auf sich selbst schauen.
26:14Wie gesagt, es wird nicht das Heilmittel aller Heilmittel sein.
26:17Wir sind überzeugt, dass es in die richtige Richtung geht.
26:20Ob es denn gesellschaftspolitisch auch überlebt da draußen, das ist die andere Frage.
26:28Moderne Psychedelika wie niedrig dosiertes LSD oder psychoaktive Pilze erreichen in streng kontrollierten Studien Erstaunliches.
26:36Mit nur einer Therapiesitzung reduziert sich das Verlangen nach Alkohol bei manchen für ein halbes Jahr.
26:42Eine therapeutische Revolution.
26:45In einem anderen Forschungsprojekt werden intelligente Apps getestet.
26:49So hat der riskante Trinker mit dem Handy immer jemanden dabei, der auf ihn aufpasst und ihn an seine Vorsätze
26:55erinnert.
26:56So ein bisschen wie ein guter Freund.
26:58Einer der Studienteilnehmer ist Vincent.
27:01Die Freitag-, Samstagabende, wo dann nicht nur drei oder vier Bier sind, wo dann auch mal in Flaschenweise der Wein
27:07oder das Bier oder der Schnaps konsumiert wird.
27:10Das war dann der Moment für mich, wo ich dann hellhörig wurde.
27:13Und mich dann auch selbst gefragt habe, zu welchem Maße ist es denn vertretbar?
27:18In Zukunft sollen solche Apps das individuelle Verhalten anhand von Fragebögen und auch mithilfe von Echtzeitdaten vorhersagen,
27:26um Lebenshilfe in konkreten Versuchungssituationen zu geben.
27:30Gibt es den Menschen recht auf Rausch?
27:33Absolut.
27:34Das zeigt einem einfach, die Welt ist nicht so eingefahren.
27:38Ich bin nicht nur hier auf dieser Spur, auf dieser eingefahrenen Spur unterwegs.
27:43Sondern ich habe eigentlich unendlich viele Möglichkeiten.
27:45Und das ist auch wiederum was Faszinierendes bei Drogen.
27:50Wir dürfen nicht nur jetzt die Sucht und die gesundheitlichen Schäden,
27:56sondern auch sowas mal im Gegenzug sehen, dass sie schon auch eine Bereicherung darstellen können.
28:04Sonst würden sie nicht über Jahrtausende ganz tief in unsere Kultur verankert werden.
28:12Es gibt aber noch ein anderes Recht.
28:15Das Recht auf körperliche Unversehrtheit.
28:17Menschen kommen zu Schaden, manche sogar, bevor sie überhaupt geboren wurden.
28:22Weil ich schon immer gemerkt habe, dass ich nicht bin wie die anderen.
28:26Mein Verhalten, meine Art, dass ich sehr zurückgezogen bin.
28:31Und meine Eltern halt auch immer gesagt haben, dass was mit mir nicht stimmt.
28:36Jenny saß knapp zwei Jahre wegen Internetbetrugs im Gefängnis.
28:40Heute ist sie auf Bewährung frei.
28:42Sie wuchs bei ihren Adoptiveltern auf und hat ihre alkohol- und drogenabhängige leibliche Mutter nie kennengelernt.
28:50Jenny hat den Verdacht, dass sie unter dem fetalen Alkoholsyndrom leidet
28:55und wendet sich deshalb an einen der wenigen Experten auf diesem Gebiet, Ludwig Spohr.
29:01Wann hatten Sie selber das erste Mal so das Gefühl, irgendwas ist mit mir anders als bei anderen?
29:09Ich würde sagen, so mit 12, 13.
29:12Ist mir das selbst aufgefallen, ja.
29:15Da wurde ich kriminell in dem Alter.
29:17Mit?
29:18Diebstahl.
29:23Trinkt die Mutter während der Schwangerschaft Alkohol, kann sie, selbst bei kleinen Mengen, das Gehirn des Kindes dauerhaft schädigen.
29:30Diese Krankheit nennt man FASD, das fetale Alkoholsyndrom.
29:36FASD ist nicht leicht zu erkennen, denn die Diagnose setzt sich aus verschiedenen Kriterien zusammen.
29:42Das erste ist, dass sie untergewichtig zur Welt kommt.
29:45Du hast nur 2300 Gramm gewogen.
29:47Du warst früh und Mangelgeborenes.
29:50Das ist ein Kriterium.
29:52Das zweite ist das Gesicht.
29:55Das haben wir hier.
29:57Aber auch ein unauffälliges Gesicht schließt die Diagnose nicht aus.
30:01Zudem hat etwa ein Drittel der Kinder eine normale Intelligenz.
30:05Aber das Verhalten ist auffällig und die Lernschwierigkeiten.
30:08Jenny schafft ihren Hauptschulabschluss nur knapp.
30:11Bei ihr sind im Grundschulalter die typischen Merkmale zu sehen.
30:14Die schmale Oberlippe, die abgeflachte kleine Kerbe zwischen Nase und Mund und der kleine Kopf.
30:23Sie haben 51,5 und sie hat schon mit 53 Mikrocephalus, ist unter der dritten Perzentile.
30:31Das ist sehr klein.
30:33Ja, ich kann eigentlich, wenn ich mir Kappen kaufe, ich habe ja eigentlich oft Kappen an und so.
30:38Aber ich muss ja meistens in die Kinderabteilung gehen, weil das ist mir alles zu groß.
30:43Das dritte ist all dieses große Verhaltensproblem.
30:50Kognitiv, also in der Schule nicht so gut mitkommen.
30:53Die anderen haben Schuld, nicht ich, dass sie auch Fehler nicht einsehen können.
30:59Also meine Schulzeit war schon schwierig.
31:01Ich bin dann, wie gesagt, auch nicht mehr in die Schule.
31:03Ich habe dann da gesessen, meine Mutter konnte mir alles 50 mal erklären und ich habe es einfach nicht verstanden.
31:08Dann bin ich halt auch irgendwann aufgestanden, weil ich keinen Bock mehr hatte.
31:11Und dann gab es immer Diskussionen, Schreierei, wie das halt so ist.
31:17Aber zu diesem Zeitpunkt hat auch keiner sich die Frage gestellt,
31:22Mensch, gibt es irgendeinen handfesten Grund für so eine Lern- und Entwicklungsstörung?
31:29Weil wenn man ihnen so zuhört und so diese Puzzlesteine zusammensetzt,
31:34dann denkt man, eigentlich ist es ja ziemlich eindeutig,
31:38aber gleichzeitig hat es ja 30 Jahre gedauert, bis sie wussten, was mit ihnen los ist.
31:44Ja.
31:45Das ist der Skandal eigentlich.
31:48Ja.
31:50Bis zu 4000 Neugeborene pro Jahr haben wie Jenny das fetale Alkoholsyndrom.
31:5710.000 haben leichtere, aber ebenfalls lebenslange Schäden.
32:02Und viel zu viele bleiben unerkannt.
32:05Man muss die Diagnose sehr früh stellen, damit man den Kindern eine Chance geben kann,
32:13sich besser zu entwickeln.
32:15Vor allen Dingen ihnen zu sagen, ihr seid nicht dran schuld, dass ihr so seid, wie ihr seid.
32:21Mir tun die so leid.
32:22Und ich halte das fast nicht mehr aus.
32:24Diese Schicksale, die diese Kinder unschuldig erleben müssen.
32:31Und durchleiden müssen und werden für dumm erklärt und werden für kriminell erklärt.
32:38Das ist hart.
32:42Neben all diesem Leid ist es auch noch unfassbar teuer.
32:45Geschätzt 17 Milliarden kostet allein das fetale Alkoholsyndrom pro Jahr.
32:50Durch Kosten im Gesundheitssystem.
32:52Für die Pflegeeltern, für Justizgefängnisse und so weiter.
32:56Hinzu kommen etwa 60 Milliarden gesellschaftliche Kosten, Krankheiten, Arbeitsausfälle, Reha.
33:03Die Alkoholsteuer bringt gerade einmal 3 Milliarden ein.
33:07Auf gut Deutsch, die Alkoholindustrie macht massive Gewinne, aber wir alle tragen die Kosten.
33:13Ich hatte in meiner Zeit in der Kinderheilkunde mit schwer geschädigten Kindern zu tun.
33:19Und egal wie viel man an Diagnostik und Behandlung und auch oft Fremdbetreuung dort versucht zu arrangieren,
33:28was einmal im Hirn ganz früh in der Schwangerschaft kaputt ging, das kriegt man nie wieder zurück.
33:35Warum landen eigentlich so viele früh geschädigte Kinder später im Gefängnis?
33:40Ich habe gerade Enkel, die sind jetzt ein Jahr, die fassen zweimal auf den Ofen,
33:46aber dann machen sie es nicht mehr, weil sie es gelernt haben.
33:49Ein Alkoholkind würde immer wieder draufhalten, weil es nicht speichert und nicht lernen kann.
33:54Bereits ab der zweiten Schwangerschaftswoche kann FASD entstehen.
33:58Also bereits bevor viele Frauen überhaupt wissen, dass sie schwanger sind.
34:03So ohne Hilfe, sag ich mal, bei mir geht es halt nicht, weil ich halt auch an mir arbeiten möchte
34:07und auch muss.
34:08So für meine Zukunft, dass ich nicht wieder kriminell werde, weil das kann ja in meinem Leben nicht so weitergehen.
34:13Ständig rein, raus, rein, raus ins Gefängnis.
34:15Aber bei mir ist das so, vielleicht auch durch meine Krankheit, ich mache das.
34:19Und mir ist dann, sag ich mal, erst später bewusst, so scheiße, ich habe missgebaut, warum habe ich das gemacht?
34:25Haben Sie eine Idee, wo Ihr Leben im Bestfall hingeht?
34:30Nicht ins Gefängnis ist mein bester Weg, ja.
34:38Es gibt noch eine andere große Gruppe, deren Leben durch Alkohol zerstört werden kann.
34:46An dem Abend, da war ich mit Freunden unterwegs und wir hatten dann ein Problem mit dem Auto.
34:54Und ja, in dem Moment, wo ich auf die Straße rausgetreten bin und den Kofferraum aufgemacht habe, kam von hinten
34:59ein Fahrzeug angefahren.
35:00Und das ist mehr oder weniger ungebremst sozusagen auf unser Auto draufgefahren.
35:05Und mein Bein war zwischen den Stoßstangen eingeklemmt.
35:15Er und sein Beifahrer sind erstmal ausgestiegen und weggelaufen.
35:19Und ich lag dann da mehr oder weniger alleine.
35:23Irgendwann kam dann ein Mann vorbei, eben aus dem Auto, der da angehalten hat und meinte, da müssen wir irgendwas
35:32machen, das ist auch für zu bluten.
35:34Und er hat einfach sein Gürtel ausgezogen und hat mein Bein abgebunden.
35:39Das ist wirklich eine echt gute Idee, weil, ja, es war schon auch eng.
35:45Also es ist nie selbstständig, dass ich jetzt hier setze.
35:51Stefans Weg zurück ins Leben ist hart.
35:53Es braucht zwölf Eingriffe, bis der Stumpf verheilt und stabilisiert ist.
35:59Beim Rauchen hat sich die Stimmung total verändert.
36:04Es ist nicht mehr cool.
36:05Warum?
36:06Weil wir Rahmenbedingungen gesetzt haben und weil der Nichtraucherschutz nach vorne kam, juristisch.
36:12Weil so viele Leute passiv rauchend geschädigt wurden.
36:16Aber es gibt ja auch passiv trinken.
36:20Denn später wollte ich natürlich unbedingt bei der Gerichtsverhandlung dabei sein.
36:24Und dort wurde eben dann explizit angesprochen, dass er eben an dem Abend zehn Bier getrunken hatte und dann nach
36:33Hause gefahren ist.
36:35Skurrilerweise hat sein Beifahrer, glaube ich, nur ein Bier getrunken.
36:39Keine Ahnung, warum der nicht gefahren ist.
36:48Schaut man nach Island, nach Litauen, nach Schottland, nach Kanada, nach Australien.
36:55Alle machen es besser als wir in Deutschland.
36:57Was wirkt, ist völlig klar.
37:00Es ist eindeutig rauf mit den Steuern, runter mit den Verkaufsstellen, Alter kontrollieren, Werbeverbot, Marketingverbot.
37:07In Deutschland passiert genau das Gegenteil.
37:10Die Alkohollobby darf mit 200 Mal so viel Geld Werbung machen, wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.
37:20Da ist es nicht so überraschend, dass wir alle Bilder in unserem kollektiven Gedächtnis haben,
37:25wie Alkohol verbunden ist mit Freiheit, mit Abenteuer, mit Partys auf tropischen Inseln.
37:31Wir haben nachgefragt bei den Verantwortlichen für Finanzen, Landwirtschaft, Jugend, Gesundheit und Verbraucherschutz.
37:39Niemand will die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation umsetzen.
37:43Jeder wählt die Verantwortung ab.
37:45Überall bekommen wir zu hören, nicht zuständig.
37:48Bitte wenden sich an ein anderes Ministerium.
37:50Federführung nicht bei uns.
37:52Das alles erinnert mich sehr an das Gebet eines Beamten.
37:56Herr, lass mich bitte nicht zuständig sein.
38:00Steuert Deutschland mit Steuern?
38:03Erinnern sich noch an Alkopops?
38:05Diese süßen Mischgetränke, bei denen man vor lauter Zucker und Aroma nicht merkte, dass sie rund 5% Alkohol enthielten.
38:12Gerade Mädchen tranken sich damit ins Koma.
38:152004 führte die Politik eine Sondersteuer ein.
38:18Alkopops wurden teurer und erst mal weniger gekauft.
38:21Heute sind die Regale wieder voll von dem Zeug, aber nicht mehr mit 5%, sondern mit 10% Alkohol.
38:28Und warum?
38:29Weil die Sondersteuer ab 10% nicht mehr gilt.
38:32What?
38:33So was kann man sich nicht ausdenken, ist aber wahr.
38:36Mehr Schaden für weniger Steuereinnahmen.
38:38Danke Politik für dieses harte Durchgreifen.
38:43Wie stark ist die Alkohol-Lobby in Deutschland?
38:47Das ließ sich 2015 ganz gut beobachten, als eine Arbeitsgruppe Maßnahmen vorbereiten sollte.
38:53Dann haben da die Brauermobil gemacht, die Spirituosenhersteller und die Winzer, Tankstellenverbände, Werbebranche, Zeitungsverleger, Medien, Sport und allen voran der
39:05DFB.
39:05Die haben sich alle gegen Werbe- und Sponsoringverbote ausgesprochen.
39:09Und einer, der in dieser Arbeitsgruppe saß, mit dem ich freundschaftlich verbunden bin, der sagte später, also gegen DFB und
39:16Bild-Zeitung haben sie in Deutschland keine Chance.
39:20Deshalb traut sich die Politik nicht zu handeln und so bleibt Deutschland das Schlaraffenland für massenhaften Alkoholkonsum.
39:27Aber mal ehrlich, ich trinke auch mal gerne ein Bier oder einen Wein und stoße auf Festen mit Freunden mit
39:34etwas Prickelndem an.
39:37Gibt es das echtes Genusstrinken? Ich lande in der kleinsten Bar von St. Pauli.
39:45Wir halten durch, wir halten aus. Wir gehen heute Abend nicht mehr raus. Wir haben keine Ahnung.
39:54Das ist ja hier wirklich so eine Art Wohnzimmer, oder?
39:58Auf jeden Fall. Und es funktioniert auch wie ein Wohnzimmer.
40:01Leute kommen rein, kennen sich nicht, sitzen am Tresen und alle reden.
40:04Und irgendwann, nicht jeden Abend, aber an manchen Abenden, reden die Leute von da hinten nach da.
40:09Und der ganze Raum redet miteinander. Und das ist eigentlich das Besondere.
40:16Bars sind ein ganz eigener Mikrokosmos. Hier wird jedes Getränk noch von Hand kunstvoll zelebriert.
40:24Bars bringen Menschen zusammen. Man trifft Leute, die man sonst nie getroffen hätte.
40:28Alkohol löst die Zunge, das kann helfen, muss aber nicht.
40:33Sie lernen sich kennen, sie reden miteinander. Es hilft dabei, so ein Getränk, was du jetzt hast,
40:39dass man etwas ungezwungener ins Gespräch kommt. Was man im nüchternen Zustand vielleicht nicht macht,
40:46oder nicht jeder kann, aber mit Leuten ins Gespräch kommen, das ist das Tollste.
40:53Kennst du irgendwen, der durch Alkohol interessanter wird?
40:56Ha, das ist eine sehr gute Frage.
41:00Ich kenne viele Leute, die das glauben von sich.
41:03Ja, ich weiß.
41:04Aber erlebt habe ich es nie.
41:10Interessanter vielleicht nicht, aber es gibt Leute, die werden dann tatsächlich liebenswerter.
41:17Die werden ehrlicher, sie werden empathischer.
41:22Also es macht, je nach Charakter, mit manchen Leuten wirklich was Interessantes, wo du denkst so, hm.
41:30Und ich glaube, es ist total wichtig, immer wieder diesen Ernst dieses Lebens, dieses Alltags aufzubrechen.
41:37Und dabei hilft das wirklich ganz gut.
41:47Was ist die Macht des Alkohols?
41:50Rausch ist Teil des Menschseins, aber gedacht als Ausnahme vom Alltag.
41:55Wenn Rausch der Alltag wird, macht das krank.
41:58Jeden von uns.
41:59Jedes Hirn ist anfällig, auch meins.
42:02In der Politik tut sich nichts, aber zum Glück in der Forschung und in der Behandlung.
42:06Ich bin dankbar für all die ehrlichen Gespräche für die Menschen, die ihre Lebensgeschichte mit uns teilen.
42:15Ich trinke seit diesem Film viel weniger und mache im Januar einen ganzen Monat Pause.
42:20Wäre das vielleicht auch was für sie?
42:23Muss ja nicht ausgerechnet zum Oktoberfest oder zu Karneval sein.
42:28Das letzte Wort gebührt Jan Boris.
42:31Stellvertretend für die Millionen Menschen, die durch Alkohol in der Familie zu Schaden kamen.
42:35Shall I stay here at the zoo?
42:38Shall I go and change my point of view for every ugly scene?
42:45You did what you did to me.
42:47Now it's history I see.
42:50Here's my comeback on the road again.
42:54Things that happen while they can.
42:57I will wait here for my man tonight.
43:00It's easy when you big in Japan.
43:04You did what you did to me.
43:07Now it's history I see.
43:09Tonight big in Japan.
43:12Und so ist es.
43:14Big in Japan.
43:18Meine Eltern haben das getan, was sie getan haben.
43:23Ich kann es nicht ändern.
43:27Ich kann es heute anders machen.
43:30Aber ich kann es nicht ändern.
43:32Ich kann es nicht ändern.
43:33Things are easy when you're big in Japan.
43:43Big in Japan.
43:46Mich selbst zu verstecken, hat mir überhaupt nicht gut getan.
43:50Ich brauche die Mittel und Wege, dieses Gefühl irgendwie zu betäuben.
43:54And I think today, why?
43:57We have only this one life that we live.
43:59And I want to live authentically and honestly and openly.
44:03And not to hide anything from what I am.
44:06And to let alcohol be.
44:08Why? For whom?
44:27www.marzip.com
Comments