00:00Der Junge im Schrank
00:04Wer mit Geschwistern aufgewachsen ist, weiß, wie schnell es zu Geschrei und umherfliegenden Spielsachen kommen kann.
00:11Besonders dann, wenn man sich gemeinsam ein Zimmer teilt.
00:15Und in diesem Fall hat eine in zwei geteilte Nintendo DS dafür gesorgt, dass sich Emil im Schrank vergräbt.
00:23Das tat er immer, wenn er beleidigt war.
00:26Komm endlich aus dem Schrank, sagte ich mit matter Stimme.
00:30Das Teil lässt sich bestimmt wieder reparieren.
00:33Als älterer Bruder, der zumindest die Reife eines Teenagers besaß, wusste ich, dass das, was ich sagte, Blödsinn war.
00:41Das Teil war hinüber, wie meiner spartes Taschengeld für die nächste Zeit.
00:46Zu meiner Verteidigung, ich hatte ihm die Konsole deshalb entrissen, da er nicht teilen wollte.
00:52Dabei zerbrach sie schneller, als ich erwartet hatte.
00:56Später an diesem Abend war es bereits dunkel.
00:58Über der verschneiten Stadt hing der Nebel wie ein Vorhang.
01:03Kälte drang durch das Fenster, also schloss ich es.
01:06Und wie ich meinen Bruder kannte, würde er in Kürze wieder aus dem Schrank steigen.
01:11Was dieses Mal jedoch nicht passierte.
01:1419.18.
01:16So lange war er noch nie da drin, was mich ein wenig verwunderte.
01:21Andererseits war Sturheit nichts Neues bei ihm.
01:24Ich klopfte ein paar Mal an die Schranktür.
01:27Nichts passierte.
01:29Weißt du noch, wie du einmal in einem Karton eingepennt bist, sagte ich mit einem Schmunzeln auf den Lippen.
01:35Dabei stieg ein erdiger Geruch auf, vielleicht wegen der frischen Luft oder einfach nur wegen meiner laufenden Nase.
01:42Ich klopfte vier weitere Male.
01:46Bleibst du da echt die ganze Nacht hocken?
01:48Fragte ich.
01:50Hallo?
01:50Jemand da?
01:52Nach einem letzten Klopfen gab ich schließlich auf.
01:55Ich wollte nicht den restlichen Abend damit verbringen, den Kleiderschrank anzustarren.
02:01Soll er doch drin versauern, dachte ich.
02:04Ich fröstelte plötzlich, ohne zu wissen warum, als ich noch einmal kurz hinter mich blickte, bevor ich mich zum Gehen
02:11bewegte.
02:12Das Fenster war zu.
02:14Ich begab mich in die Küche.
02:16Der geöffnete Kühlschrank füllte mein Gesicht in ein kaltes Licht, als ich zum Tiramisu des Vortages griff.
02:23In der Auflaufform sah es inzwischen wie von übergroßen Ratten angefressen aus.
02:28Es schmeckte aber noch.
02:30Wie immer grüßte mich das Krümelmonster, als ich den Kühlschrank wieder schloss.
02:35Ich setzte mich auf das Sofa.
02:37Dabei sinnierte ich über das merkwürdige Verhalten meines Bruders.
02:41Was tat er so lange im Schrank?
02:43Im Dunkeln sitzen und Däumchen drehen?
02:46War das wirklich seine Art, um Stress abzubauen?
02:50Um mich abzulenken, schaltete ich den Fernseher an.
02:53Galileo.
02:54Der tausendste Dönerbeitrag.
02:56Ich wechselte das Programm.
02:58Eine Sendung über Weihnachtsmärkte.
03:01Irgendwann dürstete es mich nach einer Milch.
03:04Wieder das blaue Monster.
03:06Unverändert grinsend.
03:07Der Gedanke an Emi ließ mir keine Ruhe, als erneut ein Hauch von Erde aufzog.
03:13Ein Geruch, der hier nicht hingehörte.
03:16Fremd.
03:17Eigenartig.
03:19Ich kontrollierte die Fenster.
03:21Alle geschlossen.
03:22Alle Jalousien abgesackt.
03:24Das irritierte mich mehr, als ich zugeben wollte.
03:27Ich ging wieder nach oben, zum Kleiderschrank.
03:31Sag mal, riechst du das auch?
03:34Fragte ich.
03:35Keine Antwort.
03:36Ich klopfte.
03:38Dieses Mal klang das Holz dumpfer.
03:40Etwas anders, fast erstickt.
03:44Ich klopfte etwas stärker.
03:46Kannst du mich hören?
03:47Fragte ich.
03:49Ein Satz, der an diesem Abend unzählige Male folgen würde.
03:53Wie denkst du, dort für immer zu bleiben?
03:55Keine Antwort.
03:57Da er immer noch die beleidigte Leberwurst spielte, überlegte ich, wie ich ihn herauslocken konnte.
04:03Mir kam eine Idee.
04:05Also wieder nach unten.
04:07Nochmals am Krümelmonster vorbei.
04:10Worauf ich es abgesehen hatte, befand sich unter einer Alufolie.
04:15Auch das war noch vom Vortag übrig.
04:17Emils Lieblingsessen.
04:20Kinebohnenlasagne.
04:20Dazu konnte er sicherlich nicht Nein sagen.
04:24Ich habe eine Überraschung für dich.
04:27Sie wird dir gefallen, rief ich.
04:30Mehr oder weniger kam mir die Stille aus dem Zimmer zu dicht vor.
04:34Bestimmt nur meine Nerven.
04:36Ich erbärmte die Lasagne in der Mikrowelle, kehrte zurück und stellte den dampfenden Teller vor den Schrank,
04:42als wollte ich einen Geist besänftigen.
04:45Zuversichtlich klopfte ich.
04:47Hey, ich habe hier dein Lieblingsessen.
04:49Keine Reaktion.
04:52Das Klopfen klang dumpfer, als würde etwas hinter der Tür nachgeben,
04:56und es erfolgte erneut dieser unbestimmte Erdgeruch, stärker als zuvor.
05:02Wenn du aufgegessen hast, bring den Teller zum Spülen in die Küche, sagte ich, zunächst mit gefasster Stimme.
05:09Dann langsam kroch mir die Stille mehr in die Ohren, als ich zugeben wollte.
05:13Bevor ich ging.
05:15Und bitte, komm raus.
05:18Den weiteren Abend verbrachte ich mit dem Lesen von Memes, mit Zerro-Posts und Diskussionen auf Twitter.
05:25Dann hatte ich keine Lust mehr und legte das Handy weg.
05:28Mein Blick wanderte zur Treppe, die im Halbschatten lag.
05:32Der Weg nach oben, zum Schrank.
05:35Kommst du raus?
05:36rief ich nach oben.
05:37Stille.
05:39Steinernes Schweigen erfüllte das Haus.
05:42Ich überlegte fieberhaft, was ich tun könnte, um ihn herauszulocken.
05:47Mein Blick blieb am Christbaum hängen, reichlich geschmückt mit Gelanden, Weihnachtsgugeln und Lichterketten.
05:54Vereinzelt hingen Figürchen von Nussknackern und Engeln.
05:58Auf der Spitze des Baumes glomm ein Stern und unterhalb lagen bereits die ersten Geschenke.
06:05Mama gab sich wie jedes Jahr besonders viel Mühe beim Schmücken.
06:09Wenn sie mich bei meinem Vorhaben erwischen würde, gäbe es Ärger.
06:14Obwohl es eigentlich erst morgen soweit war, klemmte ich mir das Weihnachtsgeschenk für Emil unter den Arm.
06:20Ein blaues Paket mit roten Schleifen.
06:22Und kehrte damit zum Schrank zurück.
06:24Die Lasagne stand noch immer unangetastet da.
06:29Der erdige Geruch war stärker geworden.
06:32Der Baum redete ich mir ein.
06:35Nein, kein billiges Plastikteil.
06:37Ein echter, frisch geschlagener Nadelbaum aus dem Wald.
06:41Vielleicht war es der Christbaum.
06:44Hoffentlich.
06:45Hörst du mich?
06:47fragte ich.
06:48Weißt du noch, das Baumhaus.
06:50Du oben, ich unten an der Leiter.
06:52Du hast, du hast dich gesägt und die ganzen Späne flogen in mein Gesicht.
06:56Wir haben uns totgelacht.
06:58Ich stellte das Geschenk vor den Schrank.
07:01Es war das kleine Holzbrett, ein Überbleibsel, frisch geschliffen, mit Emils Initialen.
07:07Jedenfalls, ich hab dir ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk mitgebracht.
07:11Es hat mit der alten Geschichte zu tun, sagte ich.
07:14Vielleicht willst du doch rauskommen.
07:17Nichts.
07:18Ein Gefühl von Enge breitete sich in meiner Brust aus.
07:22Vielleicht wegen der Erinnerungen.
07:24Vielleicht wegen der Stille.
07:26Seltsam, wie klar ich die Szene mit den Sägespänen vor Augen hatte.
07:30Ich klopfte.
07:32Immer wieder.
07:33Das Klopfen schien nicht nur hohler zu klingen, als leergestoff dahinter.
07:37Ich meinte sogar, etwas Feines wie Späne auf meinem Kopf zu spüren.
07:41Ein Rieseln.
07:42Aber da war nichts.
07:44Mich beschlich ein mummiges Gefühl.
07:47Bitte, komm einfach raus.
07:50Mehr brachte ich nicht heraus.
07:53Ich hatte fest damit gerechnet, spätestens zur Schlafenszeit 23 Uhr hektische Schritte
07:59und das Zerfetzen des Geschenkpapiers zu hören.
08:02Aber nichts.
08:03Nur der Abspann eines Weihnachtsfilms rang aus dem Wohnzimmer.
08:07Ich lief im Flur auf und ab, immer wieder zur Kommode schielend.
08:11Dort befanden sich das Telefon und die Notiz.
08:15Sind bis morgen bei einem Geschäftsessen.
08:17Zwischen 20 und 1 Uhr nur im Notfall anrufen.
08:21Haben euch lieb.
08:23Ich schluckte.
08:24Kannst du mich hören?
08:26Ich war wieder im Zimmer, vor dem Schrank.
08:29Willst du eine Entschuldigung?
08:31Ist es das, was du willst?
08:33Fragte ich mit wachsendem Missmut.
08:35Okay.
08:36Es tut mir leid.
08:38Bist du jetzt zufrieden?
08:39Die anhaltende Geräuschlosigkeit fühlte sich falsch an
08:43und ließ meine Verdrossenheit größer werden.
08:45Die Stille wurde zu dicht.
08:48Zu schwer.
08:50Meine Verdrossenheit schlug um in Ärger
08:52und mein Ärger schlug allmählich um in Verzweiflung.
08:57Draußen ist das Telefon, sagte ich.
08:58Wenn du jetzt nicht rauskommst, rufe ich Mama an.
09:01Ich hob die Faust und klopfte.
09:05Kälte kroch mir die Glieder hoch.
09:07Nicht von draußen, nicht vom Fenster.
09:10Der Erdgeruch hing schwer in der Luft.
09:13Das Klopfen klang dumpfer als jemals zuvor.
09:17Ich atmete flach ein und...
09:19Ich hatte das Gefühl,
09:21mir ein paar feine Staubkörner aus dem Haar reiben zu müssen.
09:25Bitte, komm raus.
09:27Bitte.
09:29Kaum mehr als ein Stottern spuckte ich aus.
09:32Emil.
09:34Inzwischen war mein Arm völlig ausgelaugt,
09:36schwer wie Blei.
09:38Das Klopfen fühlte sich an,
09:39als ob man gegen Erde schlägt.
09:42Ein merkwürdiges Vibrieren.
09:44Schwindel überkam mich,
09:46ich zitterte
09:47und ich hatte das Gefühl,
09:49etwas drückte meine Brust zusammen.
09:51Warum war es plötzlich so eng?
09:54Warum roch ich Erde?
09:57Ihre Gedanken rasten durch meinen Verstand.
10:00Nichts ließ sich mehr sortieren.
10:03Alles zog sich zusammen
10:05und das nicht nur in meinem Kopf.
10:08Ich tastete nach etwas Festem,
10:10Kaltem,
10:11ein stiller Widerstand.
10:14Das Holz über mir drückte wie ein Deckel.
10:17Lockere Erde rieselte von oben.
10:20Seit wann lag ich hier unten?
10:23Die eigene Hand konnte ich vor Augen nicht sehen.
10:26Eine erdrückende Enge.
10:28Und so stickig,
10:30dass das Atmen schwer fiel.
10:31Ich schlug immer wieder.
10:34Der Widerstand blieb stumm.
10:37Graues Holz war alles,
10:39wonach ich tastete.
10:41Mit jedem Trommeln, Schreien und Hämmern
10:43rieselten Erdkrümel auf mein Gesicht.
10:47Kein Emil.
10:48Kein Schrank.
10:50Kein Zuhause.
10:51Ich schrie und schrie und schlug um mich,
10:54noch lauter, fester,
10:55aber ohne Echo.
10:57Keiner konnte mich hören im Dunkeln.
11:00Bis auf die Würmer um mich herum.
11:03Holz.
11:04Erde.
11:06Totenstille.
11:08Ein einsamer Grabstein.
11:11Lichter brannten in den Straßen
11:13hinter dem toten Acker.
11:15An einem anderen Ort
11:16würde gleich der Gänsebraten serviert.
11:20Später gäbe es die Bescherung.
11:22Heute,
11:23am Weihnachtsabend.
11:25Untertitelung des ZDF für funk, 2017
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