00:01Diese Familie ist aus dem sicheren Ausland nach Kyiv zurückgekehrt.
00:05Als Russland 2022 die gesamte Ukraine überfällt, flüchten die Lastivkas in den Westen Europas.
00:12Bis auf Vater Ruslan, der sich damals freiwillig für die Armee meldet.
00:16Zu diesem Zeitpunkt kann die Familie nicht ahnen, wie sehr der Krieg ihr Leben verändern würde.
00:25Mein Schwiegersohn Ruslan fehlt uns sehr. Er hat der Familie gut getan.
00:30Ich habe viele Familien gesehen, aber so einen Mann und Vater zu finden, ist wirklich schwer.
00:43Alina geht noch in den Kindergarten, als sie ihren Vater zum letzten Mal sieht.
00:52Mein Papa musste an der Front immer seine schwere Schutzweste tragen.
00:57Wenn ich auf seinen Schultern war, hat er mich manchmal gebeten, runterzuklettern, weil ich ihm zu schwer wurde.
01:08Und dann bin ich runtergeklettert.
01:15Auch als wir die Familie im Januar 2023 bei ihrem kurzen Wiedersehen in Kyiv treffen, sitzt Alina auf den Schultern
01:23ihres Papas.
01:24Damals, sagt Ruslan,
01:29Wir kämpfen, damit Familien zusammen sein können und Städte unversehrt bleiben.
01:33Unser kleiner Traum ist, dass wir wieder ein normales Leben führen können.
01:36Wir wollen uns nicht nur einmal im Jahr sehen, sondern jeden Tag, so wie früher.
01:43Diesen Traum hatte auch Uliane.
01:45Sie genießt jede Minute, die sie damals als Familie gemeinsam verbringen.
01:52Heute Morgen sind wir aufgewacht mit Tränen in den Augen, weil uns klar wurde, dass wir nur noch diesen einen
01:57Tag haben, um zusammen zu sein.
01:59Wir haben gemischte Gefühle.
02:01Natürlich freuen wir uns sehr, dass wir uns gesehen haben.
02:04Aber wir werden wieder für einige Zeit getrennt sein müssen und werden uns gegenseitig aus der Ferne unterstützen.
02:12Doch dann, ein Jahr später, treffen wir Uliana wieder.
02:16Sie ist allein.
02:17Ruslan wurde in der Ostukraine von russischen Soldaten getötet.
02:23Ich war auf alles vorbereitet, dass er ohne Beine zurückkommt, ohne Arme, mit einem anderen Gesicht.
02:28Aber ich war nicht darauf vorbereitet, dass er stirbt.
02:31Nach dem Tod ihres Mannes steht Uliana damals vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens.
02:38Seit Beginn des Angriffskriegs hatte ich den Gedanken und den starken Wunsch, als Sanitäterin zu helfen.
02:44Ich bin von Beruf Krankenschwester, habe in der Chirurgie gearbeitet, im Operationssaal assistiert und sehr viel Erfahrung.
02:50Und ich möchte wirklich, auch jetzt nach seinem Tod, in die Medizin zurückkehren, in die Chirurgie.
02:57Vielleicht als Paramedic.
03:09Paramedics, also Einsatzsanitäter, versuchen die Leben schwer verwundeter Soldaten an der Front zu retten.
03:15Doch die Vorstellung, dass Tochter Alina und Sohn Artem ohne Eltern aufwachsen könnten, macht ihr Angst.
03:21Ich weiß nicht, ob es das Risiko wert ist.
03:27Ich habe zwei Kinder.
03:28Wenn ich wüsste, dass sich jemand um sie kümmert, wenn mir Gott bewahre, etwas passieren sollte.
03:36Uliana hat sich entschieden.
03:38Seit Monaten versucht sie als OP-Krankenschwester an der Front, jeden Tag so viele Leben wie möglich zu retten.
03:44Was sie dort sieht, ist die brutale Härte des Krieges.
03:47Sie will, dass das Sterben endet.
03:49Auf beiden Seiten.
03:52Ulianas Mutter Halina kümmert sich jetzt in Kiew, im härtesten Winter seit Kriegsbeginn, um ihre Enkel, holt die kleine Halina
03:59von der Schule ab.
04:03Es ist schwer für mich, weil ich ihnen nicht dieselbe Wärme geben kann wie ihre Eltern.
04:08Aber ich will mich nicht beschweren.
04:10Ich habe ein Zuhause, ich habe Essen und wenn es Beschuss gibt, dann gehe ich mit den Kindern ins Badezimmer
04:15und suche dort Schutz.
04:17Das ist nicht schwer.
04:19Schwer ist es für die, die in den Schützengräben an der Front sind.
04:25Seit Oktober hat Alina ihre Mama nicht mehr gesehen.
04:28Der geplante Urlaub über Weihnachten und Neujahr war nicht möglich, weil die Zahl der Verwundeten zu hoch war.
04:34Über Videoanrufe versucht Uliana, am Leben ihrer Tochter teilzuhaben.
04:40Wenn ich anrufe, sind das die wohl schwersten Momente für mich.
04:43Es sind bewegende Momente, wenn Alina zu mir sagt, Mama, holst du mich von der Schule ab, wenn du wieder
04:48da bist?
04:49Ich sage dann natürlich, ich brauche nur noch ein bisschen Zeit, du musst dich noch etwas gedulden.
04:54Aber bald hole ich dich ab und bringe dich zur Schule.
04:59Alina wollte nicht, dass ihre Mutter an die Front geht.
05:01Aber sie hat es ihr nicht gesagt.
05:03Die Sechsjährige macht sich jeden Tag große Sorgen.
05:08Ich vermisse meine Mama sehr und kann oft lange nicht einschlafen.
05:12Wenn ich von Explosionen aufwache, ist meine Oma meistens schon wach.
05:16Ich decke meinen Kopf mit Kissen zu und versuche weiter zu schlafen.
05:26Und jetzt ist es soweit.
05:28Seit diesem Wochenende ist Uliana zurück in Kiel.
05:38Ich habe sie sehr vermisst.
05:40In den letzten Tagen unserer Rotation habe ich nur noch gehofft, dass nicht wieder was dazwischen kommt.
05:48Jetzt wollen sie als Familie erstmal die gemeinsame Zeit genießen.
05:52Uliana arbeitet in einem Militärkrankenhaus in der Stadt.
05:56Ob oder wann sie wieder an die Front zurückkehrt, das weiß sie noch nicht.
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