00:00Eigentlich ist Commandos Origins ein Geschenk. Seit 22 Jahren warten Fans
00:09händeringend auf eine Rückkehr dieses Großvaters der Echtzeit-Taktik. Ohne ein
00:14Commandos gäbe es kein Desperados – also das Spiel, nicht das Bier. Es gäbe kein Shadow Tactics,
00:19Shadow Gambit oder Partizans 1941. Ohne Commandos würde ein ganzes Subgenre der Schleichspiele
00:26überhaupt nicht existieren. Der spanische Originalentwickler Pyro macht seit Ewigkeiten
00:30keine PC-Spiele mehr. Für die Wiedergeburt der Serie wurde mit Claymore ein komplett neues,
00:35deutsches Studio gegründet. Und auf dem Papier klingt das neue Commandos Origins wie ein wahr
00:40gewordenes Träumchen. Packende Stealth-Action während des Zweiten Weltkriegs? Check. Eine
00:45Truppe aus sechs Spezialeinheiten, die Sichtkegel für Sichtkegel aus Vogelperspektive durch Nazi-Hochbogen
00:51pirscht? Check. Dove Wachen, die ich mit einem Störsender in Bärenfallen ködere? Sowas von
00:57Check. Aber Commandos Origins ist – und jetzt bin ich mal sehr egoistisch – auch deshalb ein
01:01Geschenk, weil die Testversion Wochen vor Release eingetrudelt ist. Ich hatte ewig Zeit,
01:06mich durch die rund 20-stündige Kampagne zu arbeiten. In der Regel sind solche Testphasen
01:11ein gutes Zeichen. Diesmal leider nicht. Die Testversion von Origins wird von vielen
01:17technischen Problemen geplagt. In puncto Performance läuft das Spiel auf meiner GeForce RTX 3080 auf
01:23maximalen Details in WQHD zwar butterweich, aber ich stolpere immer wieder über Bugs. Bei jedem
01:29zweiten Quickload fällt der Ton zum Beispiel komplett aus. Und man lädt in diesem Spiel
01:33verflucht oft. Und noch schlimmer, ein Plotstopper-Bug verhindert, dass ich die Kampagne
01:38weiterspielen kann. Ihr seht das hier, die Mission ist durch und wenn ich auf Nächste Mission klicke,
01:42dann lande ich im Hauptmenü. Die Missionsauswahl wird durch den Bug außerdem dauerhaft kaputt
01:47gemacht. Hier mussten die Devs mir sogar mit einem Savegame helfen. Außerdem gibt's diverse
01:52Fehler in der Kategorie, einzeln verschmerzbar in der Summe aber nervig. Soldaten glitschen
01:56durch Wände, die KI friert mal ein oder reagiert umgekehrt überempfindlich auf Geschehnisse,
02:00die sie eigentlich gar nicht sehen kann. Eine derart verbuggte Version bekommt ihr zum Glück nicht zu
02:11spielen. Direkt zum Release hat Commandos nämlich seinen Day-One-Patch bekommen und der fixt zumindest
02:15bei mir die gröbsten Schnitzer, also diesen Sound-Bug, den Plotstopper und so weiter. Die
02:21Community klagt auf Steam aber immer noch über diverse Probleme, vor allem Abstürze oder eben
02:26diese kleineren Patzer. Also selbst wenn die größten Klopper bei mir gefixt sind, solltet ihr euch
02:31immer noch auf ein holpriges Spielerlebnis einstellen. Und auch meine Version läuft noch nicht 100% rund.
02:36Also wer auf der sicheren Seite sein will, wartet noch ein paar Patches ab, aber zumindest lässt sich
02:48Commandos jetzt einigermaßen gut spielen. Also reden wir mal über das Spiel selbst, denn eigentlich ist
02:54Origins kein schlechtes Spiel, nur ein sehr spezielles. So, worum geht's denn nun in Commandos Origins? Origins
03:01strebt in jeder Hinsicht zurück zu den Wurzeln. Erneut geht's in die Schützengräben des zweiten
03:06Weltkriegs. Und mehr noch, ihr erlebt in Origins, wie sich die namensgebende Kommandotruppe als
03:11Spezialeinheit formiert. In dieser Vorgeschichte des Originals verkörpert ihr deshalb auch dieselben
03:16sechs Socken wie damals im ersten Teil. Den Green Beret, den Scharfschützen, den Pionier, den Taucher,
03:21den Spion, sowie den Fahrer. In seinen besten Momenten entfaltet die Story ein wenig Inglorious
03:27Bastards Charme. Wenn der Pionier den berüchtigten Green Beret beispielsweise aus einer britischen
03:31Zelle boxen muss, weil der Kerl seinem eigenen Vorgesetzten aufs Maul gehauen hat. Insgesamt
03:35fungiert die Story aber bloß als Rahmen. Von der richtigen Geschichte zu sprechen wäre eigentlich
03:40schon zu viel. Und das geht auch so in Ordnung. Schließlich ging es in Commandos nie um tragische
03:45Wendungen, sondern um spannende Szenarien. Und von denen bietet Origins glücklicherweise eine ganze
03:50Menge. Ich starte mitten in einer Belagerungsschlacht in Nordafrika, kämpfe mich im krassen Kontrastprogramm
03:56durch verschneite Außenposten im Polarkreis, überfalle bei Nacht eine Wüstenfestung, krieche
04:01durch den feuchtfröhlichen Morast der norwegischen Lofoten und so weiter. Klar, der Zweite Weltkrieg
04:07bleibt der Zweite Weltkrieg, also erwartet jetzt nicht die spielerische oder optische Vielfalt
04:11eines Shadow-Tactics oder Desperados. Die Kommandos sind Soldaten, sie infiltrieren Nazi-Festungen.
04:16Innerhalb dieses grau-braun-Szenarios kannst du halt eben nur so viel machen. Aber Origins holt doch
04:22erstaunlich viel aus dem mittlerweile sehr ausgeschlachteten Setting heraus. Insgesamt 14
04:26Missionen bietet das Spiel, an den meisten hockt ihr irgendwo zwischen 45 Minuten und zwei Stunden.
04:32Je nach Situation fühlt sich dieses Hocken unheimlich spannend an oder zäh wie Kaugummi.
04:38Kollege Fritz spielt ebenfalls gerade Kommandos Origins und adressiert den Elefanten im Raum,
04:46im Chat mit mir ziemlich treffsicher. Die Spiele von Mimimi Games haben uns nämlich verzogen.
04:51Kommandos Origins fühlt sich im Vergleich zu Shadow-Tactics und Desperados 3 sehr altmodisch
04:56an. Im Guten wie im Schlechten. Erst die Sonnenseite. Origins spielt sich wirklich wie Kommandos. Ich
05:03bewege mich mit ein paar Hanseln, tief hinter feindlichen Linien und muss in erster Linie mit
05:08Köpfchen, aber auch mit Timing die zahlenmäßige Überlegenheit zu meinen Gunsten drehen. Heißt
05:12konkret zum Beispiel als Spion in Wehrmachtsuniformen einen Offizier abzulenken, während der Pionier von
05:17hinten mit dem Messer kommt. Oder der Green Beret wirft so nebenbei eine Statue um. Oder ich
05:22positioniere meinen Scharfschützen auf einem Aussichtsturm und knipse wichtige Späher aus,
05:26damit mein Pionier Zäune durchtrennt und den Kollegen den sicheren Weg ebnet. Vor allem im
05:31Zusammenspiel aller Kommandos-Fähigkeiten fühlt sich das so klasse an wie eh und je.
05:36Aber Origins flutscht auch an keiner Stelle so wie ein Shadow Tactics. Mimimi hatte in seinen
05:46Spielen ein deutlich besseres Gespür für Spielfluss. Es wechselten sich beinharte,
05:50aber auch leichte Passagen häufiger ab. Kommandos Origins besteht jedoch, wie das große Vorbild von
05:551998, fast ausschließlich aus bockschweren Situationen, an denen ihr euch selbst auf dem
06:01mittleren der drei Schwierigkeitsgrade regelmäßig die Zähne ausbeißt. Der magte Serienveteranen jetzt
06:06sagen, ja gut, so funktioniert Kommandos eben, aber in ihren besten Momenten spielen sich
06:09Echtzeit-Taktik-Spiele eigentlich wie Sandkästen und nicht wie eine Abfolge linearer Kopfnüsse mit
06:14wenig Spielraum für Experimente. Ich will Areale von fünf Seiten angehen und diverse Skills kombinieren
06:20können, damit sich Erlösungsweg wirklich wie mein eigener anfühlt. Das neue Kommandos bietet das zwar,
06:25aber in zu wenigen Leveln. Deshalb macht Origins auch dann am meisten Spaß, wenn ich den Spion und
06:31den Taucher dabei habe. Beide verfügen über vielseitige … oh ne, jetzt ist ja wieder das
06:34rückwärts fährender Auto. Ich fasse es ja nicht. Also, sie verfügen über vielseitige Instrumente,
06:40können Wachen ablenken, aus Distanz töten, zum Beispiel mit der Harpune. Leider kann ich nie
06:45selbst bestimmen, welche Spezialisten ich pro Mission mitnehme. Im schlimmsten Fall erledige ich
06:49die halbe Map als Green Beret mit den immer gleichen Tricks. Das zieht sich teils wie Gummi, weil ich gefühlt immer
06:55nur den einen Weg suche, den die Game Designer vorgesehen haben. Auch hier bringt Kollege Fritz es
07:00auf den Punkt. Origins fühlt sich über weite Strecken ein bisschen überkonstruiert an. Mehr
07:04wie ein Rätselspiel als wie eine Stealth-Sandbox. Oder anders. In Shadow Gambit oder Desperados 3
07:10wechseln sich leichte Passagen mit Backsteinwänden ab, gegen die ich immer wieder anlaufe. Commandos
07:15Origins besteht fast nur aus solchen Backsteinwänden. Auch beim Drumherum bleibt Origins oldschool. Ihr
07:20erledigt keine Challenges, schaltet keine Fertigkeiten frei und optionale
07:24Missionsziele innerhalb der Aufträge, bringen euch nichts außer der Befriedigung,
07:27halt optionale Missionsziele erledigt zu haben. Origins hält es wie Spiele aus der PS2-Ära. Ihr
07:33findet ein paar Konzeptgrafiken innerhalb der Level und das war's. Ein paar Modernisierungen gibt's
07:39allerdings schon. Zum Beispiel den Zeitlupen-Modus wie in Shadow Tactics. Auf Tastendruck halte ich
07:43die Zeit an, gebe meinen Kommandos Befehle und kann sie dann zeitgleich ausführen. Etwa zwei Wachen
07:48simultan mäucheln. Und natürlich hat sich auch optisch ne Menge getan. Die Areale sind
07:56detailreich gestaltet, ihr könnt weit hineinzoomen, stufenlos zwischen drinnen und draußen wechseln.
08:01Und auch die Charaktermodelle sehen klasse aus, sofern sie nicht in Zwischensequenzen zu nahe an
08:06die Kamera rücken. Bei Gesichtsanimation und Co. kommt ein kleines Studio wie Claymore an dessen
08:11Grenzen. Aber mei, das ist jetzt ja auch nicht, worum es in Kommandos geht. Auch der Koop-Modus ist ne nette,
08:16wenn auch sehr spezielle Ergänzung. Zwei Leute können gemeinsam ne Map bearbeiten und sich abstimmen.
08:22Allerdings ist das sehr enge Level-Design des Spiels selten wirklich auf Koop ausgelegt. Gerade
08:27in den ersten Missionen dürfte Spieler 2 größtenteils Däumchen drehen, weil es für
08:32Pionier oder Scharfschütze einfach nix zu tun gibt, während der Green Beret die ganze Arbeit
08:36erledigt. Und dann gibt's auch immer noch Bugs. Hier steckt der Spion beispielsweise bei mir in
08:40ner Wehrmachtsuniform, aber bei Kollegin Natalie hat er keine an und kann deshalb keine Wachen ablenken und
08:46solche Sachen. Es gibt also einiges zu kritisieren am neuen Kommandos. Ein bisweilen sehr zäher
08:51Spielfluss, ein recht aufgesetzter Koop, außerdem natürlich die ganzen Bugs und Glitches. Aber in
08:57seinen besten Momenten macht es trotzdem ne Menge Spaß. Ich habe das Original Ende der 90er geliebt
09:02und bekomme hier ein Wiedersehen mit einem Spielgefühl, das Mimimi ganz bewusst nie
09:07adressiert hat. Also komplexes Spec Ops Spektakel im zweiten Weltkrieg. Gerade in den späteren Missionen
09:12entfaltet sich dann auch die taktische Vielfalt. Mit dem Spion und dem Scharfschützen entferne ich
09:16dann ganz gezielt Zahnräder aus dem Getriebe. Der Fahrer wirft sein Zigarettenpäckchen, um Leute
09:21aus besonders großer Distanz anzulocken. Mit Green Beret und Pionier stelle ich derbei Fallen auf,
09:26während der Taucher als Allzweckwaffe auch mal Duos im Alleingang plättet. Dieser Flow-Zustand kommt
09:32leider noch zu selten zustande, aber immerhin das Revival der altgedienten Kommandos-Truppe hätte
09:38auch deutlich schlechter ausfallen können.
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