00:04Marathon spaltet die Gemüter. Die einen sagen, wow, das ist wirklich mal ein einzigartiger Look.
00:10Für die anderen sieht das Ding aus wie Glücksbärchikotze. Die einen sagen,
00:14das ist ein richtig flotter, cooler Extractor-Shooter, der eine Nische besetzt,
00:18die Arc Raiders Tarkov und Co. noch nicht für sich erschließen. Andere sagen, dieser lahme Versuch,
00:25Trends hinterher zu laufen, wird der Untergang für Bungie sein. Also wird's Zeit, das mal ein
00:31bisschen für euch zu sortieren. Ich habe mich gemeinsam mit den Kollegen Paul, Phil, Nathalie
00:35und GameProTobi in die Welt von TauCeti 4 gestürzt, um euch bei der Entscheidung zu helfen, ob Bungies
00:4140-Euro-Shooter was für euch ist. Und um zu erklären, warum Marathon trotz all der Kritik
00:47im Vorfeld gerade bei 88% positiven Reviews auf Steam steht. Ich sag's gleich vorneweg,
00:53ich habe unglaublich viel Spaß mit Marathon, trotz der ganzen Probleme. Einer der ersten
00:58Pluspunkte dieses Spiels ist das extrem schaurige und einzigartige Setting. Jetzt gibt's ne kurze
01:04Geschichtsstunde, weil einige von euch es wahrscheinlich nicht wissen. Das neue Marathon
01:08ist nicht das erste Marathon-Spiel. Im fernen Jahr 1993, quasi kurz nach dem Untergang des Römischen
01:16Reichs, entwickelte Bungie die Shooter-Trilogie Marathon, damals exklusiv für Mech-Systeme. Und
01:22Marathon gilt völlig zu Recht als der Vorfahrt des späteren Halo. Ich mein, ihr kämpft als ein
01:28übermenschlich starker Mjölnir-Krieger gegen eine Allianz aus Alienvölkern um Superwaffen
01:33uralter Zivilisationen, während um euch herum künstliche Intelligenzen den Verstand
01:37verlieren. Jupp, die Parallelen sind mehr als deutlich. Marathon wird aber da spannend,
01:42wo es von Halo abweicht. Das neue Marathon spielt 100 Jahre nach dem allerersten Teil in den Ruinen
01:49der damaligen Weltraumkolonie auf dem fernen Planeten Tau-Seti IV. Die Marathon ist übrigens
01:55ein gigantisches Raumschiff, das aus einem Mond gemeißelt wurde und als Wrack im Orbit von Tau-Seti
02:01IV kreist. Weil Nachrichten im Weltraum ähnlich lange brauchen wie das WiFi der Deutschen Bahn,
02:06hat die Menschheit gerade erst von all den Katastrophen erfahren, die die Tau-Seti-Kolonie
02:10vor Jahrzehnten vernichtet haben. Deshalb werdet ihr von zig gesichtslosen Megacorporations darauf
02:16angesetzt, die Überreste dieser Kolonie auszuschlachten. Extraction-Shooter halt.
02:21Tau-Seti ist aber durch die ganzen Katastrophen mittlerweile so lebensfeindlich,
02:24dass kein Mensch dort länger als fünf Minuten überlebt, bevor ihm oder ihr buchstäblich
02:28der Kopf platzt. Deshalb ladet ihr euer Bewusstsein quasi in die Cloud hoch und transferiert es in
02:33sogenannte Shells, also Cyborgs, um damit sicher die Planetenoberfläche betreten zu können. Und
02:38diese Shells wiederum werden von Seidenraupen gesponnen. Euer Bewusstsein gehört jetzt also quasi
02:44den Megakonzern und das ist alles einfach wunderbar wild. Marathon erinnert mich sehr
02:49ans hervorragende Armored Core 6. Es ist eine völlig desolate Sci-Fi-Dystopie, in der ihr selbst
02:54keinen Körper besitzt und mit gesichtslosen KIs von gesichtslosen Konzernen um die besten
02:59Deals feilscht. Als Multiplayer-Shooter erzählt es erwartungsgemäß keine richtig stringente
03:04Handlung, erschafft aber so eine beklemmende Atmosphäre, die in den einzelnen Matches durch
03:08das fantastische Sounddesign zu einem echten Shower-Spektakel wird. Überall auf Tauseti
03:14hört ihr Schreie, dumpfe Explosionen, knarztige Lüftungsschächte, mysteriöse Geräusche.
03:19Lasst das hier nur mal kurz auf euch wirken. Das liefert so kein anderer Extraction-Shooter.
03:40Allerdings kommt hier auch das größte Problem von Marathon zum Tragen. Abseits einiger weniger
03:44Zwischensequenzen wird die Story in denkbar drögen Textfenstern präsentiert und die verstecken
03:49sich auch noch in irgendeinem Untermenü, das viele wahrscheinlich selbst nach 20 Stunden
03:53noch nicht gefunden haben.
03:55Informationen in Marathon sind wie die Steuergelder von Uli Hoeneß. Sie existieren, aber niemand
03:59weiß wo. Die Spielerführung ist fürchterlich. Die Menü ist eine Katastrophe. Und das sage
04:04ich als jemand, der mit Battlefield und Call of Duty in den letzten Jahren sehr viel Menüleid
04:08erfahren hat. Selbst nach über 20 Spielstunden werdet ihr euch manchmal denken, okay, wie komme
04:13ich jetzt von hier nochmal zu den Fraktions-Upgrades. Und wie geht's nochmal von hier zum Battle
04:18Part? Und wofür war instabile Maschinenbronze nochmal im Gegensatz zur genau gleich aussehenden
04:25instabilen Blei-Ressource?
04:26Um ein Questziel im Match zu finden, reicht es nicht einfach über den Journaleintrag zu
04:30hovern, sondern ihr müsst oft in die Unteraufgaben reinklicken, um überhaupt zu erfahren, wo ihr
04:35grob hin sollt. Und das bei einem Spiel, das durch seinen fremdartigen Artstyle ohnehin schon
04:40eine sehr steile Lernkurve hat. Ihr müsst schließlich erstmal pauken, wofür die ganzen
04:44Gegenstände gut sind, was die Waffen unterscheidet, welche Beute gut oder schlecht ist, was die
04:48einzelnen Shells können und und und. In einem Extraction-Shooter ist gute Lesbarkeit das
04:53A und O, weil ihr eben in Windeseile extrem viel, extrem schnell erfassen müsst, um beim
04:58Looten nicht kaputt geschossen zu werden. Marathon macht hier den Spieleinstieg buchstäblich
05:03zum Marathon. Habt ihr diese immens hohe Einstiegshürde aber mal genommen, dann macht Marathon endlich
05:10Klick. Und es macht so Klick, wie lange kein Shooter mehr bei mir Klick gemacht hat. Im
05:14Kern ist Marathon ein Extraction-Shooter für bis zu drei Leute pro Squad, mit starkem Fokus
05:20auf schnelle PvP-Gefechte. Und hier merkt man dann auch, dass Bungie sich vergraben unter
05:25all den Menüs durchaus sehr smarte Gedanken gemacht hat, wie die einzelnen Zahnrädchen
05:29ineinandergreifen müssen, um einen möglichst, äh, flutschigen Spielfluss zu ergeben. Eine Runde läuft
05:35nämlich in der Regel so ab. Erst wählt ihr bei einer der 6 Traktionen eine Mission, beispielsweise
05:40bestimmte Items zu extrahieren. Dann entscheidet ihr euch für eine der drei Maps. Dann rüstet
05:44ihr euch aus. Das ganze Gear-Game ist deutlich weniger komplex als bei Tarkov oder Arena Breakout,
05:50gut vergleichbar mit einem Arc Raiders. Ihr packt Schilde ein, Heil-Items, Knarren und
05:55Muni. Und wenn ihr ein bisschen mehr riskieren wollt, steckt ihr zusätzlich Ausrüstungskern in
05:59eurem Charakter, um Fähigkeiten zu verstärken und so weiter. Eine Besonderheit von Marathon sind die
06:03sogenannten Shells, also quasi eure Körper. Die haben, wie die Specialists oder Operatoren in
06:09anderen Shootern, Spezialfertigkeiten. Triage kann zum Beispiel seine Heiltrolle Timmy
06:13verschießen, der Destroyer packt ein Schild aus, der Assassine macht sich kurzzeitig unsichtbar und so
06:19weiter. Wer Rainbow Six oder Battlefield 2042 gespielt hat, trifft hier sehr viele altbekannte Ideen.
06:25Naja, und dann geht's rein. Im eigentlichen Gameplay kann Bungie das eigene Shooter-Genie
06:29dann so richtig entfalten. Ihr bewegt euch vergleichsweise flott über die Map,
06:33vielleicht nicht so flott wie in Apex, aber doch flott, und legt euch mit KI-Gegnern oder
06:38echten Menschen an. Die Schießereien spielen sich unheimlich befriedigend. Wer Destiny oder
06:43Halo gespielt hat, erkennt viele Waffenkonzepte wieder. Ihr ballert mit Battle Rifles, DMRs,
06:48Energiepistolen, Sturmgewehren, Schrotflinten, Snipern und so weiter. Jede Waffe hat klare Stärken und
06:54Schwächen, die sich durch optionale Mods nochmal anpassen lassen. Die Time2Kill trifft dabei in
06:59meinen Augen den perfekten Sweetspot aus, ihr fallt nicht sofort an einem Schusstod um und
07:04selbst mit dicken Schilden überlebt ihr keinen Flankenangriff. Das hält die Files dynamisch,
07:09denn selbst mit einem kostenlosen Below-Quick-Hit bin ich für meine Feinde eine Gefahr.
07:13In Arena Breakout rotze ich mit Level-1-Munition 20 Minuten auf einen schwergepanzerten Gegner,
07:18ohne eine Delle zu machen. Marathon schenkt sich solche Munitionslevel und Co., da merkt man,
07:23dass es auch kein Free-to-Play-Spiel ist und sich deshalb solche extrem harten Karotten sparen
07:28kann. Teure Schilde geben euch durchaus einen kleinen, aber deutlich spürbaren Vorteil,
07:33sind aber keine Game-Changer. Zumal die größte Gefahr im Marathon nicht immer von anderen Spielerinnen
07:37und Spielern ausgeht, denn alles auf diesem Planeten will euch tot sehen. Und meine Güte bekommt ihr das
07:43zu spüren. Die KI-Bots ballern rein wie eine Haubitze und je länger ihr auf der Map bleibt,
07:48desto tödlicher werden die Kollegen. Und dann gibt's darüber hinaus noch Geschütztürme, Giftfallen,
07:53Mörderzecken, Fliegende, ich saug dir deine Seele aus Drohnen, Sprengfallen, Bots mit Schilden,
07:59unsichtbare Bots, unsichtbare Bots mit Schilden und und und. Am Anfang dachte ich noch, okay,
08:05die KI ist einfach viel zu heftig, das müssen die noch drosseln. Mittlerweile bin ich mir da nicht
08:10mehr so sicher. Denn je länger ich Marathon spiele, desto mehr wird das KI-Management Teil des Spielspaßes.
08:15Hier bin ich zum Beispiel bei einem Squad auf Outpost, der dritten und bisher schwierigsten Map.
08:20Die ist saugefährlich, weil regelmäßig Feuer vom Himmel regnet und ich erst Schlüsselkarten
08:24erbeuten muss, um überhaupt in den wertvollen inneren Bereich dieser Basis zu gelangen. Und
08:29wenn ich da bin, muss ich mich gegen einen Ansturm von Bots verteidigen, während sich die Tür öffnet.
08:34Immer mit der Sorge im Hinterkopf, dass feindliche Teams das natürlich ausnutzen können und,
08:38naja, das fühlt sich einfach richtig, richtig klasse an. Ins Zentrum von Outpost vorzustoßen,
08:43ist ein absolutes Highlight, gerade weil alles so gefährlich ist. Auch abseits davon muss ich
08:48dauernd abwägen, wie viel ich riskieren will. Zum Beispiel kann ich hier einen Save knacken,
08:52dann spawnen aber ziemlich harte Gegner, während der Save über die ganze Map Krach verursacht. In
08:57diese Bots verballere ich dann unheimlich viel wertvolle Munition und meine noch wertvolleren
09:02Granaten. Aber als Belohnung kann ich dann live erleben, wie mein Kumpel Sunny mir hier die ganze
09:07Beute wegschnappt. Danke Sunny. Aber klar, diese heftigen Bots führen natürlich auch dazu,
09:12dass ihr manchmal einfach Pech habt. Viele Runs enden, weil euch die KI so hart auf die Pelle
09:16rückt, dass echte Menschen bloß die Früchte vom Bäumchen pflücken müssen. Oft ist auch nicht
09:20klar ersichtlich, wann Bots wo genau spawnen. Vielleicht kann Bungie hier zumindest noch ein
09:24bisschen nachbessern. Übrigens bleibt Marathon auch nach dem Match angenehm flott. Wertgegenstände
09:30werden automatisch verkauft, alles sortiert sich von selbst. Da könnte sich Arena Breakout ne dicke,
09:35dicke Scheibe von abschneiden. Wenn ihr Aufträge erledigt, levelt ihr außerdem bei den Fraktionen hoch und schaltet
09:40dadurch neue Perks und Upgrades frei. Das motiviert ungemein. Und auch performance-seitig läuft das
09:46Spiel sehr sauber. Bei uns haben insgesamt fünf Leute am Marathon gesessen und zusammen bestimmt
09:50über 100 Stunden ins Spiel gesteckt. Und wir hatten in all der Zeit einen einzigen Absturz, dessen
09:55Schaden sich dann dank Reconnect-Feature auch noch sehr in Grenzen hielt. Mit meiner RTX 3080 läuft
10:01das Ding in WQHD butterweich auf sehr hohen Einstellungen. GamePro-Kollege Tobi vermittelt
10:06auch auf den Konsolen eine sehr flüssige und konstante Bildrate. Und apropos Bild. Falls ihr
10:12euch wundert, warum ich den kontroversen Artstyle des Spiels bisher ausklammere, der ist einfach sehr
10:16schwierig zu bewerten, weil es dabei letztlich um persönliche Geschmäcker geht. Ich zum Beispiel
10:21liebe, wie fremdartig die Fraktionen mit ihrem Hacker-Punk wirken. Ich mag auch das Design der Maps,
10:27wo harsche Natur sich beißt mit den kalten, aber sehr farbigen Bauklötzen der Koloniegebäude.
10:32Marathon erschafft einen harschen Kontrast aus Leichen, Zerstörung, aus Untergang und dann auf
10:38der anderen Seite den grellen, bunten Farben. Manche Flur erinnern an Stanley Kubricks legendären
10:42Film 2001, andere ein bisschen an Alien und wieder andere an nichts, was ich so schon mal irgendwo
10:48gesehen hätte, was ja auch was Gutes ist. Das alles gefällt mir, aber dafür finde ich zum Beispiel
10:53die Designs der Shells, also eurer Spielfiguren, echt enttäuschend. Hier hätte Bungie so cooles
10:58Cyborg-Körper aller Ghost in the Shell erschaffen können und stattdessen sehen alle Shells irgendwie
11:03aus wie Balenciaga Models. Entsprechend lahm sieht auch der aktuelle Battle Pass aus mit ein paar
11:08alternativen Knarrenskins und Anhängern. Also ich habe nach dem Battle Pass von Battlefield 6 echt
11:13nicht gedacht, dass da noch Luft nach unten ist, aber Marathon liefert hier den Beweis. Ich meine,
11:18was ist das hier? Gezackte Absicht. Habe ich schon erwähnt, dass die deutsche Übersetzung von
11:22Marathon manchmal sehr daneben ist? Stell dir vor, du gibst echtes Geld aus und bekommst dann
11:27dafür gezackte Absicht. Naja, aber wie gesagt, das ist letztlich Geschmackssache. Ein paar in dicken
11:34Anführungszeichen objektive Herausforderungen bringt der Look von Marathon dann aber doch mit sich. Auf
11:38den Maps sehen sehr viele Gebäude sehr ähnlich aus, was es mir erschwert, klar zu erkennen, wo dies und
11:44wo jenes sein soll. Darüber hinaus herrscht überall ein noch sehr dichter Kriegsnebel, den Bungie in meinen
11:50Augen noch abschwächen muss. Ich verstehe den Vorteil, denn durch diesen Nebel pflückt euch anders als in
11:54Arena Breakout nicht dauernd irgendein Scharfschütze auf 200 Meter weg. Aber bei einem Spiel, das eh schon
11:59schwer lesbar ist, nervt es einfach, wenn ich dauernd die Augen zusammenkneifen muss. Die Maps sind generell
12:04noch so ein Thema. Die bisherigen drei Karten sind klasse, keine Frage. Auf Düstermoor kämpft ihr euch durch
12:10dichten Schlick, das Grenzland wechselt Gebirgspfade mit offenen Einrichtungen ab und hat in der Mitte so eine
12:15coole Data Wall, um die ihr herum manövrieren müsst. Und auf Outpost geht's richtig zur Sache.
12:20Aber nach über 20 Stunden hat man sich zumindest an den ersten beiden Karten ein bisschen satt
12:25gespielt. Einfach weil die Areale insgesamt etwas kompakter ausfallen als bei anderen Extractor-Shootern.
12:30Für den Spielfluss ist das sogar gut, aber Bungie wird hier wahrscheinlich zeitnah nachlegen müssen,
12:35um die Leute langfristig bei der Stange zu halten. Wirklicherweise ist für Ende März schon die vierte
12:39Map angekündigt Creo Archive, dann geht's endlich mal hoch ins eigentliche Raumschiff Marathon.
12:44Also, Marathon. Ein Spiel, das es euch gerade in den ersten Stunden definitiv nicht leicht macht,
12:50aber danach wirklich große Stärken entfaltet, sofern ihr Bock auf PvP-Action und Extraction-Shooter habt.
12:56Ob Bungie damit langfristig überlebt, wird die Zeit zeigen. Aktuell stehen die Spielerzahlen auf Steam
13:01bei soliden 70.000 gleichzeitig aktiven Spielerinnen und Spielern, aber wir wissen halt einfach nicht,
13:07welche Verkaufszahlen Marathon erreichen muss, um die Existenz des Studios zu sichern. Und genauso wenig wissen
13:12wir, ob Bungie die Leute langfristig halten und auch monetarisieren kann. Bisher ist der Shop
13:16eine ziemliche Gurke. Also, es bleibt spannend, aber zumindest gibt sich Bungie nicht so leicht
13:22geschlagen, wie manche Skeptiker ursprünglich vermutet haben.
Kommentare