- vor 2 Tagen
Abenteuer, Antike ,Mythologie
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00:00Und Mary Shelley war ja praktisch noch ein Teenager, als sie das Buch schrieb.
00:03Die Leute damals müssen sie für verrückt gehalten haben.
00:07Aber es war ihr Geniestreich, gerade weil es so extrem ist.
00:18Genf, 1816.
00:20Eine kleine Gruppe von Freunden kommt regelmäßig nachts zusammen, um sich Geistergeschichten vorzulesen.
00:26Mit dabei sind zwei der bedeutendsten Dichter der Romantik.
00:29Lord Byron und Percy Bysshe Shelley.
00:33Noch ist nicht abzusehen, dass die 18-jährige Mary, Shelleys zukünftige Frau, bald weltberühmt werden sollte.
00:44Die nächtlichen Treffen inspirieren Lord Byron zu einem berühmten Autorenwettstreit.
00:49Wer aus der Gruppe verfasst bis zum Ende des Sommers die schauerlichste Geschichte.
00:54Die junge Mary will beweisen, dass sie genauso viel schriftstellerisches Talent hat wie ihre Freunde.
01:03Sie fragten, ist dir schon was eingefallen? Es war furchtbar peinlich, aber ich musste Nein sagen.
01:10Mary stellt hohe Ansprüche an sich selbst, nicht zuletzt wegen ihrer berühmten Eltern.
01:15Mary Shelley war die Tochter von Mary Wollstonecraft, einer führenden Feministin ihrer Zeit, und des bekannten Philosophen William Godwin.
01:26Die Mutter starb kurz nach der Geburt am Kindbettfieber.
01:29Mary wuchs ohne Mutter auf.
01:34Marys Erziehung und Ausbildung lag in den Händen ihres Vaters, William Godwin.
01:41Godwin versammelte die bedeutendsten Philosophen, Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler seiner Zeit um sich.
01:48In Marys Elternhaus gingen Intellektuelle ein und aus und haben natürlich über die aktuellen Themen diskutiert.
01:54Und sie durfte immer dabei sein.
01:59Während sie aufwuchs, machte die Wissenschaft rasante Fortschritte, von denen auch Mary hörte.
02:08Während ihrer nächtlichen Treffen sprachen die Freunde nicht nur über Spukgeschichten,
02:12auch die neuesten Entdeckungen der Wissenschaft diskutierten sie in jenem Sommer.
02:18Eines Abends ging es um das umstrittene Experiment des italienischen Physikers Luigi Galvani,
02:23das gerade Schlagzeilen gemacht hatte.
02:27Galvani war Medizinprofessor an der Universität Bologna in Italien.
02:31Er war überzeugt, dass Lebenskraft und Elektrizität identisch seien.
02:37Er berührte das Bein eines toten Frosches mit einem geladenen Metallgegenstand und der Froschenkel zuckte.
02:44Daraus schloss er, dass elektrischer Strom die Gliedmaßen der Lebewesen bewegt.
02:54Das bekannteste Experiment dieser Art führte sein Neffe Giovanni Aldini durch.
03:00Er beschaffte einen Leichnam aus dem Newgate-Gefängnis in London und brachte ihn in den Operationssaal.
03:07Dann traktierte er ihn mit starken Stromstößen, bis er die Augen auf- und zumachte, die Hand hob und sich
03:13beim stärksten Stromstoß sogar aufsetzte.
03:16Auf diesem aufsehenerregenden Experiment beruht Mary Shelley's Roman.
03:24Galvani hat gezeigt, dass es Bioelektrizität gibt und dass sie zum Beispiel Muskeln zucken lässt.
03:34Er hat erkannt, dass eine Stromspannung an einem Muskel eine Bewegung hervorruft.
03:45In gewissem Sinne sind wir elektromechanische Apparate.
03:50Elektrizität strömt durch unsere Nervenbahnen und so können wir uns bewegen und mit unserem Gehirn Dinge wahrnehmen.
03:59In ihrer Geschichte spinnt Mary diese unheimlichen Experimente weiter und sie entwickelt ihre Hauptfigur.
04:06Es ist ein junger Wissenschaftler, sein Name Dr. Victor Frankenstein.
04:15Genauso entsteht Science Fiction.
04:17Man nimmt den aktuellen Forschungsstand und fragt sich, was wäre, wenn?
04:22Mary Shelley hat also Science Fiction geschrieben.
04:24Vor ihr gab es zwar auch schon Grusel und Abenteuergeschichten, sie bezogen sich aber nie auf aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse.
04:34Im Buch beobachtet Victor Frankenstein, wie ein Blitz in eine riesige Eiche einschlägt und sie spaltet.
04:40Diese Kraft beeindruckt ihn und er beginnt mit Blitzen zu experimentieren.
04:46Als er an die Universität von Ingolstadt kommt, sucht er sofort den Professor auf, der mit Elektrizität experimentiert und erfährt,
04:57wie sie mit dem Leben zusammenhängt.
05:00Die medizinische Forschung kann heute bestätigen, was Mary Shelley vor fast 200 Jahren geschrieben hat.
05:06Elektrizität ist tatsächlich unverzichtbar für das Leben.
05:11Niemand weiß das besser als Professor Reggie Edgerton.
05:14An der Universität von Kalifornien in Los Angeles hat er eine Methode entwickelt, die möglicherweise Lähmungen heilen kann.
05:23Im Körper findet man Elektrizität hauptsächlich im Nervensystem.
05:27Die unterschiedlichen Hirnregionen senden elektrische Signale bis in die Muskeln, die sich daraufhin zusammenziehen.
05:38Elektrizität zu nutzen, um abgestorbenen Nerven wiederzubeleben.
05:42Zu Shelley's Zeiten war das reine Fantasterei.
05:45Heute aber zeigen Professor Edgertons Tierversuche, dass diese Idee Realität werden kann.
05:52Wir wollen herausfinden, wie wir das Rückenmark ansprechen können.
05:58Daher machen wir Tests mit Ratten, während sie sich bewegen und im Ruhezustand.
06:03Wir haben zum Beispiel herausgefunden, dass die Hinterläufe ihre Befehle nicht nur aus dem Gehirn bekommen, sondern zu einem großen
06:10Teil aus dem Rückenmark.
06:12Wenn man das Rückenmark heraustrennt und es in einer Schale elektrisch stimuliert, zeigt es ein Muster, als würde die Ratte
06:18laufen.
06:23Edgerton und sein Team implantieren den Ratten Elektroden, um mehr über die Lernfähigkeit des Rückenmarks herauszufinden.
06:33Wir setzen der Ratte Elektroden ein, um elektrischen Strom an verschiedenen Stellen des Rückenmarks zu leiten.
06:39Das löst bestimmte Bewegungen aus.
06:42Diese Kombination von Elektroden und gleichzeitigem Training kann helfen, eine Lähmung zu überwinden.
06:51Aber ist dieses Verfahren, das bei gelähmten Ratten funktioniert, auf den Menschen übertragbar? Rob Summers will das herausfinden.
07:00Meine Geschichte begann vor fünf Jahren. Ich spielte Baseball für das Oregon State College.
07:06Ich war drauf und dran, meinen Traum zu verwirklichen und Profispieler zu werden.
07:11Seit ich zwölf Jahre alt war, hatte ich daran gearbeitet.
07:15Aber dann kam der 12. Juli 2006.
07:18Ich stand am Ende der Einfahrt und wollte meine Sportsachen aus dem Auto holen, da wurde ich von einem Auto
07:23erfasst.
07:24Ich flog über die Motorhaube und brach mir das Genick.
07:27Seitdem bin ich von der Brust abwärts gelähmt.
07:32An der Universität von Louisville, Kentucky, hat sich Rob seitdem mehr als 80 Rückenmarkstimulationen unterzogen.
07:39Eine Technik, die Professor Edgerton und seine Kollegen bisher nur an Ratten erprobt hatten.
07:47Bei einer Operation wurden mir im unteren Rücken Elektroden eingesetzt, die zum Rückenmark führen.
07:53Nachdem mein Rückenmark drei Tage stimuliert wurde, konnte ich mit dem Gurt allein auf dem Laufband stehen, ohne dass mir
07:58jemand helfen musste.
07:59Zum ersten Mal nach vier Jahren.
08:01Wenn er versucht zu stehen, aktivieren wir sowohl das Gehirn als auch das Rückenmark.
08:07Und wie es scheint, versuchen sich die beiden nach einer Weile aufeinander abzustimmen.
08:17Jeden Tag schalte ich mit einem Handgerät den Stimulator ein und übe frei zu stehen, bis zu anderthalb Stunden lang.
08:29Als wir mit den Tests anfingen, waren wir ein bisschen überrascht, wie schnell er stehen konnte.
08:34Wir hatten ja keine Erfahrungswerte, denn wir hatten das ja noch nie mit jemandem gemacht, der vollständig gelähmt war.
08:45Ich denke, dass ich in einem Jahr ein paar Schritte gehen kann, in fünf Jahren mit einem Stock oder sogar
08:50ganz normal.
08:52Ich weiß, der Weg wird hart, aber ich habe ein Ziel und meine Ziele erreiche ich auch.
09:01Dieser medizinische Fortschritt wäre undenkbar ohne die Erkenntnisse der Wissenschaftler vor 200 Jahren.
09:12Sommer 1816.
09:14Die junge Mary ist von diesen neuen Forschungsergebnissen fasziniert.
09:18Aber immer noch sucht sie händeringend nach einer Idee für Lord Byrons Wettstreit.
09:26Mary wusste nicht, wie sie anfangen sollte.
09:30Sie wollte ihrer verstorbenen Mutter gerecht werden und ihren Vater nicht enttäuschen.
09:37Doch dann, in einer Sommernacht, kam ihr die zündende Idee.
09:41Im Traum vermischten sich die alten Geistergeschichten mit der modernen Wissenschaft.
10:00Ich sah den bleichen Schüler dunkler Künste vor diesem Ding knien, das er geschaffen hatte.
10:12Da lag das schauerliche Abbild eines Mannes.
10:15Und dann, wie von einer geheimnisvollen Maschine angetrieben, bewegte er sich plötzlich.
10:27Und so entstand in dieser Nacht die Legende von Frankenstein.
10:32Jetzt habe ich es gefunden. Wenn ich mich fürchte, werden sich die anderen auch gruseln.
10:39Mary Shelley fängt an zu schreiben.
10:41Und ihre düstere Geschichte hat viel mit ihrem eigenen Leben zu tun.
10:48In Shelleys Leben kreiste im Grunde alles um ihre Geburt, denn ihre Mutter starb, kurz nachdem sie Mary zur Welt
10:54gebracht hätte.
10:55Dieser Gedanke war für Mary Shelley ständig präsent.
10:58Tief im Inneren glaubte sie wohl, dass Geburt und Schöpfung zerstörerisch sein können.
11:07Als Kind suchte sie oft Zuflucht auf dem Friedhof, um mit dem Geist ihrer toten Mutter in Kontakt zu treten.
11:15Sie hat dann ihrer Mutter von ihren Wünschen und Träumen erzählt. Das war für sie sehr wichtig.
11:25Sie war wie besessen von ihrer Mutter und las alles, was diese je geschrieben hatte.
11:30Sie nahm die Texte auch mit auf den Friedhof.
11:33Vielleicht hat sie versucht, auf diese Weise über den Verlust der Mutter hinwegzukommen.
11:39Viele ihrer eigenen Erfahrungen ließ Mary Shelley in das Leben Victor Frankensteins einfließen.
11:47Im Roman ist Victor Frankenstein besessen vom Tod. Seine Mutter stirbt, kurz bevor sein Studium beginnt.
11:53Er hatte ein sehr enges Verhältnis zu ihr und war am Boden zerstört.
11:57Also macht er es sich zur Lebensaufgabe, die Toten wieder zum Leben zu erwecken.
12:03Frankenstein erschuf seine Kreaturen aus Leichenteilen, die er aus Schlachthäusern und von Friedhöfen bekam.
12:09Letzteres könnte von Marys häufigen Besuchen am Grab der Mutter inspiriert sein.
12:15Mary Shelley weiß, dass man von den Toten viel über das Leben lernen kann.
12:24Damals brauchten Ärzte Leichen, um etwas über Anatomie zu lernen.
12:28Deshalb wurden Männer beauftragt, gerade frisch bestattete Leichen auszugraben.
12:34Und ich glaube, sie will damit auch sagen, Frankenstein handelt nicht verwerflich, wenn er versucht, Tote wieder lebendig zu machen.
12:41Frankenstein ist nicht falsch, um die Toten zu bekommen und versuchen, sie wieder lebendig zu machen.
12:48Craig Harvey ist Schäffermittler in der Rechtsmedizin von Los Angeles.
12:52Er weiß, wie nah Leben und Tod beieinander liegen, denn in seinem Job gehört der Tod zum Alltag.
13:01Die Leichen kommen durch die sogenannte Laderampe in die Rechtsmedizin.
13:09Wir messen und wiegen sie und bringen sie dann in den Untersuchungsraum.
13:19Dort fotografieren wir jede Leiche von oben, um ihren Zustand zu dokumentieren.
13:24Dann nehmen wir Fingerabdrücke und bis zur genaueren Untersuchung lagern wir sie im Kühlraum.
13:34Menschen sterben auf unterschiedlichste Weise, aber der Tod selbst ist bei allen gleich.
13:42Wir unterscheiden zwischen dem somatischen und dem molekularen Tod.
13:46Der somatische Tod ist der klinische Tod, also der Stillstand der Atmung, der Blutzirkulation und der Gehirnaktivität.
13:56Der molekulare Tod ist der Prozess der Verwesung.
14:02Manchmal bewegt sich ein Körper nochmal, ausgelöst von den letzten Impulsen des Gehirns.
14:06Aber das lässt nach, wenn kein Signal mehr kommt.
14:14Harvey veranschaulicht diese letzten elektrischen Signale des Gehirns mit einem einfachen Versuch.
14:22Dieser wassergefüllte Ballon stellt das menschliche Gehirn dar.
14:26Die Schnapsgläser mit den Leuchtdioden sind die Gliedmaßen.
14:29Rechter Arm, linker Arm, rechtes Bein.
14:32Wenn ich den Ballon jetzt ansteche, leuchten die Gläser auf.
14:36Das veranschaulicht die Impulse, die das Gehirn sendet.
14:41Laufen, Bein heben, Arme heben und so weiter.
14:44Wenn man nun den Ballon, also das Gehirn, zum Klatzen bringt, hört es auf zu arbeiten.
14:50Es sendet keine Signale mehr an die Gliedmaßen.
14:53Aber wenn sich ein Körper jetzt trotzdem noch bewegt, nachdem Herz und Hirn aufgehört haben zu arbeiten, ist er dann
15:00wirklich tot?
15:02Möglicherweise ist die Grauzone zwischen Leben und Tod größer als wir denken.
15:13In dieser Grauzone können Teile der Leiche aber wieder zum Leben erweckt werden, indem Ärzte sie anderen Patienten einpflanzen.
15:24Nach dem Tod kann man dem Körper Organe entnehmen.
15:27Für so eine Organentnahme müssen zwei Ärzte den Hirntod festgestellt haben.
15:32Und dann ist er noch die Gewebeentnahme, also von Haut, Röhrenknochen, Herzklappen oder Augenhornhaut.
15:39Das geht bis zu zwölf Stunden nach dem Tod.
15:49Als Mary Shelley im frühen 19. Jahrhundert darüber schrieb, war der Gedanke, dass irgendjemand Körperteile zusammennähte, völlig makaber und abscheulich.
15:58Heute dagegen gehören Transplantationen zum Alltag.
16:03Die erste dauerhaft erfolgreiche Handtransplantation fand erst 1999 in den USA statt.
16:14Gliedmaßen zu transplantieren ist sehr schwierig.
16:18Eine fremde Hand so anzusetzen, dass sie richtig greifen kann, dass der Tastsinn wiederkommt, also Nerven und Gewebe so miteinander
16:26zu verbinden, dass die Hand funktioniert wie eine normale, gesunde Hand, das ist äußerst kompliziert.
16:36Aber schon vor 200 Jahren hat Mary Shelley beschrieben, wie Victor Frankenstein Leichenteile zusammennäht.
16:45Mary Shelley wusste nicht genau, wie solche Experimente abliefen.
16:49Aber sie wusste, das, was ihr Held vorhatte, war nach damaligem Forschungsstand zumindest theoretisch möglich.
16:57Als Mary Shelley Frankensteins Experiment beschreibt, wird ihr bewusst, welche Gefahr darin liegt.
17:03Wenn der Mensch künstliches Leben erschaffen kann, wie will er die Kontrolle darüber behalten?
17:12Der Friedhof von St. Pancras, London, 1812, vier Jahre vor jenem schicksalhaften Sommer in Genf.
17:20Die junge Mary leidet schwer darunter, dass sie ihre Mutter nie kennenlernen konnte und dieser Schmerz beeinflusst sowohl ihre Arbeit
17:27als auch ihr Leben.
17:31Marys Vater, William Godwin, heiratete wieder, als sie fünf Jahre alt war.
17:35Aber mit der Stiefmutter gab es ständig Streit.
17:41Als Mary 16 war, brannte sie mit dem noch verheirateten Percy Shelley durch und wurde schwanger.
17:46Mit 17 brachte sie eine kleine Tochter zur Welt.
17:49Das Baby starb nach nur zwei Wochen. Es war eine Frühgeburt.
17:56Mary war zutiefst erschüttert.
18:00Nach dem Tod ihres Babys hatte Mary Shelley einen wiederkehrenden Traum, den sie in ihrem Tagebuch festhielt.
18:07Mein kleines Baby lebte wieder. Es war nur kalt geworden.
18:11Ich rubbelte es am Feuer warm und es lebte.
18:15Dann wache ich auf und es ist kein Baby da.
18:18Dieses Motiv, das tote Kind durch Feuer wieder lebendig zu machen, verwendet sie auch in ihrem Roman.
18:24Viktor Frankenstein erweckt seine Kreatur mit einem Zitat, Lebensfunken.
18:33Ein Jahr nach dem Tod ihres Kindes tut ihr Roman, hält das, was Mary sich selbst so sehr wünscht.
18:39Er weckt Tote zum Leben.
18:43Das ist der Wunsch, A, von den Toten zurückkehren zu können und B, mehr Kontrolle über unser eigenes Schicksal zu
18:50haben.
18:50Wenn wir nur mächtiger wären, wenn wir nur nicht sterben müssten.
18:55In einer kalten Winternacht nach unzähligen Versuchen gelingt Viktor Frankenstein das Unglaubliche.
19:01Seine Kreatur öffnet die Augen.
19:10Es ist die erste Geschichte, in der ein Mensch einen anderen Menschen erschafft, ohne eine Frau oder einen göttlichen Eingriff.
19:21Mary Shelley hat mit dieser Vision literarisches Neuland betreten und ganz nebenbei einen völlig neuen Literaturzweig begründet.
19:31Ich denke, Science-Fiction-Autoren spielen Gott, wenn sie fremde Welten erschaffen.
19:36Sie nehmen die Rolle des Schöpfers eines Universums an.
19:41So ist es auch beim Frankenstein-Thema.
19:47In Shelley's Roman überlegt Viktor Frankenstein zunächst, wie groß sein Geschöpf werden soll.
19:55Viktor Frankenstein beschließt, sein Geschöpf überlebensgroß zu machen, da er glaubt, es wäre einfacher, mit größeren Teilen zu arbeiten.
20:03Aus Menschen und Tierknochen, die er von Friedhöfen und aus Schlachthäusern bekommt, setzt er also ein fast zweieinhalb Meter großes
20:11Wesen zusammen.
20:12Er erschafft ein Monster, das deutlich größer ist als ein normaler Mensch.
20:21Frankenstein versucht, aus den Körperteilen erwachsener Menschen ein neues Lebewesen zu erschaffen.
20:27Die Forscher des Humangenom-Projekts hingegen wollten entschlüsseln, wie Leben auf molekularer Ebene entsteht.
20:38Das Humangenom-Projekt war ein auf mehrere Jahre angelegtes internationales Forschungsprojekt mit dem Ziel, die gesamte menschliche Erbinformation zu entschlüsseln.
20:48Dafür mussten sämtliche 3,2 Milliarden Basenpaare der menschlichen DNA bestimmt werden, also jeder einzelne Baustein unseres Erbguts.
21:02Jetzt wissen wir zwar, wie die Gene aussehen und wie wir sie neu anordnen können, aber ihre genaue Funktion kennen
21:09wir immer noch nicht.
21:11Die Funktionen der einzelnen Gene versuchen die Forscher nun nach und nach herauszubekommen und erwarten davon umwälzende Erkenntnisse.
21:19Unser Verständnis vom Leben wird sich ändern und auch wie wir forschen.
21:24Vielleicht stellen wir fest, dass wir manche Zusammenhänge doch noch nicht verstanden haben, weil vieles möglicherweise noch komplexer ist als
21:30angenommen.
21:33Die Forscher wissen jetzt, wie Leben natürlich entsteht.
21:37Aber können sie es mit diesem Wissen auch künstlicher schaffen?
21:42Glaubt man einigen Wissenschaftlern, geschieht das bereits.
21:45Im Mai 2010 gab der Biochemiker und Unternehmer J. Craig Venter bekannt, dass er und sein Team die weltweit erste
21:54künstliche, sich selbst vermehrende Bakterienzelle geschaffen hatten.
22:00Künstliches Leben, vom Menschen geschaffen und im Labor zum Leben erweckt.
22:06Sie haben ein DNA-Molekül hergestellt, das aufgebaut ist wie die Erbinformation einer Bakterie.
22:12Das Molekül haben sie in eine Zelle ohne Erbinformation eingepflanzt.
22:17Das synthetische DNA-Molekül hat die Zelle übernommen und bestimmt nun, was aus ihr wird.
22:25Solche künstlichen Lebensformen könnten in Zukunft vielfältig eingesetzt werden.
22:29Wenn wir verstehen, wie ein Organismus funktioniert, können wir ihn auch künstlich herstellen und mit bestimmten genetischen Merkmalen ausstatten,
22:38damit er etwa Proteine für einen Impfstoff herstellt oder Kohlenwasserstoff zur Energiegewinnung.
22:46Aber ist der Organismus von Craig Venter wirklich ein Lebewesen?
22:50Das hängt davon ab, wie man Leben definiert.
22:59Wir kennen einige Eigenschaften des Lebens, zum Beispiel Fortpflanzung und Stoffwechsel.
23:06Und dann gibt es Grauzonen wie bei den Viren.
23:09Die vermehren sich und verbrauchen Energie, aber nur als Parasiten.
23:14Eine allgemein anerkannte Definition von Leben gibt es bis heute nicht.
23:23Victor Frankenstein hat nicht nur irgendein Lebewesen hervorgebracht, seine Kreatur war intelligent.
23:29Das Wesen ist extrem intelligent.
23:32Es versteht, was passiert und ist sich sogar bewusst, dass es anders aussieht als alle anderen.
23:39Mary Shelley's Vision erscheint heute prophetisch.
23:43Fast 200 Jahre später machen Supercomputer dem Menschlichen ihren Konkurrenz.
23:48Aber wie verändert sich unsere Welt, wenn Computer irgendwann wirklich intelligenter werden als Menschen?
24:02Anfangs dachte Frankenstein, dass er zum medizinischen Fortschritt beitragen würde, wenn er künstliches Leben erschaffen könnte.
24:12Also experimentierte er mit einem Leichnam und versuchte ihm irgendwie Leben einzuhauchen.
24:19Wenn mir als Forscher sowas gelingen würde, würde ich auch weitermachen, klar.
24:26Aber das kann natürlich auch aus dem Ruder laufen.
24:30Und das ist Frankenstein passiert.
24:33Totaler Wahnsinn.
24:35Er hat einen Monster erschaffen.
24:40Mary Shelley's Kreatur ist halb tot, halb lebendig.
24:45Eine Art Zwischenwesen.
24:47Und das fasziniert uns.
24:50Man fragt sich, warum Frankenstein plötzlich mit dem Wesen, das er erschaffen hat, nichts mehr zu tun haben will.
24:56Denn als es schließlich zum Leben erwacht, ist Frankenstein entsetzt.
25:00Er will die Verantwortung für seine Schöpfung nicht übernehmen und läuft davon.
25:05Das Wesen muss die Welt ganz allein entdecken.
25:11Zuerst ist das Wesen vollkommen naiv, aber innerhalb weniger Monate entwickelt es einen ausgeprägten Verstand.
25:20Sprechen, Lesen und Schreiben erlernt das Wesen, indem es eine Familie beobachtet.
25:25Auch Mary bekam vieles nebenbei mit.
25:28Seit sie klein war, hatte sie ständig den Erwachsenen zugehört.
25:36Heimlich beobachtet Mary Shelley's Monster die Familie und lernt schnell sprechen.
25:42Seine ausgeprägte Lernfähigkeit weist auf eine Zukunft voraus, in der künstliche Intelligenz die des Menschen überflügelt.
25:54Aber sind wir heute im 21. Jahrhundert vielleicht schon an diesem Punkt angekommen?
26:01Die Antwort kennt möglicherweise Charles Peck.
26:07Ich versuche zu verstehen, wie das Gehirn arbeitet, um Wissenschaft, Medizin und Technologie voranzutreiben.
26:16Mithilfe von Supercomputern erforscht das Team um Peck die komplexen Funktionsweisen des Gehirns.
26:24Um herauszufinden, wie das Gehirn arbeitet, werten wir neurowissenschaftliche Daten aus.
26:30Aber das Gehirn ist derart komplex, dass es auch mit modernster Technik äußerst schwierig ist, die Abläufe zu verstehen.
26:39Da sich das Gehirn ständig verändert, ist es so kompliziert, es zu erforschen.
26:44Und man kann nur schwer die Regeln verstehen, wenn sich diese möglicherweise durch unsere Manipulationen verändern.
26:53Das Ziel des Projektes ist es, das weltweit erste künstliche Gehirn zu erschaffen und es lebendig werden zu lassen.
27:02Die Forscher experimentieren aber erstmal mit etwas weniger Komplexen, dem Hirn einer Ratte.
27:08Genauer gesagt seiner Basiseinheit einer einzelnen kortikalen Säule.
27:14Diese Säulen bilden ein Netzwerk von Nerven, aus dem 90 Prozent der Oberfläche des Großhirns besteht.
27:20Wenn die Forscher verstehen, wie dieser sogenannte Neokortex von Ratten arbeitet,
27:25könnten sie herausfinden, wie dieses Hirnareal beim Menschen funktioniert.
27:31Der Neokortex ist an fast allen menschlichen Funktionen beteiligt.
27:35An unserem Bewusstsein, wenn wir uns erinnern, planen, etwas wahrnehmen oder uns in bestimmter Weise verhalten.
27:42Deswegen müssen wir verstehen, wie er funktioniert.
27:46Die Simulation übernimmt der IBM-Supercomputer Blue Gene.
27:51Um zu erfassen, wie die einzelnen Nervenzellen zusammenwirken, wird Blue Gene mit dem Rattenhirn verbunden.
28:03Elektroden identifizieren und messen bestimmte Nervenzellen und übertragen die Daten aus dem Hirngewebe der Ratte.
28:16Zusätzlich zu diesen Messdaten hält Blue Gene auch die Geninformationen der betreffenden Nervenzelle und analysiert diese.
28:25Tausende solcher kortikalen Säulen und ihr Zusammenspiel im Rattenhirn muss Blue Gene analysieren,
28:31bevor Dr. Peck und sein Team anfangen können, ein künstliches, menschliches Gehirn zu konstruieren.
28:37Wenn wir alle Modelle, alle Parameter und Schaltkreise genau aufeinander abstimmen, zeigt das Modell tatsächlich, was in einem echten Gehirn
28:47abläuft.
28:48Die Forscher hoffen, durch die Simulation des menschlichen Gehirns die komplexen Vorgänge unseres Bewusstseins besser zu verstehen.
28:56Es könnte die Forschung über Wahrnehmungsstörungen und psychische Erkrankungen vorantreiben.
29:05Bewusstsein und Gedanken werden immer realistischer nachgebildet.
29:09Wie weit ist es dann noch, bis künstliche Intelligenz ein menschliches Bewusstsein entwickelt?
29:15Ist es denkbar, einen Computer mit einem Programm auszustatten, das all diese Funktionen ermöglicht?
29:22Wahrscheinlich schon.
29:25Mary Shelley's Geschöpf ist äußerst intelligent und sich seiner selbst bewusst, aber gerade das wird ihn zum Verhängnis.
29:35Anfangs begegnet es jedem Menschen freundlich, aber alle ergreifen entsetzt die Flucht.
29:40In seiner unfreiwilligen Isolation entwickelt es sich immer mehr zum Monster.
29:46Der Roman stellt also die These auf, dass die Menschen es erst dazu machen und dass sie die wahren Monster
29:53sind.
29:57Mary Shelley wusste sehr genau, was es heißt, ein Außenseiter zu sein und übertrug ihren Seelenschmerz auf ihre Charaktere.
30:06Sie fühlt sich zurückgewiesen, ihre Kreatur auch. Sie wäre lieber besser und ganz anders aufgewachsen.
30:13Das wirft das Monster auch Frankenstein vor.
30:16Mary Shelley schreibt also über sich selbst.
30:18In Mary Shelley's prophetischen Werk nutzt Viktor Frankenstein die damalige Technologie, um sein Geschöpf zu erschaffen.
30:25Heute, fast 200 Jahre später, macht die Gentechnologie so große Fortschritte, dass wir nur noch wenige Schritte davon entfernt sind,
30:32unsere Kinder nach unseren Vorstellungen zu designen, mit unabsehbaren Folgen.
30:40Albion House, nordwestlich von London, Frühjahr 1817.
30:45Mary Shelley's erster Roman ist fast fertig.
30:48Er trägt den Titel Frankenstein oder der moderne Prometheus.
30:52Mary Shelley nimmt eindeutig Bezug auf den Prometheus-Mythos.
30:59Prometheus brachte den Menschen das Feuer.
31:03Dadurch unterscheiden wir uns von den Tieren.
31:05Aber Feuer kann auch enorme Schäden und großes Unheil anrichten, wenn wir ganze Wälder niederbrennen.
31:15Mary war fasziniert von Prometheus, denn er hatte die Menschheit vorangebracht.
31:20Das wollte auch ihr Viktor Frankenstein.
31:23Die heutigen Genforscher wollen die Menschheit aber nicht nur voranbringen, sondern perfektionieren.
31:30Die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts war für uns Mediziner ein absoluter Durchbruch.
31:35Mit dem genetischen Code haben wir jetzt einen detaillierten Plan, durch den wir immer besser verstehen,
31:40was uns zu den Menschen macht, die wir sind.
31:43Und auch, wie wir den Code manipulieren können.
31:48Fortpflanzungsmediziner Dr. Jeffrey Steinberg wendet das sogenannte PID-Verfahren an, um zu gewährleisten, dass Eltern gesunde Kinder bekommen.
31:57PID, also Präimplantationsdiagnostik, ist die genetische Untersuchung menschlicher Embryos, die durch künstliche Befruchtung entstanden sind.
32:07Das heißt, wir können eine genetische Prognose, eine genetische Diagnose stellen, noch bevor der Embryo überhaupt eingepflanzt wird.
32:16Früher haben wir nur nach Krankheiten gesucht, die von einem einzigen anormalen Gen ausgelöst werden.
32:21Das ist viel mehr geworden, da wir jetzt jedes Chromosom anschauen können.
32:28Dank dieses Verfahrens kann man heute viele lebensbedrohliche Krankheiten im Vorfeld erkennen.
32:34Momentan sind wir bei etwa 450 Krankheiten.
32:37Und je mehr neue Informationen wir über andere Krankheiten erhalten, umso mehr können wir untersuchen.
32:44Aber das PID-Verfahren kann viel mehr als nur Krankheiten aufdecken.
32:52Die geläufigste und im Prinzip einfachste Anwendung von PID dient der Geschlechtsbestimmung.
32:57Vor ein paar Jahren waren wir so weit, dass wir die Augen- und Haarfarbe bestimmen konnten.
33:02Irgendwann werden wir wissen, wie groß, wie schwer und wie sportlich ein Kind sein wird, welchen Hautton es bekommt und
33:09ob es eine schöne Stimme haben wird,
33:11falls die Eltern möchten, dass ihr Kind gut singen kann.
33:14Wir können immer mehr Merkmale erkennen.
33:17Irgendwann werden es Hunderte sein.
33:21Von seinem Schöpfer verstoßen, irrt Frankensteins Monster durch die Welt, aber die Menschen wollen nichts von ihm wissen.
33:28Schließlich kehrt es zu Frankenstein zurück und verlangt, er solle ihm eine Gefährtin erschaffen.
33:37Zum ersten Mal fühlt sich Viktor Frankenstein verantwortlich für sein Geschöpf und beginnt, ein weibliches Wesen für ihn zu erschaffen.
33:45Aber mittendrin hört er plötzlich auf, denn er befürchtet, sie könnte bösartiger werden als ihr Gefährte.
33:52Zehntausendmal bösartiger, wie er sagt.
33:54Und das Schlimmste, sie könnte sich fortpflanzen.
33:57Aus Angst, noch mehr Schaden anzurichten, trifft Frankenstein eine weitreichende Entscheidung.
34:03Er zerstört sein weibliches Geschöpf.
34:09Er kann sie nicht vollenden, weil sie Kinder zeugen und eine neue Rasse hervorbringen würden.
34:15Eine schreckliche Vorstellung.
34:20Frankenstein steht heute für Fortschritt, der Außerkontrolle gerät.
34:26Ein Monster, das alles vernichtet, kann man als Frankenstein-Motiv bezeichnen.
34:33Frankenstein steht für das, was passiert, wenn wohlmeinender Forscherdrang zur Katastrophe führt und die Technologie zurückschlägt.
34:42Aber wollte Mary Shelley uns das wirklich sagen?
34:47Ich denke, sie meinte, es ist okay, ein neues Wesen zu erschaffen, aber nur, wenn man dann auch die Verantwortung
34:53übernimmt.
34:57Heutige Wissenschaftler müssen Rechenschaft über ihre Forschungen ablegen.
35:01So soll ein verantwortungsbewusstes Verhalten gewährleistet werden.
35:06Die meisten Institutionen haben eigene Aufsichtsgremien, die Vorschläge bewerten und untersuchen, ob die Wissenschaftler die Risiken so gering wie möglich
35:14halten.
35:15Ethik ist ja im Grunde nichts anderes, als Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu tragen.
35:23Viktor Frankenstein hatte die besten Absichten.
35:26Er wollte die neuesten medizinischen Erkenntnisse nutzen, um den Menschen zu helfen und Leid zu lindern.
35:32Dabei hat er nicht über die Konsequenzen nachgedacht.
35:35Aber genau das müssen Wissenschaftler tun.
35:40Natürlich interessiert uns, was die Menschen denken.
35:42Wir sind Wissenschaftler.
35:44Aber Wissenschaftlern Handschellen anzulegen, ist das Schlimmste, was man tun kann.
35:49Mary Shelley war unsicher, wie ihr Buch bei den Lesern ankommen würde und veröffentlichte es daher im Jahre 1818 zunächst
35:56anonym.
36:00Mary Shelley published Frankenstein.