00:00Dieses Bistro zieht anders als die meisten.
00:06Und das liegt gar nicht an seiner Lage, mitten im Berliner Regierungsviertel,
00:11sondern an dem Team um Benjamin Ani Alona.
00:15Hier arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung.
00:20Wir leben das einfach. Es ist nicht so, dass wir uns verstecken oder so.
00:24Für Küchenchef Alex war das anfangs nicht selbstverständlich.
00:28Früher hatte ich mehr Berührungsängste.
00:30Kann das Inklusionskonzept in einer Branche funktionieren, in der jede Minute zählt?
00:39Die Küche ist das Herz im Bistro Marie, hier im Zentrum von Berlin,
00:44direkt gegenüber dem Reichstagsgebäude.
00:49Hier wird frisch regional und saisonal gekocht.
00:53Der Anspruch ist hoch und Andreas ist mittendrin.
00:58Früher hat er in Großküchen gearbeitet.
01:02Gute Erinnerungen verbindet er damit nicht.
01:16In Marie erlebt Andreas etwas Neues.
01:20Er wird gefragt, welche Aufgaben er sich selbst zutraut.
01:37Andreas kann nicht lesen, schreiben. Dafür schafft er immer Ruhe zu bewahren.
01:43Andreas, seine Stärken sind, dass er alles akkurat macht und in seinem Tempo macht.
01:47Er lässt sich auch nicht stressen. Er macht es in seinem Tempo, wie er es schafft.
01:50Und wenn er es nicht schafft, sagt er mir das zum Beispiel.
01:53Das Team besteht aus 16 Mitarbeitenden. Gut die Hälfte von ihnen hat eine Behinderung.
01:59Wer hier welche Aufgabe übernimmt, entscheidet nicht die Diagnose, sondern das, was jemand gut kann.
02:07Alona fand lange keinen Job.
02:09Im Bistro wurde sie zur Barista ausgebildet.
02:11Ihre Stärken? Herzlichkeit.
02:14Für Ani ist es der erste Job. Was ist ihre Stärke?
02:20Klingt simpel, funktioniert aber. Viele Gäste kommen inzwischen regelmäßig wieder.
02:27Ich glaube, man geht einfach offen rein.
02:29Und wenn es da besser geht, passiert aber auch in anderen Restaurants.
02:35Das Tempo steigt in Bistromarie besonders zur Mittagszeit.
02:38Aber das Team versucht, Überforderung früh zu erkennen und Aufgaben neu zu verteilen.
02:44Das verlangt Aufmerksamkeit und Geduld.
02:47Auch Chefkopf Alex musste das lernen.
02:51Also früher hatte ich mehr Berührungsängste mit beeinträchtigten Leuten.
02:54Sagen wir mal jetzt als Beispiel jemandem fehlten Arm.
02:57Wie kann ich denen die Hand schütteln? Da hatte ich schon die Angst.
02:59Wie mache ich das am besten?
03:00Jetzt habe ich gar keine Angst mehr davor. Die Menschen sind noch freundlicher.
03:04Eine große Hilfe für die Mitarbeitenden.
03:07Bilder zeigen, wie die Gerichte aussehen.
03:10Dazu gibt es wichtige Hinweise für Küche und Service.
03:13Doch gute Abläufe allein reichen nicht.
03:16Was passiert an einem schlechten Tag?
03:20Du bist ein gutes Beispiel, weil manchmal hast du einen guten Tag oder einen schlechten Tag.
03:23Und dann müssen wir das ja ungefähr so gucken.
03:26Hey, Benjamin ist heute nicht so gut drauf.
03:28Was machen wir mit dem?
03:29Wie kann man den da rausholen aus seinem Loch?
03:31Benjamin war bei der Berliner Landespolizei und später bei der Stadtreinigung.
03:35Dann veränderte ein schwerer Motorradunfall sein Leben.
03:40Seit einem Schädel-Hirntrauma hat er Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis.
03:44Nach mehreren Rehas wurde er Frührentner und kam in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung.
03:50Dort fühlte er sich vom Rest der Gesellschaft abgeschnitten.
03:53Er wollte raus.
03:55Ich bin wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt.
03:56Das ist, was ich erreichen wollte.
03:58Das ist schön.
03:59Und wie halt viele sagen, wir leben halt Inklusion.
04:02Wir leben uns halt echt vor.
04:03Und das finde ich halt schön.
04:04Damit komme ich gut zurecht.
04:05Wenn Sprung aus einer Werkstatt für behinderte Menschen auf den regulären Arbeitsmarkt, schafft
04:11in Deutschland weniger als ein Prozent der Beschäftigten.
04:15Benjamin hat sich diesen Platz im Bistro Marie hart erkämpft.
04:19Darauf ist der zweifache Vater stolz.
04:23Wenn Benjamin etwas vergisst, notiert er es oder fragt noch einmal nach.
04:30Na ja, klar habe ich dafür oder dagegen halt Strategien entwickelt.
04:33Dass ich mir halt vor, habe ich mir die Sachen halt notiert oder im Handy halt als Erinnerung
04:39wiedergegeben lassen.
04:40Das ist ja schon acht Jahre her.
04:41Das ist schon wesentlich besser geworden.
04:43Ja.
04:44Ich lebe.
04:46Sogar den ehemaligen Bundeskanzler Olaf Scholz hat Benjamin hier schon bedient.
04:51Beeindruckt hat ihn das nicht.
04:53Ob Bundeskanzler, Tourist oder Stammgast, für Benjamin macht das keinen Unterschied.
04:59Alle trinken Kaffee in dem Sinne oder hat sich halt auch über den Ex-Bundeskanzler Vollschub
05:03mit denen, ja, ich kriege auch noch Kaffee, ja.
05:06Heute kommt Heike Heubach vorbei.
05:09Die SPD-Politikerin arbeitet gleich nebenan.
05:11Sie ist die erste gehörlose Abgeordnete in der Geschichte des Bundestages.
05:16Das Besondere ist, dass es ein Inklusionsbetrieb ist, dass Menschen mit Behinderung hier arbeiten
05:21und dass es selbstverständlich ist, dass sie hier in diesem Betrieb in unterschiedlichen
05:25Funktionen arbeiten.
05:26So sollte es überall, im Leben, in der Gesellschaft sein, Menschen mit Behinderung überall.
05:33Achso, ja, kann man auch.
05:34Ja, macht das.
05:35Davon ist Deutschland noch weit entfernt.
05:382025 lag die Arbeitslosenquote schwerbehinderte Menschen bei 12 Prozent, ungefähr doppelt so
05:44hoch wie insgesamt.
05:46Vorurteile und fehlende Unterstützung stehen vielen Menschen mit Behinderung bei der Jobsuche
05:51noch immer im Weg.
05:52Dabei lebt knapp jeder zehnte Mensch in Deutschland mit einer anerkannten Schwerbehinderung.
05:58Von der gesamten Gruppe von Menschen mit Behinderung sind es nur drei Prozent, die wirklich seit
06:03ihrer Geburt behindert sind.
06:05Die meisten Menschen, 97 Prozent, erwerben die Behinderung im Laufe ihres Lebens durch
06:10einen Unfall, Krankheit, im Alter.
06:13Und da müssen die Menschen auch mal drüber nachdenken.
06:16Es kann auch mich morgen treffen, es kann meine Partnerin morgen treffen, es kann meine Eltern
06:20oder Kinder morgen treffen.
06:21Wir alle sollten dafür kämpfen, dass wir inklusiv leben.
06:27Benjamin kennt die Hürden des Arbeitsmarktes aus eigener Erfahrung.
06:32Inklusionsbetriebe wie das Bistro Marie gibt es in Deutschland nur rund tausend.
06:37Für das Team zählt deshalb vor allem, hier werden ihre Fähigkeiten gesehen, nicht ihre Diagnose.
06:44Ihr Wunsch, mehr Arbeitgeber, die genauso ticken.
06:52Und wenn Inklusion sogar der Mittagsstress übersteht, könnte dieses Bistro nicht auch
06:57zum Vorbild für andere Arbeitgeber werden?